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Mittwoch, 17. Mai 2017

Näh-Nachrichten: Ein neues Strickprojekt, Great British Sewing Bee, barocke Kleider, geknechtete Fotografen und ein Stoffevent


Seht ihr das zarte Grün? So ist der Stand des Frühlings in Berlin. Vor einem Jahr um diese Zeit war es wärmer, aber da letzte Woche, um den 10. Mai herum, auch die Mauersegler aus dem Winterquartier zurückkehrten, ist das Schlimmste geschafft, der Sommer liegt vor uns. 


Noch ganz beeeinflusst von den niedrigen Temperaturen vor zwei, drei Wochen plante ich nach dem riesigen Marled-Magic-Tuch vom Westknits-Knitalong gleich das nächste Strickprojekt, genauer gesagt: Birgit - lila und gelb zeigte mir die Anleitung für die Strickjacke "Flaum" von Justyna Lorkowska, und ich war sofort verliebt. Ich brauche diese Jacke! Und da laut Anleitung ein Mohairgarn in Lacestärke und ein glattes Garn gemeinsam verstrickt werden sollten, ist das die Gelegenheit für das dunkelrote Mohairgarn, das ich im Januar in Bielefeld beim Stoffverkauf von Hindahl&Skudelny gekauft hatte.

Drops Lima rubinrot, rechts im Bild, ist leider kein passender Partner, das Gestrickte wird zu dick, aber mit Drops Alpaca (links) kommt die Maschenprobe fast genau hin, die Patentrippen werden sehr schön leicht und voluminös und die Farbe 3969, rot-lila passt perfekt zum Mohair. Die Anleitung für die Jacke ist auch spannend zu stricken, nahtlos, man fängt hinten in der Mitte mit dem Kragen an, strickt daran eine Passe in 1 rechts-1links-Rippe, die in Patent übergeht. Um die Längenunterschiede von Patent und 1/1-Rippe auszugleichen, muss man verkürzte Reihen stricken, und dann kommen ja auch noch eingestrickte Taschen, das heißt, dieses Strickprojekt wird mich eine Weile fesseln.

In der Zwischenzeit habe ich mir unmäßig wegen eines doofen beruflichen Termins Gedanken gemacht, was mich sehr zuverlässig vom Bloggen abhielt. Ein paar interessante, zum Teil schon ältere Links habe ich trotzdem für euch:

Neues vom Great British Sewing Bee. Nachdem zuletzt spekuliert worden war, die Show werde wegen Unstimmigkeiten zwischen dem Sender und der Produktionsfirma eingestellt, sagt jetzt der Juror Patrick Grant, er rechne mit einer neuen Staffel und könne sich gar nicht erklären, wo diese Gerüchte über die Einstellung herkommen könnten. Das klingt noch nicht ganz so, als sei diese Staffel wirklich beschlossene Sache, aber zumindest schon mal besser als die Meldungen vom Februar. 

Alte Pracht in Dresden: Anfang April wurde die neue Dauerausstellung Macht und Mode im Dresdner Schloss eröffnet. Zu sehen sind unter anderem Textilien aus dem 15. bis 17. Jahrhundert, darunter zahlreiche vollständig erhaltene Kleidungsstücke und Kleidungsensembles der Sächsischen Herrscher, die seit dem zweiten Weltkrieg nicht mehr öffentlich ausgestellt wurden. Die Webseite der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden gibt einen Vorgeschmack, was für phantastische Gewänder dort zu erwarten sind. Sehr lesenswert auch der Artikel von Rabensturm, die die Ausstellung schon gesehen hat. 

Alte Kleider im Netz: Wie unterscheidet sich ein Kleid von 1865 von einem Kleid von 1875? Die Modehistorikerin Lydia Edwards hat mit "How to read a dress" ein Buch geschrieben, das den Wandel der Modelinien vom 16. bis zum 20. Jahrhundert verfolgt - ganz anschaulich anhand von kommentierten Kleiderfotos, die die Details erklären, auf die es ankommt. Lydia Edwards ist als @dressedintime bei twitter und zeigt dort ab und zu interessante Kleiderfunde, wie zum Beispiel ein Korsett für schwangere Frauen aus dem frühen 19. Jahrhundert. Einen Vorgeschmack auf das Buch bekommt man in ihrem Tumbler

Eine Schafherde besitzen und mit der Wolle der eigenen Schafe stricken - kein schlechter Traum. Die Berliner Strickmodendesignerin Rike Feurstein hat sich diesen Traum erfüllt und rettet damit  auch eine alte Schafsrasse, die fast verschwunden wäre.

Gequälte Kreaturen: Terrorisiert ihr eure Familie auch dauernd mit dem Wunsch, von euch und euren selbstgenähten Sachen Fotos für Blog oder Instagram zu knipsen? Eure geplagten Angehörigen können nun Trost finden - es gibt inzwischen einen Begriff für ihr Leiden.Thomas Klemm ist einer dieser "Instagram husbands" und schrieb über seine Erfahrungen in der FAZ. 

Wie finde ich den Brustpunkt? Und was ist das überhaupt? Ich weiß noch, als ich vor Jahren zu ersten Mal den Begriff "Brustpunkt" im Zusammenhang mit Schnittänderungen einem Nähforum las, war ich verwirrt. Der Begriff wurde ganz selbstverständlich verwendet, so ähnlich, wie man "Äquator" oder "Nordpol" sagt, und jeder weiß, was gemeint ist. Hatte ich an entscheidender Stelle in Bio nicht aufgepasst? Meike - Crafteln veranschaulicht in ihrem Blogbeitrag sehr schön, was der Brustpunkt ist und wie man ihn auf einem Schnittmuster lokalisiert. 

Und was ist der Fadenlauf? Fadenlauf ist auch so ein Begriff, den man beim Nähen kennen (und beachten) sollte, der aber nur selten grundlegend erklärt wird. Das beswingte Fräulein hat einen tollen Beitrag mit anschaulichen Beispielen zum Fadenlauf geschrieben, der nicht nur erklärt, was der Fadenlauf ist, sondern auch zeigt, welche Auswirkungen er auf den Fall der Kleidung hat. 

Baumwollverarbeitung im Industriemuseum: Von einem Besuch in der Baumwollspinnerei Quarry Bank Mill schreibt Sieben Monate in Wales. Interessant! 



Zuletzt noch eine Ankündigung einer eigenen Veranstaltung:  Textiler Nachmittag und Buchvorstellung am Sonntagnachmittag, 21. 5. im Haus Eichkamp (S Messe Süd)

Am Sonntag stellen Susanne - Textile Geschichten und ich unsere Bücher vor, also das Stofflexikon Stoff und Faden und Susannes Bücher über textile Redensarten Verflixt und Zugenäht und Am Rockzipfel. Drumherum haben wir uns ein nettes, anschauliches Programm ausgedacht, es gibt Stoffproben zum Anfassen, Garn aus Brennnesseln aus Tierhaaren und eine Brennprobe - eigene Stoffe können gerne mitgebracht werden! Das Haus Eichkamp sorgt für Kaffee und Kuchen. Es geht um 15.00 Uhr los, alle Informationen findet ihr auch auf der Webseite des Hauses.

Mittwoch, 6. Juli 2016

Vermischte Näh-Nachrichten

Paste-up, Bouchéstraße, Alt-Treptow
Heute mal eine kleine Wasserstandsmeldung von mir, ich bin nicht verschollen, ich nähe und stricke immer noch und habe mir durch selbst gesetzte Fristen und Termine (beruflich) ein bißchen Druck gemacht - sowas verhindert immer recht erfolgreich das fröhliche Herumbloggen bei mir.

Fußball-Versuchsanordnung aus Neukölln

Ein nicht unerheblicher Teil meiner Freizeit ging zur Zeit der sich überschlagenden Nachrichten in Sachen Brexit auch mit dem Lesen von Nachrichtenseiten und Kommentaren drauf. Meine Filterblase aus britischen Strickdesignerinnen, Textilkünstlerinnen und Kunsthistorikerinnen, die ich bei twitter verfolge, hatte mich vorher nicht eine Minute glauben lassen, eine Mehrheit werde sich für die Trennung von Europa aussprechen, und die Meinungsumfragen und die Quoten der Londoner Buchmacher (die ja angeblich zuverlässiger als jedes Meinungsforschungsinstitut den Ausgang von Wahlen prognostizieren können) wiesen auch in diese Richtung. Der Ausgang des Referendums überraschte und bekümmerte mich mehr, als ich vorher gedacht hatte, und ich verbrachte zwei Tage mit dem Versuch zu verstehen, was da vor sich ging. Über die selektive Wahrnehmung durch Filterblasen habe ich in diesem Zusammenhang viel gelernt, über die der anderen, aber genauso über meine eigene. Das war in mehrfacher Hinsicht lehrreich.

