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Donnerstag, 15. Juni 2017

Schnittmusterparade 2/2017: Gerties Crowdfunding und neue Schnitte von hypermodisch bis retro

Neues Quartal, neue Schnittmusterparade: Seit der letzten Übersicht Anfang März sind wieder eine Menge neue Schnitte bei den kleinen, unabhängigen Firmen erschienen.

Bevor ich aber zu den Schnitten komme, müssen wir über Gertie reden. Bestimmt haben viele von euch, so wie ich, jahrelang die Karriere von Gertie von Gertie's new blog für better sewing verfolgt. Was als privates Nähblog begann, mündete in mehrere Nähbücher, Stoffkollektionen und Schnittmuster in Zusammenarbeit mit Butterick. Die Hintergrundgeschichte des Blogs (kurz gefasst: Gertie, deprimiert und ohne Job, nimmt sich vor, alle Schnitte aus dem "Vogue book for better sewing" nachzunähen und zieht sich Dank dieses Vorhabens an den eigenen Haaren aus dem Sumpf, ändert ihr Leben und wird glücklich) schien mir zwar immer ein bißchen zu gut maßgeschneidert und vielleicht nicht zufällig der Geschichte von Julie&Julia von Julie Powell  auffallend ähnlich, aber das war letztlich nicht wichtig. Gertie plauderte nicht nur übers Nähen, sondern auch über Politik, Mode, Kulturgeschichte, Feminismus. Sie stritt für weibliches Selbstbewusstsein unabhängig von Konfektionsgrößen und machte auf mich den Eindruck eines Menschen mit Sinn für Ironie, der großen Spaß an Kleidung hat, ein Spaß, der sich unmittelbar auf die Leserinnen übertrug. Gerties Kleidungsstil ist eigentlich nicht mein Fall, aber trotzdem las ich ihr Blog sehr gerne, wegen ihres weiter gefassten Blicks auf das Thema Handarbeit, dem Humor, ihrer Begeisterung. 

Gertie war dann die erste bekannte Nähbloggerin, die ein Buch veröffentlichte, was danach kam, die weiteren Bücher, die violetten Haare, die Stoffe und die Butterick-Schnitte, verfolgte ich nur noch am Rande. Vor kurzem wurde ich auf Gertie wieder aufmerksam, denn sie startete eine Finanzierungsrunde bei Kickstarter, um mit "Charm Patterns" ihre eigene Schnittmusterfirma gründen zu können. Ihr Finanzierungsziel wurde um ein Mehrfaches übertroffen, die ersten Schnitte - eine schulterfreie Bluse und ein Halterneckkleid - sollen als Papierschnitte und pdf-Schnitte im August ausgeliefert werden. Gleichzeitig ist Gertie auch in ihren anderen Geschäftsfeldern sehr aktiv, gibt Nähkurse und bereiste gerade Australien, um für ihre Stoffkollektion zu werben. Ein bißchen erschreckt war ich, als ich mal wieder ihr Blog und ihren Instagramfeed anschaute, denn die Leichtigkeit, die Begeisterung und der Blick über den Tellerrand der Nähszene, an die ich mich erinnere, finde ich dort nicht mehr. Gertie ist geglätteter, dünner, mit immer dem gleichen Lächeln, auf professionellen, stark bearbeiteten Fotos, die Bilder haben fast etwas Karikaturhaftes, Überzeichnetes. Sie zeigen große Disziplin, Professionalität und Selbstbeherrschung, und ich glaube, es ist gerade sehr anstrengend, Gertie zu sein. Das ist beileibe keine Kritik! Es ist beeindruckend, was Gertie nur mit einer Idee, aus dem Nichts heraus, aufgebaut hat, und ich kann die Zwänge, denen sie zu diesem Zeitpunkt ihrer Karriere unterliegt, sehr gut nachvollziehen. Ich hoffe nur, dass sie sich einen Platz bewahrt hat, an dem sie nicht Gertie sein muss, sondern Gretchen Hirsch sein kann, die daran Freude hat, sich ein Kleid zu nähen.

Leserinnentipp: dpstudio

 

Kleine, unabhängige Schnittmusterfirmen, die nicht so sehr auf den Massenmarkt schielen, können es sich leisten, sehr modische, ungewöhnliche Schnitte zu vertreiben. dpstudio aus Frankreich war der Tipp von Leserin Lily bei der Schnittmusterparade im März. Die Schnitte lehnen sich an an die Trends an, die Burda zu modisch finden würde: viel Asymmetrisches, Knoten und Volants, die Modelle erinnern mich an die Sachen, die in Berlin im Voo Store hängen, einem der gerade angesagtesten Klamottenläden der Stadt. Den flattrigen Godetrock finde ich sehr schön, den Knotenrock interessant, das Kleid 905 mit den sportlichen Streifen spricht mich auch an und der asymmetrische Rock 401, der aussieht, wie aus zwei Röcken zusammengesetzt, sieht spannend aus, vielleicht ein bißchen zu gewollt spannend. Das sind jedenfalls Schnitte, die man nicht selbst so ohne weiteres aus vorhandenen Schnitten ableiten könnte, und die ungewöhnlichen Konstruktionen machen mir große Lust, ihnen nähend auf den Grund zu gehen. Danke nochmal für den Tipp, Lily! Einige Bloggerinnen haben schon Schnitte von dpstudio genät: Den Knotenrock hier, die Bluse 601 mit dem Rüscheneinsatz hier und hier, das Sweatshirt 504 hier und die Bluse 603 mit den gerafften Ärmeln hier

Dass die Neunziger, modisch gesehen, zurück sind, finde ich ja im Prinzip nicht schlecht, es gibt vieles, was man an diesem Jahrzehnt mögen kann: Lange geschlitzte Röcke zum Beispiel, Netzstrumpfhosen und schwarzgrundige Viskoseblumenstoffe. Dass Bodysuits zurückkehren würden, schien mir aber vollkommen unmöglich, denn sie zeichneten sich schon in der ersten Runde meistens nicht gerade durch Bequemlichkeit und Praktikabilität aus, ich konnte mich nie damit anfreunden Aber ich muss mich wohl an den Gedanken gewöhnen, denn eines der neuen Schnittmuster von Megan Nielsen ist ein Bodysuit namens Rowan, und es gibt den Schnitt nicht nur mit kurzen Ärmeln, rundem- oder V-Ausschnitt, sondern auch als enges, langärmeliges Rollkragenshirt. Ich fühle mich schon eingeengt, wenn ich nur daran denke. Den zweiten neuen Schnitt, die Flint Pants, eine weite Hose, nahe am Hosenrock, mit seitlichem Knopfverschluss oder Bindeband, finde ich hingegen ganz interessant. Damit wären wir dann schon bei einem modischen Revival der frühen 2000er Jahre.

Hemdkleider, die an ein verlängertes Herrenoberhemd oder an eine verlängerte Bluse erinnern, sind in letzter Zeit als Schnittmuster wie als Kaufkleidung sehr verbreitet, vielleicht zu verbreitet, denn oft handelt es sich nur um anspruchslos verarbeitete und designte Säcke mit dem Charme eines Kittels. Nicht so bei Closetcasepatterns: Das Kalle shirt dress, ein Hemdkleid oder eine Bluse mit verschiedenen Längen, verschiedenen Saumverarbeitungen, Knopfleisten- und Kragenvariationen sieht nach einem durchdachten Schnittmuster mit vielen schönen Details aus. Mir gefällt die kurze Blusenversion mit dem breiten Saum besonders gut - und die Präsentation der Modelle aus einfarbigen Stoffen, mit Fotos von allen Seiten an einem Model mit einer durchschnittlichen Figur. Besser geht's nicht.   

Neue Kollektionen: Deer&Doe und Papercut Patterns


Deer&Doe brachte im März eine neue Kollektion mit drei Schnittmustern heraus, also eher eine Mini-Kollektion, denn für alle Lebenslagen angezogen ist man mit den drei Teilen noch nicht, sie passen aber alle gut zueinander. Es gibt eine locker sitzende Fake-Wickelbluse (Hoya) mit dreiviertellangen oder kurzen Ärmeln, den Schnitt Goji, der einen knielangen Rock oder knapp knielange Shorts ergibt, und den Trenchcoat Luzerne für einen kurzen, ungefütterten Mantel mit Prinzessnähten. Mir gefällt besonders der Trenchcoat, denn ich dachte nach dem klassischen Mantel, den ich im April endlich fertignähte, gleich über ein zweites,  weniger klassisch geschnittenes Modell nach, und Luzerne trifft meine Vorstellung ziemlich gut.

Diese neuen Schnitte bietet Deer&Doe erstmals auch als pdf zum Ausdrucken an und erweitert das Größenangebot nun bis zur Größe 52. Die älteren Schnitte werden nach und nach überarbeitet, bisher erschienen das Kleid Belladonne und die Bluse Datura neu als pdf.

