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Mittwoch, 28. November 2018

Plastikfrei reisen: Ordnung im Koffer ohne Tüten (oder auch eine nachhaltige Geschenkverpackung)

Die Überschrift klingt, als ob ich beim Verreisen jemals "Ordnung im Koffer" hätte - ich weiß ja nicht, wie es bei euch ist, aber bei mir ist in der Regel jedwede Ordnung schon beim ersten Öffnen des Koffers zerstört. Nach ein paar Reisetagen wühle ich in einem verknäulten Wust von Kleidungsstücken, gerade dass ich es schaffe, frische Sachen und Getragenes in gegenüberliegende Ecken des Koffers zu knüllen. Einige Dinge (Schuhe, Shampooflaschen) werden in ebenfalls zerknüllten Platiktüten transportiert.

Schön ist das nicht, und wie viel ich wirklich aufzuholen habe merkte ich, als ich beim letzten Upcycling-Workshop in meinem Kiez mit Nachbarin C. gemeinsam nähte. Sie ist offenbar eine äußerst versierte Kofferpackerin und besitzt eine Reihe von Stoffbeuteln verschiedener Größe für verschiedene Aufbewahrungszwecke im Koffer, unter anderem packt sie Garnituren von Unterwäsche, Strümpfen, Jeans und Oberteil für einen Tag gemeinsam in einen Beutel. Diese Art des Packens habe sich vor allem für verreisende Kinder bewährt, sagte sie (und außerdem sieht es auch noch viel besser aus als Plastiküten, von denen ich mittlerweile auch noch kaum welche habe).

Solche Beutel für Ordnung im Koffer aus alten Hemden zu nähen, war C.s Idee beim Workshop, ich habe ihr dann nur geholfen, die Idee nähtechnisch umzusetzen, und das Ergebnis war so schön und praktisch und nachahmenswert, dass es hier eine Anleitung dafür gibt.  

Anleitung Koffer-Organizer


Material
Oberhemd oder Bluse, möglichst gerade geschnitten - Größe egal, auch Kinderhemden eignen sich
passendes Nähgarn

Werkzeug
Nähmaschine (+ eventuell Overlock, gehr aber auch ohne)
Schere
langes Lineal, Handmaß oder Geodreieck
Markierstift (Bleistift reicht)
Stecknadeln
evtl. Bügeleisen

1.
Falls das Hemd oder die Bluse senkrecht verlaufende Taillenabnäher hat, die Abnäher auftrennen. (Waagerechte Brustabnäher bei Blusen ignorieren). Das Hemd glattbügeln und zugeknöpft glatt hinlegen.

2.
Aus dem Hemdvorderteil ein großes Rechteck erst anzeichnen und dann durch beide Lagen ausschneiden.
Die obere Linie verläuft auf Achselhöhe, falls dort eine Brusttasche im Weg ist, die Tasche vor dem Schneiden abtrennen. Den Hemdsaum wenn nötig ebenfalls begradigen. Beim Anzeichnen und Schneiden außerdem darauf achten, dass die Schnittlinie in einigem Abstand von den Knöpfen verläuft.


3.
Die Brusttasche  eventuell an anderer Stelle auf der Hemdvorderseite aufsteppen.

4.
Das Hemdrechteck umstülpen, Innenseite nach außen und die offenen Kanten erst stecken, dann mit 1 cm Nahtzugabe von Seitennaht zu Seitennaht steppen. Die Knopfleiste wird dabei zugesteppt. Die Naht versäubern damit sich der Stoff nicht aufdröselt, entweder mit Zickzackstich an der Nähmaschine oder mit der Overlock.

5.
Den Beutel nacheinander an allen vier Ecken auseinanderziehen und so hinlegen, dass die eben genähte Naht und die Seitennaht genau aufeinander liegen, wenn nötig etwas bügeln. Entlang der Seitennaht jeweils die gleiche Strecke abmessen und senkrecht dazu eine Linie ziehen, quer über den Beutelzipfel. Hier ist die Linie immer 3 cm von der Beutelspitze entfernt und die Querlinie ist 6 cm lang. Auf der eingezeichneten Linie stecken.

6.
Auf der eingezeichneten Linie steppen, dabei die Naht am Anfang und am Ende durch Rückwärtsnähen befestigen.

7.
Den Beutel auf due rechte Seite drehen und überprüfen, ob schöne Ecken enstanden sind - wenn die Quernaht für das eigene Perfektionsbedürfnis zu schief geworden ist, nochmal trennen und neu nähen.

8.
Die abgenähten Zipfel wegschneiden, so dass eine Nahtzugabe von 1 cm stehen bleibt und die Nahtzugabe mit Zickzack versäubern, oder Zipfel wegschneiden und versäubern in einem Arbeitsgang mit der Overlock machen. Bei einer Overlocknaht am Anfang und am Ende eine Garnkette stehen lassen und die Fäden mit einer dicken Nadel in die Naht ziehen.

9.
Fertig!


Die Beutel sind durch die Knopfleiste in der Mitte sehr praktisch, gerade für kleine Wäschestücke, sie sind waschbar, haltbar - und sie sehen gut aus. Für Vielreisende bestimmt auch ein gutes Weihnachtsgeschenk, für alle anderen eine weiternutzbare Geschenkverpackung, man findet bestimmt einen Ort, wo so eine Tasche nützlich ist.

