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Mittwoch, 7. März 2012
Ein Rechteck tragen und zur Fledermaus mutieren – Pattern magic 2
Ist das einfachste Modell aus Pattern magic 2, dem exzentrischen japanischen Schnittkonstruktionsbuch von Tomoko Nakamichi, über das ich hier schon einmal geschrieben hatte, ein gelungenes Experiment? Oder eine Zwangsjacke? Oder ein Fledermauskostüm? Ich bin mir noch nicht sicher, ob ich es mag.
Nakamichi bezeichnet das Modell von Seite 30/31 (Pattern magic Band II) als einen Schnitt, der an früher erinnere, „als noch mehr zuhause genäht wurde“. Die Einfachheit des Designs und die bestmögliche Ausnutzung des Materials mit möglichst wenigen Nähten sind das Prinzip vieler alter Schnittformen, und auch bei der Rechteckjacke wird das Material äußerst ökonomisch eingesetzt: Die Dreiecke, die von der Stoffbahn zwischen den Ärmeln und dem Rücken- bzw. Vorderteil übrig bleiben, werden um 90° gedreht und an der gleichen Stelle wieder eingenäht. Sie sorgen für die Bewegungsfreiheit sowie die erwähnte fledermausige Weite unter den Armen. Bis auf zwei kleine Stoffdreiecke bleibt von der Stoffbahn nichts übrig.
Den Schnitt zeichnet man um ein Grundschnitt- oder Blusenvorderteil herum. Glücklicherweise hatten Carolyn und Lauriana beide angemerkt, dass die Ärmel nach Schema am Saum nur 20cm weit werden und damit reichlich eng für hiesige durchschnittliche Arme. Ich setzte die halbe Weite im Schnitt daher mit 11,5cm an. Die vordere Kante und fortlaufend die Ausschnittkante versäuberte ich mit einem geraden Streifen Karostoff.
Das Jäckchen verursacht beim Tragen derzeit ein interessantes Auseinanderklaffen von Innen- und Außenwahrnehmung. Von innen betrachtet – wenn ich in mich hineinhorche, während ich es trage – fühlt es sich uneingeschränkt gut an. Es wärmt, es sitzt locker und knautscht sich um die Schultern immer irgendwie hin, und – Achtung, Argument Kategorie "Oma" – es ist „mal was anderes“. Kein steifer, formeller Blazer, aber auch keine Strickjacke.
Aus der Außensicht, wenn ich die Fotos betrachte, finde ich es merkwürdig und eher unkleidsam. Der Liebste bemängelt, es sähe so aus, als würden meine Arme irgendwo in Taillenhöhe aus dem Körper wachsen. Da der Schnitt keine definierte Schulternaht hat, rutscht es mal mehr nach vorne, mal mehr nach hinten, und das Geknautsche sieht auf Bildern irgendwie nicht so gut aus, wie es sich von innen anfühlt. Andererseits blieb das Teil im Büro komplett unkommentiert, das gibt mir zu denken – es scheint also nicht aufzufallen. Die kleine Rechteckträgerin bei Mizoal - in halber Erwachsenengröße - muss sich wohl auch noch an die Ärmel gewöhnen.
Und was halte ich nun davon? Eingedenk der Diskussion, die wir glaube ich mal bei crafteln-Meike hatten, dass ja niemand verpflichtet sei, immer und überall das allerallervorteilhafteste und allerschlankmachendste Kleidungsstück auszuwählen, werde ich das Rechteck weiterhin tragen – auf dass Innen- und Außensicht eines Tages zur Deckung gelangen.
Mehr japanische Nähprojekte findet ihr bei Tanoshii - Japanisch schneidern, wo auch jeden Monat eure Projekte gesammelt werden.
Schnitt: Tragen Sie ein Rechteck aus Pattern magic 2, Phantasievolle Schnitte, Seite 30/31
Material: 75cm dunkelgraugrüner Wollstoff mit Elasthan, 150cm breit und ein Streifen Karostoff (5x150cm) für den Beleg
Änderungen: Weite des Ärmels am Saum mit 11,5cm angesetzt (statt 10cm wie im Schnittschema vorgesehen)
Rubriken
Jacke,
Japanschnitt,
Nähen
Donnerstag, 2. Februar 2012
Pattern magic
Es gibt Nähbücher, die sind einfach legendär. 2006, als ich die Welt der Nähblogs gerade erst entdeckt hatte, las ich zuerst bei Sew-mad davon, dass sie japanische Anleitungsbücher verwendete. Ich war schwerst beeindruckt: Bücher aus Japan! In japanisch! Man kann nichts davon lesen, und Katrin schaffte es, nur anhand von Zeichnungen, Fotos und ein paar Maßangaben unglaublich raffinierte Teile zu konstruieren.
