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Montag, 13. Juli 2015

Die 11. Textile Art - ein paar Impressionen


Seit Jahren schreibe ich in diesem Blog jeden Sommer über  die Textile Art, die Kreuzberger Textilmesse, die so vieles sein will: Textilkunstausstellung, Verkaufsschau von textilem Kunsthandwerk, Messe für Stoffe, Wolle, Handarbeitsmaterialien und -werkzeuge. Jedes Jahr komme ich zwiegespalten zurück: Die Vielfalt der Messe ist sowohl Vor- als auch Nachteil, denn das bedeutet, dass es neben modernem Design, gutem Handwerk und textiler Kunst immer auch vieles gibt, das mich nicht interessiert. Mein Eindruck in diesem Jahr bei einem kurzen Besuch am Sonntag: Die Organisation ist noch professioneller geworden, und mir gefiel, dass viele kleine Workshops direkt in den Ausstellungsbereich geholt wurden, so dass das Handarbeiten selbst, das Tun, auch bei der Veranstaltung präsent ist, man Menschen beim Werkeln über die Schulter schauen und selbst Techniken ausprobieren kann.

Die Verkaufsstände für Materialien und textile Produkte, wie auch die Ausstellungen konnten mich dieses Mal aber nicht so sehr begeistern. Lag es daran, dass ich die Messe Jahr für Jahr besuche, und viele Händlerinnen, aber auch viele der Ausstellerinnen jedes Jahr wieder, zum Teil sogar mit denselben Exponaten teilnehmen? Meine Ermüdung schien mir nicht repräsentativ zu sein, die Schule war gut gefüllt, die meist weiblichen und meist älteren Besucherinnen schienen zufrieden und interessiert. Brauche ich ein Jahr Pause? Darüber werde ich in einem Jahr noch einmal nachdenken.

Decke von "Maria" aus dem Projekt "Nähen statt Knast"

Meine Highlights der Textile Art 2015:

Eine Sammlung von gepatchten Wandbehängen, manche mit traditionellen Blockmustern, manche ganz wild und spontan zusammengefügt, die ohne Erklärungen, aber mit lächerlich niedrigen  Preisen versehen, im Erdgeschoss hing. Erst spät entdeckte ich ein Plakat und ein Tischchen mit Broschüren: Es handelt sich um Arbeiten, die in der Kleiderwerkstatt der AWO entstanden und die von Frauen angefertigt wurden, die durch das Nähen Geldstrafen abarbeiteten - "Nähen statt Knast" heisst diese Initiative so plakativ wie einprägsam. Die gepatchten, gefütterten, aber nicht gequilteten Decken zeigten zum Teil ungewöhnliche Farbharmonien, vergleichbar mit moderner Kunst, zum Teil erzeugten sie Irritation, wenn zum Beispiel die Motive einer kitschigen Ponybettwäsche liebevoll und sorgfältig in genähte Rahmen eingepasst wurden. Beides ist so originell, eigenständig und überraschend im Vergleich zu den Moden und Übereinkünften, was als "schön" und harmonisch zu gelten hat, die die Produkte von Hobbyquilterinnen bestimmen. Nur zu einem Werk, der Decke, die oben abgebildet ist, gab es etwas weiterreichende Informationen über die Urheberin und den Entstehensprozess, was ich sehr schade fand - die anderen Decken hingen dort völlig nackt, und auch wenn es wohl der Datenschutz verbietet, die Realnamen der Näherinnen zu nennen, ist es schade, dass die Schöpferinnen auf diese Weise gar nicht gewürdigt wurden.

Doppelbödige Blütenteppiche



Die zweite Ausstellung, die mich faszinierte, waren die textilen Wandbilder von Madre alias Guido Nosari aus Bergamo. (Und ich ärgere mich sehr, über den Künstler nicht vor der Textile Art recherchiert zu haben, denn zu seinen Wandbildern gab es im Ausstellerverzeichnis und in der Ausstellung selbst nur zwei dürre Sätze, es hätte sich so gelohnt, mehr über den Hintergund dieser Arbeiten zu wissen, und dann hätte ich auch erkannt, dass der junge, bärtige Mann, der dort etwas verloren herumsaß, Guido Nosari selbst war.).

Die genähten Bilder bei der Textile Art bestanden aus Stoffstücken in mehreren Lagen, zum Teil ausgeschnittenen Blüten, die durch große, sichtbare Handstiche in mehreren Schichten miteinander verbunden wurden. Von weitem wirkten sie wie heitere, textile Blütengärten, aus der Nähe erkannte man in den dicken Perlen zwischen den Stoffflächen kleine, bunte Schädel, die einen mit großen Augen anschauten. Ich konnte mich nicht entscheiden, wie ich diese Diskrepanz zwischen Nah- und Fernwirkung einordnen sollte. Durch die großen Augen hatten die Schädel auch etwas Niedliches, Maskottchenhaftes, zugleich lösten sie ein Erschrecken aus, weil es eine Weile dauerte, bis ich erkannte, was ich mir da gerade anschaute. War es der sprichwörtliche Abgrund, der zurückstarrte, oder eine Ironisierung des verbreiteten Images von Handarbeiten als harm- und belanglos? Das Interview mit Guido Nosari auf der Webseite der Textile Art hilft mir bei der Interpretation nicht viel weiter. Auf der Webseite zu Nosaris jüngstem Projekt, einem riesigen Gebetsmantel für die Neue Synagoge in Berlin, sind ganz unten zwei Ausschnitte aus einem Wandteppich zu sehen, der bei der Textile Art ausgestellt wurde, falls ihr euch selbst ein Bild machen wollt.
      

Raffinierte moderne Drucke auf Seide

[Bild auf Wunsch entfernt - 17.08.2018]

Sehr begeistert haben mich auch die Seidenschals von Alice Zahn, die man hier auf der Textile-Art-Webseite etwas genauer sehen kann: Verfremdete, von Strukturen überlagerte Fotos von Brücken und Bäumen, in leuchtenden Farben auf Seide gedruckt. Bei anderen Stücken wurde neben dem Druck außerdem mit Ausbrennertechnik (devoré) gearbeitet, im Prinzip so, wie man es von Ausbrennersamt kennt. Bei einem Mischgewebe aus Viscose und Seide wird durch eine ätzende Paste partiell der Viscoseanteil herausgelöst, so dass das zarte, durchscheinende Seidengewebe übrigbleibt und ein Muster aus durchbrochenen Partien entsteht. Wunderschöne und sehr, sehr hochwertige Stücke fürs Leben.  


Sehr nett war es dann auch, zum Schluss (fast hätte ich sie nicht gefunden) am Stand von Stefanie - Manufacta est vorbeizuschauen. Diese detailreichen Applikationen muss man sich einfach im Original anschauen - die Fotos in ihrem Blog geben nur einen Eindruck.

