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Mittwoch, 17. Oktober 2018

Viel mehr als Häkeltanten: Handarbeiten durch die Jahrhunderte in Susannes neuem Buch "Gedichte, Geschichten mit Nadel und Faden"

Susannes neues Buch ist da! Beim mittlerweile ritualisierten Warten auf den Lastwagen mit der Buchpalette konnte ich dieses Mal nicht dabei sein, weil der Liefertermin und mein Urlaub kollidierten, aber mittlerweile habe ich das neue Buch Gedichte, Geschichten mit Nadel und Faden in der Hand und kann es euch zeigen.


Susanne sammelt schon seit Jahren Erzählungen und Gedichte, in denen gehandarbeitet wird und hat die 57 schönsten und interessantesten für dieses Buch ausgewählt. Ich kenne mich in der deutschen Literatur ja einigermaßen gut aus, aber auch für mich waren die meisten Fundstücke ganz unbekannt, oder ich hatte sie nicht im Gedächtnis, weil das Handarbeiten in vielen Büchern nur ganz beiläufig beschrieben wird - wie es eben auch oft beiläufig nebenher stattfindet - oder weil mein eigener Fokus beim Lesen früher ganz woanders lag.

Erinnert sich zum Beispiel jemand daran, dass Effi Briest in der Anfangsszene von Fontanes Roman, (den warscheinlich die meisten von uns in der Schule lesen und (über-)analysieren mussten), mit ihrer Mutter an einer Stickerei für eine Altardecke arbeiten muss und dazu überhaupt keine Lust hat? Ich habe den Roman im Deutschunterricht sogar zweimal in verschiedenen Klassenstufen durchgenommen (fragt nicht), aber diese Handarbeitsszene hatte ich verdrängt.


Die Sammlung besteht aber nicht nur aus so schwerer Kost wie Fontane - sehr amüsant ist zum Beispiel, wenn Thomas Bernhard über selbstgestrickte Pullover rantet und man ahnt: Das ist nicht nur Fiktion, dahinter steht wirklich eine Erfahrung. Nicht verpassen darf man das "Huldgedicht an Singer", von dem es auf youtube auch eine Vertonung gibt. Man kann erkennen, welche Autoren sich wirklich mit Handarbeiten beschäftigt haben und die dahinterstehende Technik verstehen und daher zu schätzen wissen (Günther Grass, Rainer Maria Rilke) und welche nicht (Henrik Ibsen). Man wundert sich, dass der durchschnittliche Ehemann des 19. Jahrhunderts von strickenden Frauen offenbar höchst genervt war. 

Erschreckend wird es dann, wenn Handarbeiten in Heimarbeit unter prekären Bedingungen den Familienunterhalt sichern müssen. Die Schilderung des Arbeitsalltags in der Thüringischen Puppenindustrie um 1900 von Agnes Sapper steht dem, was wir heute aus Bangladesch kennen, in nichts nach, Kinderarbeit inklusive. Und Nesthäkchen im Ersten Weltkrieg strickt Strümpfe für den Endsieg.


Am Interesssantesten finde ich aber die vielen Texte von Autorinnen, die Susanne gefunden hat und die hier zum Teil zum ersten Mal seit langem wieder in einer zugänglichen, lesbaren Form verfügbar sind. Manche Namen kennt man vielleicht von Briefmarken oder Straßenschildern, hat aber noch nie wirklich etwas von der Autorin gelesen - Fanny Lewald zum Beispiel, die als Jugendliche durch ein gesticktes Geburtstagsgeschenk in große Bedrängnis gerät. Oder Sophie von La Roche, die so detailversessen und mit großer Begeisterung über Stoffe, Kleider und Stickereien schreibt.

Das neue Buch ist etwas größer und als "Verflixt und zugenäht" und "Am Rockzipfel", die beide weiterhin erhältlich sind

Im 19. Jahrhundert gab es überhaupt eine Menge Bestsellerautorinnen, die vom Schreiben ihre Familien ernähren konnten, das weiß heute nur kaum einer mehr. Sophie Wörrishöffer beispielsweise schrieb Abenteuerromane - meistens unter einem männlichen Namen - und verkaufte fast so viele Bücher wie Karl May, vermutlich um die 50 Millionen Stück. Viele Frauenrechtlerinnen waren gleichzeitig Schriftstellerinnen wie Hedwig Dohm und Louise Otto-Peters, die beide in der Sammlung vertreten sind.

Es gibt also viel zu entdecken auf den annähernd 200 Seiten, unter anderem auch zwölf dezent absurde Collagen von Susanne, für die sie alte Buchillustrationen neu zusammengesetzt hat. Und übrigens: SINGERS NÄHMASCHINE IST DIE BESTE, das wusste man schon 1928 in Belgien.   

Susanne Schnatmeyer (Hgg.): 
Gedichte, Geschichten mit Nadel und Faden   
192 S., 12 Illustrationen, Hardcover mit Lesebändchen
18,00 Euro

Erhältlich im Buchhandel, bei amazon und Konsorten, bei Susanne direkt und versandkostenfrei in unserem neuen Shop. In Susannes Blog Textile Geschichten gibt es ebenfalls einen Einblick in das neue Buch.

Eine Gelegenheit, die Bücher und uns direkt zu erleben (beinahe hätte ich geschrieben: anzufassen, aber einigen wir uns auf: Bücher gerne anfassen, Autorinnen nicht), gibt es in Berlin am 24. und 25. November jeweils von 10-18.00 Uhr, wir haben einen Stand auf der Buchmesse BuchBerlin für unabhängige Verlage und Selfpublisher im Mercure-Hotel MOA Berlin in Moabit (U-Bahnhof Birkenstraße). Vielleicht sehen wir uns ja?

Donnerstag, 20. September 2018

Workshops beim Lillestofffestival und bald auch in Berlin


Am vorletzten Wochenende war wieder das Lillestofffestival in Hannover, das zweitägige Nähevent, über das ich hier und hier schon mal geschrieben hatte. Es war so (im positiven Sinn) irre wie die Jahre zuvor: Etwa tausend Frauen, die ein Wochenende lang in einer Messehalle nähen, reden, Stoff kaufen, Nähworkshops besuchen, Spaß haben - und abends und nachts geht die Party oft noch weiter. Am Samstagmorgen kam mir am Eingang zur Halle als erstes eine Frauengruppe entgegen, die einen Bierkasten schleppte. Denn - das finde ich so sympathisch an dem Festival - es ist keine durchkommerzialisierte Veranstaltung. Anders als bei Konzerten oder anderen Festivals, kann man sich zum Beispiel Getränke selbst mitbringen, wenn das (kostenlose) Wasser aus den Wasserspendern und der sehr gute (in der Eintrittskarte enthaltene) Kaffee vom Hannoveraner Café Vélo nicht reichen. Man merkt, dass die Organisatorinnen von Lillestoff einfach selbst gerne nähen und Stoffe lieben, und dass es deswegen dieses Festival gibt.

Der Stand von Lotte Martens
Die Verkaufsstände in der unteren Halle wechseln jedes Jahr und sind nicht auf Gewinnmaximierung angelegt, sondern geben auch kleinen, sympathischen Firmen die Gelegenheit, sich zu präsentieren - dieses Jahr zum Beispiel der belgischen Stoffdesignerin Lotte Martens mit ihren von Hand bedruckten, einfach wunder-wunderschönen Stoffen (die sie jetzt auch in einem eigenen Onlineshop anbietet, der auch nach Deutschland versendet, soweit ich sehe sogar zum Teil portofrei).

Ich hatte die Stoffe schon auf der Handarbeit&Hobby in Köln gesehen und war ganz hingerissen von den Mustern und den metallischen Farben der Drucke. Die Stoffe sind ganz anders als alles, was man sonst in Stoffgeschäften sieht, und nachdem ich zwei volle Tage um den Lotte-Martens-Stand herumgeschlichen war, kaufte ich am Sonntag Abend dann wirklich ein bedrucktes Stoffpaneel: Mittelfesten Viskose-Polyester-Twill in dunkelblau mit einem kupfergoldenen Druck. Seither habe ihn in Reichweite liegen und streichele ihn ab und zu. Hach.


