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Samstag, 1. Januar 2011
Die schwarze Kiste
Diese Kiste stand zuletzt zwanzig Jahre lang im Keller meiner Schwiegereltern. Eine Kiste voller Werkzeug, voller Möglichkeiten. Jetzt steht sie bei mir.
Das Werkzeug meines Schwiegervaters, eines Feintäschnermeisters. Seine Geschichte ist - so weit ich weiß, denn viel erzählt er nicht, schon gar nicht über sich selbst - keine Geschichte von glücklichem Handwerk und goldenem Boden, aber gerade deshalb nicht untypisch.
Die Entscheidung für diese Ausbildung war wohl nicht seine eigene. In den frühen 50er Jahren entschieden das die Eltern. Basta. Möglicherweise kannten sie über drei Ecken einen Lehrherren, möglicherweise erschien ihnen die Lederverarbeitung als ein zukunftsträchtiges Geschäft. Wurden Koffer und Taschen, Börsen und Gürtel nicht immer gebraucht? Na also. - "Warum halt net", wird mein Schwiegervater gedacht haben.
In der Lehre verdiente mein Schwiegervater fast nichts, und die Werkzeuge aus der Kiste musste er aus eigener Tasche bezahlen. Und noch Geld zuhause abliefern, und sich kontrollieren lassen.
Nach der Ausbildung ging er in einen kleinen Ort in Bayern, weit weg von der besitzergreifenden Familie. Dort wurde alles besser. Er arbeitete in einer Lederwarenfabrik und verdiente als Geselle viel mehr als die ganzen Ungelernten. Das Geld reichte zwar nicht immer bis zur nächsten Lohntüte, aber bei der freundlichen Wirtin des Dorfgasthofs bekam er trotzdem ein Mittagessen, und er lernte die hübsche und lustige Tochter der Wirtin kennen. In die er sich verliebte und die später heiratete, nicht ganz unwichtig für diese Geschichte: Deshalb steht die Kiste jetzt hier.
In den Sechzigern florierte die Fabrik noch. Mehrere Dutzend Mitarbeiter fertigten Brieftaschen, Portemonnaies, Schlüsseletuis und Schreibmappen. Stanzen für Kleinteile und Pappen gab es, eine Zuschneidemaschine, mit der mehrere Lagen Leder geschnitten werden konnten, ein paar Nähmaschinen, sonst war alles Handarbeit, fast wie vor hundert Jahren.
Die Siebziger waren schon schwieriger. Noch bestellten die Autohäuser Schlüsseletuis mit eingeprägtem Firmenschriftzug, die Firma zog sogar in einen Neubau im Ort um. Aber die Gaststätte der Schwiegermutter warf schon längst viel mehr ab, als die Arbeit in der Fabrik. Ein Häuschen wurde davon gebaut. Mein Schwiegervater machte den Meisterbrief, um mehr zu verdienen. Sein Meisterstück war eine trapezförmige Handtasche, die es aber nicht mehr gibt - "die ist schon lange weg."
Die Achtziger brachten die ersten Anzeichen der Globalisierung. Der Sohn des Firmeninhabers übernahm den Betrieb. Die Konkurrenz im Ausland produzierte längst viel billiger, also kaufte er die Standardgeldbörsen selbst im Ausland ein. Das schien ihm betriebswirtschaftlich vernünftig. Für die paar Spezialaufträge, die man noch hatte, brauchte man dann auch viel weniger Mitarbeiter. Jedes Jahr weniger. 1990, als der Betrieb schließlich geschlossen wurde, hatte er noch acht Angestellte, darunter meinen Schwiegervater. Sie wurden entlassen, mein Schwiegervater in die Frührente. "Das war das beste, was mir passieren konnte." In den letzten Jahren hatten sie nur noch Schlüsseltaschen mit Reißverschluss zusammengenäht, Tag für Tag.
Seitdem stand die Kiste im Keller, fast unberührt, bis auf das Locheisen Nummer 4, das ist nämlich die Größe, die man braucht, um einen Gürtel mit zusätzlichen Löchern zu versehen, und sowas kommt ja häufiger vor. Beim letzten Besuch gab er mir die Kiste mit, einfach so.
