Mittwoch, 3. Juni 2015

Rückblick: Von Pyjamas, Bloggertreffen und Jeansexpertinnen

Mit dem Frühling möchte ich auch die Rubrik der Wochenrückblicke und Artikelempfehlungen wieder aufnehmen. Ich finde es jedes Jahr wieder erstaunlich, wie belebend längere Tage und mehr Tageslicht auf mich wirken. Anfang März wird plötzlich alles besser, heller, freundlicher, ich fühle mich einige Tage wie ein Maulwurf, der die Nase aus seinem Bau steckt und in die Sonne blinzelt, und ich bekomme auf einmal wieder Lust, Aktivitäten außerhalb der Wohnung nachzugehen.


Zugleich habe ich gerade ganz schön viel zu tun, und was macht man am besten, wenn man viel zu tun hat? Genau, man erledigt erstmal etwas vollkommen Unwichtiges. Und so nähte ich mir einen aufwendigen Pyjama mit selbstgemachten dunkelblauen Paspeln. Der schöne glatte Baumwollstoff für die Hose stammt vom Tauschtisch in Bielefeld (es könnte sein von Monika?). Für ein Oberteil hätte er nicht mehr gereicht, daher kam dafür ein Baumwollsatin vom Markt zum Einsatz, von dem ich nur etwas über einen Meter hatte, also musste ich für innere Ärmelblenden, Unterkragen und Halsbeleg mit hellblauem Stoff aushelfen. Schnitt 125 aus Burda 12/2006, Hosenbeine verlängert.  


Koreanisch ist das neue... Chinesisch? Ich bin eine experimentierfreudige Esserin und mag die asiatischen Küchen gerne, und ganz besonders koreanisches Essen, seitdem ich es Anfang der 2000er im Leipziger Tobagi entdeckte. Die koreanischen Restaurants sprießen hier in Berlin gerade wie die sprichwörtlichen Pilze aus dem Boden. Anfang des Jahres eröffnete gefühlt jede Woche ein neuer Laden in den bevorzugten Lagen in Mitte, Kreuzberg und Neukölln, und über einen Neuzugang freue ich mich besonders. Die zweite Filiale des Mmaah ist nämlich quasi vor der Haustür, deutsch-koreanisches Crossover: Bulgogi trifft Pommes rot-weiß.


Das Bloggertreffen in Leipzig Anfang Mai, organisiert von Frauenoberbekleidung, Wolleliese,Wilkavera, Ida und Anne (ich hoffe, ich habe niemanden vergessen?) war in jeder Hinsicht prima. Sehr nette Gesellschaft auf der Fahrt, Stöbern in Stoffläden, Wiedersehen mit bereits Bekannten und Kennenlernen neuer Bloggerinnen und Leserinnen, ein netter Abend mit leckerem Buffet, am nächsten Tag Stadtführung und Kaffeetrinken - ich hatte viel Spaß und habe kein einziges brauchbares Foto gemacht.

Tolle Leipzig-Bilder und Berichte gibts aber zum Beispiel bei der Luise und bei Rothedinge. Ich zeige euch stellvertretend nur die beiden Stoffe, die ich mit zurückbrachte: die sommercocktailfarbene Spitze sprang mich am ersten Abend auf dem Tauschtisch an, zusammen mit der Idee, den Stoff mit einer anderen Farbe zu unterlegen und daraus einen Halbtellerrock herzustellen. Solchen Eingebungen, wenn ein Kleidungsstück schon fix und fertig vor dem inneren Auge aufblitzt, muss nach meiner Erfahrung unbedingt nachgegangen werden. Ich werde das bald in Angriff nehmen, denn so ein Spitzenrock scheint mir das ideale Kleidungsstück für laue Sommernächte. Vielen Dank, Max Lau, für den wunderbaren Stoff!

Der zweite Stoff sind 30 cm Luxus - bei der Ankunft in Leipzig schlugen wir nämlich zuerst den Weg zum Stoffekontor ein. Ein toller, großer Laden mit teilweise wirklich wunderbaren Stoffen - aber die Preise sind für jemanden aus dem Paradies des günstigen Materials teilweise schon etwas schockierend, und dabei nehme ich nicht mal unseren Markt als Maßstab. Constance kaufte zur Erinnerung ein klitzekleines Stück edlen Stoff, als Akzentstoff  für ein Nähprojekt in Kombination mit Uni-Stoff und als Leipzig-Souvenir, und ich fand die Idee so gut, dass ich mir auch einen aussuchte: einen schwarzgrundigen Patchworkstoff mit Golddruck. Der aller-allerschönste und gleichzeitig absurdeste Moment der Reise war übrigens, als Birgit, Constance und ich am Sonntag Morgen im Schlafanzug mit Kaffee auf dem Balkon unserer Gastgeberin saßen und unsere Stoffe streichelten. Nur Nähnerds können das nachempfinden!