Weitere Berichte zur  11. Textile Art 2015 findet man hier bei Hehocra, bei Helena - Fincolorist, bei Anke - Ankes Garten und hier bei Patchbärchen.

Samstag, 9. August 2014

Ein Rückblick auf die Textile Art 2014

Mixed-Media-Collage von Karola Rose

So langsam komme ich dazu, die angesammelten Bilder und angefangenen Beiträge hier im Blog aufzuarbeiten - in den letzten Wochen war wenig Zeit für Dinge wie Bloggen oder Nähen. Für den Besuch der Textile Art vor mehr als einem Monat, am Wochenende vom 28. und 29. Juni, konnte ich mir auch nur einen knappen Vormittag abknapsen. Aber das lohnte sich! Die Textile Art ist eine Schau für Textilkunst und eine Verkaufsmesse für Handarbeitsmaterialien und -zubehör, und während ich im vorigen Jahr den Eindruck hatte, einer stagnierenden, möglicherweise sogar sterbenden Veranstaltung beizuwohnen, kam mir die Messe dieses Jahr vielfältiger und überraschender vor - und Dank neuer Kooperationen waren auch deutlich mehr Besucher da. 

Taschen aus dem Kinder-Wettbewerb "Meine Lieblingstasche" aus Lettland: Linda Smilskalene (11), Samita Rasinska (15), Kristiana Kalle (11)
Gewebtes bildete einen Schwerpunkt auf dieser Messe. Suschna hatte hier schon darüber geschrieben und einige Bilder gezeigt. Mir gefielen vor allem die gewebten Objekte aus ungewöhnlichen Materialien, zum Beispiel ein karierter Tischläufer aus Leinen und Stahlwolle von Tiina Kirsi Kern mit dem ironischen Titel "Tischgespräch", die Behälter aus Videobändern von Waltraud Münzhuber oder die edel glänzenden Stoffe von Sylvia Bünzel aus Baumwolle, Leinen und Videobändern, die zu Raumteilern oder Abendhandtaschen verarbeitet wurden. 

Tiina Kirsi Kern: Tischgespräch (Gewebter Tischläufer mit Stahlwolle))
Den Bilderzyklus "Women in their Fifties. Pythias" von Laima Oržekauskienė fand ich besonders beeindruckend: Die Kettfäden der gewebten Porträts wurden per Digitaldruck bedruckt, gewebt wurde teils mit goldenen und silbernen Fäden. Fotos geben die komplexe Schichtung der Strukturen nicht annähernd wieder - die Wirkung ist je nach Abstand des Betrachters zum Gewebten ganz unterschiedlich. Die aus der Ferne dominierenden Gesichter lösen sich in der Nähe in Muster und Strukuren auf. Einen Eindruck davon erhält man in einem Film hier. Erstaunlich auch, wie gut sich die Bilder in der Ausstellung behaupten konnten: die Textile Art findet in den Räumen einer Schule am Südstern statt, und die sehr zweckmäßigen Räume lassen sich nicht immer ausblenden. Der blaue Fußboden und der rote Streifen an der Wand wirken aber so, als wären sie extra für diese Bilder ausgewählt worden.
Laima Oržekauskiene: Women in their Fifties. Pythias (Weberei und Digitaldruck)
Die Cubelin-Sitzwürfel von Gabi Becker sind eine brillante Idee, brillant umgesetzt. Gabi Becker sammelt alte gestickte Gobelinbilder und setzt jeweils sechs in Format, Farbigkeit und Sujet zueinander passende Bilder zu modernen Sitz-Poufs zusammen. Das ist ironisch und witzig - wenn sich sechsmal Heiligenkitsch begegnet, oder gestickte Einhörner im Nebel auf Delphine unter dem Regenbogen treffen. Man sieht die Stickproduktion unzähliger Omas in diesem neuen Kontext mit ganz anderen Augen, bemerkt die wunderbaren leuchtenden Farben der gereinigten Gobelins und die angenehme Haptik der Stickwolle. Ich musste gleich an Griseldas Tablethülle aus so einem Gobelin denken - es lohnt sich sehr, solche Stickereien weiterzuverarbeiten.
   
Cubelin-Sitzwürfel von Gabi Becker
Ein nettes Gespräch hatte ich auch mit den Damen von Blautropfen Berlin, die Cyanotypien auf Stoffbeuteln und Tshirts anboten. Ich habe jetzt noch eine Idee, warum die Cyanotypieversuche im Nahtzugabe-Haushalt so unterschiedliche Blautöne und zum Teil verwaschene Bilder ergaben - möglicherweise habe ich einige Male aus Versehen die Rückseite der Stoffe belichtet. Da Stoff die Chemikalienlösung aufsaugt, ist es nach dem Trocknen nicht mehr ohne weiteres zu sehen, welche Seite die Vorderseite war. Ich habe auch gleich wieder Lust bekommen, noch einmal mit Cyanotypie zu experimentieren, oder zumindest meine Stoffe vom letzten Mal endlich zu verarbeiten. Einige Fotos vom Blautropfen-Stand finden sich hier bei Kristina.   

Modedesign trifft Textildesign: Britt Sobotta und Maria Kravets
Die Kleider von Britt Sobotta und Maria Kravets hatten es schwer, gegen die nüchternen Räume der Schule anzuwirken. In der Kooperation mit dem Titel "Romantic Warrior" kümmert sich Britt Sobotta um die Schnitte, die Anfertigung und die Mieder - sie betreibt außerdem die Berliner Miedermanufaktur. Von Maria Kravets stammen die handbemalten Stoffe, meistens Seide unterschiedlicher Qualitäten und Strukturen. Die fließenden, romantischen Kleider wirken in der Bewegung an der Trägerin - und ohne Schulmobiliar im Hintergrund - sicher nochmal ganz anders. Ich fand die Stücke interessant, weil ich schon lange einmal einen Stoff für ein Kleid mit Stoffdruck oder -malerei selbst gestalten wollte, mit einem Musterverlauf von den Schultern bis zum Saum, oder auf jeden Fall mit genau platzierten Mustern, und hier konnte ich schon mal schauen, wie man das angehen könnte, und noch dazu war Britt Sobotta eine ausgesprochen sympathische Gesprächspartnerin.

Apropos Gespräche: Leider hatte ich diesmal auch aus Zeitmangel und Mangel an Organisation keine Treffen mit anderen Textilbloggerinnen verabredet, aber immerhin konnte ich am Stand von Ste - Manufacta est kurz Hallo sagen. Glücklicherweise zeigte sie hier selber Bilder von ihrem Stand (und hier ihr zweiter Beitrag über die Textile Art), denn ausgerechnet dort machte ich kein einziges Foto. Wahrscheinlich weil ich so davon begeistert war, die Applikationen, die Nadelkissen und die Stickereien, die ich ja schon aus dem Blog kannte, nun tatsächlich richtig in der Hand zu halten, so dass ich gar nicht auf die Idee kam. Wenn es um Textilien geht, kann das Internet eben doch nur einen oberflächlichen Eindruck vermitteln - genau so, wie es eben doch etwas anderes und viel netter ist, sich einmal, wenigstens kurz, "richtig" zu treffen.

