Mittwoch, 1. April 2020

Ein regenfester Trenchcoat - Isla von named clothing


Heute hätte die Präsentation dieses schon vor zwei Monaten fertiggenähten Trenchcoats beinahe wieder nicht geklappt, weil ich den MeMadeMittwoch-Termin fast vergessen hätte. Ehrlich, ich weiß nicht, wie es euch geht, aber wer hat nur das Gerücht in die Welt gesetzt, derzeit könne man die Entschleunigung leben, mal wieder ein gutes Buch lesen, sich auf das Wesentliche besinnen, die Beziehungen im Familienverband stärken, so als wären wir alle kollektiv in einen luxuriösen Wellness-Achtsamkeitsurlaub geschickt worden? Ich habe genauso viel zu tun wie vorher auch, und dazu noch diverse Sorgen um Familienangehörige, Einkommen und die Zukunft obendrauf, ich brauche keine Tipps "gegen die Langeweile zuhause", lese und nähe weniger als im Januar und Februar, und ich habe den Eindruck, so wie mir geht es gerade den meisten Menschen.


Dass heute MeMadeMittwoch ist, wäre so fast an mir vorbeigegangen, aber immerhin ist der Liebste derzeit zuhause im Urlaub und konnte am Nachmittag auf dem Hof noch schnell ein Foto von mir machen. Im Moment sind die Temperaturen nämlich immer noch nicht danach, dass man einen Trenchcoat tragen könnte, vorgestern hatte es sogar geschneit. 


Der Schnitt des Trenchcoats Isla vom finnischen Schnittmusterlabel named clothing ist bewährt, getestet und geliebt - den ersten Mantel nach dem Schnitt nähte ich 2017, leider aus einem wenig geeigneten Stoff. Der grüne Baumwollsatin schabte sich an den Kanten ziemlich schnell ab, auf einer Seite fing ich mir dann noch eine Art Bleichefleck ein, und der Mantel sah schon im letzten Frühhjahr aus, als würde ich darin wohnen.


Da der Schnitt aufwendig und sehr detailreich ist - man muss allein ein halbes Dutzend schmale Streifen für diverse Schlaufen, Riegel und Gürtel verstürzen und absteppen, was schon einge Stunden dauert - war mir klar, dass ich den Ersatzmantel nicht mal eben nebenher nähen würde und nahm mir das Projekt für das Annäherungs-Nähwochenende im Januar vor. Mir Carola Nähkatze, die ihren fertigen Mantel schon vor zwei Wochen gezeigt hatte und Birgit fand sich bei dem Treffen sogar eine kleine Trenchcoat-Neigungsgruppe zusammen. Birgit und ich kauften unabgesprochen sogar denselben Stoff für das Projekt, einen marineblauen Bibernylon von Stoff&Stil.


Der Bibernylon ist ein sehr robuster Stoff in Köperbindung aus 50% Baumwolle und 50% Nylon und aufgrund des Materials wasserabweisend, das heißt ein Regenschauer perlt daran ab, für stundenlange Wanderungen im Dauerregen wäre das Material aber nicht geeignet. Ich nehme an, dass es Biberylon ("Biber-" wie bei Biberbettwäsche) heißt, weil die Unterseite des Stoffes matt, rau und fast ein bisschen flauschig ist (oder es handelt sich einfach nur um eine wörtliche Übersetzung aus dem Dänischen (Stoff&Stil ist ein dänisches Unternehmen) und es müsste in Wirklichkeit auf Deutsch ganz anders heißen). Der Stoff ist jedenfalls ziemlich fest, mit einem guten Fall, lässt sich mit einer relativ feinen, spitzen Nadel (höchstens 80er) gut nähen und auch gut bügeln. Beim Absteppen der schon erwähnten Riegel muss man mit Nadel und Stichlänge ein bisschen herumprobieren, denn das Material ist so dicht, dass die Nadel bei doppelten Lagen stark abgebremst wird und die Fadenverschlingung der Naht gerade auf der Unterseite nicht mehr so gut aussieht.


Das Schnittmuster war jetzt im zweiten Durchgang ganz unproblematisch, ich habe den Schnitt einfach so, wie er war, noch einmal genäht, ich wusste ja, dass er passt. Größe 40 fand ich genau richtig, weil die Ärmel und Schultern ziemlich schmal ausfallen und ich dicke Pullover unter dem Mantel tragen möchte. Ich finde aber ziemlich überraschend, dass der neue Mantel durch den stärker glänzenden Stoff ganz anders wirkt, zumindest auf den Fotos. In Wirklichkeit fällt der Glanz nicht so stark ins Auge, scheint mir.