Außerdem kannn ich mich wie jedes Mal dem Sog der Fußball-Europameisterschaft nicht ganz entziehen, auch wenn ich vorher immer denke, es werde mich ganz sicher nicht interessieren. Das KO-System und das Konstrukt, dort würden Länder gegeneinander spielen, erzeugt dann aber sogar für mich Spannung, und außerdem lässt sich beim Fußballgucken hervorragend stricken.


Die vor längerer Zeit angefangene Jacke aus Drops Merino mit Streifen aus Drops Kid Silk ist bis auf die Knopfleiste fertig. Jetzt kommt die Herausforderung, in der Knopfsammlung fünf oder sechs gleiche und zur Jacke passende Knöpfe zu finden.


Das aktuelle Nähprojekt - 106 aus Burdastyle 4/2016 - macht mir weniger Freude: Ich wollte eine lockere, leichte Hose, quasi eine Pyjamahose für draußen haben, und schnitt einen dünnen, sehr fließend-flutschigen Viskosestoff vom letzten Jahr an. Die etwa 5 cm lange Probenaht auf einem Rest fiel befriedigendend aus, also nähte ich die vier Beinnähte - mit französischen Nähten, sonst macht das Trennen ja keinen Spaß. Denn leider fallen die Nähte gar nicht schön, auf der langen Strecke macht sich ein Zug auf der Naht bemerkbar, die fast unmerkliche Kräuselung lässt sich nicht wegbügeln, und so muss ich in der nächsten Zeit versuchen, alles aufzutrennen, ohne den Stoff zu zerstören. Bei erheblich reduzierter Fadenspannung ist der Zug nämlich nicht da, es gibt also Hoffnung.

Regina Relang für "Constanze" aus Paris, 1953

Einige interessante Veranstaltungen und Ausstellungen gibt es zur Zeit auch:

  • In Oberhausen läuft bis zum 22. September eine Ausstellung von Fotografien Regina Relangs. Regina Relang begann in den 1930er jahren als Reportagefotografin auf Reisen und war von den 1950er bis in die 1970er Jahre die erfolgreichste deutsche Modefotografin. Die Bilder in alten "Constanze"-Modeheften stammten zu einem großen Teil von ihr - die Inszenierung der Modelle in lebensechten Situationen auf der Straße oder in Cafés war ihre Spezialität. (Und nochmal vielen Dank für die Hefte in Richtung Süden! Ich freue mich sehr darüber.)
  • Über das Bügeln beim Nähen hatten wir uns hier vor ein paar Wochen unterhalten. Frau Nähkästchen hat sich des Themas angenommen und schreibt eine Serie dazu: Teil 1 über die Ausrüstung fürs Bügeln, Teil 2 über allgemeine Bügel-Tipps und Teil 3 über das Bügeln beim Einsetzen von Ärmeln ist schon erschienen. Besonders den dritten Teil müsst ihr euch unbedingt ansehen - dort zeigt Teresa in einem Video, wie der Ärmel einer Bluse "gezogen", also etwas eingehalten und das Eingehaltene eingebügelt wird. Ich habe das noch nie gesehen, und wie ich den eingenähten Ärmel dann bügeln soll, wusste ich auch nicht. Die sehr allgemeinen Kapitel übers Bügeln in den Hobby-Nähbüchern beantworten diese Fragen überhaupt nicht. Ich freue mich schon auf die weiteren Teile der Serie.

Mittwoch, 3. Juni 2015

Rückblick: Von Pyjamas, Bloggertreffen und Jeansexpertinnen

Mit dem Frühling möchte ich auch die Rubrik der Wochenrückblicke und Artikelempfehlungen wieder aufnehmen. Ich finde es jedes Jahr wieder erstaunlich, wie belebend längere Tage und mehr Tageslicht auf mich wirken. Anfang März wird plötzlich alles besser, heller, freundlicher, ich fühle mich einige Tage wie ein Maulwurf, der die Nase aus seinem Bau steckt und in die Sonne blinzelt, und ich bekomme auf einmal wieder Lust, Aktivitäten außerhalb der Wohnung nachzugehen.


Zugleich habe ich gerade ganz schön viel zu tun, und was macht man am besten, wenn man viel zu tun hat? Genau, man erledigt erstmal etwas vollkommen Unwichtiges. Und so nähte ich mir einen aufwendigen Pyjama mit selbstgemachten dunkelblauen Paspeln. Der schöne glatte Baumwollstoff für die Hose stammt vom Tauschtisch in Bielefeld (es könnte sein von Monika?). Für ein Oberteil hätte er nicht mehr gereicht, daher kam dafür ein Baumwollsatin vom Markt zum Einsatz, von dem ich nur etwas über einen Meter hatte, also musste ich für innere Ärmelblenden, Unterkragen und Halsbeleg mit hellblauem Stoff aushelfen. Schnitt 125 aus Burda 12/2006, Hosenbeine verlängert.  


Koreanisch ist das neue... Chinesisch? Ich bin eine experimentierfreudige Esserin und mag die asiatischen Küchen gerne, und ganz besonders koreanisches Essen, seitdem ich es Anfang der 2000er im Leipziger Tobagi entdeckte. Die koreanischen Restaurants sprießen hier in Berlin gerade wie die sprichwörtlichen Pilze aus dem Boden. Anfang des Jahres eröffnete gefühlt jede Woche ein neuer Laden in den bevorzugten Lagen in Mitte, Kreuzberg und Neukölln, und über einen Neuzugang freue ich mich besonders. Die zweite Filiale des Mmaah ist nämlich quasi vor der Haustür, deutsch-koreanisches Crossover: Bulgogi trifft Pommes rot-weiß.


Das Bloggertreffen in Leipzig Anfang Mai, organisiert von Frauenoberbekleidung, Wolleliese,Wilkavera, Ida und Anne (ich hoffe, ich habe niemanden vergessen?) war in jeder Hinsicht prima. Sehr nette Gesellschaft auf der Fahrt, Stöbern in Stoffläden, Wiedersehen mit bereits Bekannten und Kennenlernen neuer Bloggerinnen und Leserinnen, ein netter Abend mit leckerem Buffet, am nächsten Tag Stadtführung und Kaffeetrinken - ich hatte viel Spaß und habe kein einziges brauchbares Foto gemacht.

Tolle Leipzig-Bilder und Berichte gibts aber zum Beispiel bei der Luise und bei Rothedinge. Ich zeige euch stellvertretend nur die beiden Stoffe, die ich mit zurückbrachte: die sommercocktailfarbene Spitze sprang mich am ersten Abend auf dem Tauschtisch an, zusammen mit der Idee, den Stoff mit einer anderen Farbe zu unterlegen und daraus einen Halbtellerrock herzustellen. Solchen Eingebungen, wenn ein Kleidungsstück schon fix und fertig vor dem inneren Auge aufblitzt, muss nach meiner Erfahrung unbedingt nachgegangen werden. Ich werde das bald in Angriff nehmen, denn so ein Spitzenrock scheint mir das ideale Kleidungsstück für laue Sommernächte. Vielen Dank, Max Lau, für den wunderbaren Stoff!

Der zweite Stoff sind 30 cm Luxus - bei der Ankunft in Leipzig schlugen wir nämlich zuerst den Weg zum Stoffekontor ein. Ein toller, großer Laden mit teilweise wirklich wunderbaren Stoffen - aber die Preise sind für jemanden aus dem Paradies des günstigen Materials teilweise schon etwas schockierend, und dabei nehme ich nicht mal unseren Markt als Maßstab. Constance kaufte zur Erinnerung ein klitzekleines Stück edlen Stoff, als Akzentstoff  für ein Nähprojekt in Kombination mit Uni-Stoff und als Leipzig-Souvenir, und ich fand die Idee so gut, dass ich mir auch einen aussuchte: einen schwarzgrundigen Patchworkstoff mit Golddruck. Der aller-allerschönste und gleichzeitig absurdeste Moment der Reise war übrigens, als Birgit, Constance und ich am Sonntag Morgen im Schlafanzug mit Kaffee auf dem Balkon unserer Gastgeberin saßen und unsere Stoffe streichelten. Nur Nähnerds können das nachempfinden!