Zum Schluss daher noch einige Links zu Artikeln über die Textile Art von Bloggerinnen, mit denen ich leider nicht verabredet war: Von Hehocra hier, hier und hier und von Kristina hier und hier.

Montag, 3. Juni 2013

Textile Art und Patchworktage in Berlin am 8. und 9. Juni

Keiko Osaki: Reise-Impressionen, Foto: Patchwork Tsushin (via www.textile-art-berlin.de)
Am kommenden Samstag beginnt am Südstern in Kreuzberg wieder die Textile Art, die große Textilkunst- und Handarbeitsmesse. Die Messe bietet Ausstellungen textiler Objekte und zahlreiche Verkaufsstände, an denen Stoffe, Handarbeitszubehör und andere interessante Materialien, aber auch textiles Kunsthandwerk angeboten werden, so dass Gelegenheit besteht, mit den SelbermacherInnen ins Gespräch zu kommen.

In diesem Jahr liegt der Schwerpunkt beim Patchwork, denn auf der Messe finden zugleich die Patchworktage 2013 statt. Neben Einzel- und Gruppenausstellungen deutscher Quilterinnen werden dabei Quilts aus internationalen Wettbewerben in Berlin gezeigt. Ich freue mich schon auf die Quilts aus Japan, kuratiert von der japanischen Zeitschrift Patchwork Quilt Tsushin, auf Wettbewerbsquilts von der Quiltausstellung in Sainte-Marie aux Mines, auf Quilts vom European Patchwork Meeting und vom Festival of Quilts in Birmingham. Lasst euch die Messe nicht entgehen, wenn ihr am kommenden Wochenende zufällig in Berlin seid: so viel Textiles auf ein Mal findet man sonst nirgends, und erfahrungsgemäß ist die Bandbreite der Stile und Materialien sehr groß. 

Detaillierte Informationen über das Ausstellungsprogramm und eine Liste der Verkaufsstände findet ihr auf der Webseite, der Eintritt  kostet 9€ (ein Tag) bzw. 15€ (beide Tage), ermäßigt jeweils die Hälfte, Kinder unter 16 frei.

Textile Art
Sa 8. Juni 10-18.00 Uhr, So 9. Juni 2013 10-17.00 Uhr
Carl-von-Ossietzky-Schule, Blücherstr. 46/47, 10961 Berlin
Haltestelle: Südstern (U7)
 
www.textile-art-berlin.de

Freitag, 11. Juni 2010

Textile Art Berlin 2010 am 19./20. Juni


Foto: Nicole Schult-Marsen www.zeitstil.com für Textile Art Berlin

Nur noch acht Mal schlafen! Am übernächsten Wochenende findet in Berlin zum sechsten Mal die Textilkunstmesse Textile Art Berlin statt. Neben Verkaufsständen für außergewöhnliches textiles Kunsthandwerk (zum Beispiel von HG handmade alias Gerdiary), Bücher, Materialien, Workshops gibt es diesmal sechzehn Ausstellungen zu ganz unterschiedlichen textilen Themen. Vor zwei Jahren hatte ich schon einmal über meine Eindrücke berichtet.

Erfahrungsgemäß reicht das Spektrum von von winzigen filigranen Stickereien bis zu lebensgroßen gestrickten Korallenriffen und es gibt annähernd alles, was man aus textilen Materialien im weitesten Sinne anfertigen kann, von B wie Batik bis W wie Weben zu sehen, so dass ich jedes Mal völlig reizüberflutet und (wegen strengen Fotoverbots) mit einem vollgekritzelten Notizbuch zurückkomme. Auch wenn ich daher keine Bilder von den letzten Jahren zeigen kann: Glaubt mir, es lohnt sich, klickt euch durch das Programm und die Aussteller, es ist für jeden etwas dabei.

Textile Art Berlin 2010

Samstag 19. Juni 10-18.00, Sonntag 20. Juni 10-17.00 Uhr
in der Carl-von-Ossietzky-Oberschule, Blücherstraße 46/47, 10961 Berlin

Haltestelle Südstern (U7)

Eintritt 9 Euro für einen Tag, 15 Euro für beide Tage

Freitag, 10. Juni 2011

7. Textile Art Berlin am 18./19. Juni

Foto: Nicole Schult-Marsen, www.zeitstil.com
Auch dieses Jahr will ich nicht versäumen, auf die Textile Art hinzuweisen, die große Textilkunstschau, die am Wochenende vom 18./19. Juni wieder in der Carl-von-Ossietzky-Oberschule am Südstern stattfinden wird.

Die Textile Art ist eine Mischung aus Textilkunstausstellung – zu erwarten sind dieses Mal unter anderem Patchwork aus Ungarn zum Thema "Die Stadt" und eine Einzelausstellung der litauischen Stickkünstlerin Inga Liksaite - und einer Verkaufsmesse für textiles Kunsthandwerk, aber auch für außergewöhnliche Materialien. Daneben gibt es Workshops der ausstellenden Künstlerinnen, einen Materialflohmarkt und am Samstag Abend eine Modenschau. Auch wenn die Veranstaltung erfahrungsgemäß einige Schwächen hat – die teilweise sehr improvisierte Präsentation in den Klassenzimmern, fehlende Beschilderungen und das von den Veranstaltern ausgeprochene absolute Fotografierverbot gehören dazu – so bietet sie doch die seltene Gelegenheit, eine sehr große Bandbreite textiler Kunst und textilen Kunsthandwerks und fast alle nur denkbaren Techniken und Herangehensweisen einmal an einem Ort zu erleben, von filigranen Schmuckstücken aus Perlen und Fäden bis hin zu raumgreifenden textilen Objekten. Und ich freue mich wie jedes Jahr darauf, eine Menge Ideen mitzunehmen - im Kopf und im Notizbuch.

Textilkunstmesse Textile Art
Samstag, 18. 6. 2011, 10-18.00 Uhr, Sonntag, 19. 6. 2011, 10-17.00 Uhr

in der Carl-von-Ossietzky-Oberschule, Blücherstr. 46/47, 10961 Berlin

Haltestelle Südstern (U7)

Eintritt: Ein Tag 9 €, beide Tage 15 €

Donnerstag, 18. Juni 2009

Vorfreude


(Foto: Nicole Schult-Marsen www.zeitstil.com über Textile Art Berlin.)


