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Donnerstag, 3. Mai 2018

Näh-Nachrichten (verkürzte Umzugsedition) - Neues vom Great British Sewing Bee, Louise Bourgeois, das Lillestoff-Festival, ein neues Nähmagazin und mein neues Buch

Der Schreibtisch steht wieder, und abgesehen davon, dass noch nicht alles an seinem Platz ist, bin ich wieder arbeitsfähig. Und es ist so viel passiert!



Die Nachricht, die spontan die meiste Vorfreude bei mir auslöste: The Great British Sewing Bee kommt zurück! Derzeit können sich Hobbynäherinnen und -näher für eine neue Staffel bewerben, gedreht wird im Juli, August und September, so dass man wohl im späten Herbst oder in der Vorweihnachtszeit mit der Ausstrahlung rechnen kann. Die Moderatorin Claudia Winkleman wird nicht mehr dabei sein - an ihrer Stelle übernimmt der Comedian Joe Lycett die Präsentation. Ich weiß, dass einige Zuschauerinnen aufatmen werden, denen Claudias gebrülltes "SEWERS, YOU HAVE SIXTY SECONDS LEFT!!!" sehr auf die Nerven ging - ich mochte Claudia, aber ich bin auch gespannt, wie sich die Sendung mit einer neuen Moderation verändern wird. Patrick Grant bleibt uns wohl als Juror erhalten, und vor allem freue ich mich auf Esme Young und ihren staubtrockenen Humor.

Die deutsche Sewing Bee Geschickt eingefädelt kommt nicht zurück ins Fernsehen, was hier nicht allzu viel Bedauern auslöst. Trotzdem will es Vox noch einmal mit einer Nähsendung für Guido Maria Kretschmer versuchen: "Guidos Masterclass" wurde im März und April in Berlin gedreht. Acht aufstrebende Jungdesignerinnen und -designer müssen in sechs Folgen Designaufgaben lösen, werden von Kretschmer unterstützt und anschließend bewertet. Da Kretschmer die Kandidatinnen und Kandiaten laut Pressemitteilung selbst auswählen konnte, dürfte der Flausch-Faktor hier höher liegen, als bei Geschickt eingefädelt. Vom Konzept her erinnert mich die Sendung ein wenig an Project Runway - wir werden im Herbst sehen, ob auch hier Zickereien zwischen den Kandidatinnen für das nötige Drama sorgen müssen.

Die textilen Skulpturen von Louise Bourgeois bekommt man hierzulande nur selten zu sehen. Der Kuratorin des Schinkel-Pavillons, eines privaten Kunstvereins, ist es gelungen, einige Werke aus den letzten zwei Lebensjahrzehnten Bourgeois' nach Berlin zu holen. Die Ausstellung The Empty House läuft bis zum 29. Juli, geöffnet ist Donnerstag bis Sonntag von 12-18.00 Uhr. Ich war noch nicht dort, aber ich denke, das darf man nicht verpassen! Lesenswert auch die Besprechung der Ausstellung in der Berliner Zeitung.


Das Lillestoff-Festival, ein riesiges, wirklich riesiges Wochenend-Näh-Event in Hannover-Langenhagen (über das ich hier und hier schon mal geschrieben hatte), findet dieses Jahr am 8. und 9. September statt, und ich bin wieder mit einigen Workshops dabei: Es gibt zwei Workshops zu  Oberhemden-Upcycling, jeweils einmal am Samstag und einmal am Sonntag, einen Kurs zur T-Shirt-Rettung mittels Applikationen am Samstag und ganz neu auch einen kleinen Workshop zur Stoffkunde am Sonntag, wo wir uns mit der Lupe über verschiedene Stoffarten hermachen werden - denn wer seinen Stoff kennt, kann auch vorhersagen, wie er sich verhält, wenn er ein Kleidungsstück wird.
Alle Informationen zum Festival gibt es bei Lillestoff, meine Workshops können hier gebucht werden und oben unter dem Reiter "Veranstaltungen" findet ihr weitere Informationen zu den einzelnen Workshops.


Die Firma Lillestoff ist übrigens auch unter die Zeitschriftenmacher gegangen: Das Lillestoff-Magazin No1 mit 58 Seiten enthält 12 Schnittmuster auf zwei großen Schnittbögen. Das Heft ist aus schönem, dickem Papier und sehr aufwendig gestaltet: Die Modelle werden an ganz unterschiedlichen Frauen mit tollen Fotos in Szene gesetzt, es gibt Detailfotos der Stoffe und der Schnitte und man erfährt etwas über die Designerinnen der Stoffmuster und die Ideen hinter den Entwürfen.


Die verspielten Zeichungen von Susanne Bochem - als Überschriften, Modellzeichnungen, kleine Akzente, Illustrationen für die Anleitungen - haben mir besonders gut gefallen. Die Nähanleitungen für die Modelle sind sehr ausführlich und einfach gehalten, ohne Nähchinesisch und komische Abkürzungen, so, wie man es auch jemandem erklären würde, wenn man beieinander sitzt und gemeinsam näht.

Entdeckt? Mein Buch "Stoff und Faden" ist auch mit dabei

Ein sehr gelungenes Konzept finde ich - ein Heft, das sich nicht vor der Konkurrenz aus den großen Zeitschriftenverlagen verstecken muss, und das alles wurde mit einem kleinen, hauseigenen Team auf die Beine gestellt. Beeindruckend! Im September wird das zweite Heft erscheinen, ich bin gespannt.


