Donnerstag, 21. November 2019

Berlin Hausvogteiplatz - Über 100 Jahre am Laufsteg der Mode


Verfolgt man heute die hilflosen Versuche des Berliner Stadtmarketings, Berlin als "Modestadt" zu etablieren und der Berlin Fashion Week zu einer Bedeutung zu verhelfen, die der Pariser oder Londoner Modewoche gleichkommt, kann man sich kaum vorstellen, dass Berlin in Sachen Mode vor etwa hundert Jahren tatsächlich in einem Atemzug mit Paris genannt wurde. In Berlin entstand in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts die modische Konfektion, die Kleidung von der Stange, wie wir sie heute kennen. Vor einem Jahr hatte ich anlässlich einer Ausstellung über die zerstörten Konfektionsbetriebe rund um den Hausvogteiplatz schon einmal über die Berliner Modeindustrie geschrieben.

Schon vor einem Jahr war Suschna - Textile Geschichten - mit der Recherche für das jetzt erschienene Buch beschäftigt: "Berlin Hausvogteiplatz. Über 100 Jahre am Laufsteg der Mode" von Brunhilde Dähn, die Neuausgabe eines Buches von 1968, das seit Jahren vergriffen war. Die Journalistin Brunhilde Dähn erzählt darin die Geschichte der Berliner Konfektion von den Anfängen mit Damenmänteln Mitte des 19. Jahrhunderts bis zur Wirtschaftskrise der späten 1920er Jahre.


Ihr Buch ist heute immer noch unterhaltsam und interessant. Dähn zitiert aus vielen verschiedenen Quellen, auch aus Romanen, die heute zum Teil nur noch schwer oder gar nicht aufzufinden sind. Mit vielen Anekdoten wird so die versunkene Welt der Konfektionsbetriebe und der Menschen, die in ihnen arbeiteten, lebendig.

Anders als man sich das heute vielleicht vorstellt, waren die meisten Firmen, die rund um den Hausvogteiplatz tätig waren, keine Kleiderfabriken - in den Zentralen wurde lediglich entworfen, zugeschnitten und die fertige Ware en gros verkauft. Die Produktion erfolgte in kleinen Werkstätten oder in Heimarbeit in den östlichen Stadtbezirken, in Friedrichshain und Prenzlauer Berg.  Die zugeschnittenen Stücke verfrachtete man samt abgezähltem Zubehör und Kurzwaren zu den Nähwerkstätten und erhielt die fertig genähten Teile zurück. In den Firmenräumen an der Hausvogtei wurden sie den Einkäufern aus aller Welt vorgeführt.


Der Welt der "Probierdamen", wie die Mannequins damals genannt wurden, widmet Brunhilde Dähn ein ganzes Kapitel, Suschna hat hier gerade erst im Blog etwas mehr über die "Gelbsterne", die Faruen mit den Idealmaßen geschrieben. Der neu entstandene Beruf des Mannequins galt zwar als etwas anrüchig, war aber auch verlockend: Bei vielen Modehäusern durften die Mannequins Kleider und Mäntel ausleihen und in ihrer Freizeit tragen, wenn sie gesellschaftliche Ereignisse wie Pferderennen, Theaterpremieren und Bälle besuchten, zu denen sie oft eingeladen wurden.
Aber auch als Telefonistin und Kontoristin, Sekretärin und Buchhalterin waren Frauen in der Berliner Konfektion beschäftigt - und diese jungen, gut ausgebildeten, finanziell unabhängigen Frauen bildeten auch die Kundinnen der Konfektion, vor allem für sie wurde hier Mode gemacht.

Man erfährt bei Brunhilde Dähn viel über die tonangebenden Modehäuser der Zeit und ihre Gründerinnen und Gründer, über die Organisation der Arbeit in den Konfektionsbetrieben, über frühe Influencerinnen und Werbung, über die Kaufhäuser und nicht zuletzt über das Berliner Nachtleben. Da Brunhilde Dähn die erste war, die die Geschichte der Berliner Modeindustrie aufzeichnete, ist nicht alles, was sie erzählt, hundertprozentig korrekt - darum hat das Buch ein neues Nachwort bekommen, das die größten Fehler geraderückt.