Der schöne gemusterte Jersey rechts war im Goodie-Bag des Festivals - Modaljersey Breeze, eine tolle Farbe und ein schönes Muster, sehr fließend, mal sehen, was das wird.

Die Stoffe von Lotte Martens haben nicht nur schöne Muster, sondern auch eine besondere Haptik

Nachdem dieses peinliche Geständnis einer Stoffsüchtigen heraus ist, will ich aber endlich zu dem Thema kommen, weswegen ich eigentlich bloggen wollte: Die Workshops. Während des Festivals laufen eine Menge Näh- und andere Workshops, die man zusätzlich zum Festivalticket buchen kann. Wie in den zwei Jahren zuvor gab ich zwei verschiedene Upcycling-Workshops und dieses Mal ganz neu auch einen Workshop zu meinem Lieblingsthema, Stoffkunde.


Ich habe mich sehr gefreut, dass der Workshop tatsächlich ausgebucht war, obwohl das Thema auf den ersten Blick sicher nicht so sexy ist wie "wir nähen gemeinsam etwas schönes Neues" - aber Stoffe werden umso interessanter, je besser man sie kennenlernt, und man hört nie auf, zu lernen. Ich hatte für jede Teilnehmerin einen Stapel Stoffproben zum Mitnehmen geschnitten und eine Menge andere Stoffproben mitgebracht, so dass es viel zum Anfassen und Vergleichen gab, so dass man zumindest im Überblick einmal die verschiedenen Webarten kennenlernen konnte.

Blöderweise wurden die Fadenlupen, die ich eigentlich wirklich rechtzeitig bestellt hatte, nicht rechtzeitig zugestellt - oder besser gesagt, das Paket wurde irgendwo abgegeben und war dann erstmal weg, was mich ziemlich Nerven kostete. Am Dienstag nach dem Workshop bekam ich es dann endlich, und mittlerweile sollten alle Workshopteilnehmerinnen ihre Lupen per Post bekommen haben.

Der T-Shirt-Notarzt, bei dem löchrige oder fleckige T-Shirts durch "umgekehrte" Applikationen gerettet werden, ist fast mein Lieblingsworkshop, weil die Technik im Grunde ganz einfach ist, und die Ergebnisse immer total gekonnt und eben wirklich individuell aussehen, selbst wenn man vorgefertigte Schablonen nimmt. Ich suche vor jedem Festival nach neuen Motiven und schneide einige neue Schablonen, dieses Mal war der ganz reduzierte aber unverkennbare Pandabär neu dabei.


Der Workshop zum Oberhemden-Upcycling ist immer besonders spannend, weil das Ergebnis nicht vorgegeben ist und es jedes Mal eine Überraschung ist, welche Materialien und welche Ideen die Teilnehmerinnen mitbringen. In diesem Jahr war lustigerweise der Rock aus einem abgeschnittenen Oberhemd das beliebteste Modell, der in den Jahren zuvor noch nie genäht worden war, dafür gab es kaum Oberteile. Wie immer habe ich viel zu wenig Bilder gemacht (und einige aus Versehen schon gelöscht), daher hier stellvertretend nur zwei, eine schulterfreue Bluse und ein Kinderkleid.

An dieser Stelle auf jeden Fall nochmal vielen Dank an alle Teilnehmerinnen, es war wie jedes Jahr ein Vergnügen mit euch!

Upcycling-Workshops in Berlin


Beide Workshops - den T-Shirt-Notarzt und das Oberhemden-Upcycling - gibt es im September und Oktber auch in Berlin, und Anmeldungen sind jetzt möglich.

Der T-Shirt-Notarzt zur Rettung abgeliebter Jerseyoberteile findet am Sonntag, 30. September von 11 bis 13.00 Uhr im KungerKiezgarten Paradiesapfel (Bouchéstraße 75, 12435 Berlin) statt (bei schlechtem Wetter um die Ecke in der Galerie KungerKiez, Karl-Kunger-Str. 15) und kostet 5 €, Anmeldung unter klima@kungerkiez.de. Bringt löchrige, aber sonst noch gute T-Shirts mit, Jerseyreste, falls ihr habt, oder T-Shirts zum Ausschlachten, eventuell Stickgarn und eine kleine Schere. Informationen zum Workshop findet ihr auch hier auf der Seite des Klimaprojekts im Kungerkiez.

Oberhemden-Recycling ist am Sonntag, 28. Oktober von 10.30 bis 14.30 Uhr in der Galerie KungerKiez, Karl-Kunger-Straße 15, 12435 Berlin. Auch hier bitte unter klima@kungerkiez.de anmelden. Hier kann nach Herzenslust geupcycelt werden - große Hemden eignen sich besonders gut, aber wenn ihr zu rettende Liebligsstücke habt, dann kümmern wir uns auch darum. Bringt außerdem Nähzeug mit, soweit vorhanden, und da wir mit der Maschine nähen, wären Näh-Grundkenntnisse von Vorteil. (Dazu gibt es noch keinen Eintrag auf der Klimaprojekt-Webseite, das trage ich dann nach).

Bei beiden Workshops ist die Zahl der Teilnehmerinnen begrenzt, daher am besten gleich anmelden, wenn ihr kommen wollt.

Donnerstag, 3. Mai 2018

Näh-Nachrichten (verkürzte Umzugsedition) - Neues vom Great British Sewing Bee, Louise Bourgeois, das Lillestoff-Festival, ein neues Nähmagazin und mein neues Buch

Der Schreibtisch steht wieder, und abgesehen davon, dass noch nicht alles an seinem Platz ist, bin ich wieder arbeitsfähig. Und es ist so viel passiert!



Die Nachricht, die spontan die meiste Vorfreude bei mir auslöste: The Great British Sewing Bee kommt zurück! Derzeit können sich Hobbynäherinnen und -näher für eine neue Staffel bewerben, gedreht wird im Juli, August und September, so dass man wohl im späten Herbst oder in der Vorweihnachtszeit mit der Ausstrahlung rechnen kann. Die Moderatorin Claudia Winkleman wird nicht mehr dabei sein - an ihrer Stelle übernimmt der Comedian Joe Lycett die Präsentation. Ich weiß, dass einige Zuschauerinnen aufatmen werden, denen Claudias gebrülltes "SEWERS, YOU HAVE SIXTY SECONDS LEFT!!!" sehr auf die Nerven ging - ich mochte Claudia, aber ich bin auch gespannt, wie sich die Sendung mit einer neuen Moderation verändern wird. Patrick Grant bleibt uns wohl als Juror erhalten, und vor allem freue ich mich auf Esme Young und ihren staubtrockenen Humor.

Die deutsche Sewing Bee Geschickt eingefädelt kommt nicht zurück ins Fernsehen, was hier nicht allzu viel Bedauern auslöst. Trotzdem will es Vox noch einmal mit einer Nähsendung für Guido Maria Kretschmer versuchen: "Guidos Masterclass" wurde im März und April in Berlin gedreht. Acht aufstrebende Jungdesignerinnen und -designer müssen in sechs Folgen Designaufgaben lösen, werden von Kretschmer unterstützt und anschließend bewertet. Da Kretschmer die Kandidatinnen und Kandiaten laut Pressemitteilung selbst auswählen konnte, dürfte der Flausch-Faktor hier höher liegen, als bei Geschickt eingefädelt. Vom Konzept her erinnert mich die Sendung ein wenig an Project Runway - wir werden im Herbst sehen, ob auch hier Zickereien zwischen den Kandidatinnen für das nötige Drama sorgen müssen.