Das beeindruckendste Buch damals stammte von Tomoko Nakamichi, einer Professorin des Tokyoter Bunka Fashion College: Pattern magic. Ihre Bücher - es gibt drei Bände - sind mir seither noch öfter begegnet. 2010 erschienen sie auf englisch, und von da an tauchten die Modelle mehr und mehr in Nähblogs auf, zum Beispiel bei der Australierin Carolyn.
Weihnachten lagen Pattern magic 1 und 2 nun für mich unter dem Weihnachtsbaum – in der deutschen Ausgabe des Münchner Stiebner Verlags, der auch davon abgesehen ein ganz interessantes Programm in Sachen Mode und Modedesign hat. Sie verlieren gar nichts von ihrem Reiz, auch wenn man nun jedes Wort darin lesen kann, im Gegenteil.
Die Gestaltung der Bücher ist eine Augenweide, und die Kleider erst! Da fächern sich Ärmel wie eine Zieharmonika auf, ein um den Hals geschlungener Schal verschwindet im Vorderteil, ein Kragen wächst scheinbar aus dem Nichts heraus oder ein Tunnel durchquert einen Rock. Manche Entwürfe erscheinen total verrückt, als wollte man beweisen, was mit Stoff alles möglich ist – manche andere wie zum Beispiel die drapierten Ausschnittvariationen wirken klassisch wie ein Stück von Christobal Balenciaga aus den 50er Jahren.
Der Ausgangspunkt der Pattern-magic-Schnitte ist immer gleich: ein Grundschnitt nach der Methode des Bunka fashion College, dessen Erstellung zu Anfang im Schnelldurchlauf erklärt wird. Die Anleitungen zu den einzelnen Modellen zeigen dann mit Hilfe von Schemazeichnungen und spärlichen Erläuterungen, wie aus diesem Schnitt durch Einschneiden, Aufspreizen, Aufdrehen, Zusammenschieben und Aufteilen der Modellschnitt abgeleitet werden kann. Die Bücher enthalten also keine fertigen Schnittmusterbögen, man entwickelt die Schnitte selbst, und zwar von Grund auf.
Das ist auch in der eigenen Sprache anspruchsvoll. Von den eineinhalb Seiten Anleitung, die die Konstruktion den Grundschnittes erklären, bin ich gnadenlos überfordert. Ich vermute aber, dass man die Modelle genauso gut aus jedem beliebigen gut passenden Basisschnitt mit Abnähern ableiten könnte. Wenn man denn die Zeichnungen zu deuten versteht, die anzeigen, wo und wie aufgeschnitten, zusammengelegt, gedreht und gefaltet werden soll. Ob verschlungene Kragen, verschwindende Revers, Fächerfalten und Raffungen in Stoff dann so herauskommen, wie man sich das vorgestellt hat, dazu ist ohnehin ein Probeteil nötig. Und auch um festzustellen, ob die exzentrischen Schnittdetails mit einer mitteleuropäischen Oberweite kompatibel sind. An quasi brustlosen Schneiderpuppen wie auf den Abbildungen im Buch sieht ja alles gut aus.
Wobei das "gut aussehen" letztlich auch eine Frage der Sehgewohnheiten ist: weibliche Kleidung basierte in Europa bis auf wenige Ausnahmen immer auf dem Prinzip, eine deutliche Brust-Taille-Hüfte-Differenz zu betonen, das kennen wir, das sind wir so gewohnt, so soll es sein. Die traditionelle japanische Silhoutte hingegen ebnet diese Differenzen ein, sie folgt nicht den Konturen des Körpers - das war und ist schon bei den Kimonos so und setzt sich fort bei einigen japanischen Modemachern, man denke nur an Yohji Yamamoto, der übrigens auch ein Absolvent des Bunka Fashion Colleges war. Ich werde mit dem wie mir scheint einfachsten Stück aus Pattern magic 2 beginnen, dem Rechteck zum Anziehen (S. 30/31), hier zum Beispiel zu sehen bei Carolyn, hier bei Lauriana (petit main sauvage), und dann mal sehen, ob ich so eine lockere Stoffhülle tatsächlich anziehe.
