Sonntag, 25. Mai 2014

Stoffspielerei im Mai: Negativapplikation im Alabama-Chanin-Stil


Also ehrlich: das ging viel schneller als erwartet. Das Thema für die Stoffspielerei hatte Griselda schon Ende März vorgeschlagen, denn die handgenähten Techniken der Designerin Natalie Chanin sind zeitaufwendig. Ich hatte mir überlegt, aus vier alten Tshirts einen Vier-Bahnen-Rock nach dem Schnitt aus dem Buch Alabama Studio Sewing + Design zu machen und ihn mit Negativapplikationen zu verzieren. Über den Fortschritt und die einzelnen Arbeitsschritte hatte ich hier, hier und hier schon einmal berichtet. Besonders toll: im Laufe der letzten 4 Wochen schlossen sich viele Mitnäherinnen an und posteten ihre Fortschritte. Bei Büchern wie diesen, in denen von Materialien die Rede ist, die es bei uns nicht oder unter ganz anderen Namen gibt, ist es wirklich nützlich, wenn man sich über die Technik austauschen kann. Und es gibt wie meistesn mehrere Wege zum Ziel.


Besonders das Übertragen des Musters auf die obere Stofflage mittels einer Schablone ist nicht so ganz einfach. Ich nahm Stofffarbe (die, die sowieso da war: Javana Textil in weiß und schwarz) und ein Schwämmchen, werde es beim nächsten Mal aber mit Sprühen probieren. Die Umrisse der Muster stickt man bei der Negativapplikation im Vorstich oder im Rückstich nach und schneidet danach das Innere der Motive vorsichtig aus, so dass die untere Stofflage sichtbar wird. Die Rockteile werden ebenfalls mit der Hand zusammengefügt.


Ich dachte darüber nach, den Rock einfach mit der Maschine zusammenzurattern - aber das fühlte sich falsch an, sobald die Stickerei einmal angefangen war. Die sichtbaren Handnähte gehören zum Design dazu, ein glattes, maschinelles Nahtfinish wäre ein Stilbruch. Für die Nähte und die Applikationen verwendete ich das Handqquiltgarn von Coats, doppelt eingefädelt. Es näht sich sehr angenehm damit, es ist sehr reißfest, griffig und matt und dröselt sich beim Handnähen nicht auf.


Der Bund ist mit Falzgummi eingefasst, das bildet bei allen Röcken von Alabama Chanin den Abschluss. Das Gummi näht man mit einem elastischen Stich an, Hexenstich, Kreuzstich oder wie hier mit einem Zickzackstich. Ich war zuerst skeptisch, ob sich eine Handnahtwirklich ausreichend mitdehnen würde - aber tatsächlich, es funktioniert.

 Das doppelte Jerseymaterial trägt sich sehr angenehm - es ist immer noch leicht elastisch und fällt sehr schön schwer, etwa so wie Romanitersey. Vor allem zeichnet sich nicht jeder Unterwäscherand darunter ab, das stört mich sonst oft an Jerseykleidern.

Die Rückseite

Wie lange das Nähen und Sticken letztlich gedauert hat, kann ich gar nicht so genau sagen. Nachdem das Muster aufschabloniert war und ich bei einem Nähtreffen drei Stunden gestickt hatte, rechnete ich den Zeitaufwand für den kompletten Rock auf etwa 25 Stunden hoch. Subjektiv gefühlt waren es bloß zweimal drei Stunden Nähtreffen, bei denen ich einen Großteil des Muster stickte und den grau-weißen Randstreifen annähte. Alles andere passierte immer mal wieder zwischendurch in kleinen Etappen. Wenn nämlich das Muster einmal übertragen ist, füllt man nur noch die Umrisse aus und kann ohne großes Nachdenken auch nur mal schnell zwischendurch zehn Minuten weitermachen, das ist wie Stricken oder wie Malen nach Zahlen.


