Samstag, 30. August 2014

Nahtzugabe unterwegs: München (mit der Cargo duffle bag nach noodlehead)


Vor ein paar Wochen verschlug es mich für ein Wochenende mal wieder nach München. Neben einer Geburtstagsfeier ließ sich in die zwei Tage noch ein sehr nettes Blind Date mit Steffi und etwas Shopping mit Nähbezug hineinquetschen, dazu aber später mehr. Zuerst möchte ich aber die hart erkämpfte Cargo duffle bag nach dem kostenlosen Schnittmuster von noodlehead zeigen. Hart erkämpft deshalb, weil ich ja eigentlich keine Taschen nähe und sowohl das Anfangen, als auch das Fertigstellen dieser Tasche ohne externe Motivation nicht möglich gewesen wäre.    


Die externe Motivation fürs Beginnen stellte sich durch die Quiltgruppe ein, denn wir hatten uns überlegt, gemeinsam Taschen zu nähen und uns für das noodlehead-Modell entschieden. Ich hatte mir eine zusätzliche Schwierigkeit auferlegt, weil ich die Hauptteile der Tasche aus einem Berg schriller Krawatten patchworkmäßig zusammensetzen wollte. Die Krawatten waren eine gut gemeinte Spende meiner Schwiegertante, die ich seit 2011 von einer Ecke in die andere schob: die Muster waren zwar interessant, aber zu dem furchtbaren Kunstfasermaterial wollte mir lange nichts einfallen. Karen brachte dann - ich glaube es war bei einem kurzen Treffen im Herbst 2011 - die Idee "Reisetasche" ins Spiel - et voilà, nur knapp drei Jahre später ist diese Idee schon umgesetzt!

Ich entschied mich, Krawatten mit blauer Grundfarbe und einen schwarz-weiß gewebten, im Gesamteindruck grauen Jeansstoff zu verarbeiten. Die Krawattenstoffe schnitt ich in Rechtecke und nähte und steppte sie in quilt-as-you-go-Technik direkt mit der Volumenvlieseinlage und dem Futterstoff zusammen, so wie in diesem Tutorial.


Beim Nähtreffen schaffte ich es immerhin, die wichtigsten Teile der Tasche zuzuschneiden, die ersten Streifen zu steppen und mich von den Inch-Maßen in der Anleitung nicht wahnsinnig machen zu lassen. Es gibt offenbar zwei Dinge, durch die mein Hirn sofort in den Schlafzustand versetzt wird: Inch-Maße und Kartenspielregeln. Ich lese "Final project measures 18" x 11" x 5"", sage jaja, lache verunsichert und denke mir nichts dabei. Erst durch das Umrechnen in Zentimeter (was so krumme Maße ergibt, dass es einem beim Zuschneiden auch nicht weiterhilft), wurde mir immerhin klar, dass hier eine richtige Reisetasche am Entstehen war - die fertige Tasche ist etwa 46 cm breit, 28 cm hoch und 13 cm tief.


Alle Teile der Tasche werden aus drei Schichten - Außenstoff, Volumenvlies, Futter - zugeschnitten und durchgesteppt und erst dann zusammengesetzt. Die Nahtzugaben innen werden zuletzt mit Schrägband eingefasst. Man spart sich so zwar das Aufbügeln von Einlage und das Nähen eines separaten Futters, die kilometerlange Stepperei fand ich dann doch etwas ermüdend, und bei den Schrägabandeinfassungen nähte ich die zweite Runde mit der Hand an und versuchte erst gar nicht, die knubbeligen Nahzugaben präzise unter das Füßchen zu schieben.


Die Henkel bestehen aus Baumwoll-Gurtband vom Nähkontor, aufgesteppt auf Bänder aus Jeansstoff. Zum Verschließen der Vordertaschen (die meiner Ansicht nach zu klein sind, um irgendetwas Sinnvolles dort unterbringen zu können - eine einzige große Vordertasche wäre besser), also zum Verschließen der Vordertaschen steppte ich Klettband auf.