Die Neuausgabe von "Berlin Hausvogteiplatz" mit neuem Layout gibt es in jeder Buchhandlung und natürlich direkt über Susanne: Hier sind alle Informationen zum Buch noch einmal zusammengefasst und hier und hier gibt es im Blog einen Einblick ins Buch.

Auf der Messe BuchBerlin


Am nächsten Wochenende, 23./24.11. kann man in diesem und in allen anderen unseren Büchern blättern und mit uns ins Gespräch kommen: Bei der Berliner Buchmesse BuchBerlin im Mercure Hotel MOA Berlin (U Birkenstraße) - wir haben einen Stand in Ausstellungsbereich 2, D4. Vielleicht bis dahin? Ich würde mich freuen!



Mittwoch, 6. November 2019

Fast wie von Vivienne Westwood: Der "Trendschnitt" aus Burdastyle 10/2019

Mir passiert es selten, dass ich ein Schnittmuster sehe und denke: Das will ich unbedingt haben. In der letzten Zeit passierte mir das eigentlich gar nicht mehr (war ich früher begeisterungsfähiger?) - aber als ich vor einigen Wochen das gerade angekommene Burdaheft Oktober durchblätterte und auf Seite 72 anlangte war es wieder da, dieses Gefühl: das muss ich nähen.



Schnitt 120, "der Trendschnitt" für einen asymmetrischen Rock, war auf den ersten Blick nicht zu entschlüsseln, auch wenn die technische Zeichnung und der Karostoff des Modells einige Hinweise auf den Nahtverlauf gaben. Ich mag ja sowas! Noch ehe ich das Heft zugeschlagen hatte, ging ich schon im Kopf meinen Stoffvorrat durch. Bei den veranschlagten 2,65 Metern gab es nicht viel Auswahl (ich kaufe auf Verdacht selten mehr als 2 Meter). Am liebsten wären mir Nadelstreifen oder Schottenkaro gewesen, aber beides hatte ich nicht in ausreichender Menge. Schottenkaro, weil mich der Burdaschnitt sehr an die asymmetrischen Karoröcke von Vivienne Westwood aus der schon etwas älteren "Anglomania"-Kollektion erinnerten, zum Beispiel an diesen hier oder an diesen. An diesen Röcken hatte ich vor drei, vier Jahren ewig herumrecherchiert, im Netz nach Bildern von hinten und von der Seite gesucht, um der Konstruktion auf die Schliche zu kommen. Eines der vielen Projekte, die nach so viel Zeit für die Vorbereitung als zu kompliziert erscheinen und dadurch nie umgesetzt werden.




Der schwarze Baumwollstoff mit aufgedrucktem Ikatmuster war dann fast der einzige im Lager, der in Frage kam. Der Stoff ist eine wirklich gut gemachte Ikat-Imitation, das weiße, wie gewebt wirkende Muster ist mit verschiedenen Grau- und Weißtönen gedruckt und hat einen ziemlich großen Rapport. Der Stoff ist mittelfest und nicht allzu steif, auf der Vorderseite ist er ganz leicht angerauht (oder nach dem Waschen ganz leicht aufgerauht?), nur die helle Rückseite stört etwas, oder zumindest machte sie es für mich schwer, mir wirklich ein Kleidungsstück daraus vorzustellen.



Beim Zuschneiden habe ich dann nur auf den Fadenlauf der Schnittteile, aber nicht großartig auf die Karoplatzierung geachtet. Nachdem ich die Monsterschnittteile unter großem Papiereinsatz endlich herauskopiert und mehrfach zusammengeklebt hatte, war mir die Konstruktion des Rockes immer noch nicht richtig klar, daher wusste ich nicht, worauf ich beim Zuschneiden hätte achten sollen. Da Nähte mit ganz unterschiedlichen Winkeln aufeinandertreffen, ist es auch nicht wirklich möglich, die Karos irgendwo schön zusammenlaufen zu lassen.