Am Nähwochenende wurde ich natürlich nicht komplett fertig (und eine Tasche musste ich zweimal nähen, weil ich sie verkehrtherum eingesetzt hatte), aber was zuhause noch zu tun war, hielt sich in Grenzen: Gürtelschlaufen annähen, Außenmantel und Futter verstürzen, Knopflöcher einnähen, Knöpfe annähen und zuallerletzt den Schlitz im Rückenteil durch alle Lagen schräg zusteppen, so dass es von innen und von außen ordentlich aussieht. Das war die größte Herausforderung bei diesem Projekt, ich habe an zwei Abenden ungefähr 15mal getrennt und wieder neu gesteppt. Und so habe ich tatsächlich ohne die sonst übliche mehrmonatige Ablagerungszeit innerhalb von 4 Wochen einen neuen Mantel genäht, ich kann es selbst kaum glauben.

Mehr Selbstgenähtes gibt es heute beim MeMadeMittwoch, der Vernetzungsaktion für Menschen, die ihre Kleidung selbst nähen, immer am ersten Mittwoch im Monat, der nächste Termin ist der 6. Mai.

Die technischen Details in Kürze:

Schnittmuster: Isla Trenchcoat, named clothing  
Stoff: knapp 4 Meter Bibernylon marine von Stoff&Stil
hellblaues Viskosefutter
Genähte Größe: 40. Der Schnitt hat relativ schmale Ärmel
Änderungen: Im Vorderteil nur 10 Knöpfe statt 12 (unterstes Paar weggelassen)
Isla Nummer 1 hier. 

Mittwoch, 4. März 2020

Endlich seriös: Beryl bomber dress (named clothing) in Nadelstreifen


Vor ein paar Wochen hatte ich bei der Präsentation meines aktuellen Stoff- und Projektestapels ja schon angemerkt, dass ich einen ansehnlichen Vorrat an Herrenanzugstoffen in Grau- und Blautönen besitze. Anzugstoffe sind die Stoffart, die ich mit den Gedanken "wie schön" und "kann man immer brauchen" in den vergangenen Jahren sehr oft ohne einen konkreten Plan gekauft hatte. Schließlich kann man ja auch so gut wie alles daraus nähen: Hosen, Röcke, Kleider, Blazer - unter Umständen auch Mäntel oder gar Chaneljacken. Ich schreibe mit Absicht das unpersönliche "man", denn ich habe bisher wirklich sehr wenig davon verarbeitet. 



Getreu dem Vorsatz, dass 2020 das Jahr werden muss, in dem Vorräte angeschnitten werden, wurde aus einem Nadelstreifenstoff von 2010 ein Beryl Bomber Dress von namedpatterns - ein Kleiderschnitt, der an den Schnitt sportlicher Blousonjacken mit Rippenstrickkragen angelehnt ist. Ich stellte es mir gut vor, den sportlichen Schnitt mit Metallreißverschluss und Gummizügen mit so einem konservativen, eleganten Material zusammenzubringen.


Das Ergebnis finde ich wirklich nicht schlecht, das Kleid passt durch diese Stilmischung mehr oder weniger überall hin, ohne total over- oder underdressed zu sein. Während ich beim Ansa-Kleid vom letzten MeMadeMittwoch oft gefragt werde "ob ich noch etwas vorhabe", fügt sich Beryl besser in den Alltag ein und fällt anscheinend nicht weiter auf - ähnlich wie der dunkle Herrenanzug, der Mitte des 19. Jahrhunderts zur Uniform des respektablen, fleißigen, bürgerlichen Mannes wurde.


Vielleicht funktioniert diese Assoziationskette vom Stoff zum Charakter ja noch immer, obwohl dunkle Anzüge bei der Arbeit in den meisten Branchen ja nicht mehr üblich sind? Noch dazu trägt sich das Kleid dank Gummizug und der allgemeinen, wenn auch etwas ungewohnten, Weite sehr bequem - und wenn der Stoff noch dazu Seriosität, Fleiß, Rechtschaffenheit und Kompetenz ausstrahlt und diese Eigenschaften auf mich abfärben, soll mir das nur recht sein.

Lauter kompetente, gut gekleidete Frauen versammeln sich wie an jedem ersten Mittwoch im Monat  beim MeMadeMittwoch.

Hier noch einige Details zum Schnitt:


Die Schulterpartie ist bei diesem Kleid sehr interessant konstruiert: Der Strickkragen ist tief heruntergezogen und bildet einen mittelgroßen Ausschnitt. Die Ärmel sind im Prinzip Kimonoärmel, sie gehen in die Rückenpasse bzw. in das obere Vorderteil über. Oben auf Schultern und Ärmeln verläuft eine Naht.