Nächstes Wochenende ist in Berlin wieder Textilkunstmesse – die Textile Art 2009 , eine riesige Ausstellung von textilen Objekten, Bildern, Kunsthandwerk, mit Verkaufsständen für ungewöhnliche und schwer zu beschaffende Handarbeitsmaterialien, mit Vorträgen und Workshops. Die Messe findet in einem typischen verwinkelten 70er-Jahre-Schulgebäude in der Nähe des Südsterns statt, so dass sich der Besuch wie eine Schatzsuche gestaltet: Hinter jeder Biegung des Ganges, in jedem Raum warten neue und überraschende Dinge darauf, betrachtet zu werden.

Letztes Jahr war ich hingerissen, kritzelte seitenweise mein Notizbuch voll (leider durfte man nicht fotografieren) und kehrte mit akuter Reizüberflutung und vielen neuen Anregungen heim. Die meisten Austellerinnen und Aussteller standen selbst an ihren Ständen und fast alle ließen sich auch gerne auf Gespräche mit den Besuchern ein.

Nähere Informationen zu Programm, Veranstaltungsort und weitere Fotos zum Appetitmachen auf der Webseite der Veranstalter textile-art-berlin.de.



(Foto: Nicole Schult-Marsen www.zeitstil.com über Textile Art Berlin.)

Dienstag, 17. Juni 2014

Wochenrückblick: Stofflagerverwaltung, neue Strickmuster und Textilkunst in Berlin

 
 
Am Pfingstwochenende war es so heiß, dass ich überlegte, meine Ernährung komplett auf Eiskaffee umzustellen: Zucker, Koffein, Flüssigkeit - es ist ja alles drin, was man braucht. Die Feiertage verbrachte ich zum großen Teil drinnen, abends schleppten der Liebste und ich uns einmal um den Block und zum Café im Nachbarhaus - mehr außer Herumhängen war nicht drin.

Mittlerweile haben wir ein moderat warmes Sommerwetter, das ich sehr gerne mag, und so besuchte ich  am Donnerstag (lacht nicht!) die erste Sport-Großveranstaltung meines Lebens: Alba Berlin spielte vor 12 000 Zuschauern gegen Bayern München in der großen Mehrzweckhalle am Ostbahnhof (wie die Berliner Zeitung diesen Veranstaltungsort ebenso despektierlich wie ironisch nennt, um den Namen des Hallensponsors nicht schreiben zu müssen). Ach ja, und falls das Sport-Noobs wie ich hier lesen: es ging um Basketball! Wie uns der Alba-Fan erklärte, der den Liebsten und mich mitgenommen hatte, werden die Bayern in der Liga "von allen gehasst", weil deren Mannschaft aus teuer zusammengekauften Spielern anderer Vereine besteht - auch einige Ex-Spieler von Alba spielen jetzt für die Bayern. Die Verräter. Wir sahen - das bestätigte auch unser Fan-Freund, ich kann das ja gar nicht beurteilen - ein sehr spannendes und bis zum vierten Viertel knappes Spiel, das Alba gewann. Mir war zum Schluss ganz schwummrig, einmal wegen der Begeisterung und des Lärmpegels in der Halle, andererseits geht auf dem Spielfeld alles so wahnsinnig schnell, dass man wirklich Konzentration braucht, um als Zuschauer auch nur den Ball nicht aus den Augen zu verlieren. Im Fernsehen sieht das wie immer alles viel größer und übersichtlicher aus.

Aber die nächsten Wochen dreht sich ja erstmal alles um Fußball. Bei mir vielleicht nicht alles, aber ein paar Spiele schaue ich mir auch an, und zum ersten Mal seit 2006 oder so ist das auch zuhause vor dem eigenen Laptop möglich. Ganz klar, dass dafür ein WM-Strickprojekt benötigt wird! die Maschenprobe steht, und ich entschied mich für das untere Zickzackmuster in dunkelgrüner Cotton-Merino von drops.

Die Handarbeitslinks der Woche:


Die neuen Herbst-Strickmuster bei knitty. com sind da. Auch wenn ich an Herbst noch nicht wirklich denken möchte: Meine Favoriten sind Vermillion Cliffs, eine dicke Strickjacke mit Zopfmuster - die ließe sich aus Lima von drops stricken, zum Beispiel in Rubinrot. Solche zweifarbigen Pullover wie Jasseron sind mir in letzter Zeit auch häufig aufgefallen, und dieses Modell gefällt mir besonders gut wegen der Spitzenärmel, aber ich fürchte, ein Pullover aus Garn für Nadelstärke 4 ist doch meistens zu warm. Aber vielleicht ließe sich die Anleitung für dünneres Merinogarn umrechnen?

Auf eine Aktion, die einen guten Zweck und die Förderung kleiner Schnittmusterfirmen verbindet, wurde ich über Meike aufmerksam: Auf der Seite Perfect Pattern Parcel werden alle paar Wochen fünf Indie-Schnittmuster zu einem günstigen Paketpreis angeboten. Jede Schnittmusterzusammenstellung ist zwei Wochen lang verfügbar, ein Teil des Preises kommt als Spende über die Organisation Donors Choose der Bildung von Kindern zugute. Paket Nummer drei - unter anderem mit dem Bombshell-Badeanzug - lief vor einigen Tagen aus, das nächste Schnitt-Paket ist ab dem 22. August erhältlich.    

Ordnung und Übersicht im Stofflager, das ist eine Aufgabe, an der ich beständig scheitere. Die Online-Verwaltung verlief ziemlich schnell im Sande, weil ich für das Fotografieren der Neuzugänge dann doch zu faul war. Ein dickes Schulheft mit eingeklebten Stoffschnipseln und ein paar Notizen zu Menge und Material führe ich etwas konsequenter, aber auch das ist nicht der Weisheit letzter Schluss, vor allem ist es nur schlecht transportabel, und beim Aussuchen von Kurzwaren wäre es ja praktisch, ein paar Stoffproben dabei zu haben. Colette Patterns bietet im Blog eine Vorlage für Swatch tags, also Stoffmusterkarten, zum Herunterladen an. Auf den Karten lassen sich Material und Menge notieren, unten ist Platz für eine Stoffprobe, und das beste: die Karten kann man zum Beispiel auf Schlüsselringe auffädeln und problemlos zum Kurzwarenkauf mitnehmen.       

Ein fester Termin jedes Jahr im Juni ist die Textile Art, eine Ausstellung und Verkaufsschau für textile Kunst und textile Materialien aller Art, die am 28. und 29. Juni stattfindet. Dieses Jahr überrascht die Veranstaltung mit einer neuen, übersichtlicheren Webseite, neu konzipierter Öffentlichkeitsarbeit und der Mitteilung, dass das Fotografieren bei der Veranstaltung nicht mehr generell verboten sein wird. Prima, dann kann ich endlich einmal mit ein paar Bildern darüber berichten. Die Ausstellungen bei der Textile Art decken eine große Bandbreite an textilen Techniken ab, von Quilts über Mode bis hin zu Perlenarbeiten und an den Verkaufsständen findet man oft Materialien, nach denen man sonst im Netz lange suchen muss. Im Vergleich zu früheren Jahren werden wieder mehr Fachvorträge angeboten und sogar Filme gezeigt - mir scheint, bei der Textile Art herrscht ein frischer Wind, der ihr nur guttun kann.  

