Mal ganz unter uns: Ich bin ja auch so ein gehirngewaschenes Kind des Kapitalismus, das immer, wenn irgendwo „Designer“ draufsteht, Witterung aufnimmt und aufmerksam wird wie Nachbars Lumpi vor der Wursttheke. Ich weiß, es ist eigentlich Quatsch. Sogar das simpelste T-Shirt aus dem hinterletzten Billigladen hat einen Designer, der sich das Ding ausgedacht hat. Trotzdem: die Sache mit den großen Namen und den bekannten Labels verfängt auch bei mir. In der Friedrichstraße klebe ich an den Schaufenstern, und wenn ich Geld zum Ausgeben für sowas hätte – Leute, ich würde es ausgeben. Aber hui.
Kein Wunder also, dass ich auf den Designerschnitt von Karl Lagerfeld 136 in Burda 10/2010 ansprang – Lumpi, Wursttheke! Nach der ersten Phase des aufgeregten Geschnüffels und Gehechels angesichts eines hübschen schwarzen Rocks, der an eine Herrenanzughose erinnert, fiel mir der Haken am Schnitt auf: Der Rock ist im Original nur 33 Zentimeter lang. 33 Zentimeter. Gut, hier in Berlin werden zur Zeit Leggings als vollwertige Hosen getragen (was meistens genauso schlimm aussieht, wie es sich anhört), da sind geradeso-Po-bedeckende Röcke, die man auch oft sieht, ja noch die bessere Alternative. Den Zuschlag für „muss ich unbedingt nähen“ erhielt der Rock aber, als ich Carolyns um 12 cm verlängerte Version fand.
Die Verlängerung also wie bei Carolyn, aber anders als sie behielt ich den Gummizug im Rückenteil bei – das ist für mich überhaupt der Clou an dem Schnitt, denn der Rock soll mit dem breiten Bund in der Taille sitzen, und Dank Gummizug und reichlicher Weite in der Hüftregion ist das nun ein sehr bequemer, aber nicht nach Bequemkleidung aussehender kleiner schwarzer Rock. Ich habe ihn wegen der Falten im Vorderteil nicht gefüttert, sondern trage ihn mit Unterrock. Der Stoff könnte sogar noch etwas fester sein als die Wollmischung vom Markt – man braucht auf jeden Fall ein Material, das sich gut in Form bügeln lässt, damit der Aufschlag am Saum nicht traurig herunterhängt und nicht schon durch einmal Hinsetzen zerstört wird. Die Bügelfalten im Vorderteil sind hingegen dauerhaft abgesteppt.
Was die Verunstaltung des genialen Lagerfeld-Designs durch eine 12-Zentimeter-Verlängerung betrifft, fühle ich mich übrigens auf der sicheren Seite. Sicher habt ihr auch noch das öffentlichkeitswirksame Geschimpfe des Meisters im Ohr, der sich im November 2004 nach der Kooperation mit H&M darüber beklagte, man habe dort seine Entwürfe einfach in größere Konfektionsgrößen übertragen.
Tja, was Chanel recht ist, kann H&M (und mir) nur billig sein: Die übliche Chanel-Kundschaft besteht nun auch nicht aus lauter rehbeinigen Neunzehnjährigen, schätze ich. In der genialen arte-Dokumentation Signe Chanel über das Couturehaus (hier auf youtube) erhält man auch einen Einblick in das Allerheiligste des Hauses in der Rue Cambon, in den Raum, in dem die Schneiderpuppen mit den Maßen der Stammkundinnen verwahrt werden. Jede Kundin, die im Jahr mehrere der handgearbeiteten Coutureteile (Preise fünfstellig bis nach oben offen) in Auftrag gibt, hat ein alter ego, das bei den Anproben hilft und das von der Hüterin der Puppen an die schwankenden Maße der Damen angepasst wird. Da schmiegen sich Watteschichten wie Jahresringe um die Hüften und Bäuche und zusätzliche Vlieslagen polstern anschwellende Hinterteile... Und dass alternde Oligarchen-Gattinnen nur-geradeso-Po-bedeckende Röcke tragen, wage ich auch zu bezweifeln.
