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Donnerstag, 21. November 2019

Berlin Hausvogteiplatz - Über 100 Jahre am Laufsteg der Mode


Verfolgt man heute die hilflosen Versuche des Berliner Stadtmarketings, Berlin als "Modestadt" zu etablieren und der Berlin Fashion Week zu einer Bedeutung zu verhelfen, die der Pariser oder Londoner Modewoche gleichkommt, kann man sich kaum vorstellen, dass Berlin in Sachen Mode vor etwa hundert Jahren tatsächlich in einem Atemzug mit Paris genannt wurde. In Berlin entstand in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts die modische Konfektion, die Kleidung von der Stange, wie wir sie heute kennen. Vor einem Jahr hatte ich anlässlich einer Ausstellung über die zerstörten Konfektionsbetriebe rund um den Hausvogteiplatz schon einmal über die Berliner Modeindustrie geschrieben.

Schon vor einem Jahr war Suschna - Textile Geschichten - mit der Recherche für das jetzt erschienene Buch beschäftigt: "Berlin Hausvogteiplatz. Über 100 Jahre am Laufsteg der Mode" von Brunhilde Dähn, die Neuausgabe eines Buches von 1968, das seit Jahren vergriffen war. Die Journalistin Brunhilde Dähn erzählt darin die Geschichte der Berliner Konfektion von den Anfängen mit Damenmänteln Mitte des 19. Jahrhunderts bis zur Wirtschaftskrise der späten 1920er Jahre.


Ihr Buch ist heute immer noch unterhaltsam und interessant. Dähn zitiert aus vielen verschiedenen Quellen, auch aus Romanen, die heute zum Teil nur noch schwer oder gar nicht aufzufinden sind. Mit vielen Anekdoten wird so die versunkene Welt der Konfektionsbetriebe und der Menschen, die in ihnen arbeiteten, lebendig.

Anders als man sich das heute vielleicht vorstellt, waren die meisten Firmen, die rund um den Hausvogteiplatz tätig waren, keine Kleiderfabriken - in den Zentralen wurde lediglich entworfen, zugeschnitten und die fertige Ware en gros verkauft. Die Produktion erfolgte in kleinen Werkstätten oder in Heimarbeit in den östlichen Stadtbezirken, in Friedrichshain und Prenzlauer Berg.  Die zugeschnittenen Stücke verfrachtete man samt abgezähltem Zubehör und Kurzwaren zu den Nähwerkstätten und erhielt die fertig genähten Teile zurück. In den Firmenräumen an der Hausvogtei wurden sie den Einkäufern aus aller Welt vorgeführt.


Der Welt der "Probierdamen", wie die Mannequins damals genannt wurden, widmet Brunhilde Dähn ein ganzes Kapitel, Suschna hat hier gerade erst im Blog etwas mehr über die "Gelbsterne", die Faruen mit den Idealmaßen geschrieben. Der neu entstandene Beruf des Mannequins galt zwar als etwas anrüchig, war aber auch verlockend: Bei vielen Modehäusern durften die Mannequins Kleider und Mäntel ausleihen und in ihrer Freizeit tragen, wenn sie gesellschaftliche Ereignisse wie Pferderennen, Theaterpremieren und Bälle besuchten, zu denen sie oft eingeladen wurden.
Aber auch als Telefonistin und Kontoristin, Sekretärin und Buchhalterin waren Frauen in der Berliner Konfektion beschäftigt - und diese jungen, gut ausgebildeten, finanziell unabhängigen Frauen bildeten auch die Kundinnen der Konfektion, vor allem für sie wurde hier Mode gemacht.

Man erfährt bei Brunhilde Dähn viel über die tonangebenden Modehäuser der Zeit und ihre Gründerinnen und Gründer, über die Organisation der Arbeit in den Konfektionsbetrieben, über frühe Influencerinnen und Werbung, über die Kaufhäuser und nicht zuletzt über das Berliner Nachtleben. Da Brunhilde Dähn die erste war, die die Geschichte der Berliner Modeindustrie aufzeichnete, ist nicht alles, was sie erzählt, hundertprozentig korrekt - darum hat das Buch ein neues Nachwort bekommen, das die größten Fehler geraderückt.

Die Neuausgabe von "Berlin Hausvogteiplatz" mit neuem Layout gibt es in jeder Buchhandlung und natürlich direkt über Susanne: Hier sind alle Informationen zum Buch noch einmal zusammengefasst und hier und hier gibt es im Blog einen Einblick ins Buch.

Auf der Messe BuchBerlin


Am nächsten Wochenende, 23./24.11. kann man in diesem und in allen anderen unseren Büchern blättern und mit uns ins Gespräch kommen: Bei der Berliner Buchmesse BuchBerlin im Mercure Hotel MOA Berlin (U Birkenstraße) - wir haben einen Stand in Ausstellungsbereich 2, D4. Vielleicht bis dahin? Ich würde mich freuen!



Mittwoch, 18. September 2019

Termine, Termine: Buchvorstellung, Workshops, Buchmesse und ein Podcast

Woran merkt man, dass der Herbst wirklich da ist? Ein Indiz neben gelben Blättern und deutlich kürzeren Tagen sind auch die auf einmal überall aufploppenden Veranstaltungen in geschlossenen Räumen. Konnte ich vor drei Wochen nicht einmal den Gedanken ertragen, einen ganzen Nachmittag oder Abend drinnen zu sitzen, erscheint es mir auf einmal ungeheuer attraktiv, zu einer Lesung, einem Workshop oder einer Messe zu gehen und auch das heimische Sofa hat sehr an Anziehung gewonnen.

Hier sind Termine der nächsten Wochen:


Buchvorstellung und Diskussion Zur Hölle mit der Mode in Berlin


Am Samstag, 19. Oktober ab 14.30 Uhr lese ich aus Elizabeth Hawes' "Zur Hölle mit der Mode" bei erna & gustav - Organic Comfort Clothing in der Wildenbruchstraße 84, 12045 Berlin mit anschließender Diskussion über die Mode-Hölle heute.

Das Buch von Elizabeth Hawes über die Praktiken der Modebranche in den 1920er und 1930er Jahren ist nämlich hochaktuell: Schon damals wurde die Qualität dem Profit geopfert und der Kundin wurde eingeredet, sie müsse immer mehr modische, aber kurzlebige Kleidung kaufen. Elizabeth Hawes deckt diese Mechanismen auf und plädiert dafür herauszufinden, was man in Sachen Bekleidung wirklich will und braucht, wobei auch der Spaß nicht zu kurz kommen muss.

Um etwas vorplanen zu können, meldet euch gerne über erna & gustav an oder bei mir, Constanze, unter info AT schnatmeyerundderham.de. Der Eintritt ist frei.


Stoffkunde- und Upcycling-Workshops beim Lillestofffestival


Ein Wochenende (oder einen Tag) mit vielen Gleichgesinnten durchnähen und etwas Neues ausprobieren? Dafür ist das Lillestoff-Festival am 28. und 29. September in Hannover, das jetzt schon zum sechsten Mal stattfindet, genau das richtige.

An beiden Tagen biete ich einen Stoffkunde-Workshop und einen T-Shirt- und Jeansrettungsworkshop an - auf der Festivalseite finden sich aber auch noch jede Menge andere interessante Workshopangebote, von Blogfotografie über Stoffmalerei, Grundschnitterstellung oder Futterverarbeitung. Besonders toll: Man kann sich für einen geringen Betrag vorab eine Leihnähmaschine reservieren. Das Festivalprogramm findet sich hier und die Tickets für die Kurse hier.


Schnatmeyer & Derham auf der BuchBerlin 2019


Einen ganzen Tag in Büchern kleiner, unabhängiger Verlage blättern kann man auf der BuchBerlin 2019 am 23. und 24. November im Hotel MOA Berlin (U Birkenstraße). Susanne und ich haben wieder einen Stand und bringen natürlich alle unsere Bücher mit.

Die Messe wird von einem gemeinnützigen Verein organisiert, der sich der Leseförderung verschrieben hat, daher sind Kinderbücher ein besonderer Schwerpunkt. Es gibt aber auch viele Bücher und Verlage, die Genres bedienen, die es bei den Großverlagen sehr schwer haben wie Fantasy und Science-Fiction. Susanne und ich sind mit unseren Textilbüchern auch da ziemlich exotisch - wir machen eben etwas, das sonst kein anderer macht. Tickets für die Messe kann man vorab über die Webseite der BuchBerlin kaufen oder direkt auf der Messe.


