Samstag, 2. November 2013

Woche 42, 43

 

Urlaub hat einen entscheidenden Nachteil: danach ist der Lebens-, Arbeits- und damit auch Blogrhythmus durcheinander. Seit der Fahrt nach Franken hänge ich ziemlich hinterher. Vom alten Montagstakt der Wochenrückblicke kann keine Rede mehr sein, ich habe eine Wust gesammelter Links, bei denen ich selbst gar nicht mehr weiß, was das war, und mit der Umstellung zur Winterzeit ist es unmöglich geworden, am frühen Abend nach der Arbeit noch brauchbare Fotos zu machen. Von allem anderen gar nicht zu reden. Aber nie wieder Urlaub ist ja auch keine Alternative.

Was war also los in den vergangenen 14 Tagen? Der Liebste und ich büxten am wirklich allerletzen schönen Herbstttag noch einmal aus und fuhren auf die Pfaueninsel. Perfekt, wenn man noch einmal die Illusion haben will, ganz weit weg von Berlin zu sein. Die Fähre bringt einen in ca. 30 Sekunden hinüber in den Landschaftspark mit Schlösschen, Mini-Landwirtschaft und Gebäuden, die Ruinen oder englischen Landsitzen ähneln. Die namensgebenden freilaufenden Pfaue sind recht verfressen. Im Cafe auf der großen Wiese umkreisen sie die Tische, an denen Kuchen gegessen wird.

Ich strickte noch einmal die wunderbaren Leaving cuffs (ravelry-Link) zum Verschenken und häkelte wie blöd. Die Sechsecke nach dieser Anleitung erinnern mich an Briefbeschwerer aus venezianischem Glas. Es macht einfach zu großen Spaß, neue Farbkombinationen auszuprobieren, und ein paar Minuten für ein Sechseck lassen sich zwischendurch immer einschieben. 

Dann erledigte ich einige Pflicht-Nähaufgaben: ein Kameraband mit rutschhemmendem Silikongummiband restaurieren, ein Mantelfutter austauschen. Besonders bei letzterem bin ich froh, dass ich mich aufgerafft habe: ich habe meinen alten Wintermantel gerettet! Er war so schmuddelig, hing über ein Jahr unbenutzt an der Garderobe, und ich stellte ihn vor die Wahl: entweder Wollwaschgang - oder Müll. Er kam fast wie neu aus der Maschine und bekam daher von mir das neue Futter spendiert. Nach den Pflichtaufgaben konnte ich dann beim Nähkränzchen, über das Monika und Wiebke ja schon geschrieben hatten, ein Spaßprojekt beginnen: einen Rock aus einem Stoff, den fast alle total scheulich fanden.

 Die Selbermach-Links der Woche: 

 

Die Vorschau für die November-Burda ist da - und ich sehe noch mehr Zipfel. Und Hochwasserhosen wie in den frühen Neunzigern. Mit Plateauschuhen aus Lackleder. Oh, ich glaube es wird viel zu lästern geben.

Garmenter.com ist eine brandneue (gestern gestartete!) schwedische Schnittmusterfirma, die mit individuell angepassten Grundschnitten arbeitet: man kauft ein Set, bestehend aus einem bereits auf Nessel gedruckten Schnitt für Kleid oder Rock, näht diesen und passt ihn mit Hilfe gezeichneter Diagramme und eines Videos auf der Garmenter-Webseite an die eigene Figur an. Die geänderten Schnittteile dienen dann als Basis für die Modelle, die mit Hilfe von Tutorials selbst erstellt werden. Ich bin ja skeptisch, ob sich solche Schnitte zum Selberbasteln wirklich gut verkaufen lassen, auch wenn jede mit ein bißchen Nähpraxis irgendwann einsehen muss, dass frau um Schnittänderungen nicht herum kommt.

Und da ich bei Miz Kitty gerade von Schnittbasteleien las und sie in ihrer Liste auch den Punkt "Schneiderpuppe bauen" aufführt: Mir ist vor kurzem dieses Video untergekommen, in dem das Abformen einer Schneiderpuppe mit Nassklebeband wirklich akribisch erklärt wird. Bei Minute 10 wird das richtige Vermessen gezeigt - sehr hilfreich, falls ihr euch wie ich auch schon gefragt habt, wie man die Rückenlänge ermittelt. Davon abgesehen entfaltet der Film mit seinem Sprechertext im Telekolleg-Stil und den Bildern stumm agierender junger Frauen eine seltsame, groteske Faszination. Möglicherweise ist das Kunst, und ich habe es nur nicht gemerkt.

