Donnerstag, 24. Oktober 2013

Kleidung des 18. bis 20. Jahrhunderts im Germanischen Nationalmuseum Nürnberg


Im Urlaub war ich unter anderem in Nürnberg und sah mir einen Teil des Germanischen Nationalmuseums an. Allein in der Dauerausstellung, die von der Vor- und Frühgeschichte über Bilder und Skulpturen des Mittelalters bis zum 18. Jahrhundert, außerdem Waffen, Musikinstrumente, Volkskunst, Kunsthandwerk, Uhren und Spielzeug umfasst, könnte man mehrere Tage verbringen. Zugleich laufen immer auch noch zwei bis drei Sonderausstellungen. Ich konzentrierte mich daher auf die kleine, aber gut gemachte Ausstellung zur Kleidung des 18. bis 20. Jahrhunderts. Textiles findet man aber auch in vielen anderen Abteilungen des Museums - aber das hob ich mir für den nächsten Besuch auf.      

Die Bekleidungsschau im Germanischen Nationalmuseum legt den Schwerpunkt auf die Zusammenhänge zwischen modischer Kleidung und Tracht, oder besser gesagt: dem, was im Verlauf des 19. Jahrhunderts als Tracht definiert worden war. Die Kleider werden in großen Glasvitrinen in einem abgedunkelten Raum präsentiert, daher ist es schwierig, Details zu erfassen.

Anders als bei der Fashioning-Fashion-Ausstellung im deutschen Historischen Museum letztes Jahr, die vor allem  Hofkleidung präsentierte, unwirklich bunt und fast wie neu, sieht man in Nürnberg Alltagskleider mit Gebrauchsspuren, zum Beispiel ein taupefarbenes Seidenkleid mit feinen Streifen aus den 1870er Jahren, das die Besitzerin sicher einst aufgrund seiner Fleckunempfindlichkeit und anpassungsfähigen Farbe ausgewählt hatte, und auch die bestickten Westen und Galauniformen wirken hier nicht mehr ganz taufrisch.

Die Parallelisierung von Trachten und modischer Kleidung ist ein sehr interessanter Ansatz. Trachten sind nicht, wie man glauben könnte, die Kleidung, wie sie die Bevölkerung eines Landstrichs zu einem bestimmten historischen Zeitpunkt tatsächlich getragen hat. Im 18. Jahrhundert unterschied sich die Sonntagskleidung auf dem Land kaum von der in der Stadt. Vielmehr wurden viele Trachten erst gegen Mitte und Ende des 19. Jahrhunderts erschaffen, als Sammler, Forscher und Künstler ausschwärmten, um die Kleidung verschiedener Regionen zu erforschen und in Zeichnungen oder Fotografien festzuhalten. Das Germanische Nationalmuseum gab um 1900 eine Trachtensammlung bei dem Zoologen Oskar Kling in Auftrag, der auch fleißig Kleidungsstücke sammelte, aber bei den Zusammenstellungen zu Komplettoutfits bisweilen genauso fleißig mischte. Da konnten an einer Puppe durchaus Rock, Schürze und Kopfbedeckung aus verschiedenen Regionen und verschiedenen Zeiten zusammenkommen.

