Montag, 30. September 2013
Woche 39
Auf dem Tempelhofer Feld sich den Wind um die Nase wehen lassen, durch den Lustgarten und die Museumsinsel spazieren, wo derzeit eine Ausstellung zum Themenjahr "Zerstörte Vielfalt" aufgebaut ist, in der Schlesischen Straße ein Schablonengraffiti fotografieren und in der Kantstraße nordchinesisch essen gehen - wenn Besuch da ist, bin ich auch mal wieder außerhalb des Kiezes unterwegs. Die Arbeit läuft ein bißchen zäh, es dauert alles dreimal länger als gedacht und Fortschritte sind, da es ja um lauter Kleinigkeiten geht, auch nicht mehr sichtbar. Nächstes Jahr brauche ich einen Job, das beschäftigt mich auch, oder mache ich mich selbständig und schaffe mir selbst den Job, und/oder mache ich noch ein Buch, und wenn ja worüber - Fragen über Fragen, an jeder Entscheidung hängen viele Wenns und Abers und die Sinnkrise lauert schon am Horizont. Lieber nicht zu viel drüber nachdenken.
Lenken wir uns doch schnell mit ein paar interessanten Links ab:
Etwas zum Mitmachen: Alex, Susi und Miriam organisieren ein Nähwochenende vom 10. bis 12. Januar 2014, entweder günstig in Bielefeld oder luxuriös in Essen. Alle Infos dazu auf den Blogs der drei. Bis Freitag Mittag kann noch für eine der beiden Varianten abgestimmt werden. Ich hätte schon Lust zu fahren - aber mich festlegen? Puh. Bei der derzeitigen was-wird-bloß-2014-aus-mir-Krise vollkommen unmöglich.
Etwas zum Stricken: In der aktuellen Brigitte gibt es wieder ein paar einfache Strickanleitungen. Interessanter ist da schon der Beileger der Initiative Handarbeit, aber deswegen muss man sich das Heft nicht kaufen. Die Beilage (nur Bilder) gibt es hier, die Anleitungen dazu lassen sich hier herunterladen.
Etwas zum Nähen: Frau von Welt bloggt erst seit Anfang September, aber voller Enthusiasmus. Ihre Anleitung für Unterziehtops kommt mir wie gerufen: erstens habe ich Jerseyreste, zweitens nur gekaufte H&M-Tops, die seit der ersten Wäsche (also schon sehr lange) bauchfrei sind.
Und etwas zum Schauen und Staunen: Mister Finch erschafft aus Stoff, Stickereien, Plüsch, Federn und Draht phantastische Vögel, Pilze und Insekten. Oder Osterhasen - aber die sind alles andere als niedlich.
Sonntag, 29. September 2013
Stoffspielerei September
Kaum hatte ich Stickerei als Thema der Stoffspielerei ausgerufen, fand ich in der zu-verschenken-Kiste bei uns im Hausflur eine Tüte Perlen (den Haufen links auf dem Teller). Das musste dann doch erstmal sortiert werden, und die Perlenvorräte, die sonst noch da waren, auch. Was Glasperlen betrifft, bin ich eher Käuferin als Verabeiterin.
Aber sticken lässt sich ja auch mit Perlen, man braucht nur einen stabilen Untergrund, weil das Glas ziemlich schwer wird.
Ich erinnerte mich an einen Perlenknopf, den ich mit ungefähr zehn Jahren gemacht hatte - der bunte Knopf links. Ich trage ihn heute noch manchmal als Brosche. Im ersten Versuch rechts steckt auch ein normaler, mit Stoff bezogener Knopf, den ich anschließend bestickt habe. (Hier hatte ich schon mal gezeigt, wie das mit dem Knopfbeziehen geht.)
Auf der Suche nach größeren überziehbaren und bestickbaren Gebilden landete ich bei Plastikdeckeln von Saftflaschen und schließlich bei diesem Deckel einer Shampooflasche: schön flach und eine interessante, unregelmäßig-ovale Form. Besser wäre es gewesen, den Deckel mit dunklem Stoff zu beziehen, wenn mit dunklen Perlen darauf gestickt werden soll. Außerdem eignen sich gewölbte Knöpfe oder Deckel zum Besticken einen Tick besser, weil es bei geraden Flächen zunehmend schwieriger wird, mit der Nadel an den schon befestigten Perlen vorbeizukommen. Der Deckel ist daher noch nicht ganz fertig, ich freue mich aber schon darauf, ihn als große glitzernde Brosche zu tragen.
