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Sonntag, 6. Juli 2014

Getrödelt, gefunden, gefreut: Ein Trachtenalbum zum Dirndl-Sewalong


Das Beswingte Fräulein sammelt an jedem Ersten im Monat schöne Flohmarktfundstücke, eine Sammlung in die ich immer gerne hineinschaue. Ich bin ja nicht so eine Flohmarktgängerin. Die Touristen, die zu uns kommen, wollen nämlich alle trödeln und Secondhandklamotten kaufen, weil in den Reiseführern steht, dass man das in Berlin so macht, was in den Trendbezirken der Hauptstadt die Flohmarktpreise ziemlich in die Höhe getrieben hat. Die Flohmärkte in, sagen wir, Zehlendorf oder Steglitz habe ich noch nicht erkundet, und außerdem brauche ich ja eigentlich sowieso nichts. Also besser gar nicht erst gucken!

An diesem Album konnte ich dann aber doch nicht vorbeigehen. Ein Antiquariat in der Nähe des S-Bahnhofs Charlottenburg hatte eine ganze Kiste Sammelalben vor der Tür stehen, und ich blätterte durch die Schönheiten des Berliner Presseballs 1927, durch Bilder von berühmten Fußballern, Schachspielern, Jockeys, durch Zimmerpflanzen, Indianer und die Caracallathermen. Die meisten Alben boten so eine wilde Mischung aus Gesellschaftsklatsch, Natur und Kultur - ja, auch Thomas Mann war einmal auf Sammelbildchen abgebildet - aber dieses monothematische Heft mit Trachtenbildern nahm ich dann mit, weil ich an Julias Dirndl-und-Tracht-Sewalong dachte, der am übernächsten Mittwoch beginnt - Programm und Zeitplan findet man hier.    


Etwas Nachrecherche im Netz hat ergeben, dass das Album vermutlich von 1931 stammt und dass ich mit 4€ wenig dafür bezahlt habe. Die Trachtenbildchen im Format 4x6 cm sind nach Regionen geordnet. Ich habe hier mal ein paar Bilder mit persönlichem Bezug herausgepickt.


Die Oberbayrische Tracht  und die Tracht vom Starnberger See gelten im allgemeinen als Vorbilder für die heutigen Dirndl. Bei den gezeichneten Trachten wird ein großes Schultertuch zu Bluse und Mieder getragen. Das Riesendekollete der typischen Oktoberfestdirndl muss eine Erfindung der Fußballerfrauen des FC Bayern sein.


Die fränkische Bauersfrau trägt eine doppelreihig geknöpfte Jacke aus schwarzem Samt mit eckigem Ausschnitt zu Rock und Schürze. "Fränkische Tracht" ist allerdings vollkommen unpräzise, schließlich ist Franken groß, teils katholisch, teils evangelisch, besteht heute aus drei Regierungsbezirken und bestand bis ins frühe 19. Jahrhundert aus etlichen Kleinstaaten. Für die mittelfränkische Tracht gibt es eine Trachtenforschungs- und Beratungsstelle, über die historische Schnittmuster bezogen werden können.


Mit der Vierländer Tracht kommen wir zu meiner Vergangenheit - ich bin nämlich im Hamburger Elbvorland hinterm Deich aufgewachsen. Meine Eltern stammten aber beide nicht aus der Gegend, so dass wir als "Zugereiste" im Vereinsleben nicht so richtig integriert waren. Wie gerne hätte ich als Grundschulkind auch bei der Vierländer Trachtengruppe mitgetanzt, wie fast alle meine Schulfreundinnen! Meine Mutter stand dieser Idee aber nicht aufgeschlossen gegenüber und entschied, bei so einer "Trampeltanzgruppe" dürfe ich auf keinen Fall mitmachen. Ich habe also ein kleines Trachtentrauma aufzuarbeiten (fast so schlimm, wie die Geschichte mit der lila Teddyplüschjacke...), aber aus heutiger Sicht verstehe ich sie: man flüchtet ja nicht aus der Kleinstadt und vor der Vereinsmeierei der Verwandten nach Hamburg, damit das Kind sich dann dort einem Trachtenverein anschließt, mit allen Pflichten, die besonders für Mütter damit verbunden sind. Und meine Mutter war nie der Typ, der sich um den Kuchenstand kümmert.    


