Donnerstag, 20. September 2018

Workshops beim Lillestofffestival und bald auch in Berlin


Am vorletzten Wochenende war wieder das Lillestofffestival in Hannover, das zweitägige Nähevent, über das ich hier und hier schon mal geschrieben hatte. Es war so (im positiven Sinn) irre wie die Jahre zuvor: Etwa tausend Frauen, die ein Wochenende lang in einer Messehalle nähen, reden, Stoff kaufen, Nähworkshops besuchen, Spaß haben - und abends und nachts geht die Party oft noch weiter. Am Samstagmorgen kam mir am Eingang zur Halle als erstes eine Frauengruppe entgegen, die einen Bierkasten schleppte. Denn - das finde ich so sympathisch an dem Festival - es ist keine durchkommerzialisierte Veranstaltung. Anders als bei Konzerten oder anderen Festivals, kann man sich zum Beispiel Getränke selbst mitbringen, wenn das (kostenlose) Wasser aus den Wasserspendern und der sehr gute (in der Eintrittskarte enthaltene) Kaffee vom Hannoveraner Café Vélo nicht reichen. Man merkt, dass die Organisatorinnen von Lillestoff einfach selbst gerne nähen und Stoffe lieben, und dass es deswegen dieses Festival gibt.

Der Stand von Lotte Martens
Die Verkaufsstände in der unteren Halle wechseln jedes Jahr und sind nicht auf Gewinnmaximierung angelegt, sondern geben auch kleinen, sympathischen Firmen die Gelegenheit, sich zu präsentieren - dieses Jahr zum Beispiel der belgischen Stoffdesignerin Lotte Martens mit ihren von Hand bedruckten, einfach wunder-wunderschönen Stoffen (die sie jetzt auch in einem eigenen Onlineshop anbietet, der auch nach Deutschland versendet, soweit ich sehe sogar zum Teil portofrei).

Ich hatte die Stoffe schon auf der Handarbeit&Hobby in Köln gesehen und war ganz hingerissen von den Mustern und den metallischen Farben der Drucke. Die Stoffe sind ganz anders als alles, was man sonst in Stoffgeschäften sieht, und nachdem ich zwei volle Tage um den Lotte-Martens-Stand herumgeschlichen war, kaufte ich am Sonntag Abend dann wirklich ein bedrucktes Stoffpaneel: Mittelfesten Viskose-Polyester-Twill in dunkelblau mit einem kupfergoldenen Druck. Seither habe ihn in Reichweite liegen und streichele ihn ab und zu. Hach.


Der schöne gemusterte Jersey rechts war im Goodie-Bag des Festivals - Modaljersey Breeze, eine tolle Farbe und ein schönes Muster, sehr fließend, mal sehen, was das wird.

Die Stoffe von Lotte Martens haben nicht nur schöne Muster, sondern auch eine besondere Haptik

Nachdem dieses peinliche Geständnis einer Stoffsüchtigen heraus ist, will ich aber endlich zu dem Thema kommen, weswegen ich eigentlich bloggen wollte: Die Workshops. Während des Festivals laufen eine Menge Näh- und andere Workshops, die man zusätzlich zum Festivalticket buchen kann. Wie in den zwei Jahren zuvor gab ich zwei verschiedene Upcycling-Workshops und dieses Mal ganz neu auch einen Workshop zu meinem Lieblingsthema, Stoffkunde.


Ich habe mich sehr gefreut, dass der Workshop tatsächlich ausgebucht war, obwohl das Thema auf den ersten Blick sicher nicht so sexy ist wie "wir nähen gemeinsam etwas schönes Neues" - aber Stoffe werden umso interessanter, je besser man sie kennenlernt, und man hört nie auf, zu lernen. Ich hatte für jede Teilnehmerin einen Stapel Stoffproben zum Mitnehmen geschnitten und eine Menge andere Stoffproben mitgebracht, so dass es viel zum Anfassen und Vergleichen gab, so dass man zumindest im Überblick einmal die verschiedenen Webarten kennenlernen konnte.