Schnitt: 136 aus Burda 10/2010
Änderungen: 12cm verlängert
Material: ca. 1,20m Wollmischung dunkelgrau bis schwarz in Köperbindung - einen Stoff verwenden, der sich gut in Form bügeln lässt.
*) Bei Me-made Mittwoch geht es darum, Selbstgemachtes zu tragen und dies zu dokumentieren. Die Teilnehmerinnen von heute finden sich hier und organisiert wird das ganze wie immer von Catherine.
Mittwoch, 28. September 2011
Montag, 26. September 2011
Selbstgemacht - Wochenrückblick KW 38
1. Selbstgenäht: Ob ich mir mit der Miniaturisierung einen Gefallen getan habe, muss sich erst noch zeigen. Aber Reginas Ringpatchwork gefällt mir zu gut - und nach Miriam und Aylin bin ich nun auch auf den English paper piecing-Zug aufgesprungen.
Außerdem ist der Wollrock vom heißesten Tag des Jahres fertig, das Lagerfeldmodell aus Burda 10/2010 - am Mittwoch mehr darüber.
2. Fotografiert zwischen Jordanstraße und Kiefholzstraße - das Bild ist gemalt, und für die blautürkisen Partien verwendete der Maler einen gesprayten Schriftzug, der vorher schon da war.
Außerdem Selbstgebacken: Schwedischen Apfelbiskuit nach diesem Rezept (halbiert für eine Springform) - sehr gut, weil man kaum Zutaten braucht. In in der Vorwoche französischen Apfelkuchen nach einem Rezept von Lea Linster (ich nehme für den Guß immer 100ml Sahne und nur 50ml Milch, wird cremiger und nicht zu viel).
Selbermacher geklickt: Die neuen Herbststrickmuster von Knitty - diesmal springt mich nichts direkt an, aber vielleicht ist ja etwas für euch dabei?
Samstag, 24. September 2011
Paper piecing, erster Versuch: Ein Block für Floh
In diesem Jahr habe ich mich ja einer textilen Selbsthilfegruppe angeschlossen (übrigens sind „Neue“ in der Berlin modern quilt guild immer herzlich willkommen – die Termine findet ihr immer hier). Wir treffen uns einmal im Monat, bilden einen Stuhlkreis, verraten uns gegenseitig, wie lange wir "es" schon tun, und zeigen unser Genähtes. Dabei kommen so viele unterschiedliche Stile und Techniken zusammen - großformatige Decken oder winzige Täschchen, mit der Maschine genäht oder mit der Hand, aus alten oder neuen Stoffen, japanisch oder amerikanisch inspiriert - das ist immer wie eine kleine Quiltausstellung.
Ich staune jedes Mal, erfahre von Patchwork- und Quilttechniken, von denen ich noch nie gehört hatte, lerne so langsam die englischen Fachbegriffe, und ab und zu wird das Neue dann auch angewendet: Floh wünschte sich für einen Quilt mit Meeresthema Patchworkblöcke in Blautönen in der Größe 20 mal 20cm. Prima, sowas liegt ganz auf meiner Linie, und eine Idee und einen Entwurf – viele dreieckige Wimpel vor einem Hintergund aus verschiedenen hellblauen Stoffen – hatte ich also relativ schnell. Aber wie näht man nun bitte so einen kleinen Musterblock, der aus mehr als 60 Einzelteilen besteht? Vor den Quilttreffen hätte die naheliegendste Antwort wohl „gar nicht“ gelautet – aber ich hatte ja noch den Standardsatz der versierten Quilterinnen im Ohr:
„Das Muster kann man ja auch gut auf Papier nähen.“
Im Schaffensrausch hatte ich keine Zeit, erst großartig Anleitungen zu lesen und legte nur mit einer vagen Vorstellung ausgestattet los. Es funktionierte einigermaßen, aber natürlich gibt es auch hier Tricks, mit denen man sich das Leben einfacher macht, in den Kommentaren vor ein paar Wochen hattet ihr lauter Praxistipps, die nicht verloren gehen sollen. Ich bin von der Technik sehr angetan, denn für Leute wie mich, deren Stärke nicht gerade im exakten Zuschneiden liegt und die gerne Stoffschnipsel verarbeiten, ist Nähen auf Papier geradezu ideal: Das Muster wird ganz präzise und sieht super ordentlich aus - zumindest auf der Vorderseite. Das mache ich also bestimmt noch öfter.