Ganz frisch erschienen ist die sehr vielfältige Sakura Collection von Papercut Patterns aus Neuseeland. Sie besteht aus neun Schnittmustern, die wirklich jedes Kleidungsbedürfnis abdecken. Für draußen und drinnen gibt es einen weiten, gefütterten Mantel (Sapporo Coat) und eine Kimonojacke (Kochi Kimono), die aus leichten Stoffen, aber auch aus Wollstoff genäht werden kann. Dazu drei ganz unterschiedliche Oberteile - ein locker sitzendes Top mit Knoten im Vorderteil (Aomori Twist Top), ein Oberteil - auch als langes Kleid - mit Rückenausschnitt (Kobe Dress/Top) und ein T-Shirt oder Sweatshirt mit Rüschendetail am Ärmel (Kyoto Sweater/Tee)  - und zwei Unterteile: Die Jeans Otsu mit interessanten Teilungsnähten und die Hose Nagoya mit weiten Beinen. Der Schnitt Mito kann als Unterkleid oder als luftiges Trägerkleid genäht werden, und zu allerletzt gibt es auch noch die Tasche Himeji.  


Neue Schnitte mit Retro-Ästhetik  von Sew over it, Jennifer Lauren Vintage und Tilly and the Buttons


Bei Sew over it gab es seit Mitte März vier neue Schnitte - die kleine Firma erhöhte Anfang des Jahres die Neuerscheinungs-Frequenz sehr stark und bringt nun Mitte jedes Monats ein Schnittmuster als pdf heraus und in größeren Abständen zusätzlich ein Papierschnittmuster. Der Stil ist immer noch gemäßigt Vintage, also in Anlehnung an Silhouetten früherer Jahrzehnte. Die Kimonojacke in zwei Längen ist als leichter Strickjackenersatz gedacht. Die Wickelbluse Ella hat ebenfalls Kimonoärmel, ganz wie in den 1950ern, und kann auch als kleines, taillenkurzes Oberteil über Kleidern getragen werden. Das Wickelkleid Eve für feine, fließende Webstoffe hat zwei Saum- und zwei Ärmelvarianten, es erschien auch als Papierschnitt. Das Kleid Lulu in A-Linie hat Raglanärmel und kann auch als Bluse genäht werden.

Jennifer Lauren Vintage ist Spezialistin für kombinierbare Schnitte, die sich auch gut in eine moderne Garderobe einfügen. Neu ist der Juniper Cardigan, eine geknöpfte Strickjacke in zwei Längen und zwei Ärmellängen. Der Schnitt hat eine besonders schöne Schulterpartie Dank einer  Kombination aus Raglanärmel und eingesetztem Ärmel - ich weiß nicht, ob diese Konstruktion schon als Zungenraglan bezeichnet wird?  - jedenfalls ist das ein ungewöhnliches Schnittdetail, das ich so noch nirgends gesehen habe. Der zweite neue Schnitt ist viel konventioneller und deutlicher "vintage", das Laneway-Kleid hat ein schmales Oberteil mit kurzen Ärmeln und einen schwingenden Rock, es gibt drei Ausschnittvarianten und, das ist der eigentliche Reiz an dem Schnitt, angepasste Schnittteile für drei verschiedene Cupgrößen.

Der neue Schnitt von Tilly - Tilly and the Buttons erinnert an die 60er Jahre à la Mad Men: Etta, ein  Etuikleid mit etwas hochgesetzter Taille, kleinen Ärmeln und verschiedenen Ausschnittlösungen. Mit diesem Schnitt bietet Tilly erstmals einen Video-Workshop an, der Schritt für Schritt durch das Nähen des Kleides führt. Ich bin gespannt, ob sich gefilmte Anleitungen durchsetzen werden in dem Teil des Schnittmustermarkts, der sich an Anfänger wendet.

Donnerstag, 6. April 2017

Inspirationen und Beobachtungen von der Handarbeitsmesse H+H in Köln

Am Wochenende war ich kurz - leider etwas zu kurz - in Köln, um die H+H, laut eigener Aussage die "weltweit größte Fachmesse für Handarbeit + Hobby" zu besuchen. Auf der H+H werden Neuheiten vorgestellt, Stoff- und Kurzwarenhändler können direkt bei den Herstellern oder Großhändlern bestellen, daher kann man sich also Materialien und Zubehör angucken, das es noch nicht in den Läden gibt. Ich war deshalb schon seit einigen Jahren neugierig auf diese Messe (die Akkreditierung als Nähbloggerin war übrigens kein Problem), außerdem wollte ich eine Buchidee anrecherchieren, und die Veranstaltung war ideal, um sich einen Überblick zu verschaffen.

Die Messe ist wirklich, wirklich riesig, und so schaffte ich in einem Tag tatsächlich nur einen groben Überblick, verpasste die Modenschauen, verpasste ganz viele Internetbekanntschaften, die auch da waren, und fotografierte relativ wahllos, was mir auffiel und gefiel - drüben bei Instagram hatte ich schon ein paar Bilder gezeigt - hier also mein subjektiver Eindruck von der Messe, kommt mit!

Wolle, Wolle, Wolle


Handarbeitsgarne, vor allem Strickwolle, bilden nach meinem Eindruck einen Schwerpunkt der Messe. Die großen Wollhersteller haben riesige, oft sehr aufwendig dekorierte Stände und zeigen Dutzende Strick- und Häkelmodelle aus den neuen Garnen. Auf der anderen Seite sind aber auch kleine oder sehr kleine  Firmen aus aller Welt mit handgefärbten Garnen vertreten, die nur wenige Stränge an ihrem Stand zeigen. Ich habe vor allem Strickmodelle fotografiert und versucht, sowas wie Trends auszumachen.

Modelle von ggh
Garn von ggh
Modelle von Katia yarns

Langfädige Garne, die verstrickt eine Art Fell oder Flausch ergeben, habe ich sehr oft gesehen. Anders als das Polyesterzottelgarn, das vor ein paar Jahren populär war, sind diese Garne jetzt meistens aus Naturfasern und fassen sich sehr angenehm an. Sie werden mit großen Nadeln glatt rechts verstrickt und bilden so einen federleichten, pelzähnlichen Stoff ohne sichtbare Maschen. Es wurden vor allem große Strickjacken und Strickmäntel daraus gezeigt - das entspricht ja auch der 90er-Revival-Mode, die zur Zeit in den Läden hängt. Bei Katia Yarns gab es sogar Chenillegarn, das ich zuletzt auch in den 1990er Jahren gesehen hatte - der Pullover unter der grün-grauen Zotteljacke ist aus Chenille. Ob das immer noch so mörderisch leiert wie früher?

Modelle von Rico Design
Modelle von Rico Design

Mohairgarne oder Alpaca in Mohairoptik werden weiterhin viel angeboten, neu jetzt auch noch mit Lurexbestandteilen im Garn. Der grüne Pullover mit dem langen grünen Schal darüber in der Mitte des oberen Bildes ist aus so einerm Mohair-Lurex-Garn. Es ist interessant, dass das Glitzern auf dem Foto fast nicht zu sehen ist, in Wirklichkeit kam mir der Glanz nicht so dezent vor. Ton in Ton auf einem Messestand sieht sowas ja edel aus, aber ob so ein Pullover im Alltagskontext auch so gut wirkt?

Modelle von ggh

Sanfte melierte Farbverläufe wie bei dem Pullover links waren auch häufiger zu sehen - und Unmengen von sehr bunten Farbverlaufsgarnen. Da war die Präsentation an den Ständen oft eher eine Materialschlacht und hatte mit Design nicht so viel zu tun.

Modelle von ONline

Dekorative Aufnäher - neudeutsch: Patches - sind im Moment (seit D&G Jeans mit Aufnähern zeigte) ein großes Thema. Bei ONline wurde Gestricktes mit Aufnähern kombiniert, die Idee gefällt mir gut - und ich bin beruhigt, dass auch Strickprofis Strickjackenblenden stricken, die sich ungünstig zusammenziehen. 

Rico Design

Warum ich das fotografiert habe, weiß ich nicht mehr - aber ist die schwarz-weiß-gelbe Jacke hinten rechts nicht schön?

Lion Brand Yarn

Das Foto bildet den Übergang zum Gehäkelten: Jacke gestrickt, Rock missonimäßig gehäkelt. Gefällt mir an der Puppe sehr, aber auch hier frage ich mich, ob das im richtigen Leben angezogen wirklich so cool wirkt, oder wie Omas Häkeldecke als Kleidung. 

Gehäkeltes  

Modelle:Bernat Design Studio

Gehäkeltes gab es vor allem in zwei Formen: als lustige, gehäkelte Tiere und als Wohnaccessoires, wobei die geschmackvollen Töne der teils gehäkelten, teils gestrickten Wohndeko oben eher die Ausnahme bildeten. Im Hintergrund sieht man ein Beispiel, wie auf der Messe Geschäfte gemacht werden (denn dazu ist sie hauptsächlich da) - an Tischen, die wie bei Bernat zwischen der Messedeko stehen, manchmal auch durch halbhohe Wänder vom Besuchergewusel abgetrennt sind. Aber auf die Geschäfte auf der Messe komme ich später noch einmal zurück.

Modelle: DMC

Die Arrangements beidem französischen Garnhersteller DMC waren besonders schön und detailverliebt - und sofort instagrammierbar (gibt es das Wort?), da quadratisch.

Gesticktes


Stickerei: DMC

Handsticken liegt im Trend, hört man derzeit überall. Der Trend kommt von den Laufstegen - aber wird er wirklich imDIY-Bereich ankommen? Ich bin skeptisch, denn um Plattstiche nur annähernd so gekonnt zu sticken wie die StickerInnen der Messemodelle bei DMC, braucht man sehr viel Übung und Geduld. Ich könnte mir vorstellen, dass einfacher zu erlernende Techniken eine größere Chance auf Verbreitung haben.

