Freitag, 28. August 2020

Raffinierte Schlichtheit: Das Puff Shirt von The Assembly Line

"Moderne und minimalistische Indie-Schnittmuster", so wirbt die schwedische Firma The Assembly Line für sich, und das trifft die Sache auf den Punkt. Genauer gesagt fand ich die Schnitte und ihre Präsentation auf der Webseite so minimalistisch, dass ich nicht sicher war, ob das etwas für mich sein könnte. Ihr kennt das vielleicht: Man starrt hundertmal die Modellfotos und die technischen Zeichnungen an und überlegt sich, ob der ganze Reiz vielleicht nur in der coolen skandinavisch-japanisch angehauchten Inszenierung mit den fast aussschließlich einfarbigen, unbunten Stoffen und den ruhigen Fotohintergründen liegt. Ist an den Schnitten wirklich etwas Besonderes dran, oder ist das nur noch ein ausgestellter Bahnenrock oder ein Sweatshirtschnitt, genauso wie tausend andere? Manchmal schafft es die Produktfotografie ja, einem etwas schmackhaft zu machen, was an sich vollkommen banal ist.


Die Gelegenheit, der Sache auf den Grund zu gehen ergab sich, als Andrea vom Stoffladen Berliner Schnitte (Brandenburgische Straße/Nähe Fehrbelliner Platz - und natürlich mit Onlineshop) einige Assembly-Line-Schnittmuster in ihren Shop aufnahm und mich fragte, ob ich einen ausprobieren wolle - vielen Dank nochmal für den Schnitt und den sehr tollen Stoff. Ich entschied mich für das "Puff Shirt", ein Oberteil mit weiten, gerafften Ärmeln und einem interessant von schräg unten kommenden Brustabnäher.


Der Stoff ist ein sehr schöner feiner Twill aus Tencel, also ein Stoff in Köperbindung (die Webart, in der auch Jeansstoffe gewebt werden) aus einer hochwertigen Viskose. Tencel ist ein Markenname für eine Viskosefaser des österreichischen Herstellers Lenzing, für die nicht nur Holz, sondern zum Teil auch Reste von Baumwollstoffen aus der Industrie (z. B. Zuschnittreste) und sogar Baumwolle aus Altkleidern wiederverwendet werden, wenn man der Darstellung auf der Herstellerseite glauben darf. Der Stoff ist ein bisschen dicker und nicht so flatterig wie die meisten Viskosestoffe, er fällt aber durch die Webart sehr schön und wäre zum Beispiel auch für weite Hosen, Röcke und Kleider geeignet (und es gibt ihn außer in dem tollen Grün auch in einem Puderton). Der Stoff lässt sich sehr gut nähen und bügeln, aber man sollte ihn unbedingt vorwaschen, denn er ist beim ersten Waschen doch merklich eingelaufen.


Von dem Schnitt bin ich auch sehr begeistert. Ja, er ist schlicht - aber auf eine schwer zu beschreibende Weise merkt man mit etwas Näherfahrung, ob ein Schnittmuster "gut gemacht" ist, und das Puff Shirt ist sehr gut gemacht. Manche Schnittmuster wirken so grob, als wären sie mit einer Säge aus ungehobelten Brettern ausgeschitten worden. Zwar fügt sich alles zusammen, aber ohne Eleganz und man bekommt beim Nähen den Eindruck, als würde das ganze überhaupt nur funktionieren, weil sich Stoff zurechtziehen lässt. Bei anderen Schnitten passen die Kanten perfekt aufeinander, Passzeichen haben ein Sinn und das Teil näht sich wie Butter. Ich kann nicht genau sagen, woran das im einzelnen liegt, aber aus meinem Wissen über Schnittkonstruktion vermute ich, dass es bestimmte Feinheiten sind, die erfahrene Schnittkonstrukteurinnen beachten und die ein nur in einem Konstruktionsprogramm aufgestellter Schnitt nicht hat: Eine etwas eingestellte Naht hier, eine leicht gebogene Linie dort.


