Dienstag, 30. Oktober 2018

Das war der Berliner Schick: Mode vom Hausvogteiplatz

Wusstet ihr, dass Berlin in den ersten drei Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts ein Zentrum der Bekleidungsindustrie war? Dass Mode aus Berlin in alle Welt exportiert wurde? Ich muss zugeben, dass ich das erst weiß, seitdem ich einmal mehr oder weniger zufällig in der Gegend des Hausvogteiplatzes unterwegs war und das Denkmal in der Mitte des Platzes - drei geneigte Spiegel, die die umliegenden Häuser reflektieren - wahrnahm und auch, dass an den Stufen hinunter zur U-Bahn-Station lauter Firmennamen eingemeißelt sind.


Heute sind der Hausvogteiplatz und die umliegenden Straßen ein merkwürdiges, etwas steriles Niemandsland mit Bürogebäuden, der Botschaft der Mongolei, dem Justizministerium, einem Teil der Humboldt-Uni und Neubauten mit sehr, sehr teuren Eigentumswohnungen, eine tote Ecke zwischen den Touristenmassen auf dem Gendarmenmarkt und dem Verkehrsinferno auf der Leipziger Straße. Sieht man Bilder der Gegend vom Anfang des vorigen Jahrhunderts, mag man kaum glauben, dass es sich um dieselben Straßen handelt: An den Fassaden Firmenschilder dicht an dicht, in den Erdgeschossen Bekleidungsgeschäfte, auf den Straßen Lieferwagen, Straßenbahnen und je nach Jahrzehnt mehr Autos oder mehr Pferdefuhrwerke, und vor allem ein unglaubliches Gewimmel von Passanten, Lieferanten, Geschäftsleuten, Frauen und Kindern beim Einkaufsbummel. Große Kaufhäuser waren hier, aber seit Mitte des 19. Jahunderts vor allem die Konfektionäre, meistens jüdische Bekleidungsgroßhändler, die sich auf die Produktion von Kleidung "von der Stange" spezialisiert hatten. Diese Idee, fertige Kleidung in einer Reihe von standardisierten Größen günstiger als maßgeschneidert anzubieten, war eine revolutionäre Erfindung, sie machte diese Kleidung für eine größere Gruppe von Frauen überhaupt erst erschwinglich.


Die Ausstellung Brennender Stoff - Burning (t)issue, die von Studierenden der Europäischen Ethnologie der Humboldt-Uni erarbeitet wurde, zeigt derzeit in den Räumen des Justizministeriums, das zum Teil in so einer ehemaligen Textilfabrik untergebracht ist, die Geschichte dieser Konfektionäre rund um den Hausvogteiplatz. Im November wandert die Ausstellung in das Hauptgebäude der Humboldt-Uni und kann dort ohne Anmeldung besichtigt werden. Ich hatte sie mir vor zwei Wochen im Ministerium angeschaut und habe viel mitgenommen.


Mir war zum Beispiel nicht bewusst, dass ein großer Teil der Konfektion in Berlin gar nicht in Fabriken, sondern in Heimarbeit hergestellt wurde - und zwar von einem Heer von Näherinnen, die in 12-Stunden-Arbeitstagen zuhause im Akkord Blusen und Kleider nähten, bügelten, und sich natürlich auch noch um Kinder, Küche, Kirche kümmern mussten. Alte Fotografien aus dem Landesarchiv zeigen die beengten Verhältnisse, ärmliche, enge Wohnzimmer, mit Nähmaschinen und Bergen von lauter identischen fertigen und halbfertigen Kleidungsstücken, dazwischen kleine Kinder.


Die glamouröse Seite der Berliner Mode ist sogar noch besser durch Fotos dokumentiert: In den Kaufhäusern wurden schon damals ganze Erlebnislandschaften geschaffen. Das, was wir heute "Shopping" nennen, das Flanieren durch Geschäfte, das Ansehen und Anfassen der Waren, ohne den Zwang, etwas kaufen zu müssen, nahm damals in den Warenhäusern seinen Anfang. Die Influencerinnen der damaligen Zeit waren Bühnen- und Filmschauspielerinnen, Sportlerinnen und Tänzerinnen.