Blöderweise wurden die Fadenlupen, die ich eigentlich wirklich rechtzeitig bestellt hatte, nicht rechtzeitig zugestellt - oder besser gesagt, das Paket wurde irgendwo abgegeben und war dann erstmal weg, was mich ziemlich Nerven kostete. Am Dienstag nach dem Workshop bekam ich es dann endlich, und mittlerweile sollten alle Workshopteilnehmerinnen ihre Lupen per Post bekommen haben.

Der T-Shirt-Notarzt, bei dem löchrige oder fleckige T-Shirts durch "umgekehrte" Applikationen gerettet werden, ist fast mein Lieblingsworkshop, weil die Technik im Grunde ganz einfach ist, und die Ergebnisse immer total gekonnt und eben wirklich individuell aussehen, selbst wenn man vorgefertigte Schablonen nimmt. Ich suche vor jedem Festival nach neuen Motiven und schneide einige neue Schablonen, dieses Mal war der ganz reduzierte aber unverkennbare Pandabär neu dabei.


Der Workshop zum Oberhemden-Upcycling ist immer besonders spannend, weil das Ergebnis nicht vorgegeben ist und es jedes Mal eine Überraschung ist, welche Materialien und welche Ideen die Teilnehmerinnen mitbringen. In diesem Jahr war lustigerweise der Rock aus einem abgeschnittenen Oberhemd das beliebteste Modell, der in den Jahren zuvor noch nie genäht worden war, dafür gab es kaum Oberteile. Wie immer habe ich viel zu wenig Bilder gemacht (und einige aus Versehen schon gelöscht), daher hier stellvertretend nur zwei, eine schulterfreue Bluse und ein Kinderkleid.

An dieser Stelle auf jeden Fall nochmal vielen Dank an alle Teilnehmerinnen, es war wie jedes Jahr ein Vergnügen mit euch!

Upcycling-Workshops in Berlin


Beide Workshops - den T-Shirt-Notarzt und das Oberhemden-Upcycling - gibt es im September und Oktber auch in Berlin, und Anmeldungen sind jetzt möglich.

Der T-Shirt-Notarzt zur Rettung abgeliebter Jerseyoberteile findet am Sonntag, 30. September von 11 bis 13.00 Uhr im KungerKiezgarten Paradiesapfel (Bouchéstraße 75, 12435 Berlin) statt (bei schlechtem Wetter um die Ecke in der Galerie KungerKiez, Karl-Kunger-Str. 15) und kostet 5 €, Anmeldung unter klima@kungerkiez.de. Bringt löchrige, aber sonst noch gute T-Shirts mit, Jerseyreste, falls ihr habt, oder T-Shirts zum Ausschlachten, eventuell Stickgarn und eine kleine Schere. Informationen zum Workshop findet ihr auch hier auf der Seite des Klimaprojekts im Kungerkiez.

Oberhemden-Recycling ist am Sonntag, 28. Oktober von 10.30 bis 14.30 Uhr in der Galerie KungerKiez, Karl-Kunger-Straße 15, 12435 Berlin. Auch hier bitte unter klima@kungerkiez.de anmelden. Hier kann nach Herzenslust geupcycelt werden - große Hemden eignen sich besonders gut, aber wenn ihr zu rettende Liebligsstücke habt, dann kümmern wir uns auch darum. Bringt außerdem Nähzeug mit, soweit vorhanden, und da wir mit der Maschine nähen, wären Näh-Grundkenntnisse von Vorteil. (Dazu gibt es noch keinen Eintrag auf der Klimaprojekt-Webseite, das trage ich dann nach).

Bei beiden Workshops ist die Zahl der Teilnehmerinnen begrenzt, daher am besten gleich anmelden, wenn ihr kommen wollt.