Ich bin ganz zufrieden mit dem Rock und war schon kurz davor loszustürmen, und mir drei Meter schwarzen Jersey zu kaufen, um als nächstes einen bodenlangen Rock mit dichterem Muster zu nähen. Sowas ist z. B. ein gutes Urlaubsprojekt, weil man nur sehr wenig Werkzeug braucht, oder ein Langzeitprojekt, an dem man immer mal wieder ein bißchen weitermachen kann.

Mir gefällt die Lässigkeit der Jerseyteile, die aber durch die sichtbare Handarbeit geadelt werden. Natalie Chanin  hat mit ihren Designs und der Umsetzung mit modernen Materialien altbekannte handwerkliche Techniken der Stoffgestaltung auf eine neue Ebene gehoben. Denn im Grunde sind weder die Applikation noch die Negativapplikation oder die Stickstiche neue Erfindungen, nur das Wie und das Was ist anders als traditionelle Handarbeit, ohne aber handwerkliche Sorgfalt aufzugeben. Die Anleitungen in Natalie Chanins Büchern sind bis in die Details durchdacht und man merkt ihnen die langjährigen Erfahrung der Autorin an. Dass es darüber hinaus möglich ist, mit den Alabama-Chanin-Techniken Kleidungsstücke aus Jersey zu recyceln ist das i-Tüpfelchen dieser Designphilosophie. Für mein Projekt musste ich nur eine Rolle Handquiltgarn und 80 cm Einfassgummi kaufen - die Tshirts waren potentieller Textilmüll, der nun noch ein paar Jahre verwendet werden wird.

Die Beiträge zur Alabama-Chanin-Stoffspielerei sammelt Griselda heute und in den nächsten Tagen. Vielen Dank für die Idee - ohne diese Aktion hätte ich das Projekt nie in Angriff genommen.     

28 Kommentare:

  1. Ja, an dieses Sticheln kann man sich gewöhnen, ich finde, es hat etwas Entspannendes. Ich habe gelesen, dass die Alabama-Chanin-Techniken zunächst Möglichkeiten zur Schaffung von Arbeitsplätzen waren, das Projekt aber leider gescheitert ist. So ist es erfreulich, dass die Technik über das Internet und die Bücher eine weitere Verbreitung erfährt.
    Respekt für Deinen ganz von Hand genähten und gestichelten Rock, er ist sehr schön geworden und sicher auch alltagstauglich.
    LG Ute

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  2. Der Rock ist wunderschön geworden! Der könnte auch bei mir wohnen ^^

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  3. Der Rock ist wirklich schön geworden und so feine Handstiche , die kriege ich nicht hin .

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    1. Probier' es einfach mal! Die Stiche sind knapp 6 mm lang - das ist alles gar nicht so fein, das täuscht bestimmt nur durch die Fotos, weil der Maßstab fehlt. Auf der Alabama-Chanin-Webseite kann man sich ja unter http://www.alabamachanin.com/resources einige Vorlagen für Schablonen herunterladen - wenn man sich die Muster in Originalgröße anschaut, bekommt man einen besseren Eindruck. Das ist alles nicht so filigran, wie man vielleicht vom Foto her denkt.

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    2. Ich habe 2 Patchworkdecken zum handquilten und kriege die Stiche nicht gebacken . Stööhn .
      Haben und machen möcht ich schon ............Gestern habe ich schonmal ein Jerseyspanntuch gekauft , wenn solls ein Kleid werden . Fehlt noch der Jersey für obendrüber . Dann hätte ich das Zeug wenigsten Zuhause herumliegen .