Die Netzfundstücke:

Mantelinspiration (für den nächsten Winter dann) und zugleich sinnvolles Textilrecycling: Das Amsterdamer Designduo Wintervacht schneidert aus jahrzehntealten Wolldecken wunderschöne schlichte Wintermäntel, die vor allem von den ungewöhnlichen Farben und Mustern leben. Für Frühjahr und Sommer gibt es Tops und Shorts aus alten Vorhängen.

Die Feinstrumpfhose ist vermutlich das Kleidungsstück mit der kürzesten Lebensdauer, eine Laufmasche, und sie fliegt in den Müll. Nicole Kiersz beschäftigte sich in ihrer Abschlussarbeit Textildesign mit dem Feinstrumpf und entwickelte eine Möglichkeit, ihn mit anderen Materialien zu verweben und so neue Stoffe zu schaffen - und gewann mit ihrer Arbeit außerdem den bayerischen Staatspreis Textildesign.

Papierschnittmuster und Modeillustrationen fallen in der akademischen Welt in die Rubrik "Gedöns", weshalb es nur wenig erst zu nehmende Beschäftigung damit gibt. Eine der wenigen Ausnahmen bilden die Commercial Pattern Archives, ein Sondersammelgebiet der Bibliothek der Universität von Rhode Island, das über 40 000 Schnittmuster von der Mitte des 19. Jahrhunderts bis zur Gegenwart beherbergt. Die dazugehörigen Illustrationen und schematischen Darstellungen der Schnittteile sind digital erschlossen und können in einer (allerdings kostenpflichtigen) Datenbank durchsucht werden - unter "Sample" kann man einen kleinen Einblick gewinnen. Die Kuratorin der Sammlung, Joy Spanabel Emery, veröffentlichte außerdem ein Buch über die Geschichte der Schnittmusterindustrie (auszugsweise hier bei Google Books).

Zur Zeit liest man dauernd, was mit 3D-Druckern angeblich alles Tolles hergestellt werden kann, es scheint nur noch eine Frage der Zeit, bis diese Geräte in jedem Haushalt vorhanden sein werden. Eine chinesische Firma stellte nun auf einer Messe Brautkleider aus dem 3D-Drucker vor - aber bis diese Kleider wirklich das Erscheinungsbild der Brautmode verändern werden, wird es wohl noch etwas dauern: ein Schleier aus dem Drucker kostet 20 000 Yuan, etwa 2984€.

Teure Textilien, aber handgemachte, kommen auch aus Bangladesch, dem Land, das bei uns wie kein anderes für Billigklamotten steht. Die Weberinnen und Weber der Jamdani-Stoffe sind hingegen hochspezialisierte und sehr gesuchte Handwerkerinnen und Handwerker.

Die Ginger Jeans von Closet Case Files löste kürzlich eine kleine Jeansnähwelle aus, und wer den Schnitt noch auf der Nähliste hat und sich über die Verarbeitung den Kopf zerbricht: im auch sonst sehr lesenswerten Blog von Carmen Roetsch gibt es eine tolle Serie über das Nähen einer Jeans. Sehr interessant fand ich auch die Experimente von Frau Lotterfix, um beim Absteppen der Jeansnähte den richtigen professionellen Look zu erzielen. Sie konstruierte sich ihren Jeansschnitt übrigens selbst nach Hofenbitzer - sehr beeindruckend!

Donnerstag, 21. August 2014

Wochenrückblick: Ausflug nach Potsdam, neue Herbstschnittmuster und Sewing Bee auf Französisch

Paris, Rom, Tokyo? Nein, vorerst nur München, Leipzig, Potsdam. Der richtige Urlaub steht mir noch bevor, aber für Wochenendreisen und ein paar Ausflüge war in den letzten Wochen schon Gelegenheit. Über München und Leipzig gibts nochmal zwei Extraposts mit Nähthemen, wenn ich bei all der Herumreiserei noch dazu komme. Aber als Berlinerin muss man sich nicht wirklich weit wegbewegen, um fremde, exotische Welten zu sehen - es reicht eine 3-Zonen-Fahrkarte der BVG für Potsdam, um England, Italien, Ägypten und Holland an einem Tag zu erleben. 

Schloss Cecilienhof, ein überschaubar wirkendes, aber 176 Zimmer beherbergendes Schloss im englischen Landhausstil im Potsdamer Neuen Garten war unser erstes Ziel. Das Marmorpalais am See nicht weit entfernt versetzte uns mit seinen Kübelpflanzen, den luftigen Arkaden und den großen Seeterrassen nach Italien. 


Die Schlossküche ist in einer künstlichen Ruine untergebracht. Wo Zypressen nicht gedeihen, pflanzt man eben Pappeln.


Die Orangerie wurde im ägyptischen Stil dekoriert, und sitzt man hinter den Säulen unter der Sphinx, blickt man auf die holländischen Backsteinhäuschen, in denen früher die Gärtner wohnten.


Die heutigen Gärtner in Potsdam legen immer noch wunderbare Blumenbeete an und ich werde ganz neidisch, wenn ich an meinen Balkon denke, der dieses Jahr nur zwei Tomaten hervorgebracht hat, und eine Kapuzinerkresse, die nicht blühen will. Hier wachsen auch Buntnesseln, Artischocken und Mais - ich nehme an, das sind historisch korrekte Bestandteile der Beflanzung auf dem Stand des späten 18. Jahrhunderts.   


Auf das Wandmosaik in der Dortusstraße, Ecke Breite Straße - hier nur eines von den vielen Bildern der Serie - trafen wir ganz zufällig, als wir auf der Suche nach einer Tapasbar in der vollkommen falschen Richtung in Potsdams Zentrum herumstolperten. Die Serie von Fritz Eisel mit dem Titel Der Mensch bezwingt den Kosmos am heutigen Landesamt für Datenverarbeitung ist bei Wikipedia Bild für Bild zu sehen. Vor dem Gebäude wird für den sehr umstrittenen Neubau der Garnisonkirche an dieser Stelle geworben - es gibt einen Verein der Befürworter und einen der Gegner und offenbar immer noch eine große Sehnsucht nach Kulissenarchitektur, um sich an einen anderen Ort oder in eine andere Zeit zu versetzen.


Selbermach-Links der Woche


Ende August kommen traditionellerweise die Wintermäntel und die Lebkuchen in die Läden, und die Schnittmusteranbieter machen keine Ausnahme und präsentieren neue Herbstmodelle. Der Trend geht zur Hose, und insbesondere zur Latzhose.

Da trifft es sich gut, das Frau Crafteln mit untrüglichem Riecher den Hosen-Herbst, einen Hosen-Sew-along ohne Zeitdruck organisiert. Von jetzt bis Anfang Dezember wird Monat für Monat Hosen-Wissen gesammelt, es werden Hosen-Probleme erörtert und hoffentlich gemeinschaftlich gelöst. Ich zähle darauf, dass Sinje - Strich&Faden sich des Latzhosentrends annimmt. Zwei neue Indie-Schnittmuster stünden dazu zur Verfügung: die Turia-Latzhose von Pauline Alice, eine Latzhose eher traditionellen Zuschnitts, und die etwas stromlinienförmigeren Bly Overalls von named Patterns aus Finnland.

Die named-Latzhose ist nur ein Teil einer ganzen Herbst-Winter-Kollektion, von der ich ganz angetan bin - besonders vom Leotie-Dress, einem Schnitt für ein Kleid aus Webstoff mit halblangen Ärmeln, der meiner Meinung nach viel Potential hat. Die herzförmig geschwungene Naht zwischen Schulterpassen und Unterteil gefällt mir sehr, ich sehe schon eine Menge interessante Kombinationen verschiedener Texturen, Muster und Farben vor mir.  