Stickpackungen von RTO
Gobelinstickerei bei DMC

Stickpackungen im Kreuzstich oder Gobelinstich erfüllen eigentlich alle Voraussetzungen, um zum massentaglichen Hobby zu werden: Die Muster müssen nicht mühsam auf den Untergrund übertragen werden und die Sticktechnik ist leicht zu meistern. Was die Messe in der Hinsicht zu bieten hatte, ließ mich allerdings etwas ratlos zurück. Moderne Entwürfe, wie die zwei Beispiele, die ich knipste, sind die Ausnahme. Die Hersteller von Stickpackungen aus ganz Europa - es waren bestimmt ein Dutzend Firmen vertreten - bieten zum größten Teil Motive an, wie sie schon unsere Omas stickten: Betende Hände. Schäferhunde und Kätzchen im Schuh. Disneymotive. Bilder wie von Gustav Klimt oder Chagall, aber in schreienden Farben, manchmal mit Glitzer. Vor allem gestickte Bilder, wenig benutzbare Textilien - hängt sich wirklich jemand gestickte Bilder an die Wand? Dabei könnte man in Gobelinstickerei mit Wolle auf Stramin nicht nur Kissen für jede Lebenslage sticken, sondern auch Taschen, Täschchen und Portemonnaies, Gürtel und Hausschuhe - das müsste nur jemand mit guten Designs entwerfen und als Bastelpackung auf den Markt bringen.

Stoffe


Stoffe von lotte martens
Stoffe von lotte martens

Natürlich gibt es auf der Messe auch Stoffe zu sehen - aber den überwiegenden Teil nur als Musterlaschen. Aus den Stoffen genähte Beispiele gab es vor allem bei den Herstellern von Patchworkstoffen, überhaupt gab es relativ wenig reine Bekleidungsstoffe, oder ich habe sie in dem Farben- und Musteroverkill vieler Stoffanbieter nicht wahrgenommen.

Die handbedruckten Stoffe von lottemartens.com aus Belgien sind etwas ganz Feines: Matte Jerseys mit glänzenden Goldpunkten, zarte Linien, bedruckte Plissees, flauschige Wolle mit glattem Druck - selten hat mich Stoff so begeistert! Den Stand fand ich (natürlich) erst zehn Minuten vor Messeschluss, daher war mehr als ein hastiges Foto nicht drin. Auf der Webseite und bei Instagram unter http://instagram.com/lottemartens_exclusivefabrics gibt es mehr Bilder - und wenn ich die Kommentare unter den Bildern dort richtig deute, wird es die Stoffe bald in einigen Läden geben.

Schnittmuster


Schnittmuster von zonen09
Stoffe von zonen09

Die nettesten Gespräche auf der Messe hatte ich bei einer für mich ganz neuen kleinen Schnittmusterfirma, zonen09 aus Belgien, die sich auf Schnitte für Männer und Jungs spezialisiert hat. Die Schnittmuster im Baukastensystem mit Variationen bei Ärmeln, Kragen und Ausschnitten gibt es in drei Größengruppen, für Kinder bis 9 Jahre, für Jugendliche von 10-16, einige auch in den Herrengrößen 48-60. Die schönen Papierschnittmuster haben ein aufwendiges, sehr ausführliches Anleitungsheft mit farbigen Fotos - das Muster des Anleitungshefts sieht man in dem krawattenförmigen Ausschnitt des Pappumschlags, der Schnittbogen und Anleitung zusammenhält. Zur Zeit werden die Anleitungen ins Deutsche übersetzt, so dass es bald Papierschnitte von zonen09 bei uns in den Läden geben wird. Die Kinderschnitte gibt es bereits mit englischer Anleitung als Downloadschnitte zum Zusammenkleben auf der Webseite. Passend zu den Modellen lässt zonen09 Stoffe aus Bio-Baumwolle in Belgien produzieren.

An dem Messestand von zonen09 kann man auch gut sehen, wie eine kleine, sympathische Firma mit beschränkten Mitteln doch etwas aus der Fläche machen kann: In eine Wandverkleidung aus gelochten Fichtenholzplatten werden Regalbretter oder Kleiderbügel eingehängt, dazu ein flauschiger Teppich, ein paar Sukkulenten in kleinen Töpfen, ein Stehtisch und ein Glas mit belgischen Karamellbonbons - mehr braucht man nicht.

Messebeobachtungen


Der bombastische Stand von Gütermann

Bei anderen lautet das Motto eher: Klotzen, nicht kleckern. Weiter oben hatte ich schon beschrieben, dass die wirklich wichtigen Dinge, nämlich die Bestellungen der Händler, an den Ständen an kleinen Tischen abgewickelt werden. Zum Teil sieht man dort Stoff- und Wollladenbesitzerinnen sitzen, nicht selten sind es aber auch Herren in sehr smarten Anzügen. Die Tische stehen manchmal mitten im Messegewusel, manchmal in abgetrennten Ecken - und ein Großkonzern wie Gütermann (der neben Nähgarn auch Perlen und eine Stofflinie produziert), richtet an seinem riesigen Stand einen abgetrennten Bereich mit Kaffebar mit Espressomaschine und Gebäck ein, der auf den ersten Blick wie ein nettes Café wirkt. Das habe ich nicht fotografiert, da zu viele Menschen mit auf das Bild gekommen wären - die Tische waren gut gefüllt - aber die Dekorationen boten genügend Fotomotive. Der Messestand war so groß wie eine große Drei-Zimmer-Wohnung mit ineinander übergehenden Zimmern, frischen Blumen und Garndeko überall.


Es geht aber auch wesentlich prosaischer: Viele Verhandlungen finden am Rand der Messehallen in Räumen aus mobilen Stellwänden statt, und ich wette da gibt es dann nur plörrigen Pumpkannenkaffee und die messetypische Keks- und Waffelmischung!

Nähzubehör


Grundsätzlich hatte ich den Eindruck, dass es auf der Messe fast alles gibt, was man sich als Selbermacherin an Werkzeug oder Zubehör wünscht, aber in den Läden nie oder nur sehr selten findet. Es gibt schöne Taschengriffe, es gibt japanisches Sashiko-Garn und Sashiko-Stoffe mit vorgedruckten Mustern. Es gibt hochwertige Scheren aus Solingen, es gibt Holzstickrahmen in jeder Größe, es gibt Tapisseriewolle in allen Farben, es gibt dänisches Stickgarn, hochwertiges Ripsband, gewebte Borten aus Baumwolle, Nähseide verschiedenen Stärken und Perlen- und Pailettenmotive zum Aufnähen, die nicht billig aussehen. Es gibt sogar (schon seit letztem Jahr) eine Nähzubehörserie von Prym in türkis, die richtig hübsch aussieht, die ich aber noch nie in irgendeinem Einzelhandelsgeschäft gesehen habe. Wenn wir all das in den Läden vermissen, dann liegt es jedenfalls nicht daran, dass schöne, hochwertige Sachen nicht zu beschaffen wären.

Auf der anderen Seite gibt es das ganze Nähzubehör und viele Kurzwaren auch in billig und als Kopie, direkt von chinesischen Herstellern, mit der Möglichkeit, den eigenen Firmennamen gleich auf die Verpackung drucken zu lassen. An diesen Ständen war meistens nicht viel los, die H+H ist eher ein Umschlagplatz für Hochwertiges, aber die nicht unerhebliche Anzahl dieser Anbieter lässt doch darauf schließen, dass sich das Geschäft lohnen muss.

Zum Schluss möchte ich noch zwei Anbieter für hübsche Kleinigkeiten zeigen, die schöne und nützliche Geschenke für Näh- und Stricknerds anbieten.

Die japanische Firma Cohana stellt in Japan formschönes Nähzubehör aus japanischen Rohstoffen her und versendet es weltweit. Mir gefallen besonders die kleinen Nadelkissen und die Scheren mit Holzgriffen. Und es gibt handgemachte Glaskopfstecknadeln die kleine Schmuckstücke sind.



Strickhandschuhe von hobbywool.com
Aus Riga kommen die Strickpakete für lettische Fausthandschuhe mit traditionellen Mustern von hobbywool.com. In einer schwarzen Schachtel bekommt man alles, was man für ein paar Handschuhe braucht: Wolle in verschiedenen Farben, ein farbiges Zählmuster und eine englische Strickanleitung.

Am Sonntag konnte ich dann noch viele Kölner Nähnerds bei ihrem Stammtisch in einem sehr schönen Café treffen, ehe ich etwas erschöpft die Heimreise antrat. Ich hoffe der Messerundgang mit mir war interessant für euch - mir hat das Wochenende in Köln großen Spaß gemacht und ich habe mir den Messetermin für nächstes Jahr gleich im Kalender notiert.

Mittwoch, 8. März 2017

Kleine Schnittmusterparade im Frühling

Nachdem der Berliner Winter sich in den letzten acht Wochen von seiner schlechtesten Seite zeigte (und ich gefühlt mindestens die Hälfte dieser Zeit auf dem Sofa verdämmerte), werden die Tage nun merklich länger. Der sicherste Frühlingsbote ist für mich aber die Frühjahrskollektion von named patterns geworden. Die Schwestern aus Finnland haben meistens ein gutes Gespür für Schnittformen und Materialien, die gerade in der Luft liegen. Ich kann das oft erst im Nachhinein würdigen, wenn nämlich ein halbes bis ein Jahr später ähnliche Schnitte wie die von named in den Geschäften hängen.

