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Mittwoch, 18. September 2019

Termine, Termine: Buchvorstellung, Workshops, Buchmesse und ein Podcast

Woran merkt man, dass der Herbst wirklich da ist? Ein Indiz neben gelben Blättern und deutlich kürzeren Tagen sind auch die auf einmal überall aufploppenden Veranstaltungen in geschlossenen Räumen. Konnte ich vor drei Wochen nicht einmal den Gedanken ertragen, einen ganzen Nachmittag oder Abend drinnen zu sitzen, erscheint es mir auf einmal ungeheuer attraktiv, zu einer Lesung, einem Workshop oder einer Messe zu gehen und auch das heimische Sofa hat sehr an Anziehung gewonnen.

Hier sind Termine der nächsten Wochen:


Buchvorstellung und Diskussion Zur Hölle mit der Mode in Berlin


Am Samstag, 19. Oktober ab 14.30 Uhr lese ich aus Elizabeth Hawes' "Zur Hölle mit der Mode" bei erna & gustav - Organic Comfort Clothing in der Wildenbruchstraße 84, 12045 Berlin mit anschließender Diskussion über die Mode-Hölle heute.

Das Buch von Elizabeth Hawes über die Praktiken der Modebranche in den 1920er und 1930er Jahren ist nämlich hochaktuell: Schon damals wurde die Qualität dem Profit geopfert und der Kundin wurde eingeredet, sie müsse immer mehr modische, aber kurzlebige Kleidung kaufen. Elizabeth Hawes deckt diese Mechanismen auf und plädiert dafür herauszufinden, was man in Sachen Bekleidung wirklich will und braucht, wobei auch der Spaß nicht zu kurz kommen muss.

Um etwas vorplanen zu können, meldet euch gerne über erna & gustav an oder bei mir, Constanze, unter info AT schnatmeyerundderham.de. Der Eintritt ist frei.


Stoffkunde- und Upcycling-Workshops beim Lillestofffestival


Ein Wochenende (oder einen Tag) mit vielen Gleichgesinnten durchnähen und etwas Neues ausprobieren? Dafür ist das Lillestoff-Festival am 28. und 29. September in Hannover, das jetzt schon zum sechsten Mal stattfindet, genau das richtige.

An beiden Tagen biete ich einen Stoffkunde-Workshop und einen T-Shirt- und Jeansrettungsworkshop an - auf der Festivalseite finden sich aber auch noch jede Menge andere interessante Workshopangebote, von Blogfotografie über Stoffmalerei, Grundschnitterstellung oder Futterverarbeitung. Besonders toll: Man kann sich für einen geringen Betrag vorab eine Leihnähmaschine reservieren. Das Festivalprogramm findet sich hier und die Tickets für die Kurse hier.


Schnatmeyer & Derham auf der BuchBerlin 2019


Einen ganzen Tag in Büchern kleiner, unabhängiger Verlage blättern kann man auf der BuchBerlin 2019 am 23. und 24. November im Hotel MOA Berlin (U Birkenstraße). Susanne und ich haben wieder einen Stand und bringen natürlich alle unsere Bücher mit.

Die Messe wird von einem gemeinnützigen Verein organisiert, der sich der Leseförderung verschrieben hat, daher sind Kinderbücher ein besonderer Schwerpunkt. Es gibt aber auch viele Bücher und Verlage, die Genres bedienen, die es bei den Großverlagen sehr schwer haben wie Fantasy und Science-Fiction. Susanne und ich sind mit unseren Textilbüchern auch da ziemlich exotisch - wir machen eben etwas, das sonst kein anderer macht. Tickets für die Messe kann man vorab über die Webseite der BuchBerlin kaufen oder direkt auf der Messe.


"Zur Hölle mit der Mode" im Passt-Podcast von Crafteln


Und bei meinem letzten Vorschlag kommt auch das Sofa zu seinem Recht: Meike alias Frau Crafteln hat in ihrer aktuellen Podcast-Serie über Kleidung in Folge #32 das neue Buch Zur Hölle mit der Mode gelesen - Elizabeth Hawes' Beobachtungen über Stil und Mode von 1938 treffen nämlich auch heute auf den Punkt: Nur, wer sich Kleider maßanfertigen (lassen) kann, kann genau das tragen, was den persönlichen Vorlieben, der Lebenssituation und der Persönlichkeit entspricht. Wer auf Kaufkleidung angewiesen ist, muss nehmen, was gerade Mode ist - von den Problemen mit Passform und standardisierten Kleidergrößen mal ganz abgesehen. Den Passt-Podcast von Crafteln kann man direkt auf ihrer Seite hören oder auch über die gängigen Podcast-Seiten beziehen.

Übrigens hoffe ich, bald auch in Berlin einen Stoffkunde-Workshop anbieten zu können - ich halte euch auf dem Laufenden. 

Dienstag, 6. August 2019

Entdeckung in der fränkischen Provinz: Das Klöppelmuseum Burg Abenberg und das Fabrikmuseum Roth


Zur Reiseplanung gehört für mich die Suche nach textilrelevanten Zielen unbedingt dazu: Gibt es in der Gegend, in die ich fahre, eine besondere textile Handwerkstradition, bestimmte typische Techniken oder Materialien, gibt es Modeausstellungen, textiles Kunstgewerbe oder Industriemuseen? Die Suche ist oft ziemlich zeitraubend und nicht sehr erfolgreich, weil viele kleinere Museen kein nennenswertes Budget für Öffentlichkeitsarbeit haben und nur kleine Webseiten, die schlecht gefunden werden. Man muss also oft genau wissen, was man sucht - oder aus Zufall darauf stoßen.

Nach Mittelfranken fahre ich seit Jahren regelmäßig zu Familienbesuchen. Vom Klöppelmuseum in Abenberg habe ich trotzdem erst vor kurzem erfahren - wenn ich mich richtig erinnere war in der Lokalzeitung, in der ich bei der Verwandtschaft ab und zu blättere, ein Bericht über irgendeine Veranstaltung in Abenberg, in dem das Museum erwähnt wurde.


Abenberg ist eine Kleinstadt mit (laut Wikipedia) etwa 5500 Einwohnern. Die Burg, deren Ursprünge wahrscheinlich auf das 10. Jahrhundert zurückgehen, thront sehr beindruckend auf einem langgestreckten Hügel über dem Ort und ist schon von Weitem zu sehen. Beste Herrschafts- und Dominanzarchitektur, wobei die Türme (in einem davon ist ein Burghotel untergebracht) im 19. Jahrhundert romantisierend wiederaufgebaut wurden - daher die Zinnen und die Ecktürmchen wie aus einem Dornröschenfilm.

Das Klöppelmuseum ist in einem kleinen Nebengebäude im Burghof untergebracht und ihm gelingt es, mit einer tollen, modernen Ausstellung nicht nur die Technik des Klöppelns und die Geschichte des Klöppelns in der Region zu erklären, sondern auch den Kontext, in dem dieses Handwerk ausgeübt wurde - was geklöppelt wurde, wer die Frauen waren, die klöppelten und unter welchen Umständen sie lebten und nicht zuletzt, wer sich Geklöppeltes überhaupt leisten konnte. In der zweiten Etage gibt es wechselnde aktuelle Ausstellungen, im Moment werden geklöppelte Mantillas aus Spanien gezeigt, ab 22. September zeitgenössische Spitzenkunst.

