Dienstag, 30. Oktober 2018

Das war der Berliner Schick: Mode vom Hausvogteiplatz

Wusstet ihr, dass Berlin in den ersten drei Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts ein Zentrum der Bekleidungsindustrie war? Dass Mode aus Berlin in alle Welt exportiert wurde? Ich muss zugeben, dass ich das erst weiß, seitdem ich einmal mehr oder weniger zufällig in der Gegend des Hausvogteiplatzes unterwegs war und das Denkmal in der Mitte des Platzes - drei geneigte Spiegel, die die umliegenden Häuser reflektieren - wahrnahm und auch, dass an den Stufen hinunter zur U-Bahn-Station lauter Firmennamen eingemeißelt sind.


Heute sind der Hausvogteiplatz und die umliegenden Straßen ein merkwürdiges, etwas steriles Niemandsland mit Bürogebäuden, der Botschaft der Mongolei, dem Justizministerium, einem Teil der Humboldt-Uni und Neubauten mit sehr, sehr teuren Eigentumswohnungen, eine tote Ecke zwischen den Touristenmassen auf dem Gendarmenmarkt und dem Verkehrsinferno auf der Leipziger Straße. Sieht man Bilder der Gegend vom Anfang des vorigen Jahrhunderts, mag man kaum glauben, dass es sich um dieselben Straßen handelt: An den Fassaden Firmenschilder dicht an dicht, in den Erdgeschossen Bekleidungsgeschäfte, auf den Straßen Lieferwagen, Straßenbahnen und je nach Jahrzehnt mehr Autos oder mehr Pferdefuhrwerke, und vor allem ein unglaubliches Gewimmel von Passanten, Lieferanten, Geschäftsleuten, Frauen und Kindern beim Einkaufsbummel. Große Kaufhäuser waren hier, aber seit Mitte des 19. Jahunderts vor allem die Konfektionäre, meistens jüdische Bekleidungsgroßhändler, die sich auf die Produktion von Kleidung "von der Stange" spezialisiert hatten. Diese Idee, fertige Kleidung in einer Reihe von standardisierten Größen günstiger als maßgeschneidert anzubieten, war eine revolutionäre Erfindung, sie machte diese Kleidung für eine größere Gruppe von Frauen überhaupt erst erschwinglich.


Die Ausstellung Brennender Stoff - Burning (t)issue, die von Studierenden der Europäischen Ethnologie der Humboldt-Uni erarbeitet wurde, zeigt derzeit in den Räumen des Justizministeriums, das zum Teil in so einer ehemaligen Textilfabrik untergebracht ist, die Geschichte dieser Konfektionäre rund um den Hausvogteiplatz. Im November wandert die Ausstellung in das Hauptgebäude der Humboldt-Uni und kann dort ohne Anmeldung besichtigt werden. Ich hatte sie mir vor zwei Wochen im Ministerium angeschaut und habe viel mitgenommen.


Mir war zum Beispiel nicht bewusst, dass ein großer Teil der Konfektion in Berlin gar nicht in Fabriken, sondern in Heimarbeit hergestellt wurde - und zwar von einem Heer von Näherinnen, die in 12-Stunden-Arbeitstagen zuhause im Akkord Blusen und Kleider nähten, bügelten, und sich natürlich auch noch um Kinder, Küche, Kirche kümmern mussten. Alte Fotografien aus dem Landesarchiv zeigen die beengten Verhältnisse, ärmliche, enge Wohnzimmer, mit Nähmaschinen und Bergen von lauter identischen fertigen und halbfertigen Kleidungsstücken, dazwischen kleine Kinder.


Die glamouröse Seite der Berliner Mode ist sogar noch besser durch Fotos dokumentiert: In den Kaufhäusern wurden schon damals ganze Erlebnislandschaften geschaffen. Das, was wir heute "Shopping" nennen, das Flanieren durch Geschäfte, das Ansehen und Anfassen der Waren, ohne den Zwang, etwas kaufen zu müssen, nahm damals in den Warenhäusern seinen Anfang. Die Influencerinnen der damaligen Zeit waren Bühnen- und Filmschauspielerinnen, Sportlerinnen und Tänzerinnen.


