Mittwoch, 28. September 2011

Me-made Mittwoch* - So hat Lagerfeld sich das aber nicht gedacht!

Mal ganz unter uns: Ich bin ja auch so ein gehirngewaschenes Kind des Kapitalismus, das immer, wenn irgendwo „Designer“ draufsteht, Witterung aufnimmt und aufmerksam wird wie Nachbars Lumpi vor der Wursttheke. Ich weiß, es ist eigentlich Quatsch. Sogar das simpelste T-Shirt aus dem hinterletzten Billigladen hat einen Designer, der sich das Ding ausgedacht hat. Trotzdem: die Sache mit den großen Namen und den bekannten Labels verfängt auch bei mir. In der Friedrichstraße klebe ich an den Schaufenstern, und wenn ich Geld zum Ausgeben für sowas hätte – Leute, ich würde es ausgeben. Aber hui.


Kein Wunder also, dass ich auf den Designerschnitt von Karl Lagerfeld 136 in Burda 10/2010 ansprang – Lumpi, Wursttheke! Nach der ersten Phase des aufgeregten Geschnüffels und Gehechels angesichts eines hübschen schwarzen Rocks, der an eine Herrenanzughose erinnert, fiel mir der Haken am Schnitt auf: Der Rock ist im Original nur 33 Zentimeter lang. 33 Zentimeter. Gut, hier in Berlin werden zur Zeit Leggings als vollwertige Hosen getragen (was meistens genauso schlimm aussieht, wie es sich anhört), da sind geradeso-Po-bedeckende Röcke, die man auch oft sieht, ja noch die bessere Alternative. Den Zuschlag für „muss ich unbedingt nähen“ erhielt der Rock aber, als ich Carolyns um 12 cm verlängerte Version fand.


Die Verlängerung also wie bei Carolyn, aber anders als sie behielt ich den Gummizug im Rückenteil bei – das ist für mich überhaupt der Clou an dem Schnitt, denn der Rock soll mit dem breiten Bund in der Taille sitzen, und Dank Gummizug und reichlicher Weite in der Hüftregion ist das nun ein sehr bequemer, aber nicht nach Bequemkleidung aussehender kleiner schwarzer Rock. Ich habe ihn wegen der Falten im Vorderteil nicht gefüttert, sondern trage ihn mit Unterrock. Der Stoff könnte sogar noch etwas fester sein als die Wollmischung vom Markt – man braucht auf jeden Fall ein Material, das sich gut in Form bügeln lässt, damit der Aufschlag am Saum nicht traurig herunterhängt und nicht schon durch einmal Hinsetzen zerstört wird. Die Bügelfalten im Vorderteil sind hingegen dauerhaft abgesteppt.


Was die Verunstaltung des genialen Lagerfeld-Designs durch eine 12-Zentimeter-Verlängerung betrifft, fühle ich mich übrigens auf der sicheren Seite. Sicher habt ihr auch noch das öffentlichkeitswirksame Geschimpfe des Meisters im Ohr, der sich im November 2004 nach der Kooperation mit H&M darüber beklagte, man habe dort seine Entwürfe einfach in größere Konfektionsgrößen übertragen.


Tja, was Chanel recht ist, kann H&M (und mir) nur billig sein: Die übliche Chanel-Kundschaft besteht nun auch nicht aus lauter rehbeinigen Neunzehnjährigen, schätze ich. In der genialen arte-Dokumentation Signe Chanel über das Couturehaus (hier auf youtube) erhält man auch einen Einblick in das Allerheiligste des Hauses in der Rue Cambon, in den Raum, in dem die Schneiderpuppen mit den Maßen der Stammkundinnen verwahrt werden. Jede Kundin, die im Jahr mehrere der handgearbeiteten Coutureteile (Preise fünfstellig bis nach oben offen) in Auftrag gibt, hat ein alter ego, das bei den Anproben hilft und das von der Hüterin der Puppen an die schwankenden Maße der Damen angepasst wird. Da schmiegen sich Watteschichten wie Jahresringe um die Hüften und Bäuche und zusätzliche Vlieslagen polstern anschwellende Hinterteile... Und dass alternde Oligarchen-Gattinnen nur-geradeso-Po-bedeckende Röcke tragen, wage ich auch zu bezweifeln.

Schnitt: 136 aus Burda 10/2010
Änderungen: 12cm verlängert
Material: ca. 1,20m Wollmischung dunkelgrau bis schwarz in Köperbindung - einen Stoff verwenden, der sich gut in Form bügeln lässt.


*) Bei Me-made Mittwoch geht es darum, Selbstgemachtes zu tragen und dies zu dokumentieren. Die Teilnehmerinnen von heute finden sich hier und organisiert wird das ganze wie immer von Catherine.