Das Puff Shirt gehört auf jeden Fall zu der Kategorie "eleganter Schnitt". Die Armkugel ist ziemlich hoch, der Stoff ließ sich aber sehr gut einhalten und die Ärmel passten gleich im ersten Anlauf ohne Falten in die Armlöcher. Der gepuffte Ärmel entsteht durch ein Bündchen mit einem breiten Gummiband, das nach innen geklappt und mit einer Naht am Ärmel fixiert wird. Das war die einzige Stelle, die mir an dem Schnitt nicht gefiel: Die Maschinennaht ist von außen sichtbar und wirkte in meinen Augen zu grobschlächtig. Ich habe das Bündchen stattdessen mit einem handgenähten Garnsteg im Inneren des Ärmels fixiert.


Am U-Boot-Ausschnitt reicht das Rückenteil an der Schulter über das Vorderteil, beide Seiten haben einen verstärkten Beleg, der von außen abgesteppt wird. Passend dazu habe ich den Saum auch abgesteppt. Die Anleitung ist beim Puff Shirt ist sehr ausführlich und hat sehr gute Zeichnungen, die an japanische Nähanleitungen erinnern, so dass ich die Schnitte von The assembly line auch für Anfänger empfehlen würde.


Von dem Ergebnis bin ich sehr angetan, mit der Farbe und den Ärmeln hat das Puff Shirt einen 70er-Jahre-Vibe, der mir sehr gefällt. Aus ganz dünner Viskose, Batist, Baumwollvoile oder feinem Leinen könnte man den Schnitt auch gut nähen, der Stoff sollte nur nicht zu labberig sein, damit die Ärmel gut ziur Geltung kommen.

Schnitt- und Stoffdetails

Schnitt: Puff Shirt von The Assembly Line (über Berliner Schnitte)
Stoff: grüner Tencel von Berliner Schnitte
Bügeleinlage (Vlies) für die Belege und breites Gummiband für die innenliegenden Ärmelbündchen

Mittwoch, 1. Juli 2020

Le 4001 von dp Studio und die Angst, etwas zu verpassen.


Wer mit mir schon einmal auf einem Stoffmarkt war, weiß: ich bin eine ziemlich kontrollierte Shopperin (was mich allerdings nicht davon abgehalten hat, über die Jahre ein ansehnliches Stofflager anzuhäufen). Was Schnittmuster angeht habe ich ein Burda-Abo, das die meisten Schnittwünsche abdeckt und ab und zu kaufe ich gezielt einen Indie-Schnitt, den ich gleich nähen möchte oder borge mir einen aus. Bei einer Aussage werfe ich meine innere Shoppingkontrolle allerdings sofort über Bord: "Wir nehmen einige Schnitte aus dem Programm". Sagt mir, dass ein Schnittmuster bald nicht mehr erhältlich sein wird, und ich überlege fieberhaft, ob ich es brauchen kann, nein, haben muss.


Ist das eine Unterart von FOMO - fear of missing out, die Angst, etwas zu verpassen? Ich kann es mir nicht anders erklären. Dabei weiß ich doch, dass kein Schnittmuster wirklich einzigartig ist, viele sind einander sogar sehr ähnlich oder lassen sich relativ einfach nachkonstruieren. Aber gegen den Gedanken "brauche ich das - solange es das noch gibt?" kann ich nichts machen, er tritt immer auf, wenn irgendwo ein Schnittmusterausverkauf angekündigt wird.