Einen neuen Termin zum virtuellen gemeinsamen Nähen könnt ihr euch auch vormerken: Julia veranstaltet in der Sommerpause des Me made Mittwoch einen Dirndl-und-Tracht-Sewalong im Me-made-Mittwoch-Blog. Für Nordlichter wie mich wird die Herausforderung darin liegen, mir eine Dirndl-Adaption auszudenken, die im Berliner Kontext nicht wie eine Verkleidung wirkt.

Und zuletzt fand ich den Artikel Deadly Victorian Fashions sehr interessant: Mit Arsen gefärbte Stoffe, Ballerina-Tutus aus leicht entflammbaren Stoffen, Hutmacher, die durch Quecksilberdämpfe so verrückt wurden wie der Hutmacher aus Alice im Wunderland - eine Ausstellung im Bata Shoe Museum in Toronto wird sich den Gefahren durch Kleidung im 19. Jahrhundert widmen. (Gefunden via Santa-Lucia-Patterns bei fb)

Freitag, 4. Juli 2008

Ein Wochenende im Labyrinth: Die Textile Art 2008



Die Textile Art 2008 am 21./22. Juni war ein so anregendes Erlebnis, dass ich meine Eindrücke zwar auf etlichen Notizbuchseiten notiert, aber noch nicht annähernd geordnet habe. Buchstäblich hinter jeder Ecke etwas Neues - die Carl-von-Ossietzky-Oberschule ist beim ersten Besuch derart unübersichtlich, dass der Ausstellungsbesuch einer Schatzsuche glich. Diese überraschende Schatzsuche hat sicherlich für jede Besucherin etwas anderes zutage gefördert, daher nur knapp meine persönliche Hitliste der Schätze:

1. Die dreidimensionalen textilen Objekte
Aus naheliegenden Gründen hatte es mir das genähte Tortenbuffet von Petra Darimont besonders angetan.
Aus der Ausstellung "Textile Welten" von Studierenden der UdK entzückte mich die schön morbide Installation "Morgue" von Kathrin Schulz, die nicht nur ein zerschossenes Häschen und ein ausgesetztes Hündchen mit Karteikarten-Steckbrief (inklusive Todeszeitpunkt und -art) vorstellte, sondern auch eine fachgerecht zerlegte Filzratte auf blauen Samt bettete und vielfüßige (-armige?) bunte Wurmwesen als Präparate in Gläser sperrte.

2. Das Patchwork
Mein Patchworkphase ist ja eigentlich schon eine Weile vorbei, aber die mitreißende Art, mit der Brigitte Morgenroth über ihre Quilts spricht, könnte dazu führen, dass ich im kommenden Winter wenigstens das Angefangene wieder hervorhole. Brigitte Morgenroth lässt sich beim Handquilten von ihrem Mann vorlesen - vielleicht würde mein Liebster das auch machen?
Ideen für Neues lieferten die Patchworkdecken aus ungewöhnlichen Materialien und Farbharmonien von Filiz Yüreklik und die fantastische Wollquiltausstellung, die von Edda Gehrmann kuratiert wurde. Ein paar Wollstoffreste habe ich ja schon gesammelt, habe tapfer widerstanden, am Wollquilt-Stand weitere (sehr sehr günstige!) Reste zu erwerben und Ideen, wie unterschiedliche Karomuster gut harmonieren könnten, habe ich jetzt auch. Das dazugehörige Buch wäre allerdings bei einem anderen Verlag besser aufgehoben gewesen, der einen professionellen Buchsatz verwendet und gute Fotos machen lässt - dann hätte ich es auch gekauft.

3. Perlen, Perlen, Perlen
Für mich ziemliches Neuland, denn mit Perlenstickereien und -fädeleien (wie die Indianer!) habe ich mich zuletzt als Kind ernsthaft beschäftigt.
Größte Entdeckung: Die Perlenkugeln, die ich vor zwei, drei Jahren schon mal bei einer Kunsthandwerkausstellung im Leipziger Grassimuseum bewundert hatte, werden gehäkelt! Für andere wahrscheinlich ein alter Hut, für mich ganz was neues und eine Webseite zum Thema gibt es natürlich auch. Mir schwant, da lauert ein neues Hobby am Horizont.

4. Der Strandliegestuhl-Haarschmuck von Ilona Krieg und das Kravattenkleid einer Besucherin am Sonntag.

Meine persönliche schade-Liste enthält nur zwei Punkte:
1. Das "Show-and-tell" am Sonntag fand mangels Anmeldungen nicht statt - schade, denn unter einer Textilkunstmesse verstehe ich nicht nur eine Verkaufsmesse, sondern auch den persönlichen Austausch. Den gab es zwar so auch, aber angesichts der Bekleidung (das Kravattenkleid!) und vor allem der Taschen einiger Besucherinnen nehme ich doch an, dass einige etwas zu erzählen und zu zeigen gehabt hätten.

2. Ich hatte keinen Workshop belegt - sehr schade, wenn ich bei Ute sehe, was dabei herauskommen kann - und dazu noch selber schuld. Das merke ich mir auf jeden Fall für nächstes Jahr vor.

Freitag, 31. Mai 2013

Handmade Berlin: Luxusgarne am Monbijoupark


Mit der menschlichen Wahrnehmung ist es manchmal schon was Lustiges: Ich wusste seit Jahren, dass es in Mitte einen Wollladen namens Handmade Berlin gibt, mit schönen und teuren Strickgarnen, die man sonst nirgends in der Stadt bekommen kann. Bei der Textile Art, der großen Textilkunstausstellung im Juni, befühlte ich einige Garne an deren Stand. Ich klickte mich durch den Onlineshop und fragte mich, wer eigentlich 29 Euro für 100 Gramm Wolle ausgibt, und vor allem: warum. Bei der MittwochsMasche kam der Laden auch einige Male zur Sprache, schließlich war ich mal wieder - nur zum Gucken - auf der Webseite und las, dass man bei Handmade Berlin außerdem Kaffee trinken und auf einer Terrasse direkt am Monbijoupark sitzen kann. Und dann endlich fragte ich mich: Wo zum Teufel ist dieser Laden überhaupt? Am Monbijoupark komme ich zwar nicht täglich, aber doch zwei bis drei Mal im Monat vorbei, und mir war bis dato noch nicht einmal aufgefallen, dass man am Park überhaupt irgendwo Kaffee trinken kann.