Apropos Kunst: Bestrickte Bäume verstehe ich nicht schrieb Stef (gefunden via @kittykoma), und ich stimme ihr zu: mittlerweile hole ich nur noch selten die Kamera heraus, wenn ich irgendwo ein umstricktes Geländer sehe. Urban-Knitting-Installationen, die subversiv auf ihre Umgebung eingehen, die mit Witz und Ironie den Blick auf bestimmte Elemente der Stadt lenken, oder eine Botschaft verbreiten und die nicht zuletzt auch einen minimalen ästhetischen Anspruch verfolgen, die findet man nämlich kaum noch. Meistens scheint es sich um irgendwelche Restwolle zu handeln, die irgendwie verhäkelt oder verstrickt und dann im öffentlichen Raum installiert wurde. Wenn es sich um ein Projekt wie den Tintenfisch-Baum in San Mateo handelt, der einen verwahrlosten Platz aufwertet, oder um eine temporäre Installation wie die Strickkunst in der Würzburger Semmelstraße, bei der die Bewohnerinnen einiger Seniorenheime beteiligt waren, dann lasse ich mir auch umstrickte Bäume gefallen.

Und apropos gestrickte Kunst: Auf ein gestricktes Lebenswerk von 500 Pullovern seit 1955 kann die Niederländerin Loes Veenstra zurückblicken. Alle Pullover wurden von der Designerin Christien Meidertsma in einem Bildband dokumentiert - und in einem Video werden die Werke zum ersten Mal getragen. Hinter der Pulloversammlung steckt aber keine tragische Geschichte, wenn man diesem Artikel glauben darf: Loes Veenstra strickte quasi am Stück und produzierte so über die Jahrzehnte einfach mehr Pullover, als sie verschenken oder selbst tragen konnte.

Donnerstag, 31. Oktober 2013

Näh- und Strickprojekte organisieren - ohne Nähzimmer

Wie behaltet ihr bei euren Projekten den Überblick? Ich habe ja ab und zu das Gefühl, dass ich manchmal länger nach Kurzwaren, herauskopierten Schnittteilen oder anderem Kleinkram suche, als tatsächlich zu nähen. Sowas passiert zum Beispiel, wenn ich die vorgesehenen Knöpfe vorübergehend an einem Platz ablege, an dem ich sie später garantiert wiederfinde. Allerdings vergesse ich innerhalb von fünf Minuten, wo das war. Oder wie oft und wie lange ich schon durchsichtige Folienschnittteile für Belege gesucht habe, die ich unvorsichtigerweise oben quer auf den Büchern in meinem überfüllten Bücherregal abgelegt hatte: Stunden, nein Tage kostbarer Nähzeit verschwendet.    


Wie organisiert ihr eure Projekte, wie und wo bewahrt ihr Schnitt, Anleitung, Zubehör auf, bis ein Nähprojekt fertig ist? Leute ohne Nähzimmer haben ja auch noch das Problem, dass die halbfertigen Sachen überhaupt irgendwo verstaut werden müssen, weil die meisten MitbewohnerInnen eine  stimmungsvolle Dekoration der Wohnräume mit auskopierten Schnittmustern, Stoffstapeln, Sachen in verschiedenen Stadien der Fertigstellung, Schrägbandnestern und Nadelhaufen komischerweise nicht so sehr schätzen.


Lasst uns doch Aufbewahrungs- und Ordnungstipps sammeln. Ich fange mal mit dem an, was bei mir ganz gut funktioniert:

  • Strick-, Häkel- und Handnähprojekte, eben alles, was länger dauert und ab und zu außer Haus, im Zug oder bei der MittwochsMasche gebraucht wird, bewahre ich in Stoffbeuteln auf. Da ist jeweils das angefangene Teil mit Strick- und Häkelnadeln, genügend Wolle, die Anleitung - meistens eine ausgedruckte -, ein Zettel und ein Bleistift zum Abstreichen von Zu- und Abnahmen und für Notizen drin. 
  • Die gefüllten Beutel (die ich auch manchmal suche...) lassen sich z. B. an die Garderobe im Flur hängen. Macht einen aufgeräumten Eindruck, und beim Verlassen des Hauses kann man sich schnell den Beutel mit dem Projekt greifen, das in Schwierigkeitsgrad und Laune zum Tag passt.
 
