Montag, 7. Oktober 2013

Woche 40


Erst das Vergnügen, und dann.... Der 3. Oktober führte uns bei herrlichem Herbstwetter auf einen langen Spaziergang durch Kreuzberg, in den Prinzessinnengarten. Die Brachfläche wurde in den letzten Jahren in einen gemeinschaftlich bewirtschafteten Gemüsegarten mit Hochbeeten und einem Gartencafé verwandelt, es gibt aber immer noch wunderbar verwunschene, zugewachsene Ecken mit Schaukeln zwischen den Bäumen. Am Donnerstag begann im Garten eine Freiluftausstellung zum Thema Freigebigkeit (noch bis zum 10. 10.).

Ich tat mich schwer, die 25 Kunstwerke zu entdecken: Wenn in einem Beet, einem Blumentopf oder im Boden ein kleines weißes Schild mit dem Namen des Künstlers und des Kunstwerks steckte, dann war ein Ausstellungsobjekt nicht weit - aber wohin sollte man schauen? Geradeaus, nach oben, auf den Boden? Ich suchte also nach Dingen, die vermutlich nicht in einen Garten gehören, und entdeckte so einiges: ein gespanntes Seil zwischen den Bäumen - kein Kunstwerk. Eine interessante Spalierkonstruktion aus Regenrohren - kein Kunstwerk, da mit Erdbeeren bepflanzt. Ein laufender Fernseher, der ein verschwommenes Video zeigte, zwischen Tomatenpflanzen: Kunst! Der Zweck der üblichen Präsentationsweise von Kunst in Museen und Galerien mit weißen Wänden ist mir selten so deutlich geworden: man weiß wenigstens sofort, womit man es zu tun hat. Lustige Dialoge hörte ich mit an: "Ist das auch Kunst?" - "Nein, das ist ein Sessel, setz' dich doch da mal drauf."

Wir landeten zuletzt bei Kaffee und selbstgebackenem Kuchen bei Fräulein Wild in der Dresdener Straße, einem pfefferminzgrünen Mädchencafé unmittelbar hinter dem Neuen Kreuzberger Zentrum.


Das weit weniger stilvolle Kaffeetrinken am Samstag war sehr hart erarbeitet. Es ist nämlich so: Es zieht durch die alten Doppelfenster in unserem Wohnzimmer. Stoff für Vorhänge hatten wir schon für über einem Jahr gekauft, ich fand ihn letzte Woche zufällig wieder. Der Plan stand felsenfest: einen weiteren Winter ohne Vorhänge sollte es nicht geben! Am Freitag verbrachte der Liebste einen nicht unerheblichen Teil seines freien Tags im Baumarkt, verglich Vorhangstangen und kalkulierte die Preise von Vorhangstangen im Baukastensystem im Vergleich zu Vorhangstangensets. Wenn ihr denkt, dass Kompatibilitätsfragen bei Staubsaugerbeuteln oder Handyladekabeln ein Problem sind, dann habt ihr noch keine Vorhangstangen gekauft. Wobei, leidlich passende, nur etwas zu lange Stangen gab es, aber das Vorhangringsystem, bei dem der Vorhang mit kleinen, stabilen Metallklämmerchen gehalten wird, gibt es anscheinend nur bei Ikea. 

Und es gibt nichts Schlimmeres als Ikea am Brückenwochenendsamstag, außer vielleicht Ikea an einem Adventssamstag. Nach einer nicht ganz so kurzen Anreise in eine bis auf die Menschen mit Ikea-Taschen entvölkert wirkende Gegend Lichtenbergs, standen wir in der Gardinenabteilung. Es gab zwar hunderte 20 mm-Gardinenstangen in allen Farben und Längen, aber keinen einzigen dazu passenden Gardinenring. Keine einzigen. Ich zog für einige Sekunden einen Trotzanfall mit Hinwerfen und Brüllen in Erwägung, aber das hat ja noch nie geholfen. Die durchschnittliche Ikea-Kundin tröstet sich in einer solchen Situation mit bedruckten Muffinförmchen, Kerzen oder Kissenbezügen. Aber nicht mit mir. Wahrscheinlich bin ich eine lebende Anomalie, weil das Ikea-Prinzip - mehr kaufen, als man eigentlich jemals haben wollte - bei mir nicht verfängt, ich kaufe da immer weniger, als ich eigentlich vorhatte. Wir eilten also zum Ausgang, ließen uns weder von der Stoffabteilung (ich), noch von Paletten mit Massivholzschneidbrettern, Edelstahltöpfen und Fleischklopfern aufhalten (er), überwanden zuletzt einen Kubikmeter grüner Papierservietten und fanden nach 200 Metern querfeldein über eine holprige Wiese einen Baumarkt.

