Mittwoch, 25. März 2009

Der geheimnisvolle Nähwagen

Der Nähwagen ist da! Und ich bin etwas zwiegespalten, aber seht selbst -



Aus der Form des Messinggestells (tatsächlich mit kleinen, etwas quietschenden Rädchen) würde ich schließen, dass das Möbelstück tatsächlich aus den sechziger Jahren stammen könnte. Das halbrunde Unterteil ist mit einem zweifarbigen Spangeflecht verkleidet, so ähnlich wie ein Erdbeerkörbchen. Seitenteile und der Klappdeckel sind aber leider nicht aus Holz, sondern mit einer Art Wachstuch oder steifer Folie mit aufgedrucktem Holzmuster bezogen. Aus der gleichen Folie bestehen auch die untere Ablage und die Taschen im Inneren. An der Innenseite des Deckels sind zwei schon ziemlich zerstochene Nadelkissen aus grünem Satin befestigt. Für das grüne Material, mit dem der Nähkasten innen ausgeschlagen ist, fällt mir keine Bezeichnung ein: es ist weder Stoff noch Filz noch Samt, leicht kratzig-flauschig und erinnert mich an den Rasen von Modelleisenbahnanlagen.



Tja, was nun? Braune Holzimitatfolie gehört zu den Dingen, die ich jederzeit als „abscheulich“ bezeichnen würde. Hier ist das Imitat an der Außenseite immerhin so gut gemacht, dass es den Betrachter auf den ersten Blick zu täuschen vermag (die Betrachterin besonders dann, wenn sie wie meine Schwiegertante beständig auf der Suche nach ihrer Lesebrille ist). Die untere Ablage fängt aber schon an zu bröckeln, und auch bei den vom Konzept her witzigen Innentaschen ist das nur noch die Frage einer kurzen Zeitspanne. Plastik altert eben nicht mit gepflegter Patina, sondern fällt auseinander.



Die gerundete Form des Kästchens, das Spangeflecht und das Messinggestell gefallen mir und ich kann mir dieses Wägelchen gut als Stauraum für die aktuellen Projekte hier in der Wohnung vorstellen (Klappdeckel zu und alles ist aufgeräumt).
Aber diese Folie! Braunes Holzimitat wird, fürchte ich, nie zu einer vom Alter geadelten Antiquität, egal wie lange ich noch warte. Und außerdem finde ich, dass alte Gegenstände, die lange benutzt wurden, eine gewisse „Aura“ haben. Oder anders herum, ich reagiere durchaus emotional-assoziativ auf solche Gegenstände, für mich sind sie mit der (realen oder imaginierten) Geschichte ihrer Vorbesitzer gesättigt. So als ob etwas von den Besitzern, ihrem Leben und ihren Gefühlen beim Benutzen dieser Gegenstände auf sie übergegangen wäre. Wenn also zum Beispiel Suschna im Kommentar zum vorigen Beitrag schreibt, sie habe einen Nähwagen aus der Frohnauer Invalidensiedlung mit einer unheimlichen Ausstrahlung, dann kann ich mir sofort etwas darunter vorstellen.
Bei meinem Nähkasten nun sehe ich eher Deprimierendes vor mir – beige-graue Herrensocken mit riesigen Löchern, die gestopft werden müssen – ein verheddertes Stopfgarnknäuel – ein verkrumpeltes, bröckeliges Maßband und Unterhosen mit ausgeleierten Gummis. Also kurz gesagt: Mir kommt es nicht so vor, als hätte das Ding mal jemand besessen, der Spaß am Nähen gehabt hätte.

Daher denke ich darüber nach, die Pseudo-Holzteile zu verändern, vielleicht anders zu beziehen. Aber womit und wie weiß ich noch nicht. Der Unterbau scheint aus schnöder Spanplatte zu bestehen. Und was mache ich mit dem Inneren? Da bin ich noch völlig ratlos. Irgendwelche Ideen, Vorschläge, Meinungen? Ich freue mich immer über Kommentare, aber diesmal ganz besonders.

16 Kommentare:

  1. Ich bin etwas rat- und sprachlos, ob dieser Hässlichkeit. Ich würde ihm keine Heimat in meiner Wohnung anbieten. Aber mir geht es auch so, dass ich keine Sachen mag, von Menschen, die ich nicht gekannt habe,eigentlich doof, aber
    ich habe definitiv keine Trödlerseele.
    Bin mal gespannt auf andere Meinungen.
    Liebe Grüsse von Allerleirauh

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  2. Ja, manche Trödelmärkte sind wahrlich nichts für empfindsame Seelen. So, wie er jetzt ist, werde ich ihn auch definitiv nicht verwenden. Es braucht auf jeden Fall Farbe, um diese deprimierende Ausstrahlung loszuwerden. Sonst befürchte ich, dass alles misslingt, was einmal in dem Kästchen gelagert wurde (oder sich gar in eine Kittelschürze verwandelt).