Das beeindruckendste Buch damals stammte von Tomoko Nakamichi, einer Professorin des Tokyoter Bunka Fashion College: Pattern magic. Ihre Bücher - es gibt drei Bände - sind mir seither noch öfter begegnet. 2010 erschienen sie auf englisch, und von da an tauchten die Modelle mehr und mehr in Nähblogs auf, zum Beispiel bei der Australierin Carolyn.
Weihnachten lagen Pattern magic 1 und 2 nun für mich unter dem Weihnachtsbaum – in der deutschen Ausgabe des Münchner Stiebner Verlags, der auch davon abgesehen ein ganz interessantes Programm in Sachen Mode und Modedesign hat. Sie verlieren gar nichts von ihrem Reiz, auch wenn man nun jedes Wort darin lesen kann, im Gegenteil.
Die Gestaltung der Bücher ist eine Augenweide, und die Kleider erst! Da fächern sich Ärmel wie eine Zieharmonika auf, ein um den Hals geschlungener Schal verschwindet im Vorderteil, ein Kragen wächst scheinbar aus dem Nichts heraus oder ein Tunnel durchquert einen Rock. Manche Entwürfe erscheinen total verrückt, als wollte man beweisen, was mit Stoff alles möglich ist – manche andere wie zum Beispiel die drapierten Ausschnittvariationen wirken klassisch wie ein Stück von Christobal Balenciaga aus den 50er Jahren.
Der Ausgangspunkt der Pattern-magic-Schnitte ist immer gleich: ein Grundschnitt nach der Methode des Bunka fashion College, dessen Erstellung zu Anfang im Schnelldurchlauf erklärt wird. Die Anleitungen zu den einzelnen Modellen zeigen dann mit Hilfe von Schemazeichnungen und spärlichen Erläuterungen, wie aus diesem Schnitt durch Einschneiden, Aufspreizen, Aufdrehen, Zusammenschieben und Aufteilen der Modellschnitt abgeleitet werden kann. Die Bücher enthalten also keine fertigen Schnittmusterbögen, man entwickelt die Schnitte selbst, und zwar von Grund auf.
Das ist auch in der eigenen Sprache anspruchsvoll. Von den eineinhalb Seiten Anleitung, die die Konstruktion den Grundschnittes erklären, bin ich gnadenlos überfordert. Ich vermute aber, dass man die Modelle genauso gut aus jedem beliebigen gut passenden Basisschnitt mit Abnähern ableiten könnte. Wenn man denn die Zeichnungen zu deuten versteht, die anzeigen, wo und wie aufgeschnitten, zusammengelegt, gedreht und gefaltet werden soll. Ob verschlungene Kragen, verschwindende Revers, Fächerfalten und Raffungen in Stoff dann so herauskommen, wie man sich das vorgestellt hat, dazu ist ohnehin ein Probeteil nötig. Und auch um festzustellen, ob die exzentrischen Schnittdetails mit einer mitteleuropäischen Oberweite kompatibel sind. An quasi brustlosen Schneiderpuppen wie auf den Abbildungen im Buch sieht ja alles gut aus.
Wobei das "gut aussehen" letztlich auch eine Frage der Sehgewohnheiten ist: weibliche Kleidung basierte in Europa bis auf wenige Ausnahmen immer auf dem Prinzip, eine deutliche Brust-Taille-Hüfte-Differenz zu betonen, das kennen wir, das sind wir so gewohnt, so soll es sein. Die traditionelle japanische Silhoutte hingegen ebnet diese Differenzen ein, sie folgt nicht den Konturen des Körpers - das war und ist schon bei den Kimonos so und setzt sich fort bei einigen japanischen Modemachern, man denke nur an Yohji Yamamoto, der übrigens auch ein Absolvent des Bunka Fashion Colleges war. Ich werde mit dem wie mir scheint einfachsten Stück aus Pattern magic 2 beginnen, dem Rechteck zum Anziehen (S. 30/31), hier zum Beispiel zu sehen bei Carolyn, hier bei Lauriana (petit main sauvage), und dann mal sehen, ob ich so eine lockere Stoffhülle tatsächlich anziehe.
