Donnerstag, 11. Januar 2018

Anna Sui im Fashion and Textile Museum in London


Bei meinem Londonbesuch im September konnte ich nicht nur die Balenciaga-Ausstellung im V&A besuchen, sondern an einem der letzten Tage auch die Schau über Anna Sui im Fashion and Textile Museum. Aus Begeisterung habe ich eine Menge fotografiert (was dort wie im V&A erlaubt ist), die Üppigkeit dieser Ausstellung und der Detailreichtum der Mode von Anna Sui lassen sich aber auch  durch noch so viele Fotos nicht einfangen. 


Das Museum hatte eine überwältigende Zahl von Outfits zusammengetragen, und man hätte Stunden damit verbringen können, die Details zu studieren. Das Aufeinandertreffen von Mustern, Farben und Materialien aus ganz verschiedenen Kontexten, die schließlich aber doch unglaublich gut zusammenpassen, ist faszinierend - wie auf dem Foto oben die Bastfransen an Kragen und Taschenpatten der Jacke aus Jacquard, und darunter eine Bluse mit Jugendstilmuster.

Die Entwürfe von Anna Sui sind sehr weit weg von dem Stil, den ich selbst tragen würde, und einmal mehr habe ich bedauert, dass mir bohèmehafte Flohmarktmode und Exotisches überhaupt nicht stehen - es würde so großen Spaß machen, in diesem Stil zu nähen und auf Materialjagd zu gehen.  


Außerdem beneide ich Designer um die Möglichkeit, Feinstrickpullover und -jacken in speziellen Farben und Schnitten in Auftrag geben zu können - wäre ein Strickwarengenerator nicht mal ein Projekt für ein Start-up?

Die Zusammenstellung vom Foto oben hat mir besonders gut gefallen: Die Jacke hätte ich gerne, sie sah nach schönem, hochwertigem Strick aus, und die taillierte Form und die umlaufende schwarz-weiß-melierte Blende ist toll. Und wie geschickt der Kunstfellschal das Schwarz-Weiß-Melierte der Jacke aufnimmt, und wie dieser Ton im Muster des Jerseyrocks wiederkehrt, dessen Violett im Oberteil wieder auftaucht!


Im Hauptraum der Ausstellung waren die Kleiderpuppen nach Stilelementen gruppiert - in der Gruppe oben war das verbindende Element der Punk.


Hier unten ist vorne das Thema "Victorian" mit Blick auf "Schoolgirl" und "Retro". Anna Sui fing, wie so viele von uns, als Jugendliche an zu nähen. Sie arbeitete Sachen vom Flohmarkt für sich um, änderte und kombinierte sie neu. Dieses Sammeln, Entdecken, Bekanntes neu sehen und in einen anderen Kontext stellen, ist immer noch das Prinzip ihrer Arbeit. Der Kontrast zu Balenciaga, dem akribischen Schnitt-Tüftler, der am liebsten Kleidung ohne jede aufgesetzte Verzierung entwarf, könnte nicht größer sein.


Man kann trotzdem nicht sagen, dass das Schneiderhandwerk für Anna Sui unwichtig wäre und dass sie, wie es im deutschen Wikpedia-Artikel heißt, "auf Luxus und kostbare Stoffe" keinen besonderen Wert legen würde, den Eindruck habe ich in der Ausstellung nicht gehabt. Ihre Sachen unterscheiden sich in der Materialqualität schon sehr von dem, was man im exotischen Hippie-Stil von der Stange kaufen kann. Seiden-Pannesamt, Seidenchiffon, Crêpe de Chine, feine Wollstoffe sind ihre Materialien. Sehr viele Teile sind mit üppigen Perlenstickereien verziert, wie das exotische Hängerkleid oben (der Untergrund ist Dupionseide, wenn ich mich richtig erinnere).