Die textilen Skulpturen von Louise Bourgeois bekommt man hierzulande nur selten zu sehen. Der Kuratorin des Schinkel-Pavillons, eines privaten Kunstvereins, ist es gelungen, einige Werke aus den letzten zwei Lebensjahrzehnten Bourgeois' nach Berlin zu holen. Die Ausstellung The Empty House läuft bis zum 29. Juli, geöffnet ist Donnerstag bis Sonntag von 12-18.00 Uhr. Ich war noch nicht dort, aber ich denke, das darf man nicht verpassen! Lesenswert auch die Besprechung der Ausstellung in der Berliner Zeitung.


Das Lillestoff-Festival, ein riesiges, wirklich riesiges Wochenend-Näh-Event in Hannover-Langenhagen (über das ich hier und hier schon mal geschrieben hatte), findet dieses Jahr am 8. und 9. September statt, und ich bin wieder mit einigen Workshops dabei: Es gibt zwei Workshops zu  Oberhemden-Upcycling, jeweils einmal am Samstag und einmal am Sonntag, einen Kurs zur T-Shirt-Rettung mittels Applikationen am Samstag und ganz neu auch einen kleinen Workshop zur Stoffkunde am Sonntag, wo wir uns mit der Lupe über verschiedene Stoffarten hermachen werden - denn wer seinen Stoff kennt, kann auch vorhersagen, wie er sich verhält, wenn er ein Kleidungsstück wird.
Alle Informationen zum Festival gibt es bei Lillestoff, meine Workshops können hier gebucht werden und oben unter dem Reiter "Veranstaltungen" findet ihr weitere Informationen zu den einzelnen Workshops.


Die Firma Lillestoff ist übrigens auch unter die Zeitschriftenmacher gegangen: Das Lillestoff-Magazin No1 mit 58 Seiten enthält 12 Schnittmuster auf zwei großen Schnittbögen. Das Heft ist aus schönem, dickem Papier und sehr aufwendig gestaltet: Die Modelle werden an ganz unterschiedlichen Frauen mit tollen Fotos in Szene gesetzt, es gibt Detailfotos der Stoffe und der Schnitte und man erfährt etwas über die Designerinnen der Stoffmuster und die Ideen hinter den Entwürfen.


Die verspielten Zeichungen von Susanne Bochem - als Überschriften, Modellzeichnungen, kleine Akzente, Illustrationen für die Anleitungen - haben mir besonders gut gefallen. Die Nähanleitungen für die Modelle sind sehr ausführlich und einfach gehalten, ohne Nähchinesisch und komische Abkürzungen, so, wie man es auch jemandem erklären würde, wenn man beieinander sitzt und gemeinsam näht.

Entdeckt? Mein Buch "Stoff und Faden" ist auch mit dabei

Ein sehr gelungenes Konzept finde ich - ein Heft, das sich nicht vor der Konkurrenz aus den großen Zeitschriftenverlagen verstecken muss, und das alles wurde mit einem kleinen, hauseigenen Team auf die Beine gestellt. Beeindruckend! Im September wird das zweite Heft erscheinen, ich bin gespannt.


Ebenfalls neu erschienen ist mein neues Buch "Zauberhafte Quilt- und Patchworkideen", ein Buch mit 14 Quiltprojekten - dieses Mal wieder beim Leipziger Buchverlag für die Frau. Das Erscheinen fiel etwas ungünstig mit der heißen Phase des Umzugs zusammen, so dass ich nach dem Durchblättern meine Autor-Exemplare gleich in einer Umzugskiste verstaute, aus der sie erst jetzt wieder aufgetaucht sind.

Kurz vor dem Einsetzen der Umzugspanik habe ich es aber noch geschafft, bei Jane und Steffi, den Damen vom Frickelcast, zu Gast zu sein - die Podcastfolge mit mir findet ihr hier, da erzähle ich ein bißchen, wie es zu dem Buch kam, Jane und Steffi waren nämlich sehr gut vorbereitet und hatten sehr interessante Fragen. Beide haben auch das Buch besprochen, hier Jane alias jetztkochtsieauchnoch und hier Steffi alias Feierabendfrickeleien. Vielen Dank ihr beiden!

Zum Buch gibt es hier bald mehr, ich muss nur erst die Kisten auspacken,wo die Decken aus dem Buch verstaut sind. Bis bald!

Dienstag, 6. März 2018

Näh-Nachrichten: Perlenkunst, Jil Sander und eine Lesung

Puh, das echte Leben nimmt - in Gestalt einer neuen Wohnung, Renovierung und einem bevorstehenden Umzug - gerade etwas Überhand im Hause Nahtzugabe. Statt Stoffen streichele ich Wandfarbenmuster, anstelle von Schere und Nähmaschine habe ich mit Spachteln und Farbrollen zu tun. (Würde sich hier eigentlich jemand für Renovierungsposts interessieren?)

In der Zwischenzeit sind eine Menge Links zu nähnerdrelevanten Themen angefallen.

Ausstellungsplakat, Stadtmuseum Hornmoldhaus, Bietigheim-Bissingen


Zuallererst möchte ich euch auf eine Lesung von Susanne - Textile Geschichten aufmerksam machen. Übermorgen, am 8. März liest sie um 19.00 Uhr in Bietigheim-Bissingen im Stadtmuseum Hornmoldhaus im Begleitprogramm zur Ausstellung Macht Handarbeiten glücklich?.
Verflixt und Zugenäht – Warum ist der rote Faden rot? Dem (fast) vergessenen Wissen früherer Generationen über die Bedeutung von Sprichwörtern und Redewendungen aus dem Bereich der Textilherstellung spürt die Autorin und Bloggerin Susanne Schnatmeyer in ihrer Lesung nach.
Teilnehmerbeitrag 3 €.


Kommt zahlreich, das wird bestimmt sehr unterhaltsam!

Ausstellungsansicht „Jil Sander. Präsens“, 2017 im Museum Angewandte Kunst © Paul Warchol

In Frankfurt läuft noch bis zum 6. Mai eine hochgelobte Ausstellung der Arbeiten von Jil Sander - Jil Sander. Präsens/Jil Sander. Present Tense im Museum für Angewandte Kunst. Die Ausstellung zeigt nicht nur Sanders Modeentwürfe, sondern auch Arbeiten aus verwandten Gebieten, mit denen sie sich beschäftigte, wie der Innen- und Gartenarchitektur und der Fotografie. Küstensocke hat die Ausstellung schon besucht und schrieb hier über ihre Eindrücke - und ihre Fotos von interessanten Schnittdetails und Stoffstrukturen machen großen Appetit, sich auf den Weg nach Frankfurt zu machen. Bei Monika - Wollixundstoffix läuft im Moment ein Sewalong zum Thema Jil Sander, vielleicht möchte ja noch jemand mit einsteigen.

Textilkunst: Eine Blogleserin schickte mir den Link zu einem (englischen) Artikel über das Ubhule Art Collective, einem Zusammenschluss südafrikanischer Frauen, die phantastische, meist abstrakte Perlenbilder in einer tradtionellen Technik sticken. Vor zwei Wochen waren diese Werke in London bei einer Kunsthandwerksmesse zu sehen, dieses Jahr tourt eine Ausstellung durch die USA - uns  bleibt leider nur ein Blick auf die Webseite des Kollektivs, auf der einige Bilder zu sehen sind.

Schöne Schnitte: Auf der Seite der Initiative Handarbeit erscheinen meistens zweimal im Jahr Näh- und Strickkollektionen in Zusammenarbeit mit jungen DesignerInnen. Die Kollektionen vom Ende letzte Jahres fand ich besonders gelungen - in der genähten Kollektion gefällt mir das Kleid Pecher von Jessica Lindner besonders gut und die kurze Jacke aus robustem Köper und Samt von Katharina Gorin und Karla Rabe, die außerdem ein Latzkleid aus Jeans, Samt und Chiffon entworfen haben. Die Strickkollektion ist von Birte Manz und enthält ebenfalls einen Latzrock sowie interessante "Deckenpullover", die erst am Körper eine Pulloverform annehmen. Alle Schnitte und Anleitungen gibt es zum Download kostenlos auf der Seite.

