Mittwoch, 30. April 2014

Me made Mittwoch am 30. April - weils wichtig ist


Zuletzt habe nur noch selten am Me-made-Mittwoch teilgenommen, der wöchentlichen Versammlung gut gekleideter Frauen in selbst gemachten Sachen. Aus einer Reihe von Gründen: ich verwendete meine wenige Zeit lieber für andere Blogposts, bei denen ich nach meinem Gefühl mehr zu sagen und zu zeigen habe, als ein durchschnittliches Tagesoutfit. Der Blick von außen auf mich und auf frisch genähte Kleider und das Überprüfen, wie etwas von außen wirkt und ob die Wirkung mit dem Gefühl von innen übereinstimmt, war in der Anfangszeit des Me-made-Mittwoch neu und aufregend, mit der Zeit jedoch wurde diese Selbstüberprüfung immer seltener nötig, und so oft und schnell nähe ich ja auch nicht, so dass ich jeden Mittwoch etwas für andere Neues und Aufregendes zu zeigen hätte.

Memas Post am letzten Mittwoch, als sie über den Sinn der Mittwochsteilnahme für sich reflektierte, und die vielen Kommentarbeiträge dazu, in denen so viele gute Argumente genannt wurden, versetzten mir aber einen Schub, heute und in Zukunft wieder häufiger dabei zu sein.

Warum? Weil der Me-made-Mittwoch die Vernetzung derer ermöglicht, die ihre Kleider selber machen, weil er es Blog-Neulingen ermöglicht, andere Bloggerinnen auf der gleichen Wellenlänge zu finden und selber gefunden zu werden. Weil die Sammlung an Schnitten und Geschmäckern und Ideen andere Selbermacherinnen beflügeln und Nähanfängerinnen ermutigen kann. Weil die Vielfalt an Kleider- und Körperformen, die dort Woche für Woche gezeigt wird, durchaus nicht dem entspricht, was ich sehe, wenn ich hier aus dem Fenster auf die Straße schaue, sondern bunter und individueller ist. Weil ich Mittwochs in den Blogbeiträgen eine Menge Frauen sehe, die stil- und bekleidungsmäßig bei sich angekommen oder auf einem guten Weg zu sich sind, sichtbar zufrieden und mit Spaß daran, sich passend zu bekleiden. Weil ich seit einer Begegnung mit einer jungen Journalistin letzte Woche der Meinung bin, wir Selbermacherinnen müssten eigentlich noch viel mehr missionieren gehen mit dem, was wir tun.

Am letzten Mittwoch wurde die MittwochsMasche, unser 14tägliches Stricktreffen, von einer Mitarbeiterin der Bild am Sonntag besucht, die für einen Beitrag unter dem Motto "Sehnsucht nach früher" unter anderem über Handarbeiten schreiben wollte. Was das Zusammenschrumpfen und schließlich Abschaffen jeglichen Handarbeitsunterrichts oder Textilen Werkens oder ähnlicher Fächer in den Schulen in den letzten Jahren tatsächlich bedeutet, war mir bislang nicht so klar: es bedeutet, dass ein ganz grobes Wissen über den Unterschied von Stricken, Häkeln und Weben und über die grundlegenden Herstellungsprozesse von Textilien nicht mehr als Allgemeinbildung vorausgesetzt werden kann. Bei solchen Begegnungen kann unsereiner dann zwar mit den Augen rollen (mache ich auch - ich brauche das zur Zeit als seelischen Ausgleich, und wenn man über ein Thema schreiben will, könnte man ein bißchen Vorrecherche schon voraussetzen) - aber danach müssen wir erklären und vermitteln. Wie kann sonst ein Bewusstsein über die wahren Kosten von Billigtextilien geschaffen werden, wie es der Fashion Revolution Day am vergangenen Donnerstag versuchte, wenn die durchschnittliche Konsumentin, der durchschnittliche Konsument vermutlich meint, ein maschinell gestrickter Pullover fiele irgendwo im fernen China fix und fertig aus dem Ausgabeschacht einer glänzenden Maschine? Was in anderen Lebensbereichen schon funktioniert hat - niemand glaubt mehr ernsthaft, Milch käme aus dem Karton und Strom aus der Steckdose - kann in Bezug auf Textilien nur funktionieren, wenn überhaupt ein Grundwissen über den Herstellungsprozess und die daran beteiligte Handarbeit von echten Menschen da ist. Und wer kann das der Welt erklären, wenn nicht wir?             