Bund von innen: Der Knopf (vorne, Bildmitte) wird in das Knopfloch hinten links geknöpft (bei dem Muster sind die Fotos leider nicht sehr erhellend)
 Das Nähen war dann so weit doch ganz unkompliziert: Ich fügte einfach stur nach Anleitung die Teile zusammen und ließ mich vom Ergebnis überraschen.  Der Rock ist wie ein Wickelrock konstruiert, die unteen liegende Falte wird von innen in den Bund geknöpft, die oben liegende Falte wird durch das Bindeband gehalten. In den Teilungsnähten vorne und hinten ist jeweils auf halber Höhe eine gelegte Falte, die die Ballonform erzeugt, und in der linken Seitennaht ist sogar eine Tasche!


Der Rock hat sich durch die moderate Länge, die moderate Weite und die praktische Tasche als sehr alltagstauglich erwiesen: Da ist nirgends zu viel oder zu wenig Stoff - sehr weite und lange Kleidungsstücke können ja genauso nerven wie sehr kurze und enge. Die Oberteile dazu sollten genau bis zur Taille gehen, längeres verknäult sich mit den Bindebändern. Und ein bisschen sieht er doch wirklich nach Vivienne Westwood aus, nicht wahr?


Zusammenfassung
Schnitt: 120 aus Burdastyle 10/2019, keine Änderungen
Stoff: mittelfeste gewebte Baumwolle, schwarz-weiß bedruckt - gut 2,50 Meter/1,40 breit
Beleg innen mit Gewebeeinlage verstärkt
Pullover: Im Dezember ohne Anleitung gestrickt, mehr dazu hier. 


Viele weitere selbstgenähte Kleidung an echten Menschen heute (wie immer jeden ersten Mittwoch im Monat) beim me MadeMittwoch!

Mittwoch, 18. September 2019

Termine, Termine: Buchvorstellung, Workshops, Buchmesse und ein Podcast

Woran merkt man, dass der Herbst wirklich da ist? Ein Indiz neben gelben Blättern und deutlich kürzeren Tagen sind auch die auf einmal überall aufploppenden Veranstaltungen in geschlossenen Räumen. Konnte ich vor drei Wochen nicht einmal den Gedanken ertragen, einen ganzen Nachmittag oder Abend drinnen zu sitzen, erscheint es mir auf einmal ungeheuer attraktiv, zu einer Lesung, einem Workshop oder einer Messe zu gehen und auch das heimische Sofa hat sehr an Anziehung gewonnen.

Wir bei Schnatmeyer & Derham - Susanne Textile Geschichten und ich - haben dazu einiges vorbereitet. Hier sind Termine der nächsten Wochen:


Buchvorstellung und Diskussion Zur Hölle mit der Mode in Berlin


Am Samstag, 19. Oktober ab 14.30 Uhr lese ich aus Elizabeth Hawes' "Zur Hölle mit der Mode" bei erna & gustav - Organic Comfort Clothing in der Wildenbruchstraße 84, 12045 Berlin mit anschließender Diskussion über die Mode-Hölle heute.

Das Buch von Elizabeth Hawes über die Praktiken der Modebranche in den 1920er und 1930er Jahren ist nämlich hochaktuell: Schon damals wurde die Qualität dem Profit geopfert und der Kundin wurde eingeredet, sie müsse immer mehr modische, aber kurzlebige Kleidung kaufen. Elizabeth Hawes deckt diese Mechanismen auf und plädiert dafür herauszufinden, was man in Sachen Bekleidung wirklich will und braucht, wobei auch der Spaß nicht zu kurz kommen muss.

Um etwas vorplanen zu können, meldet euch gerne über erna & gustav an oder bei mir, Constanze, unter info AT schnatmeyerundderham.de. Der Eintritt ist frei.


Stoffkunde- und Upcycling-Workshops beim Lillestofffestival


Ein Wochenende (oder einen Tag) mit vielen Gleichgesinnten durchnähen und etwas Neues ausprobieren? Dafür ist das Lillestoff-Festival am 28. und 29. September in Hannover, das jetzt schon zum sechsten Mal stattfindet, genau das richtige.