Metallborten waren das Spezialprodukt der Abenberger Klöpplerinnen

In Abenberg wird seit etwa 1770 geklöppelt, als Zubrot zu der Arbeit auf dem Feld in dieser sehr armen Gegend. Die Klöppelei wurde dabei schon bald mit einem System von Zwischenmeistern organisiert: Die Zwischenmeister boten mit Hilfe von Musterbüchern Borten und Spitzen in großem Stil an und sammelten Aufträge ein, die sie an eine Schar von Heimarbeiterinnen weiterreichten. Die Klöpplerinnen arbeiteten häufig unter großem Termindruck, auch Kinder mussten schon frühzeitig mithelfen. Dazu ging die Arbeit zuhause vonstatten, in den typischen, schlecht beleuchteten fränkischen Bauernstuben mit den kleinen Fenstern. Die Ausstellung enthält einige Interviews mit Klöpplerinnen aus dem Ort, die diese Auftragsarbeiten Mitte des 20. Jahrhunderts noch miterlebt hatten.

Klöppel und Klöppelkissen aus verschiedenen Ländern gibt es im Museum - die Papprolle in der Mitte stammt zum Beipsiel aus Malta.

Da hatten sich die Abenberger Klöpplerinnen allerdings schon professionalisiert: Zum einen spezialisierte man sich in Abenberg Mitte des 19. Jahrhunderts auf das Klöppeln mit feinen Drähten, Lahn (flachgeklopftem Draht) und metallumwundenen Fäden, aus denen Metallborten für lithurgische Gewänder, Trachten und luxuriöse Kleidungsstücke entstanden und bot damit Produkte an, die von Klöpplerinnen andernorts nicht hergestellt werden konnten. Zum anderen wurde mit der Einrichtung einer Klöppelschule die Wissensweitergabe gesichert und die Arbeitsbedingungen der Klöplerinnen verbessert: Sie klöppelten jetzt gemeinsam in den Räumen der Klöppelschule und konnten sich so zum Beispiel die Ausgaben für die Beleuchtung teilen.  


Die Sonderausstellung zeigt zur Zeit Mantillas aus Spanien

Die Klöppelschule gibt es heute noch - und wenn man der Museumsmitarbeiterin glauben darf, ist die Klöppeltradition im Ort noch sehr lebendig. Die Kinder des Ortes lernen weiterhin das Klöppeln, für Zugezogene scheint es zum guten Ton zu gehören, wenigstens einmal einen Kurs besucht zu haben und jedes Jahr im September gibt es ein Klöppelfest (2019 am 22.9.).

In der Ausstellung wurde ich auch auf ein weiteres Museum in der Region aufmerksam: Die Metallfäden, mit denen geklöppelt wurde, wurden nämlich unter anderem in Roth hergestellt - die sogenannte "Leonische Industrie", ein Begriff, den ich noch nie zuvor gehört hatte. Im Fabrikmuseum Roth kann man Sonntags die alten Maschinen in Aktion erleben. Den Besuch in Roth habe ich mir für den nächsten längeren Familienbesuch vorgenommen. Eventuell lohnt sich auch ein Besuch in Allersberg, wo das Gilardi-Anwesen - ein prächtiges Haus aus dem 18. Jahrhundert mit Fabrikgebäude - gerade restauriert wird. Die Gilardis stellten vom 18. Jahrhundert bis ins Jahr 2006 Drahtprodukte her, zuerst die Gespinste zum Klöppeln und für andere textile Techniken, zuletzt vor allem Weihnachtsbaumschmuck. 

Klöppelmuseum Abenberg
Burgstr. 16 91183 Abenberg 

Im März, November und Dezember immer Donnerstag bis Sonntag von 11-17.00 Uhr geöffnet
April bis Oktober Dienstag bis Sonntag von 11-17.00 Uhr geöffnet
Januar und Februar geschlossen 

Samstag, 15. Juni 2019

Punchen, Sashiko, Hebemaschen und andere Neuigkeiten von der hh Cologne


Ende März war ich auf der handarbeit + hobby in Köln, der deutschen Fachmesse für die Handarbeitsbranche, auf der Stoff-, Garn- und Zubehörhersteller ihre Angebote zeigen. Beim mehr oder weniger systemtischen Wandern durch die vier Hallen (diesmal in netter Begleitung der Drehumdiebolzeningenieurin) habe ich einiges gesammelt, was mir interessant und neu erschien. Sozusagen "die Trends", so weit ich sie erkennen konnte. Denn mir scheint - das war auch ein Thema einiger Gespräche, die ich auf und am Rande der Messe hatte - so ein richtiger neuer Trend ist derzeit nicht sichtbar.

Ob ich Lampenschirme aus Wolle außerhalb einer Handarbeitsmesse cool finde, weiß ich noch nicht.

Die Instagram-Ästhetik ist mittlerweile allgegenwärtig und mehr oder weniger durchgespielt: Weiß und Pastellfarben (im Moment Lachsrosa/Koralle und pudriges Zitronengelb), Kupfer und Gold, dazu Streifen und Rauten, Rattan und Marmor, Dschungelpflanzen und Kakteen und überall Alpakas, die jetzt aber als Lamas bezeichnet werden - war das nicht im letzten Jahr schon genauso? Und findet man diese Versatzstücke nicht auch schon bei den Mittelgangangeboten der Supermärkte? Nicht so einfach, das zu beurteilen, vermutlich hat es nicht viel zu bedeuten, dass unsereiner in der DIY-Blase diese Dinge schon x-mal gesehen hat - "draußen" ist es denkbar, dass makrameegeknüpfte Blumenampeln wirklich noch total neu und aufregend sind.

Puschelkissen bei Rico design


Stricken


Für Handstrickerinnen ist die Messe wirklich ein Eldorado: Neben den großen Garn- und Strickzubehörherstellern gibt es eine Menge kleinerer Garnproduzenten und Handfärberinnen und man kann viele Garne, von denen man sonst nur im Internet liest, tatsächlich in die Hand nehmen.

Hier weiß ich leider nicht mehr, von welchem Stand das Foto stammt...

Die sehr, sehr dicken Garne für Nadelstärke 10 aufwärts, die mir letztes Jahr auf der Messe gerade bei den großen Firmen auffielen, waren jetzt nicht mehr so verbreitet, vor allem wurden sie nicht mehr so oft zu Kleidungsstücken verarbeitet, eher noch zu Kissen und Teppichen aller Art. Es scheint sich herumgesprochen zu haben, dass sich sehr grober Grobstrick nicht besonders gut trägt und für Innenräume meistens zu warm, für draußen aber zu winddurchlässig ist und zu voluminös, um eine Jacke darüber anzuziehen.

Feines Garn bei Rico design

 Mohairgarne und Flauschiges findet man weiterhin sehr viel, sowohl sehr feines in Lacequalität, als auch Garne in mittlerer Stärke, die man mit Nadelstärken von 5 oder 6 verstrickt. Häufig ist ein ganz feiner Lurexfaden dabei, so dass die Garne unter dem Flausch ein ganz leichtes Glitzern zeigen.Im Knäuel sind diese Garne schwer fotografierbar, aber Jetztkochtsie hat gerade so ein Garn verarbeitet und ist schwer begeistert (ich auch!).