Die Vierländer Tracht mit dem charakteristischen Strohhut und der steifen schwarzen Schleife wurde übrigens schon um 1900 von den Vierländer Bauern als Markenzeichen für die besondere Qualität des Vierländer Gemüses aufgebaut, die Bäuerinnen trugen sie auf dem Gemüsegroßmarkt und beim Direktverkauf in Hamburg. In den frühen Achtzigern tauchte die Vierländer Tracht dann in der Rama-Reklame wieder auf - vielleicht erinnert sich jemand?

Jetzt bin ich doch wieder ins Erzählen reingekommen, obwohl ich eigentlich nur schnell meinen Trödelfund vorstellen und auf Getrödelt - Gefunden - Gefreut beim Beswingten Fräulein hinweisen wollte. Sie stellt in diesem Monat ein ganz entzückendes Buch übers Modezeichnen aus den 50er Jahren vor.

Montag, 4. November 2013

Neu im Maschinenraum: Die Gritzner VZ-Automatic


"Nähmaschinen-Porn!" kommentierte Alex vorhin, als ich bei twitter ein erstes Foto der neuen alten Maschine im Fuhrpark zeigte. Ja, ich bin auch so eine, die gerne alte Maschinen aufschraubt, säubert und ölt, die an einer Nähmaschine lieber chromglänzende Knöpfe bedient als Touchscreens. Meine Schwiegeroma hatte mir ihre alte Maschine schon lange angeboten, und nun ergab sich kurzfristig eine Transportmöglichkeit nach Berlin.


Es handelt sich um eine Gritzner VZ-Automatic von 1957, eine schwergewichtige Maschine mit Metallgehäuse. "Zwei Monatslöhne vom Opa!" habe die Maschine damals gekostet, erzählt die Oma sehr gerne bei jedem Besuch. Sehr viel Geld, aber einen guten Teil des Anschaffungspreises spielte die Maschine bald wieder ein, denn die Oma half ihrer Nachbarin und Freundin Frau G, Schneidermeisterin, beim Nähen von Aufträgen. Frau G. wohnt immer noch in der Nachbarschaft - vielleicht erinnern sich einige, im März 2009 porträtierte mein Liebster die Werkstatt von Frau G. hier im Blog.


Die Gritzner ist, wie man sieht, in einem zierlichen 50er-Jahre-Schränkchen installiert. Die Deckplatte kann man aufklappen, sie ruht auf der filzgepolsterten Kante der Tür und bildet so eine große Arbeitsfläche. Meinen nächsten Wintermantel werde ich an dieser Maschine nähen. Wahrscheinlich ist sie auch prima fürs Quilten geeignet.


Die Nähmaschinenfirma Gritzner wurde 1872 in Karlsruhe-Durlach gegründet und vergrößerte sich schnell: 1905 wurden schon 120 000 Nähmaschinen produziert. 1931 fusionierte Gritzner mit dem Nähmaschinenhersteller Kayser aus Kaiserslautern zur Gritzner-Kayser AG, 1957 übernahm Pfaff die Aktienmehrheit an dieser Firma. Die grüne Hammerschlaglackierung scheint ganz typisch für die Gritzner-Maschinen zu sein, zeitgleich gab es auch ein etwas einfacheres Modell, bei dem Deckel und Handrad aus cremeweißem Kunststoff sind.


Bei diesem Modell sind nur die Füllungen der Verstellknöpfe aus Plastik, außerdem der Knopf am Hebel zur Stichlängenregulierung (im Bild oben auf der linken Seite) und zwei kleine Rädchen, mit denen die Zickzackbreitenbegrenzung bzw. die Zierstiche eingestellt werden. Die Spulvorrichtung liegt vorne am Handrad. Das ist verchromt, aus Metall, und genauso schwer und solide, wie es aussieht.