Donnerstag, 20. September 2018

Workshops beim Lillestofffestival und bald auch in Berlin


Am vorletzten Wochenende war wieder das Lillestofffestival in Hannover, das zweitägige Nähevent, über das ich hier und hier schon mal geschrieben hatte. Es war so (im positiven Sinn) irre wie die Jahre zuvor: Etwa tausend Frauen, die ein Wochenende lang in einer Messehalle nähen, reden, Stoff kaufen, Nähworkshops besuchen, Spaß haben - und abends und nachts geht die Party oft noch weiter. Am Samstagmorgen kam mir am Eingang zur Halle als erstes eine Frauengruppe entgegen, die einen Bierkasten schleppte. Denn - das finde ich so sympathisch an dem Festival - es ist keine durchkommerzialisierte Veranstaltung. Anders als bei Konzerten oder anderen Festivals, kann man sich zum Beispiel Getränke selbst mitbringen, wenn das (kostenlose) Wasser aus den Wasserspendern und der sehr gute (in der Eintrittskarte enthaltene) Kaffee vom Hannoveraner Café Vélo nicht reichen. Man merkt, dass die Organisatorinnen von Lillestoff einfach selbst gerne nähen und Stoffe lieben, und dass es deswegen dieses Festival gibt.

Der Stand von Lotte Martens
Die Verkaufsstände in der unteren Halle wechseln jedes Jahr und sind nicht auf Gewinnmaximierung angelegt, sondern geben auch kleinen, sympathischen Firmen die Gelegenheit, sich zu präsentieren - dieses Jahr zum Beispiel der belgischen Stoffdesignerin Lotte Martens mit ihren von Hand bedruckten, einfach wunder-wunderschönen Stoffen (die sie jetzt auch in einem eigenen Onlineshop anbietet, der auch nach Deutschland versendet, soweit ich sehe sogar zum Teil portofrei).

Ich hatte die Stoffe schon auf der Handarbeit&Hobby in Köln gesehen und war ganz hingerissen von den Mustern und den metallischen Farben der Drucke. Die Stoffe sind ganz anders als alles, was man sonst in Stoffgeschäften sieht, und nachdem ich zwei volle Tage um den Lotte-Martens-Stand herumgeschlichen war, kaufte ich am Sonntag Abend dann wirklich ein bedrucktes Stoffpaneel: Mittelfesten Viskose-Polyester-Twill in dunkelblau mit einem kupfergoldenen Druck. Seither habe ihn in Reichweite liegen und streichele ihn ab und zu. Hach.


Der schöne gemusterte Jersey rechts war im Goodie-Bag des Festivals - Modaljersey Breeze, eine tolle Farbe und ein schönes Muster, sehr fließend, mal sehen, was das wird.

Die Stoffe von Lotte Martens haben nicht nur schöne Muster, sondern auch eine besondere Haptik

Nachdem dieses peinliche Geständnis einer Stoffsüchtigen heraus ist, will ich aber endlich zu dem Thema kommen, weswegen ich eigentlich bloggen wollte: Die Workshops. Während des Festivals laufen eine Menge Näh- und andere Workshops, die man zusätzlich zum Festivalticket buchen kann. Wie in den zwei Jahren zuvor gab ich zwei verschiedene Upcycling-Workshops und dieses Mal ganz neu auch einen Workshop zu meinem Lieblingsthema, Stoffkunde.


Ich habe mich sehr gefreut, dass der Workshop tatsächlich ausgebucht war, obwohl das Thema auf den ersten Blick sicher nicht so sexy ist wie "wir nähen gemeinsam etwas schönes Neues" - aber Stoffe werden umso interessanter, je besser man sie kennenlernt, und man hört nie auf, zu lernen. Ich hatte für jede Teilnehmerin einen Stapel Stoffproben zum Mitnehmen geschnitten und eine Menge andere Stoffproben mitgebracht, so dass es viel zum Anfassen und Vergleichen gab, so dass man zumindest im Überblick einmal die verschiedenen Webarten kennenlernen konnte.

Blöderweise wurden die Fadenlupen, die ich eigentlich wirklich rechtzeitig bestellt hatte, nicht rechtzeitig zugestellt - oder besser gesagt, das Paket wurde irgendwo abgegeben und war dann erstmal weg, was mich ziemlich Nerven kostete. Am Dienstag nach dem Workshop bekam ich es dann endlich, und mittlerweile sollten alle Workshopteilnehmerinnen ihre Lupen per Post bekommen haben.

Der T-Shirt-Notarzt, bei dem löchrige oder fleckige T-Shirts durch "umgekehrte" Applikationen gerettet werden, ist fast mein Lieblingsworkshop, weil die Technik im Grunde ganz einfach ist, und die Ergebnisse immer total gekonnt und eben wirklich individuell aussehen, selbst wenn man vorgefertigte Schablonen nimmt. Ich suche vor jedem Festival nach neuen Motiven und schneide einige neue Schablonen, dieses Mal war der ganz reduzierte aber unverkennbare Pandabär neu dabei.


Der Workshop zum Oberhemden-Upcycling ist immer besonders spannend, weil das Ergebnis nicht vorgegeben ist und es jedes Mal eine Überraschung ist, welche Materialien und welche Ideen die Teilnehmerinnen mitbringen. In diesem Jahr war lustigerweise der Rock aus einem abgeschnittenen Oberhemd das beliebteste Modell, der in den Jahren zuvor noch nie genäht worden war, dafür gab es kaum Oberteile. Wie immer habe ich viel zu wenig Bilder gemacht (und einige aus Versehen schon gelöscht), daher hier stellvertretend nur zwei, eine schulterfreue Bluse und ein Kinderkleid.

An dieser Stelle auf jeden Fall nochmal vielen Dank an alle Teilnehmerinnen, es war wie jedes Jahr ein Vergnügen mit euch!

Upcycling-Workshops in Berlin


Beide Workshops - den T-Shirt-Notarzt und das Oberhemden-Upcycling - gibt es im September und Oktber auch in Berlin, und Anmeldungen sind jetzt möglich.

