Dienstag, 30. Juni 2015

Spannend wie ein Krimi: "Dior und ich" im Kino


Filme, in denen Mode und Nähen die Hauptrolle spielen, sind selten, daher hätte ich mir "Dior und ich" auf jeden Fall angesehen, der Film ist aber so spannend und interessant, dass ich hier eine Empfehlung loswerden muss.

Die Dokumentation von Frédéric Tcheng begleitet die Entstehung der ersten Haute-Couture-Kollektion von Raf Simons für Dior im Sommer 2012. Simons hatte den Posten unter schwierigen Umständen angetreten: John Galliano war als Chefdesigner im Frühjahr 2011 gefeuert worden, die folgende Kollektionen, von seinen Assistenten fertiggestellt, hatten nur mäßige Begeisterung hervorgerufen. Als Simons im April 2012 Nachfolger Gallianos wird, sind es nur noch wenige - eigentlich zu wenige - Wochen bis zu den Haute-Couture-Schauen in Paris, und Simons, der zuvor bei Jil Sander beschäftigt war, hat zuvor noch nie zuvor in einem Couturehaus gearbeitet.

Die Macht und das Selbstbewusstsein der Ateliers nicht zu unterschätzen, in denen jedes einzelne Modell in Handarbeit hergestellt wird, gehört zu einer der ersten Lernaufgaben Raf Simons. Man begreift, dass der wahre Reichtum des Hauses Dior tatsächlich in seinen Ateliers liegt, wenn man miterlebt, wie diese hochspezialisierten Handwerkerinnen und Handwerker die Skizze eine Kleides Linie für Linie, Falte für Falte, Abnäher für Abnäher durch Drapieren an der Puppe in ein Nesselmodell übersetzen. Sie sind es, durch die aus der Skizze ein Entwurf wird - und auch wenn der Designer später hier und da noch einen Milimeter wegnehme, ändere das nichts daran, dass das in erster Linie ihr Kleid sei, wie eine der Näherinnen erklärt. 


Dass Haute Couture eine Gemeinschaftsleistung ist, Design nicht aus dem Nichts kommt und Inspiration nicht vom Himmel fällt, sind die Aspekte, die mir an dem Film besonders gefallen haben. Simons taucht in die Skizzen und Musterbücher aus dem Archiv des Hauses ein, lässt sich alte Originalmodelle vorführen, besucht die Villa Diors und dessen Garten und entwickelt mit einem Team von Designern Ideen, die durch ständige Auswahl und Verfeinerung zu Konzepten geschärft werden. Zitate aus dem Memoiren Christian Diors, der besonders über seine öffentliche Rolle als Designer nach dem Erfolg des "New Look" reflektierte, und alte Aufnahmen früher Modenschauen bilden eine zweiten roten Faden der Dokumentation. Dazwischen wird es auch einmal komisch - wenn dem eher zurückhaltend veranlagten Raf Simons die Notwendigkeiten moderner Presse- und Öffentlichkeitsarbeit nahegebracht werden - und schließlich daramatisch, wenn nur noch wenige Stunden bis zur Show und dem Auftritt vor der Fotografenmeute bleiben.

Diese Spannung, die der Film auch ohne Überdramatisierung erreicht, seine Dichte und Schnelligkeit, machen die Dokumentation auch für Nicht-Nähende und Nicht-Modeinteressierte sehenswert. Niemand wird langatmig mit Nähdetails gelangweilt, aber auch als Nähnerd hat man nicht das Gefühl, dass dieser Teil der Geschichte zu kurz kommt. Ich würde mir den Film am liebsten gleich noch einmal angucken, bestimmt habe ich viele Details gar nicht wahrnehmen können.

Zur Einstimmung auf den Kinobesuch, den ich sehr empfehle, hier die Bilder der Show, die das Ergebnis aller Anstrengungen war: Christian Dior Autumn/Winter 2012.

11 Kommentare:

  1. Danke für den Tipp.
    Ich habe gerade mal die Kinoprogramme bei uns in der Umgebung durchgesehen, und feststellen müssen, dass hier in der Provinz der Film wohl nicht ankommt.
    Also werde ich warten, bis man ihn zuhause sehen kann.
    Schade !!!
    Liebe Sommergrüße, Claudia

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    1. Vielleicht gibt es ihne ja auch bald auf DVD bzw. bei den diversen Streamingdiensten. Ich bin auch deshalb so schnell hin, weil der hier wahrscheinlich auch nur 2 Wochen laufen wird. Das Thema Luxusmode schreckt sicher viele Leute schon von vorneherein ab.