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  4. Dein Rock gefällt mir sehr. Ein Glück, dass die alten Shirts farblich so ausfallen, dass ein stimmiges Neues entstehen konnte. Die helle Bordüre am unteren Rand finde ich auch eine gute Idee. Du sagst, du hast schabloniert, wie bei Alabama beschrieben, hast aber offenbar die Farbe wieder komplett weggeschnitten (jedenfalls sehe ich keine). Das war dann wohl so Absicht.
    Ich hoffe nun, dass du wirklich noch ein weiteres Modell machst und bin schon gespannt, es irgendwann zu sehen.
    LG
    Siebensachen

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    1. Die schablonierte Farbe sieht man auf den Bildern tatsächlich nicht mehr - ich habe ein Grau verwendet, das sehr ähnlich wie das Grau der oberen Stofflage ist, der Unterschied ist sehr subtil. Also es sind noch 2-3 mm breite Farbränder da, auf dem 3. Foto von oben sind sie vielleicht noch zu erahnen (oder ich sehe sie, weil ich weiß, dass sie da sind...).

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  5. Der Rock ist sehr schön geworden, insbesondere die weisse Blende dazu gefällt mir sehr gut. Bisher habe ich mich gescheut mit diesen Techniken einen Rock in Angriff zu nehmen, da ich nicht sicher war, ob der Rockbund mit dem angenähten Gummi ordentlich sitzt. Könntest Du evtl. auch noch ein Tragefoto einstellen? Ich würde zu gern sehen, wie das schöne Stück an der Frau aussieht.
    Liebe Grüße
    Antje

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    1. Ja, ein Tragefoto kommt baldmöglichst. Ich habe heute den Tag in diesem Rock verbracht - wunderbar, ungeheuer bequem, ganz weich. Das Einfassgummi habe ich mit leichtem Zug angenäht, beim nächsten Mal würde ich es mit noch etwas mehr Zug annähen, das war beim ersten Mal schlecht abzuschätzen, wie es sich verhält, wenn es angenäht ist.
      Bei einem längeren Rock (in den Büchern gibt es ja wunderschöne bodenlange Exemplare) hätte ich auch Bedenken, ob so ein schmales Gummi ausreicht, um den Rock oben zu halten, das ist dann schon ein anderes Stoffgewicht. Die Bundlösung ist so aber sehr elegant. Optisch gefällt mir das richtig gut.

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  6. Sieht tip top stark aus!!
    Irgendwann werde ich mich da auch mal dranmachen.
    Herzliche Sonntagsgrüße
    Petra

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  7. Tippe nicht auf einer Tastatur, daher fasse ich mich mal kürzer: wunderschön, tolle Farbkombination und die Blende finde ich wunderbar dazu. Jetzt fühle ich mich sehr banausig mit meinem Stümperwerk ;)
    Toll sieht das bei dir aus.

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  8. Du bist schon fertig- Kompliment ! Du hast soweit zurückgeschnitten, dass vom Druck nichts mehr zu sehen ist, oder gibt das nur mein Bildschirm so wieder? Toll, dass du das mit dem Gummi probiert hast. gestern war ich auf dem Holländischen Stoffmarkt in der Hoffnung solch einen Gummi zu erwerben, aber leider war ich nicht erfolgreich.
    Dein Text trifft es wieder sehr schön , ich finde auch diese Technik adelt jersey und die Dopplung hat echt Vorteile. wahrscheinlich werden wir nun öfter auf dieses Art recyceln.
    viele Grüße Karen

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    1. Man sieht die Farbe nur, wenn man weiß, dass sie da ist... Vielleicht erahnt man die Farbränder noch auf dem 3. Bild von oben.
      Dieses Einfassgummi scheint nicht so sehr verbreitet zu sein - beim Zubehör fürs Unterwäschenähen findet man das manchmal. Das Nähkontor hat gerade welches neu reinbekommen, daher könnte ich dir welches schicken, wenn du magst.

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    2. Danke dir. Das ist ganz lieb von dir, aber ich habe es bei dawanda gefunden in echt allen Farben. Mit dem richtige Fachbegriff kommt man hin.es gab diverse Dessousbänder auf dem Markt, aber eben nix zum falten.