Die großen Taschen sind seitlich aufgesetzt - durch die schräge obere Kante geht auch nicht viel hinein, weil der hintere Teil der Tasche (den man auf diesem Foto allerdings nicht sehen kann) nicht besonders tief ist.


Tailliert wird das Kleid durch einen Gummizug. Die Enden des Gummis verschwinden unter dem Reißverschlussbeleg und werden dort festgenäht. Das ist so ein gut durchdachtes Detail, für das ich die Schnitte von Namedpatterns liebe. Den Tunnel für das Gummiband habe ich aus einem abgekettelten Stoffstreifen genäht - laut Anleitung soll man hier "ein breites Band" aufsteppen, sowas hatte ich nicht zur Hand.


Bei mir sind Taillen- und Ärmelgummiband jeweils 3,5 cm breit, eigentlich sollte das Taillengummi breiter sein. Die genaue Position des Taillengummis bestimmt man am besten ganz zuletzt, wenn das Kleid ansonsten fertig ist - ich habe den Tunnel nach dem ersten Versuch wieder etwa 1 cm hochgesetzt, nachdem ich das Oberteil in Brusthöhe vorher um 1,5 cm verlängert hatte - also eine Änderung, die ich mir hätte sparen können.

Schnittmuster: Beryl Bomber Dress von named clothing
Änderungen: Oberteil auf der Brustlinie 1,5 cm verlängert - Taillengummi später aber wieder ca. 1 cm hoch gesetzt
Stoff: 2 Meter Woll-Viskose(?)-Mischung, grau mit Streifen
Zubehör: Metallreißverschluss 60 cm, Gummiband 3,5 cm breit, grauer Rippenstrickstoff

Verlinkt beim MeMadeMittwoch, der monatlichen Verlinkungsaktion für Selbstgenähtes.

Mittwoch, 5. Februar 2020

Agate Dress von named clothing (mit Schlitzverarbeitung nach Frau Waas, Lummerland)

Wie die heutige MMM-Gastgeberin Carola Nähkatze wollte ich heute meinen fertigen Trenchcoat vom AnNäherungswochenende 2020 präsentieren - und meiner hat sogar Knöpfe und Knopflöcher, aber ich habe einfach noch keine Zeit zum Fotografieren gehabt. Auch bei mir kommt daher ein noch nicht verbloggtes Kleidungsstück zu Zuge, das ich letztes Jahr genäht habe und dessen Schnitt, obwohl einfach zu nähen, mir etwas Kopfzerbrechen bereitet hat.


Der Schnitt für das Agate Pencil Dress gefiel mir schon  bei Erscheinen, es war aber ziemlich schwierig, zum Schnittmuster passende Stoffe zu finden: Sie sollten dünn und gut fallend sein und sich in Farbe und Muster irgendwie ergänzen, und wie immer, wenn zwei Stoffe für ein Teil gefragt sind, tat ich mich ziemlich schwer. Schließlich fand ich ein bedrucktes Doppelgewebe aus Bambusviskose von Lillestoff, das sich von beiden Seiten verwenden ließ und das schön schwer fällt.


Ein schönes Kleid! Ich werde regelmäßig gefragt, ob ich denn "noch was vorhabe", wenn ich es trage. Von der Konstruktion des Schnitts bin ich nach dem Nähen nicht mehr so überzeugt, er hat nicht die Raffinesse, die ich bei einem Schnitt von Named clothing erwartet hatte, nach all den Schnitten, die ich von den finnischen Schwestern schon ausprobiert hatte. 

Zum einen sind die abgesetzten seitlichen Streifen rechts und links vom Mittelteil nur Dekoration. Anders als ich erwartet hatte, sind in den Teilungsnähten keine Abnäher versteckt, die Kanten der beiden Schnittteile passen genau aufeinander. Das Kleid wird nur über die Seitennähte und über je zwei senkrechte Abnäher im Vorder- und Rückenteil geformt. Wenn man wollte, könnte man die Schnittteile einfach zusammenlegen (genauso wie die Teile, aus denen sich die Ärmel zusammensetzen), und hätte damit einen Schnitt für ein ziemlich einfach geschnittenes Kleid, das nur durch die Flächenaufteilung etwas interessanter gemacht wird.


Die zweite Merkwürdigkeit ist die im Schnitt eingezeichnete Brustlinie, die sich nur 20 cm unter der Schulter befindet. Ich messe bei den meisten Schnittmustern die Weite auf Brusthöhe kurz nach, um den Schnitt unter Umständen zu ändern, daher fiel mir die merkwürdige Lage auf.

