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Mittwoch, 3. Oktober 2018

Dalink-Stoffe in Spandau und am Alex

Neulich bei der Arbeit im Stoffladen unterhielt ich mich mit einer Kollegin und einer Kundin über andere Stoffläden. Es ist zugegebenermaßen etwas merkwürdig, sich mitten in einem riesigen Stoffladen über andere Stoffquellen auszutauschen, aber andererseits kenne ich das Phänomen auch vom Essen im Restaurant, wo sich das Gespräch dann sehr oft um Essen an anderen Orten, Rezepte, Zutaten dreht - der Appetit für das Thema ist dann geweckt, und man kann unmöglich bei dem bleiben, was gerade auf den Teller liegt. In diesem Fall waren es die Gegenwart von wahrscheinlich mehreren tausend Metern Stoff und die nicht unerhebliche Einkäufe im Wagen der Stammkundin, die zur Diskussion über andere Stoffläden einluden.


Einer der Lieblings-Stoffläden der Kundin war Dalink-Stoffe in Spandau, den sie wegen der großen Auswahl an Wollstoffen und einfarbigen Bekleidungsstoffen empfahl. Spandau ist von Treptow aus gesehen am anderen Ende der Stadt, aber die Beschreibung klang so vielversprechend, dass ich mich vor einigen Wochen mit netter Begleitung auf den Weg machte. Die Reise war dann auch gar nicht so langwierig wie befürchtet: Wenn man am S-Bahnhof Spandau einmal die Haltestelle des Bus M 32 gefunden hat (Tipp: Sie ist vor dem flachen Gebäude mit Bäckerei und Florida-Eis, man muss die Straße nicht überqueren), dann bringt einen der Bus, der während der Ladenöffnungszeiten etwa alle 5 Minuten fährt, fast genau bis vor die Tür des Stoffladens.


Dalink-Stoffe liegt in einem Gewerbegebiet und ist etwas zurückgesetzt von der Straße in einem Halle untergebracht, die um einen kleinen Innenhof herumgebaut ist. Dadurch ist der Laden schön hell und hat man in fast Ecken direktes Tageslicht oder zumindest Tageslicht in der Nähe.

Die Auswahl vor allem an Bekleidungsstoffen ist wirklich beeindruckend. Besonders aufgefallen sind mir die nach Farben geordneten Regale mit Baumwoll- und Baumwollmischstoffen, die Stoffe verschiedener Qualitäten von Batist bis zu kräftigem Köper enthielten. Hier hat man wirklich gute Chancen, Kombinationsstoffe in genau dem richtigen Farbton zu finden. Sehr praktisch auch die Regale mit Patchworkstoffen, die nach Motiven angeordnet sind - wenn man also Stoff mit Noten oder Dinosauriern oder Pinguinen suchen würde, würde man dort schnell fündig.


Ansonsten sind die Stoffe teils nach Stoffart (Cord, Buntgewebe, Jeans, Sweat, Strickstoff, Viskosedrucke), teils nach Verwendungszweck (Hosenstoffe, Outdoorstoffe, Badeanzugstoffe), teils nach Material (Leinen, Wolle) geordnet, aber im ganzen so, dass man sich gut zurechtfindet, wenn man schon weiß, was man möchte. Im hinteren Teil des Ladens gibt es auch Dekostoffe, Polsterstoffe, eine große Auswahl an Kunstleder und einige ganz irre Sachen wie hologrammähnlich schillernde Foliendrucke.

Beim Nähzubehör ist mir vor allem die große Auswahl an Gurtbändern, Endlosreißverschlüssen und anderen Taschenzutaten aufgefallen. Außerdem gibt es die üblichen Prym-Produkte, recht günstiges Näh- und Overlockgarn und ein sehr großes Knopfregal, von dem Zusza ein Foto gemacht hat.

Im Vergleich zu Hüco, der ja immer als Berlins größter Stoffladen genannt wird, sind außerden die angenehm normalen Öffnungszeiten von Vorteil, und was Jersey und andere gewirkte Stoffe betrifft, hat Dalink-Stoffe meines Erachtens die größere Auswahl. Seide und festliches Bling-Bling würde ich aber zuerst eher bei Hüco suchen, auch wenn die Pailettenstoffabteilung bei Dalink (als ob ich sowas jemals brauchen würde!) auch nicht schlecht war.


Gleich im Anschluss schaute ich mir dann auch noch die ganz neu eröffnete Filiale am Alex, im S-Bahn-Bogen neben dem Alexa an. An dieser Stelle war vorher auch schon ein Stoffladen, das Knopfloch, mit dem ich aber ehrlich gesagt nie warm geworden bin, ich fand den Laden immer etwas düster.

Jetzt erstrahlt das Gewölbe in Weiß, und der Anstrich war vor ein paar Wochen noch so frisch, dass der Laden etwas nach Farbe roch. Die Stoffe - ein kleiner Querschnitt durch das Angebot in Spandau - waren ebenso frisch eingeräumt, der Laden war so aufgeräumt und ordentlich, dass er fast steril wirkte. Neben Stoffen und den üblichen Kurzwaren werden dort Näh- und Stickmaschinen angeboten, von Brother und Bernina. Im Spandauer Laden gibt es die Maschinen auch (und außerdem laut Webseite auch Elna), sie sind mir allerdings nicht weiter aufgefallen, ich war wohl von den ganzen Stoffen um mich herum überwältigt. Sicherlich wird der Laden nach einiger Zeit etwas belebter und "eingewohnter" wirken, ich bin jedenfalls ganz froh, dass es dort weiterhin Stoffe und Kurzwaren gibt, und nach Spandau würde ich mich tatsächlich  gezielt aufmachen, wenn ich einen ganz bestimmten Stoff suche.

Dalink-Stoffe Spandau
Brunsbütteler Damm 177, 13581 Berlin

Montag-Freitag 9-18.00 Uhr
Samstag 10-14.00 Uhr

S-Bahn Spandau, von dort in 6 Minuten mit Bus M32 bis Egelpfuhlstraße

Dalink-Stoffe Mitte
S-Bahn-Bogen 105, 10178 Berlin
neben dem Alexa

Montag-Freitag 10-20.00 Uhr
Samstag 10-16.00 Uhr

(Dieser Post wurde nicht gesponsort, bezahlt oder in Auftrag gegeben.)