Nie wieder kalte Beine! (Stand unbekannt)
 Die dänische Firma Gepardgarn hatte wunderschöne Mohair- und Merinogarne, letztere auch handgefärbt in den seit einigen Jahren beliebten gesprenkelten, sehr kurzen Farbverläufen. Bei den Strickmodellen am Stand wurde Mohair und gesprenkelt gefärbtes glattes Garn gemeinsam in Hebemaschenmustern verstrickt, so dass raffinierte sanfte Farbschattierungen entstanden. Auch haptisch eine Wucht, fühlt sich sehr luxuriös an.

Gepard Garn aus Dänemark

Hebemaschenmuster bei Gepard Garn

Die Hebemaschenmuster - die im Internet schon überall sind - sah man an vielen Ständen, aber bei keinem so virtuos eingesetzt wie bei Gepard Garn. Die Strickanleitungen gibt es auf der Webseite und unter dem Namen Sus Gepard bei ravelry, das Garn in etwa einer Handvoll deutscher Wolläden (Bezugsquellen auf der Webseite). Ich bin vor allem von den vielen schönen Blau- und Blaugrautönen hingerissen.

Dann musste ich noch Jetztkochtsieauchnoch am Stand von Addi Hallo sagen (wenn man schon mal eine kennt, die an einem Stand steht!). Addi ist ein traditionsreicher deutscher Strick- und Häkelnadelhersteller mit wirklich hochwertigen Nadeln, die trotzdem sehr vernünftige Preise haben. Da ich größtenteils immer noch mit einem Fundus alter Rundstricknadeln von meiner Mutter aus den 70ern und 80ern stricke (mit allen Nachteilen wie widerspenstigen Seilen und höckrigen Übergängen vom Seil zur Nadel), sind die Nadeln tendenziell interessant für mich, denn ab und zu muss ich mal die eine oder andere Nadelstärke nachkaufen und außerdem ist es ist spannend zu sehen, wie man am Nadeldesign schrauben kann, um die Stricknadel noch zu verbessern. Neu in diesem Jahr sind Rundstricknadeln mit strukturierten Spitzen, von denen gerade Lacemuster mit vielen Umschlägen nicht so schnell herunterrutschen sollen.

Das sensationelle Strickkleid kann man nur erahnen - und die Strickjacke ist natürlich auch selbstgemacht

Danach besuchte ich natürlich auch noch Feierabendfrickeleien, die andere Hälfte des Frickelcast-Duos am Stand von Pony Needles - wobei ich ehrlich gesagt von den bunten Strick- und Häkelnadeln gar nichts wahrgenommen habe (und dass es auch Nähzubehör gibt, sehe ich erst jetzt auf der Webseite), denn Steffi trug ein sensationelles schwarzes Strickkleid, das - wenn ich das richtig sehe - entstanden ist, bevor sie bloggte, und daher nicht in ihrem Blog zu finden ist. Das Armband mit aufgenähten Druckknöpfen hat eine Pony-Mitarbeiterin aus Indien für die Standbesatzung gemacht.

Stoffe


Für Stoffe ist die h+h im allgemeinen keine so gute Adresse - es gibt vor allem die hyperbunte Holland-Stoffwarktware oft von zweifelhafter Qualität, das war dieses Jahr nicht anders als in den Jahren zuvor.

About Blue - hochwertige Jersey- und Sweatstoffe aus Belgien

Nochmal Stoffe von About Blue

Die Drehumdiebolzeningenieurin und ich suchten also gleich direkt den Stand von Lotte Martens, der Frau mit den tollen, metallisch-handbedruckten Stoffen. Sie teilte sich den Stand diesmal mit der ebenfalls belgischen Firma About Blue. Die lohnt es sich auch im Auge zu behalten - sehr schöne hochwertige Sweat- und Jerseystoffe mit grafischen Mustern und passenden Uniqualitäten gab es da.

Stoffe von Lotte Martens

Und bei Lotte Martens gibt es die Stücke mit metallischen Bordürendruck jetzt auch in doppelter Länge, also 1,20 Meter über die ganze Stoffbreite (vorher gab es nur 60-cm-Stücke), das vervielfacht die Möglichkeiten, was man daraus nähen kann. Unseren Wunsch nach Stoffen in kalten Farben gaben wir für alle Fälle auch zu Protokoll - die Farbtöne, die es gibt, von mattem Pfefferminzgrün über Lachsrosa und Senfgelb sind toll, keine Frage, und passen auch gut zusammen, sind aber für die Drehumdiebolzeningenieurin und mich nichts. Das kalte Farbspektrum ist einfach nicht die Farbwelt der Designerin, aber vielleicht findet sie ja einen Zugang zu Blau- und Blaugrautönen und blaustichigem Rot (wobei ich seit September ja einen dunkelblauen Coupon mit Kupferdruck habe und ihn nur streichle).

Ganz kurz schauten wir auch bei Atelier Brunette, dort durfte man aber nur eingeschränkt forografieren - udn die Musterstoffe sind, da viel senfGelb udn Altrosa, oft auch gar nicht so mein Fall Aber traumhaften Viskosecrêpe in blaustichigem Dunkelgrün und in Bordeauxrot hatte ich da in der Hand - den einfarbigen Crêpe gibt es in 12 Farben, und das ist wirklich bester Stoff.

Neue alte Techniken: Needlepunchen und Sashiko


Der Riesenstand von Rico Design ist immer ein guter Anhaltspunkt für die Großtrends und für andere Techniken als Nähen und Stricken, die in nächster Zeit in Bastelläden wie Idee auftauchen werden und sich dann von da aus den Weg in die Niederungen des Einzelhandels bahnen und womöglich in zwei Jahren als Bastelpackung bei Tchibo zu haben sind. (Kleinere Anbieter gibt es in diesem Bereich auf der Messe nur wenige oder genauer gesagt: Die kleinen Anbieter haben sich fast alle auf Stickpackungen spezialisiert, deren Designs ich unfassbar scheußlich finde. Wer diese ganzen Packungen für Stickbilder mit Pony unter Palmen vor Sonneuntergang eigentlich kauft, muss ich noch herausfinden.)

Einer dieser neuen alten Techniken ist Needlepunchen, needle punch embroidery, eine Technik, für die es meines Wissens keinen deutschen Namen gibt, die aber in englischsprachigen DIY-Blog-Kreisen seit Jahren  immer mal wieder auftaucht. Diese Stickerei kann mit Stickgarn genauso wie mit Wolle ausgeführt werden. Eng verwandt mit der Technik ist das Rug Hooking, eine traditionelle Form der Teppichherstellung aus Stoffstreifen, die mit einer Art Häkelnadel durch Jutegewebe gezogen werden. Beim Needlepunchen arbeitet man aber von der Rückseite der Arbeit aus mit einer speziellen Nadel, durch die das Garn gefädelt wird. Die flauschigen Schlaufen entstehen auf der anderen Seite, auf der man nicht einsticht.

Punchnadeln von Rico design

Mit der Technik lassen sich schön strukturierte Oberflächen gestalten, mit Garnschlaufen in verschiedenen Höhen. Mir gefällt das vor allem mit dickeren Garnen aus Wolle, weil dabei teppichartige Flächen entstehen und man so seinen eigenen Stoff gestalten kann, aus dem man zum Beispiel Taschen nähen könnte.

Punchneedle-Stickerei bei Rico design

Für das Needlepunchen mit feinerem Garn, zum Beispiel Stickgarn, fällt mir hingegen so recht noch keine Verwendungsmöglichkeit ein. Da der Untergrundstoff sowohl durchlässig, also locker gewebt, als auch stabil sein muss, bietet es sich nicht an, gepunchte Verzierungen direkt auf Bekleidung zu sticken.