Die neue Kollektion "Playground" umfasst wieder Teile in verschiedenen Schwierigkeitsstufen, vom T-Shirt oder T-Shirt-Kleid mit Wickeleffekt und einer Culotte mit Gummizugbund bis hin zur Latzhose oder einem Kleid mit Reverskragen. Ich finde vor allem das Kleid Ansa interessant, ein Raglankleid mit Schmetterlingsärmeln, dazu gibt es eine Variante als schwingendes Top mit einem anderen Rückenteil. Allerdings verwundert mich, dass Ansa als "feminines Cocktailkleid" vorgestellt wird. Wieso Cocktailkleid? Ich sehe in erster Linie einen Schnitt für ein schönes luftiges Sommerkleid aus leichtem gemustertem Baumwollsatin oder aus Viskose oder für ein Alltagskleid aus leichtem Viskosecrêpe. Eine Version aus pflaumenfarbenem Seidensatin ist im Netz bereits aufgetaucht, die die Stellenbeschreibung "Cocktailkleid" erfüllt - aber ich denke der Schnitt ist sehr wandelbar, und das wird sich zeigen, wenn erst die Jahreszeit für Flatterkleider gekommen ist.

Das schon erwähnte Hemdblusenkleid mit Reverskragen, Reeta, erweckt bei mir nostalgische Gefühle: genau solche Kleider, in genau der Länge, mit genau solchen Seitenschlitzen und halblangen Ärmeln nähte und trug ich als Studentin in den späten 1990er Jahren, sogar den Stoff des Modellfotos hätte ich so getragen. Ich bin mittlerweile also so alt, dass das Rad der Mode eine ganze Umdrehung zurückgelegt hat und die Mode meiner Jugend (ich kann es kaum hinschreiben) als "neue Mode" zu uns zurückkommt. Wenn ich diesen Schock verdaut habe, könnte ich mir vorstellen, Reeta diesen Sommer zu nähen - oder einfach meine Schnittmusterhefte von ca. 1996 durchzusehen. Wie schade, dass ich alle Schnittkopien schon längst weggeworfen habe!

Die Culotte Ninni finde ich auch interessant, aber weniger wegen des Schnitts, sondern wegen des Materials: Über eine Culotte aus Samt dachte ich schon im Herbst nach und darüber, dass herkömmlicher Baumwollsamt für eine Culotte sicher zu steif sein würde. Bei named haben sie die Culotte aus stretch velours genäht, also, wenn ich das richtig übersetze, aus dünnem Nickistoff. Das könnte für den nächsten Herbst eine gute Idee sein.

Bis morgen (9. 3.) gibt es bei named übrigens 10% Rabatt auf Kleiderschnitte - Rabattcode siehe hier. 

Tilly and the Buttons ist - wer hätte das gedacht - sehr schnell zu einer der Konstanten in der Indie-Schnittmusterwelt geworden. Ich hätte nie erwartet, dass die kulleräugige Tilly mit einer Teilnahme am Great British Sewing Bee und einem (guten) Plan ein so großes, professionell auftretendes Schnittmusterunternehmen gründen kann, das regelmäßig neue Schnittmuster herausbringt, während man von anderen Unternehmen, die zur gleichen Zeit starteten, nichts mehr hört. Ganz neu ist das Kleid Zadie, ein Jerseykleid mit langen oder kurzen Raglanärmeln, Taschen und Seitenpanelen. Die rosarot-niedliche Kleinmädchenästhetik von Tillys Blog ist so gar nicht mein Fall, aber Karin - Dreikah hat das Kleid schon aus erwachsenen Stoffen genäht und das Potential des Schnittes erkannt

Neuentdeckungen

I AM patterns aus Frankreich ist eine Firma, die Claudia - Bunte Kleider entdeckt hat: Am Mittwoch zeigte sie im Blog schon das Hemd Hermes. Mir gefällt der schlichte, moderne Stil der Schnitte sehr gut - es gibt sie als pdf zum Kleben und als Papierschnitt (Papierschnitte unter dem Reiter "patrons", die pdf unter "patrons pdf), aber nur bis zur französischen Größe 46 (Brustumfang 102 cm).

Die britische Firma The Maker's Atelier gibt es schon seit 2015, über das Label stolperte ich aber erst vor kurzem. Die Designerin arbeitete vor dem Schnittmustergeschäft als Farbexpertin und Innenarchitektin und erzählt die Gründungsgeschichte ihrer Firma vor allem anhand der Probleme, die richtigen Farben für das Logo, Fotohintergründe und Nähbeispiele zu finden. Eine Herangehensweise, die sich auch auf der Shopseite wiederspiegelt: Die Modelle sind derartig geschmackvoll-perfekt aufeinander abgestimmt, dass ich ein Gähnen nicht unterdrücken kann, obwohl einige Teile durchaus interessante Details haben. Der Preis von 22,50 GBP (etwa 26 €) für die Papierschnittmuster schreckt mich aber zugegebenerweise noch zuverlässiger ab. Die Schnitte gibt es bis zur UK-Größe 22, 116 cm Brustumfang.

Ergänzt 9. 3. 2017: Indie-Schnittmuster-Expertin Claudia - Bunte Kleider hat auch schon einen Schnitt von Maker's Atelier ausprobiert und war sehr enttäuscht: Viel Verpackung, wenig Inhalt. Schaut in den ersten Kommentar zu diesem Artikel, dort beschreibt sie ihre Erfahrung.

Die Firma Trend patterns, ebenfalls aus Großbritannien, habe ich, wenn ich mich richtig erinnere, das erste Mal bei Alexandra - Handmade Glamour bemerkt. Trend patterns bietet Schnitte an, die sich an Laufstegtrends anlehnen - bislang gibt es in der Hauptlinie in der Hauptlinie sechs Schnittmuster, auf der Shopseite werden sie in weißem Stoff an Schneiderpuppen präsentiert. Die Papierschnittmuster kosten stolze 25 oder 30 GBP (etwa 29 bzw. 35 €) und gehen bis zur UK-Größe 16, 105 cm Brustumfang. Mit etwas Herumgesuche habe ich im Blog von Erica Bunker zwei genähte Modelle gefunden: Das Cape und die Bluse mit den voluminösen Ärmeln. Die Designs sind wirklich außergewöhnlich und die beiden Teile überzeugen mich, den angesetzten Preis finde ich aber äußerst sportlich.


Andere Schnittmuster-Neuigkeiten

Über den Besitzerwechsel bei Sewaholic Patterns letztes Jahr im Spätsommer hatte ich hier im Blog schon mal kurz geschrieben. Die Begleitumstände des Verkaufs erschienen ja wegen der Nicht-Kommunikation aller Beteiligten etwas merkwürdig, und derzeit sieht es nicht so aus, als würden die neuen Inhaber die Firma über den Verkauf der alten Schnitte hinaus weiterführen. Im Herbst gab es bei Instagram eine Ankündigung eines kommenden neuen Schnitts, der aber bisher noch nicht das Licht der Welt erblickt hat, im Unternehmensblog wird nur selten und planlos etwas veröffentlicht, von neuen Schnitten ist keine Rede mehr. Schade, denn Sewaholic stand für gut durchdachte und zu ihrer Zeit innovative Schnitte. 

Thread Theory aus Kanada verfolgte mit Schnitten für kernige Männerkleidung lange Zeit ein einzigartiges Konzept. Dass die Nische Männermode für eine Schnittmusterfirma wohl doch zu klein ist, wenn zwei Leute davon leben möchten, zeichnete sich schon ab, als Thread Theory 2014 die Camas-Bluse für Damen herausbrachte und 2015 den Onlineshop mit Stoffen, Nähzubehör und Schnitten anderer Hersteller füllte. Zuletzt gab es im Dezember die  Lazo Trousers, eine Damenhose - wie die Bluse ist der Schnitt wohl ein Überbleibsel aus dem Modedesignstudium der Inhaberin von Thread Theory und wurde nicht extra neu entwickelt. Außerdem ist geplant, den Onlineshop mit älteren Schnitten für Herrenbekleidung zu füllen - in einem Blogpost vor einigen Wochen wurden die Leserinnen aufgerufen, nicht mehr benötigte Vintage-Herrenschnitte zum Kauf anzubieten. Als Erweiterung des Produktportfolios passen diese Schnittmuster gut ins Konzept - dass sich mit gebrauchten Papierschnitten aber ein nennenswertes Geschäft machen lässt, möchte ich bezweifeln.