Wie haben die anderen das Stickereithema interpretiert?
Ute zerschnitt blau-weiße Stoffe und gestickte Deckchen und nähte eine Quiltoberseite aus Streifen, mit einer Technik, die mir ganz bekannt vorkommt.
Suschna stickte auf schwarzem Untergrund und färbte sich das Garn nach Bedarf selbst - abenteuerlich und wunderschön.
Bei Griselda wurde aus einer Gobelinstickerei eine Hülle für einen Mini-Tabletcomputer - Pixel innen und außen.
Petra bestickte Kissenbezüge im Satinstich mit der Nähmaschine und erklärt, wie das geht.
Karen stickte ein Monogramm nach einer alten Vorlage und macht sich über Kreuzstiche Gedanken.
Frifris setzte Kinderzeichnungen in Stickerei um - einfach, aber sehr wirkungsvoll.
Die nächste Stoffspielerei am 29. Oktober bei Suschna.
Mittwoch, 25. September 2013
Montag, 23. September 2013
Woche 38
Schon wieder eine Woche um, und nicht mal zum Bildersammeln mit der Immer-dabei-Knipse bin ich gekommen. Nur den gefalteten Papiervogel vom Weichselplatz finde ich auf der Speicherkarte.
Dafür saß ich gestern Abend bei der Wahlberichterstattung zum ersten Mal seit längerer Zeit vor dem Fernseher. Ich fand es ganz interessant, an mir selbst zu beobachten, wie sich die Wahrnehmung auf Politik und Politiker ändert, wenn man sich nur über Radio und Zeitungen (auf Papier und im Internet) informiert, sich also mit inhaltlichen Aussagen beschäftigt, ohne bewegte Bilder der Kandidaten. Wie bei einer Fernsehdebatte die eigene Aufmerksamkeit von den Inhalten wegwandert und sich der dem Auftreten der Personen zuwendet - ob man will oder nicht.
Frau Merkel hatte ich bestimmt einige Jahre nicht mehr im Fernsehen gesehen, und ich muss zugeben, so aufgeräumt, freundlich, schlagfertig, wie sie da in der Elefantenrunde saß, kann ich gut nachvollziehen, warum sie von so vielen immer wieder gewählt wird. Steinbrück, der immer so aussieht wie eine missmutige Bulldogge kurz vorm Zuschnappen, kann noch so kompetent sein - ein Kandidat zum Knuddeln wird er in diesem Leben nicht mehr werden. Merkel hingegen wirkt so souverän, so ernsthaft, vernünftig, vertrauenerweckend, dabei anders als früher nicht verbissen, sondern wie eine Frau, die nur unser Bestes will. Sie kümmert sich, hat alles im Blick, wägt ab und nimmt uns die schwere Last ab, uns selbst informieren zu müssen, selbst zu entscheiden, selbst zu denken, denn Merkel denkt und sorgt ja für uns. Der Wähler wird im Angesicht von Merkel wieder zum unmündigen Kind und lässt sie machen - die Zusammenhänge verstehen zu wollen, ist ja auch viel zu kompliziert!
Ja, manche Dinge muss man eben sehen, um sie zu verstehen, und wenn ich diese Fernsehrunde mit Merkel, Steinbrück, Trittin ganz unvoreingenommen im Fernsehen betrachte, vielleicht so, wie sich das jemand anschaut, der sich für Politik ansonsten nicht besonders interessiert, dann erklärt sich für mich der Wahlausgang und ich finde Wählerverachtung unangebracht. Meine Entscheidung fiel anders aus - aber dass es einen verbreiteten Wunsch nach Sicherheit und einfachen Lösungen gibt, dass man eine wählt, die Vertrauen und Orientierung vermittelt, die nicht alles unnötig verkompliziert, das kann ich verstehen und deshalb nicht verurteilen. Fazit: hätte ich vor der Wahl auch mal ferngesehen, hätten mich die fast 42% für die CDU/CSU nicht so überrascht.
