Freitag, 11. Mai 2012

Für die einen ist es Müll, für die anderen Material: Kunst-Stoffe in Pankow


Wer kennt das nicht: Für ein Projekt braucht man eine kleine Holzleiste, ein Stück Glas oder eine einzelne Kachel, oder etwas anderes, das man so nicht im Laden kaufen könnte. Oder: übermorgen ist Kindergeburtstag und die geplante Bastelrunde droht zu scheitern, weil man viel zu spät angefangen hat, Pappröhren und Flaschendeckel zu sammeln. Oder: man muss eine Laientheatergruppe praktisch ohne Budget mit sebstgenähten Kostümen ausstatten. Oder man möchte einfach mal durch die unterschiedlichsten und unerwartetsten Materialien stöbern, um auf neue Ideen zu kommen.


Für alle diese Fälle ist der Verein Kunst-Stoffe am S-Bahnhof Pankow die richtige Adresse. Das Projekt sammelt von Unternehmen und Privatpersonen Dinge ein – Gebrauchtes, Reste, Ausschuss - die sich als Material für Künstler und Selbermacher eignen. Nach Materialtypen grob sortiert, warten sie in Pankow im Lager und können gegen eine Spende mitgenommen werden. Das schont Ressourcen, weil so Dinge, die sonst weggeworfen würden, mit Menschen zusammengebracht werden, die eine Verwendung dafür haben.


Die vollgestopften Räume haben eine Anmutung zwischen Messiewohnung und Kuriositätenkabinett: werden alte VHS-Kassetten und Telefondrähte wirklich einmal den Übergang von Müll zu Kunst schaffen? In welcher gruseligen Inszenierung haben die mit Farbe übergossenen Babypuppen wohl schon einmal eine Rolle gespielt? Was könnte man aus einem Neopren-Taucheranzug machen? Gibt es ein zweites Leben für alte Ladenschilder?


Antworten auf diese und andere Fragen zu finden, macht gerade zu zweit viel Spaß. Das Angebot im Materiallager wechselt ständig, und es gibt keine Garantie, genau das zu finden, was man gerade benötigt – dafür aber vielleicht etwas anderes. Wenn es noch an handwerklicher Expertise oder Werkzeug mangelt, um die eigenen Vorstellungen umzusetzen, kann man einen der Kurse besuchen oder eine der gut ausgestatteten Werkstätten nutzen. Sollte der Transport der Fundstücke Probleme bereiten, dann verleiht Kunst-Stoffe Lastenfahrräder. Und nicht zuletzt bietet Kunst-Stoffe in einem Artists-in-residence-Programm jedes Jahr drei internationalen Künstlern Unterkunft und Arbeitsraum. Also rundherum eine gute Sache.


Die Bilder zeigen einige Impressionen aus dem Raum für Stoffe und Kurzwaren.
Am 3. Juni ist übrigens Tag der offenen Tür bei Kunst-Stoffe. Anlässlich des Deutschen Aktionstags Nachhaltigkeit ist das Materiallager von 15-19.00 Uhr geöffnet, es gibt einen Hängemattenbau-Workshop und einen Verschenkflohmarkt. 

Kunst-Stoffe
Berliner Str 17, 13189 Berlin

am S-/U-Bahnhof Pankow (S2, U2)

Materiallager geöffnet Mittwoch 14-18.00 Uhr, Freitag 11-18.00 Uhr und jeden letzten Sonntag im Monat von 15-18.00 Uhr

www. kunst-stoffe-berlin.de

Ergänzung März 2014: 
Im alten Flughafen Tempelhof gibt es seit einiger Zeit eine zweite Filiale, geöffnet zur Zeit Dienstags von 15.00 bis 19.30 Uhr, nähere Informationen und Wegbeschreibung hier. 

29 Kommentare:

  1. Ich MUSS dahin! Vielleicht lässt sich bei meinem Leipzig Urlaub auch ein kleiner Schwenker nach Berlin machen... ?
    Ich hoffe!

    Danke für den Tipp, das hört sich klasse an!