Die Inhaberin von Cake Patterns und Erfinderin des Tiramisu-Kleids verschwand im Verlauf des letzten Jahres aus den sozialen Netzwerken, ebenso wie ihre Shopseite sewingcake.com und ihr Nähblog 3 hours past the edge of the world samt allen Anleitungen. Längere Zeit hörte man nichts, nun erschien zum 1. Januar 2017 ein erklärender Artikel bei Facebook. Kurz zusammengefasst: Die Gründerin von Cake Patterns änderte im vergangenen Jahr ihren Vornamen von Stephanie zu Persephone, bekam eine Autismus-Diagnose, erkannte, dass sie das Unterhalten einer Webpräsenz für die Schnittmusterfirma übermäßig anstrengt und ihrer Persönlichkeit nicht entspricht und dass die Firma nicht wirtschaftlich erfolgreich zu betreiben ist. Sie stellt nun unter dem Namen Somnifera Soap vegane Seifen her und schreibt an einem Roman. Wer also Papierschnittmuster von Cake patterns besitzt, sollte sie gut festhalten, sie werden nicht mehr nachproduziert. Die pdf-Schnitte scheint es aber noch bei einigen Anbietern zu geben. z. B. bei Oliver+S und im Cake-Patterns Etsy-Shop. In Deutschland hat Santa Lucia Patterns noch einige Restexemplare im Shop.

Und das Wichtigste hätte ich fast vergessen: Elke hat Die lange Liste der Schnittmusterdesigner zusammengestellt - eine fantastische, alphabetisch geordnete und nach Sprachen sortierte Sammlung von Indie-Schnittmusterfirmen aus aller Welt. Großartig!

Dienstag, 7. Februar 2017

"Nähen geht tiefer als nur passende Kleidung herzustellen." Elke - ellepuls.com - über Schnittmuster für lange Frauen

Über neue Schnittmuster von Indie-Designerinnen blogge ich hier ja mehr oder weniger regelmäßig,  bisher jedoch vor allem über kleine Firmen aus den USA, Kanada und Großbritannien. Dabei gibt es auch bei uns interessante Schnittmacherinnen mit guten Ideen, die hier auch mal zu Wort kommen sollen. Elke vom Blog ellepuls.com und ich laufen uns ab und zu zufällig hier in Berlin über den Weg, daher habe ich immer locker verfolgt, was sie so macht.

Nach einem Schnitt für ein Raglanshirt und einer tollen Upcycling-Tasche aus Jeans spezialisierte sich Elke auf Schnittmuster für lange Frauen und brachte letztes Jahr im Sommer einen Shirt- und Kleiderbaukasten heraus. Wer Elke schon mal begegnet ist, muss nicht lange fragen warum: Sie ist selbst eine große Frau und kennt die Problematik zu kurzer Kleidung aus eigener Erfahrung. Zu der "Shirtbox"  von ellepuls.com gehört ein Anleitungsheft für die Längenänderung bei Oberteil-Schnittmustern - Hilfe zur Selbsthilfe für große Frauen sozusagen. Da ich das Konzept klasse finde und Elkes Umsetzung mit schönen Grafiken und ausführlichen Fotoanleitungen sehr gelungen,  wollte ich von Elke wissen, wie es mit den EXTRAlang-Schnitten weitergehen wird.

Elke, du nähst seit 2012 Kleidung für dich – bist du gleich darauf gekommen, dass du auch die Schnittmuster verändern musst, damit sie für dich nicht zu kurz sind, und wie hast du das Schnitte-Verlängern gelernt? War das von Anfang an von Erfolg gekrönt?

Elke: Ich habe sehr unbefangen mit dem Nähen begonnen. Kein Nähkurs, nur learning by doing. Ich habe abgetragene Shirts meiner Söhne für meine Tochter umgearbeitet. Meine erste Verlängerung für mich war bei einem Shirt. Die Ärmellinien habe ich einfach länger gezeichnet, was dazu geführt hat, dass ich nur noch eben so mit der Hand durch die Öffnung kam. Den Rumpf habe ich auch einfach nach unten verlängert. Im Ergebnis war das Shirt lang genug, aber die Taille hing mir zu hoch. Erst einige Projekte später habe ich begonnen, Vorder- und Rückenteile sowie Ärmel nicht unten, sondern zwischendrin zu verlängern. Für das EXTRAlang Handbuch zum Verlängern von Schnitten habe ich mich noch intensiver mit dem Thema befasst. Dieses Handbuch wird jedem EXTRAlang Schnittmuster "beiliegen". Für den Blusen-Sew-Along nähe ich gerade an einer burda Bluse, die ich verlängern musste. Fast hätte ich vergessen, neben Vorder-, Rückenteil und Ärmel, die Knopfleiste mit zu verlängern. Je mehr Teile ein Schnitt hat, desto aufmerksamer muss man überlegen, welche Schnittteile alle verlängert werden müssen, damit nachher auch alles wieder zusammenpasst. 

Das Kleid aus der "Shirtbox" von Elle Puls - lange Ärmel passend zum Wetter sind auch dabei

Schnitte für den eigenen Körper zu verändern ist das eine, aber auch wenn man sich darin gut eingearbeitet hat, ist es ja nochmal ein großer Schritt, Schnitte auch für andere und in verschiedenen Größen anzubieten. Wie hast du das technisch gemeistert?

Elke: Da ich die Schnittkonstruktion nicht gelernt habe, arbeite ich mit einem Profi zusammen. Meine Schnittdirektrice setzt meine Ideen um. Ich möchte auch nicht den Eindruck erwecken, dass ich die Schnitte selber technisch erstelle. Wir feilen gemeinsam daran herum und das Ergebnis lasse ich von Probenäherinnen testen. Das ist in diesem Ablauf schon sehr aufwändig, da ich meine Entwürfe für die Hobbynäherin so bedienungsfreundlich wie möglich gestalten möchte. Die Schnittdateien sind so angelegt, dass man nicht benötigte Größen vor dem Ausdrucken ausblenden kann, um hinterher einen übersichtlichen Schnittbogen zu erhalten. Bye-bye Liniendschungel. Die Anleitungen versuche ich auch immer möglichst nachvollziehbar, logisch und klar aufzubauen, damit meine Kundinnen die Schnitte auch erfolgreich umsetzen können.

Kannst du schon verraten, wie es mit den Schnittmustern bei dir weitergehen wird? Das Extralang-Handbuch erklärt das Verlängern von Oberteilen – wird es auch noch etwas Entsprechendes für Unterteile geben?

Elke: Am 6. Februar geht ein neues Schnittmuster für eine Jacke online. Darauf freue ich mich schon sehr, weil ich den Entwurf sehr mag. Es wird ein Basic für den Lagenlook sein, der im Frühling wieder gefragt sein wird.

[Einschub von mir, Lucy: Der Schnitt  für die Jacke "Cardison" ist gestern erschienen - Elke schickte mir vorab schon mal zwei Bilder. Mehr über Cardison erfahrt ihr bei Elke im Blog.]

"Cardison", die neue Blousonstrickjacke mit schicken Paspeltaschen von Elle Puls
 

Elke: Ideen für "untenrum" sind auch schon genügend vorhanden. Für lange Frauen ist die Suche nach ausreichend langen Hosen immer sehr nervig. Teils schon ab Länge 34, aber mit Sicherheit ab Länge 36 wird die Auswahl dünn bis nicht vorhanden in Läden. Standardmodelle in Standardfarben findet man bei Jeans schon noch. Wenn man aber andere Wünsche hat, muss man in Spezialshops wie z.B. Long Tall Sally suchen. Dass immer mehr große internationale Bekleidungshäuser wie z.B. Asos und Topshop ein "Tall-Sortiment" anbieten zeigt mir, dass der Bedarf da ist. Letztens ist mir wieder aufgefallen, dass immer mehr junge Frauen so groß wie ich sind oder sogar größer. Und sie wollen sich genauso modern kleiden wie alle anderen Frauen ihres Alters. Das bestätigt mich in meiner Idee, auch extra lange Schnittmuster anzubieten. 

Das selber Nähen hat mich von der begrenzten Auswahl, die ich oft in Läden vorfand, befreit. Darüber freue ich mich täglich. Endlich habe ich Hosen nach meinem Geschmack in meiner Länge. Das schreit ja quasi nach extra langen Hosenschnittmustern. Meine Ideen lassen sich nur leider nicht so schnell umsetzen, wie sie in meinem Kopf aufploppen. Ich bleibe dran.

Was würdest du Nähanfängerinnen mit auf dem Weg geben, die gerade beginnen, Kleidung für sich selbst zu nähen?

Elke: Ausprobieren, aber nicht überwältigen lassen! Ich finde es einfach fantastisch, dass so viele Frauen einen Näh- oder Modeblog schreiben. Natürlich kann man sich auch überwältigt fühlen von der schieren Masse, aber so erhöht sich einfach die Wahrscheinlichkeit, Bloggerinnen zu finden, mit denen man sich vom Stil und vom Körperbau her identifizieren kann. Das erleichtert es, sich Anregungen zu Schnitten zu holen, wenn man sich selbst nicht sicher ist, was man wählen soll.

Auch fachliche Hilfe findet man schnell bei Youtube und in Blogs. Das mag nicht jedermanns Sache sein, zu recherchieren, aber die Einstiegshürden zum Nähen der eigenen Kleidung sind doch denkbar niedrig geworden.

Ausprobieren und am besten keine Angst haben, denn letzten Endes ist es doch nur Stoff, den wir im schlimmsten Fall versemmeln. Das kann manchmal schon sehr ärgerlich sein, aber ich habe noch bei jedem Projekt etwas gelernt, und sei es nur über mich selbst.

Was mich zu einem persönlichen Lieblingsthema führt, der Stilfindung. Dadurch, dass ich mich zum ersten Mal wirklich mit Schnittführungen und Farben beschäftigt habe, konnte ich viel besser erkennen, was zu mir passt, was mir steht und auch ein Stück weit wer ich bin. Nähen geht tiefer als nur passende Kleidung herzustellen.