Die Tracht transportierte schon im 19. Jahrhundert ein idealisiertes Bild des Landlebens. Wenn also heute über die Landlust und andere Zeitschriften hergezogen wird, die dem gestressten Städter ein Bild des Landlebens vermitteln, das es so gar nicht gibt, dann hat das gar nichts mit unseren modernen Zeiten zu tun - um 1900 funktionierte die Sehnsucht nach dem Einfachen und Urspünglichen schon genauso wie heute. Schon damals wurden die Bilder der Tracht durch Abbildungen in illustrierten Zeitungen weiter verbreitet. Sie vermittelten den Lesern in der Stadt eine Vorstellung von der scheinbar authentischen, typischen Kleidung der Landbevölkerung - und weil der Städter auf Erholungsurlaub Trachten erwartete, zog die Landbevölkerung sie auch an, sofern sie mit Touristen zu tun hatte. Die Ausstellung illustriert das an der Betzinger Tracht aus der Nähe von Stuttgart, die von der Mitte des 19. Jahrhunderts an wieder und wieder abgebildet worden war, so häufig, dass schließlich einzelne Bewohner Betzingens ihren Lebensunterhalt damit verdienten, in Tracht für Maler und Fotografen zu posieren. Ähnlich machten es die Tiroler, die schon früh vom Tourismus profitieren konnten. Die Tracht der Saltner, der Weinbergshüter aus der Gegend um Meran, wurde dabei immer wilder und exotischer. 
          
In der Gegenüberstellung Mode-Tracht sind mir jedenfalls Gemeinsamkeiten aufgefallen, die mir vorher nicht bewusst waren: zum Beispiel, dass wesentliche Schnittformen der höfischen Herrenkleidung des 18. Jahrhunderts, die bestickte Vorderfront der Weste und des Justaucorps, die Form und die Position der Taschenklappen, des Kragens, der Ärmelaufschläge und der umstickten Knopflöcher, fast identisch bei den Galauniformen wiederkehren, die man sich nach der Reichsgründung 1871 für alle höheren Beamten ausgedacht hatte. Nur die Materialien waren im 18. Jahrhundert besser, und die Westen bunter, aber das Bedürfnis nach Prunk und Repräsentation offenbar noch immer dasselbe.

Hier noch einige Bilder von interessanten Details, die trotz des schlechten Lichts etwas geworden sind:  


Das ist ein Spenzerjäckchen aus dunkelgrüner Seide von etwa 1815. Der oben gepuffte Ärmel galt als "altdeutsch" und zitiert die Mode aus der Zeit des Dreißigjährigen Krieges. Die mäandernde Verzierung fand ich sehr interessant, wobei ich leider nicht erkennen konnte, wie sie gearbeitet wurde: möglicherweise ist das ein verstürzter Schrägstreifen, also quasi ein Spaghettiträger. Möglicherweise hat dieser Schrägstreifen auch noch eine Schnurfüllung. Er wurde wohl von der Rückseite her aufgenäht, man sieht von vorne keinen einzigen Stich.


Diesen Überzieher aus Seide von ca. 1850/1860 fotografierte ich zur Ermutigung aller SelbermacherInnen, die immer wieder mit ihrem Perfektionismus hadern. Wie die Tafel zu diesem Stück erläutert, gehörten solche Überzieher zu den ersten Kleidungsstücken, die man als Konfektion fix und fertig von der Stange kaufen konnte, weil es nicht so sehr auf die Passform ankam. Dieser Überzieher hier wurde aber, schätze ich, selber gemacht. Schaut euch mal die Verzierungen auf der Vorderseite genau an. Sie bestehen aus moosgrünem Samt, der mit einer grünen Borte umrandet wurde - und ja, sie sind wirklich alle nur ungefähr gleich geformt.


Zuletzt noch eine Trachtenstrickjacke von 1940, die Vorderkanten mit den Knopflöchern wurden umhäkelt, die Blumen sind aufgestickt. Eine modische Abwandlung des Trachtenthemas, und damit wären wir dann auch in der Gegenwart, denn nichts anderes machen wir Selbermach-Bloggerinnen ja gerade beim alpenländischen Knit-along.  