Sonntag, 24. Juni 2018

Stoffspielerei im Juni: Rokoko trifft Mola



Willkommen zur neuen Ausgabe der Stoffspielerei im Juni! Ich habe mich in letzter Zeit sehr rar gemacht bei der Stoffspielerei, und dann auch noch mit dem Thema Rokoko eine schwierige Aufgabe gestellt, wie mir hier und da zurückgemeldet wurde. Ich kam auf das Thema, weil ich im März an einer Führung durch das Neue Palais in Potsdam und die Postdamer Textilrestaurierungswerkstatt teilnahm. Die Innenausstattung des in den 1760er Jahren gebauten Schlosses, das vor allem für Festiviäten und die Unterbringung von Gästen genutzt wurde, ist noch recht vollständig erhalten.

Die Mode des 18. Jahrhunderts, bei solchen repräsentativen Bauten wirklich keine Oberfläche undekoriert zu lassen, ist uns heute ziemlich fremd. Alles ist gemustert, mit Stoff bezogen, geschnitzt, bemalt, mit Borten, Troddeln oder Quasten geschmückt, gerahmt, vergoldet - sicherlich ein beeindruckender Anblick, wenn sich das Kerzenlicht in den glänzenden Fäden des Brokats, in den Kristallen der Lüster und in den großen Spiegeln brach.

Auch wenn spätbarocke Ornamente heute in der Inneneinrichtung nicht mehr so im Übermaß eigesetzt werden, es gibt sie immer noch - Tapeten, die die seidenen Wandbespannungen aus Schlössen nachahmen, gibt es sogar in ziemlich großer Zahl. Oder vergleicht mal die Seidentücher von Versace mit dem Fußboden im Marmorsaal des Neuen Palais! Barock und Rokoko (grob gesagt etwas zarter, heiterer, mit zarteren Farben und Asymmetrien) sind in der Dekoration erhalten geblieben - das war für mich nach dem Schlossbesuch tatsächlich eine neue Erkenntnis.


Für die Stoffspielerei habe ich versucht, ein Ornament in einer Reverse-Applikationstechnik umzusetzen,die ich schon lange einmal auspr0bieren wollte. Die Mola-Technik wurde ursprünglich nur auf einigen Inseln vor der Küste Panamas ausgeübt. Mittlerweile sieht man Molas manchmal auch auf Kunsthandwerkmärkten zusammen mit anderen Textilien aus aller Welt, und es würde mich nicht wundern, wenn Molas eínzwischen auch in Asien nachgeahmt werden würden.



Bei dieser Technik werden die Applikationsmiotive aus einem Stapel verschiedenfarbiger Baumwollstoffe von oben nach unten herausgearbeitet. Das Motiv wird aufgezeichnet und entlang der Konturen mit etwas Nahtzugabe aus der obersten Stofflage herausgeschnitten. Die Zugaben werden nach unten eingeschlagen und die Kante wird durch alle Lagen festgenäht. Aus der zweiten Stofflage, die nun sichtbar ist, wird ein weiteres Motiv ausgeschnitten, der Rand eingeschlagen und mit der Hand festgenäht, so dass die dritte Stofflage zum Vorschein kommt.



Bei den Näherinnen der Cunas in Panama entstehen so häufig abstrahierte Tiermotive, die durch parallele bunte Linien oder Schnecken strukturiert sind. Über die Technik gibt es ein Buch von Kate Mathews - "Molas", es erschien 1999 auf Deutsch im Haupt-Verlag und ist mittlerweile sehr günstig zu haben. Die Technik ist gut beschrieben, so dass man lernt, eigene Entwürfe umzusetzen, und es sind viele Fotos von Molas aus Panama enthalten. (Die Modelle im Anleitungsteil, oft Kleidung mit Dekor in Mola-Technik, entsprechen allerdings eher dem Geschmack der späten 1980er.)


Die Näharbeit erwies sich als zwar recht kleinteilig-fummelig (das Ornament hätte etwas großflächiger sein können und er verwendete Baumwollstoff vielleicht etwas feiner), aber es ist machbar. Bis zu der dritten Stofflage in Rosa bin ich noch gar nicht vorgedrungen, dazu sind die einzelnen Flächen auch größtenteils etwas zu klein. Die Applikation ist schön plastisch, und die Technik ist eine gute Möglichkeit, relativ filigrane Strukturen aus Stoff nachzubilden - als herkömmliche Applikation, also mit kleinen, aufgesetzten Stoffstücken, wäre es nur schwer möglich, so ein Ornament abzubilden.

Ich bin gespannt, was ihr aus der Vorgabe gemacht habt!

Sabine (Tyches Touch) hat eine Rokokospitze gehäkelt, angelehnt an die Muster von Nymphenburger Porzellan. 

Susanne (Nahtlust) hat eine Rokoko-Maske aus Spitzen angefertigt.

Ute (123-Nadelei) ging in Thüringen auf Spurensuche nach dem Rokoko - sehr interessant!

Annelies von der Galerie der Handarbeiten hat verschiedene Rüschenformen - Froschgoscherl und Herzrüsche - ausprobiert.



Vielen Dank allen füs Mitmachen! Ich ergänze die Liste oben noch im Laufe des Tages, sobald ich weitere Beiträge finde.

Auch die Rückseite ist interessant: Es wird immer durch alle Stofflagen genäht


Die monatliche Stoffspielerei ist eine Aktion für textile Experimente. Sie ist offen für alle, die mit Stoff und Fäden etwas Neues probieren möchten. Der Termin soll Ansporn sein, das monatlich vorgegebene Thema soll inspirieren. Jeden letzten Sonntag im Monat werden die Links mit den neuen Werken gesammelt – auch misslungene Versuche sind gern gesehen, zwecks Erfahrungsaustausch.

Juli & August: Sommerpause
30.09.2018: „Streifen“ bei 123-Nadelei
28.10.2018: „Seide“ bei Siebensachen
25.11.2018: (Thema noch nicht fix) bei Nähzimmerplaudereien
Dezember: Weihnachtspause
27.01.2019: (Thema noch nicht fix) bei Textile Werke
24.02.2019: „Farbverläufe“ bei Schnitt für Schnitt
31.03.2019: „Geometrie“ bei Feuerwerk by Kaze

Mittwoch, 4. April 2018

Japanische Stoffe und Maßschneiderei im Wedding: Atelier Nuno (mit einer kleinen Verlosung)

Atelier Nuno Japanische Stoffe und Maßschneiderei Berlin

Was ich am meisten an der Nähbloggerei mag ist ja, dass ich dadurch Menschen kennenlerne, die interessante Dinge auf die Beine stellen. Marie Schmunkamp, gelernte Maßschneiderin und studierte Modedesignerin, ist so ein Mensch. Sie schrieb mich vor einigen Wochen an, und so trafen wir uns eines Nachmittags bei ihr in ihrem Maßschneideratelier und Stoffladen Atelier Nuno in der Utrechter Straße in Berlin-Wedding. Ich war schon lange nicht mehr in der Gegend und war ganz überrascht, wie sich die Nebenstraßen der Müllerstraße verändert haben, da gibt es jetzt einige nette kleine Läden, und nach dem Treffen mit Marie saß ich am Leopoldplatz noch in einem kleinen, französichen Café.