Jetzt steht sie bei mir. Mit unvollständiger Geschichte, aber voller Möglichkeiten. Ich werde mich 2011 also ganz sicher mit Lederverarbeitung befassen. Noch weiß ich zum Teil nicht, wie diese Werkzeuge eigentlich heißen, und was man genau damit anstellt. Mit Hilfe einiger Arbeitsproben von mir hoffe ich, beim nächsten Besuch etwas mehr zu erfahren (und sei es, dass er über meine stümperhaften Versuche lacht).
Ich wünsche euch für 2011 eine solche Kiste voller Werkzeuge und Möglichkeiten - macht was draus!
Für euer nie erlahmendes Interesse und eure vielen Kommentare im vergangenen Jahr danke ich euch - dieses Blog wäre nichts ohne seine Leserinnen! Danke. Auf ein gutes Jahr 2011.
Donnerstag, 9. Dezember 2010
Japanisch inspiriert und improvisiert
Wisst ihr, was ich am Nähen so liebe? Erstens - es wird nie langweilig. Zweitens - wenn ich irgendwo ein Kleidungsstück sehe, das mir gefällt, dann kann ich in den meisten Fällen sagen: ich näh mir das selbst, und womöglich sogar besser und passender für mich als das Original.
Die Idee zu diesem Rock entstand, als ich vor ein paar Wochen ständig in der Nähe des Hackeschen Markts zu tun hatte und auf dem Heimweg jeden Tag an der Filiale von Muji vorbeikam. Diese japanische Ladenkette – eine Art Ikea und H&M in einem, aber mit japanischen Preisen – wird von Frauenzeitschriften immer als "DER Kult-Laden aus Japan" bezeichnet. Naja – wenn es bei euch keinen Muji gibt, nicht traurig sein, so viel verpasst ihr nicht (außer vielleicht die Schreibwaren – um das Alphabetstempelset schleiche ich seit langem herum). Den Kleidern sieht man an, dass sie wie die Ware woanders auch aus dem Überseecontainer aus China stammen, und sowas reizt mich eigentlich gar nicht mehr.
Aber manchmal gibt es Teile mit originellen Schnittdetails, die einen zweiten Blick lohnen. Vor ein paar Wochen fand ich karierte Wollröcke mit großen seitlichen Taschen interessant, die halb um den Rock herumreichen. Allerdings ungefüttert und nicht waschbar. Ich machte ein verschämtes Foto und wollte mir das Detail für irgendwann später merken, aber dann setzte sich die Idee fest.
Ein Karostoff war auf dem Markt schnell gefunden. Normalerweise nicht unbedingt das, was ich sonst kaufen würde – er ist grob gewebt und erinnert ein wenig an eine dünne Wolldecke, hat eine leichte Crashstruktur, kratzt aber nicht und hält sehr warm.
Den Schnitt überlegte ich mir selbst anhand meiner Maße, er besteht im Prinzip aus lauter rechteckigen Teilen und einem breiten Formbund von einem vorhandenen Rockschnitt. Passend gemacht wurde das ganze durch Einkräuseln, womit die Rockteile auf die Weite des Bundes gebracht werden, und die Taschenoberkanten auf die Weite des Taschenfutters. Letzteres ist die signifikante Verbessserung gegenüber dem Original, da habe ich nämlich einen altrosa gemusterten Baumwollstoff verwendet, wo das Original auch nur Wollkaro hat. Die obere Kante der Taschen ist mit einem Lederstreifen eingefasst.
In voller Wintermontur, also mindestens zwei Tshirts, dicker Pullover, Mantel, Schal, Mütze, Rock und Unterrock sehe ich zwar aus wie die sprichwörtliche sibirische Kolchosbäuerin, aber ohne den kleinsten Anklang an Anna Karenina, oder wie ein Kegel mit Füßen, aber das macht nichts. Ich ziehe im Winter immer so viel übereinander, dass ich im Sommer gefragt werde, ob ich abgenommen hätte. Der Rock hat sich in meinem Schichtensystem schon bewährt und verströmt eine gewisse Gemütlichkeit, weil er mich an eine tragbare Sofadecke erinnert. Nicht in jeder Situation das richtige, aber z. B. für Kinobesuche sehr zu empfehlen.
