Sonntag, 12. Januar 2014

Auf meinem Nähtisch: Die Helgoland-Morgenjacke

"Ein Morgenmantel ist mehr als nur ein Kleidungsstück. Er ist schon fast eine Frage des Lebensstils. In einen hübschen, kleidsamen Morgenmantel gehüllt, läßt sich der Tag viel vergnügter beginnen." (Das große Buch vom Schneidern, München 1979, S. 256)

Wer wollte dem widersprechen, besonders seitdem hier, hier und hier wunderbare Morgenmäntel aufplöppten? Dass ich so ein Ding unbedingt brauche, wurde mir schon am zweiten Januar klar, beim Aufstehen früh um halb sieben, als ich wie immer irgendeine Strickjacke von dem Kleiderhaufen neben meinem Bett nahm und über den Pyjama zog. Wieso ich jahrelang ohne Morgenmäntel ausgekommen war - und vor allem, ohne diese gravierende textile Lücke überhaupt zu bemerken - ist mir nicht erklärlich.

Meinen letzten Morgenmantel besaß ich vor etlichen Jahren, als ich in einer Wohnung mit Ofenheizung und Klo auf halber Treppe wohnte. Er war allerdings keine Frage irgendeines Lebensstils, sondern eine Notwendigkeit. Nach dem Umzug in eine zentralbeheizte Bleibe wurde er bald ausgemustert. Wegen meiner Schusseligkeit am Morgen sind Kleidungsstücke mit weiten Ärmeln für mich in der Küche nicht besonders praktisch - ich sage nur: Marmeladenbrote, Butterstücke, fließendes Wasser. All das und noch mehr sammelte ich mit meinen weiten Ärmeln auf.

Mittlerweile aber hat sich mein Lebensstil tatsächlich verändert: für das Kaffeekochen am Morgen ist der Liebste zuständig, ich trinke nur noch. Ein Kurzurlaub auf Helgoland steht bevor und verlangt nach einer angemessenen Bekleidung beim stundenlangen Auf-dem-Sofa-sitzen-und-aufs-Meer-schauen.

Das 1979er-Modell aus dem Buch, aus dem auch das Eingangszitat stammt, hätte ich ja gerne genäht, aber 5, 20 Meter Cordsamt gibt das Stofflager nicht her.

Morgenmantel 1979
Im Lager fand ich einen schönen, schwer fallenden altrosa Viskosestoff mit Punkten in schwarz, türkis, grün und hellrosa, leider nur etwas über zwei Meter. Für einen Mantel reicht das nicht, aber für Schnitt 116 aus Burdastyle 12/2013, eine hüftlange Jacke, die als Kostümjacke oder als reguläre Oberbekleidung gedacht ist, zumindest legt Burdas Serviervorschlag das nahe. Aber das macht nichts - ich sehe in dem Schnittmuster eine elegante, halb-asiatische Morgenjacke.

Gestern, am Samstagabend, schnitt ich zu und nähte heute im Laufe des Nachmittags schon mal den Kragen. Kragen und Belege sind aus festem, schwarzen Baumwollsatin, so dass ich mir die Einlage sparen konnte.  

116 aus Burdastyle 12/2013
Ein bißchen kniffelig an dem Schnitt sind die unteren Ecken am Kragen und die Ecken am Ärmeleinsatz: Man muss dort die erste Naht genau an der Ecke enden lassen, den Stoff einschneiden und die Quernaht ebenfalls an der Ecke beginnen bzw. enden lassen. Da das beim Kragen wider Erwarten prima funktionierte, nähte ich gleich noch die Ärmel ein.

Ärmelecke von innen...
... und von außen
Der Stoff ist für den Schnitt ein Glücksfall: weich, legt sich gut in Form und lässt sich gut bügeln, franst aber nicht übermäßig. Ich bin mit dem Fortschritt jedenfalls schon sehr zufrieden. So ein Nähprojekt, bei dem es nicht so sehr auf die Passform ankommt, ist zwischendurch sowieso sehr entspannend: Nicht dauernd überlegen und anprobieren, sondern einfach alles mit 1,5 cm Nahtzugabe zuschneiden und stumpf zusammennähen. 