Der T-Shirt-Notarzt zur Rettung abgeliebter Jerseyoberteile findet am Sonntag, 30. September von 11 bis 13.00 Uhr im KungerKiezgarten Paradiesapfel (Bouchéstraße 75, 12435 Berlin) statt (bei schlechtem Wetter um die Ecke in der Galerie KungerKiez, Karl-Kunger-Str. 15) und kostet 5 €, Anmeldung unter klima@kungerkiez.de. Bringt löchrige, aber sonst noch gute T-Shirts mit, Jerseyreste, falls ihr habt, oder T-Shirts zum Ausschlachten, eventuell Stickgarn und eine kleine Schere. Informationen zum Workshop findet ihr auch hier auf der Seite des Klimaprojekts im Kungerkiez.

Oberhemden-Recycling ist am Sonntag, 28. Oktober von 10.30 bis 14.30 Uhr in der Galerie KungerKiez, Karl-Kunger-Straße 15, 12435 Berlin. Auch hier bitte unter klima@kungerkiez.de anmelden. Hier kann nach Herzenslust geupcycelt werden - große Hemden eignen sich besonders gut, aber wenn ihr zu rettende Liebligsstücke habt, dann kümmern wir uns auch darum. Bringt außerdem Nähzeug mit, soweit vorhanden, und da wir mit der Maschine nähen, wären Näh-Grundkenntnisse von Vorteil. (Dazu gibt es noch keinen Eintrag auf der Klimaprojekt-Webseite, das trage ich dann nach).

Bei beiden Workshops ist die Zahl der Teilnehmerinnen begrenzt, daher am besten gleich anmelden, wenn ihr kommen wollt.

Mittwoch, 20. September 2017

Impressionen vom Lillestoff-Festival 2017


Vor zwei Tagen kam ich vom Lillestoff-Festival zurück, wo ich insgesamt vier Upcycling-Workshops gegeben hatte. Ehe die Eindrücke in Vergessenheit geraten, möchte ich wenigstens die paar Handyfotos zeigen, die ich während dieser irrsinnigen Nähnerd-Veranstaltung gemacht habe. Wer das Festival nicht kennt: Bei dem Event, das von dem Langenhagener Stoffhersteller Lillestoff veranstaltet wird, treffen sich Nähende von weit her, um an einem Wochenende zwei Tage in einer Messehalle in Langenhagen zu nähen, zu plaudern, Stoff zu kaufen und Workshops zu besuchen.


Dieses Jahr kamen noch mehr Besucherinnen als im letzten Jahr in den Genuss, zwei Tage ungestört durchzunähen - irgendwo hörte ich von 1000 Besucherinnen am Tag, und in der unteren Halle, wo die Nähtische stehen, war kein Durchkommen mehr. In der dritten Etage, der Workshopetage, war es glücklicherweise luftiger und ruhiger. Ich bin auch nicht richtig dazu gekommen, mich unten umzusehen, dazu waren meine Pausen zu kurz.


Wahrscheinlich gehört es sich nicht, einfach fremde Nähmaschinen zu fotografieren (auch wenn eine Nähmaschine kein Persönlichkeitsrecht hat) - aber diese fand ich so klasse, dass ich beim Gehen am Samstagabend ein Bild machen musste. Eine gelbe Privileg Topstar electronic! Ich habe akuten Nähmaschinenneid.


Für die Oberhemden-Refashion-Workshops am Samstag und Sonntag Vormittag hatte ich einige Beispiele mitgebracht - und genügend Material zum Zerschnippeln. Diese Workshops sind für mich immer ziemlich anspruchsvoll und aufregend, denn jede Teilnehmerin näht ein anderes Projekt, noch dazu weiß ich vorher nicht, was für Material die Teilnehmerinnen mitbringen und wie sich die Ideen entwickeln. Das war auch dieses Mal wieder interessant und spannend, und die Teilnehmerinnen waren eine tolle Truppe, die wagemutig losnähten, sich gegenseitig berieten und in viereinhalb Stunden fast alle ein fertiges oder bis-auf-den-Saum-fertiges Teil mit nachhause nehmen konnten.


Am Sonntag habe ich wenigstens an zwei Nachher-Bilder gedacht: Britta (@by_bertitroete bei Instagram) hatte ein weinrotes Hemd, eine knielange graue Sweathose, eine dunkelgraue Hose aus einem leichten Stoff und einen groben Plan für ein Kleid. Die Hosenbeine der im Schnitt auseinandergeschnittenen Sweathose ergaben geradezu perfekte Ärmel. Der Übergang vom Hemd zum Kleid mit einer Raglannaht wurde nach und nach durch Ausprobieren ermittelt - im Rücken gibt es einen dreieckigen Cutout zwischen den Ärmelteilen. Für den Abschluss am Hals probierten wir eine Menge aus: Aufgesteppte Manschetten am Ausschnitt, Stoffstreifen aus dem Hemdärmeln als Schalkragen, aber letztlich war die schlichteste Lösung, ein breites Bündchen, die beste.


Julia nahm sich ein experimentelles Projekt aus dem Buch "Redesign" vor: Ein großes Hemd wird dabei so lange in Falten gelegt, die festgesteppt werden, bis es der neuen Trägerin passt. Im Buch entsteht so eine asymmetrische Bluse (siehe Bild unten), bei Julia entwickelte sich die Sache eher in Richtung Schößchenjacke, auch wenn es zwischendurch nach gar nichts aussah. Nach einem kleinen Durchhänger vor dem Mittagessen brachte dann der V-Ausschnitt den Durchbruch. Leider lässt sich die interessante, strukturierte Oberfläche der Jacke durch ein Handyfoto nicht besonders gut wiedergeben - die Jacke ist wirklich etwas besonderes geworden, und ich bin froh, dass Julia sich an dieses Projekt gewagt hat. Es hätte nach stundenlanger Herumnäherei schließlich auch nur ein seltsames Etwas herauskommen können. Aber das ist das Schöne an Upcyclingprojekten: Man kann Dinge ausprobieren, die man sonst nicht nähen würde, weil das Material schon vorhanden ist und man wenig kaputtmachen kann.  