In den dreißiger Jahren war es dann vorbei mit der Berliner Textilindustrie: Ihre meistens jüdischen Eigentümer wurden enteignet, vertrieben und ermordet, nach dem Krieg lag das Hausvogteiviertel in Schutt und Asche. Die Ausstellung - und das sehr empfehlenswerte Begleitbuch - zeichnen hier die Einteignung einer von vielen jüdischen Firmen nach. Die Berliner Modefirmen, die es jetzt noch gibt, hatten im übrigen kein Interesse, das Ausstellungsprojekt zu unterstützen, wie eine der Ausstellungsmacherinnen erzählte, die uns begleitete. Deutlich wurde auch, dass die Geschichte der Berliner Konfektion bislang nur in den Grundzügen erforscht und allgemein recht wenig bekannt ist. Ich kann daher den Besuch der wirklich interessanten und gut gemachten Ausstellung - gestaltet wurde sie von Studierenden der Kunsthochschule Weißensee - empfehlen. Bis Ende November ist sie kostenlos und ohne Anmeldung im Hauptgebäude der Humboldt-Uni zu sehen, und auch das Begleitbuch zur Ausstellung ist sehr zu empfehlen, es ist angenehm zu lesen und enthält die meisten Fotos, die auch in der Ausstellung zu sehen sind.

https://www.brennender-stoff.info/
Ausstellung ab 3.11. in der HU, Unter den Linden 6
geöffnet Mi-Fr 16-20.00 Uhr, Sa 11-17.00 Uhr
Eintritt frei
außerdem kostenlose Führungen, dazu ist eine Anmeldung nötig  

Das Buch zur Ausstellung gibt es im Buchhandel, es liegt in der Ausstellung aus und kann außerdem bei den Führungen erworben werden.

Über die Ausstellung berichteten sehr ausführlich Maritta Tkalec von der Berliner Zeitung, Jérôme Lombard von der Jüdischen Allgemeinen und Katharina Kühn für DeutschlandfunkKultur.  

Mittwoch, 17. Oktober 2018

Viel mehr als Häkeltanten: Handarbeiten durch die Jahrhunderte in Susannes neuem Buch "Gedichte, Geschichten mit Nadel und Faden"

Susannes neues Buch ist da! Beim mittlerweile ritualisierten Warten auf den Lastwagen mit der Buchpalette konnte ich dieses Mal nicht dabei sein, weil der Liefertermin und mein Urlaub kollidierten, aber mittlerweile habe ich das neue Buch Gedichte, Geschichten mit Nadel und Faden in der Hand und kann es euch zeigen.


Susanne sammelt schon seit Jahren Erzählungen und Gedichte, in denen gehandarbeitet wird und hat die 57 schönsten und interessantesten für dieses Buch ausgewählt. Ich kenne mich in der deutschen Literatur ja einigermaßen gut aus, aber auch für mich waren die meisten Fundstücke ganz unbekannt, oder ich hatte sie nicht im Gedächtnis, weil das Handarbeiten in vielen Büchern nur ganz beiläufig beschrieben wird - wie es eben auch oft beiläufig nebenher stattfindet - oder weil mein eigener Fokus beim Lesen früher ganz woanders lag.

Erinnert sich zum Beispiel jemand daran, dass Effi Briest in der Anfangsszene von Fontanes Roman, (den warscheinlich die meisten von uns in der Schule lesen und (über-)analysieren mussten), mit ihrer Mutter an einer Stickerei für eine Altardecke arbeiten muss und dazu überhaupt keine Lust hat? Ich habe den Roman im Deutschunterricht sogar zweimal in verschiedenen Klassenstufen durchgenommen (fragt nicht), aber diese Handarbeitsszene hatte ich verdrängt.


Die Sammlung besteht aber nicht nur aus so schwerer Kost wie Fontane - sehr amüsant ist zum Beispiel, wenn Thomas Bernhard über selbstgestrickte Pullover rantet und man ahnt: Das ist nicht nur Fiktion, dahinter steht wirklich eine Erfahrung. Nicht verpassen darf man das "Huldgedicht an Singer", von dem es auf youtube auch eine Vertonung gibt. Man kann erkennen, welche Autoren sich wirklich mit Handarbeiten beschäftigt haben und die dahinterstehende Technik verstehen und daher zu schätzen wissen (Günther Grass, Rainer Maria Rilke) und welche nicht (Henrik Ibsen). Man wundert sich, dass der durchschnittliche Ehemann des 19. Jahrhunderts von strickenden Frauen offenbar höchst genervt war. 

Erschreckend wird es dann, wenn Handarbeiten in Heimarbeit unter prekären Bedingungen den Familienunterhalt sichern müssen. Die Schilderung des Arbeitsalltags in der Thüringischen Puppenindustrie um 1900 von Agnes Sapper steht dem, was wir heute aus Bangladesch kennen, in nichts nach, Kinderarbeit inklusive. Und Nesthäkchen im Ersten Weltkrieg strickt Strümpfe für den Endsieg.


