Sonntag, 27. Januar 2013

Stoffspielerei im Januar: Schmuckfalten, Smok, Smocking


Smok stand schon lange auf meiner mentalen Liste und kam im Rahmen der Stoffspielereien auch schon einige Male vor - Karen smokte im Februar 2012 ein Täschchen, Griselda ebenfalls im August 2012, Kathrin probierte Smok mit Jersey aus. Das Prinzip ist immer gleich: Der Stoff wird mit einer Reihe von Hilfsfäden in ganz gleichmäßige Falten gelegt, die anschließend von der rechten Seite aus mit verschiedenen Stichen und Stichkombinationen überstickt werden. Da die Stickfäden zum Teil diagonal laufen und nicht so fest wie möglich angezogen werden, bleibt das Gestickte ein wenig elastisch. In den Nähbüchern der 1950er und 60er Jahre ist das Smoken noch eine Technik von vielen, um  Blusen- oder Rockpassen oder Bündchen zu verarbeiten, aber als der Gummifaden erfunden wurde, war es damit vorbei.

Wie die Dinge liegen, bin ich über Anfänge und theoretisches Wissen diesmal nicht viel herausgekommen - also ich weiß, wie's geht, theoretisch, die Verarbeitungsschritte fand ich mit meinem Stoff, einem zarten Baumwoll-Viskose-Poly-Blusenstoff technisch ziemlich anspruchsvoll (besonders als ich gleich am Anfang ein Loch reingebügelt hab'). Wenn mich die Geduld nicht verlässt, sollen es einmal zwei Smokpartien an den beiden Ärmeln einer Bluse werden.


Hier sieht man schon, wo es hingehen soll und wo die Schwierigkeiten liegen: Das Stickgarn muss in jeder gestickten Reihe ungefähr die gleiche Spannung haben, damit das Muster ganz gleichmäßig wird. Ich hatte den Stoff auf Grundlage eines 1cm-Rasters gefältelt, habe beim Ausprobieren aber gemerkt, dass bei so einem dünnen, weichen Stoff kleinere und damit weniger hochstehende Falten (vielleicht ein 7mm-Raster?) wahrscheinlich besser zum Material passen würden.

Ich richtete mich bei der Verarbeitung nach "Schmuckfalten und bulgarische Stickereien" von Marie Niedner, Leipzig 1916, eigentlich ein 32-seitiges Heftchen, das es aber mit zwei anderen Stickheftchen zusammen als Nachdruck in einem Band gibt (Marie Niedner, Helene Weber: Stickereien, Augsburg 1995).


Dieses Anleitungheft erhellt auch, wie die Technik im Deutschen vermutlich zu dem merkwürdigen Namen "Smok" gekommen ist. Die Einleitung klärt auf:

"Zurzeit sind Schmuck- oder Zierfalten ein begehrter Ausputz an Blusen und Kleidern für Groß und Klein. Wer diese nette Arbeit mit Smocks bezeichnet, gebraucht das englische Wort dafür, das für uns Deutsche entbehrlich ist, zumal auch noch deswegen, da es meistens falsch ausgesprochen wird, unsere deutsche Bezeichnung Schmuckfalten aber den Nagel auf den Kopf trifft." (S. 7)

Daraus lässt sich erahnen, dass die englische Bezeichnung "smocking" im frühen 20. Jahrhundert durchaus verbreitet und gebräuchlich war, es mitten im ersten Weltkrieg nur nicht opportun schien, den Begriff des Feindes zu benutzen. Die deutsche Bezeichnung "Schmuckfalten" setzte sich aber, wie wir wissen, nicht durch - bei Lieselotte Kunder im Westen ist 1966 ganz selbstverständlich von "Smoknäherei" die Rede, Antonie Janusch schreibt im Osten im gleichen Jahr über "Schmuckfalten". Das verschwundene "c" von "smocking" ist dann wohl auf die meistens falsche Aussprache zurückzuführen - irgendwann ist man dazu übergegangen, das Wort einfach so zu schreiben, wie man es ausgesprochen hat. Ergebnis: frühes Denglisch, durchaus kein Phänomen der Sprachverlotterung der letzten Jahre durch das Internet oder andere böse Mächte.   