Das ist ein sehr passendes Schlusswort von Elke, finde ich, denn in jeder Hinsicht passende Kleidung zu bekommen, ist doch wahrscheinlich der Grund, warum die meisten von uns nähen: Richtige Passform, die richtige Farbe und das richtige Material, das gibt es doch nur selbstgenäht. Ich bin gespannt, was Elke noch alles aushecken wird - im Moment läuft in ihrem Blog ein Blusen-Sewalong. 

(Alle Fotos in diesem Beitrag von Elke Puls)

Freitag, 28. Oktober 2016

Eine Mini-Schnittmusterparade und Chaos bei Colette

Es ist mal wieder Zeit für eine Schnittmusterparade: In den letzten Wochen fielen mir so viele bemerkenswerte Schnittmuster auf wie lange nicht mehr. Nachdem in den Sommermonaten so viele banale Schnitte für Sackkleidchen und Tanktops herauskamen, dass ich überhaupt keinen Überblick mehr hatte, gibt es jetzt wieder Schnitte, an denen ein bißchen mehr dran ist und die im Gedächtnis bleiben. Zumindest in meinem - aber ich mag die Herbst- und Winterausgaben der Burda auch immer lieber als die Sommerhefte. Die Auswahl ist also wahrscheinlich höchst subjektiv.


Ein klarer Fall von "Geschmackssache" ist auch die Modellauswahl in der neuen "Burda Vintage", einem Sonderheft mit Schnitten der Siebziger, das am 2. November erscheint: Die Bilder der Modelle sind schon im Netz aufgetaucht - und mein Geschmack ist es nicht. Aber nicht ausgeschlossen, dass ich meine Meinung ändere, wenn die Nähcommunity wie so oft das Potential einzelner Schnitte erkennt und tolle Dinge daraus zaubert!

Bei den internationalen Indie-Schnitten gibt es auch einiges Neues:

Named patterns aus Finnland, von denen ich ja sowieso ein Fan bin, hat mich diesmal nicht enttäuscht (auch hier: die Sommerkollektion fand ich ziemlich uninteressant.). Die Herbstkollektion "Evolution Theory" enthält dagegen wieder eine komplette, moderne und nicht-spießige Grundgarderobe. Mir gefällt der Stil sehr, und die Schnittmuster sind technisch immer sehr gut gemacht.

Die Schnittmusterfirma Sew House Seven habe ich erst ziemlich neu entdeckt: Sew House Seven möchte anfängertaugliche Schnitte bieten, die trotzdem schöne Designdetails haben. Mit dem Tea House dress - das mir besonders ins Auge fiel - ist das perfekt gelungen: Da es locker gegürtet wird, dürfte die Passform unproblematisch sein, und die Aufteilung des Vorderteils und die schönen Taschen machen richtig was her. Die Inhaberin von Sew House Seven arbeitete früher als Schnittdesignerin in der Bekleidungsindustrie - ein Garant für professionell gemachte Schnitte.

Closet Case files scheint die Strategie zu verfolgen, die Schnittmuster-Nischen abzudecken, die andere Firmen nicht bedienen. Zuerst waren es Jeans und Badeanzüge, nun ist eine richtige aufwendige Herbstjacke, der Kelly Anorak mit verdecktem Reißverschluss und Kapuze dazugekommen.

Um By Hand London, die schickste aller schicken Indie-Schnittmusterfirmen, war es ziemlich still geworden, seitdem die Inhaberinnen letztes Jahr in ihre alten Jobs zurückwechselten. Nun gab es mal wieder einen Schnitt (mit Ärmeln!): Alix, ein von den Siebzigern inspiriertes Kleid, das sehr gut zu den fließenden Viskosestoffen passt, die es seit einiger Zeit überall gibt.

Alix hat eine geschwungene Taillenpasse, an die sich ein angekräuseltes Brustteil anschließt - eine Schnittform, die oft viel Anpassung benötigt. Da der Schnitt ganz neu ist, gibt es noch nicht viele genähten Kleider zu sehen und ich bin gespannt, ob sich der Schnitt bewähren wird. Colette Pattterns hat sich mit einem ähnlich konstruierten Schnitt nämlich gerade ein Riesenproblem eingehandelt. Das Rue dress, das wie angekündigt wieder an die Retro-Ästhetik der Colette-Anfangszeit anknüpfen sollte, scheint zu den Körperproportionen der meisten Frauen nicht zu passen, oder zumindest war zunächst nicht so recht herauszufinden, wie das Kleid eigentlich sitzen soll. Die Colette-Inhaberin zeigte eine karierte Version, bei der die Teilungsnaht unter der Brust sitzt, was in meinen Augen "richtig" aussieht, allerdings war dieser Sitz wohl einem nachgiebigen Stoff und einer FBA, einer Änderung für größere Oberweiten, zu verdanken. (Und mal ehrlich: Wenn Sarai eine FBA für gute Passform braucht, dann kann man davon ausgehen, dass der Schnitt den meisten Frauen nicht passt.) Bei vielen Modellbeispielen verlief die Naht denn auch sehr merkwürdig quer über die Brust.

Als der Schnitt dann in einem Nähwettbewerb der Nähcommunity Pattern review von 25 versierten Selbernäherinnen ausprobiert und von den meisten nur mit Schwierigkeiten und etlichen Probeteilen einigermaßen bezwungen werden konnte, brach allmählich offene Empörung los und es kam natürlich auch gleich alles mit auf den Tisch, was Colette an wirklichen oder vermeintlichen Passsformmängeln schon seit langem vorgeworfen wird. Ich habe bisher nur den Rock Beignet von Colette ausprobiert, der in der laut Maßtabelle passenden Größe um einiges zu groß ausfiel, und kann nicht mitreden, was die generelle Qualität der Schnitte betrifft. Dass besonders Armloch- und Schulterbereich  anscheinend ein Problem darstellen, war mir bei anderen Nähbloggerinnen aber schon aufgefallen, weil es verhältnismäßig oft erwähnt wird.

Colette zog den Rue-Schnitt vorerst zurück und überarbeitete ihn in den letzten Wochen. Als Download ist eine korrigierte Version jetzt verfügbar, die alle Käuferinnen automatisch zugeschickt bekommen sollen, eine korrigierte gedruckte Version soll demnächst folgen. Das Verhalten Colettes in diesem Fall wurde trotzdem ziemlich stark kritisiert - und jetzt, da eine wortreiche Entschuldigung, Erklärung und Rechtfertigung für die Panne im Colette-Blog erschienen ist, weiß ich auch nicht so recht.

Das amerikanisch-pathetische Argumentationsmuster "wir haben einen Fehler gemacht, es fühlt sich für uns so schrecklich an, aber wir werden daraus lernen, uns entwickeln und die Chance ergreifen, erwachsen zu werden und Colette zu einer noch besseren Firma zu machen" geht mir etwas auf die Nerven, aber es ist mein persönliches Problem, dass mich die Colette-internen Befindlichkeiten nicht so sehr interessieren. Aber über ein paar andere Dinge wundere ich mich schon: Es arbeiteten sechs Leute gleichzeitig an dem Schnittmuster und änderten hin- und her, bis zur letzten Minute, und es gab niemanden, der den Überblick über die Versionen behält? Es ist wirklich nicht aufgefallen, dass die Modellbeispiele und zum Beispiel die Karoversion in den Schnittlinien stark voneinander abweichen? Sollte diese unglückliche Teilungsnaht nun unter oder auf der Brust verlaufen? Dass jetzt eine Schnitterstellungsexpertin und eine Passformexpertin ins Team geholt wurden - bedeutet das, dass die übrigen Colette-Mitarbeiterinnen davon wenig Ahnung haben?

Colettes Post wirft für mich Fragen auf, die ich mir ansonsten nie gestellt hätte und untergräbt den Eindruck von Professionalität, den ich von Colette immer hatte. Ich bin gespannt, wie es weiter geht, und ob diese kleine Katastrophe sich nun wirklich als Chance entpuppen wird, wie der Blogpost verspricht ("jede Krise ist auch eine Chance", den Spruch kann ich schon so lange nicht mehr hören!). Mich bringt diese Entwicklung aber auch dazu, bei Indie-Schnittfirmen genauer hinzuschauen, ob die schnittechnische Seite von Menschen betreut wird, die das tatsächlich gelernt haben.

Sonntag, 4. September 2016

Ferien in der Stadt, Stricken im Herbst und Näh-Nachrichten


Im Hof knallen die ersten Kastanien auf das Dach des Fahrradschuppens - damit ist es amtlich: Der Herbst beginnt. Das war ein seltsamer, wechselhafter Sommer, noch dazu ohne richtigen Sommerurlaub, was ich an sich nicht so schlimm finde, wenn nur die Wochenenden halbwegs frei sind.

In Berlin gibt es genügend Ecken, in denen ich noch nie war, und da lässt es sich beim Flanieren gut Urlaub spielen. Ich schaue beim Spazieren gerne nach schönen Häusern und interessanten Balkons und versuche mir vorzustellen, wie die Wohnung dazu wohl aussehen mag und wie es wäre, dort zu leben. Im vierten Stock dieses Schöneberger Hauses zum Beispiel, das auch irgendwo in Frankreich stehen könnte. Die Sonnenuntergänge waren in den letzten Wochen auch wahnsinnig - und zwar fast jeden Abend. Das habe ich noch nie so erlebt.