Maßschneiderin Marie Schmunkamp in ihrem Laden

Marie hat ein großes Faible für Japan und Cosplay und nähte schon als Schülerin für sich. Die Ausbildung zur Maßschneiderin und die Meisterausbildung - letztere übrigens bei Inge Szoltysik-Sparrer, die man aus der Jury von "Geschickt eingefädelt" kennt - absolvierte sie direkt hintereinander weg und schloss dann in Berlin direkt noch einen Bachelor in Modedesign an der HTWK an. Marie weiß also ungefähr alles, was man über Schnitte, Stoffe, Modedesign und nähtechnische Verarbeitung wissen kann, und mir gefällt es so gut, dass Maßschneiderei bei ihr keine spießige, verstaubte Angelegenheit ist und sie ihren Beruf und die Japanliebe einfach verbindet: In ihrem kleinen, schicken Laden bietet sie ausgewählte japanische Stoffe, selbstgenähte Accessoires und Kleider an,  und im Nebenraum des Ladens arbeiten Marie, ihre Auszubildende Charlotte und vor ein paar Wochen auch ein Praktikant an den Aufträgen, denn man könnte sich genauso auch ein klassisches Tweedkostüm, ein Hochzeitskleid oder einen Mantel im Atelier Nuno auf den Leib schneidern lassen.

Das Stoffregal im Atelier Nuno

Im Atelier-Nuno-Instagramaccount sieht man sehr gut, dass diese Vielfalt wunderbar zusammenpasst. Wenn japanische Schuluniformen und Matrosenblusen aus guten Stoffen gut genäht werden, lassen sie sich nämlich auch im Alltag tragen und wirken nicht wie eine Verkleidung.

Japanische Accessoires aus dem Atelier Nuno

Die Stoffe und einige ausgewählte Kleider gibt es übrigens auch im Onlineshop. Gerade die Stoffe sollte man sich aber bei Marie direkt anschauen - fühlen ist besser als nur sehen. Es gibt zum Beispiel eine wunderbar weiche Double Gauze (ein Doppelgewebe, also ein Stoff, der aus zwei Lagen feiner, gewebter Baumwolle besteht) mit Kranichmuster, Stoffe mit leinenähnlicher Struktur, leichte gekreppte Stoffe und drumherum allerlei nette Kleinigkeiten wie Broschen, Täschchen, Sets zum Basteln von Kanzashi, den japanischen Stoffblumen, und Süßigkeiten aus Japan.

Letztere bietet Marie in Zusammenarbeit mit dem Japanshop in der Kantstraße an - überhaupt ist es gar nicht so einfach, in Japan an die Ware zum Wiederverkauf zu kommen, wie sie mir verriet. Viele japanische Hersteller haben mit Englisch so ihre Schwierigkeiten, und wenn man nur kleinere Mengen abnehmen kann, ist das Geschäft für sie nicht interessant, oder zu kompliziert um sich zu lohnen, denn man muss sich außerdem um Zoll, Ausfuhrpapiere und den Versand kümmern. 

Täschchen in verschiedenen Formen im Atelier Nuno

Und als ob Marie mit den Aufträgen in der Maßschneiderei, dem Laden, ab und zu einem Festivalbesuch (zum Beispiel am 15. April beim Kirschblütenfest in den Gärten der Welt in Marzahn) noch nicht beschäftigt genug wäre, so filmt sie auch sehr sympathische Nähtutorials - besonders interessant fand ich ihre Anleitung, wie man Schneiderknopflöcher näht und bügelt.

Wenn ihr mal in Berlin seid, stattet ihr einen Besuch ab - geöffnet ist jeweils Dienstag, Mittwoch und Donnerstag ab 15.00 Uhr, Freitag und Samstag ab 12 Uhr. 


Atelier Nuno
Utrechter Str. 32
13347 Berlin

Öffnungszeiten:
Di-Do 15-18.00 Uhr, Fr/Sa 12-19.00 Uhr

Haltestellen in der Nähe: Leopoldplatz (U6, U9)

www.atelier-nuno.de/

Marie hat mir außerdem ein sehr großzügiges Paket zur Verlosung hier im Blog mitgegeben: Japanische Süßigkeiten - siehe Bild - und einen Gutschein über 25 Euro, einzulösen in ihrem Laden (nach Absprache auch im Onlineshop). Macht also nur mit, wenn ihr in Berlin seid oder in der nächsten Zeit hinfahrt, so dass ihr ihn einlösen könnt. Um an der Verlosung teilzunehmen, hinterlasst hier bis zum 11. April einen Kommentar. Ich verschicke den Gewinn innerhalb Deutschlands, und achtet darauf, dass ich eine Möglichkeit habe, euch zu benachrichtigen, falls ihr kein Blog oder Onlineprofil mit Mailadresse habt (auf die Daten, die ihr eventuell beim Kommentiren bei Blogger angeben müsst, habe ich keinen Zugriff, ich sehe nur den Namen und den Kommentar.) Viel Glück!
Die Gewinnerin wird am 12. 4. hier im Blog bekanntgegeben. 

Die Gewinnerinnen wurden gezogen: Der Gutschein geht an Sabine - Langsame Schildkröte und ich habe noch einen Trostpreis verlost, eine selbstgemachte Kanzashi-Blüte zum Anstecken, die geht an Angela Hipp - Patchworkangela. Vielen Dank allen fürs Mitmachen!

 


Montag, 24. April 2017

Was sind Blusenstoffe? Beispiele und ein Video

Wer schon einmal ein Schnittmusterheft aus dem Burda-Verlag in der Hand hatte, stolperte sicher auch über die typischen Stoffempfehlungen für die Schnitte: Burda empfiehlt häufig "Rockstoffe" für das Nähen von Röcken, "Blusenstoffe“, ja richtig und absolut überraschend, für das Nähen von Blusen, manchmal auch - etwas spezifischer, aber nicht viel klarer - "Blusenstoffe mit etwas Stand" oder "Stoffe mit leichtem Stand". Was ist damit gemeint, was ist ein typischer Blusenstoff, was ist ein "Stoff mit leichtem Stand", was ist ein "weich fallender Stoff"?