Marie Niedner gibt ein Schnittschema für diese typischen Jahrhundertwendeblusen. Der gesamte obere Bereich der Ärmel und des Vorder- und Rückenteils wird gemokt, meistens auch der untere Abschluss des Ärmels. Die "bulgarischen Stickereien" sind, wenn man den Texten glauben darf, sehr farbenfreudige Ornamente aus Platt- und Stielstich, manchmal auch Kreuzstich. Alle Stickvorlagen sind auf den beiliegenden Musterbögen verfügbar, einer echten Jahrhundertwendebluse steht also nichts nur mangelndes Können im Wege!  


Die Vorbereitungen des Stoffes beim Smoken sind ziemlich aufwendig, sofern man nicht gerade einen regelmäßig karierten, gestreiften oder gepunkteten Stoff verwendet, der das Einreih-Raster schon vorgibt. Sowohl 1916 als auch 1966 gab es anscheinend Smokraster zum Aufbügeln zu kaufen. Ich dachte ich mache mir ein eigenes, indem ich auf Karopapier in 1cm-Abständen Punkte mit dem Bügelmusterstift vom Prym male und die Punkte dann aufbügele. Das funktioniert auch ganz hervorragend - wie man sieht wurden die Punkte übertragen - nur hielt mein Stoff das heiße Bügeln nicht aus, der Polyesteranteil schmolz davon und hinterließ Löcher in einem papierartig steifen Gewebe...


Nächster Versuch mit einer Pappschablone also: Löcher vorbohren, mit der Ahle von beiden Seiten erweitern, so dass ein gut gespitzter weicher Bleistift hindurchpasst.


Den Stoff am Rand mit Tesakrepp auf der Schneidematte (oder der Tischplatte) fixieren und Punkte malen...


Stunden später: durch die kaum sichtbaren Punkte Heftfäden ziehen. Links mit einem dicken Knoten beginnen, bei jedem Punkt einstechen und dicht daneben wieder ausstechen. Reihe für Reihe heften - schließlich den Stoff zusammenschieben und die Fäden paarweise verknoten. 


Gestickt wird dann wieder von der Vorderseite von links nach rechts - Geduld vorausgesetzt.


Die Stoffspielereien sammelt heute Griselda - und wie ich sehe, haben Falten und Smok heute auch bei den anderen eine große Rolle gespielt!

20 Kommentare:

  1. Sehr interessant, Dein Ausflug in die "Smokerei"!
    Als Kind hatte ich einige Kleidchen, die in solche Schmuckfältchen gelegt waren. Meine Omi hatte sie mir genäht.
    Vielleicht werd ich mir in diesem Jahr auch mal dranwagen .. wobei "Geduld und Genauigkeit" jetzt nicht so sehr meine Stärken sind ;)

    Christel

    AntwortenLöschen
  2. Geduld und Genauigkeit sind das Problem, auch bei mir. Meine Lampe hätte ich eigentlich gar nicht Smok nennen dürfen, das sieht nur ein bisschen so aus. (Erst hatte ich in meinem Beitrag auch Smock geschrieben, gemerkt, dass das auf deutsch nicht üblich ist, die Rechtschreibung geändert und mich gewundert. Deine Erklärungen sind Gold wert und müssten eigentlich gleich hinüber zu Wikipedia, wo noch so gut wie nichts zu Smok steht.)
    Toll toll deine Pünktchenaktion. Ich hatte einmal für ein Puppenkleid eine Smokpasse gemacht, da habe ich mir mit Vichykaro die Markierungen erspart.
    Sieht toll aus bei dir!

    AntwortenLöschen
  3. Da sieht wunderschön aus! Und dank deiner genauen Anleitung weiß ich jetzt, dass ich das leider niemals werde nachmachen können. Auch bei mir gibt es die Gedulds-/Genauigkeits-Problematik.
    Liebe Grüße, Juli

    AntwortenLöschen
  4. Die Arbeit sieht schon mal gut aus.
    Aber schau mal bei Tinctory ,FLICKr , http://www.flickr.com/photos/tinctory/sets/72157625185975213/ .