Montag, 21. März 2011
Kimonovariationen von MO-A
Wie ich zufällig gerade heute beim Blick auf Kathrins Blog annekata lernen durfte, ist der Kimono nicht nur für uns Westler das japanische Kleidungsstück schlechthin, wie sie schrieb bedeutet die Bezeichnung „Kimono“ übersetzt tatsächlich „thing to wear“, eine Sache zum Anziehen. Ein Universalkleidungsstück also, das je nach Material zuhause oder zu den allerförmlichsten Gelegenheiten getragen werden konnte, und das nach seinem ersten Leben als Kimono gewöhnlich auf verschiedenste Art recycelt wurde, wie man bei Kathrin nachlesen kann.
Die Berliner Designerin Monika Alschweig (MO-A) nimmt den Aspekt der universellen Tragbarkeit zusammen mit Elementen der traditionellen Kimono-Schnittform in ihre Designs auf.
Es entstehen zum Beispiel Mäntel und Jacken, die sowohl zuhause als Morgenmantel tragbar sind, aber auch über einem Abendkleid eine gute Figur machen würden. Die im Sommer als leichte Jacke für draußen dienen können, oder in der kälteren Jahreszeit Tag für Tag als Strickjackenersatz.
Eine Auswahl dieser feinen Kreationen von MO-A aus Seide, Viskose, Leinen und Wolle konnte ich mir überraschend am Samstag bei einer Modenschau anlässlich des 100. internationalen Frauentags anschauen. Bei der Textile Art letztes Jahr in Berlin hatte MO-A einen Stand, und in der Nahansicht war mir vor allem die Qualität der Materialien aufgefallen.
Richtig wirken können diese Kleidungsstücke aber nur am Körper, in Bewegung, nicht auf einem Kleiderbügel. Die Schau zeigte ganz wunderbar die Transparenz, die Formen und den schönen Fall der edlen Materialien.
Besonders interessant fand ich die sehr weiten, vorne in Falten gelegten Hosen mit einem breiten, schärpenartigen Bund. Aus leichtem strukturierten Leinen oder dünner Baumwolle wären sie im Hochsommer ein phantastisches Kleidungsstück für den Alltag, aber auch festlich und ungewöhnlich genug für jede Opernpremiere.
Besonders interessant fand ich die sehr weiten, vorne in Falten gelegten Hosen mit einem breiten, schärpenartigen Bund. Aus leichtem strukturierten Leinen oder dünner Baumwolle wären sie im Hochsommer ein phantastisches Kleidungsstück für den Alltag, aber auch festlich und ungewöhnlich genug für jede Opernpremiere.
Donnerstag, 9. Dezember 2010
Japanisch inspiriert und improvisiert
Wisst ihr, was ich am Nähen so liebe? Erstens - es wird nie langweilig. Zweitens - wenn ich irgendwo ein Kleidungsstück sehe, das mir gefällt, dann kann ich in den meisten Fällen sagen: ich näh mir das selbst, und womöglich sogar besser und passender für mich als das Original.
Die Idee zu diesem Rock entstand, als ich vor ein paar Wochen ständig in der Nähe des Hackeschen Markts zu tun hatte und auf dem Heimweg jeden Tag an der Filiale von Muji vorbeikam. Diese japanische Ladenkette – eine Art Ikea und H&M in einem, aber mit japanischen Preisen – wird von Frauenzeitschriften immer als "DER Kult-Laden aus Japan" bezeichnet. Naja – wenn es bei euch keinen Muji gibt, nicht traurig sein, so viel verpasst ihr nicht (außer vielleicht die Schreibwaren – um das Alphabetstempelset schleiche ich seit langem herum). Den Kleidern sieht man an, dass sie wie die Ware woanders auch aus dem Überseecontainer aus China stammen, und sowas reizt mich eigentlich gar nicht mehr.