Die Idee zu diesem Rock entstand, als ich vor ein paar Wochen ständig in der Nähe des Hackeschen Markts zu tun hatte und auf dem Heimweg jeden Tag an der Filiale von Muji vorbeikam. Diese japanische Ladenkette – eine Art Ikea und H&M in einem, aber mit japanischen Preisen – wird von Frauenzeitschriften immer als "DER Kult-Laden aus Japan" bezeichnet. Naja – wenn es bei euch keinen Muji gibt, nicht traurig sein, so viel verpasst ihr nicht (außer vielleicht die Schreibwaren – um das Alphabetstempelset schleiche ich seit langem herum). Den Kleidern sieht man an, dass sie wie die Ware woanders auch aus dem Überseecontainer aus China stammen, und sowas reizt mich eigentlich gar nicht mehr.
Aber manchmal gibt es Teile mit originellen Schnittdetails, die einen zweiten Blick lohnen. Vor ein paar Wochen fand ich karierte Wollröcke mit großen seitlichen Taschen interessant, die halb um den Rock herumreichen. Allerdings ungefüttert und nicht waschbar. Ich machte ein verschämtes Foto und wollte mir das Detail für irgendwann später merken, aber dann setzte sich die Idee fest.
Ein Karostoff war auf dem Markt schnell gefunden. Normalerweise nicht unbedingt das, was ich sonst kaufen würde – er ist grob gewebt und erinnert ein wenig an eine dünne Wolldecke, hat eine leichte Crashstruktur, kratzt aber nicht und hält sehr warm.
Den Schnitt überlegte ich mir selbst anhand meiner Maße, er besteht im Prinzip aus lauter rechteckigen Teilen und einem breiten Formbund von einem vorhandenen Rockschnitt. Passend gemacht wurde das ganze durch Einkräuseln, womit die Rockteile auf die Weite des Bundes gebracht werden, und die Taschenoberkanten auf die Weite des Taschenfutters. Letzteres ist die signifikante Verbessserung gegenüber dem Original, da habe ich nämlich einen altrosa gemusterten Baumwollstoff verwendet, wo das Original auch nur Wollkaro hat. Die obere Kante der Taschen ist mit einem Lederstreifen eingefasst.
In voller Wintermontur, also mindestens zwei Tshirts, dicker Pullover, Mantel, Schal, Mütze, Rock und Unterrock sehe ich zwar aus wie die sprichwörtliche sibirische Kolchosbäuerin, aber ohne den kleinsten Anklang an Anna Karenina, oder wie ein Kegel mit Füßen, aber das macht nichts. Ich ziehe im Winter immer so viel übereinander, dass ich im Sommer gefragt werde, ob ich abgenommen hätte. Der Rock hat sich in meinem Schichtensystem schon bewährt und verströmt eine gewisse Gemütlichkeit, weil er mich an eine tragbare Sofadecke erinnert. Nicht in jeder Situation das richtige, aber z. B. für Kinobesuche sehr zu empfehlen.
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Freitag, 3. Dezember 2010
Warme Füße
Warme Füße, oder genauer gesagt: kalte Füße, und wie man sie erwärmt, sind im Winter mein Dauerthema. Hausschuhe zum Beipiel haben sicher eine Menge Vorteile, aber wie ich finde auch eine Menge Nachteile: Sie sehen fast durchweg nicht gut aus, vorsichtig ausgedrückt. Ich erinnere nur an Hausschuhe in Tierpfotenform, braunkarierte Filzpantoffeln, neonfarbene Crocs mit Plüschfutter und an die ganze Bandbreite irgendwelcher unansehnlicher Latschen mit Korkfußbett - bleibt mir bloß weg damit! Und so einen Ruch von Spießigkeit haben Hausschuhe ja auch.
Daher schlidderte ich bis vor einem halben Jahr immer auf Strümpfen durch die Wohnung, betrachtete die handgestrickten Socken aus dem Vorrat meines Liebsten als Dauerleihgabe und hatte natürlich trotzdem oft kalte Füße.
Dass ich mich mit der Wilderei in fremden Sockenschubladen nicht unbedingt beliebt mache, hätte mir klar sein müssen - dass das Opfer meiner Sockenborgerei aber eines Tages zurückschlägt und mir ein Paar Hausschuhe schenkt, damit hatte ich nicht gerechnet. Nach dem ersten Schock musste ich zugeben, dass sich die hellbraunen Schläppchen aus einer Art Kunstwildleder mit Plüschinnenseite sehr angenehm tragen und angenehm aussehen, jedenfalls besser als mehrere Paar Socken übereinander.