Rico Design bietet Punchnadeln in zwei verschiedenen Stärken an, Untergrundsroff, Bastelpackungen und ein ziemlich gut gemachtes dickes Anleitungsheft mit Modellen, fast ein Buch zum Thema. Die Variante mit dickem Strickgarn würde ich tatsächlich gerne einmal ausprobieren, und für die Stick-Variante schaut man wohl am besten mal im englischsprachigen Internet nach Anfregungen, da die Technik dort ja nichts Neues ist. Gute Tutorials zum Neeldepunchen gibt es übrigens bei der Schiffchenschieberin.

Neu interpretiertes Sashiko bei Rico design

Das zweite große Thema: Sashiko, die tradtionelle japanische Stickerei, modern abgewandelt, aber in den traditionellen Farben Dunkelblau und Weiß und mit naturfarbenem Garn auf Leinen. Rico Design hat sich Baumwoll-Meterware mit vorgedruckten Mustern ausgedacht, die man ganz oder teilweise nachsticken kann.

Zu der Meterware mit Sashikomustern gibt es verschiedene andere passende Stoffe

Nochmal Sashiko, nochmal Rico design

Da das Übertragen der Muster immer das Langwierigste (und unspaßigste) beim Sticken ist, finde ich das eine ganz gute Idee - die Meterware lässt einem alle Verarbeitungmöglichkeiten offen und es gibt dazu passende einfarbige und gemusterte Stoffe. Und es ist mal nicht Rosa oder Pastell, das begrüße ich sehr! Da es zur Zeit einige neue englischsprachige Bücher gibt, die sich mit Sashiko im weiteren Sinne beschäftigen, wird das vermutlich noch länger ein Thema sein.

Aus der Meterware kann man natürlich auch Kleidung nähen (Rico design)

Bücher


Damit kommen wir zu den Büchern, da ist das Angebot ziemlich übersichtlich und, zumindest bei den Großverlagen Christophorus, Frech, Edition Fischer, in meinen Augen ziemlich uninteressant geworden. Jerseynähbücher, wohin man schaut.

Die Bücher des Stiebner Verlags, der zum ersten Mal bei dieser Messe dabei war (wenn mich nicht alles täuscht) fallen dagegen wirklich positiv auf. Nähnerds kennen Stiebner schon länger, denn sie übertrugen die japanische Pattern-Magic-Reihe ins Deutsche. Jetzt haben sie zum Beispiel ein Buch übers Needlepunchen im Programm, das beim Blättern einen sehr guten Eindruck machte. Der Schwerpunkt liegt darin nämlich auf einem sehr ausführlichen Technikteil, der einen befähigen sollte, eigene Ideen umzusetzen, und nicht so sehr auf dem genauen Nacharbeiten einfacher Modelle, wie das die meisten DIY-Ratgeber handhaben.

Neue Schnittmustertechnik: Pattarina


Auf der Messe gab's auch endlich eine Gelegenheit, die Pattarina- Schnittmusterapp auszuprobieren, nachdem ich immer nur davon gehört und die Entwicklung über Onlinekanäle ein bisschen mitverfolgt hatte. Beim Nähbloggertreffen in Hamburg im letzten November hatte Nora auch einiges erzählt und ich muss zugeben, dass ich skeptisch war, ob nicht das Aufmalen des Schnittmusters auf den Stoff noch nerviger ist als das Herauskopieren oder Zusammenkleben eines Schnittmusters.

Wenn man genau hinschaut sieht man die Schnittlinien in der Pattarina-App

Mit der App werden einem die Linien und Markierungen des Schnittes nämlich auf dem Handybildschirm angezeigt, wenn man die Kamera auf den Stoff und den "Anker" richtet, ein schwarz-weißes Papierquadrat als Referenzpunkt. Die Linien muss man dann mit rechts nachziehen (oder besser: nachtupfen), während man mit links das Handy hält. Für einige Minuten stellt man sich an wie der erste Mensch, weil man den Abstand zwischen Stift und Stoff nicht abschätzen kann, aber nach ein paar Minuten läuft das schon deutlich flüssiger.

Ich kann mir gut vorstellen, dass sich Pattarina gerade bei kleineren Schnitten mit nicht so vielen Teilen - einfache T-Shirts, Röcke, Kindersachen, Taschen - etablieren wird, denn da man für ein Schnittmuster weder Druckerpapier noch Seidenpapier oder Folie braucht, eignet sich die App hervorragend zum spontanen Nähen und Ausprobieren. Das Aufzeichnen komplexerer Schnitte, wenn man eine zwei oder drei Meter lange Stoffbahn auf dem Fußboden unterbringen muss, ist vermutlich eher anstrengend, da würde ich dann doch eher auf einen Papierschnitt zurückgreifen. Die kostenlose App mit einigen Testschnittmustern soll demnächst verfügbar sein, als Schnittmusterpartner konnte unter anderem Burda gewonnen werden. Ich bin gespannt, wie sich das entwickelt!


Was ich verpasst habe


- den laut Erzählungen im Vergleich zum Vorjahr auf doppelte Größe angewachsenen Stand von Merchant & Mills - sie waren nur im Nachtrag zum Ausstellerverzeichnis aufgelistet, einem losen Extrablatt zum Katalog, daher habe ich sie übersehen, und zufällig sind die Drehumdiebolzeningenieurin und ich auch nicht darüber gestolpert.
- sämtliche organisierte Treffen, die Modenschau, Workshops und andere Veranstaltungen. Die Initiative Handarbeit macht dieses Jahr eine Aktion zum Nähen, Häkeln und Stricken von Einkaufsbeuteln, um Plastikmüll zu reduzieren, und stellt dafür Anleitungen zur Verfügung, das Modell im Nähwettbewerb ist dieses Jahr eine Gürteltasche.

Wie immer fuhr ich mit dem Gefühl weg, bei weitem nicht alles gesehen und nicht alle getroffen zu haben - und mit dem Vorsatz, meinen Besuch im nächsten Jahr besser zu planen. Wir werden sehen!

Donnerstag, 13. Juni 2019

Neue Stoffkunde- und Upcyclingworkshops

Es gibt neue Veranstaltungen! Ich freue mich besonders, dass ich dazu demnächst in Hamburg bin - am 20. 06. von 15.30 bis 18.00 Uhr gibt es bei COKO - Nahtstelle Hamburg einen Stoffkunde-Workshop. Wir schauen uns die gängigsten Stoffarten an, ihr erfahrt etwas über den Aufbau von Stoffen und ihre Materialien und wie ihr dieses Wissen beim Stoffeinkauf für eure Projekte nutzen könnt. Für Kurzentschlossene sind noch zwei Plätze frei. Der Workshop kostet 25 Euro, alle Informationen dazu und Anmeldung über die Webseite von COKO Hamburg.
Fotos: Corinna Korte

Am 28./29. September beim Lillestoff-Festival bin ich auch wieder dabei: An beiden Festivaltagen biete ich einen Stoffkunde-Workshop an (35,- €) und einen Upcycling-Workshop (45,- €), bei dem mit einfachen Handnähtechniken kaputte T-Shirts und Jeans gerettet werden - ohne Nähmaschine!
Alle Informationen zum Festival und die Buchung hier über Lillestoff.
Bild: Lillestoff

Sonntag, 24. Februar 2019

Gezeichnete Mode: Ausstellung in den Reinbeckhallen Oberschöneweide


Mich gibt es noch! Der Januar und vor allem der Februar sind ohne Zweifel die härtesten Monate in Berlin, und nach drei Wochen Herumgeschnupfe und Erkältungs-Pingpong habe ich erst seit kurzer Zeit das Gefühl, dass es wieder aufwärts geht. Im Hintergrund ist aber einiges passiert, bald gibt es von neuen Büchern bei Schnatmyer&Derham zu berichten!