Mittwoch, 5. September 2018

Das Kranich-Kaftan-Kleid (Fashionstyle Juni 2018)

An den letzten warmen Tagen möchte ich noch mein - vermutlich - letztes Sommerkleid für dieses Jahr zeigen. Im Grunde plante ich schon seit Jahren, mir ein ganz leichtes, weites Hochsommerkleid aus ganz dünnem Stoff für die Tage über 30 Grad zu nähen. In den vorigen Sommern ist dieser Plan nie gelungen, obwohl im Laufe der Jahre schon mehrere Schnittmuster für künftige Hochsommerkleider auserkoren waren. Aber immer war es dann schlagartig viel zu warm, um an der Nähmaschine zu sitzen - man glaubt gar nicht, wie viel Wärme selbst der Motor der Maschine abstrahlt, wenn man bei normalen Temperaturen davor sitzt. Ganz zu schweigen von der 15-Watt-Glühbirne in meiner alten Nähmaschine: bei mehr als 25, 26 Grad einfach unerträglich!


Dieses Jahr klappte das rechtzeitige Nähen, vermutlich, weil die Maschine jetzt LED-Beleuchtung hat und weil ich den Schnitt und den leider sehr unfotogenen Stoff fast gleichzeitig entdeckte, kaufte und genau dann eine kleine, zweitägige Abkühlung einsetzte, die es erlaubte, das Kleid zu nähen, so dass es dann pünktlich zur nächsten Hitzewelle fertig war.

Der Schnitt stammt aus der Fashionstyle-Ausgabe von Juni, einer Übersetzung der niederländischen Knipmode. Die deutschen Hefte erscheinen etwa einen Monat später als das Original, daher bekommt man die festlichen Silvesterkleider erst Ende Januar zu sehen - die Übersetzung braucht Zeit - aber dafür ist sie auch ziemlich gut. Die Schnitte sind nach meiner nicht sehr umfangreichen Erfahrung auch gut, fallen vielleicht ein bißchen groß aus. Im Sommer 2015 nähte ich ein Kleid aus im Hausflur gefundenen Stoff nach Fashionstyle-Schnitt, das mag ich sehr.


Das Kleid Nummer 9 aus der Juniausgabe (als Nummer 10 in Tunikaversion mit langen Ärmeln - man könnte also auch das Kleid mit diesen Ärmeln nähen) ist von der Grundlage her ganz einfach: Ein Vorder- und ein Rückenteil mit weiten, angeschnittenen kurzen Ärmeln, nur geformt durch zwei gesmokte Partien und einen hinten angenähten Stoffgürtel.


Durch den V-Ausschnitt mit einem breiten Beleg, die Schulterpasse und den kleinen Stehkragen, in dem ein Bindeband mitgefasst ist, ist das Kleid aber weit mehr als nur ein Sack mit Gummizug.

Beleg und innere Passe aus anderem Stoff

Den Ausschnittbeleg und den inneren Teil der Schulterpasse habe ich aus dünnem Baumwollstoff zugeschnitten, der etwas stabiler ist als die leichte Viskose, wodurch ich für den Beleg keine Einlage brauchte. Außerdem konnte ich Stoff sparen: Die Anleitung verlangt satte 3,05 m für Größe 38, ich hatte nur 2,70 m, schnitt den Gürtel und die Passe quer zum Fadenlauf zu, was sich wegen des Musterverlaufs sowieso anbot, und kam damit gut hin.

Smok mit transparentem Gummi von hinten - man sieht noch die blaue Vorzeichnung

Die gesmokten Partien habe ich etwas unorthodox mit feinem, transparentem Gummiband (wie Framilonband) gemokt: Stepplinie auf der linken Seite des Stoffes markieren, Gummi gedehnt auf die Linie legen und mit etwas länger eingestellten Stichen aufsteppen. Für die traditionelle Methode mit Gummifaden, der auf die Unterfadenspule gewickelt wird, fehlte mir der Gummifaden und auch die Muße, die Einstellungen der Maschine auszuprobieren.


Für meine Verhältnisse habe ich das Kleid wirklich in rasender Gewschwindigkeit innerhalb von zwei Tagen genäht - es ist erstaunlich, wie schnell das geht, wenn man einen Schnitt ohne Anprobieren einfach "aus der Packung" nähen kann, weil die Schnittform überall weit ist.

