Es ist mal wieder Zeit für eine Schnittmusterparade: In den letzten Wochen fielen mir so viele bemerkenswerte Schnittmuster auf wie lange nicht mehr. Nachdem in den Sommermonaten so viele banale Schnitte für Sackkleidchen und Tanktops herauskamen, dass ich überhaupt keinen Überblick mehr hatte, gibt es jetzt wieder Schnitte, an denen ein bißchen mehr dran ist und die im Gedächtnis bleiben. Zumindest in meinem - aber ich mag die Herbst- und Winterausgaben der Burda auch immer lieber als die Sommerhefte. Die Auswahl ist also wahrscheinlich höchst subjektiv.
Ein klarer Fall von "Geschmackssache" ist auch die Modellauswahl in der neuen "Burda Vintage", einem Sonderheft mit Schnitten der Siebziger, das am 2. November erscheint: Die Bilder der Modelle
sind schon im Netz aufgetaucht - und mein Geschmack ist es nicht. Aber nicht ausgeschlossen, dass ich meine Meinung ändere, wenn die Nähcommunity wie so oft das Potential einzelner Schnitte erkennt und tolle Dinge daraus zaubert!
Bei den internationalen Indie-Schnitten gibt es auch einiges Neues:
Named patterns aus Finnland, von denen ich ja sowieso ein Fan bin, hat mich diesmal nicht enttäuscht (auch hier: die Sommerkollektion fand ich ziemlich uninteressant.). Die
Herbstkollektion "Evolution Theory" enthält dagegen wieder eine komplette, moderne und nicht-spießige Grundgarderobe. Mir gefällt der Stil sehr, und die Schnittmuster sind technisch immer sehr gut gemacht.
Die
Schnittmusterfirma Sew House Seven habe ich erst ziemlich neu entdeckt
: Sew House Seven möchte anfängertaugliche Schnitte bieten, die trotzdem schöne Designdetails haben. Mit dem
Tea House dress - das mir besonders ins Auge fiel - ist das perfekt gelungen: Da es locker gegürtet wird, dürfte die Passform unproblematisch sein, und die Aufteilung des Vorderteils und die schönen Taschen machen richtig was her. Die Inhaberin von
Sew House Seven arbeitete früher als Schnittdesignerin in der Bekleidungsindustrie - ein Garant für professionell gemachte Schnitte.
Closet Case files scheint die Strategie zu verfolgen, die Schnittmuster-Nischen abzudecken, die andere Firmen nicht bedienen. Zuerst waren es Jeans und Badeanzüge, nun ist eine richtige aufwendige
Herbstjacke, der Kelly Anorak mit verdecktem Reißverschluss und Kapuze dazugekommen.
Um
By Hand London, die schickste aller schicken Indie-Schnittmusterfirmen, war es ziemlich still geworden, seitdem die Inhaberinnen letztes Jahr
in ihre alten Jobs zurückwechselten. Nun gab es mal wieder einen Schnitt (mit Ärmeln!):
Alix, ein von den Siebzigern inspiriertes Kleid, das sehr gut zu den fließenden Viskosestoffen passt, die es seit einiger Zeit überall gibt.
Alix hat eine geschwungene Taillenpasse, an die sich ein angekräuseltes Brustteil anschließt - eine Schnittform, die oft viel Anpassung benötigt. Da der Schnitt ganz neu ist, gibt es noch nicht viele genähten Kleider zu sehen und ich bin gespannt, ob sich der Schnitt bewähren wird.