Die Schaltzentrale der Maschine. Linker Knopf: Verstellen der Nadelposition links-mitte-rechts. Rechter Knopf: Einstellen der Zickzackbreite - Position "0" ist Geradstich. Hebel unten rechts: Stichlänge. Die eingebauten Grundstiche der Maschine sind Geradstich, Zickzackstich und eine genähte Bogennaht, ähnlich wie ein genähter Zickzackstich. Und unter der Chromplakette mit dem stilisierten Greif ist eine Klappe verborgen, dort befindet sich...


... die Zierstichautomatik. Auf einem Metallstift sitzen auswechselbare Kunststoffscheiben, die über eine Art Abtaster auf rein mechanische Weise die Stichbreite beim Nähen verändern. Fünf Zierstichkurven gehören zur Maschine, damit können 10 verschiedene Zierstiche genäht werden.


Ein Blick ins Innere: Oben in der Mitte das Kunstoffrad, mit dem man in den Zierstichmodus schaltet. Die Maschine war gut in Schuss, als sie hier ankam, sie stand bis zuletzt in einem gut geheizten, trockenen Wohnzimmer. Ich fand so gut wie keinen Staub, ölte sie nur ein bißchen nach. Der Motor und das mechanische Nähgeräusch ergeben einen ganz besonderen, tiefen Sound, sie hört sich vollkommen anders an als meine anderen Maschinen.

Nach meinem Eindruck näht sie sehr präzise - bei meiner Hauptnähmaschine von 1990 habe ich immer den Eindruck, dass die einzelnen Stiche beim Geradstich ein ganz kleines bißchen schräg stehen, bei dieser Maschine nicht. Ich werde das demnächst vergleichen, aber zuerst muss ich mich um etwas anderes kümmern. Beim Ausprobieren wunderte ich mich schon, dass das Gehäuse leicht unter Spannung stand, und dann entdeckte ich gerade noch rechtzeitig das:


Puh. Also erst Kabel auswechseln, dann weiterprobieren.

Samstag, 1. Januar 2011

Die schwarze Kiste


Diese Kiste stand zuletzt zwanzig Jahre lang im Keller meiner Schwiegereltern. Eine Kiste voller Werkzeug, voller Möglichkeiten. Jetzt steht sie bei mir.


Das Werkzeug meines Schwiegervaters, eines Feintäschnermeisters. Seine Geschichte ist - so weit ich weiß, denn viel erzählt er nicht, schon gar nicht über sich selbst - keine Geschichte von glücklichem Handwerk und goldenem Boden, aber gerade deshalb nicht untypisch.

Die Entscheidung für diese Ausbildung war wohl nicht seine eigene. In den frühen 50er Jahren entschieden das die Eltern. Basta. Möglicherweise kannten sie über drei Ecken einen Lehrherren, möglicherweise erschien ihnen die Lederverarbeitung als ein zukunftsträchtiges Geschäft. Wurden Koffer und Taschen, Börsen und Gürtel nicht immer gebraucht? Na also. - "Warum halt net", wird mein Schwiegervater gedacht haben.


In der Lehre verdiente mein Schwiegervater fast nichts, und die Werkzeuge aus der Kiste musste er aus eigener Tasche bezahlen. Und noch Geld zuhause abliefern, und sich kontrollieren lassen.

Nach der Ausbildung ging er in einen kleinen Ort in Bayern, weit weg von der besitzergreifenden Familie. Dort wurde alles besser. Er arbeitete in einer Lederwarenfabrik und verdiente als Geselle viel mehr als die ganzen Ungelernten. Das Geld reichte zwar nicht immer bis zur nächsten Lohntüte, aber bei der freundlichen Wirtin des Dorfgasthofs bekam er trotzdem ein Mittagessen, und er lernte die hübsche und lustige Tochter der Wirtin kennen. In die er sich verliebte und die später heiratete, nicht ganz unwichtig für diese Geschichte: Deshalb steht die Kiste jetzt hier.