Vor zwei Tagen machte ich mich also gezielt auf den Weg und hielt nach Wolle und Kaffee Ausschau und fand den Laden sofort: im Erdgeschoss eines neuen Bürogebäudes, dort, wo die Kleine Präsidentenstraße auf den Park trifft und ein paar Meter weiter in die Oranienburger Straße mündet. Wie hatte ich das Geschäft bloß jahrelang übersehen können? Wahrscheinlich wusste ich schon, dass ich fortan von den herrlichen Strickgarnen träumen würde, sollte ich den Laden einmal betreten, und mein Unterbewusstes hatte immer die andere Straßenseite gewählt und alles hinter dem Adalbert-von-Chamisso-Denkmal verpixelt, wie bei google streetview.

Denn, das muss ich nun zugeben: ich bin für Luxus jeder Art empfänglich und die Frage, wer das denn kauft, ist eine sehr blöde. Der Unterschied zwischen irgendeiner Wolle aus dem Kaufhaus und den Materialien, die es bei Handmade Berlin gibt, ist sehr offensichtlich. Da gibt es wunderbar weiche Merino-Kaschmir-Mischungen in allen Farben, handgefärbte Sockengarne, flauschiges Alpaca, die japanischen Garne von Noro mit den sanften Farbübergängen als Endlosfaden von der Kone, Tweedgarn von den Shetlandinseln, das sich besonders für mehrfarbige Einstrickmuster eignet, allerlei Beilaufgarne mit Glitzer und Pailletten, kurzum: es schlummern lauter wunderbare Strickprojekte in den Regalen. Besonders fielen mir die Garne von Ito aus Japan auf, wegen den interessanten strukturierten Sommergarnen aus Baumwolle, Hanf, Leinen und Seide und einem spinnwebfeinen Mohairgarn, das in allen erdenklichen Farben vorrätig ist. Aber auch direkt vor der Haustür findet sich schöne und hochwertige Wolle. Tulliver Yarns, pflanzengefärbte Wolle aus Berlin, die ich von der Textile Art kannte, begegnete mir hier wieder, mit weicheren und dünneren Qualitäten, aber immer noch in den wunderbaren Rot- und Grüntönen, die mir schon letztes Jahr so gut gefallen hatten. Darüber hinaus gibt es bei Handmade Berlin natürlich auch Strick- und Häkelnadeln sowie deutsche und englische Strickzeitschriften und Anleitungshefte, die man nicht im normalen Zeitschriftenhandel bekommt.  


Von dem Ladenrundgang überwältigt, bestellte ich am Tresen bei der sehr freundlichen Verkäuferin einen Kaffee und saß eine Weile strickend am Park. Man ist ganz weit weg von der lärmigen Touristenmeile der Oranienburger nebenan, aber trotzdem mitten in Berlin, wenn hinter dem Haus die S-Bahnen und ab und zu ein ICE auf der Höhe des ersten Stocks entlangfahren und die Dächer des Bodemuseums hinter den Bäumen sichtbar sind. Zum Kaffeetrinken werde ich daher sicher noch öfter bei Handmade Berlin vorbeischauen, dabei die Wolle anschmachten und überlegen. Und eines Tages wird mein Selbstvertrauen als Strickerin so weit gewachsen sein, dass ich tatsächlich ein Strickprojekt aus Luxusgarn beginne, und es wird ganz wunderbar werden.  


Handmade Berlin
Monbijouplatz 9
10178 Berlin

geöffnet: Di-Sa 12-19.00 Uhr
Haltestellen: Hackescher Markt (S-Bahn Hauptstrecke) oder Weinmeisterstraße (U8) oder Oranienburger Straße (S1, S2, S25)

http://www.handmadeberlin.net/ 

(Disclaimer: wie alle Ladenbesprechungen in diesem Blog wurde dieser Artikel weder gesponsert noch bestellt.)

Samstag, 15. November 2014

Wochenrückblick: Frühling im Herbst, erste Stiche am Stoffwechsel-Rock und die Handarbeitslinks der Woche

In den ersten Novembertagen hatten wir die irrsten Sonnenuntergänge und immer noch schönstes Wetter. Das setzte mich ein wenig unter Druck, so viel Zeit wie möglich draußen zu verbringen, denn graue Tage, an denen man nicht vor die Tür gehen mag, wird es noch genug geben. Für die Nachwelt muss festgehalten werden, dass man in Berlin am ersten November draußen Kaffee trinken konnte!

Den BerlinerInnen möchte ich die Fotoausstellung von Ara Güler im Willy-Brandt-Haus empfehlen. Güler fotografierte seit den 1950er Jahren immer wieder seine Heimatstadt Istanbul. In den sechziger Jahren arbeitete er für internationale Magazine, unter anderem für den Stern und brachte interessante Bilder aus allen möglichen fremden Weltgegenden mit. Beeindruckend, wie nahe er den fotografierten Menschen offenbar gekommen ist, Kindern auf der Straße im Istanbul der 1950er Jahre genauso wie Menschen in Ägypten, Japan und der Mongolei, Prominenten wie Picasso oder Maria Callas genauso wie vollkommen Unbekannten.  
(Ausstellung bis 1. 2. 2015, beachtet die Öffungszeiten und nehmt einen Ausweis mit.)


Ich kaufte den beklopptesten Stoff aller Zeiten, einen schön fallenden, schweren Viskosedruck. Auf einer Hälfte der Bahn wiederholt sich das große Einzelmotiv mit Weste, Schal, Krawatte, Manschettenknöpfen, Hut und Taschenuhr, die andere Hälfte der Stoffbahn ist mit einem passenden All-over-Muster bedruckt. Das ist ein Stoff für wahnsinnig originelle, "jugendliche" Herrenhemden - wisst ihr, was ich meine? Mir gefallen die Farben, und da sie sich grundsätzlich gut in meinen Kleiderschrank einfügen, glaube ich fest daran, dass sich eines Tages genau der passende Schnitt dafür finden und sich alles aufs Schönste zusammenfügen wird. 

Vorletztes Wochenende lud Nina wieder zum Nähkränzchen ein, eine prima Gelegenheit, mehr als eine Naht am Tag an den laufenden Projekten weiterzukommen. Ich begann den Rock aus dem Stoffwechselstoff. Zu viel will ich jetzt noch nicht verraten, nur eines: wie sich ja schon abzeichnete, entschied ich mich für einen anderen Schnitt als den zuerst geplanten Bleistiftrock, weil der Stoff keinen Elasthananteil hat und ich mich kenne: was nicht bequem ist, ziehe ich auch nicht an. Ich nähte also einen anderen Rock, einen asymmetrischen, und bin bisher sehr, sehr zufrieden. In der letzten Nähkränzchen-Stunde verstürzte ich aus lauter Begeisterung über mein Werk die obere Rockkante direkt mit dem Futter und fand dann erst zuhause beim Auspacken zwei komische Stoffstreifen in meiner Projekttüte: die Belege. Ach ja. Inzwischen ist das aber alles getrennt und vorschriftsmäßig verstürzt, es bleiben nur noch die Säume.