Als der französische Schnittmusteranbieter dp Studio vor einigen Wochen ankündigte, keine neuen Schnitte für Hobbyschneiderinnen mehr aufzulegen und die vorhandenen Papierschnitte jetzt nach und nach abzuverkaufen, musste ich natürlich sofort das Angebot scannen. Die Papierschnitte sind normalerweise so teuer - und es kommt noch teures Porto aus Frankreich dazu -, dass ich mich nie zu einer Bestellung durchringen konnte. Auch jetzt fand ich sie immer noch nicht gerade günstig und es war auch nicht mehr so richtig etwas dabei, was mich reizte, aber im Sommer 2018 hatte dp einige einfachere Schnittmuster als pdf herausgebracht und die waren - und sind - ebenfalls reduziert. Und so konnte ich für 4,83 € meiner "fear of missing out" begegnen.


Der Wickelrock Nummer 4001 ist wirklich einfach zu nähen, hat man erstmal das Herauskopieren von zwei großen Schnittteilen und das Zuschneiden überstanden. Der Bund, der in ein Bindeband übergeht, besteht einfach aus einem geraden, mit Einlage verstärkten Streifen. Auf der linken Seite wird der Streifen durch einen verstürzten Schlitz in der Seitennaht geführt.


Die Form des Rocks kommt einfach nur durch den Zuschnitt der Einzelteile zustande. Vorne gibt es ein längeres, unregelmäßig viereckiges Teil, das volantartig herabfällt. Hier ist auch die Rückseite des Stoffes zu sehen, man sollte also unbedingt ein Material nehmen, das auf beiden Seiten ansehnlich ist. Ich hatte das vorher nicht bedacht und einfach Glück, dass der Stickereistoff auf der Rückseite kaum Spannfäden hat und fast so aussieht wie auf der Vorderseite. Dann ist nur noch ein sehr, sehr langer Saum mit mehreren Ecken zu steppen, und das Teil ist fertig.


Der Stoff stammt übrigens vom Stofftauschtisch der Annäherung 2016. Stickerei liegt eigentlich so gar nicht in meinem Beuteschema, zu verspielt-romantisch, bei diesem Stoff gefielen mir aber die grafisch reduzierten Blumen. Ein bisschen verspielt ist der Rock durch den zipfeligen Saum nun doch geworden, aber ich bin ganz zufrieden - ein nettes, schnelles Projekt, das ich eigentlich nur dazwischenschob, weil ich von den Patchworkhemd, das ich vorher anfing, nicht mehr so überzeugt war. Ein neues Problem hat sich aber ergeben: ich habe zu wenig einfarbige Oberteile, die dazu passen. Die alte Oberteilschwäche mal wieder.
Menschen, die ihre Kleidung selbernähen, treffen sich heute wieder beim MeMadeMittwoch. Vielleicht finde ich da ja Ideen für Oberteile.



Schnittdetails:

Rock
Schnitt: 4001 von dp studio
Stoff: ca. 2,50 m Batist mit Stickerei, Einlage für Bund/Bindeband
Der stoff muss zwei ansehnliche Seiten besitzen. 

Oberteil
T-shirt mit Knoten, 125 aus Burdastyle 8/2016 - den Schnitt hatte ich (aus anderem Stoff) hier vorgestellt
Stoff: dünner Viskosejersey
Stoff: 

Mittwoch, 3. Juni 2020

MeMadeMittwoch: Eine Reminiszenz an das beliebteste Sommerkleid Europas 2019

Habt ihr letztes Jahr im Spätsommer die Geschichte des beliebtesten Sommerkleids Europas mitbekommen? Ich kann mich nicht mehr erinnern, ob es zu diesem Kleid auch in deutschen Medien Berichte gab (und finde jetzt keine Artikel dazu), der britische Guardian berichtete aber ziemlich groß darüber und diverse englischsprachige Frauenzeitschriften folgten.