Ebenfalls neu erschienen ist mein neues Buch "Zauberhafte Quilt- und Patchworkideen", ein Buch mit 14 Quiltprojekten - dieses Mal wieder beim Leipziger Buchverlag für die Frau. Das Erscheinen fiel etwas ungünstig mit der heißen Phase des Umzugs zusammen, so dass ich nach dem Durchblättern meine Autor-Exemplare gleich in einer Umzugskiste verstaute, aus der sie erst jetzt wieder aufgetaucht sind.

Kurz vor dem Einsetzen der Umzugspanik habe ich es aber noch geschafft, bei Jane und Steffi, den Damen vom Frickelcast, zu Gast zu sein - die Podcastfolge mit mir findet ihr hier, da erzähle ich ein bißchen, wie es zu dem Buch kam, Jane und Steffi waren nämlich sehr gut vorbereitet und hatten sehr interessante Fragen. Beide haben auch das Buch besprochen, hier Jane alias jetztkochtsieauchnoch und hier Steffi alias Feierabendfrickeleien. Vielen Dank ihr beiden!

Zum Buch gibt es hier bald mehr, ich muss nur erst die Kisten auspacken,wo die Decken aus dem Buch verstaut sind. Bis bald!

Montag, 19. Dezember 2016

"Geschickt eingefädelt", zweite Staffel: Besser, aber noch nicht gut.

Am Dienstag ging bei Vox die zweite Staffel des Nähwettbewerbs "Geschickt eingefädelt" nach Vorbild der BBC-Sendung Great British Sewing Bee zuende, ohne dass das Finale in Nähbloggerinnenkreisen ein größeres (oder überhaupt ein) Echo hervorgerufen hätte. Mir scheint, mit der ersten Staffel gelang es dem Sender bereits, so viele Nähbegeisterte, die sich im Internet tummeln, vor den Kopf zu stoßen - die CosplayerInnen, die SchöpferInnen historischer Kleidung, die Bekleidungs-Nähbloggerinnen - dass niemand mehr erwartete, von der zweiten Staffel erfreut, unterhalten oder zumindest: nicht verärgert zu werden.

Auch ich schaute mir diese zweite Staffel vor allem aus Pflichtgefühl an, denn wenn schon eine Sendung rund ums Nähen im Fernsehen läuft, dann möchte ich wissen, was da los ist. Tatsächlich fand ich die etwas veränderte Dramaturgie der  zweiten Staffel besser als die der ersten - was aber noch lange nicht heißt, dass die Sendung gut war.

Die Buzzwords der ersten Staffel, "sexy" und "Party", tauchten kaum noch auf. In der ersten Staffel wurde dieser Anspruch ja bis zur Absurdität getrieben: Jede Kreation der Kandidatinnen wurde darauf abgeklopft, ob sie denn "sexy" sei, jede Jogginghose musste "partytauglich" gemacht werden, anscheinend dachte man, die jüngeren Selbermacherinnen mit diesen Schlagworten einzufangen. In der zweiten Staffel war nur noch einmal die Eigenschaft der "Partytauglichkeit" gefragt (gibt es dafür eigentlich eine anerkannte Definition?): Ein Kapuzenpullover sollte in ein partytaugliches Kleidungsstück umgewandelt werden - durch den Stilwechsel eine reizvolle Aufgabe, die die KandidatInnen mit Bravour lösten.

Überhaupt die KandidatInnen: Wenn man ihnen denn mehr Raum gewähren würde, könnte die Sendung mit diesen durchweg sympathischen Nähnerds spritzig, lustig und unterhaltsam sein, so wie das britische Original. Aber leider gibt es nur wenige Momente - nach meinem Eindruck noch weniger als in der ersten Staffel - in denen die KandidatInnen miteinander interagieren dürfen, sich gegenseitig helfen, gemeinsam über die Aufgaben stöhnen oder Witze reißen. Stattdessen müssen sie sich ununterbrochen nervig bewitzeln lassen, von Guido Maria Kretschmer in einer Doppelrolle als Juror und Moderator.   

Kretschmer-Fans mögen mir verzeihen, aber ich habe den Eindruck, dass das relativ eingeschränkte Sprücheklopf-Repertoire Kretschmers bei Shopping Queen noch recht gut funktioniert, zumal Kretschmer dort indirekt kommentiert, während er einen Zusammenschnitt des mehrstündigen Shoppingtrips ansieht. Das Tempo der Sendung ergibt sich also vor allem aus den entsprechend zusammengestellten absurden Momenten dieser Einkaufsorgie. In einer Sendung wie Geschickt eingefädelt hingegen tragen solche Witzeleien nicht über die gesamte Strecke, Kretschmer wirkt verkrampft, wenn er mit Kandidaten direkt interagieren muss und nimmt Zuflucht zu einigen immergleichen Floskeln wie "vielen lieben Dank". 

Co-Jurorin Inge Szoltysik-Sparrer trägt nicht zur Auflockerung der Sendung bei. Sie kommentiert die Nähergebnisse der Teilnehmer mit großem Ernst - und bis auf einige Ausreißer wie "die kleine Anika" diesmal ohne Respektlosigkeiten gegenüber den KandidatInnen - aber leider auch ohne jeden Esprit, jeden Witz, jede Leichtigkeit. Wir erleben bei Geschickt eingefädelt harte Fernseh-Arbeit, und wir Zuschauer dürfen das keinen Moment vergessen.