Sewaholic Patterns brachte gleich zwei neue Schnitte heraus: Yaletown ist ein Schnitt für ein lockeres Wickelkleid mit leicht angekraustem Rock oder abgewandelt als Bluse mit Schößchen und kurzen Ärmeln. Wer noch nicht weiß, ob er sich denn Schnitt zutraut, kann den gerade gestarteten Sew-along im Sewaholic-Blog verfolgen - dort wird der ganze Nähprozess Schritt für Schritt mit Fotos gezeigt.

Der Rae-Skirt von Sewaholic ist ein sehr einfach zu nähender, aber trotzdem raffinierter Schnitt für einen Bahnenrock mit Gummizug in zwei Längen, als Minirock oder knielang. Eben kein typischer Sack-mit-Gummizug-Rock, sondern ein Kleidungsstück, das eine Form besitzt, aber trotzdem als erstes Nähprojekt für Anfänger geeignet ist. Auch für diesen Schnitt gibt es eine Fotoanleitung im Sewaholic-Blog.

Ein bißchen enttäuschend finde ich dieses Jahr die Vorschau für das Ottobre-Woman-Heft, das Ende September bei uns erscheint. Früher war dieses Herbstheft nach meinem Eindruck ein Ereignis in der Nähwelt, den Finnen gelang es jedes Mal, eine komplette Garderobe mit aufeinander abgestimmten Teilen mit kleinen modischen Details zusammenzustellen, die irgendwie immer genau das trafen, was viele von uns in dem Moment nähen und anziehen wollten. Dieses Mal sind die Schnitte allesamt vollkommen uninteressant für mich. Passend zum Hosenthema ist ein Schnitt für eine enge Jeans dabei, ganz interessant ist vielleicht noch die Kaupzenjacke mit schrägem Reißverschluss - aber alles andere finde ich schon sehr banal oder es ist einfach nicht mein Fall, wie die untaillierten Tunikakleider.

So weit zum Herbst - in nächster Zeit ist noch ein neuer Schnitt von by hand London zu erwarten, ein Jumpsuit namens Holly mit Varianten (die Übergänge zur Latzhose sind fließend!), von dem bisher nur einige Bilder bekannt sind. In früheren Jahren gab es im September außerdem ein Easy-Fashion-Heft von Burda, aber die zuverlässige russische Quelle meldet davon noch nichts. Dafür gibt es dort eine komplette Übersicht mit Schnittzeichnungen für das Burda-Plus-Herbst/Winter-Heft, das in Russland am 3. September erscheint - bei uns soll es bereits seit gestern (20. 8.) erhältlich sein, ich kann allerdings auf der deutschen Burda-Webseite nichts außer einer unvollständigen Vorschau dazu finden.

Zum Abschluss noch zwei unterhaltsame Links:

Kekse zum Kuscheln, außerdem eine Ladenkasse aus Filz, Tageszeitungen, Fischstäbchenpackungen und Getränkedosen aus Filz, all das findet sich bis Ende August in einem Tante-Emma-Laden in London, den die britische Textilkünstlerin Lucy Sparrow austattete, um auf den Verfall kleiner Läden aufmerksam zu machen. Bilder und ein kurzer Bericht hier, interessant ist aber auch das Blog zum Projekt. Lucy Sparrow nähte das Inventar innerhalb der letzte sieben Monate mit der Hand, und zwar rund um die Uhr und quasi in jeder Lebenslage. Wie jedes moderne Geschäft hat der Corner Shop auch einen Onlineshop, in dem die mehr als 4000 Filzobjekte nach Abschluss der Installation verkauft werden.

Über die deutsche Adaption des Great British Sewing Bee hatten wir hier ja schon spekuliert, das französische Fernsehen ist bereits einen Schritt weiter: auf dem Sender M6 läuft am 30. August um 18.00 Uhr die erste Folge der französischen Version mit dem Titel "Cousu Main". Ein Trailer und ein fürchterlicher, schriller und komplett gestellter "Blick hinter die Kulissen" findet sich hier auf der Seite des Senders (Vorsicht, bei mir läuft das Video sofort an und plärrt ziemlich laut los). In der Vorschau sind schon ein paar schöne genähte Kleider zu sehen, finde ich, außerdem wird anscheinend auf den modischen Aspekt des Selbernähens viel Wert gelegt, das gefällt mir - aber die Moderatorin ist einfach eine Nervensäge, das glaube ich schon nach 90 Sekunden feststellen zu können.  
(via @suschna)   

Freitag, 31. Januar 2014

Wochenrückblick: Puppenhäuser, make do and mend und noch eine neue Schnittmusterfirma

 
Die Rubrik der Wochenrückblicke ist in letzter Zeit mal wieder ins Hintertreffen geraten hier. Es ist aber auch nicht viel passiert: erst war kein Winter, dann doch, und ganz Berlin tat überrascht. Für meine Büropflanze ist sowieso Frühling, egal was die anderen sagen. Ich strickte eine vor Urzeiten angefangene Strickjacke fast fertig und mir gelang es, das Futter für die Helgolandjacke doch noch aus eigentlich viel zu wenig Stoff zuzuschneiden. Die kleinen Triumphe eines Nähnerds.  

Die Links der Woche sind diesmal ein buntes Sammelsurium:

Puppenhäuser sind nicht nur für Kinder. Über Twitter gelangte ich zu Stef und ihrem ebenso beeindruckenden wie zauberhaften Haus. Diese Details, diese Akribie! Ich bin von den Bildern begeistert und schon ganz gespannt auf die Vorstellung der einzelnen Zimmer. Zufällig ging es bei SpOn in der letzten Woche auch um Puppenhäuser: Die reiche Erbin Frances Glessner Lee sorgte mit einer Stiftung für die erste rechtsmedizinische Fakultät der USA - und baute in den 1930er Jahren Puppenhäuser, in denen die Schauplätze von Verbrechen detailversessen abgebildet waren. Die Schaukästen wurden über Jahrzehnte in der Ausbildung von Kriminaltechnikern verwendet. Frances Glessner Lee erfüllte sich damit nach ihrer Scheidung einen Traum und verband ihr Interesse an Medizin und "ihren unbändigen kreativen Drang, mit dem sie früher nur auf das Unverständnis ihres Ex-Mannes gestoßen war". Das Wohnhaus der Glessners in Chicago ist heute ein Museum, und das Museumsblog lässt erahnen, wie unbändig Frances' kreativer Drang gewesen sein muss: Sie spielte selbst Geige, baute ein Miniatur-Symphonieorchester und richtete sich im Keller unter dem Esszimmer eine Silberschmiedewerkstatt ein.

"Make do and mend" war in den 1940er Jahren in Großbritannien die Devise: Kleidung reparieren, ändern, umarbeiten - wie es dieser alte Werbefilm zeigt. Ob das Babybett tatsächlich praktikabel ist, kann ich nicht beurteilen - den gequilteten Morgenmantel aus Stoffresten finde ich aber große Klasse!

Indie-Schnittmusterhersteller und kein Ende: Aus England kommt gatherkits.com, gegründet von zwei nähbegeisterten Freundinnen. Im Moment gibt es einen Schnitt für ein Kleid und einen Zierkragen, die Illustrationen auf der Seite sind hübsch retro, und ich frage mich gerade, wie viele kleine Schnittmusterfirmen die Welt eigentlich ernähren kann - hoffen wir das beste!

Freitag, 18. Oktober 2013

Woche 41


Zurück vom Betriebsausflug des MMM-Teams in den Süden und von einem kleinen Familienbesuch anschließend, um das zu erleben, was es in Berlin nicht gibt: weite Landschaften und Stille. Eine Woche komplett offline tat gut, vor allem da ich vor dem Wegfahren jedes Mal in Hektik verfalle, weil so viel noch unbedingt vorher zu erledigen ist. Der Liebste hält es ebenso und bleibt am letzten Tag auch immer extra lange im Büro, so dass wir beide erst spät zuhause eintreffen, die Koffer noch ungepackt, nichts mehr zu essen da, beide abgehetzt. Ein Freund von uns meinte einmal angesichts unseres Wegfahrverhaltens, er könne sowas ja nicht, er brauche immer erst einen Tag vor dem Wegfahren für sich, um sich in Ruhe darauf einzustellen. Ja, diesen Tag nur für mich hätte ich auch gerne, nur klappt das leider nie!