Unbedingt türkises  Futter
Nur für das Futter muss ich mir noch etwas überlegen. Ich hatte einen dicken, türkisen Jersey, so eine Art Sommerfrotttee, aus dem Lager gezogen, zufällig genau das gleiche Türkis wie die türkisen Punkte. Die Ärmel wollte ich mit einem Rest schwarzen Futterstoff füttern, den Korpus mit dem Jersey. Die Stoffe lagen ein paar Tage gemeinsam auf einem Stapel, und die Kombination Punkte - schwarz - türkis gefiel mir immer besser und besser. Oben habe ich mal demonstriert, wie das aussehen würde. Denn leider stellte ich am Samstag fest, dass der Jersey nur 1, 20 Meter breit liegt, viel zu wenig also. Mittlerweile bin ich so auf türkis fixiert, dass ich mir die Jacke ohne türkises Futter gar nicht mehr vorstellen kann. Da sehe ich noch einige Schwierigkeiten voraus, denn Stoff in Wunschfarbe kaufen funktioniert ja meistens überhaupt nicht.

17 Kommentare:

  1. Der Oberstoff ist schon mal superklasse ! Ich sehe Dich darin schon zum Sofa " lustwandeln " ... Schade , das mit dem Futter - türkis wär schon das Optimum . Bin gespannt , ob das Lager noch was hergibt , oder ob ein schneller Gang zum Markt einen pasenden Stoff herzaubert
    LG Dodo

    AntwortenLöschen
  2. Ha, genau mein Schnitt! Den habe ich auch auserkoren für einen Morgenmantel; mir fehlt jedoch noch der passende Stoff. Ich habe errechnet, dass mir zwei Größen kleiner als normalerweise ausreichen - bei dir auch?
    LG
    Siebensachen

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Ja, auf jeden Fall! Ich habe 38 zugeschnitten, was mir bei einer engen Bluse z. B. um die Brust herum einen Tick zu eng wäre - hier ist es sehr, sehr reichlich. Als Kostümjacke, so wie es im Heft abgebildet ist, könnte ich das nicht tragen, bzw. das würde wirklich nicht gut aussehen. Als Morgenmantel ist es in Ordnung, 36 hätte aber ohne weiteres auch ausgereicht.

      Löschen
  3. Oh wow, tolles projekt und die Farbkombi ist toll. Ich kann verstehen, dass es nun unbedingt türkis sein soll. ich hoffe, du findest eine Lösung!
    Lg Anna

    AntwortenLöschen
  4. Das sieht schon sehr schick aus. Der Blick ins türkise Rückenfutter ist so schön, dass ich auch in Erwägung ziehen würde, Rücken und Vorderteile in unterschiedlicher Farbe zu füttern. Nur die richtige Qualität und nicht auch die richtige Farbe finden zu müssen erhöht vermutlich auch die Chancen, was Passendes aufzutreiben. Helgoland wird staunen!
    LG, Bele

    AntwortenLöschen
  5. "Textile Lücke"! genau. Und es wird kein Zurück mehr geben, sobald diese Lücke geschlossen wurde. Und ein bißchen Hanbok kann ich auch erkennen.
    Für meinen Mantel haben 2m bei 1,40m Breite ausgereicht. Ganz im Ernst würde mich interessieren, wo die 79-er Burda die 5m Stoff hinverarbeitet. Eventuell haben die sich stofffressende raffinierte Fadenläufe für den Cordsamt ausgedacht....
    LG

    AntwortenLöschen
  6. Wunderschöne Farben sind das! Und die Morgenmäntel aus den 70er-Burdas finde ich auch seeeehr glamourös. Ich denke, die 5,20m kommen zusammen, weil der Stoff nur 90cm breit liegt oder so, richtig?
    Und ja, Hanbok sehe ich auch. Ein gutes Projekt zum Eingrooven.
    Liebe Grüße,
    Nastjusha

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. 90cm schmaler Stoff und dann ein bodenlanger, ausgestellter Morgenmantel, da kommen schnell über 5 Meter zusammen.