"Zur Hölle mit der Mode" im Passt-Podcast von Crafteln


Und bei meinem letzten Vorschlag kommt auch das Sofa zu seinem Recht: Meike alias Frau Crafteln hat in ihrer aktuellen Podcast-Serie über Kleidung in Folge #32 das neue Buch Zur Hölle mit der Mode gelesen - Elizabeth Hawes' Beobachtungen über Stil und Mode von 1938 treffen nämlich auch heute auf den Punkt: Nur, wer sich Kleider maßanfertigen (lassen) kann, kann genau das tragen, was den persönlichen Vorlieben, der Lebenssituation und der Persönlichkeit entspricht. Wer auf Kaufkleidung angewiesen ist, muss nehmen, was gerade Mode ist - von den Problemen mit Passform und standardisierten Kleidergrößen mal ganz abgesehen. Den Passt-Podcast von Crafteln kann man direkt auf ihrer Seite hören oder auch über die gängigen Podcast-Seiten beziehen.

Übrigens hoffe ich, bald auch in Berlin einen Stoffkunde-Workshop anbieten zu können - ich halte euch auf dem Laufenden. 

Sonntag, 24. Februar 2019

Gezeichnete Mode: Ausstellung in den Reinbeckhallen Oberschöneweide


Mich gibt es noch! Der Januar und vor allem der Februar sind ohne Zweifel die härtesten Monate in Berlin, und nach drei Wochen Herumgeschnupfe und Erkältungs-Pingpong habe ich erst seit kurzer Zeit das Gefühl, dass es wieder aufwärts geht. Im Hintergrund ist aber einiges passiert, bald gibt es von neuen Büchern bei Schnatmyer&Derham zu berichten!


Noch in einem etwas vernebelten Halb-Erkältungszustand besuchte ich vor zwei Wochen eine sehr interessante Ausstellung von Modegrafik aus der DDR - "Zwischen Schein und Sein" - in den Reinbeckhallen in Oberschöneweide, die ich sehr empfehlen kann. Die Reinbeckhallen sind ein Teil des riesigen Industriekomplexes zwischen Wilhelminenhofstraße und dem Spreeufer, ehemals Standort des Kabelwerks Oberspree und der AEG. Vor einigen Jahren wurde in der Gegend die Hochschule für Technik und Wirtschaft angesiedelt, in den alten Hallen gibt es kleine Firmen und immer noch viele freie Flächen. Ein ganzer Komplex am Ende der Reinbeckstraße wird seit 2017 für Ausstellungen, Veranstaltungen und für Ateliers genutzt.


Die Modegrafik-Ausstellung fand ich sehr gut zusammengestellt und erläutert. Die Blätter, vor allem Zeichnungen, stammen von den Mitarbeiterinnen des Modeinstututs der DDR, das zu seinen Anfängen Kollektionen für die Bekleidungskombinate entwickelte. Später, als sich gezeigt hatte, dass die Entwürfe aus Gründen der Rationalisierung bei der Produktion und aus Mangel an passenden Materialien, wenn überhaupt nur vollkommen verwässert in den Handel gelangten, bekam das Modeinstitut einen direkteren Draht zu einigen Bekleidungsfabriken, die die Entwürfe für den Verkauf in Exquisit-Läden umsetzten. Dafür wurden schließlich sogar im Westen Stoffe und andere Materialien eingekauft.

Modellzeichnungen mit Stoffproben von Karin Klinger

An den Zeichungen kann man zum Teil noch erkennen, wie mit ihnen gearbeitet wurde: Angeheftete Stoffschnipsel, von anderen Zeichnungen durchgepauste und eingeklebte Elemente, handschriftliche Bemerkungen zu Steppnähten, Schnittführung und Material.

Zeichnungen von Ursula Fehlig

Andere Zeichnungen geben eher eine Atmosphäre, ein Lebensgefühl wieder. Das mag ich so an Modezeichnungen: Dass nicht wie bei einem Katalogfoto jedes Detail ausformuliert ist, sondern dass die Vorstellung immer ihren Teil dazutun und das Gezeichnete ergänzen muss.Bei Modezeichnungen setze ich meine Vorstellungskraft sehr gerne in Bewegung - während dieser Vorgang bei arg "künstlerischen" Modefotos, auf denen man das Kleidungsstück kaum erkennen kann, für mich meistens nicht funktioniert.

Zeichnung von Dorothea Melis

Ich habe in der Ausstellung jedenfalls viele Entwürfe gesehen, die ich sehr gerne anziehen würde, und es hat mich besonders gefreut, in der Ausstellung über die Designerinnen des Modeinstituts auch etwas mehr zu erfahren. Die Ausstellung läuft noch bis zum 31. März, geöffnet ist immer Donnerstag bis Sonntag, am Freitag ist der Eintritt frei.

Auch die Umgebung der Hallen ist einen Spaziergang wert (wenn es nicht zu kalt ist). Eine durchgängige Uferpromenade führt jetzt bis zum Peter-Behrens-Bau (einst Verwaltung und Produktion der Neuen Automobil-Gesellschaft, 1917, jetzt Hochschule), in dessen fünften Stock es eine Cafeteria mit einem tollen Blick über Schöneweide gibt (Turmcafé Oberschöneweide). Ein paar Schritte weiter am Ufer ist in einem alten Hafenkran das Kranhauscafé. So weit bin ich bei meinen Ausstellungsbesuch in verschnupftem Zustand aber gar nicht gekommen . Da das Café Schöneweile direkt bei der Ausstellungshalle voll war, verschlug es Hern Nahtzugabe und mich in die Kranbar ein paar Schritte weiter (an dem Spazierweg, der zum Kaisersteg führt), und das war ein Volltreffer - sehr guter Kaffee, und so einen locker-cremigen Käsekuchen habe ich selten gegessen. Im Sommer, wenn man draußen sitzen kann, muss es dort traumhaft sein. Also auf nach Oberschöneweide!

Zwischen Schein und Sein
Modegrafik in der DDR 1960-1989

Reinbeckhallen
Reinbeckstr. 17, 12459 Berlin (Oberschöneweide)

noch bis 31. März 2019
Do+Fr 16-20.00 Uhr, Sa+So 11-20.00 Uhr
Eintritt 5€/3€ ermäßigt, freitags Eintritt frei

Dienstag, 30. Oktober 2018

Das war der Berliner Schick: Mode vom Hausvogteiplatz

Wusstet ihr, dass Berlin in den ersten drei Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts ein Zentrum der Bekleidungsindustrie war? Dass Mode aus Berlin in alle Welt exportiert wurde? Ich muss zugeben, dass ich das erst weiß, seitdem ich einmal mehr oder weniger zufällig in der Gegend des Hausvogteiplatzes unterwegs war und das Denkmal in der Mitte des Platzes - drei geneigte Spiegel, die die umliegenden Häuser reflektieren - wahrnahm und auch, dass an den Stufen hinunter zur U-Bahn-Station lauter Firmennamen eingemeißelt sind.


Heute sind der Hausvogteiplatz und die umliegenden Straßen ein merkwürdiges, etwas steriles Niemandsland mit Bürogebäuden, der Botschaft der Mongolei, dem Justizministerium, einem Teil der Humboldt-Uni und Neubauten mit sehr, sehr teuren Eigentumswohnungen, eine tote Ecke zwischen den Touristenmassen auf dem Gendarmenmarkt und dem Verkehrsinferno auf der Leipziger Straße. Sieht man Bilder der Gegend vom Anfang des vorigen Jahrhunderts, mag man kaum glauben, dass es sich um dieselben Straßen handelt: An den Fassaden Firmenschilder dicht an dicht, in den Erdgeschossen Bekleidungsgeschäfte, auf den Straßen Lieferwagen, Straßenbahnen und je nach Jahrzehnt mehr Autos oder mehr Pferdefuhrwerke, und vor allem ein unglaubliches Gewimmel von Passanten, Lieferanten, Geschäftsleuten, Frauen und Kindern beim Einkaufsbummel. Große Kaufhäuser waren hier, aber seit Mitte des 19. Jahunderts vor allem die Konfektionäre, meistens jüdische Bekleidungsgroßhändler, die sich auf die Produktion von Kleidung "von der Stange" spezialisiert hatten. Diese Idee, fertige Kleidung in einer Reihe von standardisierten Größen günstiger als maßgeschneidert anzubieten, war eine revolutionäre Erfindung, sie machte diese Kleidung für eine größere Gruppe von Frauen überhaupt erst erschwinglich.