Die gehäkelten Sechsecke sind ein neues Projekt mit Suchtpotential - nachdem ich natürlich Meikes Häkeldeckenfortschritte verfolgte und ihre Hexagons beim Betriebsausflug auch mal anfassen konnte, gab ich nach und begann mit Sockenwollresten und einer Häkelnadel Nr. 2,5. Bisher bin ich begeistert. Im Grunde trage ich einen unterdrückten Hexagondeckenwunsch schon seit 2007 mit mir herum, als Moonstitches ihre wunderbare Decke häkelte. Nur wusste ich lange nicht, welches Garn ich verwenden sollte: Acrylgarn gibt es zwar günstig in vielen Farben und ich finde es für Dekosachen die man nicht anzieht auch ganz annehmbar, aber eine Menge Plastikgarn neu kaufen wollte ich auch nicht. Baumwolle war mir zu schwer, Wolle extra zu kaufen zu teuer - wie gut, dass ich jetzt darauf kam, meine bunten Sockenwollreste, aus denen sowieso keine Socken mehr werden, zu verhäkeln. Siebenhundertsachen schickte mir außerdem netterweise ein paar weitere Reste in anderen Farben zu  -  Danke nochmal! Das Sechseckmuster sind die "Love at first sight"-Hexagons von Le monde de Sucrette und ich strebe vorerst nur einen Kissenbezug an.

Und weil ich in der vergangenen Woche recht viel Zeit auf Bahnhöfen verbracht habe, kam ich nicht umhin, den irrsinnigen Werbeaufwand zu bemerken, den Pro7 in die Sendung Fashion Hero investiert. Neben Plakaten an jeder zweiten Ecke gibt es auch ein gedrucktes Magazin, das ich wegen der auf dem Titel angekündigten "4 Schnittmuster" mitnahm.

Ich finde ja prinzipiell erstmal alles gut, was Leute zum Nähen bringt, und die Zeitschrift ist auch nicht schlecht gemacht - ein bißchen Modetrends, die Kandidatinnen und Kandidaten werden vorgestellt, ein langer Artikel erklärt die Möglichkeiten, Modedesign zu studieren. Aber ohje, die Schnittmuster! Zwar gibt es einen richtigen Schnittbogen aus Seidenpapier für vier Modelle in den Größen S, M und L, aber weder eine Maßtabelle, noch technische Zeichnungen noch Angaben zur Stoffmenge und -art. Die Nähanleitungen lassen sich über QR-Codes abrufen, aber was man dann bekommt ist zum Beispiel sowas: Nähanleitung Twiggy-Kleid. Eine Aufzählung der Nähschritte, mit deren Hilfe eine versierte Selbermacherin dieses Kleid wahrscheinlich zusammennähen könnte - eine Nähanfängerin aber ganz sicher nicht. Also liebe Nähanfängerinnen - spart euch das Geld für das Heft, wenn es euch um Schnittmuster geht, und kauft euch lieber die Cut oder die Burda Easy, die haben ausführliche Anleitungen mit Bildern.

Linktipps gibt es diese Woche nicht, aber eine Empfehlung für die BerlinerInnen: In der Auguststraße 82 in Mitte hat mit Water to Wine ein neuer Laden für Upcycling-Mode eröffnet. Das Besondere: dahinter steckt ein Projekt der Berliner Stadtmission in Kooperation mit der Designerin Sarah Schwesig. Verarbeitet werden Kleiderspenden an die Stadtmission, die nicht an Obdachlose verteilt werden können, weil die Sachen kaputt sind oder nicht geeignet, wie zum Beispiel Abendkleider. In neuer, umgearbeiteter Gestalt warten sie bei Water to Wine auf Käufer, außerdem gibt es Schmuck und Accessoires anderer Labels, die sich ebenfalls dem Recycling und Upcycling verschrieben haben. Ich finde das hört sich sehr sinnvoll an, hoffentlich komme ich am Wochenende dazu, mir den Laden anzusehen.         

Montag, 7. Oktober 2013

Woche 40


Erst das Vergnügen, und dann.... Der 3. Oktober führte uns bei herrlichem Herbstwetter auf einen langen Spaziergang durch Kreuzberg, in den Prinzessinnengarten. Die Brachfläche wurde in den letzten Jahren in einen gemeinschaftlich bewirtschafteten Gemüsegarten mit Hochbeeten und einem Gartencafé verwandelt, es gibt aber immer noch wunderbar verwunschene, zugewachsene Ecken mit Schaukeln zwischen den Bäumen. Am Donnerstag begann im Garten eine Freiluftausstellung zum Thema Freigebigkeit (noch bis zum 10. 10.).

Ich tat mich schwer, die 25 Kunstwerke zu entdecken: Wenn in einem Beet, einem Blumentopf oder im Boden ein kleines weißes Schild mit dem Namen des Künstlers und des Kunstwerks steckte, dann war ein Ausstellungsobjekt nicht weit - aber wohin sollte man schauen? Geradeaus, nach oben, auf den Boden? Ich suchte also nach Dingen, die vermutlich nicht in einen Garten gehören, und entdeckte so einiges: ein gespanntes Seil zwischen den Bäumen - kein Kunstwerk. Eine interessante Spalierkonstruktion aus Regenrohren - kein Kunstwerk, da mit Erdbeeren bepflanzt. Ein laufender Fernseher, der ein verschwommenes Video zeigte, zwischen Tomatenpflanzen: Kunst! Der Zweck der üblichen Präsentationsweise von Kunst in Museen und Galerien mit weißen Wänden ist mir selten so deutlich geworden: man weiß wenigstens sofort, womit man es zu tun hat. Lustige Dialoge hörte ich mit an: "Ist das auch Kunst?" - "Nein, das ist ein Sessel, setz' dich doch da mal drauf."

Wir landeten zuletzt bei Kaffee und selbstgebackenem Kuchen bei Fräulein Wild in der Dresdener Straße, einem pfefferminzgrünen Mädchencafé unmittelbar hinter dem Neuen Kreuzberger Zentrum.


Das weit weniger stilvolle Kaffeetrinken am Samstag war sehr hart erarbeitet. Es ist nämlich so: Es zieht durch die alten Doppelfenster in unserem Wohnzimmer. Stoff für Vorhänge hatten wir schon für über einem Jahr gekauft, ich fand ihn letzte Woche zufällig wieder. Der Plan stand felsenfest: einen weiteren Winter ohne Vorhänge sollte es nicht geben! Am Freitag verbrachte der Liebste einen nicht unerheblichen Teil seines freien Tags im Baumarkt, verglich Vorhangstangen und kalkulierte die Preise von Vorhangstangen im Baukastensystem im Vergleich zu Vorhangstangensets. Wenn ihr denkt, dass Kompatibilitätsfragen bei Staubsaugerbeuteln oder Handyladekabeln ein Problem sind, dann habt ihr noch keine Vorhangstangen gekauft. Wobei, leidlich passende, nur etwas zu lange Stangen gab es, aber das Vorhangringsystem, bei dem der Vorhang mit kleinen, stabilen Metallklämmerchen gehalten wird, gibt es anscheinend nur bei Ikea. 

Und es gibt nichts Schlimmeres als Ikea am Brückenwochenendsamstag, außer vielleicht Ikea an einem Adventssamstag. Nach einer nicht ganz so kurzen Anreise in eine bis auf die Menschen mit Ikea-Taschen entvölkert wirkende Gegend Lichtenbergs, standen wir in der Gardinenabteilung. Es gab zwar hunderte 20 mm-Gardinenstangen in allen Farben und Längen, aber keinen einzigen dazu passenden Gardinenring. Keine einzigen. Ich zog für einige Sekunden einen Trotzanfall mit Hinwerfen und Brüllen in Erwägung, aber das hat ja noch nie geholfen. Die durchschnittliche Ikea-Kundin tröstet sich in einer solchen Situation mit bedruckten Muffinförmchen, Kerzen oder Kissenbezügen. Aber nicht mit mir. Wahrscheinlich bin ich eine lebende Anomalie, weil das Ikea-Prinzip - mehr kaufen, als man eigentlich jemals haben wollte - bei mir nicht verfängt, ich kaufe da immer weniger, als ich eigentlich vorhatte. Wir eilten also zum Ausgang, ließen uns weder von der Stoffabteilung (ich), noch von Paletten mit Massivholzschneidbrettern, Edelstahltöpfen und Fleischklopfern aufhalten (er), überwanden zuletzt einen Kubikmeter grüner Papierservietten und fanden nach 200 Metern querfeldein über eine holprige Wiese einen Baumarkt.