Ärmelabschluss mit einem Schrägstreifen, der nach außen umgeschlagen und aufgesteppt wird

Ein unförmiger Sack ist das Kleid trotzdem nicht, und es hat sich bei den im August noch folgenden Hitzetagen bewährt - sehr luftig, nicht einengend und leicht, dabei aber nicht durchsichtig, kann man morgens überwerfen, den ganzen Tag und Abend tragen, weil es überall hinpasst, und abends in die Wäsche werfen. Um für Hitzewellen umfassend gerüstet zu sein, müsste ich mehrere davon haben, aber das kann ich ja für nächstes Frühjahr anpeilen. So schön der Sommer war, jetzt freue ich mich ehrlich gesagt schon wieder auf Strickjacken und Wollröcke und die ganzen Herbstsachen.


Ob bundesweit noch Spätsommer- oder schon Frühherbstgarderobe getragen wird heute beim MeMadeMittwoch.

Die Details auf einen Blick

Schnitt: Fashionstyle Heft 6/2018, Modell 9
Material: Bedruckter Viskosestoff, 2,70m (bei Größe 38)
Änderungen: Ausschnittbeleg und innere Passe aus feinem Baumwollstoff zugeschnitten, äußere Passe und Gürtelteile wegen des Musters und aus Stoffspargründen quer zum Fadenlauf aufgelegt.

Mittwoch, 1. August 2018

Anna (by hand London) aus selbstgefärbtem Batikstoff oder: Vier Jahre von Idee bis Ausführung


Es gibt ja Studien - habe ich kürzlich irgendwo gelesen - die besagen, dass die Wahrscheinlichkeit, ein Vorhaben wirklich umzusetzen, dramatisch sinke, wenn man es nicht quasi sofort in Angriff nimmt. Und, das ist zumindest meines Beobachtung, wenn das Umsetzen des Vorhabens ins Stocken gerät, wird es oft schwierig, wieder einzusteigen und es tatsächlich abzuschließen.


Dieses Kleid belegt diese These recht gut: Den Stoff dafür färbte ich bei der Stoffspielerei im März 2017. Ich wollte nach der poppig-lauten Miami-Vice-Anna vom Sommer 2014 schon die ganze Zeit eine seriösere Variante des Schnitts nähen: Dunkelblau  mit einem Batikmuster im unteren Teil des Rocks. Es dauerte also nur etwa zwei Jahre, um nach der ersten Idee den Stoff tatsächlich herzustellen.


Dann begann ich zu nähen, nicht etwa direkt nach dem Färben, sondern etwas später im Sommer 2017, was dazu führte, dass das Kleid vor dem Herbst nicht mehr fertig wurde. Das Oberteil ist mit einem Futter aus schwarzem Baumwollvoile verstürzt und der Rockteil ist bis zum Schlitz ebenfalls mit Voile gefüttert. Das Futter führte dazu, dass die Passform des Oberstoffs wirklich stimmen muss, ehe man verstürzt, sonst wird das Ändern ziemlich aufwendig, und das hielt mich auf.

Ich erinnere mich daran, dass ich bei einem Nähtreffen hier in Berlin im Herbst bei schlechtem Wetter unter anderem an dem Kleid weiternähte, mit einem eingehefteten Reißverschluss nach Hause fuhr und dachte: "Jetzt habe ich's, das sind doch nur noch Kleinigkeiten".


Zur Annäherung, dem großen Nähtreffen in Bielefeld im Januar 2018 nahm ich das Kleid wieder mit, als Zweitprojekt. Danach war der Reißverschluss fest eingenäht und das Oberteil verstürzt, das Futter musste "nur noch" an den Reißverschluss gesäumt und der Rock gefüttert werden. "Jetzt habe ich's, das sind ja nur noch Kleinigkeiten", dachte ich, als ich nach Hause fuhr.

Muss ich extra betonen, dass das Kleid danach wochen-, nein monatelang auf dem Bügelbrett im Nähstapel lag und in diesem Stapel immer weiter nach unten wanderte? Es zog mit mir in die neue Wohnung um, in der es ein Arbeits- und Nähzimmer für mich gibt (und keinen Nähstapel auf dem Bügelbrett - ich habe mir fest vorgenommen, das Bügelbrett mindestens einmal in der Woche zusammenzuklappen und wegzuräumen).