Elke von ellepuls.de macht sich in dieser Woche in einer Reihe von Beiträgen über das Blusennähen Gedanken. Los ging es am Samstag mit Blusenstoffen, dazu hatte sie mich zu einem Videointerview eingeladen. Wir setzten bei den Burda-Stoffempfehlungen an, sprachen über das Für und Wider bestimmter Materialien und Stoffarten, welcher Stoff für welche Blusenform geeignet ist, und zeigten eine Menge Stoffproben.



Wie ihr seht, seht ihr von den Stoffproben nicht viel - die Bildqualität ist leider furchtbar. Das Video lief zuerst als Stream über Facebook, und die Internetverbindung war blöderweise am Abend viel schlechter als bei Elkes Tests am Vormittag, daher ist das Bild stark komprimiert. Das ist umso doofer, weil ich finde, dass Elke und ich uns sehr gut geschlagen haben, wir machen ja nicht tagtäglich Videos zusammen. (Ehrlich gesagt habe ich zu allerersten Mal ein derartiges Video gemacht und fand es wider Erwarten ganz vergnüglich und gar nicht stressig.)

Ergänzend zum Video habe ich daher einige Stoffe hier noch einmal fotografiert und außerdem ein paar Daumenregeln zur Auswahl von Blusenstoffen formuliert. Ich hoffe, das macht es für euch etwas einfacher, den richtigen Stoff für euer Nähprojekt zu finden, der zu der Schnittführung des angepeilten Stücks passt und zugleich euren Vorstellungen und Tragevorlieben entspricht.

Gewebte Viskosestoffe im Vergleich: Leinwandbindung, ein Crêpestoff und ein feiner Twill
Die drei im Detail: Beim Crêpe in der Mitte sieht man kleine Wellen in der Struktur - das sind die stark gedrehten Crêpegarne. Der Twill ist - wie Denim - in Köperbindung gewebt, dadurch ergeben sich die diagonalen Rippen.

Die Bluse hat Raffungen, angekräuselte Teile, Rüschen, Drapierungen, Volants oder eine Schleife oder Schluppe


→ So genannte "weich fallende Stoffe", damit Volants oder Rüschen schön schwingen, geraffte Partien nicht auftragen und damit sich Drapierungen an den Körper schmiegen. Als Materialien sind Viskose oder Seide besonders geeignet, weil die Fasern verhältnismäßig schwer sind und der Stoff daher gut fällt. Crêpestoffe, feiner Twill und Satin sind aufgrund der Webung anschmiegsamer als Stoffe in Leinwandbindung.

In Frage kommen z. B.
  • Chiffon (aus Polyester oder Seide, ist transparent)
  • feiner Crêpe (aus Viskose, Polyester oder Seide, z. B. Crêpe de Chine, Crêpe Georgette, Crêpe Marocain, Crêpestoffe haben eine runzlige Oberfläche)
  • feine gewebte Viskosestoffe wie Viskose-Javanaise, Viskose-Mousseline, in Onlineshops werden geeignete Stoffe auch oft lapidar "Viskose-Blusenstoff" genannt
  • Voile (aus Baumwolle, ist transparent und locker gewebt, sehr matt. Voile aus Kunstfasern ist oft ein Dekostoff und für Gardinen und trägt sich nicht so angenehm.)
  • feiner Twill (aus Viskose, Seide oder Polyester)
  • feiner Satin (aus Baumwolle, Seide, Polyester).



Links Batist, rechts Popeline
Batist und Popeline ganz nah: Während die Fäden bei Batist ganz gleichmäßig sind, sieht man bei Popeline die typischen Querrippen, weil die Kettfäden feiner sind als die Schussfäden


Die Bluse hat ganz klassisch eine Knopfleiste, Manschetten, einen Hemd- oder Stehkragen und wird mit Abnähern oder Prinzessnähten geformt


→ Feste, aber nicht zu dicke Stoffe, aus denen sich die Schnittdetails einfach und präzise nähen lassen und die die Form gut halten. Stoffe aus Baumwolle und Leinen (auch in Mischungen mit Polyester), die in Leinwandbindung gewebt sind, sind stabil und haben den nötigen Stand.

In Frage kommen z. B.
  • Batist (aus Baumwolle, oft in Mischung mit Polyester, leicht transparent)
  • feiner Chambray (aus Baumwolle, z. T. aus/mit Viskose - zweifarbig weiß-blau, weiß-schwarz oder weiß-rot gewebt)
  • leichte Leinenstoffe, werden in Onlineshops oft als Feinleinen oder Blusenleinen angeboten (zum Teil mit Viskoseanteil. Leinen knittert sehr leicht und ausdrucksstark, in Mischungen mit anderen Fasern knittert es weniger)
  • leichte Popeline (Baumwolle, oft mit Polyesteranteil – auf das Stoffgewicht achten, Popeline gibt es auch als Hosenstoff)
  • Quilt- oder Patchworkstoffe (aus Baumwolle, liegen meistens nur 115 cm breit)



Leichter Denim und Chambray

Denim und Chambray im Detail: Bei Denim treten die blauen Fäden aufgrund der Köperbindung auf der rechtsen Stoffseite stärker hervor - Chambray ist aus weißen und blauen Fäden in Leinwandbindung gewebt. Untypischerweise sind de Kettfäden bei diesem Stoff abwechselnd blau und weiß (normalerweise wären sie nur weiß), die Schussfäden sind blau. Das erkennt man aber erst in der Vergrößerung.


Die Bluse ist fast ein Blusenkleid oder eine lange Tunika, die man Frühjahr oder Herbst auch mit Leggings tragen kann oder sie soll als Jackenersatz dienen



→ Feste, mitteldicke Stoffe mit etwas Gewicht und mit Stand.

In Frage kommen z. B.
  • mittelfester Chambray (aus Baumwolle, z. T. aus/mit Viskose - zweifarbig weiß-blau, weiß-schwarz oder weiß-rot gewebt)
  • leichter Denim ( der typische Jeansstoff, vorne blau, Rückseite heller, aus Baumwolle, z. T. mit Polyester oder Elasthananteil)
  • Babycord (Baumwolle)
  • Flanell (auf beiden Seiten flauschig angerauht – Baumwolle, zum Teil mit Acryl. Stoffe mit höherem Acrylanteil ähneln oft Wollstoffen und sind dann eher für Jacken geeignet)
  • mittelfestes bis schweres Leinen (zum Teil mit Viskose gemischt, knittert dann weniger)

 
Ein Quiltstoff und leichter Baumwollsatin mit Elastananteil im Vergleich.
Beide Stoffe im Detail: Die Fäden des Satins sind viel feiner als die des Quiltstoffs. Sie verkreuzen sich seltener, dadurch entsteht der leichte Glanz der Oberfläche und der Stoff ist viel schmiegsamer als der Quiltstoff

 

