Dienstag, 7. Februar 2017

"Nähen geht tiefer als nur passende Kleidung herzustellen." Elke - ellepuls.com - über Schnittmuster für lange Frauen

Über neue Schnittmuster von Indie-Designerinnen blogge ich hier ja mehr oder weniger regelmäßig,  bisher jedoch vor allem über kleine Firmen aus den USA, Kanada und Großbritannien. Dabei gibt es auch bei uns interessante Schnittmacherinnen mit guten Ideen, die hier auch mal zu Wort kommen sollen. Elke vom Blog ellepuls.com und ich laufen uns ab und zu zufällig hier in Berlin über den Weg, daher habe ich immer locker verfolgt, was sie so macht.

Nach einem Schnitt für ein Raglanshirt und einer tollen Upcycling-Tasche aus Jeans spezialisierte sich Elke auf Schnittmuster für lange Frauen und brachte letztes Jahr im Sommer einen Shirt- und Kleiderbaukasten heraus. Wer Elke schon mal begegnet ist, muss nicht lange fragen warum: Sie ist selbst eine große Frau und kennt die Problematik zu kurzer Kleidung aus eigener Erfahrung. Zu der "Shirtbox"  von ellepuls.com gehört ein Anleitungsheft für die Längenänderung bei Oberteil-Schnittmustern - Hilfe zur Selbsthilfe für große Frauen sozusagen. Da ich das Konzept klasse finde und Elkes Umsetzung mit schönen Grafiken und ausführlichen Fotoanleitungen sehr gelungen,  wollte ich von Elke wissen, wie es mit den EXTRAlang-Schnitten weitergehen wird.

Elke, du nähst seit 2012 Kleidung für dich – bist du gleich darauf gekommen, dass du auch die Schnittmuster verändern musst, damit sie für dich nicht zu kurz sind, und wie hast du das Schnitte-Verlängern gelernt? War das von Anfang an von Erfolg gekrönt?

Elke: Ich habe sehr unbefangen mit dem Nähen begonnen. Kein Nähkurs, nur learning by doing. Ich habe abgetragene Shirts meiner Söhne für meine Tochter umgearbeitet. Meine erste Verlängerung für mich war bei einem Shirt. Die Ärmellinien habe ich einfach länger gezeichnet, was dazu geführt hat, dass ich nur noch eben so mit der Hand durch die Öffnung kam. Den Rumpf habe ich auch einfach nach unten verlängert. Im Ergebnis war das Shirt lang genug, aber die Taille hing mir zu hoch. Erst einige Projekte später habe ich begonnen, Vorder- und Rückenteile sowie Ärmel nicht unten, sondern zwischendrin zu verlängern. Für das EXTRAlang Handbuch zum Verlängern von Schnitten habe ich mich noch intensiver mit dem Thema befasst. Dieses Handbuch wird jedem EXTRAlang Schnittmuster "beiliegen". Für den Blusen-Sew-Along nähe ich gerade an einer burda Bluse, die ich verlängern musste. Fast hätte ich vergessen, neben Vorder-, Rückenteil und Ärmel, die Knopfleiste mit zu verlängern. Je mehr Teile ein Schnitt hat, desto aufmerksamer muss man überlegen, welche Schnittteile alle verlängert werden müssen, damit nachher auch alles wieder zusammenpasst. 

Das Kleid aus der "Shirtbox" von Elle Puls - lange Ärmel passend zum Wetter sind auch dabei

Schnitte für den eigenen Körper zu verändern ist das eine, aber auch wenn man sich darin gut eingearbeitet hat, ist es ja nochmal ein großer Schritt, Schnitte auch für andere und in verschiedenen Größen anzubieten. Wie hast du das technisch gemeistert?