Das ist kein "Atelierhaus im Herzen Berlins": Das Kluwe-Haus an der Nonnendammschleuse, Drehort von "Geschickt eingefädelt"
Das bedeutet jedoch nicht, dass die Sendung ohne Illusionstheater auskäme. In der ersten Staffel machte mich die oft nicht zu übersehende Text-Bild-Schere schier wahnsinnig: Wenn der Sprechertext aus dem Off oder eingeblendete Kommentare etwas ganz anderes behaupteten, als im Bild zu sehen war. Wenn das Kluwe-Haus, das so genannt wird, weil auf der Brandmauer ein riesiger Schriftzug für "Kluwe Baustoffe" wirbt, als "Atelierhaus im Herzen Berlins" bezeichnet wurde. BerlinerInnen kennen dieses Fabrikgebäude mit einer interessanten Geschichte, weil sie auf der Stadtautobahn daran vorbeirasen - und es liegt auf einer Halbinsel in der Spree in einer Gegend am äußersten Rand Charlottenburgs, in der sich Fuchs und Biber die Hand geben. Oder wenn Tobias Milse, der Vorjahressieger, beharrlich mit der Charakterisierung "näht nur mit den edelsten Stoffen" begleitet wurde - auch wenn er in karierten Baumwollflanell schnitt.

Solche Diskrepanzen zwischen Bild und Behauptung traten in der zweiten Staffel seltener auf, auch wenn die KandidatInnen natürlich genauso in Schubladen gesteckt wurden und bestimmte Typen verkörpern mussten. Besonders unangenehm fand ich das in der dritten und vierten Folge, als ein Konflikt zwischen den  Kandidaten Tatjana und Julian konstruiert wurde.

Tatjana - übrigens die für Stickereien in Couture-Qualität bekannte Tatjana Golder - war anscheinend dazu ausersehen, den Typus der kapriziösen Zicke zu illustrieren, während Julian als unangenehm ehrgeiziger, rücksichtsloser Streber dargestellt wurde. Die kurze Diskussion zwischen beiden um ein Stück Stoff, in der Realität sicher weniger als eine Minute, wurde in der Folgestaffel noch gehörig ausgewalzt, als beide zu einem Team zusammengeworfen wurden und gemeinsam eine Nähaufgabe lösen mussten. Der von der Regie ersehnte Konflikt weigerte sich jedoch, auszubrechen, Tatjana und Julian gingen freundlich miteinander um, und so musste der Off-Sprecher beständig mit dräuender Intonation und vielen rhetorischen Fragen auf diesen - sicher ganz ganz bald zu erwartenden! - Konflikt hinweisen, der sich aber bis zum Schluss nicht einstellte. 

Für mich als Zuschauersicht war das quälend zu verfolgen: Ich hatte das Gefühl, einer sich schleppend fortbewegenden, allen allen Ecken und Enden quietschenden und halb auseinanderfallenden mechanischen Konstruktion zuzusehen und wünschte mir das Ende der Folge (oder am besten gleich der ganzen Staffel herbei), und das, obwohl ich beim Fernsehen strickte.

Die Konstruktion einer für den Zuschauer nachvollziehbaren Geschichte aus dem Filmmaterial vieler Stunden ist das Prinzip solcher Sendungen (und selbst bei jeder Dokumentation wird ausgewählt, was gezeigt wird und was nicht), das Geschick der Redaktion und wie viel eigenes Denken man dem Zuschauer zutraut, ist entscheidend. Bei Vox sind recht grobschlächtige Holzschnitzer am Werk, die sehr stark steuernd eingreifen.

Wie charmant diese Sendung sein könnte, sähe und hörte man einfach mehr von den KandidatInnen, fiel mir so richtig in der letzten Folge auf, als Keno, zu Anfang ausgeschieden, zum Finale ein paar Sätze am Stück sagen durfte. Oder anders formuliert: Mir wurde klar, warum möglicherweise von den KandidatInnen so relativ wenig zu sehen ist, denn es könnte bei der Gelegenheit dem Zuschauer auffallen, dass die KandidatInnen eloquenter, witziger und reflektierter auftreten, als das professionelle Moderatoren-Juroren-Duo.

Und so bleibt als vielleicht einziger wahrhaftiger Moment der Staffel ein Dialogschnipsel gegen Ende der Finalfolge: Zoë, Model für das Abendkleid, das Anika nähte, antwortete auf Kretschmers Frage, ob ihr die geplanten Stoffe gefielen, sehr schnell und beiläufig mit "gar nicht" - ein Moment, der zur Abwechslung gänzlich unkommentiert vorbeiging.
Die Mehrheit der Fernsehzuschauer fand "Geschickt eingefädelt" übrigens gar nicht so schlecht: Die Staffel endete mit einer wohl recht ordentlichen Quote.
Eine Menge Informationen zur Sendung und zu den KandidatInnen findet sich im Swafing-Blog (Achtung Spoiler: dort wird ganz oben verraten, wer gewonnen hat). Die Folgen der zweiten Staffel sind noch bis morgen Abend in der Mediathek von Vox zu sehen

Und ein lustiges Detail am Rande: Jurorin Inge Szoltysik-Sparrer vermarktet die Kleider, die sie in der Sendung trug, in einem eigenen Onlineshop. Es gibt sie maßgeschneidert für um die 600 € oder als Schnittmuster (17,50 - 21,50 €) mit separat zu bestellendem "Ablaufplan" (einer Anleitung? ebenfalls 17,50 €)  - und das ganze sieht aus, wie Onlineshops vor einigen Jahren schlimmstenfalls aussahen. Vielleicht hätte man doch mal jemanden fragen sollen, der sich damit auskennt.