Dass das Kleid tatsächlich fertiggestellt wurde, bevor der Sommer vorbei ist, ist letztlich nur der Fußballweltmeisterschaft zu danken: Wenn ich mal fernsehe - und besonders, wenn es sich um Fußball handelt - brauche ich nebenher eine Beschäftigung. Das Futter mit der Hand einzustaffieren und das Kleid zu säumen war die passende Tätigkeit für eines dieser langen Spiele mit Verlängerung und Elfmeterschießen.

Die riesigen Blätter in der Rabatte hinter mir sind übrigens Mangold
Und dann war das Kleid tatsächlich fertig, pünktlich zur Hitzewelle, und es funktioniert genau so, wie ich es mir vorgestellt hatte: Der lange Rock wirbelt die Luft beim Gehen schön auf und das Kleid sitzt insgesamt lockerer als die erste Version des Schnitts. Darin kann man gut einen heißen Sommertag verbringen. Wobei: An dem Tag auf der Pfaueninsel, als die Bilder entstanden, war es eigentlich noch gar nicht so heiß wie im Moment, ich konntefür die Fotos sogar eine Weile in der Sonne stehen, ohne umzukippen.

Mehr Hochsommerkleidung heute im Me-made-Mittwoch-Blog nebst Ankündigung des Hamburger Nähbloggerinnen-Treffens, organisiert von Der feschen Lola und Frau Küstensocke!

Die Details auf einen Blick

Schnitt: Anna von by hand London
Material: Baumwollbatist, selbstgefärbt, etwa 2,30 m - mit fortgeschrittenem Zuschnitttetris, von dem gewünschten Stoff war nicht mehr da.
Futter schwarzer Baumwollvoile von Stoff&Stil, etwa 1m oder 1,20 m
Änderungen: Oberteil ohne Belege, komplett mit Voile verstürzt, Rockteil auch gefüttert. Am Reißverschluss im Rücken angepasst. Schnittteile für den Rock schon vor dem Zuschneiden stark gekürzt, der Schnitt ist übermäßig lang.

Sonntag, 8. Juli 2018

Plötzlich Strickjackenwetter ("Flaum" von Justyna Lorkowska)

 

Die Fußballweltmeisterschaft in Kombination mit sehr, sehr wechselhaften Temperaturen - von 18 auf 28 Grad und zurück in wenigen Tagen - haben mich dazu gebracht, ein schon länger lagerndes Strickjackenprojekt endlich fertigzustellen. Die Strickjacke "Flaum" nach der Anleitung von Justyna Lorkowska war seit letztem Herbst praktisch fertig. Es fehlten nur noch die Ärmelabschlüsse, das Vernähen der Fäden und das Annähen der Taschenbeutel. Wie meistens in solchen Fällen waren die restlichen Arbeiten wirklich schnell erledigt, ein WM-Spiel (ohne Verlängerung) reichte aus, und ich fragte mich nachher, warum ich diese Kleinigkeiten so lange aufgeschoben hatte.


Die Jacke ist ziemlich raffiniert konstruiert: Man strickt zuerst den Schalkragen von der hinteren Mitte aus in beide Richtungen eins rechts-eins links. An der Unterkante des Kragens werden dann Maschen aufgenommen, aus denen die Passe im Rücken ebenfalls im Rippenmuster gestrickt wird. Durch den Wechsel auf Patentmuster wird das Teil immer weiter und ähnelt schließlich von der Konstruktion her einem Raglan von oben, fällt aber glockiger. Die Vorderteile haben eingestrickte Taschen, sind etwas kürzer als das Rückenteil und fallen leicht zur vorderen Mitte.

Insgesamt ein komplexes dreidimensionales Strickwerk, bei dem ich mal wieder staune, wie man sowas entwerfen kann. Ich denke auch beim Stricken in Schnittteilen, wie beim Nähen, und so werden auch die Strickteile, die ich mir selbst ausdenken kann. Für nahtlose Stücke, die die dreidimensionalen Möglichkeiten des Strickens voll ausnutzen, brauche ich eine gute Anleitung wie diese.