Das Kleid, ein weites, halblanges Viskosekleid aus weißem Stoff mit schwarzen, unregelmäßigen Tupfen, das in Großbritannien 40 Pfund kostete, in den USA 50 Dollar, hatte sich zum viralen Sommerhit entwickelt. Es wurde von Frauen jedes Alters und jeder Figur getragen, es passte zu allen Schuhen und allen Anlässen, war bequem und unkompliziert und nicht zuletzt bildete es den Gegenentwurf zu einzwängender, körperbetonter Sommerkleidung, die den Körper permanent der Beurteilung anderer aussetzte. Das Kleid wurde so oft verkauft, dass die Wahrscheinlichkeit groß war, es auf der Straße an einer anderen Frau zu sehen - und laut Guardian nickten seine Trägerinnen einander in einer Art verschworener Schwesterschaft zu, wenn sie sich auf der Straße begegneten. Schließlich gab es sogar einen Instagramaccount, der allein diesem Kleid und seinen Trägerinnen gewidmet war. 


Die Erfolgsgeschichte dieses Kleides mit allen seinen offensichtlichen Vorteilen blieb irgendwie bei mir haften und entwickelte sich im Lauf des Frühjahrs zu dem Wunsch, etwas ähnliches zu nähen. Halblang, locker geschnitten, mit halblangen Ärmeln, moderatem Ausschnitt und je nach Zubehör (Strumpfhose oder nicht, Strickjacke oder nicht) für alle Monate zwischen März und November geeignet. Wenn von einem Kleid dieses Typs letztes Jahr vermutlich zehntausende Exemplare (genau weiß man das nicht) verkauft worden waren, dann doch bestimmt nicht ohne Grund.


Einen passenden Schnitt fand ich in Kleid 21 aus Fashion Style 7/2018, dem monatlichen Entwurf des niederländischen Labels Janice, wobei der Originalentwurf einen vorne kniekurzen, hinten langen Rock vorsah. Das Rockteil habe ich gleich am Schnitt großzügig verlängert, so dass es im Rückenteil nur noch zwei, drei Zentimeter länger ist als vorne.


Den Ärmelabschluss bilden Ärmelblenden, die in einem Stoffstreifen zum Knoten auslaufen. Diese Blenden habe ich mit Einlage verstärkt, ebenso wie den Blusenkragen und  die Kanten des Schlitzes darunter, die einfach nur umgeklappt und festgesteppt werden.


Die Teilungsnähte des Schnitts sind durch das Stoffmuster so gut wie nicht sichtbar, das ist etwas schade. Das ziemlich unruhige Muster finde an sich auch nicht einmal wirklich schön, aber für dieses Allround-Kleid ist es genau das richtige. Alle meine Schuhe, Strickjacken und fast alle Jacken und Mäntel passen dazu, und damit habe ich das beliebteste Sommerkleid 2019 recht gut reproduziert - wenn es auch, da Einzelstück, keine verschworene Gemeinschaft der Kleidträgerinnen gibt, was fast ein bisschen schade ist.


Details zu Stoff und Schnitt:

Schnitt: Kleid 21 aus fashionStyle 7/2018
Änderungen: Vorderes Rockteil verlängert, so dass der Rock vorne nur knapp kürzer ist als hinten, Schultern beim Einsetzen der Ärmel etwa 1 cm verschmälert
Material: 2,50 m gewebte Viskose (Viskosebatist), Einlage für Kragen, Ärmelblenden, Schlitzkanten im Oberteil

Menschen in selbstgenähter Kleidung treffen sich wie jeden ersten Mittwoch im Monat beim MeMadeMittwoch - wo Gastgeberin Elke heute mit der Wilder Gown ein Kleid zeigt, das auch eine gewisse Ähnlichkeit zum beliebtesten Sommerkleid des vergangenen Jahres zeigt. (Aber ihres hat Taschen, noch besser!)

Mittwoch, 6. Mai 2020

MeMadeMittwoch, Use-what-you-have-Edition

Die allerbeste private Investition der letzten Jahre: mein Stoff- und Nähzutatenlager. Hand hoch, wer sich in den letzten sechs Wochen auch zufrieden auf die Schulter geklopft hat, beizeiten ausreichende Materialvorräte angelegt zu haben! Ich konnte zuhausebleiben und weiternähen, als ob nichts wäre, und ich hätte noch Material für Projekte für die nächsten paar Monate, wenn nicht Jahre, wenn es darauf ankäme, und danach könnte ich immer noch mit den Resten weiternähen.