Donnerstag, 5. Mai 2016

Bald wieder im Fernsehen: The Great British Sewing Bee, 4. Staffel


Zurzeit schaue ich jeden Donnerstag in die Programmankündigung von BBC Two, damit ich den Beginn der 4. Staffel des Great British Sewing Bee*) nicht verpasse. Anfang Februar war die erste Sendung für den 5. Mai, also heute, angekündigt worden, dann hörte man lange gar nichts mehr, so dass britische Nähnerds schon bei twitter spekulierten, die Kommunalwahlen hätten zu einer Verschiebung der Sendung geführt. BBC Two zeigt heute Abend einen Tierfilm, den könnte man zugunsten von Wahlberichterstattung bei Bedarf ausfallen lassen. Heute aber meldete die Seite Radiotimes: Am Montag, 16. Mai um 21.00 Uhr geht es los.

In der neuen Staffel ist May Martin nicht mehr als Jurorin dabei, wurde Anfang Februar bekannt. An ihrer Stelle kommt Esme Young, eine Kostümdesignerin, die viel für den Film arbeitet und in den frühen 1970er Jahren das Modelabel Swanky Modes gegründet hatte. Ich bin gespannt, was das für die Sendung bedeutet.

May Martin wirkte etwas spröde, sehr sachlich und ernsthaft, vielleicht zu ruhig und zu wenig unterhaltend für das Fernsehen. Gleichzeitig war sie als Nählehrerin sehr glaubhaft in ihrer Rolle als Jurorin für die technischen Aspekte des Nähens und passte daher zu dem Konzept, HobbynäherInnen gegeneinander antreten zu lassen und bei der Bewertung größeren Wert auf die technische Umsetzung und die Passform, als auf die Designidee zu legen. Wenn jetzt eine Designerin Jurorin ist, ändert das möglicherweise den Charakter der Sendung vom Nähwettbewerb hin zu einem Designwettbewerb. Esme Young hatte in einem Interview bei The Sewing Directory schon einige Details der neuen Staffel verraten, unter anderem, dass sie die WettbewerbsteilnehmerInnen ermutigt habe, eigene Schnitte zu erstellen. Das wäre tatsächlich eine neue Richtung, ging es bisher im Wettbewerb doch vor allem darum, die Vorgaben eines fertigen Schnittmusters und der Jury möglichst genau zu erfüllen.

Auf jeden Fall können wir uns wieder auf Patrick Grant freuen - der von Nähtechnik ja auch einiges versteht - und der wie kein anderer den Typus des altehrwürdigen britischen Herrenschneiders verkörpern kann, der er in Wirklichkeit gar nicht ist (Neben einem Uni-Abschluss als Ingenieur und einem MBA-Studium arbeitete vor allem im Marketing, ehe er einen alten Londoner Maßschneidereibetrieb in der Savile Row rettete und als neue Marke aufbaute).  Aber so funktioniert Fernsehen, und auch wenn man um die Illusion weiß, macht es Spaß, die Sendung zu verfolgen, weil sie gut und intelligent gemacht ist. Wie sollten uns also den Montag Abend schon mal vormerken und frei halten!


*)  Wer das Phänomen des Great British Sewing Bee bisher verpasst hat: Es handelt sich um einen Nähwettbewerb im Fernsehen, bei dem eine Gruppe von Hobbyschneiderinnen und Hobbyschneidern Woche für Woche Nähaufgaben löst. Bisher musste in jeder Folge ein unbekanntes Schnittmuster nach Anleitung genäht und ein fertiges Kleidungsstück umgestaltet werden, gegen Ende der Staffel dann ein selbst gewählter Schnitt passend für eine konkrete Person genäht werden. Nach der Beurteilung durch die Jury schied jede Woche ein Mitglied der Gruppe aus, bis aus den letzten drei "Großbritanniens beste Hobbyschneiderin" gekürt wurde. Die alten Folgen sind zum Teil noch bei youtube zu finden, verschwinden aber von Zeit zu Zeit wieder. Schaut einfach mal in eine Folge rein! Der Wettbewerb ist so sympathisch und unterhaltsam gemacht und zeichnet sich durch einen freundlichen und respektvollen Umgag mit den Kandidatinnen aus, noch dazu bekommt man unbändig Lust zum Nähen.

Ganz anders also als die deutsche Adaption als "Geschickt eingefädelt" bei Vox, über die ich wohl doch noch einmal etwas schreiben muss. Wie man hört, laufen die Dreharbeiten für die zweite Staffel schon, und nachdem ich gerade bei meinem Zweitarbeitgeber den Chaos-Einkauf einer Praktikantin für die Sendung mitbekam fürchte ich, dass wir auch diesmal kein liebevoll produziertes Stück Fernsehen bekommen werden.  

Mittwoch, 4. November 2015

"Geschickt eingefädelt", 1. Folge: Der Partyknopf und Sex sells

Jetzt ist sie also gelaufen, die erste Folge von "Geschickt eingefädelt", der Näh-Castingshow bei Vox mit Guido Maria Kretschmer. Ich habe zwar die ganze Sendung schon beim Zuschauen mit Herrn Nahtzugabe besprochen, der aufgrund meiner beständigen Quatscherei über Nähthemen schon eine Art theoretischer Nähnerd geworden ist (kennt sich aus, näht aber nicht), aber ich habe dennoch Gesprächsbedarf. Wie fandet ihr die Folge? Ich komme ja nicht umhin, das deutsche Format mit dem britischen Vorbild zu vergleichen, ich habe hier mal geordnet, was mir aufgefallen ist:

Die Kulisse


Hier ist Vox sehr nah am Original: ein Fabrikgebäude mit lichtdurchfluteteten Räumen, Ziegelwände, ein alter Orientteppich, alte Nähmaschinen als Deko. Ich bin erleichtert, dass das Set kein rosa Barbiezimmer geworden ist, so wie die Kulisse, in der Das große Backen stattfindet. Einen Ortswechsel in ein Café gibt es nicht - und nun ja, die Themse ist doch etwas cooler als die Spree an der Nonnendammschleuse, trotz Stadtautobahn im Hintergrund.