Die Netzfundstücke:

Mantelinspiration (für den nächsten Winter dann) und zugleich sinnvolles Textilrecycling: Das Amsterdamer Designduo Wintervacht schneidert aus jahrzehntealten Wolldecken wunderschöne schlichte Wintermäntel, die vor allem von den ungewöhnlichen Farben und Mustern leben. Für Frühjahr und Sommer gibt es Tops und Shorts aus alten Vorhängen.

Die Feinstrumpfhose ist vermutlich das Kleidungsstück mit der kürzesten Lebensdauer, eine Laufmasche, und sie fliegt in den Müll. Nicole Kiersz beschäftigte sich in ihrer Abschlussarbeit Textildesign mit dem Feinstrumpf und entwickelte eine Möglichkeit, ihn mit anderen Materialien zu verweben und so neue Stoffe zu schaffen - und gewann mit ihrer Arbeit außerdem den bayerischen Staatspreis Textildesign.

Papierschnittmuster und Modeillustrationen fallen in der akademischen Welt in die Rubrik "Gedöns", weshalb es nur wenig erst zu nehmende Beschäftigung damit gibt. Eine der wenigen Ausnahmen bilden die Commercial Pattern Archives, ein Sondersammelgebiet der Bibliothek der Universität von Rhode Island, das über 40 000 Schnittmuster von der Mitte des 19. Jahrhunderts bis zur Gegenwart beherbergt. Die dazugehörigen Illustrationen und schematischen Darstellungen der Schnittteile sind digital erschlossen und können in einer (allerdings kostenpflichtigen) Datenbank durchsucht werden - unter "Sample" kann man einen kleinen Einblick gewinnen. Die Kuratorin der Sammlung, Joy Spanabel Emery, veröffentlichte außerdem ein Buch über die Geschichte der Schnittmusterindustrie (auszugsweise hier bei Google Books).

Zur Zeit liest man dauernd, was mit 3D-Druckern angeblich alles Tolles hergestellt werden kann, es scheint nur noch eine Frage der Zeit, bis diese Geräte in jedem Haushalt vorhanden sein werden. Eine chinesische Firma stellte nun auf einer Messe Brautkleider aus dem 3D-Drucker vor - aber bis diese Kleider wirklich das Erscheinungsbild der Brautmode verändern werden, wird es wohl noch etwas dauern: ein Schleier aus dem Drucker kostet 20 000 Yuan, etwa 2984€.

Teure Textilien, aber handgemachte, kommen auch aus Bangladesch, dem Land, das bei uns wie kein anderes für Billigklamotten steht. Die Weberinnen und Weber der Jamdani-Stoffe sind hingegen hochspezialisierte und sehr gesuchte Handwerkerinnen und Handwerker.

Die Ginger Jeans von Closet Case Files löste kürzlich eine kleine Jeansnähwelle aus, und wer den Schnitt noch auf der Nähliste hat und sich über die Verarbeitung den Kopf zerbricht: im auch sonst sehr lesenswerten Blog von Carmen Roetsch gibt es eine tolle Serie über das Nähen einer Jeans. Sehr interessant fand ich auch die Experimente von Frau Lotterfix, um beim Absteppen der Jeansnähte den richtigen professionellen Look zu erzielen. Sie konstruierte sich ihren Jeansschnitt übrigens selbst nach Hofenbitzer - sehr beeindruckend!

16 Kommentare:

  1. Danke für deine Mühe. Gerne hab ich den Text gelesen und mich duch die Links geklickt. Gruß Mema

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  2. So schön, das Du den Rückblick weiterführst :-). Danke für den Tip, ich fahre heute nach Leipzig , vielleicht klappt es mit dem koreanischen Essen !

    Lachen musste ich über das Design von Wintervacht, wir haben vor über 30 Jahren auch schon aus Wolldecken/Sofaüberwürfen Ponchos und Winterjacken genäht *lach* ,ich erinnere mich an das entsetzte Gesicht von Tanten, als sie die Decken wiedererkannten. Schade, es gibt leider kaum Fotos aus dieser Zeit !

    Gruß


    Bettina

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    1. Ich erinnere mich daran, dass es in der Brigitte in den 80ern sogar Anleitungen gab, wie man aus einer Decke eine Jacke näht. Ich glaube, ich habe da sogar was aufgehoben - die Fransenkanten hatte man dann wahlweise vorne oder unten am Ärmel. Von meinen ersten Nähwerken gibt es leider auch keine Fotos.

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  3. Danke für Deine Mühe, die immer sehr spannenden Links zusammenzutragen! Ich entdecke bei jedem von diesen Post tolle neue Sachen und Ideen und es ist jedesmal extrem insprieriend!