Elke: Da ich die Schnittkonstruktion nicht gelernt habe, arbeite ich mit einem Profi zusammen. Meine Schnittdirektrice setzt meine Ideen um. Ich möchte auch nicht den Eindruck erwecken, dass ich die Schnitte selber technisch erstelle. Wir feilen gemeinsam daran herum und das Ergebnis lasse ich von Probenäherinnen testen. Das ist in diesem Ablauf schon sehr aufwändig, da ich meine Entwürfe für die Hobbynäherin so bedienungsfreundlich wie möglich gestalten möchte. Die Schnittdateien sind so angelegt, dass man nicht benötigte Größen vor dem Ausdrucken ausblenden kann, um hinterher einen übersichtlichen Schnittbogen zu erhalten. Bye-bye Liniendschungel. Die Anleitungen versuche ich auch immer möglichst nachvollziehbar, logisch und klar aufzubauen, damit meine Kundinnen die Schnitte auch erfolgreich umsetzen können.

Kannst du schon verraten, wie es mit den Schnittmustern bei dir weitergehen wird? Das Extralang-Handbuch erklärt das Verlängern von Oberteilen – wird es auch noch etwas Entsprechendes für Unterteile geben?

Elke: Am 6. Februar geht ein neues Schnittmuster für eine Jacke online. Darauf freue ich mich schon sehr, weil ich den Entwurf sehr mag. Es wird ein Basic für den Lagenlook sein, der im Frühling wieder gefragt sein wird.

[Einschub von mir, Lucy: Der Schnitt  für die Jacke "Cardison" ist gestern erschienen - Elke schickte mir vorab schon mal zwei Bilder. Mehr über Cardison erfahrt ihr bei Elke im Blog.]

"Cardison", die neue Blousonstrickjacke mit schicken Paspeltaschen von Elle Puls
 

Elke: Ideen für "untenrum" sind auch schon genügend vorhanden. Für lange Frauen ist die Suche nach ausreichend langen Hosen immer sehr nervig. Teils schon ab Länge 34, aber mit Sicherheit ab Länge 36 wird die Auswahl dünn bis nicht vorhanden in Läden. Standardmodelle in Standardfarben findet man bei Jeans schon noch. Wenn man aber andere Wünsche hat, muss man in Spezialshops wie z.B. Long Tall Sally suchen. Dass immer mehr große internationale Bekleidungshäuser wie z.B. Asos und Topshop ein "Tall-Sortiment" anbieten zeigt mir, dass der Bedarf da ist. Letztens ist mir wieder aufgefallen, dass immer mehr junge Frauen so groß wie ich sind oder sogar größer. Und sie wollen sich genauso modern kleiden wie alle anderen Frauen ihres Alters. Das bestätigt mich in meiner Idee, auch extra lange Schnittmuster anzubieten. 

Das selber Nähen hat mich von der begrenzten Auswahl, die ich oft in Läden vorfand, befreit. Darüber freue ich mich täglich. Endlich habe ich Hosen nach meinem Geschmack in meiner Länge. Das schreit ja quasi nach extra langen Hosenschnittmustern. Meine Ideen lassen sich nur leider nicht so schnell umsetzen, wie sie in meinem Kopf aufploppen. Ich bleibe dran.

Was würdest du Nähanfängerinnen mit auf dem Weg geben, die gerade beginnen, Kleidung für sich selbst zu nähen?

Elke: Ausprobieren, aber nicht überwältigen lassen! Ich finde es einfach fantastisch, dass so viele Frauen einen Näh- oder Modeblog schreiben. Natürlich kann man sich auch überwältigt fühlen von der schieren Masse, aber so erhöht sich einfach die Wahrscheinlichkeit, Bloggerinnen zu finden, mit denen man sich vom Stil und vom Körperbau her identifizieren kann. Das erleichtert es, sich Anregungen zu Schnitten zu holen, wenn man sich selbst nicht sicher ist, was man wählen soll.

Auch fachliche Hilfe findet man schnell bei Youtube und in Blogs. Das mag nicht jedermanns Sache sein, zu recherchieren, aber die Einstiegshürden zum Nähen der eigenen Kleidung sind doch denkbar niedrig geworden.