Die Zusammenstellung oben, die mich jetzt auf dem Foto fatalerweise an die Love-Parade-Outfits der späteren Neunziger erinnert, wirkte in der Ausstellung ganz anders - dort sah man nämlich, wie hochwertig der karierte Wollstoff des Rocks ist, der möglicherweise extra für Anna Sui gewebt wurde, denn das Rot und Gelb der Wollblüten passt exakt zum Rot und Gelb der Karos.

Ein bißchen mehr über die Herstellung der Kleider hätte ich in der Ausstellung trotzdem gerne erfahren. Der Designprozess scheint bei Anna Sui so abzulaufen, dass sie von Moodboards ausgeht und zunächst Bilder (oft aus Modemagazinen der 50er, 60er und 70er Jahre), Stoffe, Materialproben, Farbkarten, Stoffmusterskizzen anhäuft, aus denen sie dann die Modelle entwickelt. In der oberen Etage konnte man einige dieser Boards sehen, und man erfuhr auch, dass sie bei Schuhen und Schmuck seit Jahren mit anderen Designern zusammenarbeitet. Wie aus einer Modellskizze, einer Idee, dann aber ein Kleid erschaffen wird, wer das alles umsetzt, das bleibt leider ziemlich nebulös. Ist erst der (Muster-)stoff da, und dann die Idee? Oder wird eine Kollektion zusammenpassender Stoffe vorab in Auftrag gegeben? Wo und von wem werden die Stickereien produziert?


Anna Sui stellt keine Haute Couture her, sondern letztlich "nur" Mode von der Stange, aber diese Abendjacke zum Beispiel war einfach fantastisch und in der Qualität des Stoffes (schwarzer Seidensamt) und der Handarbeit - Art-Déco-Motive aus silbernen Perlen, Pailetten und Spiegeln, Perlenfransen - durchaus auf Haute-Couture-Niveau.


Hier bei dieser Gruppe zum Thema "Retro" sieht man auch noch einmal gut, wie Anna Sui arbeitet: Die Kleidungssilhouette der 1930er Jahre nimmt sie, inklusive der schräg auf dem Vorderkopf getragenen Hüte, ziemlich originalgetreu auf. Der Bruch, der die Modelle zu Kleidern von heute macht - und das habe ich leider nicht im Detail fotografiert - liegt in der Zusammenstellung mit den Accessoires: Mal ein schwarzes Nietenarmband, mal ein Ledergürtel, mal sind es Lurex-Glitzersöckchen in Pink.


Hier bei dem Bild aus der Abteilung "Rockstar and Hippie" sieht man auch ein bißchen von der Ausstellungsarchitektur: Sie orientierte sich an der Einrichtung der ersten Boutique des Labels Anna Sui in New York 1992. Der Laden war mit glänzend schwarz lackierten, verschnörkelten Jahrhundertwendemöbeln eingerichtet, mit Tiffanylampen und schwarz-weißen Tapeten.

Den breiten Stoffgürtel habe ich wegen der Wollstickerei fotografiert. Und wieder kann man beobachten, wie bestimmte Farben und Formen in allen Bestandteilen des Outfits wiederkehren, so dass die Einzelteile einerseits ganz verschieden sind, andererseits aber doch wie aus einem Guss. 

Diese Zusammenstellung hat mir besonders gut gefallen (und wäre für mich im Sommer sogar tragbar): Ein weißes Batistkleid mit roter Stickerei und eine kurze Jacke aus grobfädigem rotem Leinen mit weißer Perlenstickerei. Die großen, facettierten weißen Perlen waren etwas ganz Besonderes, sie wirkten wie Jettperlen, aber eben in Weiß und nicht in Schwarz, möglicherweise waren sie nicht aus Glas, sondern aus einer Art Plastik.


Links sieht man ein Stück von einem Moddboard - und von der Jacke rechts, zusammen mit dem Kleid, war ich ganz hin und weg. Ich musste mir sehr streng sagen, dass ich eine Lederjacke mit Fransen und Vogelapplikation sowieso unmöglich tragen kann, um mich loszureißen.