Ein paar Ausflüge an den Stadtrand waren auch drin. Kaum zu glauben, dass man nur ein paar hundert Meter von einer Straßenbahnhaltestelle entfernt mitten im Wald stehen kann, und immer noch im Berliner Stadtgebiet ist. In Schmöckwitz ballen sich die Spaziergänger am Seeufer, und ein Stück weiter weg, entlang der Krummen Lake, trifft man kaum einen Menschen.



Zu den Herbstvorbereitungen gehört ja auch das Stricken. Da ich für das Weiterstricken am Askews-me-Tuch die Ferien des Wollladens abwarten muss, habe ich zwischendurch etwas anderes angeschlagen: Den Eisen Cardigan, ein kostenloses Strickmuster von knitty.com. Die Jacke hat einen üppigen Kragen und Vorderteilblenden mit einem gezopften Rippenmuster, das von beiden Seiten gleich aussieht und wird als Raglan von oben gestrickt. Ich bin gespannt, wie das dann passt, denn bisher hatte ich mit Raglankonstruktionen wenig Glück: Der Paulie-Cardigan passt an den Schultern nicht besonders gut, und bei dieser Jacke nach drops design war das Garn einfach nicht für eine Jacke geeignet. Jetzt stricke ich mit drops alpaca in Lodengrün - wenigstens die Wollqualität sollte also passen. 

Zum gemeinsamen Herbstjacken-Stricken bieten übrigens die Luise und Sylvia (Frauenoberbekleidung) einen Knit-along an - am 11. September geht es los!

Das ist auch eine wunderbare Überleitung für die Linkempfehlungen. Ich bin immer noch mit dem Suchen und Bearbeiten von Grafiken beschäftigt und stoße in dem riesigen Fundus gescannter, gemeinfreier Bilder immer wieder auf wahre Perlen. Die Aufzeichnungen von Vivien Staub, einer Studentin am Technical College in Bradford, die 1912 einen Kurs über den Einsatz von Farben beim Weben besuchte, sind so ein Schatz. Man kann ihr Notizbuch mit lauter colorierten Zeichnungen und eingeklebten Garn- und Stoffproben komplett durchblättern - das müsst ihr euch ansehen!

Ich weiß, dass viele von euch insgeheim auf eine Schnittmusterparade der neuesten Indie-Schnittmuster warten, zumindest werde ich ab und zu auf diese Rubrik angesprochen, die es früher mal gab. Im Moment schaffe ich das leider nicht - das Sammeln der Links geht gerade noch, aber das Ordnen und Kommentieren braucht sehr viel Zeit, die ich im Moment einfach nicht habe. 

Zwei Entwicklungen aus dem Schnittmustergeschäft finde ich aber bemerkenswert: Die Gründerin von Sewaholic Patterns verkaufte im Juni ihre Firma an einen großen Stoffladen in Vancouver. Zu der Übernahme durch den Laden Spool of thread erschien im Sewaholic-Blog ein dürrer Post, in dem sich die neuen Inhaber nicht zeigten, während Tasia, die alte Chefin, wohl schon seit einiger Zeit in der Öffentlichkeit unsichtbar geworden war und sich nicht verabschiedete. In der englischsprachigen Nähblogosphäre sorgte das für einiges Stirnrunzeln und Spekulationen - und nun muss es sich erweisen, ob ein Unternehmen, das von Anfang an so mit der Persönlichkeit seiner Gründerin verknüpft war, auch als x-beliebige anonyme Firma funktioniert, bei der man nicht weiß, wer das ist, der da entwirft und verkauft.  

Bei Colette Patterns kündigt sich auch eine neue Entwicklung an. Colette hatte in der letzten Zeit vor allem einfachere Schnittmuster herausgebracht, nicht nur im Zusammenhang mit dem monatlichen Magazin "Seamwork", das ja explizit den schnellen Zwei-Stunden-Schnitten gewidmet war. Auch die Selene und Phoebe, die beiden jüngsten Schnitte der Hauptlinie, waren im Vergleich zu den Schnitten der Anfangszeit eher schlicht und unterschieden sich wenig von dem, was gleichzeitig unter dem Label Seamwork erschien. Nun wurde in einem Blogpost eine neue Linie angekündigt: "In the next pattern, you’ll start to see this shift back towards the beautiful and special and fun. You’ll see the vintage inspiration play out in interesting design lines, feminine fit, and pretty details." Colette will wieder an die Anfangszeiten anknüpfen und detailreiche, anspruchsvollere Schnitte entwerfen, während die einfachen, schnellen Teile wie bisher bei Seamwork zu finden sein werden, eine Entscheidung, der anscheinend einiges an Analysen vorausging. Ich glaube diese Entscheidung ist genau richtig und kam genau zur richtigen Zeit, wie ich überhaupt Sarai, die Colette-Gründerin, für eine der klügsten Unternehmerinnen in diesem ganzen Schnittmusterbusiness halte. Von Colette Patterns ist sicher noch viel zu erwarten.  

Eher geringe Erwartungen hege ich in Bezug auf die zweite Staffel "Geschickt eingefädelt" mit Guido Maria Kretschmer bei Vox, deren Beginn vor kurzem für November angekündigt wurde. Bei der ersten Staffel wurde ja mehr oder weniger alles vermieden, was das britische Original so liebenswert machte, daher freue ich mich lieber nicht zu früh, dass auch ganz vage von Änderungen am Konzept die Rede war. Anke Müller, die in der ersten Staffel nicht so richtig einen Platz finden konnte, wird nach dem, was man so hört, wohl nicht mehr dabei sein.

Im Nachklapp zur ersten Geschickt-eingefädelt-Staffel erschien nun auch noch ein Nähbuch unter anderem von Inge Szoltisyk-Sparrer, der strengen Schneidermeisterin: Mode schneidern. Alle Techniken und Schnitte, die man wirklich braucht. Aber halt, ehe ihr das teure Buch auf euren Weihnachtswunschzettel setzt, lest erst die Rezension von Ute - Schneiderherz, es könnte nämlich sein, dass ihr dieses Buch und die Schnitte längst besitzt. Der Verlag Topp Kreativ hat einfach ein altes Nähbuch und alte Ottobre-Schnitte zusammengeworfen und mit ein paar "Experten-Tipps" von Szoltisyk-Sparrer garniert, mehr nicht. Sehr ärgerlich, aber irgendwie doch auch symptomatisch für das Niveau dieser ganzen verkorksten Sendung, nicht wahr?

Freitag, 26. August 2016

Burda "Cut and go" - ein Versuch mit Print on Demand in den Neunzigern

Letzte Woche schenkte mir eine Nachbarin einen Stapel alter Burdas aus den Neunzigern. In den Neunzigern nähte ich zwar schon, aber ich hätte damals niemals die spießige Burda mit ihren spießigen Kostümen gekauft. Meine Nähhefte waren die Brigitte-Sonderhefte und ab und zu ein Einzelschnitt.


Das kleinteilige, unübersichtliche Layout wirkt mittlerweile ganz schön angejahrt - das kennt man so heute nur noch von billigen Klatschpostillen. Wenn ich die Schnitte duchschaue, erinnere ich mich wieder sehr gut, warum ich die Burda früher nie kaufen konnte: Im Durchschnitt gefallen mir ein bis zwei Schnitte pro Heft, daneben fallen jede Menge bizarr überambitionierte Modelle mit Schnürungen, Asymmetrien, Rüschen, merkwürdigen Taschen und kleinteiligem Materialmix ins Auge.

Richtig lustig ist auch, das hin- und her der Heftkonzepte zu verfolgen: Mal gab es Maßschnitte zum Bestellen, mal war der Designerschnitt im Heft enthalten, mal musste er für 20 oder 30 Mark extra geordert werden. Über die Kuchenrezepte im aktuellen Heft regte ich mich etwas auf, in der Vergangenheit war es aber noch wesentlich schlimmer: Zwei Kochstrecken pro Heft, meistens ganze Menus.


In Heft 6 von 1995 fand ich schließlich diese revolutionäre Erfindung, die sich, wie wir heute wissen, nicht durchgesetzt hat. Burda cut and go ist keine Friseurladenkette, sondern ein Versuch, den Verkauf von Papierschnittmustern ohne die lästige Lagerhaltung zu organisieren.

Der Prototyp des Geräts stand in der Stoffabteilung der Karstadtfiliale Oberpollinger in München. Es handelt sich anscheinend um einen Plotter, verbunden mit einer Steuerung per Touchscreen. Die Schnittmusterkundin konnte dort einen von sechzig Schnitten auswählen und der Plotter spuckte das frisch gedruckte Schnittmuster in ihrer Konfektionsgröße aus. Was die Cut-and-go-Schnitte kosteten, vor allem im Vergleich zu den abgepackten, gedruckten Einzelschnitten, ist leider nicht überliefert, im Heft ist ein Rabattgutschein über 2 Mark abgedruckt. Kann sich jemand an das Gerät erinnern? Gab es das dann, wie im Artikel angekündigt, auch in anderen Städten? 