Die Ausstellung Brennender Stoff - Burning (t)issue, die von Studierenden der Europäischen Ethnologie der Humboldt-Uni erarbeitet wurde, zeigt derzeit in den Räumen des Justizministeriums, das zum Teil in so einer ehemaligen Textilfabrik untergebracht ist, die Geschichte dieser Konfektionäre rund um den Hausvogteiplatz. Im November wandert die Ausstellung in das Hauptgebäude der Humboldt-Uni und kann dort ohne Anmeldung besichtigt werden. Ich hatte sie mir vor zwei Wochen im Ministerium angeschaut und habe viel mitgenommen.


Mir war zum Beispiel nicht bewusst, dass ein großer Teil der Konfektion in Berlin gar nicht in Fabriken, sondern in Heimarbeit hergestellt wurde - und zwar von einem Heer von Näherinnen, die in 12-Stunden-Arbeitstagen zuhause im Akkord Blusen und Kleider nähten, bügelten, und sich natürlich auch noch um Kinder, Küche, Kirche kümmern mussten. Alte Fotografien aus dem Landesarchiv zeigen die beengten Verhältnisse, ärmliche, enge Wohnzimmer, mit Nähmaschinen und Bergen von lauter identischen fertigen und halbfertigen Kleidungsstücken, dazwischen kleine Kinder.


Die glamouröse Seite der Berliner Mode ist sogar noch besser durch Fotos dokumentiert: In den Kaufhäusern wurden schon damals ganze Erlebnislandschaften geschaffen. Das, was wir heute "Shopping" nennen, das Flanieren durch Geschäfte, das Ansehen und Anfassen der Waren, ohne den Zwang, etwas kaufen zu müssen, nahm damals in den Warenhäusern seinen Anfang. Die Influencerinnen der damaligen Zeit waren Bühnen- und Filmschauspielerinnen, Sportlerinnen und Tänzerinnen.


In den dreißiger Jahren war es dann vorbei mit der Berliner Textilindustrie: Ihre meistens jüdischen Eigentümer wurden enteignet, vertrieben und ermordet, nach dem Krieg lag das Hausvogteiviertel in Schutt und Asche. Die Ausstellung - und das sehr empfehlenswerte Begleitbuch - zeichnen hier die Einteignung einer von vielen jüdischen Firmen nach. Die Berliner Modefirmen, die es jetzt noch gibt, hatten im übrigen kein Interesse, das Ausstellungsprojekt zu unterstützen, wie eine der Ausstellungsmacherinnen erzählte, die uns begleitete. Deutlich wurde auch, dass die Geschichte der Berliner Konfektion bislang nur in den Grundzügen erforscht und allgemein recht wenig bekannt ist. Ich kann daher den Besuch der wirklich interessanten und gut gemachten Ausstellung - gestaltet wurde sie von Studierenden der Kunsthochschule Weißensee - empfehlen. Bis Ende November ist sie kostenlos und ohne Anmeldung im Hauptgebäude der Humboldt-Uni zu sehen, und auch das Begleitbuch zur Ausstellung ist sehr zu empfehlen, es ist angenehm zu lesen und enthält die meisten Fotos, die auch in der Ausstellung zu sehen sind.

https://www.brennender-stoff.info/
Ausstellung ab 3.11. in der HU, Unter den Linden 6
geöffnet Mi-Fr 16-20.00 Uhr, Sa 11-17.00 Uhr
Eintritt frei
außerdem kostenlose Führungen, dazu ist eine Anmeldung nötig  

Das Buch zur Ausstellung gibt es im Buchhandel, es liegt in der Ausstellung aus und kann außerdem bei den Führungen erworben werden.

Über die Ausstellung berichteten sehr ausführlich Maritta Tkalec von der Berliner Zeitung, Jérôme Lombard von der Jüdischen Allgemeinen und Katharina Kühn für DeutschlandfunkKultur.  

Mittwoch, 3. Oktober 2018

Dalink-Stoffe in Spandau und am Alex

Neulich bei der Arbeit im Stoffladen unterhielt ich mich mit einer Kollegin und einer Kundin über andere Stoffläden. Es ist zugegebenermaßen etwas merkwürdig, sich mitten in einem riesigen Stoffladen über andere Stoffquellen auszutauschen, aber andererseits kenne ich das Phänomen auch vom Essen im Restaurant, wo sich das Gespräch dann sehr oft um Essen an anderen Orten, Rezepte, Zutaten dreht - der Appetit für das Thema ist dann geweckt, und man kann unmöglich bei dem bleiben, was gerade auf den Teller liegt. In diesem Fall waren es die Gegenwart von wahrscheinlich mehreren tausend Metern Stoff und die nicht unerhebliche Einkäufe im Wagen der Stammkundin, die zur Diskussion über andere Stoffläden einluden.


Einer der Lieblings-Stoffläden der Kundin war Dalink-Stoffe in Spandau, den sie wegen der großen Auswahl an Wollstoffen und einfarbigen Bekleidungsstoffen empfahl. Spandau ist von Treptow aus gesehen am anderen Ende der Stadt, aber die Beschreibung klang so vielversprechend, dass ich mich vor einigen Wochen mit netter Begleitung auf den Weg machte. Die Reise war dann auch gar nicht so langwierig wie befürchtet: Wenn man am S-Bahnhof Spandau einmal die Haltestelle des Bus M 32 gefunden hat (Tipp: Sie ist vor dem flachen Gebäude mit Bäckerei und Florida-Eis, man muss die Straße nicht überqueren), dann bringt einen der Bus, der während der Ladenöffnungszeiten etwa alle 5 Minuten fährt, fast genau bis vor die Tür des Stoffladens.


Dalink-Stoffe liegt in einem Gewerbegebiet und ist etwas zurückgesetzt von der Straße in einem Halle untergebracht, die um einen kleinen Innenhof herumgebaut ist. Dadurch ist der Laden schön hell und hat man in fast Ecken direktes Tageslicht oder zumindest Tageslicht in der Nähe.

Die Auswahl vor allem an Bekleidungsstoffen ist wirklich beeindruckend. Besonders aufgefallen sind mir die nach Farben geordneten Regale mit Baumwoll- und Baumwollmischstoffen, die Stoffe verschiedener Qualitäten von Batist bis zu kräftigem Köper enthielten. Hier hat man wirklich gute Chancen, Kombinationsstoffe in genau dem richtigen Farbton zu finden. Sehr praktisch auch die Regale mit Patchworkstoffen, die nach Motiven angeordnet sind - wenn man also Stoff mit Noten oder Dinosauriern oder Pinguinen suchen würde, würde man dort schnell fündig.


Ansonsten sind die Stoffe teils nach Stoffart (Cord, Buntgewebe, Jeans, Sweat, Strickstoff, Viskosedrucke), teils nach Verwendungszweck (Hosenstoffe, Outdoorstoffe, Badeanzugstoffe), teils nach Material (Leinen, Wolle) geordnet, aber im ganzen so, dass man sich gut zurechtfindet, wenn man schon weiß, was man möchte. Im hinteren Teil des Ladens gibt es auch Dekostoffe, Polsterstoffe, eine große Auswahl an Kunstleder und einige ganz irre Sachen wie hologrammähnlich schillernde Foliendrucke.

Beim Nähzubehör ist mir vor allem die große Auswahl an Gurtbändern, Endlosreißverschlüssen und anderen Taschenzutaten aufgefallen. Außerdem gibt es die üblichen Prym-Produkte, recht günstiges Näh- und Overlockgarn und ein sehr großes Knopfregal, von dem Zusza ein Foto gemacht hat.

Im Vergleich zu Hüco, der ja immer als Berlins größter Stoffladen genannt wird, sind außerden die angenehm normalen Öffnungszeiten von Vorteil, und was Jersey und andere gewirkte Stoffe betrifft, hat Dalink-Stoffe meines Erachtens die größere Auswahl. Seide und festliches Bling-Bling würde ich aber zuerst eher bei Hüco suchen, auch wenn die Pailettenstoffabteilung bei Dalink (als ob ich sowas jemals brauchen würde!) auch nicht schlecht war.


Gleich im Anschluss schaute ich mir dann auch noch die ganz neu eröffnete Filiale am Alex, im S-Bahn-Bogen neben dem Alexa an. An dieser Stelle war vorher auch schon ein Stoffladen, das Knopfloch, mit dem ich aber ehrlich gesagt nie warm geworden bin, ich fand den Laden immer etwas düster.