Neben dieser Vitrine mit dem Kleid konnte man durch eine Glaswand in den lichtdurchfluteten Workshopraum des Museums sehen, in dem gerade eine Gruppe mit Stoffen hantierte. Auch da hätte ich mich am liebsten dazugesellt, und ich plane (und spare!) schon für die nächste Londonreise. Falls ihr nach London reisen könnt, schaut vorher nach, was für Ausstellungen gerade im Fashion and Textile Museum angekündigt sind, das Museum ist auf jeden Fall einen Besuch wert. Da es ein eher kleines, nicht-staatliches Museum ist, gibt es keine Dauerausstellung, sondern wechselnde Sonderausstellungen, die etwa drei Monate laufen, dann ist das Museum etwa 14 Tage für den Aufbau der nächsten Ausstellung geschlossen, darauf sollte man seine Reisedaten abstimmen.


Die Bermondsey Street und die Gegend um das Museum herum sind übrigens auch ganz interessant. Das Viertel war einmal ein Zentrum der Lederproduktion und des Lederhandels, wie man an Straßennamen wie Leathermarket St., Morocco St. (Maroquinleder) und Tanner St. (Gerber) ablesen kann. Die großen Fabrikgebäude und Lagerhäuser beherbergen heute Galerien, Läden, schicke Büroflächen oder Wohnungen  - zum Teil mit Dachgärten, wie man sieht, und an jeder zweiten Ecke werden gerade leerstehende Lagerhäuser in noch mehr teure Wohnungen umgewandelt. Das Viertel macht den Eindruck, als hätte es sich in den letzten Jahren rasant verändert, von total heruntergekommen zu superschick, als Berlinbewohnerin kennt man die Anzeichen ja sehr gut.


Ein bißchen rauher ist es noch ein Stück weiter Richtung London Bridge (aber die Hauptstraßen mit viel Verkehr werden sowieso nie so schick, auch das kennt man aus Berlin). Ich war sehr gespannt, The Shard zu sehen, das Hochhaus von Renzo Piano, das es noch nicht gab, als ich das letzte Mal in London war. Wenn man in Southwark unterwegs ist, ist der Turm fast überall zu sehen oder taucht auf einmal überraschend in der Straßenflucht auf, besonders schön in der Dämmerung oder bei Nacht, wenn sich am Horizont eine dunstverschleierte, von innen heraus leuchtende Pyramide erhebt. Der Kontrast ist manchmal extrem, weil es in Southwark einige kleine Straßen mit kleinen, oft nur zweistöckigen Häusern gibt. Ich kann einerseits die Kritik gut nachvollziehen, die dieser überdimensionierte Turm auf sich gezogen hat, aber ich bewundere andererseits die Kühnheit des Entwurfs und auch, dass sowas tatsächlich genehmigt, finanziert und gebaut wird.


Ein Tipp noch, falls ihr das Modemuseum besucht, und danach noch etwas essen wollt: Das Café im Museum ist nett, aber nicht weit entfernt ist der Borough Market, der einer der besten Lebensmittelmärkte in London sein soll. Der Markt besteht aus mehreren verwinkelten Hallen, zum Teil unter einer Bahntrasse, und dort gibt es auch eine Menge Stände, an denen man etwas essen kann und einen glasüberdachten Bereich, in dem man sich hinsetzen kann. Sonntags ist der Markt geschlossen, Montag und Dienstag ist nur ein Teil der Stände geöffnet, Mittwoch bis Samstag sind die Haupttage. Da findet man auf jeden Fall etwas, und es gibt auch viel zu schauen und zu entdecken. Sogar einen deutschen Stand - mit Thüringer Bratwurst, Bautzner Senf, Kühne Rotkohl im Glas, Apfelmus und sauren Gurken aus dem Spreewald - habe ich gesehen.