Verstrickt habe ich Drops Alpaca zusammen mit einem sehr feinen, dunkelroten Mohairgarn aus einem Fabrikverkauf in Bielefeld. Die beiden Garne passen farblich perfekt zusammen, ergeben gemeinsam ein tiefes, leicht meliertes Bordeauxrot und das Gestrick ist ganz wunderbar leicht und flauschig geworden.

Die Dreiviertel-Ärmellänge entspricht der Anleitung, mal sehen, wie ich das beim längeren Tragen finde. Oft nerven mich solche kürzeren Ärmel etwas - und sie sehen manchmal merkwürdig aus, wenn man ein Kleidungsstück mit normallangen Ärmeln darunter trägt - aber sie passen zu den Proportionen der Jacke. Richtig getestet wird das erst im Herbst, denn nun sind wir gerade schon wieder bei 28 Grad. Dem Fußball sei Dank ist aber auch ein Sommerkleid endlich fertiggeworden - das kommt dann demnächst.


Anleitung: Flaum von Justyna Lorkowska
Material: ca. 300g Drops Alpaca Farbe 5565 (weinrot) zusammen verstrickt mit sehr feinem dunkelrotem Mohairgarn aus einem Fabrikverkauf
Nadeln 4,5 und 5
Gestrickte Größe: L, Maschenprobe etwas kleiner als angegeben

Sonntag, 24. Juni 2018

Stoffspielerei im Juni: Rokoko trifft Mola



Willkommen zur neuen Ausgabe der Stoffspielerei im Juni! Ich habe mich in letzter Zeit sehr rar gemacht bei der Stoffspielerei, und dann auch noch mit dem Thema Rokoko eine schwierige Aufgabe gestellt, wie mir hier und da zurückgemeldet wurde. Ich kam auf das Thema, weil ich im März an einer Führung durch das Neue Palais in Potsdam und die Postdamer Textilrestaurierungswerkstatt teilnahm. Die Innenausstattung des in den 1760er Jahren gebauten Schlosses, das vor allem für Festiviäten und die Unterbringung von Gästen genutzt wurde, ist noch recht vollständig erhalten.

Die Mode des 18. Jahrhunderts, bei solchen repräsentativen Bauten wirklich keine Oberfläche undekoriert zu lassen, ist uns heute ziemlich fremd. Alles ist gemustert, mit Stoff bezogen, geschnitzt, bemalt, mit Borten, Troddeln oder Quasten geschmückt, gerahmt, vergoldet - sicherlich ein beeindruckender Anblick, wenn sich das Kerzenlicht in den glänzenden Fäden des Brokats, in den Kristallen der Lüster und in den großen Spiegeln brach.

Auch wenn spätbarocke Ornamente heute in der Inneneinrichtung nicht mehr so im Übermaß eigesetzt werden, es gibt sie immer noch - Tapeten, die die seidenen Wandbespannungen aus Schlössen nachahmen, gibt es sogar in ziemlich großer Zahl. Oder vergleicht mal die Seidentücher von Versace mit dem Fußboden im Marmorsaal des Neuen Palais! Barock und Rokoko (grob gesagt etwas zarter, heiterer, mit zarteren Farben und Asymmetrien) sind in der Dekoration erhalten geblieben - das war für mich nach dem Schlossbesuch tatsächlich eine neue Erkenntnis.


Für die Stoffspielerei habe ich versucht, ein Ornament in einer Reverse-Applikationstechnik umzusetzen,die ich schon lange einmal auspr0bieren wollte. Die Mola-Technik wurde ursprünglich nur auf einigen Inseln vor der Küste Panamas ausgeübt. Mittlerweile sieht man Molas manchmal auch auf Kunsthandwerkmärkten zusammen mit anderen Textilien aus aller Welt, und es würde mich nicht wundern, wenn Molas eínzwischen auch in Asien nachgeahmt werden würden.



Bei dieser Technik werden die Applikationsmiotive aus einem Stapel verschiedenfarbiger Baumwollstoffe von oben nach unten herausgearbeitet. Das Motiv wird aufgezeichnet und entlang der Konturen mit etwas Nahtzugabe aus der obersten Stofflage herausgeschnitten. Die Zugaben werden nach unten eingeschlagen und die Kante wird durch alle Lagen festgenäht. Aus der zweiten Stofflage, die nun sichtbar ist, wird ein weiteres Motiv ausgeschnitten, der Rand eingeschlagen und mit der Hand festgenäht, so dass die dritte Stofflage zum Vorschein kommt.