Um Patchwork auf Papier zu nähen, braucht man zunächst einmal eine Vorlage. Für viele Muster gibt es Vorlagen im Netz, man sucht am besten nach paper piecing oder foundation piecing und nach patterns oder templates. Für diesen Block hatte ich mir nur für die Wimpel eine Vorlage gemacht - sie sind 2,5cm hoch und 4cm breit (ohne Nahtzugaben).
Man näht die Stoffstücke direkt auf dem Papier so aneinander, dass die offenen Kanten jeweils vom nachfolgenden Stück verdeckt werden, das Papier wird zum Schluss weggerissen. Die grundlegende Arbeitsweise zeigt diese Fotoanleitung von Ula, gefunden über Sewperstitious, die hier noch weitere Tutorials verlinkt hat.
Ich staune jedes Mal, erfahre von Patchwork- und Quilttechniken, von denen ich noch nie gehört hatte, lerne so langsam die englischen Fachbegriffe, und ab und zu wird das Neue dann auch angewendet: Floh wünschte sich für einen Quilt mit Meeresthema Patchworkblöcke in Blautönen in der Größe 20 mal 20cm. Prima, sowas liegt ganz auf meiner Linie, und eine Idee und einen Entwurf – viele dreieckige Wimpel vor einem Hintergund aus verschiedenen hellblauen Stoffen – hatte ich also relativ schnell. Aber wie näht man nun bitte so einen kleinen Musterblock, der aus mehr als 60 Einzelteilen besteht? Vor den Quilttreffen hätte die naheliegendste Antwort wohl „gar nicht“ gelautet – aber ich hatte ja noch den Standardsatz der versierten Quilterinnen im Ohr:
„Das Muster kann man ja auch gut auf Papier nähen.“
Im Schaffensrausch hatte ich keine Zeit, erst großartig Anleitungen zu lesen und legte nur mit einer vagen Vorstellung ausgestattet los. Es funktionierte einigermaßen, aber natürlich gibt es auch hier Tricks, mit denen man sich das Leben einfacher macht, in den Kommentaren vor ein paar Wochen hattet ihr lauter Praxistipps, die nicht verloren gehen sollen. Ich bin von der Technik sehr angetan, denn für Leute wie mich, deren Stärke nicht gerade im exakten Zuschneiden liegt und die gerne Stoffschnipsel verarbeiten, ist Nähen auf Papier geradezu ideal: Das Muster wird ganz präzise und sieht super ordentlich aus - zumindest auf der Vorderseite. Das mache ich also bestimmt noch öfter.
Um Patchwork auf Papier zu nähen, braucht man zunächst einmal eine Vorlage. Für viele Muster gibt es Vorlagen im Netz, man sucht am besten nach paper piecing oder foundation piecing und nach patterns oder templates. Für diesen Block hatte ich mir nur für die Wimpel eine Vorlage gemacht - sie sind 2,5cm hoch und 4cm breit (ohne Nahtzugaben).