    Liebe Grüße in die Schweiz, Lucy

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  3. Oder es ist eine verwunschen Nähzauberkiste, du legst Stoff hinein zusammen mit dem Schnittmuster und natürlich Faden, drehst das Ding einmal im Kreis herum und Klappe auf und das Kleid ist fertig.

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  4. im kleinen liegen die schönheiten....
    obwohl auf den ersten blick...
    poottepüttehäßlich.
    wie wärs mit 2 dosen sprühkleber und geschätzte 2 meter fantastischem stoff zum überziehen?
    das innenleben find ich gar sooo häßlich...die grünen kisslein haben ihren charme...
    wenn mir nochwas kommt...
    meld ich mich...
    liebe grüße mit einer prise fantasie
    stella

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  5. So Rettungsaktionen sind wunderbar. Weil, wenn sie nicht gelingen sollten, ja nix verdorben werden konnte.
    Ich würde auch mit Volumenvlies unterpolstern und mit bunten Stoffen überziehen. Richtig bunt und gewagt, damit es einen satten Kontrast zu der biederen Flechterei gibt.
    Und die Räder ölen- ich hatte beim Lesen dieses Geräusch in den Ohren, verbunden mit dem fiesen Geruch das alten Metalles. Autsch.

    Das klingt nach viel Arbeit- aber auch nach einem einzigartigen Resultat. So oder so.

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  6. Japp, verderben lässt sich quasi nichts. Möglicherweise bröselt alles sowieso unrettbar auseinander, wenn die ersten Schrauben gelöst werden. Die grünen Kissen finde ich auch ganz sympathisch, nur total unpraktisch. Glücklicherweise riecht er nicht muffig, sondern nach aufgeräumter, geheizter sauberer Wohnung.

    Lucy

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  7. Als Du in dem Post vorher Nähwagen schriebst, dachte ich an ein Nähkästchen zum seitlichen Auseinanderziehen auf Beinen. So etwas habe ich auch noch nie gesehen.
    Liebe auf den ersten Blick , gehet nicht, aber das könnte was Verrücktes werden. So ganz schräg! Großgemusterer Stoff oder Streifen könnte ich mir gut vorstellen.Wenn es toll wird, kann man dann auch andere ,große Räder ranmachen.An sich finde ich Messing schön, aber ob das dann noch geht???
    Vorstellen kann ich mir auch gewöhnliche Tageszeitung beklebt und dann mit farbigen Mustern bemalt, so dass man die Zeitung noch sieht.
    Neugierieg Grüße, wie es werden wird von Karen

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  8. Ich bin auch mal gespannt, was daraus wird. Ich hatte nicht die quietschenden Räder beim lesen im Ohr, sondern den alten modrigen Geruch in der Nase. Ist der nicht da - dann würde ich auch mit Stoffen arbeiten. Uni mit Applis oder Stickerei. Oder mach doch ein Monatsprojekt daraus. Innen die Fächer raus und helle Taschen einnähen - damit man alles besser findet, in hellen Farben.
    Ich wünsche dir viele Ideen, die jetzt sicher kommen werden und bin sehr gespannt.
    lg monika

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  9. Ich bin auch so eine, die Persönlichkeit in alten Dingen wähnt... ;-) Allerdings nur bei Stoffen und Holz, denn auf Plastik kann ja nichts haften bleiben. ähäm...
    Du hast Recht: Diese Folie geht gar nicht! Aber Griselda hat auch Recht: Du hast ja nichts zu verlieren! Als Allererstes dachte ich an DC Fix. Damit könntest du die Flächen schnell bekleben. Und da gibt es ja auch die verschiedensten Dekore... (Leider gefällt mir so etwas zumeist nicht viel besser als gefaktes Holz.) Bemalen wäre auch eine Möglichkeit, wobei ich nicht weiß, inwiefern Lack überhaupt darauf haftet...
    Mir persönlich gefällt die Idee mit den Stoffen am besten! Ich würde frische, vielleicht eher kühle Farben als Kontrast zum biederen Geflecht wählen: weiß, hellblau, grün... Und dann Streifen oder stilisierte florale Motive. (je nachdem wie robust es sein soll auch beschichte Stoffe oder Wachstuch)
    Bei Lavitadream habe ich etwas gelesen, was vielleicht für die Fächer in Frage käme: Da hat Andy einfach zwei Lagen Stoff laminiert, dann aufgeschnitten und auseinander gezogen. So bekam sie beschichten Stoff nach Wahl.
    So, jetzt gehe ich noch die letzten zwei deiner Posts kommentieren... Das ist mir in den letzten Tagen irgendwie durchgegangen...