Bei den Näherinnen der Cunas in Panama entstehen so häufig abstrahierte Tiermotive, die durch parallele bunte Linien oder Schnecken strukturiert sind. Über die Technik gibt es ein Buch von Kate Mathews - "Molas", es erschien 1999 auf Deutsch im Haupt-Verlag und ist mittlerweile sehr günstig zu haben. Die Technik ist gut beschrieben, so dass man lernt, eigene Entwürfe umzusetzen, und es sind viele Fotos von Molas aus Panama enthalten. (Die Modelle im Anleitungsteil, oft Kleidung mit Dekor in Mola-Technik, entsprechen allerdings eher dem Geschmack der späten 1980er.)


Die Näharbeit erwies sich als zwar recht kleinteilig-fummelig (das Ornament hätte etwas großflächiger sein können und er verwendete Baumwollstoff vielleicht etwas feiner), aber es ist machbar. Bis zu der dritten Stofflage in Rosa bin ich noch gar nicht vorgedrungen, dazu sind die einzelnen Flächen auch größtenteils etwas zu klein. Die Applikation ist schön plastisch, und die Technik ist eine gute Möglichkeit, relativ filigrane Strukturen aus Stoff nachzubilden - als herkömmliche Applikation, also mit kleinen, aufgesetzten Stoffstücken, wäre es nur schwer möglich, so ein Ornament abzubilden.

Ich bin gespannt, was ihr aus der Vorgabe gemacht habt!

Sabine (Tyches Touch) hat eine Rokokospitze gehäkelt, angelehnt an die Muster von Nymphenburger Porzellan. 

Susanne (Nahtlust) hat eine Rokoko-Maske aus Spitzen angefertigt.

Ute (123-Nadelei) ging in Thüringen auf Spurensuche nach dem Rokoko - sehr interessant!

Annelies von der Galerie der Handarbeiten hat verschiedene Rüschenformen - Froschgoscherl und Herzrüsche - ausprobiert.



Vielen Dank allen füs Mitmachen! Ich ergänze die Liste oben noch im Laufe des Tages, sobald ich weitere Beiträge finde.

Auch die Rückseite ist interessant: Es wird immer durch alle Stofflagen genäht


Die monatliche Stoffspielerei ist eine Aktion für textile Experimente. Sie ist offen für alle, die mit Stoff und Fäden etwas Neues probieren möchten. Der Termin soll Ansporn sein, das monatlich vorgegebene Thema soll inspirieren. Jeden letzten Sonntag im Monat werden die Links mit den neuen Werken gesammelt – auch misslungene Versuche sind gern gesehen, zwecks Erfahrungsaustausch.

Juli & August: Sommerpause
30.09.2018: „Streifen“ bei 123-Nadelei
28.10.2018: „Seide“ bei Siebensachen
25.11.2018: (Thema noch nicht fix) bei Nähzimmerplaudereien
Dezember: Weihnachtspause
27.01.2019: (Thema noch nicht fix) bei Textile Werke
24.02.2019: „Farbverläufe“ bei Schnitt für Schnitt
31.03.2019: „Geometrie“ bei Feuerwerk by Kaze

Freitag, 8. Juni 2018

Mit Naturmaterialien gefärbt: Workshop Ecoprinting

 
In meinem Kiez gibt es seit neuestem einen Gemeinschaftsgarten mit Hochbeeten auf dem Gelände eines nicht mehr genutzten Schulhofs, und weil der Garten Teil eines geförderten Projekts zum Klimaschutz ist, finden dort ab und zu auch Veranstaltungen statt. An einem schönen Sonntag Nachmittag konnte das Ecoprinting ausprobiert werden, also das Drucken oder Färben mit Pflanzen auf Stoff. Hannah Schorch, die den Workshop leitete, kannte ich von ihrem Label Erie Berlin, ihre zart gefärbten Sachen waren mir im Studio Herzberg, einem Laden für nachhaltige Kleidung an der Sonnenallee, schon vor längerer Zeit aufgefallen.