In den Sechzigern florierte die Fabrik noch. Mehrere Dutzend Mitarbeiter fertigten Brieftaschen, Portemonnaies, Schlüsseletuis und Schreibmappen. Stanzen für Kleinteile und Pappen gab es, eine Zuschneidemaschine, mit der mehrere Lagen Leder geschnitten werden konnten, ein paar Nähmaschinen, sonst war alles Handarbeit, fast wie vor hundert Jahren.


Die Siebziger waren schon schwieriger. Noch bestellten die Autohäuser Schlüsseletuis mit eingeprägtem Firmenschriftzug, die Firma zog sogar in einen Neubau im Ort um. Aber die Gaststätte der Schwiegermutter warf schon längst viel mehr ab, als die Arbeit in der Fabrik. Ein Häuschen wurde davon gebaut. Mein Schwiegervater machte den Meisterbrief, um mehr zu verdienen. Sein Meisterstück war eine trapezförmige Handtasche, die es aber nicht mehr gibt - "die ist schon lange weg."


Die Achtziger brachten die ersten Anzeichen der Globalisierung. Der Sohn des Firmeninhabers übernahm den Betrieb. Die Konkurrenz im Ausland produzierte längst viel billiger, also kaufte er die Standardgeldbörsen selbst im Ausland ein. Das schien ihm betriebswirtschaftlich vernünftig. Für die paar Spezialaufträge, die man noch hatte, brauchte man dann auch viel weniger Mitarbeiter. Jedes Jahr weniger. 1990, als der Betrieb schließlich geschlossen wurde, hatte er noch acht Angestellte, darunter meinen Schwiegervater. Sie wurden entlassen, mein Schwiegervater in die Frührente. "Das war das beste, was mir passieren konnte." In den letzten Jahren hatten sie nur noch Schlüsseltaschen mit Reißverschluss zusammengenäht, Tag für Tag.


Seitdem stand die Kiste im Keller, fast unberührt, bis auf das Locheisen Nummer 4, das ist nämlich die Größe, die man braucht, um einen Gürtel mit zusätzlichen Löchern zu versehen, und sowas kommt ja häufiger vor. Beim letzten Besuch gab er mir die Kiste mit, einfach so.

Jetzt steht sie bei mir. Mit unvollständiger Geschichte, aber voller Möglichkeiten. Ich werde mich 2011 also ganz sicher mit Lederverarbeitung befassen. Noch weiß ich zum Teil nicht, wie diese Werkzeuge eigentlich heißen, und was man genau damit anstellt. Mit Hilfe einiger Arbeitsproben von mir hoffe ich, beim nächsten Besuch etwas mehr zu erfahren (und sei es, dass er über meine stümperhaften Versuche lacht).


Ich wünsche euch für 2011 eine solche Kiste voller Werkzeuge und Möglichkeiten - macht was draus!
Für euer nie erlahmendes Interesse und eure vielen Kommentare im vergangenen Jahr danke ich euch - dieses Blog wäre nichts ohne seine Leserinnen! Danke. Auf ein gutes Jahr 2011.

Dienstag, 16. November 2010

Kirchenbasar


Der Gang zum Kirchenbasar eine Straße weiter ähnelt jedes Jahr einer Rettungsexpedition: Gibt es textile Schätze, die unbedingt meiner Hilfe bedürfen? Verwaiste Taschentücher, Leinen, altes Nähzubehör, Bücher oder gar eine Nähmaschine? Und jedes Mal stürzt mich der Basar in Qualen der Unentschlossenheit, denn natürlich würde ich am liebsten fast alles mitnehmen - kann man denn wissen, ob es die Dinge woanders so gut haben werden, wie bei mir? Die Lagerkapazitäten zuhause sprechen leider dagegen, also heißt es auswählen.