In den dreißiger Jahren war es dann vorbei mit der Berliner Textilindustrie: Ihre meistens jüdischen Eigentümer wurden enteignet, vertrieben und ermordet, nach dem Krieg lag das Hausvogteiviertel in Schutt und Asche. Die Ausstellung - und das sehr empfehlenswerte Begleitbuch - zeichnen hier die Einteignung einer von vielen jüdischen Firmen nach. Die Berliner Modefirmen, die es jetzt noch gibt, hatten im übrigen kein Interesse, das Ausstellungsprojekt zu unterstützen, wie eine der Ausstellungsmacherinnen erzählte, die uns begleitete. Deutlich wurde auch, dass die Geschichte der Berliner Konfektion bislang nur in den Grundzügen erforscht und allgemein recht wenig bekannt ist. Ich kann daher den Besuch der wirklich interessanten und gut gemachten Ausstellung - gestaltet wurde sie von Studierenden der Kunsthochschule Weißensee - empfehlen. Bis Ende November ist sie kostenlos und ohne Anmeldung im Hauptgebäude der Humboldt-Uni zu sehen, und auch das Begleitbuch zur Ausstellung ist sehr zu empfehlen, es ist angenehm zu lesen und enthält die meisten Fotos, die auch in der Ausstellung zu sehen sind.

https://www.brennender-stoff.info/
Ausstellung ab 3.11. in der HU, Unter den Linden 6
geöffnet Mi-Fr 16-20.00 Uhr, Sa 11-17.00 Uhr
Eintritt frei
außerdem kostenlose Führungen, dazu ist eine Anmeldung nötig  

Das Buch zur Ausstellung gibt es im Buchhandel, es liegt in der Ausstellung aus und kann außerdem bei den Führungen erworben werden.

Über die Ausstellung berichteten sehr ausführlich Maritta Tkalec von der Berliner Zeitung, Jérôme Lombard von der Jüdischen Allgemeinen und Katharina Kühn für DeutschlandfunkKultur.  

Mittwoch, 17. Oktober 2018

Viel mehr als Häkeltanten: Handarbeiten durch die Jahrhunderte in Susannes neuem Buch "Gedichte, Geschichten mit Nadel und Faden"

Susannes neues Buch ist da! Beim mittlerweile ritualisierten Warten auf den Lastwagen mit der Buchpalette konnte ich dieses Mal nicht dabei sein, weil der Liefertermin und mein Urlaub kollidierten, aber mittlerweile habe ich das neue Buch Gedichte, Geschichten mit Nadel und Faden in der Hand und kann es euch zeigen.


Susanne sammelt schon seit Jahren Erzählungen und Gedichte, in denen gehandarbeitet wird und hat die 57 schönsten und interessantesten für dieses Buch ausgewählt. Ich kenne mich in der deutschen Literatur ja einigermaßen gut aus, aber auch für mich waren die meisten Fundstücke ganz unbekannt, oder ich hatte sie nicht im Gedächtnis, weil das Handarbeiten in vielen Büchern nur ganz beiläufig beschrieben wird - wie es eben auch oft beiläufig nebenher stattfindet - oder weil mein eigener Fokus beim Lesen früher ganz woanders lag.

Erinnert sich zum Beispiel jemand daran, dass Effi Briest in der Anfangsszene von Fontanes Roman, (den warscheinlich die meisten von uns in der Schule lesen und (über-)analysieren mussten), mit ihrer Mutter an einer Stickerei für eine Altardecke arbeiten muss und dazu überhaupt keine Lust hat? Ich habe den Roman im Deutschunterricht sogar zweimal in verschiedenen Klassenstufen durchgenommen (fragt nicht), aber diese Handarbeitsszene hatte ich verdrängt.


Die Sammlung besteht aber nicht nur aus so schwerer Kost wie Fontane - sehr amüsant ist zum Beispiel, wenn Thomas Bernhard über selbstgestrickte Pullover rantet und man ahnt: Das ist nicht nur Fiktion, dahinter steht wirklich eine Erfahrung. Nicht verpassen darf man das "Huldgedicht an Singer", von dem es auf youtube auch eine Vertonung gibt. Man kann erkennen, welche Autoren sich wirklich mit Handarbeiten beschäftigt haben und die dahinterstehende Technik verstehen und daher zu schätzen wissen (Günther Grass, Rainer Maria Rilke) und welche nicht (Henrik Ibsen). Man wundert sich, dass der durchschnittliche Ehemann des 19. Jahrhunderts von strickenden Frauen offenbar höchst genervt war. 

Erschreckend wird es dann, wenn Handarbeiten in Heimarbeit unter prekären Bedingungen den Familienunterhalt sichern müssen. Die Schilderung des Arbeitsalltags in der Thüringischen Puppenindustrie um 1900 von Agnes Sapper steht dem, was wir heute aus Bangladesch kennen, in nichts nach, Kinderarbeit inklusive. Und Nesthäkchen im Ersten Weltkrieg strickt Strümpfe für den Endsieg.