Am Interesssantesten finde ich aber die vielen Texte von Autorinnen, die Susanne gefunden hat und die hier zum Teil zum ersten Mal seit langem wieder in einer zugänglichen, lesbaren Form verfügbar sind. Manche Namen kennt man vielleicht von Briefmarken oder Straßenschildern, hat aber noch nie wirklich etwas von der Autorin gelesen - Fanny Lewald zum Beispiel, die als Jugendliche durch ein gesticktes Geburtstagsgeschenk in große Bedrängnis gerät. Oder Sophie von La Roche, die so detailversessen und mit großer Begeisterung über Stoffe, Kleider und Stickereien schreibt.

Das neue Buch ist etwas größer und als "Verflixt und zugenäht" und "Am Rockzipfe"l, die beide weiterhin erhältlich sind

Im 19. Jahrhundert gab es überhaupt eine Menge Bestsellerautorinnen, die vom Schreiben ihre Familien ernähren konnten, das weiß heute nur kaum einer mehr. Sophie Wörrishöffer beispielsweise schrieb Abenteuerromane - meistens unter einem männlichen Namen - und verkaufte fast so viele Bücher wie Karl May, vermutlich um die 50 Millionen Stück. Viele Frauenrechtlerinnen waren gleichzeitig Schriftstellerinnen wie Hedwig Dohm und Louise Otto-Peters, die beide in der Sammlung vertreten sind.

Es gibt also viel zu entdecken auf den annähernd 200 Seiten, unter anderem auch zwölf dezent absurde Collagen von Susanne, für die sie alte Buchillustrationen neu zusammengesetzt hat. Und übrigens: SINGERS NÄHMASCHINE IST DIE BESTE, das wusste man schon 1928 in Belgien.   

Susanne Schnatmeyer (Hgg.): 
Gedichte, Geschichten mit Nadel und Faden   
192 S., 12 Illustrationen, Hardcover mit Lesebändchen
18,00 Euro

Erhältlich im Buchhandel, bei amazon und Konsorten und bei Susanne direkt. In Susannes Blog Textile Geschichten gibt es ebenfalls einen Einblick in das neue Buch.

Susanne und ich haben übrigens nun auch eine gemeinsame Webseite - Schnatmeyer&Derham - auf der ihr alles über unsere Bücher findet und auf die ihr zum Beispiel auch Buchhändler verweisen könnt, falls es mit der Buchbestellung doch Probleme geben sollte. Dort könnt ihr euch auch in unseren Newsletter eintragen, wenn ihr über unsere Veranstaltungen (und neue Bücher natürlich!) informiert werdenn wollt.

Eine Gelegenheit, die Bücher und uns direkt zu erleben (beinahe hätte ich geschrieben: anzufassen, aber einigen wir uns auf: Bücher gerne anfassen, Autorinnen nicht), gibt es in Berlin am 24. und 25. November jeweils von 10-18.00 Uhr, wir haben einen Stand auf der Buchmesse BuchBerlin für unabhängige Verlage und Selfpublisher im Mercure-Hotel MOA Berlin in Moabit (U-Bahnhof Birkenstraße). Vielleicht sehen wir uns ja?

Mittwoch, 3. Oktober 2018

Dalink-Stoffe in Spandau und am Alex

Neulich bei der Arbeit im Stoffladen unterhielt ich mich mit einer Kollegin und einer Kundin über andere Stoffläden. Es ist zugegebenermaßen etwas merkwürdig, sich mitten in einem riesigen Stoffladen über andere Stoffquellen auszutauschen, aber andererseits kenne ich das Phänomen auch vom Essen im Restaurant, wo sich das Gespräch dann sehr oft um Essen an anderen Orten, Rezepte, Zutaten dreht - der Appetit für das Thema ist dann geweckt, und man kann unmöglich bei dem bleiben, was gerade auf den Teller liegt. In diesem Fall waren es die Gegenwart von wahrscheinlich mehreren tausend Metern Stoff und die nicht unerhebliche Einkäufe im Wagen der Stammkundin, die zur Diskussion über andere Stoffläden einluden.


Einer der Lieblings-Stoffläden der Kundin war Dalink-Stoffe in Spandau, den sie wegen der großen Auswahl an Wollstoffen und einfarbigen Bekleidungsstoffen empfahl. Spandau ist von Treptow aus gesehen am anderen Ende der Stadt, aber die Beschreibung klang so vielversprechend, dass ich mich vor einigen Wochen mit netter Begleitung auf den Weg machte. Die Reise war dann auch gar nicht so langwierig wie befürchtet: Wenn man am S-Bahnhof Spandau einmal die Haltestelle des Bus M 32 gefunden hat (Tipp: Sie ist vor dem flachen Gebäude mit Bäckerei und Florida-Eis, man muss die Straße nicht überqueren), dann bringt einen der Bus, der während der Ladenöffnungszeiten etwa alle 5 Minuten fährt, fast genau bis vor die Tür des Stoffladens.