Man näht die Stoffstücke direkt auf dem Papier so aneinander, dass die offenen Kanten jeweils vom nachfolgenden Stück verdeckt werden, das Papier wird zum Schluss weggerissen. Die grundlegende Arbeitsweise zeigt diese Fotoanleitung von Ula, gefunden über Sewperstitious, die hier noch weitere Tutorials verlinkt hat.
- Unterlage: entweder man nimmt möglichst dünnes Druckerpapier (Claudia empfahl Papier mit 60g/qm anstatt des üblichen 80g/qm), oder Windelvlies aus dem Drogeriemarkt (Tipp von Katjaquilt), das ist ein waschbares Vlies, das nicht entfernt wird. Oder ein wasserlösliches Vlies, auf das man die Vorlage mit Bleistift durchpaust (ebenfalls ein Tipp von Claudia). Teresa gab allerdings zu bedenken, dass es sich auf Vlies doch nicht so exakt näht wie auf Papier
- Das Windelvlies lässt sich auch bedrucken, wenn man es etwas kleiner als DinA4 zuschneidet und an der Kante, die zuerst in den Drucker eingezogen wird, mit Tesa auf ein Blatt Papier klebt - wenn man den Quilt dann einmal waschen will, könnte allerdings die Druckertinte ausfärben, daher ist das nicht für Gebrauchsquilts geeignet, so Claudia.
- Die Papierunterlage vor dem Nähen einmal an allen Nahtlinien knicken - das Papier lässt sich so leichter entfernen (Tipp von Katjaquilt).
- Beim Nähen: Eine geringe Stichlänge verwenden (1-2), und/oder eine dickere Nadel als üblich, so dass das Papier ordentlich perforiert wird (bei einer Vliesunterlage, die drinbleibt nicht nötig) (Tipp von Katjaquilt und Claudia). Die Nähte ordentlich vernähen (Tipp von Teresa).
- Beim Papierentfernen sehr hilfreich: eine Pinzette (Tipp von Claudia/machen und tun)
Montag, 19. September 2011
Selbstgemacht - Wochenrückblick KW 37
1. Selbstgenäht: Mehr blieb nicht von dem Kona Cotton Charm pack übrig - mein noch streng geheimer Quilt für die Unistoffe-Challenge in der Berlin modern quilt guild hat mich die ganz Woche beschäftigt, oder besser gesagt: absorbiert und ist jetzt fertig.
2. Auch das ist street art - das Schwarzweißfoto (ist das vielleicht eine Filmszene? Kennt das Bild jemand?) ist auf Spanplatte aufgezogen und hing an einem Bauzaun an der Glogauer Brücke. An der Stelle der Augen Löcher, dahinter ein Reflektor vom Fahrrad, schätze ich. Und so schaute dieser Junge bei bestimmtem Lichteinfall mit unheimlich rot funkelnden Augen auf die Kreuzung.
3. Die Givebox: Traditionellerweise ist ja der Pappkarton auf dem Gehweg die Berliner Sachenverschenkbörse - ihr erinnert euch vielleicht an die Tischdecke von letzter Woche.
Neuerdings gibt es aber etwas viel besseres: Die Givebox ist eine wetterfeste Verschenk- und Tauschstation, bislang vier Mal in Berlin, außerdem in Hamburg, Düsseldorf, Köln, Wien und bald auch in Frankfurt. Noch brauchbare Dinge können in den Giveboxen abgelegt werden, finden unbürokratisch einen neuen Besitzer in der Nachbarschaft und fliegen nicht durchnässt auf der Straße herum. Das gibt unnützen Anschaffungen, zu großem oder zu kleinem doch noch einen Sinn und schont Ressourcen. Die hübsche Ausstattung, hier in der Kreuzberger Falckensteinstraße eine rosa gestreifte Tapete, Gardinen, Kleiderstange und Bücherregal, animiert dazu, nur wirklich noch Verwendbares abzugeben und mit den Sachen pfleglich umzugehen. In Kreuzberg wird die neue Givebox gut angenommen, sie ist augenscheinlich keine neue Müllecke im Viertel, sondern ein Anlaufpunkt, wo Leute miteinander ins Gespräch kommen. Die Standorte der Giveboxen, mehr über das Konzept und über Möglichkeiten zum Mitmachen und Giveboxen-Bauen hier.