Handarbeitslinks der Woche

Zuletzt noch ein paar Leseempfehlungen im Netz: Österreich hat ein Frauenmuseum, in Hittisau unweit von Bregenz, Bodensee, deutscher und Schweizer Grenze. Bis Anfang Februar läuft dort noch eine Ausstellung von gestickten Spruchtüchern, Zeugen von Alltagskultur und Rollenverteilungen, die zu größten Teil schon Geschichte sind. Oder etwa doch nicht? Das kleine Haus schrieb vor zwei Wochen über ihre Eindrücke von der Ausstellung.

Die Textile Art, die große Messe für Textilkunst und Handarbeiten hier in Berlin, hat jetzt ein Onlinemagazin, oder besser gesagt: ein Blog. Auf textile-art-magazine.com wird in unregelmäßiger Folge über Ausstellungen, Künstlerinnen und Künstler, Fachliteratur und verwandte Themen berichtet.

Drapieren gehört zu den Dingen, die ich früher oder später auch einmal lernen möchte. Den Beitrag von Starcross Sewing über einen Wiener Workshop von Shingo Sato, einem Drapierexperten aus Japan, habe ich deshalb verschlungen. Und das beste: viele Tutorials von Shingo Sato sind bei youtube frei verfügbar.  

Neumon nahm das Vintage-Sonderheft von Burdastyle zum Anlass, die Mode der 1950er Jahre zu rekapitulieren. Die "echte" Mode, möchte ich fast sagen: das, was wirklich tagtäglich getragen wurde, nicht die schulterfreien Tanzkleidchen, die auch in den 50ern besonderen Anlässen vorbehalten waren.   

Nähnerd-News: Im Me-made-Mittwoch-Blog hat der Weihnachtskleid-Sewalong begonnen. Das erste Treffen zur Ideensammlung ist bereits morgen, man kann aber auch später noch jederzeit einsteigen (und bei meiner derzeitigen Unfähigkeit, zusätzliche Termine einzuhalten, wird es wohl auch für mich bestenfalls darauf hinauslaufen.)

Montag, 2. Mai 2016

Plissieren, Siebdrucken... und dann die Weltherrschaft!


Ich wollte euch ja noch ganz dringend die Ergebnisse des Plisseeversuchs vom letzten Wochenende und des Siebdruckkurses vom vorletzten Wochenende in Hamburg zeigen. Die gereihten Plisseefalten sind genau so herausgekommen, wie ich mir das gedacht habe und scheinen sehr haltbar zu sein.


Für den endgültigen Haltbarkeitstest wandert der Stoff jetzt erstmal in die Wäsche, ich möchte das Verhalten kennenlernen. Der Stoff besteht wohl etwa zur Hälfte aus Chemiefaser und wäre auch als Kleidungsstück angenehm zu tragen.


Ich bin zwar keine große Freundin dieses ökigen, unregelmäßigen Knitterlooks, aber wer weiß: kommt Zeit, kommt Gelegenheit. Und mit viel Geduld wären auch regelmäßige, scharfe Falten möglich.

Von den bedruckten Stoffen bin ich immer noch begeistert.


Der Untergrund für diesen Druck in verschiedenen Blau- und Petroltönen ist eine Art Oberhemdenstoff, ein etwas verwaschenes, leicht meliertes Rot. Ich habe einen breiten Streifen bedruckt und plane, einen Rock mit breiter Saumblende (101 aus Burda 3/2016) daraus zu nähen - die Blende gemustert, der Rest einfarbig, die Blende mit einer Paspel abgesetzt. 


Die gemusterten "Kartoffeln" auf Streifenstoff von Ikea dienten zur Verwertung der ausgeschnittenen Schablonenreste des Tischdeckendrucks auf den nächsten zwei Bildern. Das werden wohl zwei Tischsets - die großen Farbflächen sind sogar ein bißchen schmutzabweisend, glaube ich. Dieser Druck brauchte unfassbar viel Farbe - die große Fläche und ein grob gewebter Stoff mit leicht unregelmäßiger Oberfläche tragen dazu bei - daher sind nicht alle Gebilde ganz gleichmäßig gedruckt, aber das wird später kaum noch auffallen. 


Mit diesem Druck bin ich besonders zufrieden. Die Tischdecke wurde von Hand sehr geübt und kunstfertig bestickt, ich hatte sie vor einiger Zeit aus einem "zu verschenken"-Karton bei uns in der Straße gerettet. Aber wenn sie bei mir nur in einer Schublade liegt, hat ja auch niemand etwas davon. Bei der Textile Art hatte ich vor Jahren einmal bedruckte Damasttischdecken gesehen, daher kam meine Idee, die gestickte Decke mit zarten Motiven zu bedrucken.


Die Motive habe ich ohne Rücksicht auf die Symmetrien des gestickten Musters locker und unregelmäßig über die Decke verteilt. Das Drucken hat gut funktioniert, obwohl das Sieb bei den plastischen Stickereien zum Teil nicht ganz plan liegen konnte.

Kristina, die Veranstalterin des Workshops, hat inzwischen auch über den Kurs geschrieben und zeigt, was an dem Tag entstanden ist. Falls ihr im Hamburger Raum in verschiedene Drucktechniken hineinschnuppern wollt, kann ich einen Kurs bei ihr sehr empfehlen.

Gerade das Drucken bietet Selbernäherinnen ja noch mal eine ganz andere Stufe der Gestaltungsmöglichkeiten als das Vernähen von gekauftem Stoff. Kurz gesagt: Wer Stoff bedrucken kann, ist der nähnerdischen Weltherrschaft ein Stück näher gerückt. Die Selbernäherin kann sich zum Beispiel Jersey für ein Game of Thrones-Fanshirt bedrucken, das absolut nicht wie ein herkömmliches Fanshirt aussieht. Mich interessiert besonders die Möglichkeit, den gleichen Stoff gemustert und ungemustert in einem Kleidungsstück verarbeiten zu können. Oder denkt an Bordürendrucke: Sie finden sich nur selten im Stoffgeschäft, und bei Meterware braucht man oft größere Mengen, um die Schnittteile platzieren zu können. Wie viel praktischer wäre es, die schon zugeschnittenen Teile direkt zu bedrucken! Natürlich sind nur bestimmte Muster mit dieser Technik möglich, und natürlich werde ich nicht ab sofort alle Stoffe selbst bedrucken, aber es ist schön zu wissen, wie sowas geht und einschätzen zu können, was möglich ist. Dann muss ich zum Herbst hin zum Beispiel nicht mehr nach gut fallenden Blusenstoffen mit netten, kleinen grafischen Mustern suchen - die ich bisher nur in sehr teuren französischen Onlineshops gesehen habe - sondern ich könnte mir zum Beispiel einfarbige Viskose selbst bedrucken. Siebenhundertsachen schrieb kürzlich über die Indianermentalität, und ihr Artikel trifft es sehr gut.    