Schöne Mode aus Berlin: Was auf der Berliner Fashionweek und den Messen drumherum an neuer Mode gezeigt wird, findet man im Blog enkeda.de und im dazugehörigen Instagramaccount @enkedafashion. Da Kerstin oft Designermode nachnäht, hat sie einen tollen Blick für nähtechnische Details, die man in der üblichen Berichterstattung nicht findet, ihre Fotos sind ein Genuss, weil sie das Wesentliche erfassen - als wäre man selbst dabeigewesen. Mein Lesetipp für die vielleicht noch kommenden ungemütlichen Früh-Frühlingsabende.

"I no longer view clothing as ornament or protection, but as communication. [...] dress speaks louder—and with more honesty—than words." Ein weiterer Lesetipp: Die Textilhistorikerin Kimberly Chrisman-Campbell schreibt über ihre Arbeit als Kuratorin von Modeausstellungen: Von der Suche nach Ausstellungsstücken über die wissenschaftliche Recherche des Kontextes, die Frage der Präsentation (Puppen mit oder ohne Kopf?) und nicht zuletzt über die Versuchung, die Ausstellungsstücke anzuprobieren.

Auch ein Verlust ist zu vermelden: "Brigitte Kreativ" hat es nicht geschafft, nach zwei Jahren wurde das Heft eingestellt. Sehr schade, mir hatte es sehr gut gefallen - aber genau das könnte der Kern des Problems gewesen sein, es erinnerte mich nämlich sehr an die mittlerweile legendären Kreativstrecken in Brigitte in den 1990er Jahren. Ich glaube, meine Nostalgiegefühle teilten viele der Heftkäuferinnen, in der Kommentardiskussion hier im Blog im Oktober 2015 über das erste Heft klang das schon an - und nur mit der Leserinnengruppe 40+ lassen sich wohl nicht genug Hefte verkaufen. Auch die Redaktionen der anderen Frauenmagazine bei Gruner+Jahr werden umgebaut, erfährt man bei Meedia, Brigitte möchte mit E-Learning-Programmen und großen Veranstaltungen zu Finanz- und Berufsthemen Geld verdienen ("Brigitte Academy"). Das DIY-Thema scheint aber noch nicht für alle Zeiten begraben zu sein: "Die Hamburger wollen in den nächsten Monaten das Konzept überdenken und möglicherweise dann einen Neustart wagen.", heißt es. 

Samstag, 9. Dezember 2017

Ein Jahr "Stoff und Faden" - mit Verlosung!

Heute ist ein Tag zum Feiern, denn vor genau einem Jahr nahm ich unten auf der Straße vor dem Haus eine Palette Bücher in Empfang - das Stofflexikon "Stoff und Faden" wurde von der Druckerei geliefert und ich hielt endlich das Ergebnis von fast einem Jahr Arbeit in den Händen.


Das Jahr dazwischen war aufregend, anstrengend und beglückend: Ich packte und verschickte Hunderte Briefe, Päckchen und Pakete mit Büchern, nahm Anfang März eine weitere Buchpalette in Empfang, fuhr zu Lesungen und Workshops, bekam ein Verlagsangebot für "Stoff und Faden" (das ich ausschlug), und nun denke ich allmählich über neue Buchprojekte nach.

Jetzt ist es aber zunächst Zeit, Danke zu sagen für dieses großartige Jahr, denn ich bekam sehr viel Unterstützung von sehr vielen Menschen, die ich zum Teil nicht mal kenne:

Ich winke also besonders herzlich nach Hamburg, wo die Einkaufsabteilung von Libri "Stoff und Faden" ganz unproblematisch in den Katalog aufnahm und mir noch dazu sehr gute Bedingungen einräumte. Das wäre aber nicht passiert, wenn nicht so viele von euch, liebe Leserinnen, das Buch im Buchladen bestellt und das kleine Lexikon euren Buchhändlerinnen besonders ans Herz gelegt hätten - Danke dafür.


Einen großen Dank auch an alle, die "Stoff und Faden" sofort nach Erscheinen in ihrem Laden oder Onlineshop anboten, als man noch gar nicht wissen konnte, dass das Buch ein Erfolg werden würde. Stellvertretend für viele, viele andere winke ich in den Süden, zum Reisebuchladen Karlsruhe und zum Team der Haupt-Buchhandlung in Bern und nach Hannover zu Daniele von Lillestoff.

Einen großen Dank aber vor allem an alle, die in ihrem Blog, bei amazon, bei twitter und Instagram Buchbesprechungen veröffentlichen und Freundinnen und Bekannten von "Stoff und Faden" erzählen - solche persönlichen Empfehlungen sind unglaublich wertvoll für ein Buch, das nicht von vorneherein in jedem Buchladen liegt, und ich freue mich über jede einzelne.


Übrigens fand auch die Redaktion von BurdaStyle "Stoff und Faden" richtig gut und empfahl es in der Novemberausgabe als eine der "besten Neuerscheinungen zum Thema Mode" - eine  vollkommen unerwartete Überraschung und auf jeden Fall das Highlight des Jahres für mich. Einen herzlichen Dank nach München!


Ich werde erst heute Abend wirklich etwas feiern können - heute muss ich nämlich arbeiten - aber für euch gibt es schon jetzt etwas: Ich verlose drei Exemplare des Stofflexikons jeweils mit einer von mir genähten, wiederverwendbaren Geschenkverpackung, für dich, oder gleich fix und fertig zum Weiterverschenken für eine Nähfreundin.

Alles was du dafür machen muss: erzähl' mir in den Kommentaren, was für Selbermach-Textil-DIY-Bücher du magst. Über welches Thema hättest du gerne ein Buch? Zu welchen Thema sollte es noch Anleitungen oder gute Bücher geben? Worüber würdest du gerne lesen, was interessiert dich? Welches Selbermach-Buch gefällt dir gerade besoders gut, und warum? Du musst keinen Roman schreiben, pick' dir einfach die Frage heraus, zu der dir spontan etwas einfällt. (Susanne von "Textile Geschichten" und ich haben einiges vor, du ahnst es vielleicht.)

Die Verlosung läuft bis zum Dienstag, 12. 12. 2017, 17.00 Uhr, dann lose ich aus und gebe am nächsten Tag die Gewinnerinnen bekannt. Du kannst auch bei Instagram (@nahtzugabeblog) teilnehmen, indem du unter dem entsprechenden Beitrag kommentierst. Wenn du sowohl hier, als bei Instagram antwortest, zählt das doppelt. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen, es entscheidet das Los. Die Verlsoung kann natürlich gerne geteilt werden. Viel Glück!

Donnerstag, 23. November 2017

Menschen, Maße, Materialien und eine alte Feuerwache: Das Nähbloggerinnentreffen in Köln

Als ich mit dem Nähbloggen anfing hätte ich ja nie gedacht, dass ich deswegen eines Tages quer durchs Land fahren und an einem Samstag um Sieben aufstehen würde, um mit fünfzig anderen Frauen einen Tag lang Stoffproben anzuzünden. Aber genau das war das Programm am letzten Wochenende, bei Nähbloggerinnentreffen in Köln, perfekt organisiert von Brigitte (Overluck), Antje (Machen statt kaufen), Susi (Alle Wünsche werden wahr) und Bele.

Samstag war grau, aber wir waren kaum draußen

Ich reiste schon am Freitag an und traf zuerst Bele, denn wir sollten am Samstag zwei Workshops zu Stoffen und Materialien - "Stoffe nicht nur lieben, sondern kennen" - geben, und hatten das zusammen in dieser Konstellation noch nie gemacht. Wir stellten aber schnell fest, dass wir beide endlos über Stoffe reden könnten. Beim Vor-Treffen in einem Café mit denen, die schon angereist waren, schlug dann bei mir die Müdigkeit nach einer ohnehin schon sehr vollen Woche zu - und ein bißchen nervös war ich wegen der bevorstehenden Workshops auch.