  • Angefangene Nähprojekte liegen samt Reststoff, Schnittmusterteilen, passendem Garn, Reißverschlüssen, Knöpfen und anderen Kurzwaren in geräumigen Plastiktüten und werden mit allen Einzelteilen auch immer wieder dort hineingeräumt.  
  • Die Projekttüten haben keinen festen Platz - mit dem jüngsten Nähmaschinenzuwachs im Fuhrpark könnte dieser feste Platz aber gefunden sein, denn die neue alte Maschine brachte ein Schränkchen mit.
Die Tüten sind eine verbesserte Weiterentwicklung meiner früher angewandten Haufen-Technik. Am konsequenten In-die-Tüte-Räumen muss ich noch arbeiten - siehe oben - besonders die Schnittmusterteile entwischen mir immer wieder. Ich zwinge mich jetzt auch, wirklich alle Kleinteile sofort zuzuschneiden und Taschenbeutel, Belege und Co. nicht auf später zu verschieben. Die zugeschnittenen Teile werden mit aufgesteckten Schnittmusterteilen weggeräumt, ich markiere die Nahtlinien nur an schwierigen Stellen und erst unmittelbar vor dem Nähen.  

  • Von Projektkisten las ich schon häufiger - erzählt doch mal, was für Kisten sind das, was kommt alles rein und vor allem: wo bewahrt ihr die Kisten auf? Oder habt ihr ganz andere Aufbewahrungslösungen für laufende Projekte?


Verbesserungspotential gibt es bei mir auch bei den Strickanleitungen: bisher drucke ich Anleitungen aus, notiere Änderungen irgendwo am Rand, wo Platz ist, und führe dort auch Strichlisten für regelmäßige Zu- und Abnahmen. Das alles ist nach einiger Zeit überhaupt nicht mehr nachzuvollziehen, die Zettel gehen ab und zu verloren und landen zuletzt im Müll, deshalb suche ich nach einer besseren Methode.

  • In der Strickrunde führen einige MitstrickerInnen Stricknotizbücher und schreiben alle Details ihrer Projekte dort auf, angefangen von Garn und Nadelstärke, über die Maschenprobe bis zu Veränderungen am Muster. Besonders wenn man häufiger dasselbe Garn verstrickt ist das praktisch, dann kann man sich beim zweiten Mal nämlich die Maschenprobe sparen. Nina führt ihre Mitschriften besonders sorgfältig und klebt die ausgedruckte Strickanleitung, Strickschriften und alles in ein DinA5-Notizbuch mit Spiralbindung (kann man umklappen!) ein - sehr praktisch und durchdacht!
  • Eine bisher nur theoretisch von mir angedachte Möglichkeit wäre ja auch, Strick- und Häkelanleitungen aus dem Netz direkt vom Tablet oder einem Ebookreader abzulesen. Beim Ebookreader gibt es sogar die Möglichkeit, Zeilen zu markieren oder zu unterstreichen und Lesezeichen und Notizen zu speichern. Hat das schon mal jemand ausprobiert, ist das praktikabel oder eine dumme Idee? 
  • Um die Details der Nähprojekte zu dokumentieren reicht im allgemeinen das Blog. Eine Zeitlang führte ich ein Näh-Notizbuch, aber da ich dort nur das aufschrieb, was ich auch in den Blog schreibe, lohnte sich die doppelte Buchführung nicht.      

Sonntag, 27. Oktober 2013

Am Wasserfallkamin verjodelt, Teil 4

Holleri miteinand!

Das vierte Treffen des Jodel-Knitalongs am Wasserfallkamin wollte ich eigentlich mit einem fertigen Norwegerhandschuh mit Hasen (ravelry-Link) begrüßen. Aber das wird nun wohl nichts, ich bin nicht zufrieden.

Aber seht selbst:


Die beiden Garne haben zwar die gleiche Lauflänge auf 50 Gramm, das graue enthält aber Alpaca und ist daher voluminöser. Gemeinsam verstrickt fällt die unterschiedliche Stärke schon ziemlich stark auf: das geht deutlich besser. Der rechte Hase ist viel dünner als der linke, das Muster am Bund und auf der Rückseite kommt nicht besonders gut heraus. 