Die Kandidatinnen


Ich frage mich, wie unvorbereitete Zuschauer mit der Menge an neuen Leuten und Informationsschnipseln zurechtkommen. Gar nicht, vermute ich, denn auch bei jeder ersten Folge des GBSB bin ich als Zuschauerin nur am Sortieren, um mir ein Bild von den Kandidatinnen zu machen. Die Folge sprang sehr von einem zum anderen und es fiel mir schwer, mit den Personen eine Geschichte zu verbinden.

Dennoch hatte jede Kandidatin einen Moment, in dem sie glänzen konnte, in dem sie sympathisch, klug, interessant oder witzig rüberkam. Auch wenn die Jury meistens die besten Dialogzeilen bekam - Florian, wie er inmitten der Petticoatkleider steht, die er verkauft, Katja, wie sie zuhause von Kleid zu Kleid wechselt (meine Güte, hat sie schon großartige, aufwendige Sachen genäht!), Meike, wie sie den "Partyknopf" sucht, Ella, wie sie kluge Dinge über das Nähen ohne Konfektionsgrößen sagt - das bleibt in Erinnerung, und ich freue mich sehr darüber, dass niemand vorgeführt wurde und vor allem, dass es keine Einzelinterviews gibt, bei denen die Kandidatinnen fiese Sachen über ihre Mitbewerberinnen sagen.

Dass die Teilnehmenden alle mehr oder weniger in das binäre Schema "näht technisch gut, ist aber nicht kreativ" (Celine, Ines) oder "ist kreativ, kommt aber mit der Technik nicht zurecht" (Frank, Katja) hineingepresst werden - geschenkt, das kennt man ja schon von der BBC-Sendung, ebenso wie die verschiedenen Typen: "die überehrgeizige Akribische", "die sportliche Oma", "der kreative junge Mann" und so weiter. Das wird in den nächsten Folgen noch deutlicher zutage treten.

Die Jury


Guido Maria Kretschmer erfüllt eine Doppelfunktion als Gastgeber und Jurymitglied. In seiner ersten Rolle tritt er als Komplize der Kandidaten auf, berät, baut auf und rät zum Schummeln ("das muss Inge ja nicht wissen"), wird pastoral ("Nähen heißt Vertrauen") oder zum Küchenpsychologen, wenn er einen Zusammenhang zwischen Florians Verunsicherung angesichts ungleich langer Schnittteile und mangelndem Vertrauen in der Kindheit herstellt. Als Jurymitglied macht er nicht viel anderes als in Shopping Queen, nur dass er sich hier zum Teil etwas unbeholfen und mit hektischer Körpersprache durch eine Kulisse bewegen muss. Das Kommentieren aus dem Off ist wohl doch eher seine Sache. Die modische Aktualität des Genähten ist sein Bereich, der "persönliche Style" des Kandidaten, seine Sprüche ("Das ist sehr weit weg von Mode") gleichen denen aus Shopping Queen - Guido-Fans wirds freuen, auf mich wirken die Sprüche austauschbar, sehr routiniert, aber immerhin ganz charmant und nicht bösartig bloßstellend.

Aus diesem Buch stammt Inges grünes Kleid: Tomoko Nakamichi, Pattern Magic


"Guter Bulle - böser Bulle" ist ja eine beliebte Taktik, und der liebe Guido findet sein Gegengewicht in der strengen Inge, die im Verlauf der Sendung gleich zwei Mal einzelnen Kandidaten "Selbstüberschätzung" attestieren darf und beim Inspizieren der Nähwerke noch ein paar andere starke Sprüche loslässt. Nach dem, was man vorab lesen konnte, war ihr Verhältnis zu den Kandidatinnen in Wirklichkeit sehr gut und sehr herzlich - aber im Privatfernsehen braucht man wohl unbedingt eine Figur, auf die sich die negativen Emotionen der Zuschauer konzentrieren können. Diese Rolle erfüllt Inge, sicher umso mehr, als dass nicht nähende Zuschauer ihre Detailkritik an den Nähwerken sicher kaum nachvollziehen können. Sehr hübsch auch der Gegensatz, der zwischen ihr und Guido aufgebaut wird: Einmal fängt die Kamera Guidos belustigtes Augenrollen ein, während Inge von unsichtbaren Blindstichsäumen spricht.      
Welche Rolle Anke Müller erfüllt, wurde mir hingegen nicht klar. Sie soll "die Kreativität" der Kandidaten bewerten, sagt aber entweder vollkommen banale Sachen, die der Zuschauer selbst sehen kann, so der denn hinguckt, oder Sätze wie "Mir gefällt der Rock supergut." oder "Das ist eine superschöne Farbe." In der zweiten Hälfte der Sendung wurde glücklicherweise alles etwas weniger super, so dass ich hoffe, dass sie sich in den nächsten Folgen noch entwickelt und deutlicher wird, wofür sie steht.