      Löschen
  7. Hach, der wird schön. Egal mit welchem Futter.
    Ich bin ja nicht so wagemutig und würde ihn wahrscheinlich passend zu den grünen oder rosa Punkten füttern. Aber die türkise Farbe macht den Betrachter morgens bestimmt schnell wach. (Ich persönlich würde allerdings eine Sonnenbrille brauchen. Aber zum Glück bin ich ja kein Maßstab, sonst wäre diese Welt viel weniger bunt.)

    Bin gespannt, wie die Futterstory endet.

    Liebe Grüße,
    Henriette

    AntwortenLöschen
  8. Eas ausgesuchte Modell ist Klasse dafür. Die eingesetzte Kragenblende gefällt mir sehr. Vielleicht findest du ja schwarz mit türkiser Musterung. Ich wünsche viel Glück bei der Suche und im Notfall, kann man doch auch das Rückenstück in Türkis machen und die meist nichtsichtbaren Seitenfutterteile in einem anderen Stoff, so bist du optisch bei der Kombi, die dein Herz sich wünscht..morgenfrische Grüße kaze

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Ja, das mache ich wahrscheinlich so - für das Jerseystück habe ich sowieso keine anderen Pläne.

      Löschen
  9. Ja das türkise Futter solltest du unbedingt integrieren. Notfalls kannst du stückeln, das ist dann die tatsächliche Herausforderung bei der "stumpfen Zusammennäherei". Eine versteckte Challenge, das ist doch mal was!

    Die Morgenmanteldichte in Berlin ist je echt hoch- hat das irgendeine tieferliegende Bedeutung? Pyjama, Morgenmantel und Petticoats unter rauschenden Kleidern- ist das eine hauptstädtische Bohème?

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Eine tieferliegende Bedeutung hat das für mich nicht - der Zusammenhang ist höchstens, dass das alles Kleidungsstücke sind, die man nicht oder nur sehr teuer kaufen kann. Pyjamas nähe ich mir schon seit Jahren, seitdem die von Tchibo nichts mehr taugen. Für Retrokleider bin ich ja nicht so zu haben, aber für den Morgenmantel sehe ich hier einen echten Bedarf. Und ich wüsste wirklich nicht, wo man sowas kaufen könnte, außer Frotteebademäntel gibt es nichts.

      Löschen
  10. Ich würde auch empfehlen zu stückeln. Vielleicht kriegst du ja Rücken- und Vorderteile aus dem türkisen Stoff zusammen und für die Ärmel kannst du ja was anderes nehmen.
    LG

    AntwortenLöschen
  11. Find ich ja toll das Morgenmantel-Projekt! Wirst Du jetzt zu einer Oblomova?
    Vielleicht nähe ich ja auch noch mal einen, meiner war bekanntlich eine never-ending-story!
    Doch er macht den Alltag schön gemütlich.
    LG schurrmurr

    AntwortenLöschen
  12. Das Stoffmuster ist ja enorm hübsch! Meine Mutter hat früher mit meinen Geschwistern und mir im Morgenmantel gefrühstückt. Der Morgenmantel war weiß und hatte an den (sehr weiten) Ärmeln immer braune Flecken, weil sie die Ärmel ständig in ihren Kaffee reingehängt hat. War lustig!

    AntwortenLöschen
  13. Ach, du gehst einfach zum Markt mit dem Vorsatz, Stoff in der Farbe der rosa oder gelben Pünktchen zu finden. Das wird sich leider als unmögliches Unterfangen herausstellen. Aber statt dessen wird dir ein türkiser Jersey begegnen, der - ist es denn möglich? - genau den Farbton der türkisen Tupfen triff und sei es nur um der Alliteration willen ^^
    Constance

    AntwortenLöschen

Vielen Dank für deinen Kommentar!