Montag, 30. Mai 2011

Nähen mit alten Schätzchen: Veritas 8014/41


Seit einigen Wochen steht eine neue alte Nähmaschine in meinem Fuhrpark: Eine Veritas 1814/41, Baujahr 1978, wenn ich die Gußmarken an den Plastikteilen richtig deute. Aus dem VEB Nähmaschinenkombinat Wittenberge, einst als Singer-Werk eine der größten Nähmaschinenfabriken der Welt, mit eigenem Hafen, Bahnanschluss, Werkssiedlung und in der Inflationszeit sogar mit einer eigenen Währung. Ich bin ganz begeistert von der klar aufgebauten Maschine, besonders von dem Aufbewahrungskoffer, in dem sogar noch eine Box für Spulen, Füße und Zubehör integriert ist.


Und wie näht sie nun? Hierzu muss ich vorübergehend in den Autotester-Jargon verfallen:

Der knurrige Motor der Veritas 1814/41 reagiert sofort auf die Ansprache des Gaspedals, zieht gut durch und offenbart seine relativ geringe Leistung (60 Watt) erst bei höheren Nähgeschwindigkeiten. Das bewährte Umlaufgreifersystem läuft ruhig und weitgehend erschütterungsfrei und steht einer modernen Maschine in nichts nach. Die Oldtimerqualitäten der Veritas 1814/41 zeigen sich vor allem in der ruppigen Steuerung der Stichauswahl (ein Gradstich, drei Zickzackstiche mit fester Breite, sechs Zierstiche), die mit einem Umschalthebel auf der Oberseite des Gehäuses angewählt werden können. Der Fadenspannungsregler reagiert zum Teil überempfindlich – aber das zeichnet eben sportliches Nähen ohne elektronischen Fadenwächter und automatischem Nähfußdruck aus. Mit dem mitgelieferten Gradstichfuß bewältigt die Veritas 1814/41 aber auch dünne Materialien problemlos. Sehr spartanisch ist die Abdeckung des Unterfadenzugangs vor dem Transporteur geraten: sie besteht nur aus einer lose aufliegenden Metallplatte, die im Gelände, etwa beim Quilten, leicht vom Nähgut mitgerissen werden kann. Die Elektrik scheint ein weiterer Schwachpunkt der Veritas 1814/41 zu sein. Bei dem getesteten Modell traten in voller Fahrt unerklärliche Motoraussetzer auf, die sich nach einer Wartezeit von zwei bis drei Tagen auf ebenso unerklärliche Weise behoben.

Fazit: Eine interessante Maschine für sportliche Näherinnen, die auf den heute üblichen Komfort verzichten können oder wollen. Hier ist Nähen fast noch so, wie zu den Anfangszeiten der Motorisierung!


Ja, die Elektrik. Erst lief die Maschine gar nicht – dann auf einmal doch. Dann blieb sie mitten im Nähen stehen und bekam offenbar keinen Strom mehr – Ruckeln an Stecker und Kabel brachte nichts – zwei Tage später wieder probiert: sie näht – und bleibt nach einiger Zeit wieder stehen. Der Wellenstich auf dem Kissenbezug letztens brauchte so fünf Anläufe, und in der Fehlersuche bin ich noch nicht viel weiter gekommen. Im Zuge meiner Ursachenforschung hatte ich das Fußpedal schon aufgeschraubt und ergebnislos hineingestarrt, ein anderes Fußpedal bekommen, das leider einen nicht kompatiblen Stecker hat, diverse Forenbeiträge über den Anlasser gewälzt – und nun näht sie gerade wieder, einfach so.


Falls der Fehler wieder auftritt, konsultiere ich einen der Berliner Veritas-Reparateure, die ich in Berlin ausfindig gemacht habe, Ossis Nähmaschinenladen oder Nähmaschinentechnik Kieselbach. Auf der Seite des Veritasklubs gibt es auch jede Menge Informationen, Bilder und Berichte und Reparaturadressen in anderen Städten (leider eine sehr unübersichtliche Seitenstruktur, die Navigation erfolgt jeweils über einen winzigen "weiter"-Button ganz ganz unten auf der Seite). Hilfreich fand ich auch die zahlreichen Veritas-Threads im Nähmaschinenbereich des Hobbyschneiderinnen-Forums, dort habe ich herausgefunden, dass man das Fußpedal der Veritas durch ein Standardpedal ersetzen könnte, wenn man passende Stecker montiert.Es gibt also jede Menge Hoffnung, dass sich das Problem beheben lässt, wenn es sich noch einmal zeigt.