Einige Nähthemen beschäftigten mich in der letzten Woche aber doch:
In dem russischen P-an-da-Blog tauchten die Modelle aus der November-Burda auf. Es wird einige interessante Kleider geben, auch in großen Größen.
Yvonet sezierte eine Jacke, legte die Einlageschichten frei und dokumentierte alles ganz ausführlich in Bildern. Sehr interessant, wo und wie in einem Jackett "Made in China" Einlage verbaut ist - es entspricht ungefähr dem, was man auch in älteren Schneiderbüchern findet - und umso merkwürdiger, dass zum Beispiel Burda-Anleitungen meistens mit sehr viel weniger Einlage arbeiten.
Zwei Designstudenten entwarfen für das Projekt Unifold Schuhe, die nach einer Schablone einfach aus einem Stück Kunststoffmaterial ausgeschnitten und zusammengefaltet werden können. Eigentlich geht es darum, Menschen mit Schuhen zu versorgen, die sich bisher keine leisten können - aber gerade die Sandale ist auch richtig schick und könnte auf dem Berliner Pflaster bestimmt zum Trendprodukt werden. Wäre eine gute Sache, wenn man mit einem Schuhkauf hier zum Beispiel einer anderen Person ein paar Schuhe sponsern könnte.
Donnerstag, 19. September 2013
Wie der Zufall so spielt
Menschen, die regelmäßig Mittagsschlaf halten, seien gesünder, klüger, leistungsfähiger, ja glücklicher als andere – diese bahnbrechende Erkenntnis der Wissenschaft hatte ich im Frühjahr so oft gelesen, dass ich große Lust bekam, die Mittagsschlaf-Decke fürs Bürosofa zu nähen, die schon so lange geplant war. Ich habe ja einen Schreibplatz in einer Bürogemeinschaft, und dort steht ein nickerchengeeignetes Sofa auf dem Gang. Auch wenn ich davon bisher nur wenig Gebrauch gemacht habe – das gefürchtete Nachmittagstief ab 14.00 Uhr war in letzter Zeit weniger tief – ist es ja immer gut, vorbereitet zu sein.
Wollstoffreste hatte ich schon seit längerer Zeit gesammelt, und von Wiebke und Frau Kirsche wurde ich großzügig mit Zuschnittresten versorgt – vielen Dank nochmal dafür! Wie das Muster zustande gekommen ist, darüber könnte ich euch jetzt lange rätseln lassen: es sieht ja irgendwie nach moderner Kunst aus. In Wirklichkeit ist die Anordnung Zufall, oder besser gesagt, ein gesteuerter Zufall.
Diese Anleitung für einen Quilt, die ich über Textile Ideen fand, war deshalb ein guter Ausgangspunkt, um den Zufall einzubeziehen, sich ihm aber nicht völlig auszuliefern. Für den Quilt verwendete ich Wollstoffreste in schwarz, schwarz-weiß, grau, dunkelblau, braun, dunkelrot als Hauptfarbe und Reste in einfarbig rot und rotem Fischgrat als Akzentfarbe. Während die Originalanleitung mit langen Streifen aus Patchworkstoff arbeitet, sind bei mir die langen Streifen aus verschiedenen Stoffen zusammengesetzt. Ich schnitt einfach nach und nach alle Reste in 12 cm breite Streifen und fügte sie grob nach Farben geordnet zusammen, so dass ich 20 Streifen von etwa 1,20 m Länge erhielt. Diese Streifen setzte ich dann in zufälliger Reihenfolge abwechselnd mit kurzen Stücken aus den Akzentfarben zusammen zu einem einzigen, mehr als 25 Meter langen Streifen.
Was dann kommt, macht richtig Spaß: Wann kann man schon mal mehr als 10 Meter einfach nur geradeaus nähen? Der Streifen wird der Länge nach zusammengefaltet. Da die Näherei nicht besonders präzise sein muss, reicht es aus, einfach die beiden Enden zusammenzulegen, so, dass der Streifen nicht in sich verdreht ist, und von dort aus Richtung Bruch entlang der Längskante loszunähen. Den Bruch schneidet man auf und faltet den Streifen wieder zusammen und näht wieder an der Längskante entlang - und das so lange, bis ein rechteckiges Deckenformat entstanden ist. Dann aufhören!