Das Nähen


Ich fand das Nähen selbst kam recht wenig vor, was meint ihr? Letztlich wurden immer wieder sehr ähnliche Bilder gezeigt, die den Vorgang bebildern sollten: Stoff, der durch eine Overlockmaschine gezogen wird, Kandidatinnen beim Handnähen, Kandidatinnen beim fernsehwirksamen Bügeln mit viel Dampf oder direkt an der Schneiderpuppe. Zwar gab es sogar die gleiche animierte technische Zeichnung wie in der britischen Sendung, die den Aufbau eines Bleistiftrocks erklärt, aber was und warum die Kandidaten machen, blieb im Dunkeln. Im BBC-Original erklärte ein Moderator aus dem Off die Etappen des Nähvorgangs, außerdem hatte die Moderatorin Claudia Winkleman vom Nähen keine Ahnung und konnte als Stelllvertreterin des Zuschauers den Teilnehmerinnen sehr glaubwürdig naive Fragen zum Nähen stellen. Ob Inges trockene technische Erklärungen, ihr Betonen von Sorgfalt und Handarbeit bei nicht-nähenden Zuschauern den Funken überspringen lassen?

Die Aufgaben

Bei der ersten Aufgabe solte ein Bleistiftrock nach einem Schnittmuster genäht werden, "Style"-Vorgabe: "Sexy" sollte er sein. In einer Besprechung der Jury werden die nähtechnisch wichtigsten Stichworte für die Aufgabe genannt: Nähte, die ohne Versatz aufeinander treffen und ein mit Blindstich unsichtbar angenähter Saum. Sehr gut, so wissen auch Nähunkundige, worauf es bei der Bewertung ankommt.

Der Verlauf der Aufgabe folgt der aus GBSB bekannten Dramaturgie: Mit dem Fortschreiten der Zeit wird die Musik dräuender, es gibt eine Teilnehmerin (Katja), die sich eine Zusatzschwierigkeit einbaut, und dadurch letztendlich scheitert. Ein anderer Kandidat (Frank) wählt hingegen eine vollkommen untypische Nähreihenfolge, und der Rock gelingt ihm trotzdem.

Die Jurybewertung ist gut nachvollziehbar und arbeitet die Punkte ab, die in der Jurybesprechung genannt wurden. Offensichtlich gibt die technische Ausführung den Ausschlag, "Style" und "Sexiness" (was immer man darunter verstehen mag) kommen nicht zum Anschlag.

Bei der zweiten Aufgabe wird ein Oberhemd in ein "Top für eine Szeneparty" umgearbeitet - das Stichwort "sexy" schwebt auch hier im Raum. Jurorin Anke gibt etwas konfus die Bewertungsmaßstäbe zum besten: Elemente können übernommen werden, letztlich soll das Hemd aber nicht wieder als Hemd getragen werden, am besten wäre, das Teil vollkommen umzuarbeiten.

Beim Urteil der Jury kommen diese Maßstäbe aber nicht recht zum Tragen: Tobias näht eine Corsage aus Pailettenstoff, an der lediglich der Hemdkragen als Dekoration prangt, während Florian das Hemd mit einem Schößchen und gekürzten Ärmeln zur Bluse umdekoriert, das Hemd also nicht grundlegend verändert. Dass das so nicht gefragt war, spielt aber irgendwie keine Rolle mehr.  Anders als im BBC-Vorbild weiß die Jury von Anfang an, welcher Kandidat welches Teil gestaltet hat - bei der Doppelfunktion von Guido als Moderator und Jury nicht anders möglich - aber der große Reiz, dass die Jury nicht wusste, wen sie bewertet, fällt natürlich weg.

Die Dramaturgie


In der ersten Folge einer Staffel wird viel zwischen den Kandidaten hin- und hergesprungen, so dass sich kein roter Faden einstellt, das ist im britischen Vorbild nicht anders. Ich fand vor allem den Anfang und das Ende der Sendung schlecht markiert, am Anfang wusste ich nicht: Ist das noch ein Trailer, oder hat die Sendung schon angefangen? Zum Schluss nach der Verabschiedung von Katja und der Vorschau auf die nächste Folge war ich mir auch nicht sicher, ob die Sendung jetzt wirklich vorbei ist. Das kann allerdings in der Absicht des Privatfernsehens liegen: der Zuschauer soll dranbleiben und in die folgende Sendung hinüber gezogen werden, daher gibt es keine markierten Brüche.

Fazit


Ich bin kein besonderer Kretschmer-Fan, daher nerven mich Wendungen wie "dein besonderer Style" oder die übermäßig oft fallenden Begriffe "kreativ" und "sexy". Die halbnackten Frauen und BHs am Anfang der Sendung und am Ende in der Ankündigung der nächsten Folge - "wenn Florian Ines an die Wäsche geht" - sind wohl ein Versuch, auch männliche heterosexuelle Zuschauer zu fesseln.

Obwohl mich Nähen interessiert und die Sendung schnell geschnitten ist, fand ich sie eher langweilig, für mich gab es da keinen Spannungaufbau, kein Mitfiebern. Und auch Nählust wurde mir nicht übermittelt. Hatte ich nach den GBSB-Folgen immer sehr große Lust, mich sofort mit einem neuen Projekt an die Maschine zu setzten, verspürte ich bei "Geschickt eingefädelt" nichts dergleichen. Ich kann aber nicht genau festmachen, woran das liegt. Wie geht es euch?