Ausprobieren und am besten keine Angst haben, denn letzten Endes ist es doch nur Stoff, den wir im schlimmsten Fall versemmeln. Das kann manchmal schon sehr ärgerlich sein, aber ich habe noch bei jedem Projekt etwas gelernt, und sei es nur über mich selbst.

Was mich zu einem persönlichen Lieblingsthema führt, der Stilfindung. Dadurch, dass ich mich zum ersten Mal wirklich mit Schnittführungen und Farben beschäftigt habe, konnte ich viel besser erkennen, was zu mir passt, was mir steht und auch ein Stück weit wer ich bin. Nähen geht tiefer als nur passende Kleidung herzustellen.

Das ist ein sehr passendes Schlusswort von Elke, finde ich, denn in jeder Hinsicht passende Kleidung zu bekommen, ist doch wahrscheinlich der Grund, warum die meisten von uns nähen: Richtige Passform, die richtige Farbe und das richtige Material, das gibt es doch nur selbstgenäht. Ich bin gespannt, was Elke noch alles aushecken wird - im Moment läuft in ihrem Blog ein Blusen-Sewalong. 

(Alle Fotos in diesem Beitrag von Elke Puls)

11 Kommentare:

  1. Tolles Interview! Ich finde Elke beleuchtet viele interessante Aspekte des Nähens. Anfangs war es bei mir auch die Passform, aber dann war ich so fasziniert, welche Möglichkeiten mir das Selbernähen eröffnet. Deswegen kann ihr voll zu stimmen. Es geht um viel mehr! :)
    LG
    Julia

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    1. Ja, wenn die drängendsten Bekleidungsprobleme gelöst sind, dann kommt man automatisch dazu, sich Wünsche und Träume zu verwirklichen, bzw. sich der Wünsche und Träume überhaupt erst bewusst zu werden, weil es auf einmal möglich ist, sie sich zu erfüllen.

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  2. Als große Frau hab ich da mehr als einmal genickt... Tolles Interview!
    Liebe Grüße,
    Sabrina

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  3. Danke für die interessanten und nachvollziehbaren Ausführungen.
    Für mich ist Nähen in erster Linie ein Mittel, mir selbst Erfolgserlebnisse zu verschaffen, mit den Händen ganz praktisch ein Produkt zu kreieren. Natürlich auch, um keine Sachen von der Stange tragen zu müssen. Und zum großen Teil auch um anderen Menschen eine Freude zu machen, wobei es da selten um Kleidung geht, sondern um nette handgemachte Kleinigkeiten.
    LG Judy

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    1. Die Motivation, etwas mit den Händen zu machen und zum Schluss ein verwendbares Produkt zu haben (und nicht bloß eine Excel-Tabelle oder einen Text) spielt bei mir auch eine große Rolle. Und ich liebe Stoff, das muss ich auch zugeben!

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  4. Vielen Dank für das Interview, liebe Constanze. Ich freue mich sehr, dass du mich interviewt hast.

    Liebe Grüße,
    Elke

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    1. Ich danke dir, für die interessanten Antworten!

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  5. Das ist ein spannendes und informatives Interwiev. Ist das der Start für eine neue Rubrik bei Dir?
    LG, Stefanie

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    1. Ja, das wollte ich in lockerer Folge weiterführen. Mittlerweile gibt es eine ganze Reihe von Schnittmacherinnen mit interessanten Ideen bei uns.

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  6. Interessantes Interview. Schlecht sitzende Kleidungsstücke haben mich auch zum Nähen gebracht. Ein Hosenschnittmuster klingt toll! Darüber würde ich mich sehr freuen.

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  7. Schön, auch hier einmal von und über Elke zu lesen. Sie ist jedenfalls mit-"schuld" daran, dass ich vor knapp zwei Jahren überhaupt angefangen habe, mir über meine Kleidungsgewohnheiten und Stil Gedanken zu machen. Darüber freue ich mich sehr, denn es hat mich ebenfalls in mehr als der Anzahl und Qualität der Stücke in meinem Kleiderschrank weiter gebracht. lg, Gabi

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