4. Selbstgefangen: Die beste Party findet immer in der Küche statt - klar. Das wissen auch Mäuse - meinetwegen - aber wie finden sie in mehrstöckigen Mietshäusern zu uns? Wir begleiteten den unerwünschten Gast Samstag früh nach draußen - aber Samstag Abend war schon ein neuer da und platzte abends im Wohnzimmer in unser Gespräch. In Berlin ist man eben immer mit der Natur auf Du und Du.
Selbermacher geklickt: Die Gemüsehäkeleien von jungjung (gefunden über Elizabeth Abernathy /absinthe and orange).
Dienstag, 13. September 2011
Ein Kleid mit "Passt!"
Das Buch „Passt! Selberschneidern nach Maß“ hatte ich ja vor ein paar Tagen vorgestellt – aber zwei interessante Fragen waren offengeblieben: Ist die Software leicht zu bedienen? Und, noch wichtiger: Kommt am Ende ein passender Schnitt heraus? Bei mir ist vor allem ein Sommerkleid herausgekommen, so wie ich es mag: luftig sitzend aber nicht sackig, ein Überwerfen-und-gut-ist-Kleid.
Ich gebe ja zu, ich war anfangs skeptisch. Besonders, als es beim Anhalten der Schnitteile so aussah, als wäre die Taillenlinie wie bei jedem Fertigschnitt ein bißchen zu hoch. Das entpuppte sich aber als Irrtum: der Schnitt passt. Überall. Die ganzen Problemstellen, die ich zum Beispiel von Burda kenne – Taille zu hoch, Schultern zu breit, Armausschnitt zu weit – sitzen richtig. Eine einzige Änderung nahm ich nachträglich vor, und zwar verschmälerte ich die Taille im Rückenteil noch um zwei Zentimeter in der Mitte - das hätte man aber ohne weiteres auch so lassen können. Der Stoff ist eine relativ feste Baumwoll-Viskose-Mischung vom Markt, die leicht glänzt und dunkelblau-messingbraun changiert, so dass sowohl altmessingfarbene Knöpfe als auch dunkelblaue Zackenlitze farblich passen.
Das Schnittmuster erstellt man ja, wie schon gesagt, auf der Grundlage der eigenen Maße. Tatsächlich ist das Messen bzw. Ausmessen-lassen der aufwendigste Teil der ganzen Prozedur. 34 Körpermaße müssen ermittelt werden, das geht nur mit einem Helfer, dann ist die Sache aber überraschend schnell erledigt: wir brauchten etwa eine Viertelstunde. Beim Eintippen der Werte baut sich am Bildschirm nach und nach eine stilisierte Figur auf: Ich. Ich bin eine gestauchte Sanduhr!
Das Verändern des Schnittmusters am Rechner hilft schnell über diesen Schock hinweg, das geht nämlich sehr einfach und macht Spaß. Die Schnittgrundlage bildet ein Kleid mit sogenannter Prinzessteilung, also mit Teilungsnähten, die in Vorder- und Rückenteil von den Schultern ausgehend über Brust, Taille, Hüfte laufen und den Körper so nachmodellieren. Mit wenigen Klicks lassen sich verschiedene Optionen anwählen, und die Zeichnung des Kleides verändert sich am Bildschirm gleich mit. Es gibt fünf verschiedene Weiten – von einer Minus-Weite für Jersey über eine eng anliegende Passform, taillierte und wenig taillierte Passform, außerdem verschiedene Längen von Mini bis bodenlang mit Schleppe, mit kleinem oder großem, eckigem oder rundem oder V-Ausschnitt, mit langen Ärmeln oder mit Puffärmeln.