Dalink-Stoffe liegt in einem Gewerbegebiet und ist etwas zurückgesetzt von der Straße in einem Halle untergebracht, die um einen kleinen Innenhof herumgebaut ist. Dadurch ist der Laden schön hell und hat man in fast Ecken direktes Tageslicht oder zumindest Tageslicht in der Nähe.

Die Auswahl vor allem an Bekleidungsstoffen ist wirklich beeindruckend. Besonders aufgefallen sind mir die nach Farben geordneten Regale mit Baumwoll- und Baumwollmischstoffen, die Stoffe verschiedener Qualitäten von Batist bis zu kräftigem Köper enthielten. Hier hat man wirklich gute Chancen, Kombinationsstoffe in genau dem richtigen Farbton zu finden. Sehr praktisch auch die Regale mit Patchworkstoffen, die nach Motiven angeordnet sind - wenn man also Stoff mit Noten oder Dinosauriern oder Pinguinen suchen würde, würde man dort schnell fündig.


Ansonsten sind die Stoffe teils nach Stoffart (Cord, Buntgewebe, Jeans, Sweat, Strickstoff, Viskosedrucke), teils nach Verwendungszweck (Hosenstoffe, Outdoorstoffe, Badeanzugstoffe), teils nach Material (Leinen, Wolle) geordnet, aber im ganzen so, dass man sich gut zurechtfindet, wenn man schon weiß, was man möchte. Im hinteren Teil des Ladens gibt es auch Dekostoffe, Polsterstoffe, eine große Auswahl an Kunstleder und einige ganz irre Sachen wie hologrammähnlich schillernde Foliendrucke.

Beim Nähzubehör ist mir vor allem die große Auswahl an Gurtbändern, Endlosreißverschlüssen und anderen Taschenzutaten aufgefallen. Außerdem gibt es die üblichen Prym-Produkte, recht günstiges Näh- und Overlockgarn und ein sehr großes Knopfregal, von dem Zusza ein Foto gemacht hat.

Im Vergleich zu Hüco, der ja immer als Berlins größter Stoffladen genannt wird, sind außerden die angenehm normalen Öffnungszeiten von Vorteil, und was Jersey und andere gewirkte Stoffe betrifft, hat Dalink-Stoffe meines Erachtens die größere Auswahl. Seide und festliches Bling-Bling würde ich aber zuerst eher bei Hüco suchen, auch wenn die Pailettenstoffabteilung bei Dalink (als ob ich sowas jemals brauchen würde!) auch nicht schlecht war.


Gleich im Anschluss schaute ich mir dann auch noch die ganz neu eröffnete Filiale am Alex, im S-Bahn-Bogen neben dem Alexa an. An dieser Stelle war vorher auch schon ein Stoffladen, das Knopfloch, mit dem ich aber ehrlich gesagt nie warm geworden bin, ich fand den Laden immer etwas düster.

Jetzt erstrahlt das Gewölbe in Weiß, und der Anstrich war vor ein paar Wochen noch so frisch, dass der Laden etwas nach Farbe roch. Die Stoffe - ein kleiner Querschnitt durch das Angebot in Spandau - waren ebenso frisch eingeräumt, der Laden war so aufgeräumt und ordentlich, dass er fast steril wirkte. Neben Stoffen und den üblichen Kurzwaren werden dort Näh- und Stickmaschinen angeboten, von Brother und Bernina. Im Spandauer Laden gibt es die Maschinen auch (und außerdem laut Webseite auch Elna), sie sind mir allerdings nicht weiter aufgefallen, ich war wohl von den ganzen Stoffen um mich herum überwältigt. Sicherlich wird der Laden nach einiger Zeit etwas belebter und "eingewohnter" wirken, ich bin jedenfalls ganz froh, dass es dort weiterhin Stoffe und Kurzwaren gibt, und nach Spandau würde ich mich tatsächlich  gezielt aufmachen, wenn ich einen ganz bestimmten Stoff suche.

Dalink-Stoffe Spandau
Brunsbütteler Damm 177, 13581 Berlin

Montag-Freitag 9-18.00 Uhr
Samstag 10-14.00 Uhr

S-Bahn Spandau, von dort in 6 Minuten mit Bus M32 bis Egelpfuhlstraße

Dalink-Stoffe Mitte
S-Bahn-Bogen 105, 10178 Berlin
neben dem Alexa

Montag-Freitag 10-20.00 Uhr
Samstag 10-16.00 Uhr

(Dieser Post wurde nicht gesponsort, bezahlt oder in Auftrag gegeben.)