Noch in einem etwas vernebelten Halb-Erkältungszustand besuchte ich vor zwei Wochen eine sehr interessante Ausstellung von Modegrafik aus der DDR - "Zwischen Schein und Sein" - in den Reinbeckhallen in Oberschöneweide, die ich sehr empfehlen kann. Die Reinbeckhallen sind ein Teil des riesigen Industriekomplexes zwischen Wilhelminenhofstraße und dem Spreeufer, ehemals Standort des Kabelwerks Oberspree und der AEG. Vor einigen Jahren wurde in der Gegend die Hochschule für Technik und Wirtschaft angesiedelt, in den alten Hallen gibt es kleine Firmen und immer noch viele freie Flächen. Ein ganzer Komplex am Ende der Reinbeckstraße wird seit 2017 für Ausstellungen, Veranstaltungen und für Ateliers genutzt.


Die Modegrafik-Ausstellung fand ich sehr gut zusammengestellt und erläutert. Die Blätter, vor allem Zeichnungen, stammen von den Mitarbeiterinnen des Modeinstututs der DDR, das zu seinen Anfängen Kollektionen für die Bekleidungskombinate entwickelte. Später, als sich gezeigt hatte, dass die Entwürfe aus Gründen der Rationalisierung bei der Produktion und aus Mangel an passenden Materialien, wenn überhaupt nur vollkommen verwässert in den Handel gelangten, bekam das Modeinstitut einen direkteren Draht zu einigen Bekleidungsfabriken, die die Entwürfe für den Verkauf in Exquisit-Läden umsetzten. Dafür wurden schließlich sogar im Westen Stoffe und andere Materialien eingekauft.

Modellzeichnungen mit Stoffproben von Karin Klinger

An den Zeichungen kann man zum Teil noch erkennen, wie mit ihnen gearbeitet wurde: Angeheftete Stoffschnipsel, von anderen Zeichnungen durchgepauste und eingeklebte Elemente, handschriftliche Bemerkungen zu Steppnähten, Schnittführung und Material.

Zeichnungen von Ursula Fehlig

Andere Zeichnungen geben eher eine Atmosphäre, ein Lebensgefühl wieder. Das mag ich so an Modezeichnungen: Dass nicht wie bei einem Katalogfoto jedes Detail ausformuliert ist, sondern dass die Vorstellung immer ihren Teil dazutun und das Gezeichnete ergänzen muss.Bei Modezeichnungen setze ich meine Vorstellungskraft sehr gerne in Bewegung - während dieser Vorgang bei arg "künstlerischen" Modefotos, auf denen man das Kleidungsstück kaum erkennen kann, für mich meistens nicht funktioniert.

Zeichnung von Dorothea Melis

Ich habe in der Ausstellung jedenfalls viele Entwürfe gesehen, die ich sehr gerne anziehen würde, und es hat mich besonders gefreut, in der Ausstellung über die Designerinnen des Modeinstituts auch etwas mehr zu erfahren. Die Ausstellung läuft noch bis zum 31. März, geöffnet ist immer Donnerstag bis Sonntag, am Freitag ist der Eintritt frei.

Auch die Umgebung der Hallen ist einen Spaziergang wert (wenn es nicht zu kalt ist). Eine durchgängige Uferpromenade führt jetzt bis zum Peter-Behrens-Bau (einst Verwaltung und Produktion der Neuen Automobil-Gesellschaft, 1917, jetzt Hochschule), in dessen fünften Stock es eine Cafeteria mit einem tollen Blick über Schöneweide gibt (Turmcafé Oberschöneweide). Ein paar Schritte weiter am Ufer ist in einem alten Hafenkran das Kranhauscafé. So weit bin ich bei meinen Ausstellungsbesuch in verschnupftem Zustand aber gar nicht gekommen . Da das Café Schöneweile direkt bei der Ausstellungshalle voll war, verschlug es Hern Nahtzugabe und mich in die Kranbar ein paar Schritte weiter (an dem Spazierweg, der zum Kaisersteg führt), und das war ein Volltreffer - sehr guter Kaffee, und so einen locker-cremigen Käsekuchen habe ich selten gegessen. Im Sommer, wenn man draußen sitzen kann, muss es dort traumhaft sein. Also auf nach Oberschöneweide!

Zwischen Schein und Sein
Modegrafik in der DDR 1960-1989

Reinbeckhallen
Reinbeckstr. 17, 12459 Berlin (Oberschöneweide)

noch bis 31. März 2019
Do+Fr 16-20.00 Uhr, Sa+So 11-20.00 Uhr
Eintritt 5€/3€ ermäßigt, freitags Eintritt frei

Dienstag, 30. Oktober 2018

Das war der Berliner Schick: Mode vom Hausvogteiplatz

Wusstet ihr, dass Berlin in den ersten drei Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts ein Zentrum der Bekleidungsindustrie war? Dass Mode aus Berlin in alle Welt exportiert wurde? Ich muss zugeben, dass ich das erst weiß, seitdem ich einmal mehr oder weniger zufällig in der Gegend des Hausvogteiplatzes unterwegs war und das Denkmal in der Mitte des Platzes - drei geneigte Spiegel, die die umliegenden Häuser reflektieren - wahrnahm und auch, dass an den Stufen hinunter zur U-Bahn-Station lauter Firmennamen eingemeißelt sind.


Heute sind der Hausvogteiplatz und die umliegenden Straßen ein merkwürdiges, etwas steriles Niemandsland mit Bürogebäuden, der Botschaft der Mongolei, dem Justizministerium, einem Teil der Humboldt-Uni und Neubauten mit sehr, sehr teuren Eigentumswohnungen, eine tote Ecke zwischen den Touristenmassen auf dem Gendarmenmarkt und dem Verkehrsinferno auf der Leipziger Straße. Sieht man Bilder der Gegend vom Anfang des vorigen Jahrhunderts, mag man kaum glauben, dass es sich um dieselben Straßen handelt: An den Fassaden Firmenschilder dicht an dicht, in den Erdgeschossen Bekleidungsgeschäfte, auf den Straßen Lieferwagen, Straßenbahnen und je nach Jahrzehnt mehr Autos oder mehr Pferdefuhrwerke, und vor allem ein unglaubliches Gewimmel von Passanten, Lieferanten, Geschäftsleuten, Frauen und Kindern beim Einkaufsbummel. Große Kaufhäuser waren hier, aber seit Mitte des 19. Jahunderts vor allem die Konfektionäre, meistens jüdische Bekleidungsgroßhändler, die sich auf die Produktion von Kleidung "von der Stange" spezialisiert hatten. Diese Idee, fertige Kleidung in einer Reihe von standardisierten Größen günstiger als maßgeschneidert anzubieten, war eine revolutionäre Erfindung, sie machte diese Kleidung für eine größere Gruppe von Frauen überhaupt erst erschwinglich.