Letztes Jahr ließ ich eine schicke weiß-türkise "Adlerette" Koffernähmaschine zunächst zurück, um zuhause eine schnelle Recherche nach dem Maschinentyp anzustellen - der ergab, dass dieses Fabrikat aus den sechziger Jahren unweigerlich Risse in einigen Plastikzahnrädern bekommt, für die es keine Ersatzteile mehr gibt. Puh, da konnte ich die Maschine guten Gewissens stehen lassen. Dieses Jahr entschied ich mich gegen einen großen Stapel Handarbeitshefte vom Leipziger Verlag für die Frau - ich kann mich ja nicht um alles kümmern - aber überlegte zuhause noch stundenlang, ob ich die Hefte nicht doch noch kaufen sollte.


Mitgekommen sind dafür alte Häkelnadeln - in der großen Hülle aus Holz steckt auch eine ganz feine Häkelnadel, mit gedrechseltem Griff - zwei Knäuel Mohairgarn, Gesticktes, eine Vase und vor allem drei Ausgaben Pramo ("Praktische Mode") von 1964 und 1965 und ein wunderbares Abendmodeheft, das ich noch einmal genauer vorstellen werde, mit Schnittbögen, gegen die ein japanischer Stadtplan wohl übersichtlich und leicht verständlich wirken würde.


Verglichen mit Burda-Beyer Schnittmusterheften aus der gleichen Zeit, zeigt die Leipziger Pramo tatsächlich eher "praktische" Mode für die berufstätige Frau: Moderate Rocklängen und -weiten, die die Bewegungsfreiheit nicht einschränken, neue "pflegeleichte" Kunstfaserstoffe, moderate Absätze und moderate Frisuren. Die Verwandtschaft einiger Schnitte mit einem Kittel lässt sich nicht immer verleugnen. Die Hose kommt, wie im Westen, nur als Sportbekleidung in Frage. Und auch die Texterei unterscheidet sich nicht sehr von dem, was Frauenzeitschriften bis heute versuchen: Zu den Bildern eine Geschichte zu erzählen und der Leserin einen Kontext zu bieten, mit dem sie sich identifizieren oder in den sie sich zumindest hineinträumen kann.
Zum Beispiel Pramo 9/1964:
"Sabine vertritt die Frau im öffentlichen Leben, für die ein gepflegtes Äußeres eine unbedingte Notwendigkeit ist. Sie "betätigt" sich hier in einem der vorbildlich eingerichteten Büroräume der Leipziger Oper und stellt dabei auf charmante Art kleine Tageskleider in das Blickfeld der Kamera."
Wer wünscht sich da nicht auch, in solchen vorbildlich eingerichteten Büroräumen arbeiten zu dürfen?

Montag, 3. Mai 2010

Handarbeitsbücher im Netz


Als Suschna kürzlich Blumen mit einer Anleitung aus einem Buch von 1856 herstellte, das sie bei Google Books gefunden hatte, fiel mir ein, dass ich schon über längere Zeit Quellen gesammelt hatte, die gemeinfreie Werke aus dem Handarbeits- und Schneidereibereich zur Verfügung stellen.

Der Blick auf alte Handarbeitstechniken fasziniert mich schon immer - vieles hat sich erstaunlich wenig geändert, beispielsweise das Sockenstricken oder die Filethäkelei, andere Techniken sind wohl ausgestorben, z. B. die Bändchenspitze, weil die Materialien gar nicht mehr hergestellt werden. Manches ist amüsant, wenn etwa lebenspraktische Ratschläge in das Lehrbuch für die Hobbyschneiderin eingeflochten werden, manches ist aufregend, wenn ein Buch die Schnittkonstruktionen von Abendroben der dreißiger Jahre enthüllt, oder ein Hutmacherbuch aus den 1920er Jahren Federdekorationen zeigt, die wir heute nur noch im Zuammenhang mit dem internationalen Artenschutzabkommen kennen. Vieles gefällt mir besser als Modernes, z. B. die alten Kreuzstichvorlagen von DMC oder Sajou.