Vor dem Workshop: Garne und Stoffproben liegen bereit

Bei den Workshops - die nicht zuletzt wegen der vielen, interessierten Fragen super waren - erzählte Bele über Fäden und Bindungen und welche Auswirkungen ihre Eigenschaften auf die Eigenschaften des Stoffes haben. Sie hatte einen Satz Fadenzähler besorgt, so dass die Stoffproben, die wir mitgebracht hatten, ganz genau betrachtet werden konnten. Das war der Hit im Workshop, und im Grunde braucht jeder Näh-Haushalt so ein Gerät - einfach nur, weil es großen Spaß macht. Man kann alles zwischen sehr wenig und sehr viel Geld für so einen Fadenzähler ausgeben, die Organisatorinnen hatten sich für diesen mit Beleuchtung entschieden. Außerdem gab es eine Auswahl Fäden mit unterschiedlichem Aufbau zum Anschauen und Auseinandernehmen, die Bele bei einem belgischen Garn-Spezialversand bestellt hatte, den man hier findet. Die Shopbetreiber entwickeln unter anderem spezielle Garne für Modedesigner, und was von diesen Produktionen übrig bleibt, wandert dann ich den Shop, wenn ich das richtig verstanden habe.

Stoffe muss man fühlen, nicht nur sehen

Zuletzt gings ans Zündeln, erst mit Stoffproben mit bekannter Zusammensetzung, dann kamen die unbekannten Stoffe an die Reihe. Jede Faser brennt auf eine charakteristische Weise ab, mit einem bestimmten Tempo, einem bestimmten Geruch, einer bestimmten Flamme, es bleibt unterschiedlich viel übrig - wer mein Stofflexikon "Stoff und Faden" schon angeschafft hat, hat es da bestimmt gelesen, es gibt aber auch im Internet allerlei Tabellen, wie sich die Stoffe beim Abbrennen unterscheiden.

Ein Fadenzähler gehört in jeden Haushalt

Nur lesen bringt da aber gar nichts - man muss es ausprobieren, Stoffe vergleichen, und so bekommt man langsam ein Gespür dafür, worauf man achten muss. Nehmt euch das Buch vor, und zündet erstmal ein paar Stoffe an, bei denen ihr sicher wisst, worum es sich handelt. Damit könnt ihr dann Stoffe vergleichen, bei denen ihr nur annehmt, es könnte "irgendwas mit Wolle" sein. Manchmal kommt man nicht weiter, weil verschiedene Fasermaterialien schon im verwebten Garn miteinander verarbeitet wurden und man sie nicht mehr trennen kann; auch das Unterscheiden verschiedener Kunstfasern finde ich schwierig (oder ich habe einfach noch nicht genügend Vergleichsmaterial gesammelt!) - aber ob es sich hauptsächlich um eine Naturfaser oder um Kunstfasern handelt, kann man eigentlich immer herausfinden, und auch das ist ja schon mal nützlich. Wir konnten auf diese Weise zum Beispiel feststellen, dass ein mysteriöser doppellagiger Stoff vom Fabrikverkauf bei Rene Lezard aus Naturfasern aus Zellulose bestehen muss, vermutlich Baumwolle, obwohl er durch die miteinander verklebten Schichten wie ein Funktionstextil wirkt.

Wir hatten vorab etwas Sorge, ob wir die Rauchmelder auslösen könnten - und für alle Fälle einen gefüllten Wassereimer im Raum deponiert. Glücklicherweise hatte der Veranstaltungsraum große Fenster, die sich öffnen ließen. Es wäre sehr ironisch, aber auch peinlich gewesen, in einer umgebauten Feuerwache einen Feuer-Fehlalarm auszulösen. 

Zeitgleich zu Beles und meiner Veranstaltung gab es einen Workshop zum richtigen Vermessen mit dem Maßschneider Sebastian Hoofs und seinem Assistenten Tom - die Gruppen wechselten, so dass jede jeden Workshop besuchen konnte. Das hätte mich ja auch sehr interessiert, ging aber zeitlich nun einfach nicht, aber vielleicht gibt es ja mal eine andere Gelegenheit. Sebastian gibt auch andere Kurse für Hobbynäher, übers Nähen, übers Schnitte-Anpassen, die Kölnerinnen schwärmen schon länger davon.

Etwa ein Viertel des Tauchtischs, diesmal nach Farbe sortiert

Der Abend ging mit gutem Essen im Cafe des Veranstaltungsorts zuende, und dort trafen wir uns am nächsten Morgen gleich wieder zum Frühstücken, während sich nebenan die Tauschtische füllten. Ich musste mich ehrlich gesagt etwas zusammenreißen, um nicht überall Stoffproben abzuschneiden und anzuzünden (und wenn ich nicht so müde gewesen wäre, hätte ich das vermutlich gemacht), aber immerhin konnten Claudia und ich ein senfgelbes Sherlock-Holmes-Karo als Wolle identifizieren.

Am frühen Sonntagnachmittag machte ich mich dann wieder auf, in Richtung Süden zu einem sehr kurzen Familienbesuch, und erst jetzt, wieder zuhause und etwas erholt, kann ich mich so richtig über das Wochenende freuen. Nette Gespräche, viele neue Ideen (nicht zuletzt auch Ideen für neue Bücher), wie immer zu wenig Zeit, um sich mit allen gleichermaßen ausführlich zu unterhalten, aber ich habe wieder ein paar Namen neu gelernt und kann sie Gesichtern und Blogs zuordnen. Bis zum nächsten Treffen dann!

Mittwoch, 4. Januar 2017

Näh-Jahres-Rückblick und Nähstatistik 2017

Zum Anfang des neuen Jahres noch ein bißchen Statistik und Rückschau auf das Genähte des letzten Jahres. Mit Plänen und Vorsätzen für 2016 hatte ich mich beim letzten Jahresrückblick im Januar 2016 ja gar nicht erst aufgehalten, aus der Erfahrung des vorangegangenen Jahres, dass ich im Zweifel doch immer nach Lust und Laune nähe und sich die Nähzeit im Voraus schlecht verplanen lässt. Den Rock mit suppentellergroßen Blumen, den ich im Januar 2016 erwähnte, nähte ich letztlich bei einem Nähkränzchen im November, er ist schon fotografiert, ich zeige ihn demnächst - so ist das mit den Zeitplänen bei mir.


So ein bißchen Statistik finde ich immer ganz interessant, denke ich doch jedes Jahr, dass ich nun wirklich so gut wie nichts produziert habe. Aber das Nachzählen zeigt: Es war sogar mehr als im Jahr davor (und - das fällt mir gerade noch ein -  die zwei Knoten-T-Shirts nach Burda (hier und hier) fehlen in der Auflistung sogar noch, so dass ich also sogar noch 2 Meter mehr vernäht habe).

Neu war 2016 auch, dass ich Schnitte mehrfach verwendete, nicht nur die erwähnten Knotenshirts, sondern auch 3 Pam-Blusen aus La Maison Victor (eine mit Vögeln, eine dunkelblaue und eine mit Ananas) - da war die reine Not am Werk, ich brauchte im Sommer dringend Oberteile. Einige schnelle, einfache Teile, die ich nähte, fanden gar nicht den Weg ins Blog, vor allem Teile aus Stoffen meines Nebenjob-Arbeitgebers, die ich bei der Arbeit im Stoffladen anziehe. Das anspruchsvollste Projekt, der Trenchcoat, ist auch noch nicht gebloggt, weil ich die Knopflöcher ewig hinausschob, bis kein Trenchcoat-Wetter mehr war. Die beiden Jacken waren Nähen für andere - die grüne Cordjacke vom Sommer und die kürzlich erwähnte Tweedjacke, die jetzt ein Futter hat, bei der aber, das wird jetzt niemanden besonders überraschen, noch Knöpfe und Knopflöcher fehlen (das wird aber nicht wieder so lange verschleppt, weil die Jacke sehnlich erwartet wird).