Fachsprachlich heißt der Abstand von der Schulter zur stärksten Stelle der Brust (da, wo die Brustabnäher enden) "Brusttiefe", und in Standardmaßtabellen wird bei Größe 38 von 28 cm Brusttiefe ausgegangen (nachgeschaut bei Hofenbitzer, Schnittkonstruktion für Damenmode). Die Maßtabelle von Named clothing gibt keine Brusttiefe an, ich halte es aber für unwahrscheinlich, dass irgendjemand an dieser Stelle ernsthaft von 20 cm ausgeht - wenn ich von meiner Schulter 20 cm senkrecht nach unten messe, lande ich in der Achselhöhle.


Über diese merkwürdigen Proportionen des Schnitts grübelte ich zwei Abende lang nach, maß immer wieder nach, überlegte, ob ich Besonderheiten wie eine vorverlegte Schulternaht oder eine Passe übersehen hatte, wodurch sich der Abstand verändern würde, musste aber schließlich einsehen, dass der Fehler nicht bei mir liegt, auch wenn ich so gerne daran glauben wollte. Das Oberteil ist quasi zusammengestaucht, und ich verlängerte es um 4 cm, damit landete die schmalste Stelle des Kleides dann auch in meiner Taille.


Da das Kleid nicht besonders eng sitzt und die Armausschnitte reichlich weit und überschnitten sind, hätte es sicher auch ohne Änderungen einigermaßen gepasst - im Nachhinein fiel mir dann aber auf, dass man vergleichsweise wenige genähte Versionen dieses Schnittes im Netz findet,  viel weniger, als von anderen Schnitten von Named clothing, woraus ich schließe, dass der Schnitt wirklich nicht besonders gut zu den Proportionen der meisten Menschen passt.

Ein Detail hat dieser Schnitt aber, das ich besonders mag, die oben schon erwähnte Schlitzverarbeitung nach Frau Waas, Lummerland. Frau Waas aus Lummerland ist, wie sicher die meisten wissen, die Ziehmutter Jim Knopfs und die Erfinderin des auf- und zuknöpfbaren Lochs, das Hosenflicken überflüssig macht: Statt die Hose am Knie zu zerreißen, knöpft man das Loch einfach auf, und statt es zu flicken, wird es einfach wieder zugeknöpft.


Dieses geniale Prinzip übernahm Named Clothing für die Verarbeitung eines Schlitzes im Rockteil in der Naht zwischen Vorder- und Seitenteil. Der Schlitz wird von einem nahtverdeckten Reißverschluss gebildet, der nach oben aufgezogen werden kann, genauso weit, wie man es gerade braucht. Weil der Reißverschluss nachgeben kann, kann das obere Ende des Schlitzes nicht ausreißen - der Reißverschluss öffnet sich dann einfach ein bißchen weiter, und man zieht ihn bei Gelegenheit einfach wieder zu, anstatt das ausgerissene Ende des Schlitzes reparieren zu müssen. Genial, nicht wahr? Mir kommt dieses lummerländische Patent sehr entgegen, denn ich schaffe es fast immer, Rockschlitze durch raumgreifende Bewegungen zu zerstören. Und so ist dieses Kleid wirklich sehr bequem und für alles geeignet, was man so vorhaben kann.

Alle Teilnehmerinnen des MeMadeMittwoch treffen sich heute hier.

Die Details auf einen Blick:
Schnitt: Agate Pencil Dress von Named clothing 
Änderungen: Oberteil 4 cm verlängert
Stoff: Bambus-Musselin (Doppelgewebe) von Lillestoff (nicht mehr erhältlich), dunkelblau mit aufgedrucktem Muster, Vorder- und Rückseite des Stoffes verwendet

Donnerstag, 16. Januar 2020

Nähen vom Stapel: Skyline Skirt (twinkle), Beryl Bomber dress (named clothing) und stricken mit Brigitte kreativ

Ein gutes neues Jahr wünsche ich euch allen! Ich weiß, woanders werden schon Tulpensträuße gezeigt, aber ich bin erst jetzt im Winter-Nähmodus angekommen, gepaart mit der Erkenntnis, dass ich tatsächlich ein paar neue warme Sachen brauchen kann.


Der aktuelle Stoff- und Projektstapel steht zufälligerweise unter dem Motto "Nutze deine ältesten Stoffe". Da ich in meinem Notizbuch eine Liste meiner Stoffkäufe führe, kann ich meistens genau sagen, wann und wo ich einen Stoff gekauft habe.