Abgesehen von diesem Problem mit der Stromzufuhr, das ich als Einzelfallpech bewerte, ist die Veritas eine schöne Maschine, die alles kann, was eine Nähmaschine können muss. Wenn mich Näheinsteiger fragen, mit welcher Nähmaschine sie anfangen sollen, empfehle ich immer so eine alte – fragt eure Mutter, Omas und Tanten, ob sie noch eine ungenutzte Maschine im Schrank haben, gebt eine Suchanzeige am schwarzen Brett im Supermarkt auf, schaut bei Haushaltsauflösungen oder bei Ebay. Ich habe bei Nähtreffen schon viele mit Maschinen von Aldi und Konsorten verzweifeln sehen – mit den alten, entstaubten und frisch geölten näht‘s sich besser.

30 Kommentare:

  1. Oh die Autotestersprache mag ich!!

    glg (kichernd)
    claudia

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  2. Hallo Lucy,

    auch ich habe noch so ein altes Schätzchen, das ich inzwischen aber als Zweitmaschine in der Ferienwohnung habe. Eine "Meister"-Maschine. Wenn ich das richtig einschätze, eine der ersten elektrisch betriebenen Maschinen. Und auch das mit dem Strom war bei dem Schätzchen so. Mal hatte sie Aussetzer, dann nähte sie wieder. Bis ich eines Tages eine Volldröhnung 220 Volt vom Gehäuse gedonnert bekam. Das als kleiner Tipp. Lass lieber danach sehen vom Fachmann...

    Viele liebe Grüße
    Zandi

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    1. (Dies ist eine automatische Google-Übersetzung)
      Hallo,
      Ich bin für die interne Transmissionsriemen für diese Nähmaschine (Veritas 8014).
      Meine Mutter ist in Kuba, und sie benutzt es jeden Tag für viele Jahre für Wohn-, aber vor kurzem dieses Band kaputt und wir einen Ersatz finden können und sie nicht kaufen kann eine andere Maschine.
      Mein Name ist Jose und ich würde mich sehr freuen, wenn mir jemand helfen, diesen Teil zu finden.
      Dank.


      meine E-Mail ist: pmanguare@yahoo.com

      Hi,
      I am looking for the internal transmission belt for this sewing machine (Veritas 8014).
      My mom is in Cuba and she used it everyday for many years working for living, but recently this belt broken and we can not find a replacement and she can not buy another machine.
      My name is Jose and I would appreciate very much if someone help me to find this part.
      thanks.

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    2. Hallo,
      habe deine Nachricht gelesen, vieleicht kann ich helfen,
      welches Teil fehlt an der Nähmaschine?

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  3. Autotester-Jargon und die Bezeichnung desselben lassen mich deinen Bericht mit einem Schmunzeln auf den Lippen, aber durchaus interessiert lesen. Liebe Grüße!

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  4. Danke für deinen interessanten und amüsanten Testbericht.
    Ich bin auch glückliche Besitzerin von zwei alten Pfaff-Industriemaschinen. Ich vermute, dass sie aus den 60er Jahren stammen. Beides riesige Ungetüme, mit "Außenmotor" und Keilriemen, aber eben grundsolide und (hoffentlich) nicht kaputt zu kriegen.
    Viele Grüße
    Julia

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  5. Ich habe genau das gleiche Schätzchen zu Hause :)
    Schottische Grüße
    Shippy

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  6. Ich Nähe auch mit einer Madamme Veritas,
    sehr gut,
    wenn mir auch manchmal Zierstiche fehlen,
    aber weggeben würd ich sie nicht :)

    Lg Szeffi

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  7. Persoenlichkeit hat sie die Veritas! Schoener Testfahrbericht. Da krieg ich auch richtig Lust auf eine alte Maschine. Ich hab naemlich so ein schickes Computerding, eine Husquarna Viking, mit der ich erst einmal geradeaus genaeht habe und auch nur ein paar Meter. Und es hat mir leider keinen Spass gemacht, deshalb gehe ich jetzt immer zu Fuss und naehe von Hand. Da verpasse ich wenigstens nix. Allerdings so ein Vintage Modell ohne viel Schnoerkel koennte mir auch gefallen. Ich wuenschte ich haette den Tip "eine alte Maschine kaufen" gelesen, bevor ich mir meine hochkomplizierte Nummer ins Haus geholt habe...