Deshalb gibt es heute ein vollkommen durchschnittliches Alltagsoutfit mit lauter alten bis uralten Sachen, morgens genau richtig, mittags zu warm, ihr kennt das, dokumentiert mit den zwei besten von insgesamt vier Selbstauslöserbildern: Strickjacke aus grüner Sockenwolle nach eigener Berechnung vom April letzten Jahres, älteres selbstgenähtes Ringeltshirt (Burda-Standardschnitt) und 10-Bahnen-Rock mit Passe aus einem Burdaheft vom Herbst 2005 (ergänzt: 118 aus Heft 9/2005, den Schnitt gibt es auch in einer wadenlangen Version), genäht 2005 oder 2006.    

Und bevor ich morgen wieder versuche, die Welt zu retten (jeden Tag ein bißchen), gehe ich jetzt erstmal zurück an das Kapitel des Grauens, das auf dem Schreibtisch liegt, verweise als weltrettende Pausenlektüre auf den Beitrag von Mema zum Fashion Revolution Day und auf frifris inside-out-Experiment und natürlich immer und jederzeit auf den heutigen Me made Mittwoch. Einen schönen Feiertag morgen!

17 Kommentare:

  1. So ist es wohl, ich finde das Selbermachen eine tolle Sache, seinen Stil finden bei sich ankommen, nicht in der Masse sondern mit Stil und Klasse. Ich mache oft nicht mit, da ich irgendwie der Meinung bin das zum MMM mehr schicke Kleider und so gehören. Die ich toll finde, selber auch immer wieder nähe aber leider nicht genügend Gelegenheit zum tragen habe. Heute war ich mir eigentlich auch unsicher ob es passt... zum anderen regen mich meine Selfis oft so auf das ich aufgebe und auf einen Fotografen am Abend warte, dann ist halt der MMM schon so gut wie vorbei....
    glG Melanie

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  2. Danke für den Text und den Link zu Mema , den Post hatte ich wegen Urlaub glatt verpasst.
    Ich finde den Me Made Mittwoch nach wie vor sehr einzigartig, auch ich sehe auf den Straßen selten so individuell gekleidete Frauen. Gerade die durchschnittlichen Alltagsoutfits finde toll, mein Leben hat vielmehr Alltag, als rauschende Ballnächte. Von daher ist das Ziel für mich, jeden Tag ein bisschen schick mit möglichst wenig Zeitaufwand. Du bist heute sehr alltagsschick, vor allem weil es eine solche grüne Jacke in genau dieser Farbe , die auch noch passt, nirgendwo zu kaufen gibt.
    Viele Grüße
    Sylvia

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  3. Danke für dein Alltags-Outfit und für deinen anregenden Beitrag! Ich hoffe, wir überzeugten Selbermacherinnen können Stück für Stück mehr Leute begeistern - gefällt mir persönlich besser als missionieren - und mit der Liebe zum Selbermachen anstecken!!!

    Und übrigens bin ich schon sehr gespannt, was besagte Journalistin nun schreiben wird ;-)

    Liebe Grüße vom anderen Ende Berlins
    Constance

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  4. Die gleichen Gedanken zum MMM hatte ich auch schon. Ich bin auch nicht regelmäßig dabei, vor allem weil ich gar nicht die Zeit habe, meine Outfits jede Woche zu dokumentieren.

    Dein Jäckchen ist echt schön. Ich liebe die Farbe, und das Muster erst - als jemand, der nicht stricken kann, bin ich da etwas neidisch.