Colette Pattterns hat sich
mit einem ähnlich konstruierten Schnitt nämlich gerade ein Riesenproblem eingehandelt. Das
Rue dress, das wie
angekündigt wieder an die Retro-Ästhetik der
Colette-Anfangszeit anknüpfen sollte, scheint zu den Körperproportionen der meisten Frauen nicht zu passen, oder zumindest war zunächst nicht so recht herauszufinden, wie das Kleid eigentlich sitzen soll. Die Colette-Inhaberin
zeigte eine karierte Version, bei der die Teilungsnaht unter der Brust sitzt, was in meinen Augen "richtig" aussieht, allerdings war dieser Sitz wohl einem nachgiebigen Stoff und einer FBA, einer Änderung für größere Oberweiten, zu verdanken. (Und mal ehrlich: Wenn Sarai eine FBA für gute Passform braucht, dann kann man davon ausgehen, dass der Schnitt den meisten Frauen nicht passt.) Bei vielen Modellbeispielen verlief die Naht denn auch sehr merkwürdig quer über die Brust.
Als der Schnitt dann in einem
Nähwettbewerb der Nähcommunity Pattern review von 25 versierten Selbernäherinnen ausprobiert und von den meisten nur mit Schwierigkeiten und etlichen Probeteilen einigermaßen bezwungen werden konnte, brach allmählich offene Empörung los und es kam natürlich auch gleich alles mit auf den Tisch, was
Colette an wirklichen oder vermeintlichen Passsformmängeln schon seit langem vorgeworfen wird. Ich habe bisher nur den Rock
Beignet von
Colette ausprobiert, der in der laut Maßtabelle passenden Größe um einiges zu groß ausfiel, und kann nicht mitreden, was die generelle Qualität der Schnitte betrifft. Dass besonders Armloch- und Schulterbereich anscheinend ein Problem darstellen, war mir bei anderen Nähbloggerinnen aber schon aufgefallen, weil es verhältnismäßig oft erwähnt wird.
Colette zog den Rue-Schnitt vorerst zurück und überarbeitete ihn in den letzten Wochen. Als Download ist eine korrigierte Version jetzt verfügbar, die alle Käuferinnen automatisch zugeschickt bekommen sollen, eine korrigierte gedruckte Version soll demnächst folgen. Das Verhalten Colettes in diesem Fall wurde trotzdem ziemlich
stark kritisiert - und jetzt, da eine
wortreiche Entschuldigung, Erklärung und Rechtfertigung für die Panne im Colette-Blog erschienen ist, weiß ich auch nicht so recht.
Das amerikanisch-pathetische Argumentationsmuster "wir haben einen Fehler gemacht, es fühlt sich für uns so schrecklich an, aber wir werden daraus lernen, uns entwickeln und die Chance ergreifen, erwachsen zu werden und
Colette zu einer
noch besseren Firma zu machen" geht mir etwas auf die Nerven, aber es ist mein persönliches Problem, dass mich die
Colette-internen Befindlichkeiten nicht so sehr interessieren. Aber über ein paar andere Dinge wundere ich mich schon: Es arbeiteten sechs Leute gleichzeitig an dem Schnittmuster und änderten hin- und her, bis zur letzten Minute, und es gab niemanden, der den Überblick über die Versionen behält? Es ist wirklich nicht aufgefallen, dass die Modellbeispiele und zum Beispiel die Karoversion in den Schnittlinien stark voneinander abweichen? Sollte diese unglückliche Teilungsnaht nun unter oder auf der Brust verlaufen? Dass jetzt eine Schnitterstellungsexpertin und eine Passformexpertin ins Team geholt wurden - bedeutet das, dass die übrigen
Colette-Mitarbeiterinnen davon wenig Ahnung haben?
Colettes Post wirft für mich Fragen auf, die ich mir ansonsten nie gestellt hätte und untergräbt den Eindruck von Professionalität, den ich von
Colette immer hatte. Ich bin gespannt, wie es weiter geht, und ob diese kleine Katastrophe sich nun wirklich als Chance entpuppen wird, wie der Blogpost verspricht ("jede Krise ist auch eine Chance", den Spruch kann ich schon so lange nicht mehr hören!). Mich bringt diese Entwicklung aber auch dazu, bei Indie-Schnittfirmen genauer hinzuschauen, ob die schnittechnische Seite von Menschen betreut wird, die das tatsächlich gelernt haben.