Aber manchmal gibt es Teile mit originellen Schnittdetails, die einen zweiten Blick lohnen. Vor ein paar Wochen fand ich karierte Wollröcke mit großen seitlichen Taschen interessant, die halb um den Rock herumreichen. Allerdings ungefüttert und nicht waschbar. Ich machte ein verschämtes Foto und wollte mir das Detail für irgendwann später merken, aber dann setzte sich die Idee fest.
Ein Karostoff war auf dem Markt schnell gefunden. Normalerweise nicht unbedingt das, was ich sonst kaufen würde – er ist grob gewebt und erinnert ein wenig an eine dünne Wolldecke, hat eine leichte Crashstruktur, kratzt aber nicht und hält sehr warm.
Den Schnitt überlegte ich mir selbst anhand meiner Maße, er besteht im Prinzip aus lauter rechteckigen Teilen und einem breiten Formbund von einem vorhandenen Rockschnitt. Passend gemacht wurde das ganze durch Einkräuseln, womit die Rockteile auf die Weite des Bundes gebracht werden, und die Taschenoberkanten auf die Weite des Taschenfutters. Letzteres ist die signifikante Verbessserung gegenüber dem Original, da habe ich nämlich einen altrosa gemusterten Baumwollstoff verwendet, wo das Original auch nur Wollkaro hat. Die obere Kante der Taschen ist mit einem Lederstreifen eingefasst.
In voller Wintermontur, also mindestens zwei Tshirts, dicker Pullover, Mantel, Schal, Mütze, Rock und Unterrock sehe ich zwar aus wie die sprichwörtliche sibirische Kolchosbäuerin, aber ohne den kleinsten Anklang an Anna Karenina, oder wie ein Kegel mit Füßen, aber das macht nichts. Ich ziehe im Winter immer so viel übereinander, dass ich im Sommer gefragt werde, ob ich abgenommen hätte. Der Rock hat sich in meinem Schichtensystem schon bewährt und verströmt eine gewisse Gemütlichkeit, weil er mich an eine tragbare Sofadecke erinnert. Nicht in jeder Situation das richtige, aber z. B. für Kinobesuche sehr zu empfehlen.
Die Idee zu diesem Rock entstand, als ich vor ein paar Wochen ständig in der Nähe des Hackeschen Markts zu tun hatte und auf dem Heimweg jeden Tag an der Filiale von Muji vorbeikam. Diese japanische Ladenkette – eine Art Ikea und H&M in einem, aber mit japanischen Preisen – wird von Frauenzeitschriften immer als "DER Kult-Laden aus Japan" bezeichnet. Naja – wenn es bei euch keinen Muji gibt, nicht traurig sein, so viel verpasst ihr nicht (außer vielleicht die Schreibwaren – um das Alphabetstempelset schleiche ich seit langem herum). Den Kleidern sieht man an, dass sie wie die Ware woanders auch aus dem Überseecontainer aus China stammen, und sowas reizt mich eigentlich gar nicht mehr.
Aber manchmal gibt es Teile mit originellen Schnittdetails, die einen zweiten Blick lohnen. Vor ein paar Wochen fand ich karierte Wollröcke mit großen seitlichen Taschen interessant, die halb um den Rock herumreichen. Allerdings ungefüttert und nicht waschbar. Ich machte ein verschämtes Foto und wollte mir das Detail für irgendwann später merken, aber dann setzte sich die Idee fest.
Ein Karostoff war auf dem Markt schnell gefunden. Normalerweise nicht unbedingt das, was ich sonst kaufen würde – er ist grob gewebt und erinnert ein wenig an eine dünne Wolldecke, hat eine leichte Crashstruktur, kratzt aber nicht und hält sehr warm.
Den Schnitt überlegte ich mir selbst anhand meiner Maße, er besteht im Prinzip aus lauter rechteckigen Teilen und einem breiten Formbund von einem vorhandenen Rockschnitt. Passend gemacht wurde das ganze durch Einkräuseln, womit die Rockteile auf die Weite des Bundes gebracht werden, und die Taschenoberkanten auf die Weite des Taschenfutters. Letzteres ist die signifikante Verbessserung gegenüber dem Original, da habe ich nämlich einen altrosa gemusterten Baumwollstoff verwendet, wo das Original auch nur Wollkaro hat. Die obere Kante der Taschen ist mit einem Lederstreifen eingefasst.