An beiden Tagen biete ich einen Stoffkunde-Workshop und einen T-Shirt- und Jeansrettungsworkshop an - auf der Festivalseite finden sich aber auch noch jede Menge andere interessante Workshopangebote, von Blogfotografie über Stoffmalerei, Grundschnitterstellung oder Futterverarbeitung. Besonders toll: Man kann sich für einen geringen Betrag vorab eine Leihnähmaschine reservieren. Das Festivalprogramm findet sich hier und die Tickets für die Kurse hier.


Schnatmeyer & Derham auf der BuchBerlin 2019


Einen ganzen Tag in Büchern kleiner, unabhängiger Verlage blättern kann man auf der BuchBerlin 2019 am 23. und 24. November im Hotel MOA Berlin (U Birkenstraße). Susanne und ich haben wieder einen Stand und bringen natürlich alle unsere Bücher mit.

Die Messe wird von einem gemeinnützigen Verein organisiert, der sich der Leseförderung verschrieben hat, daher sind Kinderbücher ein besonderer Schwerpunkt. Es gibt aber auch viele Bücher und Verlage, die Genres bedienen, die es bei den Großverlagen sehr schwer haben wie Fantasy und Science-Fiction. Susanne und ich sind mit unseren Textilbüchern auch da ziemlich exotisch - wir machen eben etwas, das sonst kein anderer macht. Tickets für die Messe kann man vorab über die Webseite der BuchBerlin kaufen oder direkt auf der Messe.


"Zur Hölle mit der Mode" im Passt-Podcast von Crafteln


Und bei meinem letzten Vorschlag kommt auch das Sofa zu seinem Recht: Meike alias Frau Crafteln hat in ihrer aktuellen Podcast-Serie über Kleidung in Folge #32 das neue Buch Zur Hölle mit der Mode gelesen - Elizabeth Hawes' Beobachtungen über Stil und Mode von 1938 treffen nämlich auch heute auf den Punkt: Nur, wer sich Kleider maßanfertigen (lassen) kann, kann genau das tragen, was den persönlichen Vorlieben, der Lebenssituation und der Persönlichkeit entspricht. Wer auf Kaufkleidung angewiesen ist, muss nehmen, was gerade Mode ist - von den Problemen mit Passform und standardisierten Kleidergrößen mal ganz abgesehen. Den Passt-Podcast von Crafteln kann man direkt auf ihrer Seite hören oder auch über die gängigen Podcast-Seiten beziehen.

Übrigens hoffe ich, bald auch in Berlin einen Stoffkunde-Workshop anbieten zu können - ich halte euch auf dem Laufenden. 

Mittwoch, 4. September 2019

Beinahe Marimekko - die Stella-Jean-Bluse aus Fashionstyle 4-2016


Nähen vom Stapel, also einen Stoffstapel mit zugeordneten Schnittmustern anlegen und diesen nach und nach wegnähen, hat sich für mich als gute Methode erwiesen, am Ball zu bleiben, und so kann ich heute beim MeMadeMittwoch zwei Teile des aktuellen Stapels zeigen.

Die Hose (104 c aus Burdastyle 2/2017) hatte ich im Juni schon mal aus grünem Baumwolltwill genäht. Der Schnitt war also eine sichere Bank, aber wie es bei Hosen meistens der Fall ist, entsteht bei einem anderen Stoff der Eindruck, eine andere Hose zu tragen. Die schwarze Hose aus Leinen-Viskose-Gemisch fällt irgendwie anders, und, ich kann das nicht genau festmachen, sie fühlt sich beim Tragen auch anders an als die grüne, als wäre sie weniger weit.



Das Oberteil ist die Stella-Jean-Bluse aus Fashionstyle 4/2016, bei der mir die Musterplatzierung an der Knopfleiste nicht so gelungen war, wie ich vorgehabt hatte - ich klagte schon einmal darüber. Es gab ja jede Menge hilfreiche Ideen, wie man die halbierte Blütenreihe mit einem aufgenähten Band kaschieren könnte, aber letztlich habe ich mich dazu entschieden, die Bluse einfach so zu lassen. Es wäre schade gewesen, den feinen Batist mit etwas Aufgenähtem zu beschweren, und jetzt, mit etwas Abstand, finde ich das Problem auch gar nicht mehr so auffällig. Der Moment, in dem einem ein Fehler bewusst wird, ist eben immer der schlimmste.