Die Bluse ist ein lockeres Hochsommerteil zum Überwerfen am Strand oder bei großer Hitze


→ Feine, luftdurchlässige Stoffe aus Naturfasern wie Baumwolle und Leinen. Feine Stoffe bieten allerdings so gut wie keinen Schutz gegen UV-Strahlung. In Frage kommen z. B.
  • feiner Batist (Baumwolle)
  • Voile (aus Baumwolle, ist transparent und locker gewebt, sehr matt. Voile aus Kunstfasern ist oft ein Dekostoff für Gardinen und trägt sich nicht so angenehm.)
  • Musselin (aus Baumwolle, leicht transparent)
  • leichte Leinenstoffe ("Feinleinen")

Ich hoffe diese Übersicht macht es euch etwas leichter, nach Stoffen zu suchen, vor allem, wenn ihr vor allem online schauen müsst und keinen guten Stoffladen vor der Tür habt. Wie immer bei Stoffen gibt es viele verschiedene Bezeichnungen, und ob ein Stoff "leicht", "mittelfest" oder "schwer" bzw. "fest" ist, ist immer relativ. Im Zweifel hilft also doch nur Anfassen und Ausprobieren. Mit mehr Erfahrung und mehr Wissen über Stoffe und Materialien wird man aber immer sicherer bei der Auswahl von Stoffen, und totale Fehlkäufe kommen immer seltener vor. Deshalb auch die Detailfotos hier - Stoffe so genau zu betrachten ist zwar etwas nerdig, aber letztlich macht es auch Spaß, Bescheid zu wissen und Stoffarten unterscheiden zu können.

Bei Elke im Blog findet ihr noch mehr gesammelte Informationen über das Blusennähen und die nötigen Materialien. Ihr Beitrag zu Stoffen ist hier, ein Beitrag zu Bügeleinlagen hier, und Montag Abend um 19.30 Uhr geht es auf Elkes Facebookseite mit einem Video über das Nähen mit flutschigen Stoffen weiter, am Dienstag folgt dort ebenfalls um 19.30 Uhr ein Video über Knopflöcher.


Das im Video erwähnte Stofflexikon "Stoff und Faden" mit noch viel mehr Informationen zu Stoffarten, Fasern und Materialien gibt es im Buchhandel oder bei amazon - ein Blick ins Buch ist hier möglich.




Sonntag, 9. April 2017

Wie funktioniert eine Brennprobe?

Wenn die Materialzusammensetzung eines Stoffes unklar ist, kann oft eine Brennprobe verraten, ob es sich um Naturfasern pflanzlichen oder tierischen Ursprungs oder um eine Kunstfaser handelt. Gerade eben hatte ich so einen Fall: Ich habe einen Stoff vom Maybachmarkt vorgewaschen und zugeschnitten, der schon seit 2010 im Schrank liegt. Wie auf dem Markt üblich, wurde er ohne einen Hinweis auf das Material verkauft -  man muss sich auf Augen und Hände und auf die Erfahrung verlassen, um einzuschätzen, ob ein Stoff etwas taugt.


Der Stoff hat einen leichten Glanz und knittert leicht und sehr ausdrucksstark, vor allem in Längsrichtung. Die Richtung der Knitter hängt möglicherweise mit der Webart zusammen: Die Schussfäden (quer zur Stoffbreite) sind erheblich dicker als die längs verlaufenden Kettfäden. Weil die feinen Kettfäden schwarz sind und die Schussfäden grau, changiert die Farbe des Stoffes etwas zwischen schwarz und grau.

Meine Vermutung beim Kauf des Stoffes war, dass es sich um eine Mischung mit Leinen und/oder Viskose handelt. Wenn ein Stoff deutlich knittert, dann liegt nahe, dass es sich um eine Zellulosefaser handelt - aber ehrlich gesagt hätte ich keine Wetten abgeschlossen, denn die Textilindustrie ist mittlerweile sehr geschickt darin, die Merkmale aller möglichen Naturmaterialien zu imitieren. Ich habe also meinen eigenen Rat aus dem Materiallexikon "Stoff und Faden" befolgt, und eine Brennprobe gemacht, und anschließend noch eine Reißprobe, um das Material weiter einzugrenzen.


Für die Brennprobe habe ich erstmal ein Stück Stoff auseinandergenommen und säuberlich in Schuss- und Kettfäden getrennt - wenn beides so offensichtlich unterschiedlich ist, sollte man die Fäden getrennt verbrennen. Ein Fadenbündel über einer feuerfesten Unterlage in die Nähe der Flamme halten und beobachten, was passiert.


(Hier wurde es kompliziert: Fäden halten und gleichzeitig fotografieren ist nicht optimal.)
Das sind die feinen, schwarzen Kettfäden. Sie entzünden sich nur schwer, praktisch gar nicht, stattdessen schmelzen sie zusammen, von der Flamme weg, und bilden einen glänzenden schwarzen Tropfen, der an der Pinzette klebt und der hart wird, wenn er abgekühlt ist.


Die dicken, grauen Schussfäden fangen sehr schnell Feuer und brennen schnell ab, mit einer  Flamme ähnlich wie bei einem Streichholz. Die Überreste der Fäden glühen, ehe sie zu weißer Asche zerfallen.

 
Das blieb übrig: Ein harter, schwarzer Klumpen bei den Kettfäden und etwas helle, sehr leichte Asche bei den Schussfäden.

Die Diagnose


Was hat das Brennverhalten nun zu bedeuten?

Die dicken Schussfäden bestehen aus einer Zellulosefaser wie Baumwolle, Leinen oder Viskose. Sie geraten schnell und einfach in Brand und brennen wie Holz oder wie Papier, die ebenfalls aus Zellulose bestehen. Charakteristisch für Zellulosefasern ist, dass sie sehr schnell verbrennen und dass kaum Asche übrigbleibt.

Die feinen Kettfäden schmelzen, das heißt sie bestehen aus einer Chemiefaser. In Frage kommen Acetat, Acryl, Polyamid und Polyester. Da die schwarzen Fäden nach meinem Eindruck nicht einmal brennen wollten, wenn ich sie direkt in die Flamme hielt, und weil der Brennrückstand hart und glänzend ist, tippe ich beim Material der Kettfäden auf Polyamid.  

Der Stoff besteht also auf jeden Fall aus einer Chemiefaser-Zellulosefasermischung. Da sich Baumwolle, Leinen und Viskose beim Verbrennen nicht unterscheiden lassen, habe ich eine Reißprobe mit den dicken grauen Schussfäden angeschlossen, um etwas einzugrenzen, um welche Zellulosefaser es sich handeln könnte.