Auf dem Stapel liegen von links nach rechts: ein Reststück Tweed mit Glitzer vom Tauschtisch der Annäherung 2017 und ein Rest dunkelgraue Viskose-Wollmischung (erinnert an einen Anzugstoff). Beide Reste zusammen sollen ein Acht-Bahnen-Patchworkrock nach dem Schnitt des "Skyline Skirt" aus Twinkle sews werden, ein einfaches, aber geniales Schnittmuster, das ich schon zweimal genäht habe (hier und hier) und einmal für den Prada-Sewalong adaptiert habe. Die Aufteilung der Bahnen bietet sich dafür an, verschiedene Stoffreste zu verwursten, und so ein Projekt hatte ich mir schon lange vorgenommen - es gibt noch eine Menge andere 40-cm-Wollstoffreste, die dafür gut geeignet wären.

Das Buch Twinkle sews von der New Yorker Designerin Wenlan Chia, aus dem der Schnitt stammt, ist von 2009, aber gut gealtert, wie ich beim Durchblättern finde. Die detailreichen Schnitte könnte man alle jetzt auch noch nähen und tragen und es ist interessant, dass es etwa zehn Jahre gedauert hat, bis mit den Büchern von named clothing und von dp studio etwas Vergleichbares auf den Markt gekommen ist.


Daneben liegt eine graubraune Viskose-Wollmischung mit cremeweißen und beigen Nadelstreifen, ebenfalls anzugstoffähnlich, daraus soll ein Beryl bomber dress von named clothing werden und ich bin ganz stolz auf mich, dass ich diesen Stoff endlich anschneide: Wenn meine Notizen stimmen, dann habe ich ihn im Oktober 2010 auf dem Maybachmarkt gekauft, und danach über Jahre noch viele, viele ähnliche Stoffe.

Meine Begeisterung für feine Wollstoffe in Grau, Dunkelblau, Schwarz mit Nadelstreifen, Kreidestreifen, Hahnentritt, Glencheckkaro oder Pfeffer-und-Salz-Musterung ist so groß, dass sie immer in die Kategorie "zu schade zum Vernähen" fallen und ich bei der nächsten sich bietenden Gelegenheit wieder einen ähnlichen Stoff kaufe - schließlich habe ich ja keinen, denn Stoffe, die nicht zum Vernähen bestimmt sind, zählen nicht. Auf diese Weise habe ich über die Jahre eine ansehnliche Sammlung erworben und könnte die nächste Vorstandstagung einer durchschnittlichen Großbank mit Anzügen ausstatten. Als ich beim Umzug das ganze Ausmaß meiner Wollstoffsammlung erkannte, wurde mir klar, dass ich sie nun aber wirklich vernähen muss und vor allem keine feinen Wollstoffe mehr kaufen darf. Dieses geplante Kleid ist das erste Projekt, das aus der Sammlung umgesetzt wird, und schon jetzt tut es mir um den "verbrauchten" Stoff etwas leid und ich wünschte, ich hätte damals einfach vier Meter statt zwei Meter gekauft.

Dazwischen liegt ein großes Reststück schwarzer Viskosejersey mit grünen Sprenkeln vom Annäherungs-Tauschtisch 2019. Daraus wird ein simples Langarmshirt - mit etwas Zuschnitttetris und einer zusätzlichen Naht am Ärmel reicht der Stoff gerade so.


Und zuguterletzt erblickt man rechts am Rand ein Problem: Eine angefangene Strickjacke nach einer Anleitung aus Brigitte Kreativ 1/2015, ein Hebemaschenmuster mit Nadelstärke 8. An dieser Jacke stricke ich schon seit dem letzten Winter oder Frühjahr herum. Meine Maschenprobe passte zwar in der Anzahl der Maschen pro 10 cm zur Anleitung, nicht aber in der Anzahl der Reihen: Das Gestrick wurde bei mir erheblich länger, als es eigentlich sein dürfte.

Da es sich bei der Anleitung sowieso um eine "lange, verschlusslose Jacke" handelt, hielt ich eine etwas längere, strickmantelähnliche Jacke für eine gute Idee. Nach dem Stricken von Rückenteil und Vorderteilen stellte ich dann fest, dass so eine längere Jacke erheblich weiter geschnitten sein müsste, als die kurzen Strickjacken, die ich üblicherweise trage. Falls Strickmäntel oder ähnliche Jacken überhaupt etwas für mich sind, ich bin mir noch nicht sicher. Jetzt müsste ich also mit anderen Proportionen (nicht ganz so lang, dafür aber breiter) noch einmal von vorne anfangen, und davor drücke ich mich gerade und stricke lieber an zwei, drei anderen Dingen.