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  4. Ich freu´mich immer über deine Posts! Danke und einen wunderbaren Tag, hoffentlich auch mit Sonne!
    Herzliche Grüße
    Sabine

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  5. Vielen Dank für deine Verlinkung. Seitdem eine Bekannte mich auf deinen Blog aufmerksam gemacht hat, schaue ich auch immer wieder gerne bei dir vorbei. Momentan fehlt mir mangels Internet im Haus allerdings die Zeit, alles zu lesen, was mich interessiert. Dein Pyjama sieht sehr schick und gemütlich aus. Ich wollte mir vor unserem Aufenthalt auch noch einen (einfachen Jersey-)Schlafanzug nähen, habe es aber nur geschafft, das Oberteil zu nähen. Deine Berichte über Bloggertreffen lese ich auch gerne, vielleicht treffen wir uns eines Tages ja auch mal.
    Liebe Grüße aus Princeton
    Carmen

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    1. Ja, vielleicht klappt das ja mal bei einem Treffen - wobei ich im Nachhinein immer das Gefühl habe, gar nicht allen gerecht geworden zu sein, mich mit viel zu wenig Leuten unterhalten zu haben etc., aber das ist wohl so, wenn man sich im größeren Rahmen trifft.

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  6. Schön, dein Wochen- (oder eher Monatsrückblick) und immer wieder erstaunlich, wie du es schaffst die Links samt Beispielen für uns aufzubereiten. Danke! Ich denke auch gern an Leipzig und werde versuchen, Schnitt und Stoff vom Tauschtisch gemeinsam zu verarbeiten. Am besten gefällt mir allerdings das Stoffstreichelfrühstück. Wann hat man schon das Glück, die Freude über so einen Neuerwerb in einer verständnisvollen Kaffeerunde zu genießen.
    Viele Grüße,
    Malou

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    1. Es war sehr nett, dich in Leipzig mal getroffen zu haben. Und ja, die Szene auf dem Balkon muss für Außenstehende vollkommen absurd gewirkt haben. Aber wir mussten unbedingt gucken, wie die Tauschtisch-stoffe bei Tageslicht aussehen und was man daraus machen könnte... na, wem erzähle ich das, du weißt ja, was ich meine.

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  7. Ich freue mich auf den Spitzenrock, weil ich solche Stoffe immer sehe und schön finde aber bei mir blitzt leider nichts auf. Wie immer habe ich in deinen Links eine super Idee gefunden. Carmen Roetsch zeigt wie man einen Untertritt einfaltet, um eine schöne Ecke zu bekommen, so simpel und genial, da wäre ich nie drauf gekommen.Besten Dank fürs finden. Ich fand Leipzig sehr schön, auch wenn ich an dem Samstag zu wenig geschwatzt habe, das ist, denke ich, das Los der Organisierenden.
    Viele Grüße
    Sylvia

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    1. Nicht nur bei den Organisierenden - ich fahre von solchen Treffen immer mit dem Gefühl weg, mich zu wenig unterhalten zu haben, aber das ist in der kurzen Zeit wohl auch gar nicht anders möglich. Deshalb ist es gut, wenn es sowas öfter gibt, dann kann man das aufholen. Und dann ist auch immer mal jemand anderes mit Organisieren dran.

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  8. Haaach... der schwarze Stoff ist ja ein Augenöffner! ♥
    Ich muss ja zugeben, dass ich kein Jeansnäher bin. Glücklicherweise passen mir die einer großen Firma ganz gut, da muss ich nicht ran und bin deshalb auch sehr erleichtert ;)
    Mein Respekt vor den Jeans-Näherinnen ist deshalb auch ungebrochen.

    Und einen traumhaft hübschen Schlafanzug (was für ein schnödes Wort!) hast Du genäht... ich bin neidisch. Muss wohl doch mal die Boxershorts und das T-Shirt gegen was Hübsches tauschen?! ;)

    Liebe Grüße
    Katrin

    PS: Ich bin ja ein kimchi-Fan. Plain und einfach so. Omnomnom!

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    1. Ich nomnomnomme mit. Es hat ein bißchen gedauert, bis ich mich an Kimchi gewöhnt hatte, aber man sagt ja, man müsse Neues mindestens 7mal probieren, um zu wissen, ob es einem schmeckt.

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  9. Liebe Constanze,
    es war mir eine Freude dir und Muriel heute zuzuhören.
    Danke für die nette Stunde.
    Schöner Gruß Mechthild / Mema

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  10. Ich bin mir eigentlich recht sicher, den Hosen stoff letztens hier im laden gesehen zu haben. Für 9 Euro der Meter. Hättest du daran Interesse?

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    1. Danke, das ist sehr nett von dir! Aber jetzt brauche ich keinen mehr - der Pyjama ist ja fertig, und im Mustermix gefällt er mir auch gut. Aber vielen Dank für dein Angebot!

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