Dort erstanden wir Gardinenringe mit Plastikhäkchen und eine Packung Metallgardinenklammern mit Metallhaken für Drahtseile, die zuhause mittels einer Flachzange anstelle der Plastikhäkchen an die Ringe gefummelt wurden. Nach ein paar Stunden mit Absägen der Gardinenstangen, Messen, Bohren, Schrauben, Fummeln, Nähen, haben wir jetzt Vorhänge! Aus petrolblauem Wollstoff! Ich versteh' zwar nicht, warum der Kapitalismus die Versorgung mit Gardinenstangen und -ringen nicht geregelt kriegt, aber Kaffee kann er. Sogar in der Cafeteria des Baumarkts am Rande des Universums steht eine Espressomaschine.


Und nun noch die Handarbeitslinks der Woche:

 

Zum Stricken: Am Mittwoch erscheint ein Strick-Sonderheft von Burda, mit anfängertauglichen Strickanleitungen, wie es auf den kleinen Ausschnitten hier aussieht. Ich werde mal reinblättern, die Stricksachen, die früher ab und zu im Burda-Schnittmusterheft dabei waren, haben mir meistens ganz gut gefallen.

Zum Nähen: Die übercoole kleine Schnittmusterfirma by hand London brachte einen kostenlosen Downloadschnitt heraus: das Schnittmuster für das Polly-Top kann hier angefordert werden. Ihr bekommt dann eine Mail mit einem Downloadlink. 

Zum sich-bestätigt-Fühlen: Über das Wechselbad von Erwartung - Enttäuschung - neu aufgebauter Erwartung, neuer Enttäuschung und mühsam erarbeiteter Ergebniszufriedenheit beim Nähen eines Kleidungsstücks hatte Katharina vor einigen Wochen sinniert. Mir scheint, das Phänomen ist universell: Kathryn von yes i like that fasste die Phasen des Nähprozesses nun in einer hochwissenschaftlichen Graphik zusammen. Wir sehen: es ist vollkommen normal, das Planen zu mögen, die Vorbereitungsarbeiten zu verabscheuen und fertiggestellte Kleidungsstücke bis zum ersten Kompliment allenfalls mittelmäßig zu finden.

Zum Anschauen: Ein Musikvideo, in dem Nähzubehör die Hauptrolle spielt.

Zum Anschauen II: Am Mittwoch um 20.15 Uhr beginnt bei ProSieben die neue Castingshow Fashion Hero. Ähnlich wie bei Project Runway aus den USA müssen junge Modedesignerinnen und -designer Wochenaufgaben lösen, ihre Entwürfe werden von einer Jury beurteilt, jedes Mal fliegen welche raus, und am Ende bleibt eine(r) übrig. Da zu Anfang 21 KandidatInnen gegeneinander antreten - wie soll der Zuschauer bitte so viele Leute auseinander halten? - nehme ich nicht an, dass der Design- und Herstellungsprozess allzu viel Raum eingeräumt werden wird, aber vielleicht ist es ja trotzdem ganz lustig.   

Montag, 23. September 2013

Woche 38


Schon wieder eine Woche um, und nicht mal zum Bildersammeln mit der Immer-dabei-Knipse bin ich gekommen. Nur den gefalteten Papiervogel vom Weichselplatz finde ich auf der Speicherkarte.

Dafür saß ich gestern Abend bei der Wahlberichterstattung zum ersten Mal seit längerer Zeit vor dem Fernseher. Ich fand es ganz interessant, an mir selbst zu beobachten, wie sich die Wahrnehmung auf Politik und Politiker ändert, wenn man sich nur über Radio und Zeitungen (auf Papier und im Internet) informiert, sich also mit inhaltlichen Aussagen beschäftigt, ohne bewegte Bilder der Kandidaten. Wie bei einer Fernsehdebatte die eigene Aufmerksamkeit von den Inhalten wegwandert und sich der dem Auftreten der Personen zuwendet - ob man will oder nicht.

Frau Merkel hatte ich bestimmt einige Jahre nicht mehr im Fernsehen gesehen, und ich muss zugeben, so aufgeräumt, freundlich, schlagfertig, wie sie da in der Elefantenrunde saß, kann ich gut nachvollziehen, warum sie von so vielen immer wieder gewählt wird. Steinbrück, der immer so aussieht wie eine missmutige Bulldogge kurz vorm Zuschnappen, kann noch so kompetent sein - ein Kandidat zum Knuddeln wird er in diesem Leben nicht mehr werden. Merkel hingegen wirkt so souverän, so ernsthaft, vernünftig, vertrauenerweckend, dabei anders als früher nicht verbissen, sondern wie eine Frau, die nur unser Bestes will. Sie kümmert sich, hat alles im Blick, wägt ab und nimmt uns die schwere Last ab, uns selbst informieren zu müssen, selbst zu entscheiden, selbst zu denken, denn Merkel denkt und sorgt ja für uns. Der Wähler wird im Angesicht von Merkel wieder zum unmündigen Kind und lässt sie machen - die Zusammenhänge verstehen zu wollen, ist ja auch viel zu kompliziert!

Ja, manche Dinge muss man eben sehen, um sie zu verstehen, und wenn ich diese Fernsehrunde mit  Merkel, Steinbrück, Trittin ganz unvoreingenommen im Fernsehen betrachte, vielleicht so, wie sich das jemand anschaut, der sich für Politik ansonsten nicht besonders interessiert, dann erklärt sich für mich der Wahlausgang und ich finde Wählerverachtung unangebracht. Meine Entscheidung fiel anders aus - aber dass es einen verbreiteten Wunsch nach Sicherheit und einfachen Lösungen gibt, dass man eine wählt, die Vertrauen und Orientierung vermittelt, die nicht alles unnötig verkompliziert, das kann ich verstehen und deshalb nicht verurteilen. Fazit: hätte ich vor der Wahl auch mal ferngesehen, hätten mich die fast 42% für die CDU/CSU nicht so überrascht.

Einige Nähthemen beschäftigten mich in der letzten Woche aber doch:

In dem russischen P-an-da-Blog tauchten die Modelle aus der November-Burda auf. Es wird einige interessante Kleider geben, auch in großen Größen.

Yvonet sezierte eine Jacke, legte die Einlageschichten frei und dokumentierte alles ganz ausführlich in Bildern. Sehr interessant, wo und wie in einem Jackett "Made in China" Einlage verbaut ist - es entspricht ungefähr dem, was man auch in älteren Schneiderbüchern findet - und umso merkwürdiger, dass zum Beispiel Burda-Anleitungen meistens mit sehr viel weniger Einlage arbeiten. 

Zwei Designstudenten entwarfen für das Projekt Unifold Schuhe, die nach einer Schablone einfach aus einem Stück Kunststoffmaterial ausgeschnitten und zusammengefaltet werden können. Eigentlich geht es darum, Menschen mit Schuhen zu versorgen, die sich bisher keine leisten können - aber gerade die Sandale ist auch richtig schick und könnte auf dem Berliner Pflaster bestimmt zum Trendprodukt werden. Wäre eine gute Sache, wenn man mit einem Schuhkauf hier zum Beispiel einer anderen Person ein paar Schuhe sponsern könnte.

Montag, 16. September 2013

Woche 37


Auf meinem Nähtisch liegt ein echter Luxusschnitt - das Elisalex-Kleid von by hand London. Die ersten Elisalex-Kleider sichtete ich im Frühjahr bei Dodo und bei Yvonet, aber erst vor kurzem ging mir auf, dass die Schnittmuster von by hand London in Großbritannien gerade der totale Hype sind - die Schnitte werden in den britischen Nähblogs wie verrückt rauf und runter genäht.

Die Firma wurde vor noch nicht einmal einem Jahr von zwei Mittzwanzigerinnen in London gegründet, ehemalige Schuhdesignerin die eine, Marketingexpertin die andere. Man könnte daher befürchten, dass der große Erfolg vor allem durch geschicktes Einspannen der bloggenden Nähcommunity zustande gekommen ist - aber die zahlreichen Bilder vorteilhafter und gut sitzender Kleider sprechen eine andere Sprache, und so viel enthusiastisches Lob kann man nicht kaufen. Denke ich. Eine Sache haben die Frauen von by hand London jedenfalls schon ganz richtig gemacht: die Verpackung des Schnittmusters und das Anleitungsheft sind so schön und hochwertig gestaltet, dass nicht nur Nähnerds, sondern auch Büchernerds voll auf ihre Kosten kommen.