Die beiden Kleidungsstücke vom Foto sind aus Resten entstanden, allerdings schon Anfang des Jahres. Ich werfe Stoffreste bis auf ganz kleine Abschnitte nicht weg, sondern hebe sie, ordentlich zusammengefaltet, mit dem Gedanken auf, sie irgendwann als Kombinationsstoff zu verwenden oder mehrere Reste zu etwas ganz Neuem zu kombinieren. Wie man sich unschwer denken kann, ist es dazu bisher nicht so oft gekommen, wie ich mir gewünscht hätte. Nur die Restesammlung wurde immer größer.



Zum Jahreswechsel stand dann "endlich was aus den Stoffresten nähen" ziemlich weit oben auf der Projektliste, und dann erschien auch noch ein Artikel über Daniel Silverstein alias Zero Waste Daniel in der New York Times. Irgendwo hatte ich vor einiger Zeit schon einmal eine Artikel über seine Mode aus Stoffresten gelesen und einen Bericht gesehen (ich glaube es war dieser Beitrag) und daraufhin angefangen, alle Jerseyreste separat zu sammeln, aber es gilt ja das ewige Gesetz: Stoff sammeln ist einfacher als Stoff vernähen. Die Sache war dann doch wieder ins Hintertreffen geraten. Der NYT-Artikel war dann der Anlass, mich zur Inspiration durch Webseite und Instagram zu wühlen - außerdem gibt es einen Zero-Waste-Daniel-Youtubekanal, wo auch ein bisschen gezeigt wird, wie aus Resten ein neuer Stoff zusammengesetzt wird.



Das Shirt ist dann an einem Nachmittag entstanden. Ich suchte farblich zusammenpassende Jerseyreste aus, schüttete sie auf einen Haufen und setzte sie von den größeren Stücken ausgehend mit der Overlock zusammen. Die Schnittteile für das Shirt legte ich immer wieder auf, um gezielt Stoffstücke anzunähen, wo noch etwas fehlte. Es machte Spaß, mal so richtig ausgiebig mit der Overlock zu nähen, ich nähe ansonsten nicht viel mit Jersey. So ein Resteshirt ist das richtige Projekt, wenn man mal viel geradeaus nähen und wenig denken möchte.


Das Futter ist auch ein Rest, und weil es etwas kurz war, habe ich am Saum eine Spitzenborte angesetzt. (Außerdem muss man sich bei dem flutschigen Futterstoff dann nicht mit dem Säumen abplagen.)
Der Rock enstand auch Anfang Januar (in diesem Beitrag lag er schon auf dem Nähstapel). Der Schnitt für den "Skyline Skirt" aus dem Buch "Twinkle sews" eignet sich sehr gut für Reste, ich horte seit Jahren lauter 40-cm-Wollstoffreste allein für diesen Schnitt. Hier kombinierte ich einen Rest dunkelgraue Viskose-Wollmischung mit einem Pfeffer-und-Salz-Tweed mit Glitzer, den ich einmal in Bielefeld vom Tauschtisch mitgenommen hatte (und der beim Bügeln ziemlich giftig roch, wahrscheinlich wegen dem Lurex). Ich hätte aber noch Reste für zwei oder drei weitere Skyline Skirts.