Dort erstanden wir Gardinenringe mit Plastikhäkchen und eine Packung Metallgardinenklammern mit Metallhaken für Drahtseile, die zuhause mittels einer Flachzange anstelle der Plastikhäkchen an die Ringe gefummelt wurden. Nach ein paar Stunden mit Absägen der Gardinenstangen, Messen, Bohren, Schrauben, Fummeln, Nähen, haben wir jetzt Vorhänge! Aus petrolblauem Wollstoff! Ich versteh' zwar nicht, warum der Kapitalismus die Versorgung mit Gardinenstangen und -ringen nicht geregelt kriegt, aber Kaffee kann er. Sogar in der Cafeteria des Baumarkts am Rande des Universums steht eine Espressomaschine.


Und nun noch die Handarbeitslinks der Woche:

 

Zum Stricken: Am Mittwoch erscheint ein Strick-Sonderheft von Burda, mit anfängertauglichen Strickanleitungen, wie es auf den kleinen Ausschnitten hier aussieht. Ich werde mal reinblättern, die Stricksachen, die früher ab und zu im Burda-Schnittmusterheft dabei waren, haben mir meistens ganz gut gefallen.

Zum Nähen: Die übercoole kleine Schnittmusterfirma by hand London brachte einen kostenlosen Downloadschnitt heraus: das Schnittmuster für das Polly-Top kann hier angefordert werden. Ihr bekommt dann eine Mail mit einem Downloadlink. 

Zum sich-bestätigt-Fühlen: Über das Wechselbad von Erwartung - Enttäuschung - neu aufgebauter Erwartung, neuer Enttäuschung und mühsam erarbeiteter Ergebniszufriedenheit beim Nähen eines Kleidungsstücks hatte Katharina vor einigen Wochen sinniert. Mir scheint, das Phänomen ist universell: Kathryn von yes i like that fasste die Phasen des Nähprozesses nun in einer hochwissenschaftlichen Graphik zusammen. Wir sehen: es ist vollkommen normal, das Planen zu mögen, die Vorbereitungsarbeiten zu verabscheuen und fertiggestellte Kleidungsstücke bis zum ersten Kompliment allenfalls mittelmäßig zu finden.

Zum Anschauen: Ein Musikvideo, in dem Nähzubehör die Hauptrolle spielt.

Zum Anschauen II: Am Mittwoch um 20.15 Uhr beginnt bei ProSieben die neue Castingshow Fashion Hero. Ähnlich wie bei Project Runway aus den USA müssen junge Modedesignerinnen und -designer Wochenaufgaben lösen, ihre Entwürfe werden von einer Jury beurteilt, jedes Mal fliegen welche raus, und am Ende bleibt eine(r) übrig. Da zu Anfang 21 KandidatInnen gegeneinander antreten - wie soll der Zuschauer bitte so viele Leute auseinander halten? - nehme ich nicht an, dass der Design- und Herstellungsprozess allzu viel Raum eingeräumt werden wird, aber vielleicht ist es ja trotzdem ganz lustig.   

17 Kommentare:

  1. Hihi. Ach mensch, deine Alltagsbetrachtungen sind auch Gold wert. Gardinenstangen sind tatsächlich ein Riesenproblem, wir leben hier auch noch mit durchhängenden Seilen mangels Alternativen. Ich wollte Kupferrohre aus dem Baumarkt, aber da sind ja die Chinesen so hinterher. Tausenderpacks Servietten nahm ich bei Ikea immer gern mit, bis ich einmal dicke weiße Maden in einer Packung fand. Seit dem bin ich geheilt.
    Hast du in den Prinzessinnengärten den Bereich mit den Färberpflanzen gesehen? Lehrreich. Aber jetzt ist wahrscheinlich nicht mehr viel zu sehen.

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    1. Maden?? Da will man wirklich nicht wissen, wie es zu sowas kommen kann...
      Ja, die Färberpflanzen hab ich gesehen - die müssen aber noch eine Weile wachsen, ehe man dort genug ernten kann. Wahrscheinlich lohnt es sich, nächstes Jahr mal nach Färbeworkshops dort im Garten Ausschau zu halten, ich nehme an, dass die Pflanzen auch verarbeitet werden sollen.