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  8. Ja, diese alte Maschinen sind interessant.
    Ich habe auch eine Neumann /kleine Schwester von Veritas/, solche Aussen und Können, als Ersatz. Es ist veniger für Frei-Quilten und ist laut, aber gut und zuverlassig.
    LG: Maria

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  9. Ich bin mit meiner neuen Computer-Nähmaschine auch sehr gut zufrieden, besonders beim Nähen von Knopflöchern. Meine alte Maschine würde ich trotzdem nie hergeben, weshalb ich gut verstehen kann, dass du dir ein altes Schätzchen zugelegt hast. Bei meiner alten Nähmaschine waren einmal die Kohlen abgenutzt, weshalb sie nicht mehr lief. Vielleicht könnte das auch bei deiner Maschine der Grund für die Aussetzer sein?
    Schönen Tag und liebe Grüße
    Rita

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  10. Ich liebe den Autotester-jargon!

    Und finde es phantastisch, dass du die passende Tischdecke für dein neues Schätzchen aufgelegt hast!!

    LG
    Wiebke

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  11. Die MAschine ist ja unglaublich schön, da verzeiht man den Stromfehler :-)

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  12. Hallo Lucy, super geschriebener Blogeintrag.
    Kann Dir nur beipflichten ... verglichen mit vielen günstigen Nähmaschienen sind die alten Schätzchen doch oft wesentlich zuverlässiger.
    Ich habe noch eine 40 Jahre alte Dürkopp Nähmaschine (mit Stromanschluss) daheim aber die könnte ich bei Stromausfall auch mit reiner Fußkraft bedienen :-)
    Lieber Gruß, Muriel

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  13. Auf so einer (aber etwas jüngeren Baudatums) habe ich meine ersten Versuche gemacht. Sie gehört meiner Mutter und ich hatte damals versucht, sie ihr abzuschwatzen - keine Chance.
    Ich finde, Du hast Recht. So eine Maschine ohne großartige Schnörkel ist das Beste für jeden Anfänger.

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  14. Was für ein Schätzchen. Habe auch eine. (auch schön über sie gebloggt) Meine einzige Nahmaschine seit über zwanzig Jahren, seit ich sie in frühen Teenagertagen geschenkt bekam. Den Ossis Nahmaschinenladen in Friedrichshain kann ich nur empfehlen. Dort ist ein echter Kenner mit viel Erfahrung. Viel Freude damit. Liebe grüße doreen / wortmeer

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  15. von Nilya: Beim Lesen deines Berichtes werde ich ganz traurig, dass ich vor 15 Jahren, als es mich für einige Zeit aus Berlin wegzog eine alte Singer-Maschine "entsorgt" habe - wie dämlich man sein kann.
    Toll geschrieben!

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  16. Herrlich geschrieben :)
    Und wie Recht du hast- diese Oldtimer sind so dankbar, wenn sie nur ein bisschen Aufmerksamkeit und Öl bekommen.

    Ich habe in den Kursen manchmal Näherinnen mit solchen etwas angestaubten Maschinen, mit ein wenig Puste zwischen die Spannungsscheiben, einen vernünftigen Grundeinstellung und etwas Öl laufen die alle besser als dir grausigen Discountermaschinen. Gut, du hast da wahrscheinlich ein ernsteres Problem, aber Ossi hilft da bestimmt gern weiter :)

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  17. das kann ich auch so unterschreiben und vor allem in den Nähkursen klappt es mit den alten meist viel besser... da habe ich auch immer Lust mir so ein Schätzchen zuzulegen...
    Lieben Gruß
    --Christiane

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  18. Dein Artikel lese ich mit einem Schmunzeln - Auto/Motor/Sport für Näherinnen ;-) Hört sich an, als könnte man mit dieser Maschine wunder bar feine Unterwäsche nähen......

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  19. @Zandi: Das hört sich sehr übel an - ich werde vorsichtig sein und den Experten fragen, nach der Empfehlung von Wortmeer den Laden in Friedrichshain. Glücklicherweise gibt es noch jede Menge Ersatzteile für die Maschine.
    Ich glaube ein großer Unterschied zu den Discountermaschinen ist einfach, dass die älteren wirklich ein Leben lang halten sollten - so eine Veritas hat um die 800 Mark gekostet, das hatte man nicht eben mal so, ganz abgesehen davon, dass es sie natürlich auch nicht ständig und überall gab. Als Zweitmaschine ist sie wirklich wunderbar, den Wellenstich hat meine andere z. B. nicht, und das Quilten meistert sie mit Bravour.

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  20. Mal wieder ein Bericht, der gutes Geld wert wäre. Demnächst können wir dann ja ein Oldtimer-Treffen in Berlin abhalten und vielleicht Ossi gleich zur Generalinspektion einladen.
    Kennt der Autofan in deinem Hause sich möglicherweise auch mit Elektrik aus? Ich kann nur bestätigen, dass solche unerklärlichen Aussetzer bedeuten können, dass ein Kabel hin und wieder Kontakt mit dem Gehäuse hat (bei mir war eine alte Lampe, unser FI-Schalter hat es ans Licht -haha- gebracht.)