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  2. Vielen Dank für deine Empfehlung und den ausführlichen Bericht zum Film! Ich habe mich schon gefragt, ob der Film sich lohnt und jetzt hab ich richtig Lust darauf bekommen. Auch bei mir in der Provinz wird er wohl nicht gezeigt werden, aber dann lohnt ich es sich auch mal ein Stückchen weiter zu fahren.

    Liebe Grüße
    Julia

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  3. Leider konnte ich niemanden "überreden" am Wochenende mit mir in den Film zu gehen. Aber aus deiner Filmzusammenfassung kann ich ja entnehmen, dass auch "Nichtnäher" auf ihre Kosten kommen. Das ist gut, denn sonst hätte ich hier keinen Kinobegleiter. *schnief*
    Ich mag diese Filmdokumentationen sehr gerne. Den Mehrteiler über Chanel/Lagerfeld habe ich im Fernsehen verschlungen, eine DVD über Carine Roitfeld während des Bügelns eingesogen und nun darf ich mich noch auf einen DVD-Abend mit der filmischen Biografie über Yves Saint Laurent freuen. Aber das ist halt nur Fernsehqualität und bei dem Dior-Film möchte ich schon "großes" Kino. (Das bin ich dem Meister schuldig. *grins*)
    LG Martina

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    1. Die Chanel-Doku habe ich auch sehr gerne gesehen - und der Dior-Film geht ein bißchen in diese Richtung, kann aber in 90 Minuten natürlich nicht in die Arbeit all der spezialisierten Werkstätten einsteigen, die auch noch an so einer Kollektion beteiligt sind. Die Saint-Laurent-Doku habe ich damals leider verpasst...

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  4. Dankeschön für die ausführliche Rezension. Ich habe schon überlegt, ob der Film sehenswert wäre. Also kommt er auf die To-Watch-Liste. Mal sehen, ob er hier läuft, sonst muss ich mit einer Fahrt in die große Stadt verbinden. Auf Einblicke in Couture-Ateliers freue ich mich jedesmal.
    Viele Grüße,
    Katharina

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  5. Ooooch.... ich werde wohl auf die DVD warten müssen (oder auf arte...), denn offensichtlich ist auf dem flachen Land kein Interesse an solchen Filmen.
    Das erklärt auch die Abwesenheit von Stoffläden, Nähkränzchen, Stoffmärkten, gut sortierten Handarbeitsbuchabteilungen und ähnlichem.
    Ach, das Landleben ist ja SO schön...

    Immerhin gibt es bei Dir einen kurzen Einblick, das tröstet!
    Liebe Grüße
    Katrin

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  6. Danke für den schönen Bericht. Der Film ist auch auf meiner Liste und das kino Odeon ist das Kino meiner Kindheit und hieß früher Sylvia
    LG schurrmurr

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  7. Den Film habe ich gestern auch gesehen und war ganz begeistert. Erstaunlich vor allem auch, wie sich die Spannung aufbaut, ich konnte irgendwann gar nicht mehr still sitzen und war voll dabei, was bei mir beim Medium Film eher selten der Fall ist. Statt der Rückblenden zu Christian Dior hätte ich mir ja lieber noch ein paar Schwenks ins Atelier gewünscht... :)
    Auf YouTube gibts übrigens im Bewegtbild die gesamte Kollektion zu sehen: https://youtu.be/faeORRbdluk
    Spannend fand ich auch dieses Interview, drei Jahre später: https://youtu.be/YCkpCPZ59l8

    (Außerdem habe ich eine handvoll Modefilme auf YouTube gesammelt: http://www.maigrueen.de/modefilme/)

    Liebe Grüße!

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    1. Danke für die interessanten Links und vor allem für die Modefilmsammlung bei youtube! Oben hat sich eine Klammer eingeschlichen, daher hier nochmal der Link zur Filmsammlung: Modefilmsammlung bei Maigrueen

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  8. Ich hatte den Film damals im Kino verpasst und war vorhin im Filmmuseum drin - wollte gerade nochmal lesen, was du dazu geschrieben hast und kann dir nur zustimmen. Der YSL kam hier auch letzte Woche, ich fand ihn auch sehr sehenswert, wenn er auch ganz anders gemacht war, keine Doku, sondern Spielfilm wie der Chanelfilm. Danke für deine ganzen links, lg Anja

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