Mittwoch, 13. Januar 2010

Piroschkas Kragen und Innenleben


Eure Kommentare zur Piroschka-Jacke fand ich ganz überwältigend, vielen Dank dafür! Wie angefordert hier nochmal ein deutliches Foto vom Kragen. Ober- und Unterkragen sind gleich geschnitten, sie werden an der Außenkante verstürzt und an der Ansatzkante gemeinsam eingekräuselt und an den Halsausschnitt genäht. Der schwarze Stoff ist so ein typischer Cordhosen-Feincord mit viel Stand, das ergibt einen schönen bauschigen Kragen.

Oberstoff und Unterlage

Der gemusterte Cord ist demgegenüber viel weicher, dünner und fließender, also ein Blusencord. Damit er neben dem schweren schwarzen bestehen kann, habe ich ihn komplett mit Batist unterlegt.
Das bedeutet, jedes Schnitteil wird einmal aus Oberstoff und einmal aus Batist zugeschnitten, beides glatt aufeinander gelegt und mit schrägen Heftstichen über die ganze Fläche verbunden. Beim Zusammennähen werden Oberstoff und Unterlage dann wie eine Schicht behandelt, also genau wie üblich genäht und die Nähte auseinandergebügelt.
Das Unterlegen gibt dem Stoff mehr Substanz und durch die zusätzliche Luftschicht wärmt er auch mehr. Die Heftarbeit (per Hand) ist leider erheblich, da hilft nur ein Hörspiel oder ein gutes Fernsehprogramm.

Beides mit schrägen Heftstichen verbunden

In meiner Nähbuchbibliothek finden sich Informationen zum Unterlegen oder Hinterfüttern vor allem in den englischen Titeln - die Technik des "underlining" scheint im englischsprachigen Raum weitaus verbreiteter zu sein als bei uns. Besonders ausführlich und des Lobes voll ist Ann Ladbury, DuMonts Handbuch Nähen, in der Ausgabe von 1987 auf Seite 138:

"Unterlegen, manchmal auch Hinterfüttern genannt, verleiht Festigkeit, mindert Kriechen, Knittern und Verziehen, bei Synthetikfasern auch die statische Aufladung und erleichtert das Bügeln, da der Stoff beim Waschen weniger knittert. Bei doppeltem Stoff lassen sich alle Arbeitsgänge leichter ausführen, und das Ausfransen wird eingeschränkt. Beim Maschinennähen durch vier Stofflagen zieht sich die Naht weniger leicht. Auch Bügeln ist einfacher, da sich die Schnittkanten nicht mehr auf der rechten Seite des Kleidungsstücks durchdrücken können. Durch Unterlegen wird das Kleidungsstück jedoch teurer und trägt mehr auf; und man erspart sich nicht das Versäubern der Schnittkanten."

Dem habe ich nur noch hinzuzufügen, dass sich natürlich auch das Gewicht des Kleidungsstücks erhöht - wenn einen der Wintermantel schier zu Boden drückt, war die Unterlage wohl zu viel des Guten. Bei meinem Wintermantel vom vorletzten Jahr habe ich das Unterlegen nicht bereut - wie ich damals schon sagte, ein Zwischenfutter ist eine feine Sache.

9 Kommentare:

  1. du nähst ja peeeeerfekt und dein mantel ist auch mega....auf den bist du sicher zu recht ganz stolz....also ein riesenkompliment von mir!!
    liebe grüsse lee-ann

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  2. Bei geschneiderten Kleidungsstücken von früher habe ich dieses Unterlegen auch gesehen. Wo findest du den Batist? "Batistkleid", das hört sich schön für mich an, aber feine durchsichtige Baumwolle (z.B. auch Schleiernessel) sehe ich irgendwie nie.

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  3. Also Batist gehört zum Standardangebot der Karstadt-Stoffabteilungen, allerdings hat er dort eine Polyesterbeimischung. Schleiernessel (und sehr schöne Baumwoll-und Leinenstoffe) gibt es bei Naturstoffe Lindemann (http://naturstoffe-lindemann.de), die Dienstag und Freitag auf dem Maybachmarkt und Samstag auf dem Winterfeldtmarkt stehen. Deren Stoffe sind unbehandelt, naturfarben, laufen ein und müssen selbst gebleicht werden. Bestimmt auch ganz toll für Färbe- und Druckexperimente.
    viele Grüße!
    Lucy

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  4. Wunderschön- ich habe dein Werk schon kommentarlos bewundert.
    Ich hatte das Glück in meiner Kindheit nur geschneiderte Anziehsachen zu bekommen - das war, wenn man eine Schneiderin, die für einen nähte schon eine Besonderheit. Meine Mutter fuhr damals immer nach Frankfurt in eine großes, alt eingesessenes Stoffgeschäft und erinnere mich gut daran, wie ich zwischen den Ballen hindurchlief und tief von den Farben, Strukturen der Stoffballen etc. beeindruckt war. Ich habe diese Einkäufe geliebt.
    In der Pubertät habe ich dann doch eher die Jeans und andere Sachen bevorzugt...:o))
    LG
    Birgit