Wenigstens scheint die Passform ganz in Ordnung zu sein, für den zweiten Anlauf bleibe ich also bei Nadelstärke 3, besorge mir aber zwei Knäuel Garn der gleichen Sorte. Vielleicht klappts ja bis zur nächsten Etappe am Quartzriss. 


Dafür ist der Folklore-Bordürenrock schon fertig geworden - ganz gibts ihn dann beim Finale zu sehen.

Den Zwischen(zu)stand unserer Alpenexpedition sammelt wie immer unsere verlässliche Expeditionsleiterin Frau Sachenmacherin, die den Gipfel gleich dreimal besteigt. 

Stoffspielerei im Oktober: Summ, summ, summ... und der rettende Schmetterling

"Insekten" hatte Suschna als Thema der Stofffspielerei vorgeschlagen. Mir gingen einige vage Ideen von Schmetterlingsflügeln und dicken, glänzenden Laufkäfern durch den Kopf, aber ich hatte nicht genug Zeit, um über die Ideen länger nachzubrüten und ein konkretes Projekt daraus zu machen. Dann hatte ich kurz vor dem Einschlafen einen Einfall, und wie das mit solchen Einfällen ja ist: ob sie großartig oder großer Blödsinn sind, weiß man im Moment des Einschlafens noch nicht.

Mir fiel nämlich meine angefangene Sechseck-Patchworkdecke ein, die ich schon lange nicht mehr angefasst hatte. Von Sechsecken zu Bienenwaben und also zu Bienen war es nur ein winziger assoziativer Sprung. Allein, das Sticken einer Biene ist alles andere als einfach, nur mit einer Zeichnung aus dem Lexikon als Vorbild. Es war also ein Experiment.


Entdeckt ihr die Biene?
Näher ran:


Und hier ein Referenz-Wespenfoto von letzter Woche:

 

Nunja, eine vage Ähnlichkeit ist vorhanden. Die gestickte Biene (oder besser: die pummelige "Biene") ist noch flügellos. Ich hatte mir überlegt, Flügel aus durchsichtigem, dünnen Gewebe anzusetzen und wollte zu diesem Zweck helles Organza-Geschenkband kaufen, Flügel zuschneiden, mit dem Feuerzeug die Kanten verkleben und die Flügel annähen. Aber solches Geschenkband war letzte Woche in mehreren Läden nicht zu finden, obwohl ich sicher bin, sowas schon oft gesehen zu haben. 


Das Tier ist mit einfädigem Sticktwist gestickt, auf einer Unterlage aus weißem Batist mit Bleistift-Vorzeichnung. Den Batist habe ich nach der erste Schicht Stickstiche, mit der ich die Grundformen angelegt hatte, eng an der Stickerei abgeschnitten. Der Körper ist mit kleinen Knötchenstichen bedeckt, um das Borstige des Bienenkörpers nachzuahmen, für die Augen kam ein Faden des gräßlichen, glänzenden Viskose-Stickgarns zum Einsatz. Aber letztlich sieht man von der ganzen Mühe bei normaler Betrachtungsdistanz überhaupt nichts - und die "Echt-und-Falsch"-Serie überlasse ich wohl besser ihrer Urheberin, die heute beeindruckend eklige gestickte Larven und Würmer zeigt.

Das Internte spülte mir vor ein paar Tagen aber auch noch eine Anleitung für einen hübschen Stoffschmetterling vor die Füße: über Mema, die die Anleitung bei Seelenruhig gefunden hatte, kam ich auf diese japanische Seite,  anscheinend so eine Art japanisches Pinterest.


Man versteht ja überhaupt nichts, aber die Faltanleitung konnte ich nach etwas Herumgerätsel nachvollziehen - Tipp: auf dem letzten Bild steht der Schmetterling auf dem Kopf. 

Suschna sammelt heute hier Insekten und anderes aus Stoff - wie gesagt: gestickte Larven - ich bin beeindruckt, was den anderes alles eingefallen ist!

Donnerstag, 24. Oktober 2013

Kleidung des 18. bis 20. Jahrhunderts im Germanischen Nationalmuseum Nürnberg


Im Urlaub war ich unter anderem in Nürnberg und sah mir einen Teil des Germanischen Nationalmuseums an. Allein in der Dauerausstellung, die von der Vor- und Frühgeschichte über Bilder und Skulpturen des Mittelalters bis zum 18. Jahrhundert, außerdem Waffen, Musikinstrumente, Volkskunst, Kunsthandwerk, Uhren und Spielzeug umfasst, könnte man mehrere Tage verbringen. Zugleich laufen immer auch noch zwei bis drei Sonderausstellungen. Ich konzentrierte mich daher auf die kleine, aber gut gemachte Ausstellung zur Kleidung des 18. bis 20. Jahrhunderts. Textiles findet man aber auch in vielen anderen Abteilungen des Museums - aber das hob ich mir für den nächsten Besuch auf.      