Montag, 21. März 2011

Kimonovariationen von MO-A


Wie ich zufällig gerade heute beim Blick auf Kathrins Blog annekata lernen durfte, ist der Kimono nicht nur für uns Westler das japanische Kleidungsstück schlechthin, wie sie schrieb bedeutet die Bezeichnung „Kimono“ übersetzt tatsächlich „thing to wear“, eine Sache zum Anziehen. Ein Universalkleidungsstück also, das je nach Material zuhause oder zu den allerförmlichsten Gelegenheiten getragen werden konnte, und das nach seinem ersten Leben als Kimono gewöhnlich auf verschiedenste Art recycelt wurde, wie man bei Kathrin nachlesen kann.


Die Berliner Designerin Monika Alschweig (MO-A) nimmt den Aspekt der universellen Tragbarkeit zusammen mit Elementen der traditionellen Kimono-Schnittform in ihre Designs auf.
Es entstehen zum Beispiel Mäntel und Jacken, die sowohl zuhause als Morgenmantel tragbar sind, aber auch über einem Abendkleid eine gute Figur machen würden. Die im Sommer als leichte Jacke für draußen dienen können, oder in der kälteren Jahreszeit Tag für Tag als Strickjackenersatz.


Eine Auswahl dieser feinen Kreationen von MO-A aus Seide, Viskose, Leinen und Wolle konnte ich mir überraschend am Samstag bei einer Modenschau anlässlich des 100. internationalen Frauentags anschauen. Bei der Textile Art letztes Jahr in Berlin hatte MO-A einen Stand, und in der Nahansicht war mir vor allem die Qualität der Materialien aufgefallen.
Richtig wirken können diese Kleidungsstücke aber nur am Körper, in Bewegung, nicht auf einem Kleiderbügel. Die Schau zeigte ganz wunderbar die Transparenz, die Formen und den schönen Fall der edlen Materialien.
Besonders interessant fand ich die sehr weiten, vorne in Falten gelegten Hosen mit einem breiten, schärpenartigen Bund. Aus leichtem strukturierten Leinen oder dünner Baumwolle wären sie im Hochsommer ein phantastisches Kleidungsstück für den Alltag, aber auch festlich und ungewöhnlich genug für jede Opernpremiere.

Sonntag, 31. Januar 2016

Stoffspielerei im Januar: Perlen (ohne Plan)


"Perlen" lautet das Thema der Stoffspielerei, zu der frifris heute einlädt. Anders als sonst bei den Stoffspielereien, bin ich diesmal ohne jedes Nachlesen über Techniken und Theorien an das Projekt herangegangen. Ich habe einfach mal alle Perlenvorräte zusammengesucht und mich von dem inspirieren lassen, was da war. Das war in erster Linie eine größere Menge unterschiedlicher Rocailles, grob nach Farben sortiert, die ich mal auf einer Kreativmesse gekauft hatte (Da gab es einen Stand mit lauter Perlen in Schüsselchen, die man selbst zusammenstellen konnte - ein großer Plastikbeutel voll kostete dann 3 Euro oder so.)


Die Idee, ein Collier zu besticken, kristallisierte sich dann heraus, als ich die 7 helltürkisen platten Quadrate fand. Ein bißchen inspiriert war ich von wunderschönen, wilden Perlenstickereien von Katharina Dietrich, die ich im Sommer bei der Textile Art gesehen hatte. Ich verstärkte ein Stück Nessel auf der Rückseite mit aufbügelbarer Gewebeeinlage, dann fiel mir ein, dass ich es bestimmt nicht hinkriegen würde, den Untergrundstoff komplett ordentlich mit Perlen zu besticken, so dass ein schwarzer Stoff als Untergrund günstiger wäre. Daher bügelte ich auf die Oberseite ein Stück schwarze Gewebeeinlage - der helle Stoff schimmert noch ein bißchen durch, man sieht eine zarte Webstruktur, das gefällt mir sehr gut. Für die bananenförmigen Umrisse schnitt ich zuerst eine Schablone vor, übertrug die Umrisse mit Kreide und nähte die Markierung mit der Hand nach.

Die Perlen sind mit doppelt genommenen schwarzen Nähgarn aufgestickt, und wie erwartet war es nicht ganz so einfach, alles schön ordentlich so aufzusticken, wie beabsichtigt. Ich habe bei der Stickerei aber auch mit Absicht ein paar "Fehler" eingebaut: mal eine kleine grüne Perle, statt einer türkisen, mal eine transparente blaue. 


Die Stickerei habe ich dann ausgeschnitten, die Ränder eingeschnitten und sie mit Textilkleber (H2 von Gütermann) um einen Pappkern herumgeklebt. Der Kettenverschluss war in meinen Kruschtkisten auch noch vorhanden, die Schnur besteht aus gewachster Baumwollschnur, vierfach genommen und zum Zopf geflochten. Auf die Rückseite habe ich Filz geklebt.


Ich bin ziemlich zufrieden mit meiner kleinen Bastelei und werde mal schauen, dass ich noch ein Foto an der Person nachliefern kann. Die Luise schrieb ja neulich so einen klugen Artikel über Prozessorientierung versus Ergebnisorientierung bei Nähen und Handarbeiten und nannte die Stoffspielereien als Beispiel für Prozessorientierung, und rückblickend kann ich sagen, dass hier beide Orientierungen gut zusammengewirkt haben: Zuerst prozessorientiert das Herumschieben der kleinen Glassteinchen, das Ausprobieren verschiedener Anordnungen und Zusammenstellungen, dann aber an der richtigen Stelle der Wechsel zur Ergebnisorientierung, zum Beispiel habe ich mich dann entschlossen, einfach alles zusammenzukleben, anstatt auch noch nach einem Weg zu suchen, die Einzelteile zusammenzunähen. Und so kann ich dieses Mal ein fertiges Teil zum um-den-Hals-hängen vorweisen, und nicht nur ein paar Anfänge, Versuche und Schnipsel wie sonst oft. 


Alle Perlen-Projekte werden heute hier bei frifris gesammelt.

Die nächste Stoffspielerei ist am 28. 2. bei Suschna zum Thema "Es war einmal ein Tuch".


Die monatliche Stoffspielerei ist eine Aktion für textile Experimente. Sie ist offen für alle, die mit Stoff und Fäden etwas Neues probieren möchten. Der Termin soll Ansporn sein, das monatlich vorgegebene Thema soll inspirieren. Jeden letzten Sonntag im Monat sammeln wir die Links mit den neuen Werken – auch misslungene Versuche sind gern gesehen, zwecks Erfahrungsaustausch