In voller Wintermontur, also mindestens zwei Tshirts, dicker Pullover, Mantel, Schal, Mütze, Rock und Unterrock sehe ich zwar aus wie die sprichwörtliche sibirische Kolchosbäuerin, aber ohne den kleinsten Anklang an Anna Karenina, oder wie ein Kegel mit Füßen, aber das macht nichts. Ich ziehe im Winter immer so viel übereinander, dass ich im Sommer gefragt werde, ob ich abgenommen hätte. Der Rock hat sich in meinem Schichtensystem schon bewährt und verströmt eine gewisse Gemütlichkeit, weil er mich an eine tragbare Sofadecke erinnert. Nicht in jeder Situation das richtige, aber z. B. für Kinobesuche sehr zu empfehlen.
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Dienstag, 18. Mai 2010
Mein erster Japaner
Was hier passiert ist, hätte man früher auf dem Schulhof als "Nachmache" bezeichnet - und das wäre nach wechselnden Kriterien, die nur ein Teenager vollends verstehen kann, entweder als cool oder total daneben bewertet worden: Ich habe Cathérines Japaner nachgenäht. Und ihre Verarbeitungsidee - Taschen, Gürtelteil und Knöpfe mit kontrastierendem Stoff - auch noch übernommen.
Um die schönen japanischen Nähbücher bin ich ja schon oft auf Messen und im Internet herumgeschlichen. Die Fotos! Die Buchgestaltung! Die Stoffe und Proportionen der Modelle! Die kleinen, besonderen Details! Nur die Schnittmuster an sich lösten in mir keine besonderen Jubelarien aus, ich fand immer, dass diese einfachen, weiten Schnitte ja an anderen Leuten gut aussehen mögen, an mir aber sicher nicht.
Cathérines Japanrock der blauen Periode hätte ich aber sofort in meinen Kleiderschrank aufgenommen, und da ich den Gedanken auch äußerte, bot sie mir netterweise gleich das Buch zum Ausleihen an (vielen Dank noch einmal!). Daher kann ich vermelden, dass nun auch ich meinen ersten echten Japaner genäht habe - und das Nähen nach Bildanleitung recht lustig fand. Ich bin ja eher der verbale Typ und außerdem durch längere Übung in der glücklichen Lage, Burdadeutsch einigermaßen in unsere Sprache übersetzen zu können. Ich könnte mir aber vorstellen, dass die Bildanleitungen gerade für Nähanfänger, die die Fachbegriffe nicht kennen, einfacher zu verfolgen sind, als noch so wortlastige Erklärungen.
Der Japaner ist der Schnitt Nummer 17 aus diesem Buch (ISBN 978-4391627831), das ausschließlich Designs von Yoko Nogi enthält, so viel konnte ich den spärlichen englischen Worten in dem Band immerhin entnehmen. Genäht habe ich sozusagen Größe XL, wenn es sie denn gäbe, das heißt Größe L vom Schnittbogen, mit etwa 1,5cm Zugabe an den Seitennähten und in der Länge mit 4 Zentimetern mehr. Um das zu ermitteln habe ich den herauskopierten Schnitt mit einem gut passenden Rock von mir verglichen.
Im Rückenteil sind kleine Kellerfalten statt Abnähern - und das sieht tatsächlich gut aus, da hatte Cathérine recht. Fazit: ein schöner Schnitt, den ich mir auch gut aus leichtem Jeansstoff vorstellen könnte (und außerdem einen in rot, in schwarz, in blau, in grün...).
Nachtrag: Weitere Japaner nach dem gleichen Schnitt: einmal Erdbeerrosa von Suschna, einmal Rot von Floh.
Ein paar grundlegende Informationen zu japanischen Schnittmustern findet man auch hier bei Cathérine. (Und übrigens, der französischen Ebayhändler Pompadour, den sie als Bezugsquelle angibt, zeigt aus jedem Buch seitenweise Bilder. Und es gibt dort auch japanische Bücher zu allen möglichen anderen Handarbeitsthemen).
Perfekt wäre es natürlich gewesen, hätte ich mit dem Japaner unter unter den blühenden japanischen Kirschbäumen am Landwehrkanal posieren können, aber, die Bilder unten vom 3. Mai zeigen es, die Temperaturen waren (und sind) nicht danach.
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