Mittwoch, 27. Mai 2009

Maison Martin Margiela-Ausstellung in München

Das Team aus Styropor

Am Wochenende hatte ich ja, wie letztes Mal erwähnt, sogar noch Zeit, die Austellung über Martin Margiela im Münchner Haus der Kunst zu besuchen. Das war nun keine Ausstellung, in der man zwischen Seidenkleidern in prächtigen Farben, Perlenstickereien und anderen Köstlichkeiten steht, sondern eher ein intellektuelles Vergnügen in weiß, schwarz und grau, aber dank der ezellenten Begleittexte wirklich ein Vergnügen. Ich mag es ja, wenn ich in Ausstellungen etwas lerne und beklage mich immer, wenn mir nichts erklärt wird und ich mir alles selbst zusammenreimen bzw. den teuren Katalog kaufen und gleich in der Ausstellung lesen müsste.

Jedenfalls habe ich nun eine Ahnung bekommen, wieso Martin Margiela als einer der einflussreichsten Modedesigner gilt – wobei sich sein Einfluss nicht darauf bezieht, dass jeder Hans und Franz die Marke kennt und sie gefälscht und bei Ebay angeboten wird, sondern auf seine Wirkung auf andere Designer und sein Vermögen, die Mechanismen des Modegeschäfts zu durchschauen und auf seine Art zu nutzen. Die Firma Maison Martin Margiela gibt es seit 1988, und in einer Zeit, als gerade der Marken- und Logowahn anfing und gleichzeitig die Entwertung von Marken, da man ja in jeder beliebigen asiatischen Hinterhofwerkstatt ganz leicht Logos auf was auch immer drucken kann, ließ Margiela in seine Hauptlinie nur weiße Etiketten ohne Aufschrift einnähen, per Hand, so dass man die weißen Stiche auf der Außenseite des Kleidungsstücks sehen kann. Das ist natürlich auf seine Art auch wieder eine Marke, weil wiedererkennbar, nur nicht so offensichtlich wie ein fettes „D&G“ auf dem T-Shirt (und ich frage mich, ob Margiela auch gefälscht wird. Leider sagte die Austellung dazu nichts).

Experimente mit den menschlichen Proportionen, mit verschiedenen Schulterformen, mit den Aspekten des Alterns von Materialien, mit dem schneidertechnischen Unterbau von Kleidungsstücken – das ist schon alles ziemlich verkopft. Besonders interessant und gerade heute auch besonders aktuell fand ich die Experimente mit Secondhandkleidern oder ungewöhnlichen Materialien. Margiela war der erste, der schon in den achtziger Jahren aus gebrauchten Kleidern neue Kleidungsstücke herstellte, der aber auch Kleidung bewusst mit künstlichen Alterungsspuren versah mit Löchern oder die Nähte nach außen drehte, heute als „used look“ nicht nur bei Jeans auch in ganz gewöhnlichen Läden zu finden. Ein bißchen in Materialien und kunstvoller Verarbeitung schwelgen konnte man bei den Ausstellungsstücken der „Collection Artisanale“, in Handarbeit hergestellten Einzelstücken aus Secondhandmaterial, zum Beispiel einem yetiähnlichen Pelzmantel aus blonden Haarteilen, oder einem Westenoberteil aus weißen Abendhandschuhen, einem Pullover aus Militärsocken und einem weißen Seidenoberteil mit einem Kussmund-Bild aus Knöpfen.

Sehr gefallen hat mir auch ein Film, in dem man zwei langjährige Margiela-Kunden, einen weiblich, einen männlich sehen konnte, die in immer neuen Kombinationen ihrer Kleider vor die Kamera treten. Margiela ist also nicht nur verkopft, sondern auch im Alltag tragbar. Ich jedenfalls werde nun einen dunkelroten Wollblazer, den ich kurz vor dem Abitur gekauft und jahrelang getragen habe nicht wegwerfen, sondern etwas anderes daraus machen, schließlich gefällt mir der Stoff immer noch und da hängen auch Erinnerungen dran.