Jetzt erstrahlt das Gewölbe in Weiß, und der Anstrich war vor ein paar Wochen noch so frisch, dass der Laden etwas nach Farbe roch. Die Stoffe - ein kleiner Querschnitt durch das Angebot in Spandau - waren ebenso frisch eingeräumt, der Laden war so aufgeräumt und ordentlich, dass er fast steril wirkte. Neben Stoffen und den üblichen Kurzwaren werden dort Näh- und Stickmaschinen angeboten, von Brother und Bernina. Im Spandauer Laden gibt es die Maschinen auch (und außerdem laut Webseite auch Elna), sie sind mir allerdings nicht weiter aufgefallen, ich war wohl von den ganzen Stoffen um mich herum überwältigt. Sicherlich wird der Laden nach einiger Zeit etwas belebter und "eingewohnter" wirken, ich bin jedenfalls ganz froh, dass es dort weiterhin Stoffe und Kurzwaren gibt, und nach Spandau würde ich mich tatsächlich  gezielt aufmachen, wenn ich einen ganz bestimmten Stoff suche.

Dalink-Stoffe Spandau
Brunsbütteler Damm 177, 13581 Berlin

Montag-Freitag 9-18.00 Uhr
Samstag 10-14.00 Uhr

S-Bahn Spandau, von dort in 6 Minuten mit Bus M32 bis Egelpfuhlstraße

Dalink-Stoffe Mitte
S-Bahn-Bogen 105, 10178 Berlin
neben dem Alexa

Montag-Freitag 10-20.00 Uhr
Samstag 10-16.00 Uhr

(Dieser Post wurde nicht gesponsort, bezahlt oder in Auftrag gegeben.)

Mittwoch, 4. April 2018

Japanische Stoffe und Maßschneiderei im Wedding: Atelier Nuno (mit einer kleinen Verlosung)

Atelier Nuno Japanische Stoffe und Maßschneiderei Berlin

Was ich am meisten an der Nähbloggerei mag ist ja, dass ich dadurch Menschen kennenlerne, die interessante Dinge auf die Beine stellen. Marie Schmunkamp, gelernte Maßschneiderin und studierte Modedesignerin, ist so ein Mensch. Sie schrieb mich vor einigen Wochen an, und so trafen wir uns eines Nachmittags bei ihr in ihrem Maßschneideratelier und Stoffladen Atelier Nuno in der Utrechter Straße in Berlin-Wedding. Ich war schon lange nicht mehr in der Gegend und war ganz überrascht, wie sich die Nebenstraßen der Müllerstraße verändert haben, da gibt es jetzt einige nette kleine Läden, und nach dem Treffen mit Marie saß ich am Leopoldplatz noch in einem kleinen, französichen Café.

Maßschneiderin Marie Schmunkamp in ihrem Laden

Marie hat ein großes Faible für Japan und Cosplay und nähte schon als Schülerin für sich. Die Ausbildung zur Maßschneiderin und die Meisterausbildung - letztere übrigens bei Inge Szoltysik-Sparrer, die man aus der Jury von "Geschickt eingefädelt" kennt - absolvierte sie direkt hintereinander weg und schloss dann in Berlin direkt noch einen Bachelor in Modedesign an der HTWK an. Marie weiß also ungefähr alles, was man über Schnitte, Stoffe, Modedesign und nähtechnische Verarbeitung wissen kann, und mir gefällt es so gut, dass Maßschneiderei bei ihr keine spießige, verstaubte Angelegenheit ist und sie ihren Beruf und die Japanliebe einfach verbindet: In ihrem kleinen, schicken Laden bietet sie ausgewählte japanische Stoffe, selbstgenähte Accessoires und Kleider an,  und im Nebenraum des Ladens arbeiten Marie, ihre Auszubildende Charlotte und vor ein paar Wochen auch ein Praktikant an den Aufträgen, denn man könnte sich genauso auch ein klassisches Tweedkostüm, ein Hochzeitskleid oder einen Mantel im Atelier Nuno auf den Leib schneidern lassen.

Das Stoffregal im Atelier Nuno

Im Atelier-Nuno-Instagramaccount sieht man sehr gut, dass diese Vielfalt wunderbar zusammenpasst. Wenn japanische Schuluniformen und Matrosenblusen aus guten Stoffen gut genäht werden, lassen sie sich nämlich auch im Alltag tragen und wirken nicht wie eine Verkleidung.

Japanische Accessoires aus dem Atelier Nuno

Die Stoffe und einige ausgewählte Kleider gibt es übrigens auch im Onlineshop. Gerade die Stoffe sollte man sich aber bei Marie direkt anschauen - fühlen ist besser als nur sehen. Es gibt zum Beispiel eine wunderbar weiche Double Gauze (ein Doppelgewebe, also ein Stoff, der aus zwei Lagen feiner, gewebter Baumwolle besteht) mit Kranichmuster, Stoffe mit leinenähnlicher Struktur, leichte gekreppte Stoffe und drumherum allerlei nette Kleinigkeiten wie Broschen, Täschchen, Sets zum Basteln von Kanzashi, den japanischen Stoffblumen, und Süßigkeiten aus Japan.

Letztere bietet Marie in Zusammenarbeit mit dem Japanshop in der Kantstraße an - überhaupt ist es gar nicht so einfach, in Japan an die Ware zum Wiederverkauf zu kommen, wie sie mir verriet. Viele japanische Hersteller haben mit Englisch so ihre Schwierigkeiten, und wenn man nur kleinere Mengen abnehmen kann, ist das Geschäft für sie nicht interessant, oder zu kompliziert um sich zu lohnen, denn man muss sich außerdem um Zoll, Ausfuhrpapiere und den Versand kümmern. 

Täschchen in verschiedenen Formen im Atelier Nuno

Und als ob Marie mit den Aufträgen in der Maßschneiderei, dem Laden, ab und zu einem Festivalbesuch (zum Beispiel am 15. April beim Kirschblütenfest in den Gärten der Welt in Marzahn) noch nicht beschäftigt genug wäre, so filmt sie auch sehr sympathische Nähtutorials - besonders interessant fand ich ihre Anleitung, wie man Schneiderknopflöcher näht und bügelt.

Wenn ihr mal in Berlin seid, stattet ihr einen Besuch ab - geöffnet ist jeweils Dienstag, Mittwoch und Donnerstag ab 15.00 Uhr, Freitag und Samstag ab 12 Uhr. 


Atelier Nuno
Utrechter Str. 32
13347 Berlin

Öffnungszeiten:
Di-Do 15-18.00 Uhr, Fr/Sa 12-19.00 Uhr

Haltestellen in der Nähe: Leopoldplatz (U6, U9)

www.atelier-nuno.de/

Marie hat mir außerdem ein sehr großzügiges Paket zur Verlosung hier im Blog mitgegeben: Japanische Süßigkeiten - siehe Bild - und einen Gutschein über 25 Euro, einzulösen in ihrem Laden (nach Absprache auch im Onlineshop). Macht also nur mit, wenn ihr in Berlin seid oder in der nächsten Zeit hinfahrt, so dass ihr ihn einlösen könnt. Um an der Verlosung teilzunehmen, hinterlasst hier bis zum 11. April einen Kommentar. Ich verschicke den Gewinn innerhalb Deutschlands, und achtet darauf, dass ich eine Möglichkeit habe, euch zu benachrichtigen, falls ihr kein Blog oder Onlineprofil mit Mailadresse habt (auf die Daten, die ihr eventuell beim Kommentiren bei Blogger angeben müsst, habe ich keinen Zugriff, ich sehe nur den Namen und den Kommentar.) Viel Glück!
Die Gewinnerin wird am 12. 4. hier im Blog bekanntgegeben. 

Die Gewinnerinnen wurden gezogen: Der Gutschein geht an Sabine - Langsame Schildkröte und ich habe noch einen Trostpreis verlost, eine selbstgemachte Kanzashi-Blüte zum Anstecken, die geht an Angela Hipp - Patchworkangela. Vielen Dank allen fürs Mitmachen!

 


Mittwoch, 17. Mai 2017

Näh-Nachrichten: Ein neues Strickprojekt, Great British Sewing Bee, barocke Kleider, geknechtete Fotografen und ein Stoffevent


Seht ihr das zarte Grün? So ist der Stand des Frühlings in Berlin. Vor einem Jahr um diese Zeit war es wärmer, aber da letzte Woche, um den 10. Mai herum, auch die Mauersegler aus dem Winterquartier zurückkehrten, ist das Schlimmste geschafft, der Sommer liegt vor uns. 