Die Bluse mit Rüschenärmeln war ja auch so ein Experiment - ich wusste vorher nicht, ob ich diese Ärmel mögen würde - und ich trug sie am ersten Festivaltag. Fazit: ich mag die Ärmelrüschen sehr, bin aber kein Fan der Raglankonstruktion des Schnitts (111 aus Burdastyle 2/2014), weil die Bluse und damit auch die Raglanpartie ziemlich weit ist und die Ärmel daher nicht besonders sitzen. Falls mal wieder das Bedürfnis nach Rüschenärmeln aufkommt, würde ich einen gut sitzenden Oberteilschnitt mit eingesetzten Ämreln entsprechend abwandeln.

Foto: Frau Masulzke

Und nicht zuletzt: Es ist auch immer wieder schön, bei so einem Festival Blog-Bekannte zu treffen, die weit weg wohnen - Gruppenbild mit Frau Crafteln Meike, der Komplizin Dana und rosa p. Rike, wir alle etwas übernächtigt, aber gut gelaunt vom vorherigen Abend, als wir in Klassenfahrtmanier bis zu einer Uhrzeit strickten, die ich lieber nicht zur Kenntnis genommen habe.

Donnerstag, 14. September 2017

Aus einem alten Oberhemd genäht (111 aus Burdastyle 2/2014)


Eine spontane, schnelle und dabei sehr befriedigende Refashion-Näherei habe ich gestern unternommen und dabei festgestellt: Aus einem alten Oberhemd Größe 52 lässt sich mühelos ein kurzes Top mit gerüschten Ärmeln nach Burdaschnitt 111 aus Heft 2/2014 nähen, jedenfalls in Größe 38.

Das Zuschneiden war ganz einfach: Das Vorderteil des Tops passt auf den oberen Teil des Hemdvorderteils, so dass die Knopfleiste in der Mitte verläuft. Am Ausschnitt darauf achten, dass der oberste Knopf weder zu nah noch zu weit weg von der Ausschnittkante ist.


Das Top-Rückenteil passt auf dem oberen Teil des Hemdrückens und die Raglanärmel passten geradezu beängstigend genau auf die Ärmel des Hemds. Ich konnte die Ärmel sogar mit Hilfe des Schnitts 113 aus dem gleichen Heft verlängern, wobei ich eine knappe Handbreit der Verlängerung dann doch wieder wegschnitt. Die Ärmel sind jetzt ab Achsel etwa 20 cm lang.


Der untere Teil des Hemdrückenteils reichte für zwei Stoffstreifen für die Ärmelrüschen. Bei einem Streifen verwendete ich den abgerundeten Hemdsaum einfach weiter und legte Anfang und Ende beim Annähen ein Stück übereinander. Bei der zweiten Ärmelrüsche sind die Enden wie üblich zum Ring verbunden.


Ich bin nicht sicher, ob die Ärmellänge so klug gewählt ist - die Rüsche befindet sich mit dem Saum des sehr kastigen, kurzen Tops fast auf einer Höhe, das könnte insgesamt ziemlich kastig und quadratisch wirken. Da ich das Oberteil am Wochenende beim Lillestoff-Festival anziehen wollte, wo ich zwei Oberhemden-Upcycling-Workshops gebe und wo es sicher nicht besonders warm wird, wollte ich aber unbedingt etwas längere Ärmel haben.

Wie sich die Ärmel- und allgemeinen Proportionen verhalten, kann ich erst richtig beurteilen, wenn ich Fotos von mir in dem Teil gesehen habe. (So weit ist es mit mir also schon gekommen, jahrelanges Nähbloggen hinterlässt seine Spuren: Ohne Outfitfotos geht gar nichts mehr.) Zur Not verkürze ich die Ärmel später noch ein Stück, jetzt am Wochenende trage ich die Bluse erstmal so, wie sie ist. Von der Konstruktion der Raglanärmel bin ich ohnehin nicht so sehr überzeugt - die Naht zwischen den Ärmeln und dem Vorder- bzw. Rückenteil verläuft ziemlich körperfern, das heißt die Armausschnitte sind sehr groß, was für die Beweglichkeit der Arme nicht unbedingt von Vorteil ist. Aber ich will dem Tragetest nicht vorgreifen, vielleicht freunde ich mich ja noch damit an. Genug Hemden, um weitere Rüschenärmelblusen zu nähen, wären vorhanden.

Die Details zusammengefasst:

Schnitt: 111 aus Burdastyle 2/2014, Größe 38
Änderungen: Ärmel ca. 15 cm verlängert, rückwärtiger Ausschnitt hochgesetzt, Ärmelrüsche ausgehend vom vorhandenen Material zugeschnitten
Material: ein altes Oberhemd Größe 52, Rest Schrägband zum Versäubern des hinteren Halsausschnitts, ein Stück von einem anderen Hemd für den Ausschnittbeleg vorne

Mittwoch, 21. September 2016

Eben noch in Hannover - jetzt mit Upcycling-Jeansfransenrock beim MeMadeMittwoch


Ich bin aus Hannover vom Lillestoff-Festival zurück, wo ich einige Upcycling-Workshops gegeben habe (Bericht folgt), und auch wenn ich meine Eindrücke noch einen Tag sortieren muss, kann ich schon jetzt verraten, dass ich ganz begeistert von der Atmosphäre bei dieser großen Nähparty bin. Durchgängig freundliche Leute, positive Begegnungen und unheimlich nette Mitnäherinnen bei den Workshops - das Wochenende war einfach toll.