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  5. Liebe Lucy,
    die schrägen Heftstiche heißen "pikieren" also man pikiert auf = den Oberstoff mit der Einlage verbinden. Früher hat man bei der Englischen Schneiderei (= Mäntel oder Kostüme und Herrenschneiderei) immer Einlage aus Roßhaar aufpikiert damit konnte man auch eine Richtung vorgeben ( Z.B. den Kragen schön rollend) das heißt dann dressieren. Diese Stiche wurden von der Einlageseite gemacht und blieben am Werkstück (daher nicht nach außen durchstechen nur anstechen). Heute ist das weitesgehend durch kleben ersetzt. Hoffentlich war das nicht zu theoretisch...es gäbe noch viel zu sagen aber ich will nicht Langweilen.
    Die Jacke ist wirklich sehr schön geworden ich gratuliere Dir.
    Liebe Grüße
    Teresa

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  6. Teresa, das langweilt doch nicht, schließlich geht es hier ums Nähen! Ich muss aber anmerken, dass das Unterlegen wirklich nochmal eine andere Technik ist als das Pikieren. Die Jacke hat, soweit nötig, auch noch Klebeinlage bekommen, aber nur wenig (Schulterbereich, wo sich der Stoff ausdehnen könnte), grundsätzlich sollte sie weich bleiben. Der Batist ist z. B. auch in den Ärmeln auf ganzer Länge, wo man keine formende Einlage verwenden würde. Eventuell ist Unterlegen wirklich mehr im angelsächsischen Raum üblich? Die Damen in den amerikanischen Nähblogs wenden "underlining" auch recht häufig an, während es im deutschsprachigen Raum kaum in Nähbüchern vorkommt. Möglicherweise sind das einfach andere Schneidertraditionen, oder wir finden nicht das richtige gemeinsame Wort, weil es in Österreich anders heißt?
    Das Thema "pikieren" finde ich übrigens hochspannend - ich hab mir schon Videos und Anleitungen noch und noch angesehen. Ich würde gerne mal ein geklebtes und ein pikiertes Kleidungsstück nebeneinander halten und vergleichen können - das wäre interessant, wie das eine und das andere den Stoff formt, wie das Gewicht im Vergleich ist usw.

    viele Grüße!
    Lucy

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  7. Ich habe jetzt in meinem Quiltwörterbuch underlining nachgeschlagen und dort wird das mit Innenfutter übersetzt - was es ja ausdrücklich nicht ist. Ich kenne das aufarbeiten auf dünne Baumwolle aus der Trachtenschneiderei. Wenn man ein Dirndl richtig als Tracht näht also kein trachtenartiges Kleid, schneidet man alle Teile des Leibes 2x 1x in dem Oberstoff und 1x in kariertem Innenstoff und pikiert die Teile aufeinander und verarbeitet sie im Folgenden wie einen Stoff. Daher ist es auch kein Innenfutter sonder es entspricht wahrscheinlich dem underlining. Das macht man auch gern bei dünnen Seiden usw. wenn mehr Stabilität gefragt ist, z.B. bei Ball oder Brautkleidern mit miederartigen Oberteilen.( Seide mit Seide oder Futterstoff) Die Technik heißt pikieren ob man zwei Stoff aufeinander "heftet"und die Stiche später entfernt werden oder ob man Einlage dauerhaft pikiert. Wichtig ist das sich nichts verzieht. Neu ist für mich und das dürfte das amerikanische daran sein ein ganzes Werkstück incl. Ärmel zu unterlegen.

    Auf alle Fälle ist der Unterschied zwischen pikierter Einlage und geklebter Einlage im Mantel der Unterschied zwischen Konfektionware und hochwertiger Maßarbeit. Leider ist auch die teure Konfektionsware geklebt.

    So genug gefachsimpelt
    LG
    Teresa

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  8. Aha, dann gibt es das im deutschsprachigen Raum also doch! Mir ist noch eingefallen, dass ich diese Art der Verstärkung auch schon einmal im Museum in Kleidern aus den 50er Jahren gesehen habe - dort wurde das Kleidoberteil so gearbeitet, wie du das für die Dirndl beschreibst. Das waren aber natürlich auch geschneiderte Kleider, ich glaube von Uli Richter, keine Konfektion.

    viele Grüße! Lucy

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  9. Dank für die Stoffhinweise. Auf Lindemann-Stoffen drucke ich auch, aber der Schleiernessel war mir bisher entgangen. Und das Waschen der Naturstoffe muss man wirklich beim Kauf mitbedenken. Ich hatte mir viele Meter des "Vorhangstoffs" (der mit den eingewebten Streifen) gekauft und wollte eine Gardinde daraus machen. Aus der ersten Wäsche kam er so lappenartig heraus, dass ich ihn nun für andere Dinge verwende - was aber o.k. ist.

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Vielen Dank für deinen Kommentar!