Vielleicht interessiert euch das ja auch? Ich habe hier meine gesammelten Links aufgeführt, jeweils mit einer kleinen Beschreibung, was einen erwartet. Es ist jedenfalls mehr, als man in absehbarer Zeit lesen und anschauen kann, und viele Seitenbetreiber scannen laufend weitere Bücher ein. Viel Spaß!

Schneiderei und Hutmacherei

- www.vintagesewing.info: Die Seite stellt eine ständig wachsende Zahl von Büchern zur Damen- und Herrenschneiderei, zur Schnitterstellung, zur Hutmacherei einschließlich phantastischer Hutdekorationen und zum Nähen von Handschuhen aus der Zeit von etwa 1890 bis 1950 zur Verfügung, alle in englischer Sprache. Vom Inhaltsverzeichnis gelangt man jeweils in die einzelnen Kapitel.
Im Angebot sind sowohl Bücher, die sich an Hobbyschneiderinnen richteten, aber auch Lehrbücher für Profischneider oder Hutmacher. Erste geben zum Teil gleich putzige Tips, wie frau sich am vorteilhaftesten kleidet, letztere behandeln auch Themen wie die Ladeneinrichtung und die Auswahl von Angestellten - man will ja nichts dem Zufall überlassen.

Handarbeiten querbeet

- antiquepatternlibrary.org: Der Katalog enthält etwa 300 Handarbeitstitel - vom sechseitigen Heftchen mit Kreuzstichvorlagen bis hin zu dickleibigen Handbüchern, vor allem in englischer Sprache, aber auch eine ganze Menge deutsche sind darunter. Neben zahlreichen Mustervorlagen für Stickereien, Spitzen- und Häkelarbeiten finden sich z. B. auch Informationen zur Wachsblumenherstellung, zur Hardanger- und Soutachestickerei und zur Sprache der Blumen, letzteres von 1844.
Die Bücher wurden in guter Qualität eingescannt und können als pdf heruntergeladen werden. Eine Beschäftigung für mehr als einen verregneten Nachmittag.

- encyclopediaofneedlework.com: Thérèse de Dillmonts Encyclopedie des ouvrages de dames von 1884 ist ein handarbeitstechnisches Standardwerk mit vielen Illustrationen, das unter dem Titel Encyklopädie der weiblichen Handarbeiten in vielen Auflagen auch auf Deutsch erschienen ist - als Nachdruck zuletzt 1995 (Taschenbuchausgaben aus den 1980er Jahren sind antiquarisch recht günstig zu finden, falls die Webseite Appetit auf ein richtiges Buch macht). Durch die englische Ausgabe kann man sich online Kapitel für Kapitel durchklicken.
Das Buch deckt ungefähr alles ab, was man mit Nadel(n) und Faden anstellen kann, einschließlich Häkeln, Stricken, Knüpfen, Occhi. Besonders interessant die Kapitel zu Techniken der Spitzenherstellung, z. B. von Tüll- und Nadelspitzen und Irischer Spitze, die heute kaum noch ausgeübt werden.

- beetonsbookofneedlework.com: Ähnlich wie Thérèse de Dillmont deckt Beeton's Book of Needlework von 1870 fast alle nur denkbaren Handarbeitstechniken ab, der Schwerpunkt liegt auf Stickereien und Spitzenherstellung. Auch hier ist das gesamte Buch, in Kapitel aufgeteilt, online verfügbar.

Vorlagen für Kreuzstichmuster und Schwarzstickerei

- Swappons avec sof: Stickvorlagenhefte der vorletzten Jahrhundertwende, viele Alphabete. Ein Klick auf eines der Hefte führt zu Vorschauseiten, auf denen man die Muster als pdf herunterladen kann (auf die gewünschte Musterreihe klicken). Die Scans haben eine sehr gute Qualität, aber zum Teil längere Ladezeiten.