Morgen geht's aber erstmal zur AnNäherung, dem jährlichen Nähwochenende in Bielefeld, und dort werde ich nichts vom Stapel nähen, sondern einen Trenchcoat (Isla von named clothing, Ersatz für diesen Mantel) anfangen. Der Wollmantel, den ich bei der AnNäherung 2019 nähte, hat immer noch kein Futter, und dann bemerkte ich, dass ich das Schnittmuster versehendtlich weggeworfen hatte - aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andernmal erzählt werden. 

Freitag, 13. Dezember 2019

Weihnachtsgeschenke für Menschen, die nähen

In den letzten Jahren habe ich ja nebenher in einem Stoffgeschäft gearbeitet und hatte daher in der Vorweihnachtszeit häufig mit Menschen zu tun, die überwältigt mitten in diesem Laden voller Stoffe und Nähzubehör standen, sich einer Verkäuferin näherten und dann etwas sagten wie "Helfen Sie mir. Meine Schwester/Mutter/Freundin näht und ich möchte ihr etwas schenken, aber ich weiß nicht was, ich kenne mich überhaupt nicht aus." In so einem großen Geschäft kann man zur Not immer zu einem Gutschein raten, aber besonders persönlich und originell ist das natürlich nicht.

Daher habe ich hier ein paar Tipps für nicht-alltägliche Weihnachtsgeschenke für Hobbyschneiderinnen und -schneider zusammengestellt, fast alle für unter 30 Euro. Hochwertiges Nähzubehör, an dem man lange Freude hat und das die oder der Beschenkte wahrscheinlich noch nicht besitzt, da es von kleinen bis sehr kleinen Firmen hergestellt wird oder von den Erfinderinnen selbst vertrieben wird. Die letzte Geschenkidee könnte man sogar selbst basteln, wenn man sich mit Holzverarbeitung auskennt. Wer selbst näht, findet hier vielleicht noch eine Ergänzung für den Wunschzettel.

(Da ich hier Produktempfehlungen gebe und Bezugsquellen angebe, handelt es sich der Form nach um Werbung - ich wurde dafür aber weder bezahlt noch beauftragt, die Herstellerinnen, die ich empfehle, wissen nichts davon.)

1. Das Bügelhandmaß aus Edelstahl von Nannette Hopf

 

Screenshot http://www.filztex.de/index.html

Lineale für die Schneiderei gibt es zuhauf, aber die meisten, ob nun Quiltlineale, Saumlineale oder Handmaße, haben den großen Fehler, dass sie aus Plastik sind. Will man beim Bügeln etwas messen oder gar einen Saum gleichmäßig umbügeln, muss man höllisch aufpassen - bügelt man einmal aus Versehen darüber, sind sie hin. Metalllineale aus dem Schreibwarenladen sind für Schneiderzwecke größtenteils zu dick und zu starr. Nannette Hopf eintwickelte aus diesem Grund ein spezielles Handmaß aus Edelstahl und ließ sich die Form patentieren: Das Bügelhandmaß ist flach, flexibel und unverwüstlich, die Skala ist eingeätzt, nicht aufgedruckt, es hat eine Schablone zum Anzeichnen von Knopflöchern, über die Rundung an einem Ende können Kragen und andere verstürzte Teile ausgebügelt werden. 

Das Handmaß fürs Leben gibt es direkt über die Webseite von Nannette Hopf für 25,00 Euro plus Versandkosten, man kann es zu einem etwas höheren Preis auch über einige andere Shops beziehen (nach "Bügelhandmaß Edelstahl" suchen), unter anderem auch von Manufactum - aber der Direktbezug ist natürlich immer am besten, dann bleibt für die Erfinderin am meisten hängen.

2. Zuschneidehilfe "Einfach Karl" für Schere oder Rollschneider 

Screenshot https://www.etsy.com/de/shop/EinfachKarl

Die meisten Schnittmuster hierzulande enthalten keine Nahtzugabe, man muss sie beim Zuschneiden rundherum dazugeben. Viele Nähende machen das nach Augenmaß, bei kniffeligen Schnittteilen, wenn es auf Genauigkeit ankommt, oder wenn man perfektionistisch veranlagt ist, kommt man mit "ich schneide nach Gefühl immer im gleichen Abstand drumherum" aber nicht weit. Die Nahtzugabe genau anzuzeichnen ist mühsam und ein Arbeitsgang, den man sich gerne erspart.