Ehrensache, dass ich bei den Workshops etwas Umgearbeitetes anzog, einen Bahnenrock aus lauter alten Jeans, den ich bereits im März genäht, aber noch nicht verbloggt hatte.


Der Schnitt ist ein 8-Bahnenrock aus dem Buch Twinkle Sews, bei dem die Bahnen in Hüfthöhe schräg geteilt sind - sehr praktisch zur Resteverwertung und fürs Upcycling, weil man immer nur kleine Stoffstücke braucht. 


Insgesamt habe ich Stoffe von fünf verschiedene Jeans verarbeitet, auch Reste. Die oberen Teile der Bahnen sind aus dunklen Jeans geschnitten, die unteren aus sehr hellen, die Nähte sind mit kupferfarbenem Jeansabsteppgarn betont. Auf der Rückseite habe ich eine abgetrennte Jeanstasche untergebracht.


Den Saum hatte ich zuerst umgeschlagen und abgesteppt, aber das gefiel mir nicht so richtig. Der helle Stoff der unteren Bahnenteile ist größtenteils sehr dick und sperrig, das sind zerschnittene Levis 501 oder so, vor etwa 15 Jahren in den USA gekauft, viel fester und stabiler als die meisten Jeans, die es heute gibt. Der Rock stand daher sehr stark a-förmig ab. Im März hatte ich ihn so angezogen, aber die gute Idee, was ich mit dem Saum mache, hatte ich erst vorletzte Woche, als ich seit langem mal wieder einen teuren Klamottenladen besuchte. Im Voo-Store in einem Hinterhof der Oranienstraße gibt es die ganzen Marken, die derzeit in Berlin angesagt sind: Carven, Acne, Phillip Lim, Marni, Helmut Lang, irgendwas kyrillisch Beschriftetes - und jede Menge Jeanssachen mit ausgefransten Kanten. (Überhaupt sind ausgefranste, nicht verstürzte Kanten gerade der letzte Schrei, auch bei anderen Stoffen.)

Na wenn das so ist: Ausfransen kann ich auch, es dauerte allerdings einen ganzen Abend und ist jetzt immer noch nicht gleichmäßig, weil die Hosenbeine, aus denen die Rockteile geschnitten wurden, nicht ganz im Fadenlauf lagen. Bei Kaufsachen kann man sich eben auf gar nichts verlassen. Immerhin wiederholen die Zacken im Saum die Zacken der Passe. Damit der Saum nicht unendlich weiter ausfranst, ist er mit einer doppelten Nahtreihe gesichert.

Mir gefällt der ausgefranste Saum erstaunlich gut - der Rock fällt so besser, und die mitwippenden Fransen machen gute Laune. Zum Rock trage ich (schlecht erkennbar) eine Pam-Bluse (Schnitt aus La maison victor) aus dunkelblauer Viskose, ein Schnitt, den ich heute beim Me made Mittwoch wieder mehrmals gesehen habe. Und dahin gebe ich auch zurück - zur Sammlung für selbstgemachte Kleidungsstücke, die im Alltag getragen werden.

Zusammenfassung


Details Rock

Bahnenrock aus Twinkle sews, das Buch hatte ich hier besprochen, genäht aus alten Jeans

Details Bluse

Pam aus La Maison Victor, Heft vom Januar/Februar 2016
Größe 38
genäht aus etwa 1,20 m dunkelblauer Viskose von Stoff&Stil

Dienstag, 10. November 2015

"Neues Leben für alte Kleider" ist da!


Endlich komme ich dazu, euch mein neues Buch "Neues Leben für alte Kleider" vorzustellen, das ich vor ein paar Wochen angekündigt hatte. Den Karton mit den Belegexemplaren auszupacken, ähnelt vom Gefühlszustand her dem Entgegennehmen von Prüfungsergebnissen und ich brauchte ein, zwei Tage und eine Erkältung, um alles sacken zu lassen - jetzt kann ich mich endlich freuen!

Das Thema Upcycling oder Refashion interessiert mich hier im Blog ja schon seit Jahren. Ich finde es einfach ungeheuer befriedigend, eine alte Klamotte, die sonst in den Müll wandern würde, zu erhalten und noch etwas Sinnvolles daraus zu machen. Als Selbermacherin ist mir der Wert von Textilien natürlich bewusst, die viele Arbeit und die Ressourcen, die in so einem Stoff und erst recht in einem Kleidungsstück stecken. Daher tue ich mich schwer, Textilien die noch nicht nicht völlig zerfallen sind, einfach in die Tonne zu hauen. Auf der anderen Seite mag ich die Unbeschwertheit, die das Experimentieren mit alten Stoffen mit sich bringt und die kreativen Lösungen, die einem manchmal zufallen, wenn das Material begrenzt ist.

Von sehr vielen Selbermacherinnen weiß ich, dass sie alte Kleider horten und nur der letzte Anstoß fehlt, tatsächlich loszulegen, und ich hoffe, dass das Buch diesen Stupser bieten kann. Die verwendeten Materialien beschränken sich auf Jeans, Hemden, T-Shirts und Pullis, denn die hat sowieso jeder zuhause oder sie lassen sich leicht im Verwandten- und Freundeskreis sammeln. Ich habe mich nämlich selbst schon ab und zu über lebensfremde Refashion-Anleitungen geärgert, für die man sehr spezifische Dinge wie ein bodenlanges Seidenkleid oder 5 Blusen in aufeinander abgestimmten Farben und Mustern brauchte.

Neben dem Upcycling gibt es in jedem Kapital auch noch ein paar Tipps zum Reparieren: Wie stopft man eine Jeans oder einen Pullover? Wie kürzt man eine Jeans, ohne den coolen abgeschraddelten Saum zu opfern? Wie kann man ein löchriges T-Shirt retten?    