Normalerweise würde ich diese beiden Kleidungsstücke nicht unbedingt miteinander kombinieren. Gerade was das Shirt betrifft, ist die Grenze zu merkwürdiger Ökomode wahrscheinlich fließend (oder möglicherweise je nach Betrachterin auch schon überschritten). Trotzdem hat es etwas sehr Befriedigendes, aus einer Tüte Stoffreste, die man auch hätte wegwerfen können, wieder ein richtiges Kleidungsstück zu nähen, und ich ziehe das Shirt regulär im Wechsel mit meinen anderen Langamrshirts an, meistens unter einer Strickjacke oder einem Pullover. Weitere werden sicher folgen, öko oder nicht - auch Stoff ist ein Rohstoff, mit dem man sparsam umgehen sollte, und davon abgesehen macht auch das Nähen einfach Spaß. Ein Detailfoto vom Shirt liefere ich hier noch nach - mir fällt erst jetzt ein, dass das ja interessant gewesen wäre! Bilder oben eingefügt (7.5.2020)


Menschen in ihrer selbstgenähten Kleidung treffen sich heute - wie jeden ersten Mittwoch im Monat - beim MeMadeMittwoch.

Mittwoch, 1. April 2020

Ein regenfester Trenchcoat - Isla von named clothing


Heute hätte die Präsentation dieses schon vor zwei Monaten fertiggenähten Trenchcoats beinahe wieder nicht geklappt, weil ich den MeMadeMittwoch-Termin fast vergessen hätte. Ehrlich, ich weiß nicht, wie es euch geht, aber wer hat nur das Gerücht in die Welt gesetzt, derzeit könne man die Entschleunigung leben, mal wieder ein gutes Buch lesen, sich auf das Wesentliche besinnen, die Beziehungen im Familienverband stärken, so als wären wir alle kollektiv in einen luxuriösen Wellness-Achtsamkeitsurlaub geschickt worden? Ich habe genauso viel zu tun wie vorher auch, und dazu noch diverse Sorgen um Familienangehörige, Einkommen und die Zukunft obendrauf, ich brauche keine Tipps "gegen die Langeweile zuhause", lese und nähe weniger als im Januar und Februar, und ich habe den Eindruck, so wie mir geht es gerade den meisten Menschen.


Dass heute MeMadeMittwoch ist, wäre so fast an mir vorbeigegangen, aber immerhin ist der Liebste derzeit zuhause im Urlaub und konnte am Nachmittag auf dem Hof noch schnell ein Foto von mir machen. Im Moment sind die Temperaturen nämlich immer noch nicht danach, dass man einen Trenchcoat tragen könnte, vorgestern hatte es sogar geschneit. 


Der Schnitt des Trenchcoats Isla vom finnischen Schnittmusterlabel named clothing ist bewährt, getestet und geliebt - den ersten Mantel nach dem Schnitt nähte ich 2017, leider aus einem wenig geeigneten Stoff. Der grüne Baumwollsatin schabte sich an den Kanten ziemlich schnell ab, auf einer Seite fing ich mir dann noch eine Art Bleichefleck ein, und der Mantel sah schon im letzten Frühhjahr aus, als würde ich darin wohnen.


Da der Schnitt aufwendig und sehr detailreich ist - man muss allein ein halbes Dutzend schmale Streifen für diverse Schlaufen, Riegel und Gürtel verstürzen und absteppen, was schon einge Stunden dauert - war mir klar, dass ich den Ersatzmantel nicht mal eben nebenher nähen würde und nahm mir das Projekt für das Annäherungs-Nähwochenende im Januar vor. Mir Carola Nähkatze, die ihren fertigen Mantel schon vor zwei Wochen gezeigt hatte und Birgit fand sich bei dem Treffen sogar eine kleine Trenchcoat-Neigungsgruppe zusammen. Birgit und ich kauften unabgesprochen sogar denselben Stoff für das Projekt, einen marineblauen Bibernylon von Stoff&Stil.