    Liebe Grüße,
    Becky

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  2. hi! boah...das hört sich ja wirklich toll an, leider alles andere als in meiner nähe...;o( liebe grüße und ein wunderschönes wochenende, nico

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  3. Bloß gut, dass ich nicht in Berlin wohne...
    Sieht einfach klasse aus.

    Liebe Grüße von Kirstin

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  4. Lechz, sabber, stoehn - was kostet z. Zt. gleich ein Flugticket nach Berlin ;-) ? (= stimme Kirstin zu; finde die Adresse aber unheimlich gut in ihrer Vielseitigkeit mit Werkstaette(n) und Kuenstlern in Residenz!

    Liebe Gruesse,
    Gerlinde

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  5. nächstes mal in berlin ist das MEIN laden;)
    freitagfröhlich birgit

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  6. Erstens ist das eine großartige Idee.
    Dann wäre es zweitens ein guter Ort, um mein Gesammeltes sinnvoll loszuwerden.
    Und drittens ein Ort, nach Bedarf wieder fischen zu gehen.
    Die Gefahr: Wieder mehr mitzunehmen als akut gebraucht, also doch wieder Sammelgefahr im eigenen Heim.

    Übrigens komme ich vom 4.- 8.6. morgens beruflich nach Berlin. Ich könnte mir wahrscheinlich ein paar Stunden abzwacken für ein evtl. Treffen.
    Herzlichen Gruß
    Tally

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    1. Oh, das wäre schön!
      Ich finde ja schon die Existenz eines solchen Ladens irgendwie beruhigend - wenn andere sammeln, dann muss ich ja nicht sammeln, oder so...

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  7. OMG... da darf ich nie, nie, nie hin. Sonst muß ich anbauen. :-)

    (Verwertung von Telephondrähten ist übrigens ein alter Hut: http://www.afrika-shop24.de/set-telefondraht-schalen-african-sunset.html )

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    1. Gut, dass ich diese Telefonkabelverwertung nicht gekannt habe. Ich glaube diese Knotentechnik, die da verwendet wurde, ist auch im Werkbuch von Ruth Zechlin beschireben, das ich gerade ergattert hab... Gefahr, Gefahr!

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  8. Ich musste gerade zweimal nachlesen, dass das wirklich ein Laden in Berlin ist. Ich hätte schwören können, Du berichtest über den Keller meiner Mutter.
    Viele Grüße
    Julia

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    1. Der Keller ist der Grund, warum ich nie- nie- niemals in ein eigenes Haus ziehen darf. "Das kann man doch bestimmt nochmal gebrauchen" ist nämlich auch meine Devise, solange noch Platz da ist...

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    2. Auch Wohnungen können einen Keller haben. *seufz*

      Wir denken gerade über Haus kaufen nach... *hüstel*

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  9. Oh man, ich wohne um die Ecke. Schon tausend mal vorbei gefahren. Erst vor kurzem das Schild wahrgenommen. Ich glaub, ich muss mal dahin. Übrigens 300 m weiter Richtung Pankow Kirche ein kleiner Kurzwarenladen (meist mit netter Bedienung, nur die Chefin ist manchmal etwas übellaunig ;-).

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  10. Eine so gute Idee!!! Freue mich immer riesig, wenn ich sehe, dass es auch anders geht. Sollte Pflicht in jeder größeren Stadt sein. Klasse, dass du es hiemit schön weiterträgst.
    Vielleicht finde ich es bei uns auch und weiss es nur nicht.
    Verwertete Grüße von kaze

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  11. Was für ein tolles Projekt. Danke, dass du das aufgetan und uns präsentiert hast.
    Ich kann mir sehr gut vorstellen, wie ihr beide dort wart und eine herrliche Zeit hattet.
    Und was zum Mitnehmen gefunden?
    LG
    Wiebke

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    1. Jaa... aber nur eine fast volle Flasche Seidenfarbe in nachtblau, mit der ich Wolle färben will.