Die Projekte im Einzelnen:

Im Jeanskapitel gibt es
- Jeans stopfen, flicken, kürzen
- eine Anleitung für eine modular aufgebaute Decke oder Matte, quasi Patchwork, aber ganz einfach zu nähen
- eine Anleitung für große und sehr stabile Einkaufstaschen
- eine Anleitung für Hüllen für Laptop oder Tablet, den Schnitt macht man sich ganz einfach selber
- der Upcycling-Klassiker schlechthin: Der Rock aus einer Jeanshose
- eine kleine gefütterte Umhängetasche mit Reißverschluss 


Das Oberhemdkapitel:
- Kragen und Knopfleiste reparieren
- eine Anleitung für ganz einfache Kissenbezüge
- ein Malkittel für Kinder, den kann man gut als Vorübung für das Kleidchen nähen
- ein Sommerrock oder auch eine Schürze - ist in der Mitte unten auch auf dem Titel abgebildet
- eine Schößchenbluse, die sich unendlich variieren lässt, ein guter Einstieg ins Bekleidungsnähen
- das Kinderkleid von der Doppelseite oben. Den Schnitt zeichnet man direkt auf das Hemd.


Im T-Shirt-Kapitel geht es zuerst  um die Rettung löchriger oder fleckiger Teile durch Negativapplikationen (die Spaß machen, auch wenn sie sich, nunja, nicht so positiv anhören) und um das Konservieren abgeliebter T-Shirts mit Erinnerungswert. Genäht wird außerdem

- ein Loopschal aus dünnen Viskoseshirts
- ein Rock mit Taschen und Gummibandbund, den können ältere Kinder sicher schon mit geringer Hilfe nähen
- eine Hose für kleine Kinder aus einem alten Langarmshirt

Außerdem gibt es eine Anleitung für T-Shirt-Garn - für solches Garn gibt es ja mittlerweile viele Strick- und Häkelmodelle, für die man widersinnigerweise extra hergestelltes Jerseyschlauchgarn kaufen soll. Aber Selberschneiden ist wirklich einfach.


Im Pulloverkapitel wird das Löcherstopfen gezeigt, und wie man sich eigene Ellbogenflicken machen kann, die hübscher sind, als die Fertigteile aus der Kurzwarenabteilung. Meine Lieblingstechnik, das Pulloverfilzen kommt vor, mit Anleitungen für kleine Dinge, die man aus gefilzten Pullovern nähen kann: Kleine Hüllen für elektronische Gadgets, eine Hülle für die Wärmflasche und ganz einfache Stulpen, mit denen man gut als Weihnachtsgeschenk für den weiblichen Teil der Verwandtschaft in Serienproduktion gehen kann. Die Stulpen können Kinder auch gut umsetzen, sie brauchen vielleicht nur ein bißchen Hilfe beim Schneiden der Knopflöcher.

Außerdem gibt es eine Kinderjacke mit umhäkelten Kanten (auch auf dem Cover) und  einen Strickbolero oder Ärmelschal, also eine kurze Jacke zum Überziehen.

Die wunderbaren Fotos der fertigen Dinge hat die Leipziger Fotografin Kathleen Busies gemacht. Wir haben uns nie getroffen und die Zeit war ziemlich knapp, und trotzdem hat sie die Sachen sehr schön inszeniert und in ihren Bildern eine Stimmung geschaffen, die sehr gut zum Thema Upcycling passt. Ich bin richtig begeistert davon, dass die Kleidungsstücke von ganz normalen hübschen Frauen präsentiert werden und dass die Bilder der Kindersachen so fröhlich und natürlich geworden sind. Kathleen Busies ist offensichtlich eine ausgezeichnete Porträtfotografin und ich bin sehr glücklich, dass der Verlag sie für die Zusammenarbeit ausgesucht hat. Besser hätte es nicht laufen können.

Meike, Frau Crafteln, hat schon vor einigen Tagen über das Buch geschrieben, bei ihr findet ihr auch weitere Bilder aus dem Inneren  und wenn ihr euch sehr beeilt, könnte ihr dort heute Abend noch ein Exemplar gewinnen. Ansonsten gibt es das Buch natürlich in der Buchhandlung eures Vertrauens!

Constanze Derham
Neues Leben für alte Kleider (Mach mit!)
BuchVerlag für die Frau, Leipzig 2015
ISBN 978-3-89798-482-0
80 Seiten, 12,95 €

Übrigens: Das ABC Nähen von 2012, das einige Zeit vergriffen war, ist nun in der zweiten Auflage wieder erhältlich! Ein paar Druckfehler wurden korrigiert, sonst hat sich nichts geändert, es ist ein schlichtes, kleines, nützliches Nähtechnikbuch für Anfänger - hier hatte ich damals darüber geschrieben.

Constanze Derham
Nähen (ABC der Handarbeiten)
BuchVerlag für die Frau, Leipzig
2. Auflage 2015
ISBN 978-3-89798-361-8
72 Seiten, 9,95 €

Montag, 8. September 2014

Fully fashioned: Upcycling-Mode-Wettbewerb bei arte creative

Grafik: Perfect Shot Films ©Perfect Shot Films

Upcycling oder Refashion, kurz: das kreative Umarbeiten alter Kleidung, war schon häufiger Thema hier im Blog, zum Beispiel in der Serie Neues Leben für alte Kleider. Einen Fall für den Altkleidersack mit Nadel und Faden zu verwandeln finde ich noch viel befriedigender, als das übliche Nähen mit Meterware und neuen Zutaten. Durch die Beschränkung des Materials ergeben sich oft ganz neue und unvorhergesehene Lösungen, Refashion verbraucht wenig Ressourcen, und dass das Material häufig schon jahrelang ungenutzt im Schrank lag, macht es leicht, einfach mal unbekümmert draufloszuschneiden.
 