Donnerstag, 10. September 2015

Schnittmusterparade Juli-August

Ein paar Tage im September musste ich vergehen lassen, ehe ich euch hier den Rückblick auf die neuen Indie-Schnitte im Juli und August präsentiere: Die Herbst-Winter-Kollektion von named patterns wollte ich nämlich noch abwarten.

Ich mag an den Schwestern aus Finnland, dass sie vollkommen auf Retro-Anklänge verzichten, das ist unter den kleinen Schnittmusterfirmen ja eher die Ausnahme. Ihre neue Kollektion "The new black" bietet lauter Klassiker: Ein Hemd, ein Wickelkleid, einen geraden Rock, aber immer mit einem kleinen Kniff, einer kleinen Besonderheit. Das Sloane-Sweatshirt hat zum Beispiel einen interessanten schrägen Abnäher im Vorderteil (den Monika zuerst entdeckt hat), ich bin gespannt, was der für die Passform bewirkt. In den Isla Trenchcoat habe ich mich direkt verguckt. Schon seit dem Frühjahr wollte ich mir einen Trench nähen, Stoff und Futter liegen bereit, und Isla sieht für mich wie der perfekte Schnitt aus. Aber 16€ für einen pdf-Schnitt ist schon eine Investition, und das Zusammenkleben finde ich bei named leider besonders unerfreulich. Wieviele Seiten mögen das sein? Ich glaube den Mantelschnitt muss ich erst noch ein bißchen anschmachten, ehe ich ihn (vielleicht) kaufe.

Am letzten Augusttag gab es auch die Winterkollektion von Deer&Doe: Zwei Kleider und ein bodenlanger Rock. Das Kleid Arum besteht aus nur drei Schnittteilen und soll Nähanfängerinnen ein Erfolgserlebnis bieten: Keine Ärmel einsetzen, denn die sind gleich angeschnitten, kein Reißverschluss, keine Kräusel, Abnäher oder Knopflöcher. Trotzem wirkt das Kleid überhaupt nicht wie ein typischer "Anfängerschnitt" - dass alle technischen Schwierigkeiten umgangen werden, fiel mir erst auf, als ich den Text las, der das erklärt. Eine gute Idee für alle, die gleich etwas "Richtiges" nähen wollen.
Cardamome, das zweite Kleid, ist dafür eher etwas für Fortgeschrittene: Es hat einen klassischen Hemdkragen, Dreiviertelärmel mit Manschetten und Ärmelschlitzen und eine runde Passe im Oberteil, die mit einer Paspel abgesetzt werden kann. Der dritte Schnitt, Fumeterre, ein bodenlanger ausgesteller Bahnenrock, gefällt mir am besten. Er scheint eine schöne Weite zu haben, die Taschen erinnern an das Erfolgsmodell 106 aus Burda 5/2012.


République du Chiffon brachte verteilt über die letzten acht Wochen eine Mini-Kollektion bestehend aus Rock, Bluse und Kleid heraus: Der Rock Charlotte ist ein kurzer Bahnenrock mit aufgesetzten Taschen, Bluse Nadine ist ärmellos und vorne zum Knoten, und Kleid Areli hat einen Einsatz im Vorderteil, der mit einer Paspel abgesetzt wird.

Kleider


Machen wir doch gleich mit den Kleidern weiter: Sewaholic brachte Anfang Juli gleich zwei Schnitte heraus und stellte sie in einem Blogpost vor. Nicola ist ein lockeres Hemdblusenkleid mit Passe und Kragen, wahlweise mit langen oder kurzen Ärmeln, Harwood hat eine längere Passe und einen hochgeschlossenen runden Ausschnitt.

Auch bei Tilly and the Buttons gibt's wieder etwas Neues (und weiter unten sogar noch einen zweiten Schnitt von ihr): Das Kleid Bettine gefällt mir sogar richtig gut, trotz Gummizug in der Taille. Ein weiter Ausschnitt, lockere halblange Ärmel und große Taschen im Rockteil machen es zu einem unkomplizierten Sommerkleid, das aus Webstoffen und aus Jersey genäht werden kann. Die Nähbeispiele, die Tilly seither auf ihrer Seite zeigte, finde ich überzeugend: Der Schnitt steht offenbar jedem Stoff und jeder Frau.
 
Für den Davina Dress von Itch to Stitch gilt das auch: Die Nähbeispielnäherinnen sind ein toller Querschnitt durch alle Altersgruppen und Figurtypen, und an wirklich jeder sieht das Jerseykleid mit geraffter Brustpartei und Halbtellerrock klasse aus.

Die Kategorie Röcke und Hosen blieb von Juli bis September leer - sehr merkwürdig, da doch gerade Röcke sonst die Lieblinge der Schnittmusterdesignerinnen sind.

Oberteile


Trotz grassierender Oberteilschwäche in deutschsprachigen Nähnerd-Kreisen, neue Oberteilschnitte gab es durchaus in der Welt der unabhängigen Schnittmusterfirmen. Allerdings, das muss ich einschränkend sagen, diesmal irgendwie nichts, was mir gefällt.

Von Sew Liberated gibt es gleich zwei neue Oberteile, das Penelope Top, ein simples T-Shirt mit aufgesetzten Taschen aus Webstoff, fast möchte ich sagen: wie es uninteressanter nicht sein kann, und das Wendy Top, ein ärmelloses Blüschen mit Bubikragen und rüschigen Minärmeln, das überhaupt nicht mein Fall ist. Was Penelope zu wenig hat (Raffinesse, Details) hat Wendy zu viel (Rüschen).

Und auch von dem neuen Schnitt von Muse Patterns hatte ich mir mehr versprochen, schließlich waren der Jenna Cardigan und das Wickelkleid Gillian große Hits. Die neue Strickjacke Sophie finde ich von der Idee her auch gar nicht verkehrt: Mit den großen Vordertaschen und dem Reißverschluss erinnert sie an eine Trainingsjacke, so weit, so sympathisch. Die Nähbeispiele bei der Schnittvorstellung und in einem späteren Post überzeugen mich aber alle nicht: Zu kurz, zu eng, der Kragen sitzt nicht, bei einigen zieht die Jacke in der Mitte hoch... Liegt das am Schnitt oder an der Ausführung, oder bin ich einfach zu kritisch? 

Waffle patterns, die Designs einer in Amsterdam lebenden Japanerin, mag ich ja sehr, ich finde sie haben eine japanische Anmutung, sind dabei aber trotzdem für die typischen nordeuropäischen Körperformen geeignet. Der Mantel Pepernoot und der Dufflecoat Caramel wurden beim letzten Herbstjacken-Ssewalong einige Male genäht. Neu im Programm ist nun die lockere, fließende Bluse Monaca mit drapiertem Vorderteil - ein Design das ich mir nur in Kombination mit einer schmalen Hose vorstellen kann, und das für mich deshalb nicht so interessant ist.  

Unterwäsche


Unterbekleidung bildet dieses Mal eine eigene Kategorie, der zweite neue Schnitt von Tilly and the Buttons ist nämlich ein Unterwäscheset aus Hemd und Boxershorts namens Fifi (ausgerechnet!). Aber niedlich ist es ja. 

Kostenlose Schnitte


Ein toller Fund von @ffdesigners: Das Peppermintmag ist eine australische Papierzeitschrift für Öko-Lifestyle, die auf ihrer Webseite eine Rubrik "Nähschule" mit lauter kostenlosen Schnitten anbietet, meistens Kleidung, aber auch Taschen und Kuscheltiere.

Eine Menge Schnitte zum Herunterladen gibt es anscheinend auch im Blog On the cutting floor. Ich sage "anscheinend", weil der der Blogpost über eine kleine Beuteltasche mich immer nur auf eine Übersichtsseite schickte. Ein paar Kleiderschnitte konnte ich hingegen problemlos aufrufen. Und: fast alles, was auf der Seite Ärmel hat, hat auch große Falten unter den Achseln. Also Vorsicht, nicht zu viel erwarten!

Neu gefunden


Wear Lemonade, ein kleines französisches Label, begegnete mir in den letzten Wochen mehrmals an verschiedenen Stellen im Netz. Es gibt sehr schick aufgemachte Papierschnittmuster, alle Modelle aber auch als unfassbar günstigen pdf-Schnitt, und, für Leute die nicht nähen mögen oder können, auch eine limitierte Anzahl fertig genähter Teile. Die Schnittübersicht zeigt nur die Modellzeichnungen, die genähten Modelle - darunter viele sehr modische Sachen wie Jumpsuit und Latzhose - sind unter "Clothes" zu finden.

Erinnert ihr euch an Chinelo Bally, die talentierte Finalistin der 2014er-Staffel des Great British Sewing Bee, die alle ihre Schnitte direkt auf den Stoff zeichnete und so alles, wirklich alles von der Hose bis zum atemberaubenden Abendkleid nähte? Sie hat nun ein Nähbuch geschrieben, das im November erscheint und das sie bei einem Event im Londoner Fashion und Textile Museum vorstellen wird. Auf das Buch bin ich sehr gespannt - in Chinelos Blog, das sie leider schon lange nicht mehr aktualisiert hat, konnte man ja schon einen kleinen Einblick in ihre Schnitttechnik bekommen, und wenn, wie es aussieht, das Buch diese Methode systematisch erklärt, dann ist das wirklich etwas ganz Neues auf dem Nähbuchmarkt.