    Doris

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Ja, die Bilder kenne ich - hatte sogar vor, ihr Blog zu verlinken, aber sie hat leider schon lange nichts mehr geschrieben...

      Löschen
  5. Das sieht auf den Abbildungen immer so einfach aus, ist dann aber doch eine Heidenarbeit, was?
    Mal ne doof Frage: könnte man den Untergrund nicht mit Gummifäden kräuseln um ich dann in Ruhe der Oberflächenstickerei zu widmen?
    Ich fand deine Ausführungen zum sprachlichen Hintergrund übrigens total spannend. Das sich die nunmenhr feindlichen Beziehungen auf die Sprache auswirkten, findet man in der Zeit auch in England: nicht nur das Königshaus benannte sich in Windsor um, auch die deutschen Schäferhunde wurden plötzlich Elsässer (=Alsations)!
    Ciao
    Constance

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Deutsche Schäferhunde werdenElsässer - das ist ja total irre (Freedom fries lassen grüßen...), die Geschichte kannte ich nicht!

      So eine Kräuselei mit Gummifäden wird zu unpräzise, glaube ich - es kräuselt sich dann ja mehr oder weniger zufällig, für die Stickerei braucht man aber ganz exakte Falten, damit es nach was aussieht. Es führt wohl kein Weg an den Vorbereitungen vorbei, leider.

      viele Grüße!

      Löschen
  6. Wahnsinn Lucy- ich lese so gern deine Hintergrundinformationen. Irgendwann solltest du ein Handarbeitsbuch schreiben mit ganz vielen Exkursen in die alten und manchmal vergessenen Techniken. So als Fortsetzung deines Basicwerkes.
    Dein Material ist echt anspruchsvoll, das verrutscht schon beim mit-der-Maus-über-den-Bildschirm-gleiten. Unglaublich, was die damals für Zeit in eine Bluse investiert haben, oder?

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Ja, die Blusen nach dem Schnittschema in dem Buch haben oben einen Umfang von einem knappen Meter, der auf Halsausschnittweite (bzw. Richtung Schulter dann weiter werdend) zusammengesmokt wird. Und dann noch die anderen Stickereien, natürlich!

      Löschen
  7. Super, du gehst das Ganze wieder so schön systematisch an, und ich habe mich schon immer gefragt, warum es im Deutschen "smoken" heißt und nicht "smocken", danke für die Herleitung. Wobei mir Schmuckfalten ja eigentlich am besten gefallen, aber das ist dann so ein weites Feld und außerdem etwas ungenau (weil es ja dann "tucking" beeinhaltet, egal).

    Faszinierend finde ich ebenfalls dass du auch das Markieren versuchst zu professionalisieren. Mit deiner Lochtechnik hast du dir dann ja eine Schablone gebastelt (ich verschleudere meine Ressourcen durch einfaches Markieren mit dem Lineal), das finde ich wirklich eine gute Überlegung (vor allem wenn man z.B. zwei identische Smokarbeiten anfertigen muss).

    Toll. Und es sieht so unglaublich zeitraubend aus - vor allem, weil du ja recht dicht smokst, dass braucht ja dann für zwei mal Ärmelumfang sehr viel Geduld - ich hoffe du hälst durch! Sieht doch schon ganz vielversprechend aus :)

    Und du hast damit gleich ein Ufo abgearbeitet, also ganz viel gutes Karma.

    Super gemacht!
    Liebe Grüße, frifris

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Ich habe vor allem gemerkt, dass ich mich im Moment immer nur kurze Zeit so konzentrieren kann, dass ich ein ordentliches Ergebnis hinbekomme. Nach ein paar Reihen mache ich besser eine Pause...