Die Ausstellung Brennender Stoff - Burning (t)issue, die von Studierenden der Europäischen Ethnologie der Humboldt-Uni erarbeitet wurde, zeigt derzeit in den Räumen des Justizministeriums, das zum Teil in so einer ehemaligen Textilfabrik untergebracht ist, die Geschichte dieser Konfektionäre rund um den Hausvogteiplatz. Im November wandert die Ausstellung in das Hauptgebäude der Humboldt-Uni und kann dort ohne Anmeldung besichtigt werden. Ich hatte sie mir vor zwei Wochen im Ministerium angeschaut und habe viel mitgenommen.


Mir war zum Beispiel nicht bewusst, dass ein großer Teil der Konfektion in Berlin gar nicht in Fabriken, sondern in Heimarbeit hergestellt wurde - und zwar von einem Heer von Näherinnen, die in 12-Stunden-Arbeitstagen zuhause im Akkord Blusen und Kleider nähten, bügelten, und sich natürlich auch noch um Kinder, Küche, Kirche kümmern mussten. Alte Fotografien aus dem Landesarchiv zeigen die beengten Verhältnisse, ärmliche, enge Wohnzimmer, mit Nähmaschinen und Bergen von lauter identischen fertigen und halbfertigen Kleidungsstücken, dazwischen kleine Kinder.


Die glamouröse Seite der Berliner Mode ist sogar noch besser durch Fotos dokumentiert: In den Kaufhäusern wurden schon damals ganze Erlebnislandschaften geschaffen. Das, was wir heute "Shopping" nennen, das Flanieren durch Geschäfte, das Ansehen und Anfassen der Waren, ohne den Zwang, etwas kaufen zu müssen, nahm damals in den Warenhäusern seinen Anfang. Die Influencerinnen der damaligen Zeit waren Bühnen- und Filmschauspielerinnen, Sportlerinnen und Tänzerinnen.


In den dreißiger Jahren war es dann vorbei mit der Berliner Textilindustrie: Ihre meistens jüdischen Eigentümer wurden enteignet, vertrieben und ermordet, nach dem Krieg lag das Hausvogteiviertel in Schutt und Asche. Die Ausstellung - und das sehr empfehlenswerte Begleitbuch - zeichnen hier die Einteignung einer von vielen jüdischen Firmen nach. Die Berliner Modefirmen, die es jetzt noch gibt, hatten im übrigen kein Interesse, das Ausstellungsprojekt zu unterstützen, wie eine der Ausstellungsmacherinnen erzählte, die uns begleitete. Deutlich wurde auch, dass die Geschichte der Berliner Konfektion bislang nur in den Grundzügen erforscht und allgemein recht wenig bekannt ist. Ich kann daher den Besuch der wirklich interessanten und gut gemachten Ausstellung - gestaltet wurde sie von Studierenden der Kunsthochschule Weißensee - empfehlen. Bis Ende November ist sie kostenlos und ohne Anmeldung im Hauptgebäude der Humboldt-Uni zu sehen, und auch das Begleitbuch zur Ausstellung ist sehr zu empfehlen, es ist angenehm zu lesen und enthält die meisten Fotos, die auch in der Ausstellung zu sehen sind.

https://www.brennender-stoff.info/
Ausstellung ab 3.11. in der HU, Unter den Linden 6
geöffnet Mi-Fr 16-20.00 Uhr, Sa 11-17.00 Uhr
Eintritt frei
außerdem kostenlose Führungen, dazu ist eine Anmeldung nötig  

Das Buch zur Ausstellung gibt es im Buchhandel, es liegt in der Ausstellung aus und kann außerdem bei den Führungen erworben werden.

Über die Ausstellung berichteten sehr ausführlich Maritta Tkalec von der Berliner Zeitung, Jérôme Lombard von der Jüdischen Allgemeinen und Katharina Kühn für DeutschlandfunkKultur.  

Donnerstag, 3. Mai 2018

Näh-Nachrichten (verkürzte Umzugsedition) - Neues vom Great British Sewing Bee, Louise Bourgeois, das Lillestoff-Festival, ein neues Nähmagazin und mein neues Buch

Der Schreibtisch steht wieder, und abgesehen davon, dass noch nicht alles an seinem Platz ist, bin ich wieder arbeitsfähig. Und es ist so viel passiert!



Die Nachricht, die spontan die meiste Vorfreude bei mir auslöste: The Great British Sewing Bee kommt zurück! Derzeit können sich Hobbynäherinnen und -näher für eine neue Staffel bewerben, gedreht wird im Juli, August und September, so dass man wohl im späten Herbst oder in der Vorweihnachtszeit mit der Ausstrahlung rechnen kann. Die Moderatorin Claudia Winkleman wird nicht mehr dabei sein - an ihrer Stelle übernimmt der Comedian Joe Lycett die Präsentation. Ich weiß, dass einige Zuschauerinnen aufatmen werden, denen Claudias gebrülltes "SEWERS, YOU HAVE SIXTY SECONDS LEFT!!!" sehr auf die Nerven ging - ich mochte Claudia, aber ich bin auch gespannt, wie sich die Sendung mit einer neuen Moderation verändern wird. Patrick Grant bleibt uns wohl als Juror erhalten, und vor allem freue ich mich auf Esme Young und ihren staubtrockenen Humor.

Die deutsche Sewing Bee Geschickt eingefädelt kommt nicht zurück ins Fernsehen, was hier nicht allzu viel Bedauern auslöst. Trotzdem will es Vox noch einmal mit einer Nähsendung für Guido Maria Kretschmer versuchen: "Guidos Masterclass" wurde im März und April in Berlin gedreht. Acht aufstrebende Jungdesignerinnen und -designer müssen in sechs Folgen Designaufgaben lösen, werden von Kretschmer unterstützt und anschließend bewertet. Da Kretschmer die Kandidatinnen und Kandiaten laut Pressemitteilung selbst auswählen konnte, dürfte der Flausch-Faktor hier höher liegen, als bei Geschickt eingefädelt. Vom Konzept her erinnert mich die Sendung ein wenig an Project Runway - wir werden im Herbst sehen, ob auch hier Zickereien zwischen den Kandidatinnen für das nötige Drama sorgen müssen.

Die textilen Skulpturen von Louise Bourgeois bekommt man hierzulande nur selten zu sehen. Der Kuratorin des Schinkel-Pavillons, eines privaten Kunstvereins, ist es gelungen, einige Werke aus den letzten zwei Lebensjahrzehnten Bourgeois' nach Berlin zu holen. Die Ausstellung The Empty House läuft bis zum 29. Juli, geöffnet ist Donnerstag bis Sonntag von 12-18.00 Uhr. Ich war noch nicht dort, aber ich denke, das darf man nicht verpassen! Lesenswert auch die Besprechung der Ausstellung in der Berliner Zeitung.


Das Lillestoff-Festival, ein riesiges, wirklich riesiges Wochenend-Näh-Event in Hannover-Langenhagen (über das ich hier und hier schon mal geschrieben hatte), findet dieses Jahr am 8. und 9. September statt, und ich bin wieder mit einigen Workshops dabei: Es gibt zwei Workshops zu  Oberhemden-Upcycling, jeweils einmal am Samstag und einmal am Sonntag, einen Kurs zur T-Shirt-Rettung mittels Applikationen am Samstag und ganz neu auch einen kleinen Workshop zur Stoffkunde am Sonntag, wo wir uns mit der Lupe über verschiedene Stoffarten hermachen werden - denn wer seinen Stoff kennt, kann auch vorhersagen, wie er sich verhält, wenn er ein Kleidungsstück wird.
Alle Informationen zum Festival gibt es bei Lillestoff, meine Workshops können hier gebucht werden und oben unter dem Reiter "Veranstaltungen" findet ihr weitere Informationen zu den einzelnen Workshops.