Der Bibernylon ist ein sehr robuster Stoff in Köperbindung aus 50% Baumwolle und 50% Nylon und aufgrund des Materials wasserabweisend, das heißt ein Regenschauer perlt daran ab, für stundenlange Wanderungen im Dauerregen wäre das Material aber nicht geeignet. Ich nehme an, dass es Biberylon ("Biber-" wie bei Biberbettwäsche) heißt, weil die Unterseite des Stoffes matt, rau und fast ein bisschen flauschig ist (oder es handelt sich einfach nur um eine wörtliche Übersetzung aus dem Dänischen (Stoff&Stil ist ein dänisches Unternehmen) und es müsste in Wirklichkeit auf Deutsch ganz anders heißen). Der Stoff ist jedenfalls ziemlich fest, mit einem guten Fall, lässt sich mit einer relativ feinen, spitzen Nadel (höchstens 80er) gut nähen und auch gut bügeln. Beim Absteppen der schon erwähnten Riegel muss man mit Nadel und Stichlänge ein bisschen herumprobieren, denn das Material ist so dicht, dass die Nadel bei doppelten Lagen stark abgebremst wird und die Fadenverschlingung der Naht gerade auf der Unterseite nicht mehr so gut aussieht.


Das Schnittmuster war jetzt im zweiten Durchgang ganz unproblematisch, ich habe den Schnitt einfach so, wie er war, noch einmal genäht, ich wusste ja, dass er passt. Größe 40 fand ich genau richtig, weil die Ärmel und Schultern ziemlich schmal ausfallen und ich dicke Pullover unter dem Mantel tragen möchte. Ich finde aber ziemlich überraschend, dass der neue Mantel durch den stärker glänzenden Stoff ganz anders wirkt, zumindest auf den Fotos. In Wirklichkeit fällt der Glanz nicht so stark ins Auge, scheint mir.


Am Nähwochenende wurde ich natürlich nicht komplett fertig (und eine Tasche musste ich zweimal nähen, weil ich sie verkehrtherum eingesetzt hatte), aber was zuhause noch zu tun war, hielt sich in Grenzen: Gürtelschlaufen annähen, Außenmantel und Futter verstürzen, Knopflöcher einnähen, Knöpfe annähen und zuallerletzt den Schlitz im Rückenteil durch alle Lagen schräg zusteppen, so dass es von innen und von außen ordentlich aussieht. Das war die größte Herausforderung bei diesem Projekt, ich habe an zwei Abenden ungefähr 15mal getrennt und wieder neu gesteppt. Und so habe ich tatsächlich ohne die sonst übliche mehrmonatige Ablagerungszeit innerhalb von 4 Wochen einen neuen Mantel genäht, ich kann es selbst kaum glauben.

Mehr Selbstgenähtes gibt es heute beim MeMadeMittwoch, der Vernetzungsaktion für Menschen, die ihre Kleidung selbst nähen, immer am ersten Mittwoch im Monat, der nächste Termin ist der 6. Mai.

Die technischen Details in Kürze:

Schnittmuster: Isla Trenchcoat, named clothing  
Stoff: knapp 4 Meter Bibernylon marine von Stoff&Stil
hellblaues Viskosefutter
Genähte Größe: 40. Der Schnitt hat relativ schmale Ärmel
Änderungen: Im Vorderteil nur 10 Knöpfe statt 12 (unterstes Paar weggelassen)
Isla Nummer 1 hier. 

Mittwoch, 4. März 2020

Endlich seriös: Beryl bomber dress (named clothing) in Nadelstreifen


Vor ein paar Wochen hatte ich bei der Präsentation meines aktuellen Stoff- und Projektestapels ja schon angemerkt, dass ich einen ansehnlichen Vorrat an Herrenanzugstoffen in Grau- und Blautönen besitze. Anzugstoffe sind die Stoffart, die ich mit den Gedanken "wie schön" und "kann man immer brauchen" in den vergangenen Jahren sehr oft ohne einen konkreten Plan gekauft hatte. Schließlich kann man ja auch so gut wie alles daraus nähen: Hosen, Röcke, Kleider, Blazer - unter Umständen auch Mäntel oder gar Chaneljacken. Ich schreibe mit Absicht das unpersönliche "man", denn ich habe bisher wirklich sehr wenig davon verarbeitet. 