13 Kommentare:

  1. sehr interessant das alles.war sie sogenannte tracht nicht eher auch verbunden mit speziellen anlässen ? ich glaube die städter haben sich wohl eher in farbe und leuchtkraft der kleidung von der ländlichen bevölkerung abgesetzt. so wie heute eben auch. ist in der stadt einiges tragbarer als auf dem land ? ich denke gganz klar ja. das hat viel mit dem strukturellen umfeld zu tun denke ich.
    und die sehnsucht aufs land...die ist wohl so alt wie das land selbst...
    das alles kriegt allerdings in der heutigen zeit einen besonderen drall weil die globalisierung und die datennetzwerke immer schneller werden.
    aber als berta benz mit dem ersten fahrtüchtigem auto übers land fuhr um zu beweisen das es fährt, haben genau diese gedanken von einer schneller werdenden welt einige gedacht :))

    und in der landlust sind finde ich immer ganz gute rezepte drin ;))
    sehr schöner artikel !

    liebe grüße
    stella

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    1. Ja, mit der "Anlasskleidung" sprichst du was an: die Trachten zeigen nicht die Kleidung, die alltäglich bei der Arbeit getragen wurde. das waren Kleidungsstücke für besondere Anlässe, die in Museen gelandet sind.

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  2. Vielen Dank für den Bericht. Da will ich auch schon lange mal hin, nicht nur wegen der Kleidung, sondern auch wegen des Spielzeugs. So hat man gleich ein besseres Gefühl dafür, was einen erwartet.
    Das mit den Trachten für Touristen finde ich ja sehr beruhigend. Man denkt immer, nur die heutige Zeit produziert solche Scheinwelten. Und ich wurde wieder daran erninnert, dass ich für den Winter im Haus schon seit Jahren dringend einen gemütlichen Überzieher brauche. Das rücke ich gleich mal wieder hoch in der Liste.

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  3. Vielen Dank für diesen Tipp und den ausführlichen Bericht. Da möchte ich auf jeden Fall auch vorbei sehen und würde mich auch freuen, wenn ich dort andere Bloggerinnen treffen könnte.
    Mode und Tracht ist ja in der Geschichte nicht zu trennen. Mich interessiert insbesondere die regionale thüringische Tracht. Im Zeitfenster des sich Auflösend von Trachten hierzulande hat Frau Luise Gerbing viele Informationen und Stücke zusammengetragen. Ihr Buch wird oft als Quelle für Literatur über (regionale) Trachten herangezogen.
    Für Thüringer Alltagskleidung und Trachten gibt es eine Ausstellung im www.volkskundemuseum-erfurt.de mit vielen Leihgaben einer Frau aus Trusetal.
    An der Kleidung der Landbevölkerung für den Alltag interessieren mich die praktischen Beweggründe und Umsetzungen verbunden mit dem Bedürfnis nach Ausschmückungen durch Stickereien und Art der Verarbeitung. Wenn man Glück hat findet man vereinzelt noch bestickte Dinge Second hand ...
    LG Ute

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    1. Das Museum im Erfurt hört sich ja auch interessant an, Danke für den Tipp!
      Alltagskleidung vom Land findet sich ja eher selten bis nie im Museum - auch in Nürnberg sind das alles besondere Kleidungsstücke. Alles andere hat wohl nicht überlebt.

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  4. Danke schön! Das ist wirklich ein sehr interessanter Bericht! 😃👍
    Toll, was die Menschen damals schon zustande gebracht haben und wie sich die Kleidung weiter enrwickelt hat.
    Lieben Gruß
    Dani

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  5. "um 1900 funktionierte die Sehnsucht nach dem Einfachen und Urspünglichen schon genauso wie heute"
    Ich lese gerade Philip Blom: Der taumelnde Kontinent Europa 1900-1913, wo er in der Einleitung schon schrieb, dass unser Bild einer Gesellschaft, die in ihren überkommenden Strukturen nahezu erstickt, sich mit dem der Zeitgenossen überhaupt nicht deckt: die erlebten ihre Zeit als sich dauernd beschleunigend, auflösend und zerrissen, in anderen Worten stressig, insbesonders in den Städten. Es hat sich kaum etwas geändert... ausser der Kleidung??
    Danke für den schönen Bericht, in die Ecke Deutschlands komme ich nicht mal so.
    Und DANKE für den Überzieher und seine imperfekte Verzierungen. Darf ich jetzt sagen: Konfektion halt?!?
    MFG mhs alias ma-san

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    1. Ja, der technische Fortschritt und die Verstädterung hat die Leute um 1900 ganz schön verunsichert. Und die Wissenschaft: Bakterien, Atome, Röntgenstrahlen, lauter Sachen, die man nicht sehen kann, die aber trotzdem da sind. Autos, Fabriken, Umweltverschmutzung. Und dann auch noch Sozialdemokraten und Gewerksschaften.