Die bevorstehende Reise motivierte mich dann genügend, die Tasche einigermaßen zügig und unbekümmert fertigzunähen und mich mit kleinen Unregelmäßigkeiten nicht aufzuhalten. Ich kenne mich: wenn ich erst anfange, über jede einzelne Naht zu meditieren und zu überlegen, ob das jetzt alles ordentlich genug ist, dann wird so eine Tasche bei mir niemals fertig. Und bei dieser Tasche gäbe es eine Menge Nähte, über die man meditieren könnte. Die Tasche hat sich auf der Reise dann auch bewährt: wie praktisch, das eigene Gepäckstück gleich auf den ersten Blick überall wiederfinden zu können, und eine große Verbesserung gegenüber dem abgewetzten Tchibo-Rucksack, mit dem ich solche Kurzreisen bisher bestritten hatte.

Für die Cargo duffle bag gab es hier übrigens einen Sew-along, in dem alle Nähschritte mit Fotos gezeigt werden. Ich fand in der Anleitung die Abmessungen für Vorder- und Rückseite etwas verwirrend - der Oberstoff soll etwas größer als Futter und Vlies zugeschnitten werden, und mir ist nicht klar geworden, ob damit ein Schrumpfen des Stoffes durch das Quilten ausgeglichen werden soll und welches Maß Vorder- und Rückseite letztlich haben sollen. Glücklicherweise kommt es beim Zusammensetzen der Tasche nicht auf den Zentimeter an.  

München für und mit Nähnerds


Am Sonntag traf ich dann Steffi - 81gradnord zum Kaffeetrinken, und sie hatte ein wunderbares Lokal vorgeschlagen, in dem es so viel anzuschauen gibt, dass wir bestimmt auch eine Stunde nur mit Gucken hätten verbingen können, wenn sich unangenehme Gesprächspausen ergeben hätten. Das war aber nicht der Fall, und ich hoffe wir treffen uns bald mal wieder. Ich kann deshalb auch gar nicht so genau sagen, was man alles im Café Marais kaufen kann. Das Café befindet sich in einem großen Eckladen, in dem das Inventar eines alten Textilkaufhauses erhalten geblieben ist. In den tausend Fächern, Schubladen und Vitrinen stehen jetzt schönes altes Geschirr, Deckchen, Spitzenkragen, Schmuck, Abendhandtaschen, es gibt Schals, Hüte, Kosmetik, Bonbons, Tee, Schokolade, kleine Möbel, und mir war so, als hätte ich auch Textilfarben gesehen - leider habe ich vergessen, mir diese Flaschen, die ich nur von weitem sah, genauer anzuschauen.


Außerdem kann man dort natürlich Kaffee trinken, Kuchen und kleine herzhafte Gerichte essen, und auch die Umgebung fand ich ganz interessant: Die Schwanthaler Höhe ist ganz deutlich im Umbruch, die schicken neuen Läden wechseln sich mit den Schaufenstern von Heizungsinstallateuren und Billig-Dönerläden ab, an der einen Ecke verfallen zwei ganze Häuser, an der anderen werden die Häuser schick gemacht. Ein kleine-Leute-Viertel auf dem Weg zum Szenekiez, eine Entwicklung, die ich in München nicht erwartet hätte - ich dachte tatsächlich, dort wäre schon alles durchrenoviert.