Noch ganz beeeinflusst von den niedrigen Temperaturen vor zwei, drei Wochen plante ich nach dem riesigen Marled-Magic-Tuch vom Westknits-Knitalong gleich das nächste Strickprojekt, genauer gesagt: Birgit - lila und gelb zeigte mir die Anleitung für die Strickjacke "Flaum" von Justyna Lorkowska, und ich war sofort verliebt. Ich brauche diese Jacke! Und da laut Anleitung ein Mohairgarn in Lacestärke und ein glattes Garn gemeinsam verstrickt werden sollten, ist das die Gelegenheit für das dunkelrote Mohairgarn, das ich im Januar in Bielefeld beim Stoffverkauf von Hindahl&Skudelny gekauft hatte.

Drops Lima rubinrot, rechts im Bild, ist leider kein passender Partner, das Gestrickte wird zu dick, aber mit Drops Alpaca (links) kommt die Maschenprobe fast genau hin, die Patentrippen werden sehr schön leicht und voluminös und die Farbe 3969, rot-lila passt perfekt zum Mohair. Die Anleitung für die Jacke ist auch spannend zu stricken, nahtlos, man fängt hinten in der Mitte mit dem Kragen an, strickt daran eine Passe in 1 rechts-1links-Rippe, die in Patent übergeht. Um die Längenunterschiede von Patent und 1/1-Rippe auszugleichen, muss man verkürzte Reihen stricken, und dann kommen ja auch noch eingestrickte Taschen, das heißt, dieses Strickprojekt wird mich eine Weile fesseln.

In der Zwischenzeit habe ich mir unmäßig wegen eines doofen beruflichen Termins Gedanken gemacht, was mich sehr zuverlässig vom Bloggen abhielt. Ein paar interessante, zum Teil schon ältere Links habe ich trotzdem für euch:

Neues vom Great British Sewing Bee. Nachdem zuletzt spekuliert worden war, die Show werde wegen Unstimmigkeiten zwischen dem Sender und der Produktionsfirma eingestellt, sagt jetzt der Juror Patrick Grant, er rechne mit einer neuen Staffel und könne sich gar nicht erklären, wo diese Gerüchte über die Einstellung herkommen könnten. Das klingt noch nicht ganz so, als sei diese Staffel wirklich beschlossene Sache, aber zumindest schon mal besser als die Meldungen vom Februar. 

Alte Pracht in Dresden: Anfang April wurde die neue Dauerausstellung Macht und Mode im Dresdner Schloss eröffnet. Zu sehen sind unter anderem Textilien aus dem 15. bis 17. Jahrhundert, darunter zahlreiche vollständig erhaltene Kleidungsstücke und Kleidungsensembles der Sächsischen Herrscher, die seit dem zweiten Weltkrieg nicht mehr öffentlich ausgestellt wurden. Die Webseite der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden gibt einen Vorgeschmack, was für phantastische Gewänder dort zu erwarten sind. Sehr lesenswert auch der Artikel von Rabensturm, die die Ausstellung schon gesehen hat. 

Alte Kleider im Netz: Wie unterscheidet sich ein Kleid von 1865 von einem Kleid von 1875? Die Modehistorikerin Lydia Edwards hat mit "How to read a dress" ein Buch geschrieben, das den Wandel der Modelinien vom 16. bis zum 20. Jahrhundert verfolgt - ganz anschaulich anhand von kommentierten Kleiderfotos, die die Details erklären, auf die es ankommt. Lydia Edwards ist als @dressedintime bei twitter und zeigt dort ab und zu interessante Kleiderfunde, wie zum Beispiel ein Korsett für schwangere Frauen aus dem frühen 19. Jahrhundert. Einen Vorgeschmack auf das Buch bekommt man in ihrem Tumbler

Eine Schafherde besitzen und mit der Wolle der eigenen Schafe stricken - kein schlechter Traum. Die Berliner Strickmodendesignerin Rike Feurstein hat sich diesen Traum erfüllt und rettet damit  auch eine alte Schafsrasse, die fast verschwunden wäre.

Gequälte Kreaturen: Terrorisiert ihr eure Familie auch dauernd mit dem Wunsch, von euch und euren selbstgenähten Sachen Fotos für Blog oder Instagram zu knipsen? Eure geplagten Angehörigen können nun Trost finden - es gibt inzwischen einen Begriff für ihr Leiden.Thomas Klemm ist einer dieser "Instagram husbands" und schrieb über seine Erfahrungen in der FAZ. 

Wie finde ich den Brustpunkt? Und was ist das überhaupt? Ich weiß noch, als ich vor Jahren zu ersten Mal den Begriff "Brustpunkt" im Zusammenhang mit Schnittänderungen einem Nähforum las, war ich verwirrt. Der Begriff wurde ganz selbstverständlich verwendet, so ähnlich, wie man "Äquator" oder "Nordpol" sagt, und jeder weiß, was gemeint ist. Hatte ich an entscheidender Stelle in Bio nicht aufgepasst? Meike - Crafteln veranschaulicht in ihrem Blogbeitrag sehr schön, was der Brustpunkt ist und wie man ihn auf einem Schnittmuster lokalisiert. 

Und was ist der Fadenlauf? Fadenlauf ist auch so ein Begriff, den man beim Nähen kennen (und beachten) sollte, der aber nur selten grundlegend erklärt wird. Das beswingte Fräulein hat einen tollen Beitrag mit anschaulichen Beispielen zum Fadenlauf geschrieben, der nicht nur erklärt, was der Fadenlauf ist, sondern auch zeigt, welche Auswirkungen er auf den Fall der Kleidung hat. 

Baumwollverarbeitung im Industriemuseum: Von einem Besuch in der Baumwollspinnerei Quarry Bank Mill schreibt Sieben Monate in Wales. Interessant! 



Zuletzt noch eine Ankündigung einer eigenen Veranstaltung:  Textiler Nachmittag und Buchvorstellung am Sonntagnachmittag, 21. 5. im Haus Eichkamp (S Messe Süd)

Am Sonntag stellen Susanne - Textile Geschichten und ich unsere Bücher vor, also das Stofflexikon Stoff und Faden und Susannes Bücher über textile Redensarten Verflixt und Zugenäht und Am Rockzipfel. Drumherum haben wir uns ein nettes, anschauliches Programm ausgedacht, es gibt Stoffproben zum Anfassen, Garn aus Brennnesseln aus Tierhaaren und eine Brennprobe - eigene Stoffe können gerne mitgebracht werden! Das Haus Eichkamp sorgt für Kaffee und Kuchen. Es geht um 15.00 Uhr los, alle Informationen findet ihr auch auf der Webseite des Hauses.

Dienstag, 7. Februar 2017

"Nähen geht tiefer als nur passende Kleidung herzustellen." Elke - ellepuls.com - über Schnittmuster für lange Frauen

Über neue Schnittmuster von Indie-Designerinnen blogge ich hier ja mehr oder weniger regelmäßig,  bisher jedoch vor allem über kleine Firmen aus den USA, Kanada und Großbritannien. Dabei gibt es auch bei uns interessante Schnittmacherinnen mit guten Ideen, die hier auch mal zu Wort kommen sollen. Elke vom Blog ellepuls.com und ich laufen uns ab und zu zufällig hier in Berlin über den Weg, daher habe ich immer locker verfolgt, was sie so macht.

Nach einem Schnitt für ein Raglanshirt und einer tollen Upcycling-Tasche aus Jeans spezialisierte sich Elke auf Schnittmuster für lange Frauen und brachte letztes Jahr im Sommer einen Shirt- und Kleiderbaukasten heraus. Wer Elke schon mal begegnet ist, muss nicht lange fragen warum: Sie ist selbst eine große Frau und kennt die Problematik zu kurzer Kleidung aus eigener Erfahrung. Zu der "Shirtbox"  von ellepuls.com gehört ein Anleitungsheft für die Längenänderung bei Oberteil-Schnittmustern - Hilfe zur Selbsthilfe für große Frauen sozusagen. Da ich das Konzept klasse finde und Elkes Umsetzung mit schönen Grafiken und ausführlichen Fotoanleitungen sehr gelungen,  wollte ich von Elke wissen, wie es mit den EXTRAlang-Schnitten weitergehen wird.

Elke, du nähst seit 2012 Kleidung für dich – bist du gleich darauf gekommen, dass du auch die Schnittmuster verändern musst, damit sie für dich nicht zu kurz sind, und wie hast du das Schnitte-Verlängern gelernt? War das von Anfang an von Erfolg gekrönt?