Am Interesssantesten finde ich aber die vielen Texte von Autorinnen, die Susanne gefunden hat und die hier zum Teil zum ersten Mal seit langem wieder in einer zugänglichen, lesbaren Form verfügbar sind. Manche Namen kennt man vielleicht von Briefmarken oder Straßenschildern, hat aber noch nie wirklich etwas von der Autorin gelesen - Fanny Lewald zum Beispiel, die als Jugendliche durch ein gesticktes Geburtstagsgeschenk in große Bedrängnis gerät. Oder Sophie von La Roche, die so detailversessen und mit großer Begeisterung über Stoffe, Kleider und Stickereien schreibt.

Das neue Buch ist etwas größer und als "Verflixt und zugenäht" und "Am Rockzipfe"l, die beide weiterhin erhältlich sind

Im 19. Jahrhundert gab es überhaupt eine Menge Bestsellerautorinnen, die vom Schreiben ihre Familien ernähren konnten, das weiß heute nur kaum einer mehr. Sophie Wörrishöffer beispielsweise schrieb Abenteuerromane - meistens unter einem männlichen Namen - und verkaufte fast so viele Bücher wie Karl May, vermutlich um die 50 Millionen Stück. Viele Frauenrechtlerinnen waren gleichzeitig Schriftstellerinnen wie Hedwig Dohm und Louise Otto-Peters, die beide in der Sammlung vertreten sind.

Es gibt also viel zu entdecken auf den annähernd 200 Seiten, unter anderem auch zwölf dezent absurde Collagen von Susanne, für die sie alte Buchillustrationen neu zusammengesetzt hat. Und übrigens: SINGERS NÄHMASCHINE IST DIE BESTE, das wusste man schon 1928 in Belgien.   

Susanne Schnatmeyer (Hgg.): 
Gedichte, Geschichten mit Nadel und Faden   
192 S., 12 Illustrationen, Hardcover mit Lesebändchen
18,00 Euro

Erhältlich im Buchhandel, bei amazon und Konsorten und bei Susanne direkt. In Susannes Blog Textile Geschichten gibt es ebenfalls einen Einblick in das neue Buch.

Susanne und ich haben übrigens nun auch eine gemeinsame Webseite - Schnatmeyer&Derham - auf der ihr alles über unsere Bücher findet und auf die ihr zum Beispiel auch Buchhändler verweisen könnt, falls es mit der Buchbestellung doch Probleme geben sollte. Dort könnt ihr euch auch in unseren Newsletter eintragen, wenn ihr über unsere Veranstaltungen (und neue Bücher natürlich!) informiert werdenn wollt.

Eine Gelegenheit, die Bücher und uns direkt zu erleben (beinahe hätte ich geschrieben: anzufassen, aber einigen wir uns auf: Bücher gerne anfassen, Autorinnen nicht), gibt es in Berlin am 24. und 25. November jeweils von 10-18.00 Uhr, wir haben einen Stand auf der Buchmesse BuchBerlin für unabhängige Verlage und Selfpublisher im Mercure-Hotel MOA Berlin in Moabit (U-Bahnhof Birkenstraße). Vielleicht sehen wir uns ja?

Mittwoch, 3. Oktober 2018

Dalink-Stoffe in Spandau und am Alex

Neulich bei der Arbeit im Stoffladen unterhielt ich mich mit einer Kollegin und einer Kundin über andere Stoffläden. Es ist zugegebenermaßen etwas merkwürdig, sich mitten in einem riesigen Stoffladen über andere Stoffquellen auszutauschen, aber andererseits kenne ich das Phänomen auch vom Essen im Restaurant, wo sich das Gespräch dann sehr oft um Essen an anderen Orten, Rezepte, Zutaten dreht - der Appetit für das Thema ist dann geweckt, und man kann unmöglich bei dem bleiben, was gerade auf den Teller liegt. In diesem Fall waren es die Gegenwart von wahrscheinlich mehreren tausend Metern Stoff und die nicht unerhebliche Einkäufe im Wagen der Stammkundin, die zur Diskussion über andere Stoffläden einluden.