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  21. Hallo :)

    auf der Suche nach einer hilfreichen Seite, wie ich mein Schätzchen wieder zum Laufen bringen kann, bin ich auf diese Seite gestoßen.

    Sehr gut geschrieben und erklärt, hat mir sehr gut gefallen. Finde die Alten auch viel besser als die Neuen und wie schon gesagt, super geeignet für Anfänger. :)

    Liebe Grüße aus Berlin
    Klaudia

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  22. (Dies ist eine automatische Google-Übersetzung)
    Hallo,
    Ich bin für die interne Transmissionsriemen für diese Nähmaschine (Veritas 8014).
    Meine Mutter ist in Kuba, und sie benutzt es jeden Tag für viele Jahre für Wohn-, aber vor kurzem dieses Band kaputt und wir einen Ersatz finden können und sie nicht kaufen kann eine andere Maschine.
    Mein Name ist Jose und ich würde mich sehr freuen, wenn mir jemand helfen, diesen Teil zu finden.
    Dank.


    meine E-Mail ist: pmanguare@yahoo.com

    Hi,
    I am looking for the internal transmission belt for this sewing machine (Veritas 8014).
    My mom is in Cuba and she used it everyday for many years working for living, but recently this belt broken and we can not find a replacement and she can not buy another machine.
    My name is Jose and I would appreciate very much if someone help me to find this part.
    thanks.

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    1. Hi,
      I' not much help, I'm afraid. Is this the part you are looking for: http://www.shop-naehmaschinen.com/product_info.php?info=p8_veritas-flachzahnriemen-antriebsriemen-einbaumotor.html ? As far as I know this part is similar in nearly all sewing machines - so if you could get any transmission belt at all, it is very likely that it will work.

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  23. hiya - english - I was able to find - rescue - one of these.
    It was here in vancouver - i dont think it has ever been used - the thread appers to be old white hemp
    this machine has never been plugged in ( 220v ) - it is - so far - great
    oh yeah $10 can

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  24. HalliHallo.
    Ich hätte da mal eine Frage:
    Habe von meiner Tante die VERSITAS 8014/4140 geerbt und hab da ein kleines Problem bei der Entnahme der Untergarnspule, da dies nicht wie bei neueren Nähmaschinen funktioniert (mit denen ich bisher gearbeitet habe). Kann zwar das kleine Hebelchen betätigen, aber die Spule nicht rausziehen, weil sie von etwas festgehalten wird. Hat jmd einen Trick für mich?

    Liebste Grüße,

    Maike

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    1. Hallo, also eigentlich sollte sich die Unterfadenspule nach vorne leicht rausziehen lassen, wenn man an dem kleinen Hebelchen an der Spulenkapsel zieht. Wenn man langsam am Handrad dreht, geht das denn leicht, oder blockiert die Spule irgendwann und das Rad lässt sich nicht weiter drehen? Wenn das der Fall ist, hat sich die Spule irgendwie verkantet. Das lässt sich am bestenn rausfummeln, wenn man die beiden kleinen Hebel löst, die den Greiferring halten - aber ich glaube das lässt sich ohne Fotos nur schlecht nachvollziehen, wenn du diesen Greifertyp nicht kennst. Es ist aber nicht zufällig die Nadel in der tiefsten Position? Dann bekommt man die Spulenkapsel auh nicht heraus?
      Schau doch mal bei Hobbyschneiderin24.de im Forum, dort gibt es in der Diskussion über Nähmaschinen schon einiges zur Veritas, und du könntest dort deine Frage mit Fotos von Greifer und Kapsel nochmal stellen, wenn du nicht weiterkommst.

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  25. Hallo,

    eine Frage zu der Abdeckung für den Unterfadenzugang:
    Bei der Veritas 8014/39 ist da auf Unterseite der Abdeckung ein Federbügel aufgeschraubt, der die Abdeckung festhält. Die Abdeckung wird nicht nur aufgelegt, sondern aufgelegt und dann an die Stichplatte rangeschoben.
    Fehlt der Federbügel bei Ihrer Maschine oder wurde das geändert?

    Grüße,

    shianne

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    1. Oh, das könnte sein, dass da was fehlt - muss ich nachschauen, ob da mal etwas angeschraubt gewesen sein könnte. Danke für den Hinweis!

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Vielen Dank für deinen Kommentar!