24 Kommentare:

  1. Ein wirklich cooler Rock! Ich hatte ihn seinerzeit auch in der Burda entdeckt und kopfschüttelnd verworfen. Deine verlängerte Variante hingegen gefällt mir aber sehr gut! So kommt der Schnitt irgendwie auch besser zur Geltung, da die abgesteppten Bügelfalten und der Aufschlag mehr Platz zur optischen Entfaltung haben :-)

    Danke für deine ausführliche Beschreibung und auch den Link zu Carolyns Blog!
    Liebe Grüße! Hella

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  2. 'Lumpi', das war heute sehr gut/amuesant/wahr gebellt ! :-D

    Wobei ich meine, dass 'Mr. Charlie' Deine eigene Figur in seiner sonst Hering-Sammlung sicher noch nicht verstossen würde.
    Am Ende waere er sogar mit dieser Verlängerung total einverstanden; chic schaut sie ja schliesslich aus!

    Danke für das 'bessere TV-Programm' Deinerseits und liebe Grüße,
    Gerlinde

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  3. Er ist toll geworden! Im Heft/als Original ist er ja absurd kurz, aber so... klasse! Ein schönes Ergebnis des Nähkränzchens.
    Gruß von
    Melleni

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  4. Danke für die erfrischende Schreibweise!
    Mich würden die 33cm auch abschrecken. Aber mit der Verlängerung sieht es schön aus. Passend! Und dir steht es!

    LG
    Nicole

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  5. Dein Post hat wieder Spass gemacht! Ich finde deine Argumente für das Verlängern einleuchtend und Karl soll sich da mal nicht so haben. So hast Du einen wunderschönen tragbaren Rock mit einem gewissen Etwas und der Seelenfrieden des Coke-Zero-Süchtigen ist wahrscheinlich ohnehin permanent gestört.
    Viele Grüße
    Julia

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  6. In der Länge sehr alltgatauglich! Ich hatte Anfang der 90er ein Hose , genauso, mit diesen Klappen diesen Falten, diesem Aufschlag und dem breiten Bund, auch in Anthrazit.Der erste Gedanke beim Öffnen hier, wieso hat Lucie meine Hose an. Wie heißt es so schön, man sieht sich immer zweimal- es auch!
    Deine Briefbeschwerer im Foto hatte ich grinsend zu Kenntnis genommen. Wer so kleinteilige Decken piepelt, der liebt auch andere Feinheiten.
    Früher hieß Designer noch Formgestalter!Das Wort hat allerdings keinen Sogcharackter, es klingt nach Bürokratismus in der Kreativität.
    Herbstlich geformte Grüße von karen

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  7. Aber du hast das ganz falsch verstanden, Lucy. Der Burdaschnitt von Meister Karl ist kein Rock sondern ein breiter Gürtel ;-)

    Dein Rock gefällt mir viel besser als der originale Ultra-Mini, ehrlich.

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  8. Schön dich gefunden zu haben, mal was anderes,toll!!
    Interessierte Grüße
    Cynthia

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  9. vielleicht sollte auf dem schönen rock - 12 cm länger wären für mich noch immer zu kurz - ganz klitzeklein und versteckt das wörtchen lumpi stehen.
    friedrichstraße - ich glaube ja, du stehst da vor diesem grossen geschäft, mit den unnötigen grossen schnellen hässlichen viereckigen dingern mit rädern dran.
    ja, und da gibts da noch die fr. brandt.
    ganz liebe grüße
    von monika

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  10. sehr schick.....33 cm, finde ich auch sehr! kurz...liebe grüße nico

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  11. Hach, ist der schön geworden!
    Und bequem ist er auch noch! Und die Schuhe passen einfach sensationell dazu.
    Danke für die mal wieder wunderbar amüsanten Ausführungen, Lumpi!

    LG
    Wiebke

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  12. Super, dass noch jemand den Rock genäht hat. Bei mir war es auch Carolyn, die mich vom Schnitt überzeugt hat. Der ist deshalb auch noch sehr weit oben auf meiner Liste, obwohl ich befürchte, dass er eher was für große, schlanke Frauen ist. Egal, mir gefällt der Schnitt und auch deine Variante ist gelungen! Das ist bestimmt ein gutes Alltagsteil. (Ooooh, ich sehe wie Lagerfeld bei diesen Worten grün im Gesicht wird...)
    Die Chanel Kollektionen gefallen mir leider fast immer sehr gut, er selbst ist mir ein wenig zu - ach, ich weiß nicht, zu "gewollt" sind ja alle irgendwie, immerhin ist er konsequent und nicht ganz blöd. Aber das steht hier ja gar nicht zur Debatte.

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  13. Ich habe mich sehr über Deine Beschreibung des Schnittes amüsiert! Haha, 33cm ... sehr schön ...
    Wie auch immer, Deine Version überzeugt!