- patternmakercharts.blogspot.com: Alte französische, deutsche und russische Muster für Kreuzstich- und Weißstickerei, auch hier viele Alphabete (auch ein kyrillisches!) und Bordüren. Ein Klick auf die gelben Felder in der Tabelle oben auf der Seite führt direkt zu dem entsprechenden Vorlagenheft, das man Seite für Seite herunterladen bzw. ausdrucken kann, jeweils als Scan und als bearbeitete Stickvorlage, beide als jpg.
Andere Dateiformate (.xsd, .pat, .wxs, .chart) werden auch angeboten, ich nehme an, um mit den Mustern in Grafikprogrammen weiterarbeiten zu können (falls sich zufällig jemand damit auskennt, freue ich mich sehr über einen erklärenden Kommentar. Die .pat-Dateien sollten sich mit Gimp öffnen lassen, aber mein Gimp tut das nicht).

Ergänzung 5. 6. 2010:
- www.blackworkarchives.com: Vorlagen für Schwarzstickerei, die den typischen Mustern aus dem 15. und 16. Jahrhundert nachempfunden sind. Die Schwarzstickerei, im deutschsprachigen Raum auch als Holbeinstickerei bekannt, wird heutzutage meistens fadengebunden gestickt - einige erhellende technische Hinweise auf Deutsch von Christiane Eichler gibt es hier.

(wird ergänzt, falls ich weiteres finde)

Montag, 11. Januar 2010

Sonntagskaffee mit alten Schätzen ... und Erdferkel



Ich habe einen ganzen Stapel alte Handarbeitszeitschriften geschenkt bekommen. Dass ich mich damit stundenlang beschäftigen kann, muss ich wohl nicht extra betonen.
Kleine Kostprobe gefällig?



Diese Doppelseite (aus Strickmode für die Saison 74/75) fand ich zuerst sehr verwunderlich, weil ich dachte, es seien zwei Zwillingspaare und noch eine weitere Person abgebildet. Später fiel mir endlich auf, dass es sich um zwei Fotos handelt. Die Strickweste ganz rechts finde ich gar nicht schlecht.

Aber etwas Seltsames ist am Wochenende auch noch passiert: Ich bin fertig. Seit Weihnachten habe ich alles fertiggenäht, was hier an angefangenen Teilen, teilweise seit Monaten, herumlag. Ich musste in meinen Schrank schauen, um mich zu überzeugen, dass tatsächlich keine Nähleichen mehr vorhanden sind. Das ist eine ganz neue, ungewohnte Situation. Sonntag nähte ich aus lauter Verwirrung einen kleinen Stoffbeutel auf Maß und eine Hülle für ein Netbook (leider nicht meins), beides wurde noch am gleichen Tag fertig - wie merkwürdig!

Erdferkel

Das sympathische Erdferkel ist im Berliner Museum für Naturkunde zuhause. Dort war ich am Samstag Nachmittag, zur Tiefsee-Sonderausstellung (läuft noch bis zum 31. Januar). Aber schon der zentrale Saal mit den Dinosaurierskeletten alleine wäre das Eintrittsgeld wert. Ein gewaltiges Brachiosaurusskelett, so hoch wie ein vierstöckiges Haus, und diverse kleinere, aber nicht minder eindrucksvolle Kollegen stehen frei in dem Saal und werden in 3D-Animationen zum Leben erweckt. So viele begeisterte Kinder habe ich noch nie in einem Museum gesehen.

Dinosaurierskelette Museum für Naturkunde Berlin

Sonntag, 29. März 2009

Das Ende einer nähenden Leidenschaft

Als Lucys ständiger Begleiter genieße ich einige unschätzbare Privilegien: Dazu gehören maßgeschneiderte Flauschpyjamas, professionell reparierte Sommermäntel und witzige Accessoires wie Notebookhüllen aus Filz und selbstgenähte Taschen für die Digitalkamera. Dass ich als bekennender Nichtnäher (mit frühkindlicher Häkelerfahrung mit der Strickliesel) jetzt einen kleinen Gastbeitrag für die Nahtzugabe verfassen darf, ist mir natürlich eine besondere Ehre.