Elke: Ich habe sehr unbefangen mit dem Nähen begonnen. Kein Nähkurs, nur learning by doing. Ich habe abgetragene Shirts meiner Söhne für meine Tochter umgearbeitet. Meine erste Verlängerung für mich war bei einem Shirt. Die Ärmellinien habe ich einfach länger gezeichnet, was dazu geführt hat, dass ich nur noch eben so mit der Hand durch die Öffnung kam. Den Rumpf habe ich auch einfach nach unten verlängert. Im Ergebnis war das Shirt lang genug, aber die Taille hing mir zu hoch. Erst einige Projekte später habe ich begonnen, Vorder- und Rückenteile sowie Ärmel nicht unten, sondern zwischendrin zu verlängern. Für das EXTRAlang Handbuch zum Verlängern von Schnitten habe ich mich noch intensiver mit dem Thema befasst. Dieses Handbuch wird jedem EXTRAlang Schnittmuster "beiliegen". Für den Blusen-Sew-Along nähe ich gerade an einer burda Bluse, die ich verlängern musste. Fast hätte ich vergessen, neben Vorder-, Rückenteil und Ärmel, die Knopfleiste mit zu verlängern. Je mehr Teile ein Schnitt hat, desto aufmerksamer muss man überlegen, welche Schnittteile alle verlängert werden müssen, damit nachher auch alles wieder zusammenpasst. 

Das Kleid aus der "Shirtbox" von Elle Puls - lange Ärmel passend zum Wetter sind auch dabei

Schnitte für den eigenen Körper zu verändern ist das eine, aber auch wenn man sich darin gut eingearbeitet hat, ist es ja nochmal ein großer Schritt, Schnitte auch für andere und in verschiedenen Größen anzubieten. Wie hast du das technisch gemeistert?

Elke: Da ich die Schnittkonstruktion nicht gelernt habe, arbeite ich mit einem Profi zusammen. Meine Schnittdirektrice setzt meine Ideen um. Ich möchte auch nicht den Eindruck erwecken, dass ich die Schnitte selber technisch erstelle. Wir feilen gemeinsam daran herum und das Ergebnis lasse ich von Probenäherinnen testen. Das ist in diesem Ablauf schon sehr aufwändig, da ich meine Entwürfe für die Hobbynäherin so bedienungsfreundlich wie möglich gestalten möchte. Die Schnittdateien sind so angelegt, dass man nicht benötigte Größen vor dem Ausdrucken ausblenden kann, um hinterher einen übersichtlichen Schnittbogen zu erhalten. Bye-bye Liniendschungel. Die Anleitungen versuche ich auch immer möglichst nachvollziehbar, logisch und klar aufzubauen, damit meine Kundinnen die Schnitte auch erfolgreich umsetzen können.

Kannst du schon verraten, wie es mit den Schnittmustern bei dir weitergehen wird? Das Extralang-Handbuch erklärt das Verlängern von Oberteilen – wird es auch noch etwas Entsprechendes für Unterteile geben?

Elke: Am 6. Februar geht ein neues Schnittmuster für eine Jacke online. Darauf freue ich mich schon sehr, weil ich den Entwurf sehr mag. Es wird ein Basic für den Lagenlook sein, der im Frühling wieder gefragt sein wird.

[Einschub von mir, Lucy: Der Schnitt  für die Jacke "Cardison" ist gestern erschienen - Elke schickte mir vorab schon mal zwei Bilder. Mehr über Cardison erfahrt ihr bei Elke im Blog.]

"Cardison", die neue Blousonstrickjacke mit schicken Paspeltaschen von Elle Puls
 

Elke: Ideen für "untenrum" sind auch schon genügend vorhanden. Für lange Frauen ist die Suche nach ausreichend langen Hosen immer sehr nervig. Teils schon ab Länge 34, aber mit Sicherheit ab Länge 36 wird die Auswahl dünn bis nicht vorhanden in Läden. Standardmodelle in Standardfarben findet man bei Jeans schon noch. Wenn man aber andere Wünsche hat, muss man in Spezialshops wie z.B. Long Tall Sally suchen. Dass immer mehr große internationale Bekleidungshäuser wie z.B. Asos und Topshop ein "Tall-Sortiment" anbieten zeigt mir, dass der Bedarf da ist. Letztens ist mir wieder aufgefallen, dass immer mehr junge Frauen so groß wie ich sind oder sogar größer. Und sie wollen sich genauso modern kleiden wie alle anderen Frauen ihres Alters. Das bestätigt mich in meiner Idee, auch extra lange Schnittmuster anzubieten. 

Das selber Nähen hat mich von der begrenzten Auswahl, die ich oft in Läden vorfand, befreit. Darüber freue ich mich täglich. Endlich habe ich Hosen nach meinem Geschmack in meiner Länge. Das schreit ja quasi nach extra langen Hosenschnittmustern. Meine Ideen lassen sich nur leider nicht so schnell umsetzen, wie sie in meinem Kopf aufploppen. Ich bleibe dran.

Was würdest du Nähanfängerinnen mit auf dem Weg geben, die gerade beginnen, Kleidung für sich selbst zu nähen?

Elke: Ausprobieren, aber nicht überwältigen lassen! Ich finde es einfach fantastisch, dass so viele Frauen einen Näh- oder Modeblog schreiben. Natürlich kann man sich auch überwältigt fühlen von der schieren Masse, aber so erhöht sich einfach die Wahrscheinlichkeit, Bloggerinnen zu finden, mit denen man sich vom Stil und vom Körperbau her identifizieren kann. Das erleichtert es, sich Anregungen zu Schnitten zu holen, wenn man sich selbst nicht sicher ist, was man wählen soll.

Auch fachliche Hilfe findet man schnell bei Youtube und in Blogs. Das mag nicht jedermanns Sache sein, zu recherchieren, aber die Einstiegshürden zum Nähen der eigenen Kleidung sind doch denkbar niedrig geworden.

Ausprobieren und am besten keine Angst haben, denn letzten Endes ist es doch nur Stoff, den wir im schlimmsten Fall versemmeln. Das kann manchmal schon sehr ärgerlich sein, aber ich habe noch bei jedem Projekt etwas gelernt, und sei es nur über mich selbst.

Was mich zu einem persönlichen Lieblingsthema führt, der Stilfindung. Dadurch, dass ich mich zum ersten Mal wirklich mit Schnittführungen und Farben beschäftigt habe, konnte ich viel besser erkennen, was zu mir passt, was mir steht und auch ein Stück weit wer ich bin. Nähen geht tiefer als nur passende Kleidung herzustellen.

Das ist ein sehr passendes Schlusswort von Elke, finde ich, denn in jeder Hinsicht passende Kleidung zu bekommen, ist doch wahrscheinlich der Grund, warum die meisten von uns nähen: Richtige Passform, die richtige Farbe und das richtige Material, das gibt es doch nur selbstgenäht. Ich bin gespannt, was Elke noch alles aushecken wird - im Moment läuft in ihrem Blog ein Blusen-Sewalong. 

(Alle Fotos in diesem Beitrag von Elke Puls)

Sonntag, 5. Februar 2017

Textillesung im Nähkontor und meine äußerst aufregenden Erlebnisse als Kleinstverlegerin

Wissen über Textilien kann Leben retten. Ja, wirklich! Oder wisst ihr schon, was ihr zu beachten hättet, falls ihr euch mal mit einem Laken aus dem Knast abseilen müsstet? Wenn nicht: Solche lebenswichtigen Tipps und Hinweise könnt ihr bei einer Veranstaltung im Berliner Nähkontor (Bötzowstraße 13) am Samstag, 18. Februar 2017 um 18.00 Uhr erhalten,  zu der ich euch gerne einladen möchte.

Lesungsankuendigung naehkontor

Von Susanne - Textile Geschichten - könnt ihr dann zum Beispiel erfahren, was es mit Seilschaften, Strippenziehern und zarten Banden auf sich hat. Wir lesen gemeinsam aus unseren Büchern, Susanne aus "Am Rockzipfel" und "Verflixt und Zugenäht", ich aus dem Materiallexikon "Stoff und Faden", und wir werden auch einiges vorführen und zeigen. Ihr werdet zum Beispiel sehen (und riechen!), wie man Baumwolle, Wolle und Chemiefasern bei einer Brennprobe unterscheiden kann und lernt ungewöhnliche Materialien wie Ramie und Cupro kennen. Nach der Lesung besteht noch die Möglichkeit, mit Susanne und mir zu plaudern. Vielleicht sehen wir uns ja? Ich würde mich sehr freuen!