Bei diesem Schritt ist Erfahrung mit dem „Lesen“ von Schnittmusterzeichnungen sehr von Vorteil. Die nackten technischen Zeichnungen geben eben nur die Grundlinien wieder, den Stoff, Knöpfe, Taschen und so weiter muss man sich denken. Ich bin es ja gewöhnt, dass mir die Burdas die Position jeder Taschenklappe vorgeben und saß zuerst ratlos vor dem Bildschirm, mein Respekt vor echten Designern wuchs ins Unermessliche. Was trägt man denn so zu Zeit? Und was will ich eigentlich nähen? Schließlich wählte ich das Kleid in Knielänge, mit taillierter Passform, großem rundem Ausschnitt, stark ausgestelltem Rockteil und langen Ärmeln, die ich am Papierschnitt in kürzere umwandeln wollte.
Ausdrucken und Zusammenkleben finde ich bei Schnitten immer dezidiert unspaßig (die traumatisierenden 126 Seiten vor einem Dreivierteljahr sind noch nicht vergessen), es ging aber selbst für meine Verhältnisse schnell, und ein Farbdrucker ist meines Erachtens auch nicht nötig.
Das Schnittmuster enthält neben den üblichen Markierungen für Fadenlauf, Passzeichen, Belege, zusätzliche Linien auf Brust-, Taillen- und Hüfthöhe, nützlich als Orientierung für weitere Änderungen direkt am Schnitt. Damit vervielfachen sich die Möglichkeiten: mit anderen Ärmelformen, selbst konstruiertem Kragen, Taschen, Knopfleisten, Teilungsnähten kann das Kleid ein ganz anderes Aussehen annehmen. Wie das geht, wird zum Beispiel in dem mehr als siebzig Jahre alten Buch Modern Pattern Design von Harriet Pepin erklärt, das Andrea von Michou loves Vintage zum Herunterladen anbietet und das bei weitem das vollständigste ist, was ich in punkto Schnittveränderungen kenne.
Ich machte aus den langen Ärmeln kurze, mit einer Blende am Abschluss, bastelte in die seitlichen Vorderteile Hüftpassentaschen, auch mit Blende, fügte in der vorderen Mitte eine Knopfleiste an und legte in der Taille die Schnitteile zusammen, um einen fünf Zentimeter breiten, durchgehenden Einsatz zu erhalten. Solche Veränderungen bedeuten zwar Schneiden, Ansetzen, Kleben, wenn sich der Grundschnitt aber erst einmal als passend erwiesen hat, kann dabei aber nicht viel schiefgehen - anders als bei Passformänderungen, wenn man eigentlich nicht genau weiß, was man da tut.
Wie wäre es mit dem Kleid in taillierter Passform, ohne Ärmel, leicht ausgestellt, aus Tweed, um es im Herbst über langärmeligen T-Shirts zu tragen (eine Idee von Meike)? Das Kleid mit engem Rock, eckigem Ausschnitt und Dreiviertelärmeln (aus dem gekürzten langen Ärmel) könnte ich mir als "kleines Schwarzes" vorstellen. Näht man nur den oberen Teil, ärmellos und mit tiefem Ausschnitt aus verstärktem Stoff mit Futter, erhält man ganz eindeutig ein Dirndlmieder. Und ich überlege, wie sich der Schnitt zum Wickelkleid machen lässt – Wickelschnitte müssen nämlich richtig gut passen, sonst sind sie unbequem, und hier wittere ich meine Chance.