Natürlich geht das Jahr wieder mit einem Stoffzuwachs zuende: 20 Meter (bzw. mit den nicht gezählten T-Shirts 18 Meter) - wobei ich damit sicher im Durchschnitt der Selbermacherinnen mit Textilfimmel nur einen der unteren Plätze belege. Aber: Der jährliche Zuwachs macht mir schon Gedanken. Geht das jetzt immer so weiter? Das sind in 5 Jahren dann 100 Meter und in 10 Jahren 200 Meter, bei durchschnittlicher Lebenserwartung würde ich noch knapp 800 Meter Stoff akkumulieren und ab etwa 2035 ein zusätzliches Zimmer nur für die Stofflagerung benötigen. So formuliert ist das natürlich lustig und etwas überzogen, aber hat insofern einen wahren Kern, dass ich es für mich nicht stimmig finde, Stoff fürs Lager zu kaufen, und damit den Kleidungskonsum einfach durch Stoffkonsum zu ersetzen. Möglichst aus den Vorräten zu nähen und aus dem Vorhandenen etwas zu machen, wird damit ein Motto für 2017. Schließlich gibt es zu so gut wie jedem Stoff, der hier liegt, schon eine Projektidee.

Den Kauf von Nähzeitschriften - auch wenn hier schon mehr als genug Schnitte liegen - werde ich mir hingegen nicht verbieten. Ich mag Zeitschriften auf Papier, und für mich ist das Zeitschriften-Lesen von klein auf mit Ritualen verbunden: Auf der Fahrt nach Hause mit der frisch gekauften Zeitschrift schon mal kurz reinblättern. Das Lesen zuhause für einen Moment aufheben, wenn das Sofa frei und ein Kaffee in Reichweite ist, und nicht zuletzt - wenn es um das jeweils aktuelle Burda-Heft geht - das Augenrollen über merkwürdige Fotoarrangements und merkwürdige Texte.

Im vergangenen Jahr hat sich das Angebot an Nähzeitschriften ganz schön erweitert: Neben Burda und Ottobre gibt es nun das zweite Jahr La Maison Victor, und wenn der Eindruck nicht trügt, den die Nähblogs vermitteln, ist die Zeitschrift sehr erfolgreich. Ich kaufe längst nicht jede Ausgabe, weil mich die Kinder- und die Herrenschnitte nicht so sehr interessieren, und die Damenschnitte eben nur manchmal, aber mir scheint im Durchschnitt enthält jedes Heft einen Knaller-Schnitt, der überall rauf und runter genäht wird, wie zuletzt das Kleid "Raven". Fashion Style, die deutschsprachige Ausgabe der Knipmode, hat sich ebenso etabliert. Auch hier kaufe ich nicht jedes Heft, aber ich bin sehr froh über mehr Vielfalt und Konkurrenz im Zeitschriftenregal.

Auf eine Blogaktion für das kommende Jahr freue ich mich ganz besonders, auf die Blogserie "Was wir tragen, was wir sind" bei Nico - Art und Stil. Letztes Jahr erschien das wunderbare Buch "Frauen und Kleider. Was wir tragen, was wir sind" von Leanne Shapton, Sheila Heti und Heidi Julavits, ein Buch mit sehr persönlichen, anrührenden, anekdotischen Einblicken in die Kleiderschränke ganz unterschiedlicher Frauen. Diese Einblicke sind ganz unterschiedlich gestaltet, mal in Form eines Interviews, mal ist es eine Geschichte, mal eine Reihe von Fotos. Den roten Faden bilden eine Reihe von Fragen, die zum Anfang des Buches abgedruckt sind - Nico wird alle 14 Tage eine oder einige Fragen herausgreifen und zum Beantworten einladen. Die Beiträge laufen bei ihr, bei Art und Stil zusammen, wo man den eigenen Beitrag dann verlinken kann. In der nächsten Woche geht es los.

Allen Leserinnen wünsche ich ein gutes neues Jahr 2017, mit viel Zeit zum Nähen und für andere Dinge, die Freude machen, Gesundheit, Glück, Erfolg und vor allem Zufriedenheit! 

Freitag, 2. Dezember 2016

"Guter Rat am Zuschneidetisch" mit Marlene Esser jetzt bei youtube

Über Marlene Esser, die heute fast vergessen Grande Dame des deutschen Nähfernsehens, hatte ich hier im Blog schon mal geschrieben: Sie moderierte und verantwortete in den 1950er und 1960er Jahren eine Nähsendung im westdeutschen Rundfunk, den "Guten Rat am Zuschneidetisch". Vor einem halben Jahr zeigte der Sender EinsFestival sogar einige alte Folgen des "Guten Rats", allerdings an einem ungünstigen Sendeplatz am Nachmittag, und ohne die Folgen in die Mediathek aufzunehmen. Ich war schon etwas enttäuscht, weil ich es nur schaffte, mir zwei sehr unterhaltsame Folgen anzusehen, die eine Nähfreudin aufgenommen hatte.

Gestern suchte ich, anscheinend einer Eingebung folgend, mal wieder bei youtube nach Marlene Esser, und siehe da: Imzwischen wurden vier ganze Folgen und ein Zusammenschnitt eingestellt.
Besonders charmant-absurd fand ich die Folge "Bei mir zuhaus in Wachenheim", in der das Filmteam des WDR Marlene Esser in ihrem Privathaus in der Pfalz besucht. Marlene zeigt zunächst ihr Planschbecken, ihr Sofa und ihren Ort, ehe in einem zum improvisierten Fernsehstudio umgebauten Weinkeller unmodische schlichte Wollkleider umgearbeitet werden.



Wir sind in den Sechzigerjahren und trennen die Abnäher in Taillenhöhe auf, um ein modisch gerades, locker fallendes Shiftkleid zu erhalten, und eine weiße Garnitur macht das dunkle Kleid gleich viel freundlicher!

In den anderen Folgen geht es um "Hosen für die Dame",  "Sommermode 1968" (in Farbe, "obwohl sicher viele von Ihnen kein Farbfernsehen haben"), und um "Kleidung für Zuhause".

Viel Spaß beim Ansehen! 

Donnerstag, 13. Oktober 2016

Auf Reisen (ohne Nähen) und Näh-Nachrichten


Das aller-allerletzte warme Wochenende ist noch gar nicht so lange her, aber gefühlt schon ganz weit weg, weil die Temperaturen seither um fast zwanzig Grad gefallen sind. Dieses warme Wochenende verbrachte ich in Oberwiesenthal, im äußersten Zipfel des Erzgebirges an der tschechischen Grenze. Ich bin ja nicht so der Berg-Typ - ohne eine große Geburtstagsfeier als Anlass hätte es mich dort sicher nie hinverschlagen. Vom Fichtelberg hatte ich mir etwas mehr Natur versprochen, da oben ist doch etwas viel Parkplatz, trotzdem war die kleine Wochenendreise sehr erholsam. Es ist immer gut, mal aus dem Berliner Trott herauszukommen und etwas anderes zu sehen. Und die schönste Überraschung war, dass abends auf der Feier der Freunde die Band spielte, die der Liebste und ich vor Jahren für unsere Hochzeitsfeier engagiert hatten!


Einen halben Vormittag verbrachte ich in Annaberg, oder genauer gesagt: in und um und auf der beeindruckenden Annenkirche, für mehr reichte die Zeit nicht. Das Erzgebirgsmuseum in Annaberg wäre möglicherweise wegen der ausgestellten Klöppelspitzen interessant gewesen, und am Gebäude des Obererzgebirgischen Posamenten- und Effektenwerks sah ich im Vorbeifahren ein Schild, das auf eine Schauwerkstatt hinwies, die auf der Webseite aber nicht erwähnt wird. Kennt jemand diese beiden Attraktionen, das Museum und die Schauwerkstatt, lohnt sich der Besuch?

    
Das Nähen geriet bei all dem ins Hintertreffen, aber am nächsten Sonntag ist Nähkränzchen und ich habe schon mal ein Schnittmuster gemacht und zugeschnitten: Es wird der Falten-Tellerrock nach der Anleitung von Siebenhundertsachen aus einem ziemlich irren, aber farblich gefälligen Stoff mit tellergroßen Blumen, den ich vor fast einem Jahr ergattert und hier schon gezeigt hatte.