"Stoff und Faden" ist jetzt acht Wochen alt (hier hatte ich über das Buch geschrieben), und ich komme eigentlich erst jetzt, Sonntagnachmittag verschnupft auf dem Sofa, langsam dazu, zu realisieren, was in den letzten Wochen alles passiert ist und mich dafür bei euch zu bedanken. Die Vorweihnachtszeit ging in einem ziemlich wahnsinnigen Wirbel aus Bücher eintüten - Mails beantworten - zum Briefkasten und mit Paketen zur Post laufen - Briefmarken kaufen - sehr schnell vorbei. 

Als am 9. Dezember die halbe Palette Bücher angeliefert wurde, wurden zufällig auch gerade die Altpapiertonnen bei uns im Hof geleert. Ich weiß noch wie ich dachte: "ohje, wenn das Buch keinen interessiert, dann wandern die Bücher auch in die blaue Tonne und werden in diesen Wagen gekippt". Aber das Buch interessierte euch, und zwar so sehr, dass ich mit dem Versenden kaum nachkam. 


Und fast jeden Tag passierte etwas Neues, Aufregendes: Die erste Bestellung durch eine Buchhandlung kam schon nach drei Tagen, was mich sehr überraschte und freute, aber das Problem aufwarf, wie man eine Rechnung mit Buchhändlerrabatt richtig ausfertigt. Dann gab es Buchhandelsbestellungen über ein System, das anscheinend an das Verzeichnis lieferbarer Bücher angeschlossen ist, und das kryptische Datenbankauszüge per Mail versendet - was genau es ist, das da bestellt, habe ich bis heute nicht herausgefunden, aber es reichte erstmal zu wissen, dass es klappt. Ich lernte, dass bei Thalia die einzelnen Filialen Bücher ordern, die Rechnungen aber in einer zentralen Stelle in Hagen bearbeitet werden. Kurz vor Weihnachten fand ich dann endlich die Lösung für eine  Fehlermeldung bei amazon, so dass "Stoff und Faden" endlich auch dort gekauft werden konnte (die Lösung lautete übrigens: Fehlermeldung ignorieren).  

Am allerbesten in dieser Zeit war aber die Unterstützung, ich von so vielen aus der Nähcommunity bekam: Daniele von Lillestoff orderte "Stoff und Faden" für den Lillestoff-Onlineshop  und im Lillestoff-Blog erschien eine Besprechung. Rike alias rosa p. besprach das Buch hier, Ina von Pattydoo überraschte mich hier mit einer Empfehlung, ebenso wie Wolle - Natur - Farben hier. Andrea - Michou à la mode - schrieb hier über "Stoff und Faden", Meike - crafteln - hier.  

Ich danke euch allen sehr dafür - so ein Buchprojekt ganz alleine zu unternehmen und von A bis Z (von Acetat bis Zephir sozusagen...) dafür geradezustehen, ist schon ein Wagnis, und es könnte nicht funktionieren ohne solche Unterstützung wie eure in Form von Besprechungen und Empfehlungen. 

Bücher von etablierten Verlagen kommen durch die Werbung von Verlagsvertretern in die Buchhandlungen, oder weil die Buchhändlerinnen den Verlag kennen und wissen, was sie erwarten können, und haben so die Chance, dort von Leserinnen entdeckt zu werden. Ein Buch im Selbstverlag wie "Stoff und Faden" hat diese Chance erstmal nicht, und "Selbstverlag" hat noch dazu einen schlechten Ruf, man erwartet schlimme Gedichte, für die sich kein "richtiger" Verlag interessieren würde oder schlecht gesetzte Bücher voller Rechtschreibfehler, die sich niemals verkaufen lassen. Da ist es enorm wichtig, wenn Leserinnen sagen: Das Buch finden wir gut, das möchten wir haben. 

Im Fall von "Stoff und Faden" funktionierte das so gut, dass mich Anfang des Jahres ein Barsortimenter anschrieb und mir anbot, das Buch in den Katalog aufzunehmen. Das Barsortiment sind die Zwischenhändler, die die einzelnen Buchhandlungen beliefern und zum Beispiel dafür sorgen, dass man ein bestelltes Buch am nächsten Tag im Laden abholen kann. Wenn ein Buch da gelistet ist, ist es für Buchläden problemlos mit ein paar Klicks bestellbar, die Händlerin oder der Händler muss nicht erst eine Mail schreiben, auf das Eintreffen des Buchs warten und dann mit mir kleinen Krauterin auch noch separat abrechnen. Ich hatte mich schon seelisch-moralisch darauf eingestellt, dass es ein großes Stück Arbeit wird, "Stoff und Faden" in den Zwischenbuchhandel zu bringen und war (und bin) total geflasht, dass mir das von einer sehr freundlichen Einkäuferin von Libri einfach so, und auch noch zu sehr guten Bedingungen, angeboten wurde. 

"Stoff und Faden" sollte jetzt also auch problemlos über den Buchhandel zu bestellen sein - oder zumindest demnächst, denn amazon zu beliefern haben die Leute von Libri bisher auch noch nicht auf die Reihe gekriegt. Meine Hoffnung, das Buch nun nur noch kartonweise an den Großhandel verschicken zu müssen, hat sich noch nicht erfüllt: Die erste Libri-Bestellung waren ganze drei Exemplare. Dafür kam dann jeden Tag eine weitere Bestellung und ich hoffe, dass die nächste Woche den Bestellalgorithmus dazu bringt, alle Bestellungen einer Woche zu einer einzigen zusammenzufassen, das wäre dann mal eine für ein Paket lohnende Menge. Bis sich alles zurechtgeruckelt hat, gibt es "Stoff und Faden" weiterhin direkt bei mir, wenn ihr mir eine Mail schreibt, und über amazon ist das Buch weiterhin bei Drittanbietern bestellbar (auch portofrei). 

Ergänzung 2021: Mittlerweile gibt es das Materiallexikon - und einige weitere Bücher - versandkostenfrei in Deutschand in unserem neuen Onlineshop

Bei der Lesung im Nähkontor am wird es natürlich auch Bücher geben, meines genauso wie Susannes. Nicht vergessen: am 18. 2. ab 18.00 Uhr!

Freitag, 3. Februar 2017

Stoffe, Nähmaschinen und Nähkurse in Berlin-Schöneberg: Smilla Berlin


Der Kiez um die Akazienstraße in Schöneberg, oder, mehr als ein Kiez, die Gegend zwischen Winterfeldtplatz und Kaiser-Wilhelm-Platz, ist eine wunderbare Gegend zum Bummeln, finde ich. Es gibt Schuhgeschäfte, Geschäfte mit skandinavischer Mode, einen sehr guten Laden für Küchenzubehör, mittendrin liegt Bastel-Rüther, man kann ein Vermögen für schöne Postkarten und anderen Schnickeldi ausgeben, und auch wenn meine bervorzugte Espressobar vor etwa zwei Jahren schloss und ich noch keinen guten Ersatz gefunden habe, sind Akazienstraße und Goltzstraße ab und zu das Ziel für einen kleinen Ausflug am Samstag.

Dass es in der Eisenacher Straße mit Smilla Berlin einen Stoffladen gibt, hatte ich lange Zeit nicht auf der inneren Landkarte, bis eine Kollegin aus dem Stoffladen dorthin wechselte. Kurz vor Weihnachten schaffte ich es endlich, sie zu besuchen.


Smilla ist ein Laden, der von der Straße aus kleiner aussieht, als er tatsächlich ist. An den ersten Raum mit bunt bedruckten Baumwollstoffen in Patchworkqualität, den man vom Schaufenster aus sieht, schließt sich nämlich ein zweiter, viel größerer an, in dem es Jeansstoffe, Cord, Jerseys, Sweat, Bänder, Kurzwaren von Prym und nicht zuletzt Nähmaschinen gibt.

Die Nähkurse - die unter anderem meine Ex-Kollegin betreut - finden in einem weiteren, sehr geräumigen Nebenraum statt. Zu den Zeiten außerhalb der Kurse kann man dort im Nähcafé stundenweise an den Nähmaschinen und Overlocks nähen. Eine der Pfaff-Computernähmaschinen kann man sogar tageweise mieten um sie zuhause zu nutzen - eine sehr gute Idee, finde ich. Beim Reisen zu Nähtreffen habe ich mir schon öfter gewünscht, ich müsste meine Maschine nicht durch das halbe Land schleppen, sondern könnte mir am Zielort einfach eine leihen, so wie man sich im Urlaub ein Fahrrad leiht.