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  10. Ne, mein Fall ist er so auch nicht. Ich würd ihn aber auch retten, könnte überraschendes bei rauskommen. Ich finde, es kommt sehr auf deine restliche Umgebung an. Bei mir z.B. würden große Muster nicht gut gehen. Ich würde alles Holz weiß lackieren und die übrigen Flächen mit weißem Stoff bespannen. Oder es zumindest versuchen, im restarieren bin ich glaub ich nicht so gut. Aber wegschmeißen geht ja immer noch.
    Über mein scheußliches Nähmöbel hab ich eine schöne alte Tischdecke gelegt, das Teil ist so unmöglich (Funier), da geht weder bekleben noch anmalen. Aber ein Wagen unter einer Tischdecke ist ja irgendwie auch Quatsch.
    Ich bin jedenfalls gespannt!
    LG Catherine

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  11. Liebe Lucy,
    das hast Du mich ja schön aus der Schmollecke geholt.
    Sieh mal bei http://suschna.wordpress.com/ sage ich was zur Aura. Ansonsten würde ich das Furnier ruhig lackieren, Sprühdosenlack hält ja auch auf Plastik. Und wenn es dann noch nicht geht, auch den Stoff neu machen.

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  12. Also Abpolstern mit Volumenvlies ist schon mal ein gutes Stichwort. Lackieren oder bekleben ist glaube ich nicht so günstig, weil ich gar nicht wissen will, welche chemischen Reaktionen wohl auftreten, wenn man dem fiesen Holzimitat mit Lackfarbe oder Kleber kommt. Das ist nämlich nicht diese Plastikoberfläche, die man heute von billigen Möbeln kennt, sondern eine dicke Kunstofffolie, erinnert an Kunstleder.

    Ich habe nun mal verschiedene Stoffe aus meinem Vorrat drangehalten - Streifen (rot-weiß-blau) scheinen sich gut zu machen und würden bei uns auch reinpassen. Hm. Letzteres ist Ansichtssache, mein Liebster hat mir gestern nach dem Lesen der ersten Kommentare noch gestanden, dass er das "Ding" ja ganz furchtbar findet und es mir bisher nur nicht vermiesen wollte.

    Danke für die Fotos, Suschna, so ungefähr habe ich mir deinen Nähkasten auch vorgestellt, an dem hätte ich auch nichts verändert!

    viele Grüße, Lucy

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  13. Wow, wenn das kein Liebesbeweis ist!
    Ich hätte wahrscheinlich gesagt: Liebling, du musst dich entscheiden, ich oder es.

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  14. Was für ein Schocker!
    Ich war ja so gespannt, was da zu dir kommen wird, habe ein paarmal in deinen Blog reingeschaut bis...
    Ein potthässliches Ding, ich würde keine Lebenszeit mit Renovieren investieren, noch einen Ehrenplatz reservieren! Es geht mir wie Allerleirauh - igitt-igitt.
    Sorry.
    Ansonsten gefällt mir dein Schreiben sehr! LY

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  15. Mhm, Stichwort "Lebenszeit investieren", zu diesem Schluss bin ich nach nochmal-drüber-schlafen auch gekommen. Es gibt so viele Dinge, die ich zur Zeit lieber machen möchte und die sich mehr lohnen. Es tut mir nur etwas Leid, immerhin ist "es" ein Geschenk meiner angeheirateten Tante, und die hat immer so viel um die Ohren, dass ich es außerordentlich lieb von ihr finde, dass sie überhaupt an mich gedacht hat. Sie sucht übrigens seit 14 Tagen ihre Lesebrille - muss ich mehr sagen? Vielleicht sollte ich ihr ein schönes Brillenetui nähen - ob das hilft?

    viele grüße, Lucy

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  16. Man kann wirklich vieles aus Wachstuch produzieren ob es nun zum basteln oder weiter verarbeiten genommen wird.

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Vielen Dank für deinen Kommentar!