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  5. Wohl wahr. So hatte ich das gar nicht gesehen, aber jetzt bin ich richtig traurig drum, dass sowas in der Schule heutzutage (auch schon zu meiner Zeit) gar nicht mehr beigebracht wird. Ohne Interesse daran wird also niemand auch nur eine minikleine Ahnung davon bekommen, was es bedeutet, Klamotten selbst herzustellen.
    Das erklärt natürlich auch die immer wiederkehrenden Fragen, ob eine denn nicht auch etwas für eine nähen/stricken könne.
    Liebe Grüße

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  6. Und ich mag die grüne Strickjacke so sehr! Wie schön, deine Worte zum mmm und zum selber machen allgemein. Ich denke auch, einmal ein Shirt selber genäht und ich kann viel mehr Wertschätzung den Menschen und ihren Produkten entgegen bringen, die all die Klamottenberge für uns nähen müssen. (Und fällt mir gerade ein, mein Sohn hatte mal im Grundschulzeugnis stehen: Du zeigst für das Fach textiles Gestalten besonderes Interesse, da ging mir das Herz auf.) LG Ottilie

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  7. Ach Lucy, Du kannst das Ganze einfach so gut beschreiben, ausdrücken und in Worte fassen. Da bleibt mir oft der Atem stehen.

    Überhaupt wird in Schulen nicht nur der Handarbeitsunterricht/ Werken weggestrichen sondern oft auch der Musikunterricht. Aber das ist ja wieder ein anderes Thema ...

    DANKE für Deine treffenden Worte!!!
    viele Grüsse

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  8. Schön, dass du wieder dabei bist! Gefällt mir gut dein Outfit mit dem Mustermix und die Strickjacke hat auch eine tolle frühlingshafte Farbe!

    Ich finde nicht, dass man jeden Mittwoch etwas Neues präsentieren muss. Gerade interessant finde ich, wie jemand die gleichen Teile immer wieder neu kombiniert. Schließlich hat jeder von uns einen begrenzten Kleiderschrank und auch nicht unendlich Nähzeit. Deshalb finde ich es toll, wenn jeder Outfits aus dem wahren Alltag zeigt. Viele Modeblogs finde ich dagegen künstlich, denn meist ist das gezeigte nicht im Alltag tragbar und ich frag mich immer, wie die die unendlich vielen Designerteile finanzieren. Da ist mir der Me-Made-Mittwoch tausendmal lieber!

    Ich wünsche dir einen schönen 1. Mai!

    Liebe Grüße
    Julia

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  9. Herzlichen Dank für deinen Post!
    Und du sprichst mir aus der Seele wenn du über den Wissensverlust und den Mangel an Wahrnehmung sprichst: Als ich vor zwei Jahren ein Praktikum in einem Textilmuseum machte, fragte mich eine Bekannte meiner Gastmutter, ob es das heute noch gäbe, weben und so. Als ich ihr dann sagte, dass all ihre Kleidung ein Gewebe oder Maschenware ist, jedenfalls aus Einzelfäden besteht, schaute sie mich völlig fassungslos an und man konnte die Erkenntnis förmllich dämmern sehen. Und die Gute war über 60! Das lies mich dann ebenso fassungslos realisieren, wie wenig Gedanken sich manche Menschen machen.
    Liebe Grüsse, ette

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  10. Prima Argumentation, warum es sich lohnt, beim MMM mitzumachen.
    Dein Alltagsoutfit ist ganz wunderbar, besonders dein grünes Strickjäckchen gefällt mir ausgezeichnet.
    LG von Susanne

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  11. Liebe Lucy, genau aus den von Dir beschriebenen Gründen mache ich beim MMM mit. Anfangs war es nur die Suche nach Inspiration, da ich noch nicht so lange für mich selbst Kleidung nähe. Aber zu sehen, wie Andere aus den gleichen Schnitten kleine Wunderwerke zaubern, und diese immer wieder anders kombiniert zu sehen, ist das Größte am MeMadeMittwoch für mich. Dass es immer etwas Neues sein muss, finde ich nicht, aber da ich noch keine Memade-Grundgarderobe habe, zeige ich so lange halt immer noch was Neues.
    Dass die Handarbeits-und Werksstunden aus dem Schulplan gestrichen wurden, finde ich persönlich sehr schade. Die Tochter einer Freundin hatte mich mal gebeten, ihr das Häkeln beizubringen, aber sie hat es nicht lange durchgehalten. Dass so kein Verständnis für die Textilherstellung aufkommen kann, ist doch nur logisch. Bin mal gespannt, was dann später tatsächlich in der BILD stehen wird.
    LG Petra

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  12. Ich muss dir auch recht geben. In letzter Zeit habe ích auch aus verschiedensten Gründen beim MMM geschwänzt, werde das aber in Zukunft ändern.