Die Bekleidungsschau im Germanischen Nationalmuseum legt den Schwerpunkt auf die Zusammenhänge zwischen modischer Kleidung und Tracht, oder besser gesagt: dem, was im Verlauf des 19. Jahrhunderts als Tracht definiert worden war. Die Kleider werden in großen Glasvitrinen in einem abgedunkelten Raum präsentiert, daher ist es schwierig, Details zu erfassen.

Anders als bei der Fashioning-Fashion-Ausstellung im deutschen Historischen Museum letztes Jahr, die vor allem  Hofkleidung präsentierte, unwirklich bunt und fast wie neu, sieht man in Nürnberg Alltagskleider mit Gebrauchsspuren, zum Beispiel ein taupefarbenes Seidenkleid mit feinen Streifen aus den 1870er Jahren, das die Besitzerin sicher einst aufgrund seiner Fleckunempfindlichkeit und anpassungsfähigen Farbe ausgewählt hatte, und auch die bestickten Westen und Galauniformen wirken hier nicht mehr ganz taufrisch.

Die Parallelisierung von Trachten und modischer Kleidung ist ein sehr interessanter Ansatz. Trachten sind nicht, wie man glauben könnte, die Kleidung, wie sie die Bevölkerung eines Landstrichs zu einem bestimmten historischen Zeitpunkt tatsächlich getragen hat. Im 18. Jahrhundert unterschied sich die Sonntagskleidung auf dem Land kaum von der in der Stadt. Vielmehr wurden viele Trachten erst gegen Mitte und Ende des 19. Jahrhunderts erschaffen, als Sammler, Forscher und Künstler ausschwärmten, um die Kleidung verschiedener Regionen zu erforschen und in Zeichnungen oder Fotografien festzuhalten. Das Germanische Nationalmuseum gab um 1900 eine Trachtensammlung bei dem Zoologen Oskar Kling in Auftrag, der auch fleißig Kleidungsstücke sammelte, aber bei den Zusammenstellungen zu Komplettoutfits bisweilen genauso fleißig mischte. Da konnten an einer Puppe durchaus Rock, Schürze und Kopfbedeckung aus verschiedenen Regionen und verschiedenen Zeiten zusammenkommen.

Die Tracht transportierte schon im 19. Jahrhundert ein idealisiertes Bild des Landlebens. Wenn also heute über die Landlust und andere Zeitschriften hergezogen wird, die dem gestressten Städter ein Bild des Landlebens vermitteln, das es so gar nicht gibt, dann hat das gar nichts mit unseren modernen Zeiten zu tun - um 1900 funktionierte die Sehnsucht nach dem Einfachen und Urspünglichen schon genauso wie heute. Schon damals wurden die Bilder der Tracht durch Abbildungen in illustrierten Zeitungen weiter verbreitet. Sie vermittelten den Lesern in der Stadt eine Vorstellung von der scheinbar authentischen, typischen Kleidung der Landbevölkerung - und weil der Städter auf Erholungsurlaub Trachten erwartete, zog die Landbevölkerung sie auch an, sofern sie mit Touristen zu tun hatte. Die Ausstellung illustriert das an der Betzinger Tracht aus der Nähe von Stuttgart, die von der Mitte des 19. Jahrhunderts an wieder und wieder abgebildet worden war, so häufig, dass schließlich einzelne Bewohner Betzingens ihren Lebensunterhalt damit verdienten, in Tracht für Maler und Fotografen zu posieren. Ähnlich machten es die Tiroler, die schon früh vom Tourismus profitieren konnten. Die Tracht der Saltner, der Weinbergshüter aus der Gegend um Meran, wurde dabei immer wilder und exotischer. 
          