Der zweite Nähnerd-Programmpunkt an dem Wochenende bestand in einem Besuch im Orag-Haus in der Münchner Innenstadt, nahe dem jüdischen Museum und dem Stadtmuseum. Die Orag ist eine Genossenschaft des bayerischen Schneiderhandwerks, die seit dem 19. Jahrhundert Schneiderzubehör und Futterstoffe einkauft und die Rabatte bei der Abnahme großer Mengen an ihre Mitglieder weitergibt. Heute kann jeder in dem Laden am Oberanger einkaufen, und der Kontrast zu den schicken, glänzenden Geschäften in der Umgebung, den aufwendig dekorierten Schaufenstern, der raffinierten Beleuchtung, könnte nicht größer sein. Die Einrichtung der Orag ist funktional, und im Grunde immer noch so, wie nach dem letzten Ladenumbau in den 1960er Jahren: Regale mit Knopfschachteln, Reißverschluss- und Garnkisten ziehen sich bis zur neonbeleuchteten Decke, Quittungen werden per Hand ausgeschrieben und die Durchschläge mit einem Mini-Lastenaufzug in die darüber liegenden Büroräume verfrachtet.

Die Orag ist kein Ort für verfeinerte Warenpräsentation, dafür gibt es ohne Übertreibung alles, was im Schneiderhandwerk benötigt wird, unter anderem eine beeindruckende Auswahl an Knöpfen, an Trachtenknöpfen und Miederhaken für Dirndl, jede nur erdenkliche Einlage, jedes nur erdenkliche Nähgarn, außerdem Werkzeuge zum Markieren und zum Schneiden, Futterstoffe und Nähmaschinennadeln, Handnähnadeln für jedes Spezialgebiet und Stecknadeln gleich im 500g-Paket, falls gewünscht. Die Damen hinter den Verkaufstresen waren bei meinem Besuch sehr hilfsbereit und erklärten einer Nähanfängerin geduldig die Unterschiede zwischen verschiedenen Arten Schneiderkreide und diversen Markierstiften. Ich entdeckte dort den Kreideminenstift, von dem ich so begeistert bin und ließ mich zu einem Spontankauf hinreißen. Wäre das Orag-Haus in Berlin, ich wäre sicher eine häufige Kundin.

Viele weitere Einkaufstipps mit Textilschwerpunkt für München finden sich übrigens hier bei Claudia - Machen und Tun. Bei Quilt&Textilkunst konnte ich beim vorletzten München-Besuch zum Beispiel nur einmal ganz kurz reinschauen, da möchte ich mit mehr Zeit unbedingt noch einmal hin.   

20 Kommentare:

  1. Deine Tasche ist so was von wunderbar. Ich bin schon gespannt sie "in echt" zu sehen!!!
    viele Grüsse!

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Und ich bin so verschnupft, dass ich morgen zum Quilttreffen leider nicht kommen kann! Aber wir schaffen das schon, dass du sie dir mal angucken kannst.

      Löschen
  2. Hach, ein schöner Post über meine Heimatstadt. Bei Orag bin ich auch oft, das Café Marias kannte ich aber noch gar nicht - danke für den Tip!

    Liebe Grüße,
    Stefanie

    AntwortenLöschen
  3. Eine wundervolle Reisetasche hast du da genäht. Dafür das du das wohl nicht gerne machst, kannst du das aber ziemlich gut. Vor allem die Idee mit den Krawatten finde ich super.

    Liebste Grüße
    Fräulein Mai

    AntwortenLöschen
  4. Die Idee mit den Krawatten ist super. Ich versteh ja nichts von quilten, aber die Technik sieht einfach aus ... allerdings ... wie bekommt man denn am Ende ein Stück mit 4 x 90° Ecken (wie beim großen Quilt im Tutorial).
    Lieber Gruß
    Elke

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Ich habe die aufgetrennten Krawatten in rechtwinklige Streifen geschnitten - das wird dann alles einigermaßen gerade und rechtwinklig. Also die Krawatten sind nicht in ihrer ursprünglichen Form verarbeitet worden, sonder ich hatte auch gerade Stoffstreifen.

      Löschen
  5. Haha, wie lustig, mir geht es mit Inch-Angaben genauso wie dir! Ich habe herzlich gelacht!
    Sehr sehr schick geworden, deine Reisetasche. Den Schnitt schaue ich mir mal genauer an, nachdem der Weekender nun gestrichen ist. Toll, wie die Krawatten ihre neue Bestimmung gefunden haben! Sieht wirklich sehr stimmig und spannend aus.
    Und die Wand ist natürlich der perfekte Hintergrund dafür. Setzt du dich jetzt auch immer auf den Baumstamm? ;-)
    Liebe Grüße!