Der Blusenschnitt mit glockigen Ärmeln ist an ein Modell der italienischen Designerin Stella Jean angelehnt und wurde im Schnittmusterheft aus einem Waxprintstoff gezeigt (die Stoffe lässt Stella Jean exklusiv in afrikanischen Ländern anfertigen, sie verwendet keine Waxprints aus Holland). Mein Batist hat etwas weniger Stand, aber noch ausreichend für eine Bluse mit Knopfleiste und Hemdkragen. Ein sehr guter Marktfund war das, feinfädig, glatt, blickdicht und knittert kaum, erinnert vor der Stoffqualiät her fast an einen Lawn von Liberty.


Der an sich einfache Schnitt ist sorgfältig erstellt und hat ein paar schöne Details wie einen leicht geschwungenen Saum mit kleinen Seitenschlitzen. Die Länge ist sehr gut zum Darübertragen geeignet, wenn man nicht gerade ein Unterteil mit so erhöhter Taille wie die Burdahose dazu trägt.


Knöpfe in genau dem passen Türkis hatte ich wunderbarerweise im Vorrat. Ich habe sie mit dunkelblauen Garn angenäht, sichtbare Nähte und Knopflöcher sind mit blaugrauem Garn genäht. Bei so einem kontrastreichen Stoffmuster ist es schwierig, passendes Garn zu finden - mich überzeugte weder ein dunkles Blau noch Weiß noch Türkis, am Harmonischsten und Unauffälligsten fand ich tatsächlich eine Farbe, die im Muster gar nicht vorkommt.


Die Knopfplatzierung richtete ich ein bisschen am Muster aus: Ein Knopf alle zwei Blütenreihen, auf der Höhe der Blütenmitte.


Die Ärmel sollten eigentlich mit einem schmaleren Saum (1 cm) abschließen, ich fand einen breiten Saum aber deutlich schöner. Bei einem aufgedrehten, glockigen Ärmel wie hier entsteht dann bei der Saumzugabe einiges an Mehrweite, die habe ich in ein paar kleinen Fältchen untergebracht.

Ob sich die Bluse im Kleiderschrank etabliert, wird sich erst noch zeigen müssen - ich fand es sehr ungewohnt, in einer Bluse mit Hemdkragen unterwegs zu sein, sowas habe ich schon lange nicht mehr besessen. Vielleicht ist es auch das für mich eher untypische Muster, was mich etwas fremdeln lässt, obwohl ich die Bluse auf dem Foto gut finde.

Wir werden sehen, manche Teile müssen ja auch erst noch im Kleiderschrank etwas nachreifen, und da es bestimmt nicht mehr lange so warm bleibt, hat die Bluse dazu bestimmt noch ausreichend Gelegenheit.

Schnitt- und Stoffinformationen kurzgefasst


Hose
Schnitt: 104 C Burdastyle 2/2017
Stoff: 1,60 m Leinen-Viskose-Mischung, ergänzt durch Reste für Innenbeleg, vordere Taschenbeutel und Gürtel
Änderungen: etwa 4 cm kürzer als Schnittmuster

Bluse
Schnitt: 23 aus FashionStyle 04/2016
Stoff: Gut 1 Meter Baumwollbatist
Änderungen: Ärmelsaum 3 cm breit statt nur schmal eingeschlagen

Weitere selbstgenähte Kleidung gibt es jetzt (und jeden ersten Mittwoch im Monat) beim MeMadeMittwoch.

Sonntag, 11. August 2019

Das neue Buch ist da: Elizabeth Hawes - Zur Hölle mit der Mode


Vor gut einer Woche war wieder Buch-Liefertag - meine Güte, war ich diesmal wieder aufgeregt! Geliefert wurde das Ergebnis von etwa einem Jahr Arbeit, die Übersetzung von Elizabeth Hawes' Bestseller von 1938, "Fashion is Spinach" - deutsch: "Zur Hölle mit der Mode". Bis zur Lieferung weiß man eben immer nur annähernd, wie es aussehen wird, und da Susanne und ich noch nicht so routiniert sind, überprüfen wir alles x-mal, ehe wir den Druckauftrag erteilen und befürchten dann doch immer noch, irgend etwas übersehen zu haben. Aber "Zur Hölle mit der Mode" ist rundherum so geworden, wie geplant - der Umschlagentwurf stammt übrigens von Claudia Benter, die auch den Umschlag für das Materiallexikon gemacht hat.