Dazu wurde die Zuschneidehilfe "Karl" erfunden: Sie wird mit einem Magneten an der Schere befestigt und hat einen einstellbaren Zeiger parallel zur Klinge, mit dem man beim Schneiden an den Konturen des Schnittteils entlangfährt - der Schnitt ist dann automatisch im eingestellten Abstand von der Kante und man erhält ohne Messen überall gleichmäßige Nahtzugaben. "Karl" gibt es mittlerweile in zwei Größen ("Kleiner Karl" für Scheren ab 8 cm Klingenlänge, "Großer Karl" für Scheren ab 9,5 cm Klingenlänge) und in verschiedenen Farben, außerdem "Karlchen" für Rollschneider (die allerdings eine ebene, magnetische Mitte haben müssen, damit Karlchen richtig Halt findet). Die Mitglieder der Karl-Familie kann man über den "Einfach Karl"-Shop bei Etsy bestellen, sie kosten zwischen 26,50 und 30,50 Euro plus Versandkosten.

3. Bügelamboss oder Tailor's Board 

 

Screenshot https://www.etsy.com/de/shop/tailorboardnl

Bügeln ist beim Nähen von Kleidung unverzichtbar, wenn es sich um komplexere Teile als ein T-Shirt handelt. Um auch schwer erreichbare Stellen zum Beispiel am Kragen oder am Armausschnitt erreichen zu können, ist ein Bügelamboss praktisch, eine Art Mini-Bügelbrett aus Holz mit vielen verschiedenen Rundungen und Spitzen, über denen Nähte ausgebügelt werden können. Für dieses Werkzeug gibt es einige Anbieter, wer sich mit Holzbearbeitung etwas auskennt und über eine Grundstock an Werkzeugen verfügt, kann so einen Bügelamboss aber auch selber bauen. Anbieter findet man über die Suche nach "Bügelamboss", "tailor board" oder "tailor's board", zum Beispiel tailorboardnl bei etsy.

Wer sich am Selbermachen versuchen will: beim Beswingten Allerlei ist eine Anleitung verlinkt und sie beschreibt auch, wie sie die Schablonen noch etwas angepasst hat.

4. Ein Zeitschriftenabo: Fibremood oder Vintage Flaneur


Auch wenn es im Internet ja irgendwo alles gibt, ist eine gedruckte Zeitschrift aus Papier in manchen Fällen doch ganz nett, wenn das Heft schön gestaltet ist und schwer zu bekommen. Außerdem kann sich die/der Beschenkte übers ganze Jahr hinweg alle paar Monate auf weitere Ausgaben freuen.
Zwei ganz unterschiedliche Vorschläge hätte ich dazu, die Zeitschriften werden beide von einem kleinen bis sehr kleinen Team realisiert und sind meistens nur in den großen Bahnhofsbuchhandlungen zu finden.
Screenshot https://www.fibremood.com/de

Fibremood ist ein 2018 gegründetes belgisches Nähmagazin mit Schnittmustern und Strickanleitungen und im Moment die interessanteste und aktuellste Nähzeitschrift auf dem Markt. Wer gerne neue Schnittmuster ausprobiert und sich beim Nähen an der aktuellen Mode orientiert, wird sich über die Zeitschrift freuen. Das Heft erscheint fünf Mal im Jahr, Abos können für zwei Hefte (25 Euro) oder 5 Hefte (55 Euro) abgeschlossen werden.

Screenshot https://www.vintage-flaneur.de/

Der Vintage Flaneur ist keine Handarbeitszeitschrift, auch wenn immer ein paar kleine DIY-Anleitungen enthalten sind, sondern ein liebevoll gemachtes kleines Magazin für Menschen, die Mode und Design der 1920er bis 1950er Jahre mögen. Das Heft erscheint sechs Mal im Jahr und enthält neben Mode auch Beiträge zu Kultur und Geschichte, meistens hat das Heft ein übergeordnetes Thema. Das Geschenkabonnement über sechs Ausgaben mit Geschenkprämie gibt es für 47,40 Euro.


5. Das Materiallexikon "Stoff und Faden"



Zum Schluss noch etwas Eigenwerbung: Das kleine Stofflexikon "Stoff und Faden" ist nun in der zweiten Auflage erschienen und für 14 Euro immer noch ein nettes, kleines Geschenk für nähende Menschen. Oder vielleicht lieber ein Buch über Mode oder zu einem anderen textilen Thema? Susanne von "Textile Geschichten" und ich haben in unserer Kleinverlagskooperation einige im Angebot. Alle unsere Bücher kann man im Buchhandel bestellen.