Die Reißprobe zur Feindiagnose


Für die Reißprobe habe ich längere Schussfäden aus dem Stoff herausgezogen und verglichen, wie leicht oder wie schwer sie sich im trockenen und im nassen Zustand reißen lassen. Baumwolle und besonders Leinen werden nämlich reißfester, wenn sie nass sind, während sich Viskose im nassen Zustand viel leichter reißen lässt als im trockenen.


Der naturwissenschaftliche Hintergrund für diese unterschiedlichen Eigenschaften liegt an der Herkunft von Baumwolle und Leinen auf der einen und Viskose auf der anderen Seite. Baumwolle und Leinen sind gewachsene Fasern. Baumwollfasern sind die Samenhaare der Baumwollkapsel, Leinenfasern sind Fasern aus der Rindenschicht des Stengels der Leins oder Flachses. Die Fasern bestehen also im Grunde aus vollkommen intakten Zellen - und wenn deren Zellwände durch Feuchtigkeit aufquellen, werden sie nur noch fester.

Viskose hingegen besteht aus Zellulose, die aus Holz gewonnen wird, zum Beispiel aus Fichte oder Eukalyptus, manchmal auch aus Bambus oder aus Resten aus der Baumwollverarbeitung. Die Zellulose muss in einem mehrstufigen Prozess von den anderen Bestandteilen des Holzes getrennt und in eine dickflüssige Form überführt werden, damit sie versponnen werden kann. Nach dem Spinnen verfestigt sich die Masse wieder. Sehr vereinfacht gesagt, wird bei Viskose ein Brei aus lauter zerschredderten Zellbestandteilen zu einem Faden versponnen, der einfach nicht besonders stabil ist, wenn er nass wird.

Wenn man Fäden teilweise anfeuchtet und beobachtet, ob sie an einer nassen oder einer trockenen Stelle reißen, kann man Viskose von Baumwolle und Leinen unterscheiden. Die Fäden meines Stoffes rissen an den trockenen Stellen - wobei dieser Test bei diesem Stoff nicht so ganz verlässlich sein dürfte, weil die Fäden nicht überall gleichmäßig dick waren.


Da die grauen Fäden wirklich sehr haltbar waren - komplett nass ließen sie sich kaum zerreißen - vermute ich, dass es sich tatsächlich um Leinen handelt. Dafür sprechen auch die bürstenähnlich ausgefransten Rissstellen - Baumwollfasern sollen etwas kürzer und knackiger reißen. Aber hier spekuliere ich ein bißchen, denn mir fehlen dabei die Erfahrungswerte.

Um diese Erfahrungswerte zu gewinnen, werde ich im Zukunft häufiger Stoff anzünden - vor allem auch Stoffe, bei denen ich genau weiß, woraus sie bestehen. Wie man sieht, kann die Brennprobe wirklich weiterhelfen, wenn man nicht weiß, wie ein Stoff zusammengesetzt ist! Ich freue mich jetzt richtig auf das Vernähen und das Tragen des Stoffes, seitdem ich weiß, dass es sich wohl um ein Leinen-Polyamid-Gemisch mit mehr Leinen als Polyamid handelt. Der Stoff lang ja nicht ohne Grund jahrelang herum, denn ich befürchtete, etwas Merkwürdiges oder Vollplastik gekauft zu haben, und nun weiß ich, dass mich mein erster Eindruck doch nicht getrogen hat.


Falls ihr nun Lust bekommen habt, selbst Brennproben zu unternehmen und ganz allgemein etwas mehr über viele Stoff- und Faserarten zu erfahren, möchte ich euch mein neuestes Buch Stoff und Faden. Materiallexikon ans Herz legen. (160 Seiten, 18 Illustrationen, Format 12x17 cm, ISBN 978-3-00-054777-5, 14,00 Euro).

Das Buch gibts ganz normal im Buchhandel, es ist außerdem bei amazon, im Schnittmusterkiosk von Crafteln und bei Lillestoff bestellbar, und natürlich direkt  beim Verlag Texte uns Textilien. Passt auch ganz ausgezeichnet ins Osternest. 

Sonntag, 26. März 2017

Stoffspielerei im März: Zaghaftes Shibori


Für die Stoffspielerei im März hatte Karen - Feuerwerk by KaZe - das Thema Shibori vorgeschlagen. Shibori, das ist eine ursprünglich japanische Batiktechnik, bei der Stoffe gefaltet, abgebunden, verdreht, verklammert, verschnürt und dann gefärbt werden, oft mit Indigo. Die Farbe kann nicht unter die Verschnürungen oder Klammern vordringen, so dass diese Partien ungefärbt bleiben. Auf der Webseite des World Shibori Network findet man ein Verzeichnis der traditionellen japanischen Shiboritechniken und -muster. In einfacherer Form haben das die meisten von uns möglicherweise schon mal in den vergangenen Jahrzehnten ausprobiert: gebatikte-TShirts sind ja alle paar Jahre wieder populär.


Ich wollte die Abbindebatik an einem Projekt ausprobieren, das ich dann auch tatsächlich nutze und nicht nur Stoff färben. Da kam mir eine Idee gelegen, die ich schon seit 2014 mit mir herumtrage, nach dem knallbunten Miami-Vice-Anna-Kleid ein seriöseres Kleid zu nähen, ohne oder mit wenig Muster und in einer dunklen Farbe, zum Beispiel dunkelblau. Ein Shibori-gemusterte, lockere Bordüre am Rock würde der Seriosität nicht schaden.

Um das Muster gezielt platzieren zu können, habe ich die Teile des Kleids aus weißem, vorgewaschenen Baumwollbatist zugeschnitten und auf jedem Rockteil die obere und untere Begrenzung der Bordüre mit einem auswaschbaren Stift markiert.  

Zwischen den Markierungen ordnete ich kreisförmig abgebundene Stoffzipfel in verschiedenen Größen mehr oder weniger zufällig-verstreut an. Die Zipfel sind mit Filtehäkelgarn aus Baumwolle sehr fest abgebunden.  


Als Zugeständnis an die Alltagstauglichkeit, die für mich vor allem Maschinenwaschbarkeit bedeutet, färbte ich mit Simplicol-Echtfarbe, Farbton marineblau, in der Waschmaschine. Diese Farbe ist nach meiner Erfahrung wirklich absolut waschfest, allerdings glaube ich, dass man mit einem nicht ganz so langen Farbbad schönere und interessantere Batikeffekte erzielen würde. Da der Stoff über eine Stunde lang im Buntwaschprogramm durch die Färbelösung gewirbelt wird, dringt die Farbe sehr weit vor. 