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  2. Gardinenstangen, gottseidank haben wir nur eine, halt zwei. Eine hängt inzwischen leicht durch, mal sehen wann das Fenster gar nicht mehr aufgeht... die andere Gardine ist mit einem Metallseil befestigt. Gut, dass bei uns vorhanglos geht, ich bin echt keine Freundin von Ikea oder Baumarkt, das überfordert mich total.
    Fashion Hero: Wie lange wohl bei mir das Grauen noch größer ist als die Neugier...
    Eigentlich ist ja klar, wie solche Sendungen gestrickt sind. Aber kann man so etwas machen, ohne wenigstens ein bisschen Handwerk (-skunst) zu zeigen?? Kann man?? Ich bin gespannt, eine Folge guck ich mir bestimmt mal an. Wobei ich irgendwie eher sowas wie "halbnackte Frau zerreißt den Stoff im Frust mit eigenen Zähnen" erwarte. Ach, kennen wir das nicht alle ;)

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    1. Jaha, und sogar "halbnackt" trifft zu, sofern man vorher gerade beim Anprobieren war!

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  3. Die Gartenfotos sind ja wunderschön! Und ich bin froh, dass ich gerade keine Gardinen brauche (wir haben gar keine, aber praktische, gut isolierende Rollläden...). Das Burdastrickheft werde ich mir mal anschauen.
    Herzliche Grüße
    Sabine

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  4. Ich liebe die Graphik zum Nähprozess!
    Bei mir kommt dann noch eine Phase des Erschüttert-von-sich-Werfen des Projektes dazu, nach der 1. Anprobe bzw. dem ersten Bemerken von Fehlern oder Problemen. Führt zu wochenlanger Arbeitsverweigerung am Projekt. :-)

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    1. Stimmt, so eine Lagerungsphase unbestimmter Länge (potentiell unendlich) fehlt eigentlich in der Übersicht. Und auch die vorzeitige Abkürzung des Prozesses durch den Mülleimer.

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  5. Die Kurve ist super. Irgendwie erleichternd, dass es nicht nur mir so geht.
    Ich war letzte Woche Dienstag ganz entspannt bei Ikea. Werde wohl diese Woche nochmal fahren. Sag Bescheid, wenn du noch was brauchst. Mit den Ringen bist du jetzt versorgt?
    LG

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    1. Falls ich nochmal was brauche, wende ich mich an dich - oder wir fahren zusammen, du bist dann das Maskottchen, das durch seine Anwesenheit dafür sogrt, dass alles klappt.

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  6. Im Baumarkt gibts für die Kundschaft ein Wassergläschen zum Espresso und im Mädchencafe nicht? Unglaublich.

    Die Nähkurve schaut bei mir völlig anders aus- ich liebe zum Beispiel das Zuschneiden und herumtüfteln beim Schnittmachen. Ätzend finde ich die Entscheidung, WAS ich eigentlich nähen will. Und die Näherei selbst ist eigentlich auch Pflicht statt Kür. Bei Null ist das Aufräumen des Nähbereichs. Und das Suchen nach verschollenen Zutaten während des Nähens. Das dauert meist länger als das Zuschneiden selbst.

    Deine Einblicke in die Großstadtwirklichkeit finde ich Landei immer toll. Danke!!

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    1. Wo du wieder hingeguckt hast, aber hast vollkommen recht! Mit dem wasser meine ich.

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    2. Doch, im Mädchencafé gibt es kostenlos Wasser. Aber das muss man sich selbst an der Theke zapfen.

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    3. Aber dass der Baumarkt-Espresso so nett auf einem Tablettchen serviert wird, hat mich auch überrascht, und das für 1,30€.
      Zutaten suchen: furchtbar. Passiert leider fast jedes Mal und verdoppelt die Nähzeit.

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  7. Wo hast du denn dieses witzige Musikvideo aufgetrieben? Herrlich!!
    Und herzlichen Glückwunsch zum Überstehen der unglaublichen Vorhang-Queste ;-)
    Ciao
    Constance

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  8. Man denkt so eine simple Sache, aber je einfacher, um so verzwicketer habe ich das Gefühl.
    Schön zu lesen und ich bin immer überrascht, ob der Textfülle. Du mußt eine rasante Schreiberin sein.Da würde ich wohl Stunden sitzen mit meinen zwei Fingern.
    In der letzten Brigitte sind auch recht ordentlich Strickgeschichten als Extra dabei.die letzten jahre war das eher ne Lachnummer.
    VG kaze

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    1. Schreiben ist im Moment mein einziges Hobby ;-) Aber ich konnte nicht schlafen und saß Samstag Nacht bis fast halb fünf auf dem Sofa. Dann kamen die Leute aus der WG über uns aus dem Club zurück, und ich ging auch ins Bett.

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  9. Bei ziehenden Doppelfenstern bei Weissbach in der Hauptstraße Schaumstoffquader für die Fenster innen kaufen, ggf. noch Schaumstoffbänder unter die Fenster klemmen im Innenraum. Hat mich mal zehn Euro gekostet, aber dafür anstatt einer Heizkostennachzahlung eine Gutschrift eingebracht.

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