Durch die farblich vorsortierten Streifen kommt es zu einer abwechslungsreichen Quiltfläche mit helleren und dunkleren Partien und genügend Kontrasten, dass die Sache nicht langweilig wirkt - und ohne dass man beim Falten und Nähen noch Einfluss darauf hätte. Um so eine unzufällig-zufällige Stoffanordnung bewusst herzustellen, hätte ich lange herumrpobieren müssen.
Die gepatchte Oberseite verarbeitete ich dann ganz konventionell weiter: die Rückseite besteht aus einem großen Reststück karierten Baumwollflanells, als Füllung dient eine dünne und günstige Fleecedecke. Die Decke wurde jeweils in einigem Abstand von den Nähten quer durchgesteppt. Und so werde ich nun ab und an unter dieser Decke dem Glück und dem Erfolg entgegenschlafen.
Montag, 16. September 2013
Woche 37
Auf meinem Nähtisch liegt ein echter Luxusschnitt - das Elisalex-Kleid von by hand London. Die ersten Elisalex-Kleider sichtete ich im Frühjahr bei Dodo und bei Yvonet, aber erst vor kurzem ging mir auf, dass die Schnittmuster von by hand London in Großbritannien gerade der totale Hype sind - die Schnitte werden in den britischen Nähblogs wie verrückt rauf und runter genäht.
Die Firma wurde vor noch nicht einmal einem Jahr von zwei Mittzwanzigerinnen in London gegründet, ehemalige Schuhdesignerin die eine, Marketingexpertin die andere. Man könnte daher befürchten, dass der große Erfolg vor allem durch geschicktes Einspannen der bloggenden Nähcommunity zustande gekommen ist - aber die zahlreichen Bilder vorteilhafter und gut sitzender Kleider sprechen eine andere Sprache, und so viel enthusiastisches Lob kann man nicht kaufen. Denke ich. Eine Sache haben die Frauen von by hand London jedenfalls schon ganz richtig gemacht: die Verpackung des Schnittmusters und das Anleitungsheft sind so schön und hochwertig gestaltet, dass nicht nur Nähnerds, sondern auch Büchernerds voll auf ihre Kosten kommen.
Ich bekam den Schnitt von Constance im Tausch gegen Korrekturlese- und Redigierarbeit (hat sie natürlich auch in ihrem Shop), und streichelte erstmal eine Woche nur die Verpackung, aber am Wochenende war ich dann so neugierig, ob das etwas für mich sein könnte, dass ich ein Probeoberteil nähte. Das Oberteil sitzt sehr vielversprechend, und ich denke es ist mir auch gelungen, die Schnittteile für den Rock so zu kürzen, dass ein knielanger Tulpenrock mit der "Beule" an der richtigen Stelle dabei herauskommt - das ist am Schnittmuster nämlich etwas merkwürdig, der Rock ist extrem lang (an Dodo sieht man hier die Originallänge), damit der Rock wie auf der Modellzeichnung nur bis zum Knie geht, müsste die Trägerin also ca. 1,93 m groß sein.
Also, das nähe ich mir als nächstes, dann komme ich (falls es klappt) auch nochmal auf die Änderungen zurück. Der Stoff ist oben mit auf dem ersten Foto - eine Art Feincord mit weit auseinander liegenden Rippen in dunkelblau-schwarz von Philea.
Ansonsten ist nicht viel passiert - in unserer kleinen Straße eröffnete ein kleiner israelischer Falafel- und Hummus-Imbiss, der wahrscheinlich unser Ziel für die Abende werden wird, an denen ich weder Lust noch Zeit zum Kochen habe. Und die Turmspringer vom Kanal, die im August noch so aussahen, sind um zwei Springer und Wasser ergänzt worden. Im Netz gibts die neuen Strickmuster von knitty.com - "deep fall 2013" - ja, wir stecken schon mitten im Herbst.
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