In der Gegenüberstellung Mode-Tracht sind mir jedenfalls Gemeinsamkeiten aufgefallen, die mir vorher nicht bewusst waren: zum Beispiel, dass wesentliche Schnittformen der höfischen Herrenkleidung des 18. Jahrhunderts, die bestickte Vorderfront der Weste und des Justaucorps, die Form und die Position der Taschenklappen, des Kragens, der Ärmelaufschläge und der umstickten Knopflöcher, fast identisch bei den Galauniformen wiederkehren, die man sich nach der Reichsgründung 1871 für alle höheren Beamten ausgedacht hatte. Nur die Materialien waren im 18. Jahrhundert besser, und die Westen bunter, aber das Bedürfnis nach Prunk und Repräsentation offenbar noch immer dasselbe.

Hier noch einige Bilder von interessanten Details, die trotz des schlechten Lichts etwas geworden sind:  


Das ist ein Spenzerjäckchen aus dunkelgrüner Seide von etwa 1815. Der oben gepuffte Ärmel galt als "altdeutsch" und zitiert die Mode aus der Zeit des Dreißigjährigen Krieges. Die mäandernde Verzierung fand ich sehr interessant, wobei ich leider nicht erkennen konnte, wie sie gearbeitet wurde: möglicherweise ist das ein verstürzter Schrägstreifen, also quasi ein Spaghettiträger. Möglicherweise hat dieser Schrägstreifen auch noch eine Schnurfüllung. Er wurde wohl von der Rückseite her aufgenäht, man sieht von vorne keinen einzigen Stich.


Diesen Überzieher aus Seide von ca. 1850/1860 fotografierte ich zur Ermutigung aller SelbermacherInnen, die immer wieder mit ihrem Perfektionismus hadern. Wie die Tafel zu diesem Stück erläutert, gehörten solche Überzieher zu den ersten Kleidungsstücken, die man als Konfektion fix und fertig von der Stange kaufen konnte, weil es nicht so sehr auf die Passform ankam. Dieser Überzieher hier wurde aber, schätze ich, selber gemacht. Schaut euch mal die Verzierungen auf der Vorderseite genau an. Sie bestehen aus moosgrünem Samt, der mit einer grünen Borte umrandet wurde - und ja, sie sind wirklich alle nur ungefähr gleich geformt.


Zuletzt noch eine Trachtenstrickjacke von 1940, die Vorderkanten mit den Knopflöchern wurden umhäkelt, die Blumen sind aufgestickt. Eine modische Abwandlung des Trachtenthemas, und damit wären wir dann auch in der Gegenwart, denn nichts anderes machen wir Selbermach-Bloggerinnen ja gerade beim alpenländischen Knit-along.  

Montag, 21. Oktober 2013

MMM-Betriebsausflug undercover

Work hard, play hard: wer arbeitet, darf auch feiern. Vor zwei Wochen unternahm fast die gesamte MMM-Crew einen Betriebsausflug in den Süden. Meike und Catherine hatten hier und hier von ihren Stoffkäufen geschwärmt. Ich habe hier noch ein paar total investigativ geknipste Handyfotos vom Stoffkauf und dem übrigen Programm für euch! 


8.05 Uhr am Samstagmorgen: Frühstück in der Pension. Stoffkauf braucht eine gute Unterlage.


8.55 Uhr: Gleich geht die Schranke auf! Die Konkurrrenz scheint groß - aber die meisten Menschen sind nicht wegen Stoffen gekommen, sondern wegen irgendwelcher Kaufklamotten. Da stehen wir ja voll drüber. Und rennen gleich nicht über den Parkplatz. Nein. Wir haben schließlich eine gewisse Nähnerdwürde. Die kann man von Kaufklamottenkäufern natürlich nicht erwarten.


11.35 Uhr: Im Stofflager. Der erste Anstrum ist vorüber, aber wie man sieht ist noch eine Menge da. Vor allem Anzugstoffe, Wollstoffe und Futterstoffe.


12. 15 Uhr: Erste Rollen sind leer - die Halle so langsam auch.


12.45 Uhr: Die Beute. Eine dieser Tüten ist meine. Und geht noch in meinen Koffer und in den meines Begleiters.


Am Abend: Besichtigung eines Weinguts und Weinprobe. Davon gibts nur dieses eine Bild aus dem Weinkeller, der Rest ist zensiert. Der Kellermeister, der in der heißen Phase der Weinherstellung oft Tag und Nacht in der Kellerei zubringt, wird von der Seniorchefin an diesem Tisch mit Essen versorgt: Wurstbrötchen, Gurken, und, besonders rührend, ein Stück Marmorkuchen.


Und was machen Nähnerds unter sich sonst so? Nähen natürlich! Und zwar bis Mitternacht.