Aber auch Upcycling und Mode passen gut zusammen, das zeigt dieses Jahr das Modewochenende des Senders arte. Das Dokumentationsprogramm vom 27./28. September kann sich wie jedes Jahr sehen lassen und wird von einem Upcycling-Mode-Wettbewerb begleitet. 

Upcycling-Tutorial mit Jan-Philipp Gerlach - Foto: Juan Sarmiento ©Perfect Shot Films

Bis zum 29. Oktober können in der Community vorher-nachher-Bilder von kreativ umgestalteten Kleidungsstücken hochgeladen werden, zu gewinnen gibt es neben einer Nähmaschine, Nähpaketen und Burda-Abos auch einen Sommerkurs an der Esmod-Modefachschule in Berlin. Wäre das vielleicht etwas für euch? Auf der Webseite sind schon die ersten Wettbewerbsbeiträge eingegangen, zum Aufwärmen gibt es Video-Tutorials und jede Menge Links zu interessanten und inspirierenden Blogs und nützlichen Ressourcen.

Wenn euch der Wettbewerb interessiert, dann findet ihr hier alle Informationen. Ich drücke allen Teilnehmenden die Daumen und bin gespannt auf die Kreationen.

(Die Pressemitteilung zum Wettbewerb, die mir die betreuende Agentur zuschickte, weil die Nahtzugabe unter den Inspirationen genannt wird, verwendete übrigens den Begriff Näh-Nerd - wir schaffen es schon noch, dass diese Wortneuschöpfung in den Duden aufgenommen wird!)

Samstag, 30. August 2014

Nahtzugabe unterwegs: München (mit der Cargo duffle bag nach noodlehead)


Vor ein paar Wochen verschlug es mich für ein Wochenende mal wieder nach München. Neben einer Geburtstagsfeier ließ sich in die zwei Tage noch ein sehr nettes Blind Date mit Steffi und etwas Shopping mit Nähbezug hineinquetschen, dazu aber später mehr. Zuerst möchte ich aber die hart erkämpfte Cargo duffle bag nach dem kostenlosen Schnittmuster von noodlehead zeigen. Hart erkämpft deshalb, weil ich ja eigentlich keine Taschen nähe und sowohl das Anfangen, als auch das Fertigstellen dieser Tasche ohne externe Motivation nicht möglich gewesen wäre.    


Die externe Motivation fürs Beginnen stellte sich durch die Quiltgruppe ein, denn wir hatten uns überlegt, gemeinsam Taschen zu nähen und uns für das noodlehead-Modell entschieden. Ich hatte mir eine zusätzliche Schwierigkeit auferlegt, weil ich die Hauptteile der Tasche aus einem Berg schriller Krawatten patchworkmäßig zusammensetzen wollte. Die Krawatten waren eine gut gemeinte Spende meiner Schwiegertante, die ich seit 2011 von einer Ecke in die andere schob: die Muster waren zwar interessant, aber zu dem furchtbaren Kunstfasermaterial wollte mir lange nichts einfallen. Karen brachte dann - ich glaube es war bei einem kurzen Treffen im Herbst 2011 - die Idee "Reisetasche" ins Spiel - et voilà, nur knapp drei Jahre später ist diese Idee schon umgesetzt!

Ich entschied mich, Krawatten mit blauer Grundfarbe und einen schwarz-weiß gewebten, im Gesamteindruck grauen Jeansstoff zu verarbeiten. Die Krawattenstoffe schnitt ich in Rechtecke und nähte und steppte sie in quilt-as-you-go-Technik direkt mit der Volumenvlieseinlage und dem Futterstoff zusammen, so wie in diesem Tutorial.


Beim Nähtreffen schaffte ich es immerhin, die wichtigsten Teile der Tasche zuzuschneiden, die ersten Streifen zu steppen und mich von den Inch-Maßen in der Anleitung nicht wahnsinnig machen zu lassen. Es gibt offenbar zwei Dinge, durch die mein Hirn sofort in den Schlafzustand versetzt wird: Inch-Maße und Kartenspielregeln. Ich lese "Final project measures 18" x 11" x 5"", sage jaja, lache verunsichert und denke mir nichts dabei. Erst durch das Umrechnen in Zentimeter (was so krumme Maße ergibt, dass es einem beim Zuschneiden auch nicht weiterhilft), wurde mir immerhin klar, dass hier eine richtige Reisetasche am Entstehen war - die fertige Tasche ist etwa 46 cm breit, 28 cm hoch und 13 cm tief.


Alle Teile der Tasche werden aus drei Schichten - Außenstoff, Volumenvlies, Futter - zugeschnitten und durchgesteppt und erst dann zusammengesetzt. Die Nahtzugaben innen werden zuletzt mit Schrägband eingefasst. Man spart sich so zwar das Aufbügeln von Einlage und das Nähen eines separaten Futters, die kilometerlange Stepperei fand ich dann doch etwas ermüdend, und bei den Schrägabandeinfassungen nähte ich die zweite Runde mit der Hand an und versuchte erst gar nicht, die knubbeligen Nahzugaben präzise unter das Füßchen zu schieben.


Die Henkel bestehen aus Baumwoll-Gurtband vom Nähkontor, aufgesteppt auf Bänder aus Jeansstoff. Zum Verschließen der Vordertaschen (die meiner Ansicht nach zu klein sind, um irgendetwas Sinnvolles dort unterbringen zu können - eine einzige große Vordertasche wäre besser), also zum Verschließen der Vordertaschen steppte ich Klettband auf.