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  12. WAS FÜR EINE IDEE.. so etwas kann es auch nur in Berlin geben ! Einfach genial. hab in Fulda studiert, dort hat ein BWL'er mit seiner Mutter eine "Bächerei" aufgemacht: Brot von Gestern hieß es . Er hat all die Gebäcke und Brote vom Vortag gesammelt und günstig verkauft. So mußte dort nichts weggeschmissen werden und das Brot z.B. war noch genauso gut wie am Tag zuvor.
    Solche Ideen braucht das Land!
    Weiter so. Ich lese gerne bei Deinem tollen Ideen-Blog!
    Liebe Grüße Tinki

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    1. Ne, wir (in Australien; Umkreis Melbourne) kennen 'so was' schon auch. Allerdings eher aufgespaltet in die div.'s Sparten.
      Kuenstler in Residenz gibt's hier in Montsalvat (schoene 'Burg-Kopie') waehrend viele ihrer 'Baustoffe' in sep. Laeden wie OP-Shops (= Opportunity-Shop) oder Building-Recycables zu finden ist.
      Unsinnig zu erwaehnen, dass ich Besuchsverbote in den letzt erwaehnten 'Geschaeften' durch meinen GoeGa, aeh, HAETTE (aber er vergisst immer den 'Bodyguard'/Babysitter fuer mich! ;-) :-D )

      Liebe Gruesse,
      Gerlinde
      (bin stolz auf Berlin, sich den wertvollen Platz fuer 'so was' abzuzwacken!!!)

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  13. Na guck... ich hab das Schild schon oft von der S-Bahn aus gesehen, glaub ich; und der S-Bahnhof Pankow ist ja auch nur 3 (!) Stationen von hier entfernt... da schau ich doch glatt mal auf deren Seite vorbei... Ohje, die haben auch Planen... Danke für den tollen Tipp liebe Lucy!

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  14. Wahnsinns-Idee! Gefällt mir gut! Schade, dass es das hier nicht gibt :-(

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  15. meine güte, ist das genial! nur leider für mich nicht grad ums eck'! schade, da würd ich gern mal hin und hätte sicher auch einiges abzugeben.

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  16. Toller Tip. Da werd ich doch mal vorbeischneien... Dankeschön!

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  17. Tja - das ist mal wieder Pech, dass ich hier im Süden wohne ... obwohl wir Schwaben ja auch alles sammeln (weil man weiß ja nie, ob man dies und das noch brauen könnte .. gilt aber mesit nur noch bei den "ALten" Menschen ... leider) Das wäre ein Paradies für mich!!! Ich schaue gerne und stöbere und lasse mich dann inspirieren...

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  18. Seufz. Ohja, da hast Du Recht, beim Thema Keller ...
    Eine Freundin sagte mal, der Keller stehe fürs "Unterbewusstsein".
    Meiner ist auch ganz schön voll. Und trotzdem fühle ich mich von Deinen Artikel über www.kunst-stoffe-berlin.de magisch angezogen und möchte sofort hinfahren. Spannend.
    Viele Grüsse, Birgit

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  19. Ein toller Laden! Ich bin im August in Berlin und könnte dann mal stöbern gehen. Ist das Lager offen für jede/n? Auf der Website steht, dass KünsterInnen, Kultureinrichtungen und Bildungsträger sich dort bedienen können.

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    1. Na, mit Joseph Beuys ist doch jeder Mensch ein Künstler...
      Du musst da keine Bescheinigung vom Künstlermeldeamt vorweisen ;)
      Nene, das Lager richtet sich an alle, die am Bauen und Basteln interessiert sind, und da die Sachen gegen Spende, deren Höhe Verhandlungssache ist, abgegeben werden, müssen die sich auch keine Sorgen machen, dass dort jemand z. B. Kabel einsackt und sie beimn nächsten Altmetallhändler verkauft.

      viel Spaß ind Berlin!
      Lucy

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  20. Es gibt noch eine "filial" in Tempelhof:

    http://www.kunst-stoffe-berlin.de/index.php?option=com_content&view=article&id=14&Itemid=14&lang=en

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    1. Danke Dir für den Hinweis, ich trage das gleich im Artikel noch nach!

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Vielen Dank für deinen Kommentar!