      Dass die Sehnsucht nach dem Landleben ja eigentlich schon viel älter ist, ist mir neulich bei einem Besuch auf der Pfaueninsel aufgegangen: das ist ja ein Landschaftspark, gleichzeitig gab und gibt es dort auch ein paar Äcker und Weiden, Wasserbüffel und Schafe. Ein planvoll angelegtes Landidyll vom Ende des 18. Jahrhunderts.

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  6. Danke für den schönen Bericht.
    Ich war leider noch nie im Germanischen Nationalmuseum, muss aber unbedingt dorthin. Kenne einige der Exponate aus Katalogen, sie haben wirklich eine wunderschöne Sammlung.
    Und eine kleine Anmerkung, weil du wiederholt auf das schlechte Licht zu sprechen kamst: Textilien sind sehr lichtempfindlich, weshalb sie in Museen nur bei maximal 50 Lux präsentiert werden sollten, um dauerhafte Schäden (Ausbleichen, brüchig werden) zu vermeiden. Das ist dann für den Besucher nicht so optimal, weil man die Stücke nicht gut ausleuchten kann, aber so ist gewährleistet, dass auch spätere Generationen noch Freude an den Sachen haben können (ich bin Kunsthistorikerin mit Schwerpunkt auf Textilien, deshalb. Sorry, die Lichtsache hört man eben immer wieder, deshalb musste ich da kurz was zu schreiben)

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    1. Ja, das hätte ich anders formulieren sollen! Ich weiß ja, dass es konservatorischen Gründen nicht möglich ist, die Sachen in hellem Licht zu präsentieren, das ist wohl nicht so gut rübergekommen. Wobei es mir in dieser Ausstellung im Vergleich zu anderen wirklich sehr dunkel vorkam. Die Ausstellung letztes Jahr im DHM kam mir insgesamt heller vor - aber das kann natürlich täuschen, ist ein ganz subjektiver Eindruck. Ich war an einem sehr dunklen Tag mit Dauerregen in Nürnberg, der Raum bekommt auch etwas abgedämpftes natürliches Licht, und das war bei dem Wetter so gut wie nicht vorhanden.

      viele Grüße!
      (Und: Kunsthistorikerin mit Schwerpunkt Textilien hört sich wie die beste Berufswahl überhaupt an. Wieso bin ich damals nicht darauf gekommen, sowas zu studieren?)

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    2. Ach ja: Und viel, viel Erfolg bei der Jobsuche!!

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    3. Ja, es kommt sehr drauf an, wie das Museum mit dem Problem umgeht. Eine Stiftung hier in der Nähe (Abegg-Stiftung Riggisberg) hat die Wände alle Hellgrau gefärbt und das Licht kommt durch eine lichtdurchlässige Decke, man würde nie denken, dass der Raum nur 50 Lux hat.
      Das Studienangebot ist halt sehr klein, den Studiengang in der Art gibt es nur hier in Bern und auch erst seit 2010, bin dafür aus dem Ruhrgebiet hergezogen.
      Achja, Jobsuche, da sprichst du was an :-) Naja, noch bin ich zuversichtlich. ;-)

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  7. Sehr interessant, wie immer! Die Verzierung des Spenzerjäckchens kenne ich unter dem englischen Begriff "couching", was ich irgendwann in diesem Leben auch ausprobieren will.

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Vielen Dank für deinen Kommentar!