Ach ja: Die Ausstellung läuft im Haus der Kunst in München noch bis zum 1. Juni (dass ich so rechtzeitig zu einer Veranstaltung hinkomme und dann auch noch darüber schreibe, so dass ich jemanden mit meiner Begeisterung anstecken kann, wird in diesem Leben wohl nicht mehr passieren). Die offizielle Webseite ist leider eine Qual fürs Auge, aber auf dieser Seite gibt es die Ausstellungsankündigung noch einmal in voller Länge und in lesbarer Form.
Bilder aus der Ausstellung (durfte man da doch fotografieren?) finden sich hier, hier, hier und hier. Die Süddeutsche Zeitung hat einen der wenigen Artikel veröffentlicht, der nicht nur den Text der Ausstellungsbroschüre zusammenfasst. Und in der Zeit gibt es sogar ein Schnittschema für ein Wickelkleid von Margiela (Bild 10).

4 Kommentare:

  1. das hört sich seeehr vielversprechend an....!!
    aber ich werde es sicher nicht bis 1.6 nach minga schaffen....
    mitgeher hätt ich eh keinen...aber das wär mir fast egal :..
    schöne grüße
    stella

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  2. Naja, schon meine Mutter hatte in den 60igern ein großes Geschick darin entwickelt, aus abgelegten Kleidungsstücken meiner Tante Sachen für mich zu nähen. An einen Trägerrock kann ich mich sehr gut erinnern.
    Gründe dafür gab es in früheren Generationen mehrere, allerdings weniger der, etwas "Neues" für den Markt zu schaffen, sondern aus Geldgründen und aus dem Gefühl nichts Brauchbares wegwerfen zu wollen.
    Was natürlich im Haushalt nicht angesagt war, war Gebrauchtes so phantasievoll, wie du es beschreibst, zu verwenden. Nichts desto trotz lebte meine Mutter ihre Kreativität ein Stück so aus.

    Ich erinnere mich an meine Empörung als die ersten Jeans mit kommerziellen Löchern auftauchten. Was war ich stolz auf meine ausgefransten und echt gebrauchten Jeans. Erstens war das "cool", zweitens fand ich es richtig, meine Kleidung aufzutragen, vorausgesetzt sie gefiel mir noch, was eigentlich immer der Fall war.
    Und nun kamen sinnlos teure, künstlich zerlöchtere Klamotten und viele könnten sich kaum überhaupt welche leisten. Dekadent, so empfand ich es.

    Schon interessant, von welcher Warte aus man jeweils etwas betrachten kann.
    Herzlichen Gruß
    Tally

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  3. Ja, nicht? Jahrhundertelang war es erstrebenswert, möglichst neue, heile Kleidung zu besitzen, und dann kommt auf einmal jemand auf den Dreh, künstlich Gealtertes anzubieten. Dass Avantgardisten das tragen ist noch nicht mal so erstaunlich - erstaunlich ist eher, dass es dieser Trend tatsächlich bis in unseren Alltag geschafft hat. Oder Sachen mit aufgesetzten Flicken, oder schon Getragenes. Früher ein Grund sich zu schämen, heute besonders authentisch, auch wenn es gar nicht die eigenen Spuren sind. In meiner Schulzeit haben übrigens viele in ihre neu gekauften (teuren!) Jeans sofort Löcher reingeschnitten. Das fand ich auch dekadent.

    viele Grüße, Lucy

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  4. Von all dem wußte ich gar nichts, ich hatte vielleicht gerade mal den Namen gehört. Da kann ich ja nur hoffen, daß Du noch auf viele Ausstellungen gehst und berichtest (auch gern zu spät), mich interessiert das sehr. Nur blöd, daß man, wenn man es korrekt machen will, keine Fotos zeigen darf. (Einmal hatte ich mir schon die Mühe gemacht, mir bei der Presseabteilung des Museums das o.k. zu holen. Aber wer will den Stress).
    Das Kleid aus der Zeit ist ja super für Leute, die (wie ich) eine Stoff-Anschneid-Phobie haben, da wird man behutsam therapiert.

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