Ich bekam den Schnitt von Constance im Tausch gegen Korrekturlese- und Redigierarbeit (hat sie natürlich auch in ihrem Shop), und streichelte erstmal eine Woche nur die Verpackung, aber am Wochenende war ich dann so neugierig, ob das etwas für mich sein könnte, dass ich ein Probeoberteil nähte. Das Oberteil sitzt sehr vielversprechend, und ich denke es ist mir auch gelungen, die Schnittteile für den Rock so zu kürzen, dass ein knielanger Tulpenrock mit der "Beule" an der richtigen Stelle dabei herauskommt - das ist am Schnittmuster nämlich etwas merkwürdig, der Rock ist extrem lang (an Dodo sieht man hier die Originallänge), damit der Rock wie auf der Modellzeichnung nur bis zum Knie geht, müsste die Trägerin also ca. 1,93 m groß sein.

Also, das nähe ich mir als nächstes, dann komme ich (falls es klappt) auch nochmal auf die Änderungen zurück. Der Stoff ist oben mit auf dem ersten Foto - eine Art Feincord mit weit auseinander liegenden Rippen in dunkelblau-schwarz von Philea.

Ansonsten ist nicht viel passiert - in unserer kleinen Straße eröffnete ein kleiner israelischer Falafel- und Hummus-Imbiss, der wahrscheinlich unser Ziel für die Abende werden wird, an denen ich weder Lust noch Zeit zum Kochen habe. Und die Turmspringer vom Kanal, die im August noch so aussahen, sind um zwei Springer und Wasser ergänzt worden. Im Netz gibts die neuen Strickmuster von knitty.com - "deep fall 2013" - ja, wir stecken schon mitten im Herbst.    

Dienstag, 10. September 2013

Woche 36


Die letzte Woche war wohl erstmal die allerletzte Spätsommerwoche. Ich strickte ein bißchen an der schwarzen Strickjacke weiter, begann mit dem zweiten Vorderteil, besorgte Stricknadeln für das Miss-Marple-Cape und maschenprobte ein bißchen vor mich hin. Die Entscheidung, welches Muster es wird, ist gefallen, jetzt muss ich nur noch zählen und rechnen. Mehr dazu beim Jodeltreffen am nächsten Sonntag.

Die Freiheit-statt-Angst-Demo am Samstag fand bei schönsten Sommerwetter statt. Ich gehe ganz und gar nicht gerne zu Demos. Mir ist das alles meistens zu undifferenziert, man läuft Gefahr, mit seltsamen Gruppen unfreiwillig Koalitionen einzugehen (in Berlin ist die MLPD zum Beispiel sehr rührig und hängt sich gerne an andere Veranstaltungen ran), und letztlich gehe ich mit dem Gefühl nach Hause, dass die Anstrengung und der verschwendete Nachmittag in keinem Verhältnis zu der erzielten Wirkung stehen.

Das Thema Überwachung war mir aber so wichtig, dass ich mich am Samstag überwand. Erst am Vormittag hatte ich bei TextundBlog das ARD-Interview mit Jacob Appelbaum, dem Verschlüsselungsexperten und Unterstützer von Wikileaks gesehen und überhaupt erst mitgekriegt, dass Appelbaum in Berlin lebt, und zwar nicht freiwillig. Er sprach auch auf der Auftaktkundgebung und erwähnte, dass er keinen Pass mehr besitze. Auch Laura Poitras, die Filmemacherin, die Snowden und Greenwald zusammenbrachte und die Enthüllungen erst ermöglichte, lebt inzwischen in Berlin, nachdem sie in den USA jahrelang von den Behörden schikaniert worden war. Snowden ist, wie bekannt, in Moskau, und Chelsea (vormals Bradley) Manning wird 35 Jahre im Gefängnis verbringen, falls sie das überlebt. Hätte man vor zehn oder mehr Jahren geglaubt, dass das - laut Eigen-PR - "land of the free" diese Leute ins Exil schickt? Von den Briten, bei denen Abgesandte des Geheimdienstes in der Redaktion des Guardian Festplatten zerstören, ganz zu schweigen, und über unsere eigenen Dienste haben wir damit noch gar nicht gesprochen. Ich bin sehr pessimistisch, was unsere Chancen angeht, dass das Ausmaß, die Ziele und die Auftraggeber dieser Spionageprogramme jemals zweifelsfrei aufgeklärt werden - also so, dass Politiker sich nicht mehr hinstellen können und sagen, es handele sich um "unbewiesene Behauptungen" - und noch pessimistischer, dass das Durchforsten unserer Kommunikationsdaten von wem auch immer irgendwann wieder eingestellt werden wird. Und wenn man dann im Netz noch mitkriegt, dass sich Teile der Piratenpartei, der gerade ein Wahlkampfthema auf einem goldenen Tablett gereicht wird, sich lieber in persönlichen Kleinkriegen aufreiben, dann, ja dann ist wieder das Gefühl der Sinnlosigkeit da, das ich schon immer mit dem Demonstrieren-Gehen verbunden habe.

Eine elegante Überleitung zu den Handarbeitsthemen versuche ich gar nicht erst, aber ich habe noch zwei Links:

Strickerinnen sind sich ja sowieso darüber einig, dass das Stricken therapeutische Wirkungen entfalten kann. In Großbritannien gibt es jetzt sogar eine Organisation, die wissenschaftliche Belege für diese These sammelt und die das Stricken in Krankenhäusern, Schulen und Altersheimen systematisch fördern möchte. Stitchlinks vernetzt die Aktivitäten von Strickgruppen in Großbritannien und bringt sie mit Interessierten aus dem Gesundheitssektor zusammen. Ich freue mich schon auf die (sozial-)therapeutische Strickrunde am Mittwoch Abend!

Und noch eine gute Nachricht: Der Indie-Schnittmustershop von Constance, die früher als Perlendiva bloggte, ist endlich eröffnet: Santa-Lucia-Patterns.de. Ich hatte hier ja schon mal kurz darüber geschrieben, als Constance beim Businessplan-Wettbewerb den dritten Platz machte. In ihrem Shop gibt es momentan Schnitte von Sewaholic, By Hand London, Made by Rae, Bluegingerdoll aus Australien und auch die Retrokleider von re-macher (eines davon ist mein Hamburgerservierkleid) - es wird in nächster Zeit aber noch viel mehr dazu kommen, z. B. die Schnittmuster von Sewingcake.com. Alles günstig und schnell aus Deutschland versandt. Viel Erfolg für den Shop!

(Schablonengraffiti: Hermannstraße, Neukölln)

Montag, 2. September 2013

Woche 35

Ganz typisch: viel zu tun, wenig Zeit, demzufolge weiche ich kaum von den täglichen Routinewegen ab und erlebe wenig im echten Leben. Das schlägt sich auch auf den Wochenrückblick nieder.

Zu den Opernarien auf dem Landwehrkanal schaffte ich es nur, weil das praktisch vor meiner Haustür stattfand. Als dann das Schiff mit der Sängerin auf dem Dach angefahren kam, war es leider schon zu dunkel für Fotos. Das unfreiwillige Publikum am gegenüberliegenden Ufer - eine Menge Leute, die auf Picknickdecken am Kanal saßen und einen der letzten warmen Abende ausnutzen -  war jedenfalls sehr überrascht von diesem goldenen, in Rettungsdeckenfolie eingewickelten Gefährt und es war ein ebenso grotesker wie großartiger Moment, als das Boot nach der letzten Arie unter dem Beifall des Publikums abdrehte und in einer Schleife auf dem Kanal wendete, während sich die Akteure auf dem Schiffsdach verbeugten. Eine Produktion der Wolfsbühne Berlin.