Medienschau zu "Geschickt eingefädelt"


Einige Medienjournalisten bekamen offenbar die erste Folge der Sendung - oder einen Zusammenschnitt - vorab zu sehen. Über die hämische Fernsehkritik auf Kosten der Kandidaten bei Brigitte online habe ich mich gestern schon etwas aufgeregt. Wie Fernsehkritik richtig geht, zeigt hingegen der Kollege von der Süddeutschen Zeitung: "Der Umarmer aller Frauen ist knallhart": Sein Spott gilt wenn, dann dem Moderator und den Jurymitgliedern.

Die Rheinische Post nimmt "Geschickt eingefädelt" als Aufhänger, um Einzelhändlerinnen aus der Region zum Näh- und Handarbeitsboom zu befragen, zitiert Trendforscher und Statistiken: Neue Näh-Sendung mit Guido Maria Kretschmer. 

SPON nennt die Sendung "rührend altmodisch", begrüßt aber das "ruhige, freundliche Format", das die Kandidaten nicht vorführe: Faden verloren? Hilfe Naht!

Die Focus-online Autorin schwankt beim Ansehen der Sendung zwischen der Erinnerung an die Schrecken der Handarbeitsstunde und Langeweile: "Geschickt eingefädelt" - Warum Guido Maria Kretschmer jetzt Frauen unter den Rock schauen will

Auch die Fernsehkritik von t-online fand die Show "zum Einschlafen": "Geschickt eingefädelt" ist ein fernsehtechnischer Blindstich

Die Fernsehkritikerin bei n-tv sieht die Sendung als folgerichtige Weiterentwicklung der Kochshows im Fernsehen, fragt sich aber: Brauchen wir das? Vox-Show "Geschickt eingefädelt" "Zieh' das bitte niemals an!"

Eine differenzierte Sendungskritik bei Klamm.de: Eine handwerklich gut gemachte Sendung, bei der es tatsächlich um den Inhalt gehe und nicht darum "irgendwelchen persönlichen Schnickschnack auszuschlachten oder Talentlosigkeit zum infantilen Massen-Amüsement zu nutzen": Geschickt eingefädelt - Kretschmer glänzt auch außerhalb der Bluebox

Die Kritikerin der Rheinischen Post fand die Sendung etwas "müde" und nur dann amüsant, wenn Guido kommentiert: Kraftloser Start von "Geschickt eingefädelt"

Simone Deckner vom Stern sieht Inge als heimlichen Star der Sendung und lobt den klugen Schachzug, sie "als Gegenpol zum natursanften Guido Maria Kretschmer", "Deutschlands schnuffeligstem Star-Designer" zu besetzen: Guido und das toughere Schneiderlein

Quote: Nicht so gut wie "Die Höhle der Löwen", aber respektabel: Marktanteil 7,9%.

Montag, 2. November 2015

Nähen im Fernsehen: Morgen gehts los mit "Geschickt eingefädelt"


Fiebert ihr auch schon morgen Abend entgegen, wenn auf Vox die Sendung Geschickt eingefädelt - wer näht am besten? mit Guido Maria Kretschmer als Moderator und Juror beginnt? Die Castingshow ist die deutsche Adaption des BBC-Nähwettbewerbs Great British Sewing Bee. Wie im englischen Vorbild nähen acht Kandidatinnen, in diesem Fall fünf Frauen und drei Männer, in sechs Folgen um den Titel der besten Hobbyschneiderin oder des besten Hobbyschneiders. Nach dem Castingaufruf im Sommer 2014 und ersten Hinweisen, dass Kretschmer an der Sendung beteiligt sein werde im Juli letzten Jahres, war sehr lange nichts zu hören über den Stand der Dinge. Jetzt, da die Ausstrahlung unmittelbar bevorsteht und ich zur Vorbereitung ein paar Folgen Shopping Queen geguckt habe, hoffe ich nur inständig, dass das Privatfernsehen diese schöne Sendung nicht kaputtmacht.

Total klischeehaft, hier jetzt von "britischer Fairness" zu schwafeln, aber genau das zeichnete The Great British Sewing Bee aus: Die Teilnehmerinnen wurden durchweg liebenswürdig präsentiert und standen im Mittelpunkt der Sendung, Moderation und Jury agierten mit leiser Selbstironie und machten keine Witze auf Kosten der Kandidaten. Lasst uns hoffen, dass das deutsche Privatfernsehen dem nacheifert, und lasst uns vor allem nicht vergessen, dass es sich um eine Show handelt.

Da wurde kein Nähwettbewerb ausgerichtet und abgefilmt, in der Hoffnung, dass zufällig etwas hinreichendes Interessantes dabei passieren möge. Die Berichte über die Kandidaten-Vorauswahl von Kittykoma und von Drehumdiebolzen zeigen vielmehr, wie Fernsehen funktioniert: dass es darum geht, bestimmte "Typen" zu finden, die nähen, aber auch vor der Kamera agieren können, und die den Zuschauerinnen Identifikationspunkte bieten. Das Erzeugen von Sympathie und Antipathie beim Zuschauer, das Mitleiden und Mitfiebern, aber auch Häme und Schadenfreude sind dabei Teil dieses Spiels, bei dem die Kandidatinnen nicht die Regie führen. Ich merke an mir selbst, wie leicht ich mich zu Wertungen über Menschen hinreißen lasse, die mir im Fernsehen präsentiert werden, wie ich die Rolle, die sie spielen, nicht von der Person (die ich gar nicht kenne) trennen kann, wie ich glaube, was mich das Fernsehen glauben lassen will.