Bei den Stoffen versammeln sich einige bekannte Hersteller und Designerinnen: Hamburger Liebe, Gütermann ring a roses, Swafing, Free Spirit, Hilco, Cotton&Steel, Tula Pink, Jolijou, Birch fabrics, Art Gallery. Man findet also vorwiegend festere Baumwollstoffe und Jerseys bei Smilla. Muster und Farben werden nach Erfahrung und Intuition ausgewählt: was könnte den Kundinnen gefallen? Hypes um bestimmte Designs, wie sie ab und zu durch die Blogs schwappen, setzen sich außerhalb des Netzes nur selten fort, so ist die Erfahrung der Smilla-Besatzung. Stoff wird intuitiv gekauft, nach Bauchgefühl, und das schlägt vor einem Stoffregal oftmals anders an, als im Internet.



Dekorative Kurzwaren, Knöpfe und anderes Nähzubehör sind auf die Stoffe - und auf die Themen der Nähkurse - abgestimmt, so dass alles vorhanden ist, um ein Nähprojekt erfolgreich abzuschließen, und wer sich schließlich mit dem Nähen trotz aller Beratung doch nicht anfreunden kann, kann bei Smilla Vorhänge, Kissenbezüge und Kindersachen nähen lassen.
 
smilla
Eisenacher Straße 64
10823 Berlin

Öffnungszeiten:
Mo-Fr 10.00 - 19.00, Sa 11.00 - 16.00

http://www.smilla-berlin.de/

Der Laden liegt jeweils einen längeren Spaziergang vom U-Bahnhof Eisenacher Straße (U7) oder S-Bahnhof Julius-Leber-Brücke (S1) entfernt. Direkt kommt man mit den Bussen 104, 187, M48 und M85 hin (Haltestelle Albertstraße).

Sonntag, 22. Januar 2017

Uli Richter revisited. Ausstellung im Kunstgewerbemuseum Berlin


Am Berliner Kulturforum läuft noch bis zum 5. März eine Ausstellung über den Berliner Modeschöpfer Uli Richter, Uli Richter revisited - "revisited" deshalb, weil es zum Jahreswechsel 2007/2008 schon einmal eine große Uli-Richter-Schau im Kunstgewerbemuseum gab.

Ich erinnere mich sehr gut daran, denn ein Artikel über diese Ausstellung war im Januar 2008 der zweite Beitrag überhaupt hier im Nahtzugabeblog und das Plakat hängt noch immer neben meinem Schreibtisch. Ein bißchen vergrätzt bin ich deswegen auch, schließlich werden wir in Berlin nicht gerade mit Modeausstellungen verwöhnt. Wenn das Kunstgewerbemuseum nur etwa alle 10 Jahre eine Modeausstellung bringt (aktueller Erfahrungswert), dann hätte es ja jetzt mal etwas anderes sein können. 

Modelle von Uli Richter

Was ist jetzt also anders als 2007/2008? Neben etwa 20 für den Richter-Stil typischen Modellen, die zwischen 1949 und 1986 entstanden - Capemäntel und Mantel-Kleid-Ensembles, Kostüme und Anzüge aus Wollstoffen mit unterschiedlichen Mustern und Texturen - sind Studentenentwürfe zu sehen, die aus Richters Kursen an der UdK hervorgingen. Richter hatte sein Modehaus in den 1980er Jahren aufgegeben und - zusammen mit dem Fotografen F. C. Gundlach - an der Hochschule unterrichtet.

In den Ausstellungstexten erfährt man recht wenig darüber, aber der Unterricht schien sehr praxisorientiert gewesen zu sein: Die Studierenden entwarfen zu einem vorgegebenen Thema und mit Stoffen aus Richters Fundus und mussten sich außerdem über die Verkaufbarkeit ihrer Modelle und über die Kalkulation der Herstellungskosten Gedanken machen. Zum Abschluss wurden die Kleidungsstücke im Fotostudio oder vor Berliner Kulisse in Szene gesetzt und fotografiert. Etwa zehn dieser Modelle werden in der Ausstellung gezeigt. Es wäre interessant gewesen zu erfahren, ob ihre Schöpferinnen und Schöpfer nach dem Studium wirklich den Weg ins Modegeschäft einschlugen, und ob sie immer noch in der Mode tätig sind. 

Von Uli Richter inspirierte Entwürfe von heute

Der dritte Teil der Schau zeigt Entwürfe Berliner Designer, die sich von Richter-Modellen inspirieren ließen. Es sind vor allem diejenigen Jungdesigner ausgewählt worden, die aktuell und im vergangenen Jahr als die neue große Hoffnung der Berliner Modeszene herumgereicht wurden: Marina Hoermanseder, Barre Noire, Michael Sontag, Steinrohner, Nobi Talai, Philomena Zanetti und Sample-cm, außerdem William Fan, über den es im Magazin der Frankfurter Allgemeinen zur Berliner Modewoche gerade eben einen langen Artikel gab (leider nicht online, kurz vorgestellt wird William Fan hier.).

Das ist alles sehr vernünftig und tragbar und von hoher handwerklicher Qualität und daher schön anzusehen. Ich komme natürlich nicht drumherum, diese Ausstellung immer mit der weit umfangreicheren Schau von 2007/2008 zu vergleichen, mir fallen daher besonders die Wiederholungen auf.

Der hellblaue Seidenmantel und das perlenbesetzte Abendkleid, die Richter für Rut Brand entwarf, sind aber auch beim zweiten Mal immer noch schön. Ein Abendkleid aus gelbgrundiger bedruckter Baumwolle wurde dieses Mal, umgeben von großformatigen Fotos, in eine unglückliche abgelegene Nische hinter den Fahrstühlen gequetscht und ist nicht einmal beschriftet. Überhaupt haben die Ausstellungsmacher zu den Kleidern selbst oft wenig bis gar nichts zu sagen: Die Schilder verraten meistens nur das Entstehungsdatum und bestenfalls die Materialzusammensetzung, manchmal wird der Name der Käuferin und jetzt Leihgeberin genannt, mehr nicht. Sogar ein Film, der zwei Modeschauen in Richters Couturehaus aus den 1980er Jahren zeigt, lief schon in der ersten Ausstellung in Dauerschleife - damals aber mit Ton, was ich sehr interessant fand, weil Richter die Schauen im Stil eines Conferenciers selbst moderierte.


Bei mir hinterließ Uli Richter revisited daher den Eindruck, dass hier schnell eine Ausstellung aus dem Fundus zusammengestellt wurde, die überall ein bißchen an der Oberfläche kratzt. Wer die Vorläuferausstellung nicht kennt, wird sich sicher mehr darüber freuen können als ich. Ich ging doch ziemlich enttäuscht nach Hause. Und mein altes Uli-Richter-Ausstellungsplakat kann ich nicht einmal mit dem neuen ergänzen, weil von dem neuen Plakat keine Exemplare für den Verkauf gedruckt wurden. Aber das Planen konsequent an Besucherinteressen vorbei scheint mir oft typisch zu sein bei den Berliner Staatlichen Museen.

Aber, um diesen Beitrag positiv enden zu lassen, heute ist ja nicht alles schlechter als früher: Während zur Zeit der ersten Ausstellung das Fotografieren noch strengstens verboten war, hat das Kunstgewerbemuseum nun vor der Flut der Handykameras kapituliert und niemand sagt mehr etwas, wenn man in der Ausstellung herumknipst, daher kann ich hier wenigstens einen Eindruck zeigen.


Ein Besuch im Kunstgewerbemuseum lohnt sich für Modeinteressierte trotzdem, denn es gibt ja noch die Mode-Dauerausstellung, über die ich hier geschrieben hatte. Im letzten Herbst kam noch ein schöner, lichter Veranstaltungsraum im obersten Stock hinzu, in dem Workshops für Kinder und Erwachsene angeboten werden, zur Zeit unter anderem Schnittänderungsworkshops anhand eines Uli-Richter-Schnittmusters. Besonders klasse: Der Raum ist immer offen und es gibt große Stoffproben zum Befühlen und Korsetts und Reifröcke verschiedener Epochen zum Anprobieren. Man erreicht den Veranstaltungsraum über eine Treppe vom Rundgang durch die Modegalerie aus - sie geht in einer Nische rechts ab, wenn ihr am Ende der Treppe das Wort "Anprobe" seht, seid ihr richtig. Vom Haupttreppenhaus aus muss man durch die Jugendstil-Abteilung, dann findet man den Veranstaltungsraum hinten links in der Ecke.

Uli Richter revisited
Kunstgewerbemuseum, noch bis 3. 5. 2017

U-Bahn U2 oder S-Bahn S1, S2, S25 (Potsdamer Platz)
DI-FR 10-18.00 Uhr, SA und SO 11-18.00 Uhr