Ansonsten strickte ich an einer kleinen schwarzen Jacke im Schleifenmuster weiter und notierte mir für nächste Woche einen Auswärtstermin im Kalender: Am kommenden Samstag wird in Berlin gegen die Vorratsdatenspeicherung demonstriert - Freiheit statt Angst, ab 13.00 Uhr auf dem Alexanderplatz. Dem Arbeitskreis Vorratsdatenspeicherung und den zahlreichen Unterstützern ging es ursprünglich darum, die Umsetzung einer EU-Richtlinie zu verhindern, derzufolge Telefon- Handy- und Mailverbindungsdaten generell sechs Monate gespeichert werden sollen. Das Thema hat durch die letzten Enthüllungen über diverse Spionageprogramme eine deprimierende Wendung genommen. Wie es aussieht speichern sowieso alle möglichen Geheimdienste erstmal vorbeugend alles, was sie erwischen können - aber so genau weiß man das nicht. Über den Stand des Geheimdienstskandals (denn darum handelt es sich wohl), kann man sich hier bei heise aktuell informieren. Und falls ihr in Berlin wohnt, überlegt euch doch mal, ob ihr die Demo unterstützen wollt, geht hin und sagt es weiter!

Ein paar nährelevante Links habe ich aber auch noch (ob das die NSA wohl interessiert?)

Eine Vorschau auf die Modelle der Oktober-Burda gibt es hier (und ich habe über das Septemberheft noch nicht gelobt und gelästert, ich weiß).

Außerdem ist eine neue Ausgabe der "Meine Nähmode" erschienen. Das Heft enthält auch diesmal ältere Schnittmuster von Simplicity und New Look, und hier hat sich eine Bloggerin die Mühe gemacht, alle Modelle herauszusuchen und zu den Originalschnitten zu verlinken, eine großartige Entscheidungshilfe, ob man das Heft brauchen kann.

Apropos Schnittmuster: Die Schnitte kleiner, unabhängiger Designer in Übersee zu bestellen, ist ja oft ein teures und langwieriges Wagnis. Deshalb hat Steffi von 81GradNord mit Urban Cut einen Shop eröffnet, in dem sie solche Schnittmuster anbietet - zur Zeit gibts Schnitte von Megan Nielsen, Sew liberated und Victory patterns. Glückwunsch zur Eröffnung, Steffi, und viel Erfolg!     

Über twitter stieß ich auf  den britischen Künstler und Designer Joshua Barnes und seinen Communication Quilt. Scheinbar eine ganz konventionelle applizierte Decke - richtet man aber ein Smartphone oder einen Tabletcomputer auf die Motive und hat eine Augmented-Reality-App installiert, werden zusätzliche Informationen sichtbar. Technisch funktioniert das ähnlich wie z. B. bei den QR-Codes im Burdaheft, nur dass bei der Decke der Code sozusagen in den Bildern "verpackt" ist: die Decke selbst ist der Code. Gedacht ist der Quilt als Trost für Kinder, die längere Zeit im Krankenhaus bleiben müssen. Familienangehörige und Freunde können kleine Botschaften schicken, die beim Abscannen der Tiermotive abgespielt werden.

Wie realistisch es ist, dass jüngere Kinder - Joshua Barnes dachte wohl an Kinder unter 5 Jahren - im Krankenhaus mit entsprechenden Gerätschaften ausgestattet sind, sei mal dahingestellt. Faszinierend finde ich aber, wie die Technik der erweiterten Realität hier genutzt wurde, und welche Möglichkeiten die Technik in der Textilgestaltung eröffnet. Beim binären Schal strickte ich die Botschaft noch in ASCII-Code, mittlerweile würde ich mir für Textilien mit Botschaft von einem der zahlreichen QR-Code-Generatoren im Netz einen Code erzeugen lassen und stricken. Ich kann nicht abschätzen, ob Augmented-reality-Techniken in absehbarer Zeit auch für den Hausgebrauch verfügbar sein werden. Die Apps scannen Merkmale des Gegenstandes ab, gleichen sie mit einer Datenbank ab und rufen dann die in der Datenbak mit dem Gegenstand verknüpften Bilder, Filme, Töne etc. ab - sowas muss man programmieren. Ich halte es aber nicht für ausgeschlossen, dass die Technik irgendwann auch für Nicht-Computernerds zugänglich ist - und dann könnte man, banalstes Beispiel, einen selbstgestrickten Musterpulli per App mit einem selbstgesungenen Geburtstagsständchen verknüpfen.       

Montag, 26. August 2013

Woche 34



Es gefällt mir nicht, lässt sich aber nicht mehr leugnen: der Herbst ist fast da, ich rieche ihn jeden Morgen am offenen Fenster. Das Licht, die Wolken, die Kastanien im Hof, das frühe Dunkelwerden, untrügliche Zeichen. Dass mir früher die Sommer schier endlos vorkamen, hat sicher mit den Schulferien zu tun. Heute frage ich enttäuscht: was, das wars schon? Es war doch nur ein Mal richtig warm!

Aus Bekleidungsperspektive finde ich den Herbst aber die beste Jahreszeit. Im Frühjahr komme ich meist viel zu spät aus den Stiefeln heraus, jetzt aber geht es nur darum, sich von nackten Beinen langsam wieder an Strumpfhosen zu gewöhnen. Das schaffe ich. Die Bluse vom Nähkränzchen - ich glaube es war im Mai - braucht nur noch Manschetten und Knopflöcher (und das, obwohl ich zuerst einen Kragen ohne Paspel verstürzte und schon fast angenäht hatte, ehe mir der Paspel-Plan wieder einfiel. So war das ja von Anfang an gedacht gewesen, aber in mehrwöchigen Nähpausen vergisst man das schon mal. Die Kragenteile von Nummer eins ließen sich natürlich nicht noch einmal verwenden, selbstverständlich probierte ich auch das aus.).
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Meine Nähpläne wenden sich dem Herbst zu, und die Herbst-Spezial-Nähhefte trudeln langsam ein. Letzte Woche gabs die Vorschau der Easy fashion, nun ist die Schnittübersicht der Herbst-Ottobre-Woman da (das Titelbild des letzten Hefts ganz rechts, dort kann man blättern). Wie immer eine Kollektion guter Basisschnitte, aber ich denke nicht, dass ich dieses Heft haben muss. Aber genau so einen Blumenstoff wie bei Rock 11, nur mit Anemonen statt mit Rosen, liegt seit Frühjahr 2012 in meinem Lager. Den sollte ich demnächst wohl mal zu einem geraden, schlichten Rock vernähen.  

Dann stieß ich letzte Woche auf noch mehr Schnittmuster aus Finnland: Named Clothing ist das frisch gestartete Projekt der Schwestern Saara und Laura , die eine wunderbar schlicht-elegante Winterkollektion entworfen haben, die mir sehr gefällt. Die Schnittmuster gibt es als pdf-Downloads zum Selbstausdrucken und Zusammenkleben, wobei ich mit Freude lese, dass es sich maximal um 16 DinA4-Seiten handelt. Ich bin stark in Versuchung, einen Schnitt auszuprobieren.

Könnte das Dakota Shawl Collar Dress das ideale Winterkleid sein? Ich habe an mir festgestellt, dass ich Kleider als Sommerkleid mag, dann überzeugt mich das Konzept, mit nur einem Kleidungsstück vollständig angezogen zu sein. In der kalten Jahreshälfte lande ich immer bei den vielen Varianten von Röcken und Oberteilen und Jacken. Nicht, dass ich eine Kombinationskünstlerin wäre, aber ich fühle mich so flexibler und besser für unterschiedliche Gelegenheiten und Temperaturen gerüstet. Das Schalkragenkleid könnte das beste aus beiden Welten vereinigen: ein Kleid, aber trotzdem Abwandlungsmöglichkeiten wie bei Rock und Oberteil.

Zuletzt noch ein Real-Life-Stoffkauftipp:
Bei Philea in Kreuzberg läuft gerade eine Sonderaktion: die Sommerware muss weg, die neuen Winterstoffe kommen im September. Für Kurzentschlossene ist der Laden in der Schlesischen Straße 31 heute bis 19.00 Uhr geöffnet, morgen von 10-19.00 Uhr und Mittwoch von 12-19.00 Uhr. Es gibt reduzierte Stoffe ab 2€/m netto. In der nächsten Woche gelten wieder die normalen Öffnungszeiten: immer Mittwochs von 12-19.00 Uhr. Nur am 25. 9. bleibt wegen eines Messebesuchs geschlossen.