Die Firma Lillestoff ist übrigens auch unter die Zeitschriftenmacher gegangen: Das Lillestoff-Magazin No1 mit 58 Seiten enthält 12 Schnittmuster auf zwei großen Schnittbögen. Das Heft ist aus schönem, dickem Papier und sehr aufwendig gestaltet: Die Modelle werden an ganz unterschiedlichen Frauen mit tollen Fotos in Szene gesetzt, es gibt Detailfotos der Stoffe und der Schnitte und man erfährt etwas über die Designerinnen der Stoffmuster und die Ideen hinter den Entwürfen.


Die verspielten Zeichungen von Susanne Bochem - als Überschriften, Modellzeichnungen, kleine Akzente, Illustrationen für die Anleitungen - haben mir besonders gut gefallen. Die Nähanleitungen für die Modelle sind sehr ausführlich und einfach gehalten, ohne Nähchinesisch und komische Abkürzungen, so, wie man es auch jemandem erklären würde, wenn man beieinander sitzt und gemeinsam näht.

Entdeckt? Mein Buch "Stoff und Faden" ist auch mit dabei

Ein sehr gelungenes Konzept finde ich - ein Heft, das sich nicht vor der Konkurrenz aus den großen Zeitschriftenverlagen verstecken muss, und das alles wurde mit einem kleinen, hauseigenen Team auf die Beine gestellt. Beeindruckend! Im September wird das zweite Heft erscheinen, ich bin gespannt.


Ebenfalls neu erschienen ist mein neues Buch "Zauberhafte Quilt- und Patchworkideen", ein Buch mit 14 Quiltprojekten - dieses Mal wieder beim Leipziger Buchverlag für die Frau. Das Erscheinen fiel etwas ungünstig mit der heißen Phase des Umzugs zusammen, so dass ich nach dem Durchblättern meine Autor-Exemplare gleich in einer Umzugskiste verstaute, aus der sie erst jetzt wieder aufgetaucht sind.

Kurz vor dem Einsetzen der Umzugspanik habe ich es aber noch geschafft, bei Jane und Steffi, den Damen vom Frickelcast, zu Gast zu sein - die Podcastfolge mit mir findet ihr hier, da erzähle ich ein bißchen, wie es zu dem Buch kam, Jane und Steffi waren nämlich sehr gut vorbereitet und hatten sehr interessante Fragen. Beide haben auch das Buch besprochen, hier Jane alias jetztkochtsieauchnoch und hier Steffi alias Feierabendfrickeleien. Vielen Dank ihr beiden!

Zum Buch gibt es hier bald mehr, ich muss nur erst die Kisten auspacken,wo die Decken aus dem Buch verstaut sind. Bis bald!

Dienstag, 6. März 2018

Näh-Nachrichten: Perlenkunst, Jil Sander und eine Lesung

Puh, das echte Leben nimmt - in Gestalt einer neuen Wohnung, Renovierung und einem bevorstehenden Umzug - gerade etwas Überhand im Hause Nahtzugabe. Statt Stoffen streichele ich Wandfarbenmuster, anstelle von Schere und Nähmaschine habe ich mit Spachteln und Farbrollen zu tun. (Würde sich hier eigentlich jemand für Renovierungsposts interessieren?)

In der Zwischenzeit sind eine Menge Links zu nähnerdrelevanten Themen angefallen.

Ausstellungsplakat, Stadtmuseum Hornmoldhaus, Bietigheim-Bissingen


Zuallererst möchte ich euch auf eine Lesung von Susanne - Textile Geschichten aufmerksam machen. Übermorgen, am 8. März liest sie um 19.00 Uhr in Bietigheim-Bissingen im Stadtmuseum Hornmoldhaus im Begleitprogramm zur Ausstellung Macht Handarbeiten glücklich?.
Verflixt und Zugenäht – Warum ist der rote Faden rot? Dem (fast) vergessenen Wissen früherer Generationen über die Bedeutung von Sprichwörtern und Redewendungen aus dem Bereich der Textilherstellung spürt die Autorin und Bloggerin Susanne Schnatmeyer in ihrer Lesung nach.
Teilnehmerbeitrag 3 €.


Kommt zahlreich, das wird bestimmt sehr unterhaltsam!

Ausstellungsansicht „Jil Sander. Präsens“, 2017 im Museum Angewandte Kunst © Paul Warchol

In Frankfurt läuft noch bis zum 6. Mai eine hochgelobte Ausstellung der Arbeiten von Jil Sander - Jil Sander. Präsens/Jil Sander. Present Tense im Museum für Angewandte Kunst. Die Ausstellung zeigt nicht nur Sanders Modeentwürfe, sondern auch Arbeiten aus verwandten Gebieten, mit denen sie sich beschäftigte, wie der Innen- und Gartenarchitektur und der Fotografie. Küstensocke hat die Ausstellung schon besucht und schrieb hier über ihre Eindrücke - und ihre Fotos von interessanten Schnittdetails und Stoffstrukturen machen großen Appetit, sich auf den Weg nach Frankfurt zu machen. Bei Monika - Wollixundstoffix läuft im Moment ein Sewalong zum Thema Jil Sander, vielleicht möchte ja noch jemand mit einsteigen.

Textilkunst: Eine Blogleserin schickte mir den Link zu einem (englischen) Artikel über das Ubhule Art Collective, einem Zusammenschluss südafrikanischer Frauen, die phantastische, meist abstrakte Perlenbilder in einer tradtionellen Technik sticken. Vor zwei Wochen waren diese Werke in London bei einer Kunsthandwerksmesse zu sehen, dieses Jahr tourt eine Ausstellung durch die USA - uns  bleibt leider nur ein Blick auf die Webseite des Kollektivs, auf der einige Bilder zu sehen sind.

Schöne Schnitte: Auf der Seite der Initiative Handarbeit erscheinen meistens zweimal im Jahr Näh- und Strickkollektionen in Zusammenarbeit mit jungen DesignerInnen. Die Kollektionen vom Ende letzte Jahres fand ich besonders gelungen - in der genähten Kollektion gefällt mir das Kleid Pecher von Jessica Lindner besonders gut und die kurze Jacke aus robustem Köper und Samt von Katharina Gorin und Karla Rabe, die außerdem ein Latzkleid aus Jeans, Samt und Chiffon entworfen haben. Die Strickkollektion ist von Birte Manz und enthält ebenfalls einen Latzrock sowie interessante "Deckenpullover", die erst am Körper eine Pulloverform annehmen. Alle Schnitte und Anleitungen gibt es zum Download kostenlos auf der Seite.

Schöne Mode aus Berlin: Was auf der Berliner Fashionweek und den Messen drumherum an neuer Mode gezeigt wird, findet man im Blog enkeda.de und im dazugehörigen Instagramaccount @enkedafashion. Da Kerstin oft Designermode nachnäht, hat sie einen tollen Blick für nähtechnische Details, die man in der üblichen Berichterstattung nicht findet, ihre Fotos sind ein Genuss, weil sie das Wesentliche erfassen - als wäre man selbst dabeigewesen. Mein Lesetipp für die vielleicht noch kommenden ungemütlichen Früh-Frühlingsabende.