Donnerstag, 21. November 2019

Berlin Hausvogteiplatz - Über 100 Jahre am Laufsteg der Mode


Verfolgt man heute die hilflosen Versuche des Berliner Stadtmarketings, Berlin als "Modestadt" zu etablieren und der Berlin Fashion Week zu einer Bedeutung zu verhelfen, die der Pariser oder Londoner Modewoche gleichkommt, kann man sich kaum vorstellen, dass Berlin in Sachen Mode vor etwa hundert Jahren tatsächlich in einem Atemzug mit Paris genannt wurde. In Berlin entstand in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts die modische Konfektion, die Kleidung von der Stange, wie wir sie heute kennen. Vor einem Jahr hatte ich anlässlich einer Ausstellung über die zerstörten Konfektionsbetriebe rund um den Hausvogteiplatz schon einmal über die Berliner Modeindustrie geschrieben.

Schon vor einem Jahr war Suschna - Textile Geschichten - mit der Recherche für das jetzt erschienene Buch beschäftigt: "Berlin Hausvogteiplatz. Über 100 Jahre am Laufsteg der Mode" von Brunhilde Dähn, die Neuausgabe eines Buches von 1968, das seit Jahren vergriffen war. Die Journalistin Brunhilde Dähn erzählt darin die Geschichte der Berliner Konfektion von den Anfängen mit Damenmänteln Mitte des 19. Jahrhunderts bis zur Wirtschaftskrise der späten 1920er Jahre.


Ihr Buch ist heute immer noch unterhaltsam und interessant. Dähn zitiert aus vielen verschiedenen Quellen, auch aus Romanen, die heute zum Teil nur noch schwer oder gar nicht aufzufinden sind. Mit vielen Anekdoten wird so die versunkene Welt der Konfektionsbetriebe und der Menschen, die in ihnen arbeiteten, lebendig.

Anders als man sich das heute vielleicht vorstellt, waren die meisten Firmen, die rund um den Hausvogteiplatz tätig waren, keine Kleiderfabriken - in den Zentralen wurde lediglich entworfen, zugeschnitten und die fertige Ware en gros verkauft. Die Produktion erfolgte in kleinen Werkstätten oder in Heimarbeit in den östlichen Stadtbezirken, in Friedrichshain und Prenzlauer Berg.  Die zugeschnittenen Stücke verfrachtete man samt abgezähltem Zubehör und Kurzwaren zu den Nähwerkstätten und erhielt die fertig genähten Teile zurück. In den Firmenräumen an der Hausvogtei wurden sie den Einkäufern aus aller Welt vorgeführt.


Der Welt der "Probierdamen", wie die Mannequins damals genannt wurden, widmet Brunhilde Dähn ein ganzes Kapitel, Suschna hat hier gerade erst im Blog etwas mehr über die "Gelbsterne", die Faruen mit den Idealmaßen geschrieben. Der neu entstandene Beruf des Mannequins galt zwar als etwas anrüchig, war aber auch verlockend: Bei vielen Modehäusern durften die Mannequins Kleider und Mäntel ausleihen und in ihrer Freizeit tragen, wenn sie gesellschaftliche Ereignisse wie Pferderennen, Theaterpremieren und Bälle besuchten, zu denen sie oft eingeladen wurden.
Aber auch als Telefonistin und Kontoristin, Sekretärin und Buchhalterin waren Frauen in der Berliner Konfektion beschäftigt - und diese jungen, gut ausgebildeten, finanziell unabhängigen Frauen bildeten auch die Kundinnen der Konfektion, vor allem für sie wurde hier Mode gemacht.

Man erfährt bei Brunhilde Dähn viel über die tonangebenden Modehäuser der Zeit und ihre Gründerinnen und Gründer, über die Organisation der Arbeit in den Konfektionsbetrieben, über frühe Influencerinnen und Werbung, über die Kaufhäuser und nicht zuletzt über das Berliner Nachtleben. Da Brunhilde Dähn die erste war, die die Geschichte der Berliner Modeindustrie aufzeichnete, ist nicht alles, was sie erzählt, hundertprozentig korrekt - darum hat das Buch ein neues Nachwort bekommen, das die größten Fehler geraderückt.

Die Neuausgabe von "Berlin Hausvogteiplatz" mit neuem Layout gibt es in jeder Buchhandlung und natürlich direkt über Susanne: Hier sind alle Informationen zum Buch noch einmal zusammengefasst und hier und hier gibt es im Blog einen Einblick ins Buch.

Auf der Messe BuchBerlin


Am nächsten Wochenende, 23./24.11. kann man in diesem und in allen anderen unseren Büchern blättern und mit uns ins Gespräch kommen: Bei der Berliner Buchmesse BuchBerlin im Mercure Hotel MOA Berlin (U Birkenstraße) - wir haben einen Stand in Ausstellungsbereich 2, D4. Vielleicht bis dahin? Ich würde mich freuen!