Jetzt bin ich also auf den Geschmack gekommen und brauche Nachschub, denn das geschenkte Paar löst sich schon langsam auf. Ausprobiert habe ich den Schnitt von Fräulein Otten, den man bei ihr herunterladen kann.
Der Außenstoff war ehemals eine Jacke, die ich zu Abiturzeiten gekauft und sehr viel getragen hatte, Wollwalk mit Polyesteranteil, der vor der Weiterverarbeitung bei 60 Grad in die Waschmaschine gewandert ist. Das konnte ihm quasi nichts anhaben, aber jetzt bin ich sicher, dass die Schläppchen auch eine Wäsche vertragen. Die Sohle ist aus einem ebenfalls vorhandenen Fensterleder (auch waschbar), gepolstert mit einer Lage Volumenvlies, die mit der Futtersohle versteppt ist. Im hinteren Teil des Hausschuhs ist ein Gummiband eingenäht, also nicht rundherum, wie man es in Stefanies Fotoanleitung sieht.
Das Ergebnis ist jedenfalls schon mal nicht schlecht, aber aus meinem Stoff ein bißchen dünn. Beim nächsten Mal würde ich auch den oberen Teil des Schuhs mit einer Lage Volumenvlies füttern, und für die Sohle zwei Lagen nehmen. Eventuell ziehe ich den Ausschnitt vorne etwas tiefer und schneide den oberen Schuhteil im Bruch zu, damit die ganze Geschichte noch "schuhiger" aussieht. Wenn die gekauften Schläppchen richtig durch sind, werden sie außerdem geschlachtet, und die gesammelten Erkenntnisse fließen dann in den Schnitt ein.
Ich gebs ja ungern zu, aber besser als nur Socken ist das allemal. Spießig? - Egal!
Montag, 25. Oktober 2010
Lederverkauf in Berlin-Neukölln
Am Ladengeschäft der Blankenburg Orthopädieschuhtechnik auf der Neuköllner Seite des Kottbusser Damms, nicht weit vom Maybachmarkt, bin ich den letzten Jahren schon unzählige Male vorbeigegangen. Aufgefallen ist mir der Laden erst, als es so aussah, als würde er schließen, und einige Wochen lang alte Fotografien aus der Geschichte der Firma im Schaufenster standen. Die Ladeneinrichtung wurde (und wird) verkauft, und ich dachte, ach, es hat mal wieder ein altes Fachgeschäft erwischt.
Glücklicherweise ein Irrtum! Wie ich letzten Dienstag feststellen durfte, macht der Meister bis zur Rente 2013 weiter, aber ohne Schuhverkauf, "nur noch" als Maßschuhmacher und Orthopädieschuhtechniker. Dabei fallen natürlich jede Menge Lederreste an und die - nebst ganzen Lederfellen - werden nun im Laden am Kottbusser Damm 100 angeboten. Es handelt sich zum größten Teil um feines, glänzendes Ziegenleder, meistens in typischen Schuh- und Einlagesohlenfarben, also schwarz, Brauntöne, beige. In den Restekisten fand ich aber auch rot, pink, grün und dunkles lila, und die freundliche Verkäuferin, die mir suchen half, erzählte von einer Kundin, die sich aus rotem Ziegenleder einen Rock genäht und stolz im Geschäft vorgeführt hatte. Die Lederreste, für Krabbelpuschen, Portemonnaies und Taschen geeignet, kosten ab 50 Cent, ganze Ziegenfelle etwa 10 Euro.
Ein Verarbeitungstipp kam vom Meister aus dem Hinterzimmer noch per Zuruf: Dieses dünne Leder sollte man auf der Haushaltsnähmaschine mit einer normalen Nadel verarbeiten, nicht mit der Ledernadel. Ich strebe übrigens ein Portemonnaie nach Machwerk-Schnitt an, schätze aber, dass das frühestens mein Weihnachtsferienprojekt werden wird.
Blankenburg Orthopädieschuhtechnik
Kottbusser Damm 100
10967 Berlin
Haltestelle Schönleinstraße (U8)
Update November 2013: Das Geschäft schließt jetzt tatsächlich - wie angekündigt.
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