Ehrlich gesagt bin ich von Ecoprinting-Ergebnissen nicht immer restlos begeistert - im Netz sieht man manchmal Beispiele von Stoffen mit lauter fleckigen braun-grau-Tönen, die mich an einen Komposthaufen auf Stoff erinnern, das finde ich nicht so erstrebenswert. Hannahs bedruckte Stoffe sehen hingegen zart und geheimnisvoll und besonders aus, mit interessanten Farbverläufen oder Strukturen, gar nicht "Öko", sondern sehr raffiniert.


Hannah hatte färbende Pflanzen mitgebracht: getrocknete Zwiebel-, Avocado- und Granatapfelschalen, pulverisierte Krappwurzel und geraspeltes Blauholz, Kamillenblüten und getrocknete Rosen- und Malvenblüten. In einem Topf auf einer Kochplatte wurden Baumwollstoffe in einer Alaunlösung gebeizt, dadurch können die Fasern die Farbstoffe besser aufnehmen und die Farben werden haltbarer.


Das eigentliche Färben (oder genauer gesagt: Drucken) erinnert dann etwas an Kochen (und riecht auch fast so): Die Pflanzenbestandteile werden auf dem feuchten Stoff ausgelegt, der Stoff fest zusammengerollt und zu kleinen Päckchen gebunden. Die Stoffpäckchen kommen in ein Sieb über kochendes Wasser und liegen eine Weile im Dampf, wobei sich die Farbstoffe mit dem Stoff verbinden.


Dann geht es ans Auspacken und Auswaschen und an die große Überraschung: Was ist mit den Farben aus den Pflanzenteilen passiert? Färberkamilleblüten ergeben zum Beispiel kräftig gelbe Punkte, die Blauholzspäne violette Striche. Manche Pflanzenteile färben gar nicht - grüne Blätter zum Beipiel - und wenn verschiedene farbstoffhaltige Pflanzen zusammentreffen, können sich interessante Mischungen ergeben.


Ich bin größtenteils nur zu zarten Sprenkeln auf weißem Untergrund gekommen, für mehr Farbe darf man nicht so zögerlich sein wie ich - die Kinder hatten das beim Workshop besser drauf: Viel Material ergibt viel Farbe.


Ein Stoffstück (aus dem ich die Passe einer Bluse machen will) ist einfach grandios geworden. Das Stück alte Bettwäsche hatte ich zuerst in einem Sud aus Holunderbeeren gefärbt, der in einem kleinen Topf vor sich hinköchelte. Der Stoff war dann so gleichmäßig dunkelviolett, dass ich schon dachte, das könne man gar nicht weiter färben, aber Hannah gab mir den Tipp, Granatapfelschalen zu verwenden. Die getrockneten Schalen waren zu kleinen Bröckchen von etwa 5x5 mm geschreddert, die ich konfettimäßig auf dem gefärbten Stoff verteilte. Nach dem Dämpfen konnte ich das Ergebnis kaum fassen: Die Schalen hatten irgendwie mit der Holunderfarbe reagiert und den Stoff an den Stellen, wo sie lagen, zu orange bis rostrot verfärbt. Sehr schön und sehr überraschend!


Um mit dieser Methode systematisch zu färben und einigermaßen wiederholbare Ergebnisse zu bekommen, müsste man also alles notieren und am besten noch Vorher-Nachher-Fotos machen. Aber auch ganz unsystematisch bekommt man interessante Ergebnisse - und keine schlammfarbenen Fleckmuster, wie ich befürchtet hatte - und der Pflanzendruck macht großen Spaß und braucht nur ein Minimum an Ausstattung. Färben kann man auch mit Dingen, die man normalerweise wegwerfen würde: Schalen und Kerne, gebrauchte Teebeutel und verwelkte Blumensträuße, und natürlich kann man auch fertige Kleidungsstücke färben, sofern sie aus Naturfasern bestehen und sie so auffrischen, zum Beispiel wenn sie Flecke haben, die nicht mehr herausgehen. Ein spannender, sehr netter Nachmittag war das!