Die bevorstehende Reise motivierte mich dann genügend, die Tasche einigermaßen zügig und unbekümmert fertigzunähen und mich mit kleinen Unregelmäßigkeiten nicht aufzuhalten. Ich kenne mich: wenn ich erst anfange, über jede einzelne Naht zu meditieren und zu überlegen, ob das jetzt alles ordentlich genug ist, dann wird so eine Tasche bei mir niemals fertig. Und bei dieser Tasche gäbe es eine Menge Nähte, über die man meditieren könnte. Die Tasche hat sich auf der Reise dann auch bewährt: wie praktisch, das eigene Gepäckstück gleich auf den ersten Blick überall wiederfinden zu können, und eine große Verbesserung gegenüber dem abgewetzten Tchibo-Rucksack, mit dem ich solche Kurzreisen bisher bestritten hatte.

Für die Cargo duffle bag gab es hier übrigens einen Sew-along, in dem alle Nähschritte mit Fotos gezeigt werden. Ich fand in der Anleitung die Abmessungen für Vorder- und Rückseite etwas verwirrend - der Oberstoff soll etwas größer als Futter und Vlies zugeschnitten werden, und mir ist nicht klar geworden, ob damit ein Schrumpfen des Stoffes durch das Quilten ausgeglichen werden soll und welches Maß Vorder- und Rückseite letztlich haben sollen. Glücklicherweise kommt es beim Zusammensetzen der Tasche nicht auf den Zentimeter an.  

München für und mit Nähnerds


Am Sonntag traf ich dann Steffi - 81gradnord zum Kaffeetrinken, und sie hatte ein wunderbares Lokal vorgeschlagen, in dem es so viel anzuschauen gibt, dass wir bestimmt auch eine Stunde nur mit Gucken hätten verbingen können, wenn sich unangenehme Gesprächspausen ergeben hätten. Das war aber nicht der Fall, und ich hoffe wir treffen uns bald mal wieder. Ich kann deshalb auch gar nicht so genau sagen, was man alles im Café Marais kaufen kann. Das Café befindet sich in einem großen Eckladen, in dem das Inventar eines alten Textilkaufhauses erhalten geblieben ist. In den tausend Fächern, Schubladen und Vitrinen stehen jetzt schönes altes Geschirr, Deckchen, Spitzenkragen, Schmuck, Abendhandtaschen, es gibt Schals, Hüte, Kosmetik, Bonbons, Tee, Schokolade, kleine Möbel, und mir war so, als hätte ich auch Textilfarben gesehen - leider habe ich vergessen, mir diese Flaschen, die ich nur von weitem sah, genauer anzuschauen.


Außerdem kann man dort natürlich Kaffee trinken, Kuchen und kleine herzhafte Gerichte essen, und auch die Umgebung fand ich ganz interessant: Die Schwanthaler Höhe ist ganz deutlich im Umbruch, die schicken neuen Läden wechseln sich mit den Schaufenstern von Heizungsinstallateuren und Billig-Dönerläden ab, an der einen Ecke verfallen zwei ganze Häuser, an der anderen werden die Häuser schick gemacht. Ein kleine-Leute-Viertel auf dem Weg zum Szenekiez, eine Entwicklung, die ich in München nicht erwartet hätte - ich dachte tatsächlich, dort wäre schon alles durchrenoviert.


Der zweite Nähnerd-Programmpunkt an dem Wochenende bestand in einem Besuch im Orag-Haus in der Münchner Innenstadt, nahe dem jüdischen Museum und dem Stadtmuseum. Die Orag ist eine Genossenschaft des bayerischen Schneiderhandwerks, die seit dem 19. Jahrhundert Schneiderzubehör und Futterstoffe einkauft und die Rabatte bei der Abnahme großer Mengen an ihre Mitglieder weitergibt. Heute kann jeder in dem Laden am Oberanger einkaufen, und der Kontrast zu den schicken, glänzenden Geschäften in der Umgebung, den aufwendig dekorierten Schaufenstern, der raffinierten Beleuchtung, könnte nicht größer sein. Die Einrichtung der Orag ist funktional, und im Grunde immer noch so, wie nach dem letzten Ladenumbau in den 1960er Jahren: Regale mit Knopfschachteln, Reißverschluss- und Garnkisten ziehen sich bis zur neonbeleuchteten Decke, Quittungen werden per Hand ausgeschrieben und die Durchschläge mit einem Mini-Lastenaufzug in die darüber liegenden Büroräume verfrachtet.

Die Orag ist kein Ort für verfeinerte Warenpräsentation, dafür gibt es ohne Übertreibung alles, was im Schneiderhandwerk benötigt wird, unter anderem eine beeindruckende Auswahl an Knöpfen, an Trachtenknöpfen und Miederhaken für Dirndl, jede nur erdenkliche Einlage, jedes nur erdenkliche Nähgarn, außerdem Werkzeuge zum Markieren und zum Schneiden, Futterstoffe und Nähmaschinennadeln, Handnähnadeln für jedes Spezialgebiet und Stecknadeln gleich im 500g-Paket, falls gewünscht. Die Damen hinter den Verkaufstresen waren bei meinem Besuch sehr hilfsbereit und erklärten einer Nähanfängerin geduldig die Unterschiede zwischen verschiedenen Arten Schneiderkreide und diversen Markierstiften. Ich entdeckte dort den Kreideminenstift, von dem ich so begeistert bin und ließ mich zu einem Spontankauf hinreißen. Wäre das Orag-Haus in Berlin, ich wäre sicher eine häufige Kundin.

Viele weitere Einkaufstipps mit Textilschwerpunkt für München finden sich übrigens hier bei Claudia - Machen und Tun. Bei Quilt&Textilkunst konnte ich beim vorletzten München-Besuch zum Beispiel nur einmal ganz kurz reinschauen, da möchte ich mit mehr Zeit unbedingt noch einmal hin.