Ich gebe ja zu, ich war anfangs skeptisch. Besonders, als es beim Anhalten der Schnitteile so aussah, als wäre die Taillenlinie wie bei jedem Fertigschnitt ein bißchen zu hoch. Das entpuppte sich aber als Irrtum: der Schnitt passt. Überall. Die ganzen Problemstellen, die ich zum Beispiel von Burda kenne – Taille zu hoch, Schultern zu breit, Armausschnitt zu weit – sitzen richtig. Eine einzige Änderung nahm ich nachträglich vor, und zwar verschmälerte ich die Taille im Rückenteil noch um zwei Zentimeter in der Mitte - das hätte man aber ohne weiteres auch so lassen können. Der Stoff ist eine relativ feste Baumwoll-Viskose-Mischung vom Markt, die leicht glänzt und dunkelblau-messingbraun changiert, so dass sowohl altmessingfarbene Knöpfe als auch dunkelblaue Zackenlitze farblich passen.
Das Schnittmuster erstellt man ja, wie schon gesagt, auf der Grundlage der eigenen Maße. Tatsächlich ist das Messen bzw. Ausmessen-lassen der aufwendigste Teil der ganzen Prozedur. 34 Körpermaße müssen ermittelt werden, das geht nur mit einem Helfer, dann ist die Sache aber überraschend schnell erledigt: wir brauchten etwa eine Viertelstunde. Beim Eintippen der Werte baut sich am Bildschirm nach und nach eine stilisierte Figur auf: Ich. Ich bin eine gestauchte Sanduhr!
| Der ausgedruckte Schnitt |
Das Verändern des Schnittmusters am Rechner hilft schnell über diesen Schock hinweg, das geht nämlich sehr einfach und macht Spaß. Die Schnittgrundlage bildet ein Kleid mit sogenannter Prinzessteilung, also mit Teilungsnähten, die in Vorder- und Rückenteil von den Schultern ausgehend über Brust, Taille, Hüfte laufen und den Körper so nachmodellieren. Mit wenigen Klicks lassen sich verschiedene Optionen anwählen, und die Zeichnung des Kleides verändert sich am Bildschirm gleich mit. Es gibt fünf verschiedene Weiten – von einer Minus-Weite für Jersey über eine eng anliegende Passform, taillierte und wenig taillierte Passform, außerdem verschiedene Längen von Mini bis bodenlang mit Schleppe, mit kleinem oder großem, eckigem oder rundem oder V-Ausschnitt, mit langen Ärmeln oder mit Puffärmeln.
| Beim Schnittmuster ist ein Deckblatt mit Modellzeichnung und eine Übersicht über die Seitenverteilung dabei |
Bei diesem Schritt ist Erfahrung mit dem „Lesen“ von Schnittmusterzeichnungen sehr von Vorteil. Die nackten technischen Zeichnungen geben eben nur die Grundlinien wieder, den Stoff, Knöpfe, Taschen und so weiter muss man sich denken. Ich bin es ja gewöhnt, dass mir die Burdas die Position jeder Taschenklappe vorgeben und saß zuerst ratlos vor dem Bildschirm, mein Respekt vor echten Designern wuchs ins Unermessliche. Was trägt man denn so zu Zeit? Und was will ich eigentlich nähen? Schließlich wählte ich das Kleid in Knielänge, mit taillierter Passform, großem rundem Ausschnitt, stark ausgestelltem Rockteil und langen Ärmeln, die ich am Papierschnitt in kürzere umwandeln wollte.
| Zusammengeklebt und verändert |
Ausdrucken und Zusammenkleben finde ich bei Schnitten immer dezidiert unspaßig (die traumatisierenden 126 Seiten vor einem Dreivierteljahr sind noch nicht vergessen), es ging aber selbst für meine Verhältnisse schnell, und ein Farbdrucker ist meines Erachtens auch nicht nötig.
| So sollte es werden: Schnittzeichnung mit den geplanten Veränderungen |
Das Schnittmuster enthält neben den üblichen Markierungen für Fadenlauf, Passzeichen, Belege, zusätzliche Linien auf Brust-, Taillen- und Hüfthöhe, nützlich als Orientierung für weitere Änderungen direkt am Schnitt. Damit vervielfachen sich die Möglichkeiten: mit anderen Ärmelformen, selbst konstruiertem Kragen, Taschen, Knopfleisten, Teilungsnähten kann das Kleid ein ganz anderes Aussehen annehmen. Wie das geht, wird zum Beispiel in dem mehr als siebzig Jahre alten Buch Modern Pattern Design von Harriet Pepin erklärt, das Andrea von Michou loves Vintage zum Herunterladen anbietet und das bei weitem das vollständigste ist, was ich in punkto Schnittveränderungen kenne.