Donnerstag, 20. September 2018

Workshops beim Lillestofffestival und bald auch in Berlin


Am vorletzten Wochenende war wieder das Lillestofffestival in Hannover, das zweitägige Nähevent, über das ich hier und hier schon mal geschrieben hatte. Es war so (im positiven Sinn) irre wie die Jahre zuvor: Etwa tausend Frauen, die ein Wochenende lang in einer Messehalle nähen, reden, Stoff kaufen, Nähworkshops besuchen, Spaß haben - und abends und nachts geht die Party oft noch weiter. Am Samstagmorgen kam mir am Eingang zur Halle als erstes eine Frauengruppe entgegen, die einen Bierkasten schleppte. Denn - das finde ich so sympathisch an dem Festival - es ist keine durchkommerzialisierte Veranstaltung. Anders als bei Konzerten oder anderen Festivals, kann man sich zum Beispiel Getränke selbst mitbringen, wenn das (kostenlose) Wasser aus den Wasserspendern und der sehr gute (in der Eintrittskarte enthaltene) Kaffee vom Hannoveraner Café Vélo nicht reichen. Man merkt, dass die Organisatorinnen von Lillestoff einfach selbst gerne nähen und Stoffe lieben, und dass es deswegen dieses Festival gibt.

Der Stand von Lotte Martens
Die Verkaufsstände in der unteren Halle wechseln jedes Jahr und sind nicht auf Gewinnmaximierung angelegt, sondern geben auch kleinen, sympathischen Firmen die Gelegenheit, sich zu präsentieren - dieses Jahr zum Beispiel der belgischen Stoffdesignerin Lotte Martens mit ihren von Hand bedruckten, einfach wunder-wunderschönen Stoffen (die sie jetzt auch in einem eigenen Onlineshop anbietet, der auch nach Deutschland versendet, soweit ich sehe sogar zum Teil portofrei).

Ich hatte die Stoffe schon auf der Handarbeit&Hobby in Köln gesehen und war ganz hingerissen von den Mustern und den metallischen Farben der Drucke. Die Stoffe sind ganz anders als alles, was man sonst in Stoffgeschäften sieht, und nachdem ich zwei volle Tage um den Lotte-Martens-Stand herumgeschlichen war, kaufte ich am Sonntag Abend dann wirklich ein bedrucktes Stoffpaneel: Mittelfesten Viskose-Polyester-Twill in dunkelblau mit einem kupfergoldenen Druck. Seither habe ihn in Reichweite liegen und streichele ihn ab und zu. Hach.


Der schöne gemusterte Jersey rechts war im Goodie-Bag des Festivals - Modaljersey Breeze, eine tolle Farbe und ein schönes Muster, sehr fließend, mal sehen, was das wird.

Die Stoffe von Lotte Martens haben nicht nur schöne Muster, sondern auch eine besondere Haptik

Nachdem dieses peinliche Geständnis einer Stoffsüchtigen heraus ist, will ich aber endlich zu dem Thema kommen, weswegen ich eigentlich bloggen wollte: Die Workshops. Während des Festivals laufen eine Menge Näh- und andere Workshops, die man zusätzlich zum Festivalticket buchen kann. Wie in den zwei Jahren zuvor gab ich zwei verschiedene Upcycling-Workshops und dieses Mal ganz neu auch einen Workshop zu meinem Lieblingsthema, Stoffkunde.


Ich habe mich sehr gefreut, dass der Workshop tatsächlich ausgebucht war, obwohl das Thema auf den ersten Blick sicher nicht so sexy ist wie "wir nähen gemeinsam etwas schönes Neues" - aber Stoffe werden umso interessanter, je besser man sie kennenlernt, und man hört nie auf, zu lernen. Ich hatte für jede Teilnehmerin einen Stapel Stoffproben zum Mitnehmen geschnitten und eine Menge andere Stoffproben mitgebracht, so dass es viel zum Anfassen und Vergleichen gab, so dass man zumindest im Überblick einmal die verschiedenen Webarten kennenlernen konnte.

Blöderweise wurden die Fadenlupen, die ich eigentlich wirklich rechtzeitig bestellt hatte, nicht rechtzeitig zugestellt - oder besser gesagt, das Paket wurde irgendwo abgegeben und war dann erstmal weg, was mich ziemlich Nerven kostete. Am Dienstag nach dem Workshop bekam ich es dann endlich, und mittlerweile sollten alle Workshopteilnehmerinnen ihre Lupen per Post bekommen haben.