"I no longer view clothing as ornament or protection, but as communication. [...] dress speaks louder—and with more honesty—than words." Ein weiterer Lesetipp: Die Textilhistorikerin Kimberly Chrisman-Campbell schreibt über ihre Arbeit als Kuratorin von Modeausstellungen: Von der Suche nach Ausstellungsstücken über die wissenschaftliche Recherche des Kontextes, die Frage der Präsentation (Puppen mit oder ohne Kopf?) und nicht zuletzt über die Versuchung, die Ausstellungsstücke anzuprobieren.

Auch ein Verlust ist zu vermelden: "Brigitte Kreativ" hat es nicht geschafft, nach zwei Jahren wurde das Heft eingestellt. Sehr schade, mir hatte es sehr gut gefallen - aber genau das könnte der Kern des Problems gewesen sein, es erinnerte mich nämlich sehr an die mittlerweile legendären Kreativstrecken in Brigitte in den 1990er Jahren. Ich glaube, meine Nostalgiegefühle teilten viele der Heftkäuferinnen, in der Kommentardiskussion hier im Blog im Oktober 2015 über das erste Heft klang das schon an - und nur mit der Leserinnengruppe 40+ lassen sich wohl nicht genug Hefte verkaufen. Auch die Redaktionen der anderen Frauenmagazine bei Gruner+Jahr werden umgebaut, erfährt man bei Meedia, Brigitte möchte mit E-Learning-Programmen und großen Veranstaltungen zu Finanz- und Berufsthemen Geld verdienen ("Brigitte Academy"). Das DIY-Thema scheint aber noch nicht für alle Zeiten begraben zu sein: "Die Hamburger wollen in den nächsten Monaten das Konzept überdenken und möglicherweise dann einen Neustart wagen.", heißt es. 

Dienstag, 20. Februar 2018

Nähen im Kino: "Der seidene Faden" von Paul Thomas Anderson


Die ganze Textilbranche ist im Kino ein eher randständiges Milieu, was nicht wirklich nachzuvollziehen ist, schließlich ist die Schneiderei ein Geschäft mit viel Kundenkontakt und dem Potential für allerlei Verwicklungen. Auf den Film Der seidene Faden mit Daniel Day-Lewis in der Rolle eines Modeschöpfers in London in den 1950er Jahren war ich deshalb sehr gespannt, seitdem ich Anfang des Jahres eine Ankündigung gelesen hatte - und dann hatte ich das Glück, dass ich zu einer Voraufführung des Films mit anschließender Diskusion in das schöne Cinema Paris am Kudamm eingeladen wurde, ein sehr passender Rahmen für diesen Film.

Ich erwartete einen behaglichen Kostümfilm mit ein bißchen harmlosem Drama und war nicht so richtig vorbreitet auf das, was dann kam: Der seidene Faden ist eher ein Psychothriller als ein Historiendrama, und ja, es geht um das Verhältnis des Designers Reynolds Woodcock zu seiner "Muse" Alma, aber anders, als man erwarten könnte.

Der Anfang der Geschichte ist zunächst wenig überraschend: Woodcock, ein pedantischer Perfektionist mit ritualisierten Tagesablauf, der Unterbrechungen und Überraschungen gar nicht schätzt, ist hochgradig genervt von seiner derzeitigen Freundin. Woodcocks Schwester Cyril lebt mit im Haus, sie kümmert sich um die Finanzen des Modehauses und auch alle anderen unangenehmen Dinge, also übernimmt sie auch die Aufgabe, die Freundin kurz und schmerzlos abzuservieren. Woodcock fährt währenddessen aufs Land, und beim Frühstücken in einem Lokal fällt ihm die Bedienung ins Auge, Alma, ein scheinbar etwas trampeliges Landei, Typus "nettes Mädchen". Woodcock lässt seinen Charme spielen, verabredet sich mit ihr, drapiert ihr ein Kleid auf den Leib und nimmt sie schließlich nach London mit, wo sie als Hausmodel arbeitet, aber bald auch seine Geliebte wird.

Alma versteht Woodcocks Perfektionismus und seine Ernsthaftigkeit, was seine Arbeit betrifft, aber seine Überempfindlichkeit im täglichen Leben akzeptiert sie nicht und lässt sich das Buttern von Toastscheiben nicht verbieten. Die kleinen Machtkämpfe zwischen den beiden, das Spiel um Aufmerksamkeit und Zuwendung eskalieren in einer unvorhergesehenen Weise, die ich hier nicht verraten will. Zum Schluss aber scheint ein neues Gleichgewicht gefunden, wenn auch eines, das mit herkömmlichen Vorstellungen von Partnerschaft nichts zu tun hat.

Und was ist mit Schneiderei und Mode im Film? Mir scheint, es fehlt die Sinnlichkeit. Die Kamera schwelgt weit mehr in Landschaften als in Stoffen, und Woodcocks Kleider sind wohl das Gegenteil von leger und selbstverständlich elegant. Sie verwandeln Frauen in Statuen, die Trägerin wird in sie hineingeschnürt, sie pressen nachgiebiges Fleisch in Form, kurz: das Kleid zwingt seiner Trägerin eine bestimmte Haltung auf. Das Kleid trägt die Frau, nicht umgekehrt.

Dass das alles vielleicht doch nicht das Wahre ist, scheint auch Woodcock zu dämmern, als er ein gerade fertiggestelltes Brautkleid als scheußlich, als "ugly" bezeichnet - und ich musste ihm vom Kinosessel aus rechtgegeben. Dieses Kleid, das die Brust der Trägerin, mit Spitze umhüllt, hochschiebt und tablettähnlich päsentiert, betont durch eine unter der Brust angebrachte Schleife, erschien erschreckend unproportioniert, wie die Karikatur einer Frau.

Die Schneiderei selbst kommt im Film nur am Rande, in Ausschnitten vor: Wenn Woodcock skizziert, an Probemodellen oder bei Anproben herumdrapiert, wenn sich eine Gruppe von Näherinnen um ein ausgebreitetes Kleid auf einem Tisch versammelt und ans Werk geht, wie die Operateure bei einem schwierigen Eingriff. Für die Logik der Handlung ist es unerheblich, dass Woodcock Modedesigner ist - er könnte ebensogut Gesellschaftsmaler oder Bildhauer, Klaviervirtuose oder ein erfolgreicher Schriftsteller sein. Letztlich geht es um die Seelenqualen eines männlichen Genies, die mich ziemlich kaltließen, und als dem großen Künstler dann auch noch die verstorbene Mutter erschien, bin ich gedanklich ausgestiegen. Auch mit Alma habe ich nicht richtig mitgelitten, wobei ich nicht mal genau sagen kann, woran das lag.Die weitaus interessanteste Figur war für mich Woodcocks Schwester Cyril, über sie und ihren Blick auf die Geschichte hätte ich gerne mehr erfahren.

Aber trotz dieser Einschränkungen fand ich den Film wirklich sehenswert - schon allein, weil die Kostüme großartig sind und weil man viel über ihn diskutieren und sicher auch ganz anderer Meinung sein kann. Der deutsche Trailer des Films ist hier zu finden. Thomas von Nordheim fertigte einen Teil der Kleidung an (Mäntel, Wollkleider, Kostümjacken), er zeigt in seinem Instagramfeed auch Bilder vom Entstehungsprozess. Cecile van Dijk setzte die Kleider für den Film um.