Nachdem das erste Exemplar schon seine Leserin erreicht hat, sollte "Zur Hölle mit der Mode" jetzt im Buchhandel angekommen sein, und die Onlinebuchhändler ziehen sicher am Montag nach (falls da zu Anfang behauptet wird "die Bestellung dauert 2-3 Wochen" - so lange dauert es mit Sicherheit nicht!), und so kann ich euch ein bisschen mehr über das Projekt erzählen, das mich mit Unterbrechungen seit Anfang 2018 beschäftigt hat.

Worum es geht


"Zur Hölle mit der Mode" ist ein Rückblick und zu einem Teil auch eine Abrechnung mit der Modeindustrie, 1938 geschrieben von der Modedesignerin Elizabeth Hawes, die zu dem Zeitpunkt 15 Jahre lang in verschiedenen Positionen im Modebusiness gearbeitet hatte: Als Modezeichnerin in Paris, als Modejournalistin für den "New Yorker", als "Stylistin" für amerikanische Kaufhäuser, als selbstständige Designerin in New York, die einerseits teure Maßanfertigen in Couturequalität entwarf, aber auch Kleider und Accessoires für Kaufhäuser und günstige Bekleidungshersteller.


Elizabeth Hawes erzählt davon ziemlich unverblümt und mit vielen unterhaltsamen Anekdoten. Mitte der 1920er Jahre ging sie nach ihrem Collegeabschluss zunächst nach Paris und landete über Beziehungen in einem Modesalon, der illegal Kopien von Designermodellen herstellte - Coco Chanel war damals schon ein Star, aber sehr teuer, und so gab es einen Markt für Raubkopien. Elizabeth Hawes saß bei Modeschauen, versuchte, die Schnittführung der präsentierten Modelle zu entschlüsseln, und fertigte anschließend Zeichnungen davon an, die als Grundlage für die Kopien dienten.


Als ihre ethischen Bedenken zu groß wurden, arbeitete sie unter anderem als Modekorrespondentin für verschiedene amerikanische Medien - auch kein leichtes Geschäft, denn sie musste sich im Wochentakt modische "Neuigkeiten" überlegen, die berichtenswert waren.

Zurück in New York eröffnete sie mit 25 ihren eigenen exklusiven Modesalon, mit dem sie kein Geld verdiente - wie das funktionierte (oder besser: zu Anfang nicht funktionierte, aber doch ganz gut lief) erzählt sie im zweiten Teil des Buches.

Designaufträge für die Bekleidungsindustrie waren als Zusatzeinkommen daher einerseits eine Notwendigkeit, andererseits sah sie darin die Möglichkeit, gutes Design der großen Masse der Konsumentinnen zugänglich zu machen. Konfektionskleidung war in den 1930er Jahren in den USA schon weit verbreitet, in allen mittleren bis großen Städten gab es Kaufhäuser, die Mode von der Stange anboten, und auf dem Land bestellte man über den Versandhandel.

Die Probleme waren damals aber auch schon die gleichen wie heute: Viele Konfektionshäuser verwendeten einfach jahrzehntelang immer denselben Kleidergrundschnitt für alle Modelle, der dann mit ein paar auffälligen Dekorationen und einer Rüsche hier oder einem Band da zu einem "neuen" Kleid wurde. Die Stoffqualität war zum Teil sehr schlecht, oder die Kleider passten niemandem, oder es wurden mit dem Verweis auf Paris sehr kurzlebige Moden lanciert, die dann ein paar Wochen später schon lächerlich wirkten.