Der T-Shirt-Notarzt, bei dem löchrige oder fleckige T-Shirts durch "umgekehrte" Applikationen gerettet werden, ist fast mein Lieblingsworkshop, weil die Technik im Grunde ganz einfach ist, und die Ergebnisse immer total gekonnt und eben wirklich individuell aussehen, selbst wenn man vorgefertigte Schablonen nimmt. Ich suche vor jedem Festival nach neuen Motiven und schneide einige neue Schablonen, dieses Mal war der ganz reduzierte aber unverkennbare Pandabär neu dabei.


Der Workshop zum Oberhemden-Upcycling ist immer besonders spannend, weil das Ergebnis nicht vorgegeben ist und es jedes Mal eine Überraschung ist, welche Materialien und welche Ideen die Teilnehmerinnen mitbringen. In diesem Jahr war lustigerweise der Rock aus einem abgeschnittenen Oberhemd das beliebteste Modell, der in den Jahren zuvor noch nie genäht worden war, dafür gab es kaum Oberteile. Wie immer habe ich viel zu wenig Bilder gemacht (und einige aus Versehen schon gelöscht), daher hier stellvertretend nur zwei, eine schulterfreue Bluse und ein Kinderkleid.

An dieser Stelle auf jeden Fall nochmal vielen Dank an alle Teilnehmerinnen, es war wie jedes Jahr ein Vergnügen mit euch!

Upcycling-Workshops in Berlin


Beide Workshops - den T-Shirt-Notarzt und das Oberhemden-Upcycling - gibt es im September und Oktber auch in Berlin, und Anmeldungen sind jetzt möglich.

Der T-Shirt-Notarzt zur Rettung abgeliebter Jerseyoberteile findet am Sonntag, 30. September von 11 bis 13.00 Uhr im KungerKiezgarten Paradiesapfel (Bouchéstraße 75, 12435 Berlin) statt (bei schlechtem Wetter um die Ecke in der Galerie KungerKiez, Karl-Kunger-Str. 15) und kostet 5 €, Anmeldung unter klima@kungerkiez.de. Bringt löchrige, aber sonst noch gute T-Shirts mit, Jerseyreste, falls ihr habt, oder T-Shirts zum Ausschlachten, eventuell Stickgarn und eine kleine Schere. Informationen zum Workshop findet ihr auch hier auf der Seite des Klimaprojekts im Kungerkiez.

Oberhemden-Recycling ist am Sonntag, 28. Oktober von 10.30 bis 14.30 Uhr in der Galerie KungerKiez, Karl-Kunger-Straße 15, 12435 Berlin. Auch hier bitte unter klima@kungerkiez.de anmelden. Hier kann nach Herzenslust geupcycelt werden - große Hemden eignen sich besonders gut, aber wenn ihr zu rettende Liebligsstücke habt, dann kümmern wir uns auch darum. Bringt außerdem Nähzeug mit, soweit vorhanden, und da wir mit der Maschine nähen, wären Näh-Grundkenntnisse von Vorteil. (Dazu gibt es noch keinen Eintrag auf der Klimaprojekt-Webseite, das trage ich dann nach).

Bei beiden Workshops ist die Zahl der Teilnehmerinnen begrenzt, daher am besten gleich anmelden, wenn ihr kommen wollt.

Mittwoch, 5. September 2018

Das Kranich-Kaftan-Kleid (Fashionstyle Juni 2018)

An den letzten warmen Tagen möchte ich noch mein - vermutlich - letztes Sommerkleid für dieses Jahr zeigen. Im Grunde plante ich schon seit Jahren, mir ein ganz leichtes, weites Hochsommerkleid aus ganz dünnem Stoff für die Tage über 30 Grad zu nähen. In den vorigen Sommern ist dieser Plan nie gelungen, obwohl im Laufe der Jahre schon mehrere Schnittmuster für künftige Hochsommerkleider auserkoren waren. Aber immer war es dann schlagartig viel zu warm, um an der Nähmaschine zu sitzen - man glaubt gar nicht, wie viel Wärme selbst der Motor der Maschine abstrahlt, wenn man bei normalen Temperaturen davor sitzt. Ganz zu schweigen von der 15-Watt-Glühbirne in meiner alten Nähmaschine: bei mehr als 25, 26 Grad einfach unerträglich!


Dieses Jahr klappte das rechtzeitige Nähen, vermutlich, weil die Maschine jetzt LED-Beleuchtung hat und weil ich den Schnitt und den leider sehr unfotogenen Stoff fast gleichzeitig entdeckte, kaufte und genau dann eine kleine, zweitägige Abkühlung einsetzte, die es erlaubte, das Kleid zu nähen, so dass es dann pünktlich zur nächsten Hitzewelle fertig war.