Nach der zweiten Wäsche und dem Auspacken bekam ich daher vor allem zarte weiße Ringe und nur wenige interessant gemaserte Partien. Ich hätte die Zipfel alle ruhig noch etwas dicker und auf größerer Breite umwickeln können. 


Hier zum Vergleich ein Stück alte japanische Seide, die mit der gleichen Shibori-Wickeltechnik gestaltet wurde. Die Punkte, aus denen die Zweige bestehen, sind wirklich winzig! Dort ist eine Stoffmenge ungefähr von der Größe eines Stecknadelkopfes abgebunden worden. 


Meine Rockteile, hier für eine ersten Eindruck zusammengesteckt, haben eine zarte, unregelmäßige Blasenmusterung bekommen. Letztlich finde ich das so gar nicht schlecht, auch wenn ich mir die Teile etwas gemusterter vorgestellt hatte. Den Stoff für das Oberteil des Kleides habe ich mitgefärbt, es wird einfarbig dunkelblau.


Alle Shibori-Beiträge sammelt Karen hier, es gab wirklich beeindruckende Ergebnisse. Vielen Dank für die schöne Idee, Karen!

Die nächste Stoffspielerei ist am 30. April bei Suschna - Textile Geschichten, Thema: Seltene Techniken.

Freitag, 3. Februar 2017

Stoffe, Nähmaschinen und Nähkurse in Berlin-Schöneberg: Smilla Berlin


Der Kiez um die Akazienstraße in Schöneberg, oder, mehr als ein Kiez, die Gegend zwischen Winterfeldtplatz und Kaiser-Wilhelm-Platz, ist eine wunderbare Gegend zum Bummeln, finde ich. Es gibt Schuhgeschäfte, Geschäfte mit skandinavischer Mode, einen sehr guten Laden für Küchenzubehör, mittendrin liegt Bastel-Rüther, man kann ein Vermögen für schöne Postkarten und anderen Schnickeldi ausgeben, und auch wenn meine bervorzugte Espressobar vor etwa zwei Jahren schloss und ich noch keinen guten Ersatz gefunden habe, sind Akazienstraße und Goltzstraße ab und zu das Ziel für einen kleinen Ausflug am Samstag.

Dass es in der Eisenacher Straße mit Smilla Berlin einen Stoffladen gibt, hatte ich lange Zeit nicht auf der inneren Landkarte, bis eine Kollegin aus dem Stoffladen dorthin wechselte. Kurz vor Weihnachten schaffte ich es endlich, sie zu besuchen.


Smilla ist ein Laden, der von der Straße aus kleiner aussieht, als er tatsächlich ist. An den ersten Raum mit bunt bedruckten Baumwollstoffen in Patchworkqualität, den man vom Schaufenster aus sieht, schließt sich nämlich ein zweiter, viel größerer an, in dem es Jeansstoffe, Cord, Jerseys, Sweat, Bänder, Kurzwaren von Prym und nicht zuletzt Nähmaschinen gibt.

Die Nähkurse - die unter anderem meine Ex-Kollegin betreut - finden in einem weiteren, sehr geräumigen Nebenraum statt. Zu den Zeiten außerhalb der Kurse kann man dort im Nähcafé stundenweise an den Nähmaschinen und Overlocks nähen. Eine der Pfaff-Computernähmaschinen kann man sogar tageweise mieten um sie zuhause zu nutzen - eine sehr gute Idee, finde ich. Beim Reisen zu Nähtreffen habe ich mir schon öfter gewünscht, ich müsste meine Maschine nicht durch das halbe Land schleppen, sondern könnte mir am Zielort einfach eine leihen, so wie man sich im Urlaub ein Fahrrad leiht.


Bei den Stoffen versammeln sich einige bekannte Hersteller und Designerinnen: Hamburger Liebe, Gütermann ring a roses, Swafing, Free Spirit, Hilco, Cotton&Steel, Tula Pink, Jolijou, Birch fabrics, Art Gallery. Man findet also vorwiegend festere Baumwollstoffe und Jerseys bei Smilla. Muster und Farben werden nach Erfahrung und Intuition ausgewählt: was könnte den Kundinnen gefallen? Hypes um bestimmte Designs, wie sie ab und zu durch die Blogs schwappen, setzen sich außerhalb des Netzes nur selten fort, so ist die Erfahrung der Smilla-Besatzung. Stoff wird intuitiv gekauft, nach Bauchgefühl, und das schlägt vor einem Stoffregal oftmals anders an, als im Internet.



Dekorative Kurzwaren, Knöpfe und anderes Nähzubehör sind auf die Stoffe - und auf die Themen der Nähkurse - abgestimmt, so dass alles vorhanden ist, um ein Nähprojekt erfolgreich abzuschließen, und wer sich schließlich mit dem Nähen trotz aller Beratung doch nicht anfreunden kann, kann bei Smilla Vorhänge, Kissenbezüge und Kindersachen nähen lassen.
 
smilla
Eisenacher Straße 64
10823 Berlin

Öffnungszeiten:
Mo-Fr 10.00 - 19.00, Sa 11.00 - 16.00

http://www.smilla-berlin.de/

Der Laden liegt jeweils einen längeren Spaziergang vom U-Bahnhof Eisenacher Straße (U7) oder S-Bahnhof Julius-Leber-Brücke (S1) entfernt. Direkt kommt man mit den Bussen 104, 187, M48 und M85 hin (Haltestelle Albertstraße).

Freitag, 9. Dezember 2016

"Stoff und Faden", das Materiallexikon ist da!


Liebe Leserinnen, sehr zufrieden  und stolz kann ich euch heute mein neuestes Buch präsentieren: Stoff und Faden ist ein schnuckeliges, kleines, mit 160 Seiten aber durchaus gewichtiges Lexikon über Stoffe und Fasern, Webarten und Musterungen, mit praktischen Nähtipps, aber auch mit ein paar spannenden Geschichten über die Herkunft von Stoffarten und ihrer Namen.

Ich hatte mir schon lange überlegt, dass es ein handliches, schönes und nicht teures Buch über Stoffe geben müsste, das man zum Nachschlagen, z. B. auf dem Stoffmarkt mitnehmen kann. Das einem die manchmal kryptischen Stoffempfehlungen in der Burda erklärt - Natté, Jacquard, Wolldiagonal und solche Sachen. In dem man erfährt, was der Unterschied zwischen Polyester und Polyamid ist, woraus Cupro besteht, was es eigentlich mit Mikrofasern auf sich hat und was beim Einlaufen passiert, und in dem man nicht zuletzt nachsehen kann, wie man komplizierte Stoffe zuschneidet, näht und bügelt.