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  9. Super, dass du das mit dem Bund schon ausprobiert hast, ich finde das nämlich such sehr dekorativ.
    Mir gefällt auch der schwere Fall der beiden Jerseylagen, die sind so dick aber trotzdem nicht so störrisch wie Romanit. Der Fall ist weicher, das muss man aber echt mal gesehen haben. So stelle ich mir die Vorteile einer handgequilteten Decke im Vergleich zu einem maschinengesteppten Quilt vor. Irgendwie flexibler in sich.
    Und wenn ich deine weiße Blende unten sehe wünsche ich mir einen handgenähten Rock nur aus Streifen, die mit einem dekorativen Steppstich verbunden sind.
    Selbstgenähte Blockstreifem, das wär was.
    Sticken ist das neue Stricken :)

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    1. Das ist eine prima Idee - Streifen, vielleicht mit verschiedenen Stichen verbunden. Das wäre das richtige Projekt für diejenigen, die sich mit Ornamenten nicht so anfreunden können. Die "random ruffle" aus dem Buch hat mir auch gut gefallen - ich dachte zuerst, ich mache etwas damit, also z. B. einen Rock, der dicht an dicht mit diesen Rüschen besetzt ist.

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    2. Nein Martine, Stricken ist und bleibt stricken!!! Aber sticken ist auch gut.

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    3. Ja, das mit den Streifen wäres für mich gewesen, kann mich mit den Ornamenten (für mich) nicht so anfreunden. Bei euch finde ich es toll.

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  10. Der Rock sieht prima aus. Der weiße Streifen ist noch einmal etwas besonderes dazu.
    lg monika

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  11. Sehr schön geworden - wow! Spannend auch eure Aktion, solche Stoffspielereien habe ich nämlich noch kaum gesehen, sie wirken wirklich toll, vor allem wenn man sie so schön genau macht wie du. Ich liebe solche kleine "Chnütterli"projekte wie Sticken o.ä., Kleidungsstücke wirken einfach anders, wenn solche Stoffspielereien handgemacht sind.

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  12. Der Knüller ist ja, dass auch das mit dem Einfassgummi per Hand geklappt hat. Wie schön, wirklich, da könnte man sich ein Projekt mitnehmen in eine Gegend, in der es noch nicht einmal Strom gibt. Nur für die Vorarbeiten muss man sich einen Ruck geben, danach wird es meditativ.
    Vielen Dank, dass Du und ihr alles so genau dokumentiert habt. Ich wäre bestimmt in einige Fallen getappt. Eure Ergebnisse sind wirklich sehenswert!

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  13. Die weiße Blende am Rock finde ich total klasse und passt super gut zum Muster dazu. Da ich normalerweise nicht so der Mustertyp bin, wäre das genau mein Ding. Ein Jersey mit einem dicken Blockstreifen in verschiedenen Mustern gestickt. Hach ich könnt schon wieder was Neues starten, aber erst muss mein Halsausschnitt noch korrigiert werden. Vielen Dank für deine detaillierten Ausführungen die du schon im Vorfeld gepostet hast.
    LG Mirella

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  14. Das ist ein tolles Projekt. Mal abgesehen von der gelungenen handwerklichen Ausführung finde ich es klasse, dass du alten T-Shirts ein neues Leben eingehaucht hast!
    Liebe Grüße
    Constance

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  15. Sieht einfach klasse aus, Applaus!!! :)
    Was man so aus ollen T-Shirst doch rausholen kann... erstaunlich...
    Mir gefällt der Kontrast mit dem roten Garn besonders gut. Elegant, aber nicht ganz Ton-in-Ton.

    Wie verhält sich das denn nach den ersten Maschinenwaschungen? Formstabil? Oder ist das eher was für die Handwäsche?

    Liebe Grüße
    Katrin

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    1. Das ist ziemlich robust. Ich habe den Rock auf links gedreht normal bei 40° gewaschen. Der untere Rand rollt sich ein bißchen ein, sonst ist er unverändert. Ich gehe davon aus, dass die Teile genauso pflegeleicht sind wie normal Baumwolltshirts.

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    2. Ach ja, Teile mit Perlenstickereien (gibt es auch oft bei Alabama Chanin) würde ich nicht in der Maschine waschen, klar.

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Vielen Dank für deinen Kommentar!