    Christel

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  14. ja sehr schick! Und das mit den Leggings macht mich auch immer total unsicher, ich weiß gar nicht, wo ich da hinschauen soll, ne Leggings und ein T-Shirt drüber und dazu... nichts!
    unglaublich...
    viel Spaß mit dem Lagerfeld in lang ;)

    liebe Grüße Beate

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  15. Lagerfeld hin oder her. Dein Rock ist toll geworden.
    Und die Dokumentation kann ich immer und immer anschauen.... Nur ab uns zu mal hätte ich gerne eine der Schneiderin bei mir daheim. Dann würde sich meine Liste schneller abarbeiten. Ich würde auch nicht dauernd Änderungen kurz vor Schluss machen ;-)
    Herzlichst
    Daniela

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  16. Sieht wirklich sehr schön bequem aus! Ich hätte ihn auch in der Länge gemacht! Tolle Rock! :.D

    Danke für deine ausführliche Erklärung zur Ausschnitt-Variante meines Ringelkleids. Ich werde mich jetzt einfach mit dem Hochrutschen arrangieren. Und auch mal testen, ob es auch passiert, wenn ich ein enges Langarmshirt drunter trage … das wäre für den Herbst sowieso die beste Lösung ;.)

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  17. Bei mir hat ein Rock oder eine Hose Hinzieh-Charakter, sowie ich bequeme Taschen sehe. So, wie du da stehst mit der Hand gut vergraben, musste ich sofort allen Links folgen und überlegen, ob ich diesen Schnitt auf meine vermutlich nie-in-Angriff-nehmende to-do-Kleidungsnähen-Liste aufnehmen werde.

    Das Burda-Photo mit dem Originalrock finde ich persönlich so etwas von oberscheußlich. Wie kann eine solche Haltung noch probagiert werden. Naja, ist wohl alles Geschmackssache.

    Leggings mochte ich Zeit meines Lebens, solange sie nicht wie seinerzeit schrill-bunt waren (uggg!) und der Rock für außerhalb des Hauses vergessen wurde. Ich muss gestehen, dass ich in den letzten Tagen in angemessenen Situationen mit 2 meiner Schülerinnen darüber leise hinweisende Gespräche führte. Die weiten Shorts finde ich wiederum süß und bedeckend genug, vor allem in deren Alter.

    @ Wo sind Briefbeschwerer zu sehen, Karen?

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  18. Oh ja, Burda und die Designer-Schnitte. Da schüttle ich auch häufig den Kopf und wunder mich, ob sich ein Designer eigentlich jeden Murks erlauben kann, ohne dass es jemanden stört.

    Dein Rock gefällt mir aber dennoch. Besonders den gewählten Stoff finde ich super und den Gummizug am Rücken werde ich sicher auch demnächst mal irgendwo einbauen :)

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  19. Gratuliere Dir zu diesem wirklich tollen Post - es ist eine Kunst, so gut zu schreiben wie Du, dass der Leser nicht nur zu den Fotos schaut, sondern richtig gerne liest! Die Verlängerung ist absolut in Ordnung - sage ich, die den Lagerfeld Rock kurzerhand in eine Shorts umgewandelt hat ;-)

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  20. @Tally: Die Briefbeschwerer sind manchmal (diesmal nicht) im Hintergrund auf den Fotos zu sehen. Die Taschen sind in dem Teil leider ziemlich klein, aber man könnte sie ohne weiteres vergrößern, Platz genug ist da.

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  21. Das sieht ja mal cool aus!
    Und aus meiner Sicht ist der Rock so genau richtig lang, als breiterer Gürtel wäre es sicherlich nicht so lässig/elegant/extravagant ausgefallen :-)
    Susanne

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  22. cool, du bist die erste, die mir seit der burda untergekommen ist, die diesen rock genäht hat (ich hab mich nicht getraut, dachte immer er trägt sehr auf). ich trag gern sehr kurze röcke^^ aber verlängert gefällt er mir auch und ist sicher etwas mehr herbst/winter-tauglich.

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  23. Schöner Rock -gerade WEIL du ihn verändert hast. Und mit dem kannst du dich wenigstens hinsetzen - mit dem Original wär das schon schwierig geworden ;-)
    Mir gehts übrigens genau anders herum: wenn Lagerfeld drauf steht, bin ich erst mal ganz schnell weg. Die Burda durfte also auch nicht mit nah Hause. Erst beim erneuten Durchblättern in der AGB sind mir ein paar andere nette Schnitte in dieser Burda aufgefallen...
    Tja uns das mit den Leggings ist echt ein Fluch. Wenn es wenigstens nur die blickdichten BW-Leggings wären, ginge es ja noch. Aber nur in dünnem Strumpfhosenstoff raus - iehh. Oder werd ich nur alt und spießig??
    Sag mal: bei dem Passt-Kleid gabs ja bei dir keine Probleme mit Zwangsjacken-Ärmeln, oder? Dann kann ich mir ja wenigstens damit einen Svea-Ersatz basteln...

    Welchen Designer willst du als nächstest ärgern ;-)

    Constance

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  24. @nyhet: nur zu, an der richtigen Person sieht der Rock in Originallänge auch gut aus - Johanna Lu von The last stitch hat ihn unverändert genäht, schau mal hier

    @Constance: Ja, die Ärmel beim Passt-Kleid saßen sehr gut, und wenn ich das richtig sehe, ist es im Grunde genau wie der Svea-Schnitt von Farbenmix.

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