Das tröstet mich darüber hinweg, dass ich mir mit meinen Normalo-Klamotten neben meiner selbstschneidernden Frau bisweilen etwas underdressed vorkomme. In diesem Nähuniversium bin ich selbstverständlich auch an vielen Beschaffungsaktionen von Lucy beteiligt. Letzthin zum Beispiel durfte ich dieses Nähwagenmonster ins Auto verfrachten, wobei meine Liebste meinen dezent geäußerten Zweifel ("Wollen wir das wirklich mitnehmen?") offensichtlich überhört hatte.

Eine Stoffschatztruhe.

Bei der Gelegenheit besuchten wir auch wieder die Freundin meiner Großmutter, die alte Schneidermeisterin Frau G., in deren kleiner Werkstatt Schränke voller Stoff vor sich hinschlummern. Lucy durfte sich schon mehrmals aus diesen Schätzen bedienen, und auch diesmal wühlten sich die beiden Stoffbesessenen durch Stapel von Baumwolle, Viskose und Leinen, wuchteten Kisten mit Stoffresten und allerlei Krimskrams durch das winzige Nähzimmer. Zu jedem Teil wusste Frau G. kleine Geschichten und Anekdoten. Es ist wohl ihre Art, Abschied von ihrer Berufung und den dazugehören Sachen zu nehmen. Von Dingen, die sie sehr geliebt hat. Denn ihre Hände sind von Alter und Krankheit steif, mit dem Nähen ist wohl für immer Schluss. Nach und nach räumt sie ihre Werkstatt, trennt sich von Stoffen und Nähmaschinen, sortiert und verschenkt, stapelt und wirft weg.

Diesmal war meine Kamera mit dabei und ich fotografierte, während wieder ein paar Stücke und damit Episoden aus dem Leben der Frau G. hervorgeholt und vielleicht für immer weggeräumt wurden. So gibt es wenigstens ein paar Bilder zur Erinnerung an eine Handwerkstradition, wie sie wahrscheinlich täglich still und leise verschwindet.

Schneidertisch

Hier hat eine Schneiderin ein halbes Jahrhundert gearbeitet. Verwandschaft, Freunde und die Leute im Dorf mit Kleidung versorgt. Meiner sehr kleinen zierlichen Mutter änderte sie die Kostüme und Röcke, wahrscheinlich schneiderte sie ihr sogar komplette Teile. Ich weiß das nicht mal so genau, und meine Mutter kann ich nicht mehr fragen. Ganz sicher aber bin ich mir, dass die Schneidermeisterin meiner nicht so talentierten Oma öfter mal die eine oder andere Handarbeit rettete.

Aus der Werkstattserie habe ich ein paar Bilder ausgewählt - wenn auch keine von Frau G. - und hier zusammengestellt. Vieles ist schon verschwunden, wie etwa die alten schweren Singer-Nähmaschinen, die jetzt in einer Vitrine im Wohnzimmer stehen. Aber die Fotos geben doch noch eine Ahnung davon, wie diese Frau oft Nächte in ihrer Werkstatt saß und am schweren Eichentisch die Stoffe zuschnitt. Und zumindest von den Stoffen wird sicherlich in der Nahtzugabe das eine oder andere Stück wieder auftauchen.

Nadel und Brille

Stopfpilz und Cremedose

Nadelkissen

Garnrollen in der Schublade des Zuschneidetisches

Pfaff Nähmaschine

Schneiderscheren

Garnrollen auf dem Regal

Der Zuschneidetisch

Pfaffnaehmaschine

Stoffe

Stoffe

Garn Orange und Weiss

Oberlockmaschine

Sieben nach Elf