    Deine Strickjacke sieht übrigens ganz fantastisch aus.

    Liebe Grüße
    Evelyn

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  13. Sehr , sehr schöner Post . Ich bin auch immer baff , dass Du die Worte schreibst , die viele von uns zwar denken aber nicht formulieren können . Und genau ! Deshalb ist der MMM wichtig - nicht wegen der Selbstbeschau , sondern wegen der Inspiration und vor allem um zu erkennen , (und das stellt sich unweigerlich beim Lesen ein) , dass die reale Welt der Frauen sehr vielfältig ist , dass jede für sich irgendwas Schönes hat , und dass das absolut nicht das ist , was uns in jeglicher Art von Medien gezeigt und als non plus ultra weissgemacht wird . Und dass wir bitte aufhören , uns an den total irrealen , weil bearbeiteten , Bildern von Frauen zu orientieren .
    liebe Grüsse Dodo

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  14. Vielen Dank für den Beitrag und auch danke für das "alltägliche" Outfit, dass du uns heute zeigst. Eine Wahrnehmung heute: ich hatte ein Arbeitstreffen, an dem noch ca. 14 andere Frauen teilnahmen. Alle Frauen trugen Hosen, bis auf 2 alle Jeans. Ich guckte mich so um und kam mir mit genähtem bunten Rock und in gestrickter lila Jacke immer wieder wie ein bunter Vogel vor. Es war nicht nur angenehm aber noch wichtiger ist mir inzwischen, dass ich trage, was mir gefällt. Und ja, das fällt auf. Ich trage auch Jeans, aber mittlerweile nur dann, wenn es grad praktischer ist oder ich es eben möchte. Und meistens ziehe ich Röcke vor.
    Ich freue mich immer, wenn nicht nur neue Kleidungsstücke gezeigt werden. Und deine kenne ich mit Sicherheit noch nicht alle :-))
    Einen schönen 1. Mai wünsche ich dir und liebe Grüße,
    Luise

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  15. Du hast sooo recht!
    Solange ich selbst Dinge produziere, ob gestrickt, genäht, gestickt, gehäkelt oder geklöppelt, werde ich dafür auch "komisch" angeguckt. Auch deshalb ist der MeMadeMittwoch wichtig - wir sind nicht allein!
    Ich finde, Du machst immer superschöne Sachen!
    LG zum 1. Mai!
    Birgit

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  16. Danke für die Worte! Ich dürfte mich als Nicht-Bloggerin und entsprechend Nicht-MMMlerin ja gar nicht äußern, will aber trotzdem alle ermuntern, weiter aktiv zu bleiben. Beruflich bedingt spreche ich sehr viel mit (tatsächlich immer unbedarfter werdenden) Menschen über Textilien, Kleidung und textile Techniken und wenn ich nur das leiseste Interesse am Selbernähen vermute, verweise ich auf den MMM. Das wöchentliche Treffen ist Inspiration pur und sollte für Jede (am Jeden arbeiten wir noch, nicht wahr?!) etwas Neues bieten können.
    Ich missioniere wirklich mit Leidenschaft, aber es freut mich auch sehr, in unserem Kreis Gesprächspartner zu haben, bei denen man nicht immer "im Urschlamm" mit den Erklärungen beginnen muss...
    Und jetzt zurück an meinen Schreibtisch zur Kleidung der Ägypter... Diese tollen Plissees! Auch da wieder: Inspiration pur!
    LG, Bele

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  17. Ach herrje, ganz vergessen: Ein besonders schönes Outfit, das zeigt, wie gut man Dinge auch länger als eine Saison tragen kann! Bele

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Vielen Dank für deinen Kommentar!