      Löschen
  8. Wunderschoen! Und da ich ja auch schonmal ein kleines Proebchen gesmokt(?) habe, weiss ich genau wieviel Arbeit das ist. Bewundernswert. Smocking finde ich besonders attraktiv, wenn es darum geht Struktur mit Faden und Nadel zu schaffen. Ich plaediere uebrigens auch dafuer, dass du ein schoenes geschichtliches Handarbeitsbuch mit Projekten veroeffentlichst :o) Waere das nicht interessant? lg Kathrin

    AntwortenLöschen
  9. Oh ja schmoken, das ist schon eine recht anspruchsvolle Arbeit, finde ich zumindest. Meine Mutter hatte mir zum Schulanfang ein Blüschen gesmokt und ich habe damals mit Erfurcht schon daneben gesessen und die vielen Stiche verfolgt, die man bei einem gesmokten Oberteil machen muss. Da gehört schon eine große Portion Geduld dazu. Sehr anschaulich dagestellt, vielen Dank dafür.
    LG Mirella

    AntwortenLöschen
  10. Beeindruckend!Es sieht ganz wundervoll aus und die Bluse wird bestimmt auch ganz toll, bin schon gespannt. Mir würde die Geduld fehlen...
    LG Nina

    AntwortenLöschen
  11. Meine Güte, so viel Arbeit für so ein Paar Schmuckfalten, äh Smokfalten. Aber schön ist das ja schon. Eine interessante Technick, die ich auch mal ausprobieren möchte. LG

    AntwortenLöschen
  12. die stehen auch noch auf meiner To Do Liste..aber bisher fehlte mir die Geduld..aber sie sehen einfahc herrlich aus finde ich..lGHEike

    AntwortenLöschen
  13. Du hast eine sehr schöne Variante gewählt. es ist ja auch ungluablich wie vielfältig man das machen kann, aber der arbeitsvoraufwand ist schon mal gemein. Und dann kommt ja noch das Stechen dazu.Ich fand das bei meinem Täschchen auch extrem. Das ist ja auch definitv der Grund, warum es bis heute nicht mehr in der Mode auftaucht.Man packt es sofort in eine historisierende Ecke oder in Tracht. Eigentlich schade.
    Obwohl, ich habe voriges Jahr einen knallbunten Rocken gesehen, der auf geheimnisvolle Weise über der Hüfte ringsum gesmokt war. Ich habe im Laden aber nicht herausbekommen wie das gemacht war, aber es war eindrucksvoll.
    Schön Deine Hintergrundrecherche.
    LG karen

    AntwortenLöschen
  14. Das ist schön geworden! Und auf dem Gewebe ist das mindestens Smoken.2! Hast Du denn mal versucht, Deine Lochschablone per "Bläuen" (hier wohl besser mit hellem Pulver) zu übertragen? Ich habe gestern an einem komplett bestickten, schwarzem Kleid der 1920er Jahre gearbeitet, an dem man sehr schön sehen konnte (naja, erahnen), wie das aufwendig mäandernde Muster vorher hell auf den Trägerstoff aufgetragen worden war. Oder ob man mal ein Wachspapier aus der Coutureschneiderei dafür testen könnte?? Ah, Ideen über Ideen. Vielen Dank für die neuerliche Inspiration.
    Herzliche Grüße, Bele

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Ja, sowas hatte ich überlegt (mit Zimt oder Kurkuma geht das auch). Aber Kopierpaier wäre auch eine gute Idee - Danke! Was es mit diesem Wachspapier auf sich hat, muss ich jetzt erstmal recherchieren - ach, es gibt so viel, was ich nicht weiß...

      viele Grüße! Lucy

      Löschen
  15. Hallo,
    sieht wirklich toll aus, aber ich fürchte auch ich werde aus Zeitmangel auf ein solches Projekt verzichten. Ich hatte mal zu Schulzeiten eine Kissenhülle gesmokt(in Handarbeit), aus heutiger Sicht sehr alsmodisch...aber die filigranen Muster gefallen mir schon sehr(findet man ab und zu bei industriell gefertigter Kleidung)...mal schaun´..
    LG Karin

    AntwortenLöschen

Vielen Dank für deinen Kommentar!