Auch in den Nähnachrichten geht es hauptsächlich um Schnittmuster:

Den Link zu den kostenlosen Schnittmustern in der "Sewing School" des Peppermintmag hatte ich hier bestimmt schon mal gepostet - es kommen aber immer wieder neue und brauchbare Sachen dazu: Schnitte für Schößchentop, Shorts, kostiges Oberteil, Kimono...

Die britische Nähzeitschrift Love sewing Mag versammelt als kostenlose Schnitte genau genommen Links zu Nähblogs mit Anleitungen und Schnitten für meist kleinere Nähprojekte (Taschen, mal ein T-Shirt oder eine Unterhose), nichts eigenes - trotzdem eine gute Zusammenstellung von Tutorials und Ideen.

In älteren Burda-Heften gab es früher eine gut aufbereitete Serie mit Anleitungen für das Anpassen von Schnittmustern, die lange Zeit auch auf der Webseite zur Verfügung standen. Nach den zahlreichen Konzeptänderungen der Seite in den letzten Jahren schienen sie verschwunden, aber Ute-Schneiderherz hat sie Stück für Stück wieder ausgegraben und in ihrem Blog eine handliche Linkliste zu den Änderungsthemen veröffentlicht. Großartig!

Und zum Schluss noch etwas Historisches: Der Wandel der Herrenmode in früheren Jahrhunderten ist ja (mir zumindest) nicht so präsent. Mimi Matthews, eine der vielen gut informierten englischsprachigen Bloggerinnen über historische Mode, hat hier die Männermoden des 19. Jahrhunderts in Bildern zusammengestellt - dort passierten fast genauso viele Veränderungen wie in der Damenmode.

Donnerstag, 25. August 2016

Wohin steuert die Nähblogosphäre und ein neues Wirtschaftsblog

In letzter Zeit ist die Nähbloggerszene in Bewegung geraten, das ist ganz deutlich zu spüren. Schnellere und einfacher zu bespielende Plattformen wie Instagram und twitter machen den Blogs Konkurrenz, und Facebook ist immer noch nicht totzukriegen. Elke vom Blog ellepuls.com befragte in den letzten Tagen einige ganz unterschiedliche Bloggerinnen zu ihrer Einschätzung dieses Wandels der Nähszene, darunter auch mich. Eine interessante, facettenreiche Debatte ist dadurch zustande gekommen - die einzelnen Beiträge findet ihr hier:

Die Nähbloggerwelt auf der Überholspur - Danie von Prülla

Die Anzahl von Blogs in der Nähszene explodiert - Christine von stoffe.de

Nach vorne schauen und Veränderungen annehmen - Dana, "die Komplizin"

Am meisten Spaß macht Instagram - Annika von Näh-Connection

Geht es wirklich nur um kürzere Inhalte? Constanze von Nahtzugabe

Ich habe mein Blog beim Nachdenken über diese Veränderungen jedenfalls wieder neu schätzen gelernt.

Themenwechsel: Lasst uns über Wirtschaft reden. Siebenhundertsachen hatte in ihrem Blog in der letzten Zeit mehrmals über Wirtschaftsthemen geschrieben, zuletzt z. B. eine großartige Serie über  die voraussichtlich zu erwartenden wirtschaftlichen Folgen des Brexit, in der ich die ausführlichen und allgemeinverständlichen Erklärungen fand, die ich in den Tageszeitungen vermisste. Nun bekommen Wirtschaftsthemen ein eigenes Zuhause in ihrem neuem Blog Beyond Milchmädchen. Ich freue mich sehr darüber, denn der Wirtschaftsteil ist mir oft zu oberflächlich.

Und weil wir hier im Internet sind und ein Blogbeitrag ohne Bilder ja gar nicht geht, hier noch eine Hundewelpe und ein Lamm (und eine hosentragende Frau) von ca. 1930:

Foto: Vern C. Gorst, public domain, via flickr commons
Das Foto ist auch ein Hinweis darauf, womit ich im Moment einen großen Teil meiner Tage verbringe: Mit der Recherche von alten, gemeinfreien Bildern zur Illustration des nächsten Buchs, das noch in diesem Jahr fertigwerden soll. Seid gespannt (ich bin es auch - so hundertprozentig ist noch nicht klar, ob das alles so klappt wie gedacht. Ganz schön aufregend.) Naja, und bei der Bildersuche stößt man immer wieder auf solche Bilderschätze, die mit dem eigentlich Gesuchten nichts zu tun haben, aber sehr erheitern. 

Samstag, 23. Juli 2016

Die Nähmaschinen der Zukunft?

Ich bin ja keine große Gadget- und Nähzubehörkäuferin, aber ein bißchen enttäuscht bin ich meistens doch, wenn ich Nähmaschinenprospekte durchblättere. Echte Innovationen gibt es bei den neuen Maschinen nicht, so mein Eindruck, es geht im Wesentlichen darum, das Nähen durch noch mehr Sensoren und noch mehr elektronisch gesteuerte Voreinstellungen komfortabler zu machen und eine noch größere Auswahl von Zierstichen bereitzustellen. Die Maschinen werden tendenziell immer größer und bekommen neuerdings oft einen Touchscreen zur Bedienung, ansonsten hat sich in Sachen Nähmaschinentechnologie in den letzten Jahrzehnten nicht viel verändert.

Nur Spiegel Sewing und Toyota schlagen andere und jeweils ganz unterschiedliche Wege ein, und ich frage mich, ob einer von beiden wohl die Zukunft der Haushaltsnähmaschinen ist.

Screenshot: Spiegel Sewing
Spiegel - von der Marke hatte ich vorher noch nie gehört - ist quasi sowas wie der amerikanische Quelle-Versand. Zum 150jährigen Firmenjubiläum brachte Spiegel eine Nähmaschine heraus, die die Revolution des Nähens einleiten soll, eine Nähmaschine, die sich ins heimische WLAN einklinken kann.

Mit der so genannten "Stitch Cam", einer integrierten, auf den Nähfuß gerichteten Kamera, kann man das Nähen filmen (mit Ton!) und die Videos direkt in sozialen Netzwerken einstellen. Ein Beispiel für so einen Nähfilm einer Nutzerin findet sich hier bei Instagram - wie zu erwarten ist das nicht sonderlich aufregend, aber Spiegel hat auch noch eine App in petto. Mit dieser App lassen sich Videotutorials zu den Funktionen der Maschine oder zu bestimmten Nähtechniken anschauen, im Appstore "Premiumstiche" für die Maschine erwerben (zusätzlich zu den 350 Stichmustern, die sie schon besitzt), und laut Werbefilm auch Schnittmuster, Stoffe und Nähzubehör über die Spiegel-Webseite. Was einen da genau erwartet, bleibt etwas nebulös, weil diese Angebote ohne die App offenbar nicht zugänglich sind, zumindest konnte ich im Spiegel-Shop nichts finden. Das Prinzip ist aber klar: Es wird der Nähmaschinenbesitzerin möglichst einfach gemacht, bei Spiegel auch noch alles andere zu kaufen, das man zum Nähen benötigt. Die Nähmaschine selbst kostet 296 $ und macht auf Bildern einen verhältnismäßig soliden Eindruck, zum Beispiel hier im Auspack-Video einer Nutzerin.

Ich muss ja zugeben, dass ich die Maschine mit diesen goldfarbenen Leisten furchtbar hässlich finde und die App für mich überhaupt kein Grund wäre, eine Nähmaschine zu kaufen - aber ich kann mir vorstellen, dass das Konzept seine Anhängerinnen finden wird. Das Versprechen, dass Schritt für Schritt ganz genau im Film gezeigt wird, wie die Maschine zu bedienen ist, spricht wenig  wagemutige Neu-Näherinnen bestimmt an. Viele sind davon genervt, Schnitte und Stoffe und Kurzwaren selbst zusammenstellen zu müssen und wollen vor allem die Sicherheit, dass alles zueinander passt und sie keine Fehler begehen. Die App vermittelt das Gefühl, dass nichts schiefgehen kann, schätze ich. 