Der Schnitt stammt aus der Fashionstyle-Ausgabe von Juni, einer Übersetzung der niederländischen Knipmode. Die deutschen Hefte erscheinen etwa einen Monat später als das Original, daher bekommt man die festlichen Silvesterkleider erst Ende Januar zu sehen - die Übersetzung braucht Zeit - aber dafür ist sie auch ziemlich gut. Die Schnitte sind nach meiner nicht sehr umfangreichen Erfahrung auch gut, fallen vielleicht ein bißchen groß aus. Im Sommer 2015 nähte ich ein Kleid aus im Hausflur gefundenen Stoff nach Fashionstyle-Schnitt, das mag ich sehr.


Das Kleid Nummer 9 aus der Juniausgabe (als Nummer 10 in Tunikaversion mit langen Ärmeln - man könnte also auch das Kleid mit diesen Ärmeln nähen) ist von der Grundlage her ganz einfach: Ein Vorder- und ein Rückenteil mit weiten, angeschnittenen kurzen Ärmeln, nur geformt durch zwei gesmokte Partien und einen hinten angenähten Stoffgürtel.


Durch den V-Ausschnitt mit einem breiten Beleg, die Schulterpasse und den kleinen Stehkragen, in dem ein Bindeband mitgefasst ist, ist das Kleid aber weit mehr als nur ein Sack mit Gummizug.

Beleg und innere Passe aus anderem Stoff

Den Ausschnittbeleg und den inneren Teil der Schulterpasse habe ich aus dünnem Baumwollstoff zugeschnitten, der etwas stabiler ist als die leichte Viskose, wodurch ich für den Beleg keine Einlage brauchte. Außerdem konnte ich Stoff sparen: Die Anleitung verlangt satte 3,05 m für Größe 38, ich hatte nur 2,70 m, schnitt den Gürtel und die Passe quer zum Fadenlauf zu, was sich wegen des Musterverlaufs sowieso anbot, und kam damit gut hin.

Smok mit transparentem Gummi von hinten - man sieht noch die blaue Vorzeichnung

Die gesmokten Partien habe ich etwas unorthodox mit feinem, transparentem Gummiband (wie Framilonband) gemokt: Stepplinie auf der linken Seite des Stoffes markieren, Gummi gedehnt auf die Linie legen und mit etwas länger eingestellten Stichen aufsteppen. Für die traditionelle Methode mit Gummifaden, der auf die Unterfadenspule gewickelt wird, fehlte mir der Gummifaden und auch die Muße, die Einstellungen der Maschine auszuprobieren.


Für meine Verhältnisse habe ich das Kleid wirklich in rasender Gewschwindigkeit innerhalb von zwei Tagen genäht - es ist erstaunlich, wie schnell das geht, wenn man einen Schnitt ohne Anprobieren einfach "aus der Packung" nähen kann, weil die Schnittform überall weit ist.

Ärmelabschluss mit einem Schrägstreifen, der nach außen umgeschlagen und aufgesteppt wird

Ein unförmiger Sack ist das Kleid trotzdem nicht, und es hat sich bei den im August noch folgenden Hitzetagen bewährt - sehr luftig, nicht einengend und leicht, dabei aber nicht durchsichtig, kann man morgens überwerfen, den ganzen Tag und Abend tragen, weil es überall hinpasst, und abends in die Wäsche werfen. Um für Hitzewellen umfassend gerüstet zu sein, müsste ich mehrere davon haben, aber das kann ich ja für nächstes Frühjahr anpeilen. So schön der Sommer war, jetzt freue ich mich ehrlich gesagt schon wieder auf Strickjacken und Wollröcke und die ganzen Herbstsachen.


Ob bundesweit noch Spätsommer- oder schon Frühherbstgarderobe getragen wird heute beim MeMadeMittwoch.

Die Details auf einen Blick

Schnitt: Fashionstyle Heft 6/2018, Modell 9
Material: Bedruckter Viskosestoff, 2,70m (bei Größe 38)
Änderungen: Ausschnittbeleg und innere Passe aus feinem Baumwollstoff zugeschnitten, äußere Passe und Gürtelteile wegen des Musters und aus Stoffspargründen quer zum Fadenlauf aufgelegt.

Mittwoch, 1. August 2018

Anna (by hand London) aus selbstgefärbtem Batikstoff oder: Vier Jahre von Idee bis Ausführung


Es gibt ja Studien - habe ich kürzlich irgendwo gelesen - die besagen, dass die Wahrscheinlichkeit, ein Vorhaben wirklich umzusetzen, dramatisch sinke, wenn man es nicht quasi sofort in Angriff nimmt. Und, das ist zumindest meines Beobachtung, wenn das Umsetzen des Vorhabens ins Stocken gerät, wird es oft schwierig, wieder einzusteigen und es tatsächlich abzuschließen.