Elizabeth Hawes erlebte das alles mit und erzählt davon sehr amüsant und anschaulich: Wie eines ihrer Lederjackenmodelle von einem Fabrikanten kopiert wurde und er versuchte, sich herauszureden. Wie sie einen Taschenhersteller überreden wollte, doch auch mal WEICHE Taschen anzubieten. Wie einer ihrer Handschuhe in eine Lucky-Strike-Werbung geriet und einen Hype entfachte. Wie man eine Kundin einkleidet, die gar nicht weiß, wer und was sie ist. Wie man als amerikanische Designerin Kleider in Paris zeigt. Wie man mit einem Schnittmacher umgeht, der sich selbst für einen Designer hält, aber in Wirklichkeit immer nur dasselbe Kleid fabriziert.

Unkonventionell, unbequem, unbeugsam: Elizabeth Hawes

Wer die Autorin Elizabeth Hawes war, was sie abgesehen von Mode noch gemacht hat und wie ich dazu gekommen bin, das Buch zu übersetzen, dazu dann mehr beim nächsten Mal.

Das Buch von Elizabeth Hawes - "Zur Hölle mit der Mode" ist jedenfalls ab sofort im Buchhandel oder direkt von uns portofrei über info AT schnatmeyerundderham.de erhältlich. Es hat 416 Seiten,  24 Illustrationen und ein Personen- und Sachregister mit Anmerkungen und kostet 22 Euro. Buchhänderinnen können das Buch über Libri beziehen, oder mit den üblichen Rabatten und portofreier Lieferung von uns.

Elizabeth Hawes
Zur Hölle mit der Mode
Texte+Textilien Berlin 2019     
ISBN 978-3-948255-00-8
416 Seiten, 22,00 Euro 

Alle Informationen auch auf unserer Webseite Schnatmeyerundderham.de - dort ist auch ein kleiner Textauszug, dazu aber beim nächsten Mal mehr.

Dienstag, 6. August 2019

Entdeckung in der fränkischen Provinz: Das Klöppelmuseum Burg Abenberg und das Fabrikmuseum Roth


Zur Reiseplanung gehört für mich die Suche nach textilrelevanten Zielen unbedingt dazu: Gibt es in der Gegend, in die ich fahre, eine besondere textile Handwerkstradition, bestimmte typische Techniken oder Materialien, gibt es Modeausstellungen, textiles Kunstgewerbe oder Industriemuseen? Die Suche ist oft ziemlich zeitraubend und nicht sehr erfolgreich, weil viele kleinere Museen kein nennenswertes Budget für Öffentlichkeitsarbeit haben und nur kleine Webseiten, die schlecht gefunden werden. Man muss also oft genau wissen, was man sucht - oder aus Zufall darauf stoßen.

Nach Mittelfranken fahre ich seit Jahren regelmäßig zu Familienbesuchen. Vom Klöppelmuseum in Abenberg habe ich trotzdem erst vor kurzem erfahren - wenn ich mich richtig erinnere war in der Lokalzeitung, in der ich bei der Verwandtschaft ab und zu blättere, ein Bericht über irgendeine Veranstaltung in Abenberg, in dem das Museum erwähnt wurde.


Abenberg ist eine Kleinstadt mit (laut Wikipedia) etwa 5500 Einwohnern. Die Burg, deren Ursprünge wahrscheinlich auf das 10. Jahrhundert zurückgehen, thront sehr beindruckend auf einem langgestreckten Hügel über dem Ort und ist schon von Weitem zu sehen. Beste Herrschafts- und Dominanzarchitektur, wobei die Türme (in einem davon ist ein Burghotel untergebracht) im 19. Jahrhundert romantisierend wiederaufgebaut wurden - daher die Zinnen und die Ecktürmchen wie aus einem Dornröschenfilm.

Das Klöppelmuseum ist in einem kleinen Nebengebäude im Burghof untergebracht und ihm gelingt es, mit einer tollen, modernen Ausstellung nicht nur die Technik des Klöppelns und die Geschichte des Klöppelns in der Region zu erklären, sondern auch den Kontext, in dem dieses Handwerk ausgeübt wurde - was geklöppelt wurde, wer die Frauen waren, die klöppelten und unter welchen Umständen sie lebten und nicht zuletzt, wer sich Geklöppeltes überhaupt leisten konnte. In der zweiten Etage gibt es wechselnde aktuelle Ausstellungen, im Moment werden geklöppelte Mantillas aus Spanien gezeigt, ab 22. September zeitgenössische Spitzenkunst.