Getreu dem Vorsatz, dass 2020 das Jahr werden muss, in dem Vorräte angeschnitten werden, wurde aus einem Nadelstreifenstoff von 2010 ein Beryl Bomber Dress von namedpatterns - ein Kleiderschnitt, der an den Schnitt sportlicher Blousonjacken mit Rippenstrickkragen angelehnt ist. Ich stellte es mir gut vor, den sportlichen Schnitt mit Metallreißverschluss und Gummizügen mit so einem konservativen, eleganten Material zusammenzubringen.


Das Ergebnis finde ich wirklich nicht schlecht, das Kleid passt durch diese Stilmischung mehr oder weniger überall hin, ohne total over- oder underdressed zu sein. Während ich beim Ansa-Kleid vom letzten MeMadeMittwoch oft gefragt werde "ob ich noch etwas vorhabe", fügt sich Beryl besser in den Alltag ein und fällt anscheinend nicht weiter auf - ähnlich wie der dunkle Herrenanzug, der Mitte des 19. Jahrhunderts zur Uniform des respektablen, fleißigen, bürgerlichen Mannes wurde.


Vielleicht funktioniert diese Assoziationskette vom Stoff zum Charakter ja noch immer, obwohl dunkle Anzüge bei der Arbeit in den meisten Branchen ja nicht mehr üblich sind? Noch dazu trägt sich das Kleid dank Gummizug und der allgemeinen, wenn auch etwas ungewohnten, Weite sehr bequem - und wenn der Stoff noch dazu Seriosität, Fleiß, Rechtschaffenheit und Kompetenz ausstrahlt und diese Eigenschaften auf mich abfärben, soll mir das nur recht sein.

Lauter kompetente, gut gekleidete Frauen versammeln sich wie an jedem ersten Mittwoch im Monat  beim MeMadeMittwoch.

Hier noch einige Details zum Schnitt:


Die Schulterpartie ist bei diesem Kleid sehr interessant konstruiert: Der Strickkragen ist tief heruntergezogen und bildet einen mittelgroßen Ausschnitt. Die Ärmel sind im Prinzip Kimonoärmel, sie gehen in die Rückenpasse bzw. in das obere Vorderteil über. Oben auf Schultern und Ärmeln verläuft eine Naht.


Die großen Taschen sind seitlich aufgesetzt - durch die schräge obere Kante geht auch nicht viel hinein, weil der hintere Teil der Tasche (den man auf diesem Foto allerdings nicht sehen kann) nicht besonders tief ist.


Tailliert wird das Kleid durch einen Gummizug. Die Enden des Gummis verschwinden unter dem Reißverschlussbeleg und werden dort festgenäht. Das ist so ein gut durchdachtes Detail, für das ich die Schnitte von Namedpatterns liebe. Den Tunnel für das Gummiband habe ich aus einem abgekettelten Stoffstreifen genäht - laut Anleitung soll man hier "ein breites Band" aufsteppen, sowas hatte ich nicht zur Hand.


Bei mir sind Taillen- und Ärmelgummiband jeweils 3,5 cm breit, eigentlich sollte das Taillengummi breiter sein. Die genaue Position des Taillengummis bestimmt man am besten ganz zuletzt, wenn das Kleid ansonsten fertig ist - ich habe den Tunnel nach dem ersten Versuch wieder etwa 1 cm hochgesetzt, nachdem ich das Oberteil in Brusthöhe vorher um 1,5 cm verlängert hatte - also eine Änderung, die ich mir hätte sparen können.

Schnittmuster: Beryl Bomber Dress von named clothing
Änderungen: Oberteil auf der Brustlinie 1,5 cm verlängert - Taillengummi später aber wieder ca. 1 cm hoch gesetzt
Stoff: 2 Meter Woll-Viskose(?)-Mischung, grau mit Streifen
Zubehör: Metallreißverschluss 60 cm, Gummiband 3,5 cm breit, grauer Rippenstrickstoff

Verlinkt beim MeMadeMittwoch, der monatlichen Verlinkungsaktion für Selbstgenähtes.