Die zweite Nähmaschine abseits des Üblichen kommt von Toyota, die bei uns bisher ja eher für günstige und in jeder Hinsicht durchschnittliche Nähmaschinen bekannt sind.


Screenshot: Oekaki Renaissance


Die Nähmaschine Oekaki Renaissance fällt zuerst natürlich mit ihrem schnittigen Design aus dem üblichen weißen Nähmaschineneinerlei heraus: Es gibt sie in rot, schwarz oder grün-grau ("Salbei"). Ihre technischen Eigenschaften entsprechen denen der meisten mittelpreisigen Maschinen, das Nähen wird elektronisch gesteuert, es gibt 50 verschiedene Stiche, darunter drei Knopflöcher und ansonsten recht wenig Schnickschnack.

Das Besondere ist die so genannte "Oekaki-Funktion", ein eingebauter Freihand-Stickmodus. Wie man es vom Freihandsticken kennt, wird der Transporteur versenkt und der Stoff frei in alle Richtungen bewegt. Zusätzlich verändert sich in diesem Modus die Stichbreite, je nachdem, wie stark man auf das Fußpedal tritt. Die Maschine wird dann nicht schneller, sondern der Zickzackstich breiter, den sie näht. Hier in diesem kurzen Film lässt sich erahnen, dass es aber einige Übung braucht, ehe man damit schöne, schwungvolle Schriftzüge fabriziert. In der ganz neu eingerichteten Werkgalerie auf der Oekaki-Webseite finden sich schon sehr schöne frei gestickte Beispiele - aber ich habe den Eindruck, dass die Spezialfunktion des Fußpedals dabei gar nicht so offensichtlich eingesetzt wurde, sprich: Mit Geduld und Können und einem Stickfuß könnte man das alles vermutlich auch auf jeder anderen Maschine sticken.

Trotzdem finde ich die Maschine schon aufgrund des Designs sehr reizvoll - ich mag die Form und ich könnte mich kaum für eine Farbe entscheiden, hätte ich die Wahl. Für das, was sie technisch zu bieten hat, erscheint sie mir aber verhältnismäßig teuer (bei uns kostet sie um die 550€). Eine Revolution des Nähens ist die Nähmaschine von Toyota sicherlich nicht, aber ich wundere mich, dass sie die ersten sind, die in Sachen Nähmaschinendesign die ausgetretenen Pfade verlassen haben.

Ist die Zukunft der Nähmaschine bunt und außergewöhnlich? Oder werden wir bald alle irgendwelche Apps nutzen, die uns die Hersteller unserer Nähmaschine zur Verfügung stellen und die uns beim Nähen an die Hand nehmen? Oder noch ganz etwas anderes?

Sonntag, 3. Januar 2016

Muße


Liebe Leserinnen, ich hoffe ihr seid gut ins neue Jahr gekommen! Ich habe in den letzten zwei Dezemberwochen - immer noch angeschlagen - etwas kürzer getreten, eine Menge Erledigungen einfach aufs nächste Jahr verschoben und mir vorgenommen, 2015 nichts Neues mehr anzufangen. Das hat so gut getan. Ein paar Dinge erledigten sich dann ohne mein Zutun von selbst, und wie das immer ist, wenn man nicht muss: Ich hatte Ideen und auch Lust, sie anzugehen. Mir fehlte in den letzten Monaten einfach die Muße, und so habe ich mir für 2016 ins Notizbuch geschrieben, besser für Ausgleich zu sorgen. Das richtige Maß von Entspannung und Anspannung und so, eigentlich weiß man das ja. Ich wünsche euch allen für 2016 jedenfalls genügend Zeit für euch, genügend Muße,  Glück und Zufriedenheit!


Die Entspannung im Dezember hatte den netten Nebeneffekt, dass ich auch wieder Lust auf Entdeckungen hatte. Das Hallesche Haus, ein Laden im ehemaligen Postamt von Kreuzberg 61, ist wie ein Kurzurlaub, weil fast nur englisch oder spanisch gesprochen wird und weil man urige und zum Teil merkwürdige Waren wie handgewebte Wolldecken, Opinel-Messer, Bartwachs, Glühbirnen mit phantastischen Formen und handgefeilte Messinglineale erwerben kann. Da der Laden anscheinend von Expats für Expats betrieben wird, sind das wohl die Dinge, die für das Überleben eines Neuberliners für unverzichtbar gehalten werden. Über allem liegt der Duft von frisch gebackenem Kuchen, denn das Hallesche Haus ist gleichzeitig ein Café.


Dort entdeckte ich aber auch die handgestickten Schmuckstücke von Macon&Lesquoy, sehr witzige und sehr filigrane kleine Broschen von drei, höchstens vier Zentimeter Durchmesser mit einem schönen Glanz. Die Verkäuferin hatte gar keine Ahnung, was sie da verkauft, was für eine Technik und was für ein Material das ist, also den Firmennamen notiert und zuhause nachgeschaut: Es ist Kantillenstickerei, eine Stickerei mit Bouillondraht, einem ganz feinen, zu einer Spirale gewickelten Metalldraht. Die Goldstickerei auf Uniformen und allerlei Prachtgewändern wurde früher so gestickt - bei Marquise gibt es einen guten Überblick über die Technik und hier bei Macon&Lesquoy auch  ein paar Fotos halbfertiger Broschen. Ich bin ganz beglückt, dass diese Handarbeitstechnik überhaupt noch existiert, und dann eben nicht nur bei ein paar Spezialisten für historische Textilien, sondern in einer modernen Form mit modernem Design, die dann in einem Berliner Hipsterladen landet.   


In Leipzig war ich auch mal wieder für einen Tag - von dort (aus der Kolonadenstraße) stammt das Paste-up auf einer Plattenbaukachel.


Noch so eine Parallelwelt in Berlin: Das Café House of small wonder neben dem Friedrichstadtpalast. Alle schicken Food-und-Travel-Bloggerinnen fotografieren die Wendeltreppe am Eingang, also habe ich das auch gemacht, allerdings zu hastig und daher leicht unscharf. Ich bin eben keine schicke Food-und-Travel-Bloggerin. Man sitzt im ersten Stock eines Bürogebäudes in einer Kulisse wie bei In the mood for love, hauptsächlich zwischen Mitarbeitern von Rocket Internet und Menschen, die von dem Cafe in amerikanischen Reiseführern gelesen haben müssen (oder bei schicken Food-und-Travel-Bloggerinnen), und zahlt vielleicht ein klein wenig zu viel für Essen und Trinken. Aber die Kulissenhaftigkeit dieses Ortes hat mich so fasziniert, dass ich das ganz in Ordnung finde. Café-Inszenierungen sind eine Kunst, die nicht alle Gastronomen beherrschen, und die man auch würdigen muss, finde ich. 

Entdeckungen im Netz:


  • Bei der Stoffspielerei hatten wir im Oktober ja das Thema "Spitze", und ich staunte, wie unglaublich mühsam und kleinteilig die Arbeit an handgestickter Nadelspitze ist. Jetzt bin ich auf einen 20minütigen Film über die maschinelle Spitzenherstellung in Calais, bei der Firma Noyon gestoßen und staune nochmal, wie viele Arbeitsgänge, wie viel Handarbeit und Expertenwissen auch für die maschinelle Spitzenherstellung nötig ist. Die nächste Stoffspielerei ist übrigens am 31. Januar zum thema "Perlen" und wird bei frifris gesammelt. 

  • Skurril: Ichtershausen in Thüringen war ein Zentrum der Nadelindustrie - heute werden dort noch immer chirurgische Nadeln hergestellt - und alle zwei Jahre die Thüringer Nadelprinzessin gewählt.