Freitag, 6. April 2012

Die Strickjacke, ein scheues Reh (Burdastyle 107 aus 12/2010)


Ist euch auch schon mal aufgefallen, dass es in den Burdastyle-Heften grundsätzlich zwei Kategorien von Schnitten gibt? Eine Sorte Schnitte, die im Heft in einer Handvoll Variationen auftaucht (ihr wisst schon: ein Blusenschnitt, einmal mit, einmal ohne Ärmel, einmal mit, einmal ohne Kragen und einmal verlängert zum Kleid = fünf totaaal verschiedene Modelle), und die Solitäre, die genau ein Mal auftreten. Die scheuen Rehe. Denn im Gegensatz zu den variierten Schnitten, die folgerichtig auf mehreren Fotos abgebildet sind, bekommt man die Reh-Schnitte meist nur auf einem einzigen Bild schemenhaft zu sehen.

Die Strickjacke 107 aus Burda 12/2010 ist so ein Fall, wobei das Modellfoto auch noch besonders wenig hergibt: Das Model trägt die Jacke offen, nach hinten geschoben, die Arme nach vorn gezogen und an den Körper gepresst. Die Schnittzeichnung verspricht so etwas wie eine extra lange Strickjacke mit Bündchen - im ungünstigen Fall allerdings mit Tendenz zum Sack.


Das Reh entpuppte sich als großräumiges, wie vom großen Bruder geklautes Strickjackenmodell, wie es zur Zeit dünne Berlinmittemädchen mit Leggings darunter tragen. Die überschnittenen Schultern, die überlangen Ärmel: natürlich alles Absicht. Dank dem dünnen, fließenden Strickstoff fällt die Jacke aber körpernah, so dass ich das Teil zur Zeit sehr gerne anziehe. Und die Ärmel sind ganz schmal geschnitten - das ist ein kleidsames Detail, das die heutigen wieder aufgekochten Achtzigerjahreschnitte von den echten Achtzigern, wie wir Älteren sie noch selbst erlebt haben, unterscheidet. Wäre dieser Schnitt, sagen wir, Baujahr 1986 und nicht 2010, dann würden die Schultern von einem frühstückstellergroßen Schulterpolster aufgespannt, und aus dem Stoff der Ärmel könnte man glatt einen schmalen Rock nähen. 


Glück gehabt, dass es nicht mehr so ist. Im Übergang vom Kragen zur Schulter ist übrigens ein Vorderteilabnäher versteckt - den hätte man 1986 auch nicht gehabt. Ja, das Nähenlernen damals war schon angenehm einfach, denn mit Abnähern musste man sich im allgemeinen nicht befassen. 

Vordere Blende und Bündchen von vorne...

...und die Rückseite

Ein etwas kniffeliges Detail ist die Verarbeitung von Bündchen und Vorderkante. Leider habe ich davon keine Schritt-für-Schritt-Bilder, im Prinzip wird die untere Ecke mit dem Vorderteilbeleg verstürzt. Die Schmalseite des Belegs kommt rechts auf rechts an die untere Kante des Vorderteils, bügeln, dann wird  die schmale Kante des Bündchens rechts auf rechts an Vorderteil und Beleg genäht, an der Ecke am Vorderteil wird eingeschnitten, dann erst wird das Bündchen längs gefaltet und gedehnt an die Unterkante von Vorder-und Rückenteilen genäht.

Schneidet das Bündchen vorsichtshalber erstmal etwas länger zu als angegeben: Mit nicht sehr elastischen Strickstoff wie hier war es nicht so einfach, das Bündchen beim Nähen ausreichend zu dehnen. Möglicherweise ließe sich dieses Detail überhaupt besser verarbeiten, wenn man die Jackenunterkante einfach mit einem Hilfsfaden einkräuselt und die gekräuselte Kante an das Bündchen näht.

Burda sagt einem dann nicht, was mit dem nicht-verstürzten Teil des Vorderteilbelegs geschehen soll, außer dass darauf die Druckknöpfe angenäht werden. Ich habe die offene Kante eingeschlagen und mit der Hand festgenäht - da ich Jacken mindestens genauso oft offen wie geschlossen trage, stört es mich immens, wenn man versäuberte Nahtzugaben sehen kann. Bei diesem wie gesagt nicht sehr elastischen Material funktionierte das gut, es macht gar nichts, dass die Handnaht nicht sehr dehnfähig ist.

Ich bin also rundherum zufrieden mit dem scheuen Reh, das ich mir da gefangen habe - Glück gehabt, es hätte sich auch um einen dicken, alten Bären handeln können.  



Schnitt: 107 aus Burdastyle 12/2010, nur mit 4 Druckknöpfen statt vorgesehenen 9 – es ist nicht praktikabel, weil gehbehindernd, die Jacke bis unten zu schließen, und so dekorativ finde ich die Druckknöpfe nicht, dass ich unbedingt mehr davon brauche..

Material: 2m dunkelgrüner Viskose-und-anderes-Strickstoff vom Markt

8 Kommentare:

  1. Manchmal winkt dem mutigen ein Preis. Hier war es eine tolle Jacke. Die knifflige Stelle hast Du Super hingekriegt und deine wunderbare Burda Beschreibung ist wieder 100prozentig treffend.
    Viele Gruesse und frohe Ostern
    Julia

    AntwortenLöschen
  2. Eine schöne Jacke ist es geworden! Die würde ich mir auch mal gerne nähen, dank deine Beschreibung hab ich es ein bißchen einfacher!
    LG, Sanne

    AntwortenLöschen
  3. eigentlich genau mein stil, diese jacke. sogar die farbe.
    mh, das heft habe ich bestimmt auch noch.
    lg monika

    AntwortenLöschen
  4. In der burda verbergen sich vermutlich noch einige scheue Rehe.... Im Prinzip muß man die Schnittmusterzeichnungen im Anleitungsheft anschauen, dann kann man die raffinierten Details dieser Jacke erst entdecken.
    Vielen Dank fürs Ausprobieren und Beschreiben. Ich hab die Jacke dank dir nun auch fest auf meiner Liste...

    LG und frohe Ostertage
    Wiebke

    AntwortenLöschen
  5. Ich danke dir auch, dass du die Jacke schon getestet und damit darauf aufmerksam gemacht hast - ein schönes Basisteil. Ich hätte das scheue Reh sicher übersehen...
    LG, berry

    AntwortenLöschen
  6. Wirklich wahr, manchmal sind gerade die guten Sachen bei Burda gut versteckt und man muss sich durch unzählige asymmetrische, fledermausige, schulterpolstrige...Safari-äh, Sonstwasschnitte kämpfen.
    Dabei sind diese scheuen Rehe als Basisteile oft genau das sonstwo mühselig gesuchte.

    AntwortenLöschen
  7. Im Nähkurs liegen die Burda-Hefte und laden zum Blättern ein, aber die scheien Rehe scheinen bei mir perfekt zu wirken - ich sehe sie nicht. Dabei wären ein paar schöne Basisteile wirklich was Feines!
    Deine Stiefel sind wunderschön! Also den Teil, den ich sehe!
    Liebe Grüße,
    Juli

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Äh. DER Teil, den ich sehe. Meine Herren...

      Löschen

Vielen Dank für deinen Kommentar!