Lasst uns also nicht vergessen, dass die Kandidatinnen Nähnerds sind wie wir, die sich das Nähen wie wir selbst beigebracht haben, und die all unseren Respekt und unsere Unterstützung dafür verdient haben, dass sie den Mut haben, im Fernsehen der Welt etwas vorzunähen. Wie es Drehumdiebolzen formulierte: "Aber ich werde mich trotzdem nach Kräften bemühen, fiese Sachen nur über die zu sagen, die ganz klar ne Agenda haben ;)." Genau. (Ein Tiefpunkt in Sachen Häme und arrogantem Kandidaten-Bashing und ein Beispiel, wie man eine Fernsehsendung nicht kritisieren sollte: Der Vorbericht von Brigitte online.)

Wenn ihr zur Vorbereitung ein bißchen mehr über die Geschickt-eingefädelt-Kandidatinnen erfahren wollt: Im Blog von Swafing sind Interviews mit den Kandidatinnen und den Jurymitgliedern erschienen, die ich sehr gerne gelesen habe. (Hätte die Brigitte-Autorin da wenigstens da recherchiert, dann wüsste sie, wie es der Unternehmensberater Frank geschafft hat, sich die Zeit für die Dreharbeiten freizuschaufeln.)

Die meisten Teilnehmerinnen der deutschen Sewing Bee schreiben aber auch selbst über die Sendung oder übers Nähen, ich habe hier ein paar interessante Links zusammengestellt.

Frank Brügers - ist von der Kleidung der Renaissance und von Computern begeistert und verbindet beide Interessen, indem er historische Kostüme näht und per Stickmaschine mit komplexen Mustern schmückt. Auf der Seite seines Arbeitgebers schrieb er über seinen Werdegang.

Florian Lange - entwirft, näht und verkauft wunderbare Petticoatkleider aus außergewöhnlichen Stoffen über seine Seite Herr Schneider, ist bei Facebook und in der Märkischen Allgemeinen gab es einen großen Artikel über ihn.  

Ines Meier - ist Berlinerin, die es nach Süddeutschland verschlagen hat. Sie näht außergewöhnliche Dirndl, die sie auf ihrer Seite Pippilotta-Dirndl zeigt und hat ebenfalls eine Facebookseite

Tobias Milse - entwirft und fertigt Handtaschen aus außergewöhnlichen Stoffen, die man auf seiner Webseite tmParis anschauen und kaufen kann. Bei Facebook ist er natürlich auch und hat außerdem ganz neu eine Homepage, auf der er die Sendung begleiten wird.

Meike Rensch-Bergner - muss ich sicher nicht vorstellen, sie ist sicher allen Leserinnen hier als Frau Crafteln wohlbekannt und hat hier in ihrem Blog über das Casting geschrieben. Aus Anlass der Sendung hat sie sich auch zähneknirschend zu Facebook begeben.

Katja Schirmer - um ihren Stil genauer als mit dem Stichwort "Manga" zu beschreiben, kenne ich mich in der japanischen Comic-Kultur nicht gut genug aus. Sie verkauft ihre Sachen auch unter dem Label Candy Zombie Couture bei Dawanda, ist bei Facebook und wurde von der Hessisch-Niedersächsischen Allgemeinen porträtiert.    

Ella Steinmann - kennen wahrscheinlich den meisten Leserinnen hier durch ihr Nähblog Ella Mara schon gut. Ihre tollen Kleider entstehen ohne Kaufschnittmuster, Hallo Herne widmete ihren Kleidern einen Artikel und Der Westen berichtete ebenfalls über ihre Teilnahme.  

Céline Voigt - näht noch nicht lange, ist aber in ganz kurzer Zeit zum höchsten Nähnerd-Niveau vorgedrungen. Sie zeigt ihre Sachen bei Burdastyle und schreibt bei Facebook über ihre Erfahrungen bei der Sendung.

Das Blog des Nähcafés Smilla in Berlin-Schöneberg war bei der Pressekonferenz zur Sendung dabei und schrieb fast ohne das offizielle PR-Blabla über die Präsentation.

Im Medienmagazin DWDL gab es ein Interview mit Guido Maria Kretschmer, das hoffen lässt, dass Drama und fiese Kommentare bei der Sendung nicht im Vordergrund stehen werden.

Inge Szoltysik-Sparrer, Bundesvorsitzende des Verbands des Maßschneiderhandwerks lernt man in diesem Artikel etwas näher kennen. Die Webseite ihres Ateliers findet sich hier und sie ist außerdem als modeatelier-szoltysik bei Instagram.  

Die offizielle Seite zur Sendung Geschickt eingefädelt bei Vox enthält die Trailer, die Sendetermine und ein paar Informationen zu Kandidaten und Jury. Bei Frauenzimmer.de, einer Seite, die ebenfalls von RTL betrieben wird, gibt es ein "Nähspecial" und drei Schnittmuster, die anscheinend in der Sendung vorkommen, können kostenlos heruntergeladen werden: Ein Bleistiftrock, eine Pumphose für Männer und ein Oberteil mit Bubikragen. Die Anleitungen dazu sind allerdings das Unprofessionellste, das mir jemals untergekommen ist - hoffen wir, dass Nähanfänger die Schnitte auf dieser unübersichtlichen Seite gar nicht erst entdecken, sonst wird das nie was mit der Weltherrschaft.  

... und ganz neu von heute Abend: Der Rückblick aufs Casting von Machen statt Kaufen.