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Ach, und danke für die München-Tips! Zum Orag-Haus schaue ich beim nächsten Mal hin.

      Löschen
    2. Wenn ich rauskriege, wann die Nachbarn, die direkt auf den Baumstumpf schauen können, garantiert nicht zuhause sind, dann setze ich mich vielleicht mal drauf.

      Löschen
  6. Also ich bin begeistert von deiner Tasche! So eine tolle Idee, die Krawatten zu verewigen. Sehr geschmackvoll und besonders.
    Herzliche Grüße,
    Elke

    AntwortenLöschen
  7. Cargo Duffle Lucy Bag
    Die Anfänge sahen ja schon toll aus, das Ergebnis ist extraordinaire
    Das Innenleben der Aufsatztaschen => Zucker
    Danke für die schönen Münchner Bilder und Eindrücke.
    Herzliche Grüße
    Hala

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Danke - und hoffentlich bis im September, dann bringe ich die Tasche mit.

      Löschen
  8. Die Tasche ist wunderbar! Wie wärs mit der Anschaffung eines Meterbandes in Inches? Ich hab mir kurz vor dem Wahnsinnigwerden mal sowas gekauft: es hat auf einer Seite Inches und auf der anderen cm. Perfekt! Lohnt sich wirklich, denn Umrechnen kommt doch direkt aus der Hölle!

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Gute Idee, ich habe sowas sogar irgendwo - Quiltlineale mit beiden Skalen wäre sogar noch besser, um die ganzen Rechtecke zuzuschneiden, aber das ist dann ja gleich eine Anschaffung fürs Leben.

      Löschen
  9. Die Tasche sieht sehr gut aus! Als ich das Foto mit den vielen Krawatten sah, fiel mir plötzlich eine Anleitung in einer Brigitte oder Carina ein, irgendwie Ende der 70er oder Anfang der 80er, in der als Verwertung alter Krawatten vorgeschlagen wurde, einen Rock daraus zu nähen (witzig, aus welchen Winkeln das Gehirn solche Erinnerungen vorkramt!) Die Krawatten waren sozusagen die Rockbahnen. Also wenn du noch welche übrig hast, könntest du sie so verwenden ;-) !
    Ich würde heute übrigens gerne bei den Stoffspielereien mitmachen!
    LG, Luise

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. So einen Krawattenrock habe ich sogar schon mal irgendwo gesehen - und wären die Krawatten aus Seide, würde ich mir das auch überlegen. Leider habe ich wirklich nur Kunstfaser, das Material ist fast so steif wie Rucksacknylon.

      Löschen
  10. Die Tasche sieht toll aus! Hätte gar nicht gedacht, dass sich aus alten Krawatten so etwas Schönes machen lässt. Ich nähe auch gerade eine Tasche, ein Geschenk, und das ist schon gewohnt und was ganz anderes als Kleidung nähen.

    Danke für deine München-Tipps! Ich habe vor dort demnächst hin zu fahren und werde versuchen beides ein zu planen.

    Liebe Grüße und ein schönes Restwochenende
    Julia

    AntwortenLöschen
  11. Hallo, ganz toll geworden die Tasche...ein echtes Unicat. Am besten auch mal Ausschau halten nach Krawattenstoffen, schon wegen der interessanten Muster.
    München müsste jetzt auch mein Reiseziel werden. Vielen Dank für den Bericht.
    Liebe Grüße
    schurrmurr

    AntwortenLöschen
  12. Hallo,
    das ist eine wirklich gelungene Tasche
    und eine tolle Verwendung für Krawatten.

    Liebe Grüße,
    Ilsa.

    AntwortenLöschen

Vielen Dank für deinen Kommentar!