Als ich mehr über solche Themen wissen wollte, stellte ich fest, dass es zwar einige Spezialbücher über Stoffe und Fasern gibt, die mir aber alle nicht gefielen: Die meisten sind für die Ausbildung in Textilberufen gedacht, für künftige Textilingenieurinnen oder Schneiderinnen und erinnern an Schulbücher, mit drögen technischen Texten und Grafiken, die zum Teil schon seit 30 Jahren immer wieder abgedruckt werden und auch so aussehen. Man muss schon sehr wissbegierig und textilnerdig veranlagt sein, um so ein Buch durchzuarbeiten, außerdem sind die meisten sehr teuer, genauso wie die paar tollen Bildbände über Stoffe, die es gibt, die aber oft nicht sehr viel Informationen enthalten (bei einem Buch, das ich bei der Recherche las, wechselte die Sprache mittendrin von Englisch auf Spanisch - wie auch immer sowas passieren kann). Ein Stoffbuch, mit viel Inhalt, aber so geschrieben und gestaltet, dass man es gerne liest und gerne in die Hand nimmt, das müsste doch möglich sein, dachte ich mir.

Ich fing Anfang des Jahres an zu planen und zu konzipieren und nicht zuletzt auch zu rechnen, denn dieses Mal habe ich fast alles selbst gemacht, nicht nur recherchiert und den Text geschrieben, sondern mir das Format und das Papier überlegt, überlegt, wie das Buch innen und außen gestaltet sein sollte, eine Druckerei gesucht und die Herstellung finanziert. Susanne hatte mit ihren beiden Büchern zu textilen Redensarten, "Verflixt und Zugenäht" und "Am Rockzipfel" den Weg bereitet und gezeigt, dass es möglich ist, gute und schöne Bücher selber zu machen - ob ich das auch so hinkriegen würde, da war ich mir bis zuletzt ja nicht ganz sicher. Es ist eben doch etwas ganz anderes, Buchseiten probehalber auf Kopierpapier am heimischen Laserdrucker auszudrucken und digitale Proofs anzugucken - wie das dann als richtiges Buch, auf dem richtigen Papier aussehen wird, lässt sich doch nur erahnen.

Ich hatte also in der Nacht zuvor nicht sehr gut geschlafen und war heute Vormittag schrecklich nervös, als der Speditionsmitarbeiter klingelte und sich bemühte, sich seine Verwunderung nicht anmerken zu lassen, dass er eine halbe Palette Bücher an einem durchschnittlichen vierstöckigen Berliner Mietshaus anliefern sollte. Aber es hat tatsächlich geklappt, es ist alles genau so geworden, wie ich es mir gedacht hatte! 


Für den schönen Umschlag hatte ich eine Grafikerin beauftragt, Claudia Benter, die ich über gemeinsame Bekannte im Kiez kennengelernt habe. Auf den Umschlaginnenseiten wollte ich unbedingt ein Muster haben, das entwickelte Claudia aus der Zeichnung eines Tüllnetzes. Eine schöne Überraschung, wenn man das Buch aufschlägt. 


Der Satz ist mit LaTeX gemacht, einem Programm, das eigentlich für den Satz naturwissenschaftlicher Bücher entwickelt wurde, das aber auch mit den vielen kleinen Absätzen des Lexikonteils sehr gut zurecht kam. Der Liebste hat seit einem Studentenjob in einem Satzstudio Anfang des Jahrtausends vertiefte Kenntnisse in TeX und konnte so den Buchsatz staunenswert mühelos (und ohne Gefluche!) umsetzen.


Für die Grafiken, die das Buch illustrieren, 18 Stück sind es insgesamt, arbeitete ich mich in ein Vektorgrafikprogramm ein (Inkscape) und suchte und bearbeitete Bilder aus alten, heute gemeinfreien Textilbüchern. Das hat mir sehr großen Spaß gemacht, war aber fast das Zeitaufwendigste an dem ganzen Buch.

Ich habe eine Extraseite für Stoff und Faden eingerichtet, auf der ihr alle Informationen nochmal kurz und knapp findet, ihr erreicht sie unter dem Namen www.texte-und-textilien.de (angelegt in der etwas größenwahnsinnigen Hoffnung, das Materiallexikon möge nicht mein letztes selbstgemachtes Buch gewesen sein - außerdem waren alle Domains mit Stoff und Faden schon weg und irgendwie muss man ja heißen.) Dort sind auch noch mehr Bilder aus dem Buch, ein paar Beispielseiten, und ihr könnt virtuell in einem Auszug blättern. Falls ihr das Buch empfehlen wollt, gebt einfach den Link zu Texte und Textilien weiter.

Wenn ihr das Buch zum Preis von 14,00 Euro bestellen wollt, schreibt mir eine Mail an StoffuFaden@gmail.com (Constanze Derham) (oder sonst wenn ihr mögt auch an die nahtzugabe-Mailadresse, die ihr vielleicht habt), bis 31. 12. 2016 verschicke ich versandkostenfrei innerhalb Deutschlands, Bezahlung per Überweisung. Für Versand nach Österreich und in die Schweiz bitte nachfragen, wir finden sicher eine Lösung.

Stoff und Faden. Materiallexikon.
Text Constanze Derham
160 Seiten, 18 Illustrationen, Format 12x17 cm
ISBN 978-3-00-054777-5
Ladenpreis 14,00 Euro

Der Titel ist im VLB gelistet, BuchhändlerInnen können das Buch über Libri beziehen. eine Bestellung über Buchhandlungen ist möglich, je nach  Engagement des Buchhändlers oder der Buchhändlerin könnte aber nachdrücklicheres Nachfragen nötig sein. Im Lauf der nächsten Woche sollte das Buch - wenn alles klappt - auch bei amazon verfügbar sein, Jetzt ist Stoff und Faden auch bei amazon erhältlich und ich arbeite daran, dass es "Stoff und Faden" auch in anderen Onlineshops gibt (falls ihr selber z. B. einen Shop für Nähsachen betreibt und das Buch verkaufen wollt - mailt mir).

Und im glücklichen Überschwang hätte ich das fast vergessen: Einige Exemplare von Susannes Am Rockzipfel habe ich auch hier - falls ihr dieses Buch auch bestellen wollt, dann könnt ihr das bis auf weiteres auch bei mir tun. 
Jetzt sind sie alle - aber bei Susanne - Textile Geschichten gibt es "Am Rockzipfel" selbstverständlich noch, zur Zeit versandkostenfrei. 


Vielen Dank vor allem an alle, die Stoff und Faden nur aufgrund meiner mündlichen Beschreibung schon vorbestellt hatten - Danke für den Vertrauensvorschuss, ich tüte eure Bücher jetzt ein, so dass ihr hoffentlich schon am Montag euer Exemplar bekommt!