Dieses Kleid belegt diese These recht gut: Den Stoff dafür färbte ich bei der Stoffspielerei im März 2017. Ich wollte nach der poppig-lauten Miami-Vice-Anna vom Sommer 2014 schon die ganze Zeit eine seriösere Variante des Schnitts nähen: Dunkelblau  mit einem Batikmuster im unteren Teil des Rocks. Es dauerte also nur etwa zwei Jahre, um nach der ersten Idee den Stoff tatsächlich herzustellen.


Dann begann ich zu nähen, nicht etwa direkt nach dem Färben, sondern etwas später im Sommer 2017, was dazu führte, dass das Kleid vor dem Herbst nicht mehr fertig wurde. Das Oberteil ist mit einem Futter aus schwarzem Baumwollvoile verstürzt und der Rockteil ist bis zum Schlitz ebenfalls mit Voile gefüttert. Das Futter führte dazu, dass die Passform des Oberstoffs wirklich stimmen muss, ehe man verstürzt, sonst wird das Ändern ziemlich aufwendig, und das hielt mich auf.

Ich erinnere mich daran, dass ich bei einem Nähtreffen hier in Berlin im Herbst bei schlechtem Wetter unter anderem an dem Kleid weiternähte, mit einem eingehefteten Reißverschluss nach Hause fuhr und dachte: "Jetzt habe ich's, das sind doch nur noch Kleinigkeiten".


Zur Annäherung, dem großen Nähtreffen in Bielefeld im Januar 2018 nahm ich das Kleid wieder mit, als Zweitprojekt. Danach war der Reißverschluss fest eingenäht und das Oberteil verstürzt, das Futter musste "nur noch" an den Reißverschluss gesäumt und der Rock gefüttert werden. "Jetzt habe ich's, das sind ja nur noch Kleinigkeiten", dachte ich, als ich nach Hause fuhr.

Muss ich extra betonen, dass das Kleid danach wochen-, nein monatelang auf dem Bügelbrett im Nähstapel lag und in diesem Stapel immer weiter nach unten wanderte? Es zog mit mir in die neue Wohnung um, in der es ein Arbeits- und Nähzimmer für mich gibt (und keinen Nähstapel auf dem Bügelbrett - ich habe mir fest vorgenommen, das Bügelbrett mindestens einmal in der Woche zusammenzuklappen und wegzuräumen).


Dass das Kleid tatsächlich fertiggestellt wurde, bevor der Sommer vorbei ist, ist letztlich nur der Fußballweltmeisterschaft zu danken: Wenn ich mal fernsehe - und besonders, wenn es sich um Fußball handelt - brauche ich nebenher eine Beschäftigung. Das Futter mit der Hand einzustaffieren und das Kleid zu säumen war die passende Tätigkeit für eines dieser langen Spiele mit Verlängerung und Elfmeterschießen.

Die riesigen Blätter in der Rabatte hinter mir sind übrigens Mangold
Und dann war das Kleid tatsächlich fertig, pünktlich zur Hitzewelle, und es funktioniert genau so, wie ich es mir vorgestellt hatte: Der lange Rock wirbelt die Luft beim Gehen schön auf und das Kleid sitzt insgesamt lockerer als die erste Version des Schnitts. Darin kann man gut einen heißen Sommertag verbringen. Wobei: An dem Tag auf der Pfaueninsel, als die Bilder entstanden, war es eigentlich noch gar nicht so heiß wie im Moment, ich konntefür die Fotos sogar eine Weile in der Sonne stehen, ohne umzukippen.

Mehr Hochsommerkleidung heute im Me-made-Mittwoch-Blog nebst Ankündigung des Hamburger Nähbloggerinnen-Treffens, organisiert von Der feschen Lola und Frau Küstensocke!

Die Details auf einen Blick

Schnitt: Anna von by hand London
Material: Baumwollbatist, selbstgefärbt, etwa 2,30 m - mit fortgeschrittenem Zuschnitttetris, von dem gewünschten Stoff war nicht mehr da.
Futter schwarzer Baumwollvoile von Stoff&Stil, etwa 1m oder 1,20 m
Änderungen: Oberteil ohne Belege, komplett mit Voile verstürzt, Rockteil auch gefüttert. Am Reißverschluss im Rücken angepasst. Schnittteile für den Rock schon vor dem Zuschneiden stark gekürzt, der Schnitt ist übermäßig lang.