Ich machte aus den langen Ärmeln kurze, mit einer Blende am Abschluss, bastelte in die seitlichen Vorderteile Hüftpassentaschen, auch mit Blende, fügte in der vorderen Mitte eine Knopfleiste an und legte in der Taille die Schnitteile zusammen, um einen fünf Zentimeter breiten, durchgehenden Einsatz zu erhalten. Solche Veränderungen bedeuten zwar Schneiden, Ansetzen, Kleben, wenn sich der Grundschnitt aber erst einmal als passend erwiesen hat, kann dabei aber nicht viel schiefgehen - anders als bei Passformänderungen, wenn man eigentlich nicht genau weiß, was man da tut.
Wie wäre es mit dem Kleid in taillierter Passform, ohne Ärmel, leicht ausgestellt, aus Tweed, um es im Herbst über langärmeligen T-Shirts zu tragen (eine Idee von Meike)? Das Kleid mit engem Rock, eckigem Ausschnitt und Dreiviertelärmeln (aus dem gekürzten langen Ärmel) könnte ich mir als "kleines Schwarzes" vorstellen. Näht man nur den oberen Teil, ärmellos und mit tiefem Ausschnitt aus verstärktem Stoff mit Futter, erhält man ganz eindeutig ein Dirndlmieder. Und ich überlege, wie sich der Schnitt zum Wickelkleid machen lässt – Wickelschnitte müssen nämlich richtig gut passen, sonst sind sie unbequem, und hier wittere ich meine Chance.
Montag, 12. September 2011
Selbstgemacht - Wochenrückblick KW 36
1. Selbstgestrickt: Henkel für ein sehr süßes und sehr kleines Täschchen aus Patchwork Style von Suzuko Koseki. Eine Stricklieselschnur aus Baumwollgarn gibt eine schöne Kordel.
Die Tischdecke ist selbstgefunden - in Berlin stehen ja häufig Kartons mit einem Zettel "zu verschenken" auf der Straße. Meistens handelt es sich um Bücher, die zu Recht nie wieder jemand lesen wird, um häßlichen Nippes, unbrauchbare Küchengeräte, kurz: Müll. Diese Woche hatte ich Glück, denn die Tischdecke ist nicht nur tiptop in Ordnung, sondern - Luft anhalten bitte - handgestickt.
2. Selbstgenäht: So klein wird die eben erwähnte Tasche - ist das nicht süß? Außerdem ist die Quiltoberseite für die Unistoffe-Challenge der Quiltgruppe fertig. Wir wollen uns gegenseitig überraschen, daher verrate ich nur, dass es kein Suppenbüffet geworden ist.
3. Selbstgebacken: Nichts, aber beim Erika und Hilde am Weigandufer/Ecke Elbestraße kann man schön draußen sitzen und bekommt sehr guten, von anderen selbstgebackenen Kuchen, zum Beispiel Käsekuchen.
4. Selbstgewundert: Am Kühlregal des Grauens über den neuesten Streich der Lebensmittelindustrie: Burger für den Toaster, vier Wochen haltbar. Die Zutatenliste ist übrigens länger als ein durchschnittlicher Blogeintrag von mir.
Selbermacher geklickt: Französische Nähblogs - zur Zeit machen viele beim Septembre fait main mit, sowas wie der Me-made Mittwoch, läuft aber den ganzen Monat. Zum Beispiel L'armoire d'Eolune (dieses Stricktuch muss ich mir merken), oder Félicie à Paris (besonders hoher Hach-Faktor).
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