Metallborten waren das Spezialprodukt der Abenberger Klöpplerinnen

In Abenberg wird seit etwa 1770 geklöppelt, als Zubrot zu der Arbeit auf dem Feld in dieser sehr armen Gegend. Die Klöppelei wurde dabei schon bald mit einem System von Zwischenmeistern organisiert: Die Zwischenmeister boten mit Hilfe von Musterbüchern Borten und Spitzen in großem Stil an und sammelten Aufträge ein, die sie an eine Schar von Heimarbeiterinnen weiterreichten. Die Klöpplerinnen arbeiteten häufig unter großem Termindruck, auch Kinder mussten schon frühzeitig mithelfen. Dazu ging die Arbeit zuhause vonstatten, in den typischen, schlecht beleuchteten fränkischen Bauernstuben mit den kleinen Fenstern. Die Ausstellung enthält einige Interviews mit Klöpplerinnen aus dem Ort, die diese Auftragsarbeiten Mitte des 20. Jahrhunderts noch miterlebt hatten.

Klöppel und Klöppelkissen aus verschiedenen Ländern gibt es im Museum - die Papprolle in der Mitte stammt zum Beipsiel aus Malta.

Da hatten sich die Abenberger Klöpplerinnen allerdings schon professionalisiert: Zum einen spezialisierte man sich in Abenberg Mitte des 19. Jahrhunderts auf das Klöppeln mit feinen Drähten, Lahn (flachgeklopftem Draht) und metallumwundenen Fäden, aus denen Metallborten für lithurgische Gewänder, Trachten und luxuriöse Kleidungsstücke entstanden und bot damit Produkte an, die von Klöpplerinnen andernorts nicht hergestellt werden konnten. Zum anderen wurde mit der Einrichtung einer Klöppelschule die Wissensweitergabe gesichert und die Arbeitsbedingungen der Klöplerinnen verbessert: Sie klöppelten jetzt gemeinsam in den Räumen der Klöppelschule und konnten sich so zum Beispiel die Ausgaben für die Beleuchtung teilen.  


Die Sonderausstellung zeigt zur Zeit Mantillas aus Spanien

Die Klöppelschule gibt es heute noch - und wenn man der Museumsmitarbeiterin glauben darf, ist die Klöppeltradition im Ort noch sehr lebendig. Die Kinder des Ortes lernen weiterhin das Klöppeln, für Zugezogene scheint es zum guten Ton zu gehören, wenigstens einmal einen Kurs besucht zu haben und jedes Jahr im September gibt es ein Klöppelfest (2019 am 22.9.).

In der Ausstellung wurde ich auch auf ein weiteres Museum in der Region aufmerksam: Die Metallfäden, mit denen geklöppelt wurde, wurden nämlich unter anderem in Roth hergestellt - die sogenannte "Leonische Industrie", ein Begriff, den ich noch nie zuvor gehört hatte. Im Fabrikmuseum Roth kann man Sonntags die alten Maschinen in Aktion erleben. Den Besuch in Roth habe ich mir für den nächsten längeren Familienbesuch vorgenommen. Eventuell lohnt sich auch ein Besuch in Allersberg, wo das Gilardi-Anwesen - ein prächtiges Haus aus dem 18. Jahrhundert mit Fabrikgebäude - gerade restauriert wird. Die Gilardis stellten vom 18. Jahrhundert bis ins Jahr 2006 Drahtprodukte her, zuerst die Gespinste zum Klöppeln und für andere textile Techniken, zuletzt vor allem Weihnachtsbaumschmuck. 

Klöppelmuseum Abenberg
Burgstr. 16 91183 Abenberg 

Im März, November und Dezember immer Donnerstag bis Sonntag von 11-17.00 Uhr geöffnet
April bis Oktober Dienstag bis Sonntag von 11-17.00 Uhr geöffnet
Januar und Februar geschlossen