Einer der Lieblings-Stoffläden der Kundin war Dalink-Stoffe in Spandau, den sie wegen der großen Auswahl an Wollstoffen und einfarbigen Bekleidungsstoffen empfahl. Spandau ist von Treptow aus gesehen am anderen Ende der Stadt, aber die Beschreibung klang so vielversprechend, dass ich mich vor einigen Wochen mit netter Begleitung auf den Weg machte. Die Reise war dann auch gar nicht so langwierig wie befürchtet: Wenn man am S-Bahnhof Spandau einmal die Haltestelle des Bus M 32 gefunden hat (Tipp: Sie ist vor dem flachen Gebäude mit Bäckerei und Florida-Eis, man muss die Straße nicht überqueren), dann bringt einen der Bus, der während der Ladenöffnungszeiten etwa alle 5 Minuten fährt, fast genau bis vor die Tür des Stoffladens.


Dalink-Stoffe liegt in einem Gewerbegebiet und ist etwas zurückgesetzt von der Straße in einem Halle untergebracht, die um einen kleinen Innenhof herumgebaut ist. Dadurch ist der Laden schön hell und hat man in fast Ecken direktes Tageslicht oder zumindest Tageslicht in der Nähe.

Die Auswahl vor allem an Bekleidungsstoffen ist wirklich beeindruckend. Besonders aufgefallen sind mir die nach Farben geordneten Regale mit Baumwoll- und Baumwollmischstoffen, die Stoffe verschiedener Qualitäten von Batist bis zu kräftigem Köper enthielten. Hier hat man wirklich gute Chancen, Kombinationsstoffe in genau dem richtigen Farbton zu finden. Sehr praktisch auch die Regale mit Patchworkstoffen, die nach Motiven angeordnet sind - wenn man also Stoff mit Noten oder Dinosauriern oder Pinguinen suchen würde, würde man dort schnell fündig.


Ansonsten sind die Stoffe teils nach Stoffart (Cord, Buntgewebe, Jeans, Sweat, Strickstoff, Viskosedrucke), teils nach Verwendungszweck (Hosenstoffe, Outdoorstoffe, Badeanzugstoffe), teils nach Material (Leinen, Wolle) geordnet, aber im ganzen so, dass man sich gut zurechtfindet, wenn man schon weiß, was man möchte. Im hinteren Teil des Ladens gibt es auch Dekostoffe, Polsterstoffe, eine große Auswahl an Kunstleder und einige ganz irre Sachen wie hologrammähnlich schillernde Foliendrucke.

Beim Nähzubehör ist mir vor allem die große Auswahl an Gurtbändern, Endlosreißverschlüssen und anderen Taschenzutaten aufgefallen. Außerdem gibt es die üblichen Prym-Produkte, recht günstiges Näh- und Overlockgarn und ein sehr großes Knopfregal, von dem Zusza ein Foto gemacht hat.

Im Vergleich zu Hüco, der ja immer als Berlins größter Stoffladen genannt wird, sind außerden die angenehm normalen Öffnungszeiten von Vorteil, und was Jersey und andere gewirkte Stoffe betrifft, hat Dalink-Stoffe meines Erachtens die größere Auswahl. Seide und festliches Bling-Bling würde ich aber zuerst eher bei Hüco suchen, auch wenn die Pailettenstoffabteilung bei Dalink (als ob ich sowas jemals brauchen würde!) auch nicht schlecht war.


Gleich im Anschluss schaute ich mir dann auch noch die ganz neu eröffnete Filiale am Alex, im S-Bahn-Bogen neben dem Alexa an. An dieser Stelle war vorher auch schon ein Stoffladen, das Knopfloch, mit dem ich aber ehrlich gesagt nie warm geworden bin, ich fand den Laden immer etwas düster.

Jetzt erstrahlt das Gewölbe in Weiß, und der Anstrich war vor ein paar Wochen noch so frisch, dass der Laden etwas nach Farbe roch. Die Stoffe - ein kleiner Querschnitt durch das Angebot in Spandau - waren ebenso frisch eingeräumt, der Laden war so aufgeräumt und ordentlich, dass er fast steril wirkte. Neben Stoffen und den üblichen Kurzwaren werden dort Näh- und Stickmaschinen angeboten, von Brother und Bernina. Im Spandauer Laden gibt es die Maschinen auch (und außerdem laut Webseite auch Elna), sie sind mir allerdings nicht weiter aufgefallen, ich war wohl von den ganzen Stoffen um mich herum überwältigt. Sicherlich wird der Laden nach einiger Zeit etwas belebter und "eingewohnter" wirken, ich bin jedenfalls ganz froh, dass es dort weiterhin Stoffe und Kurzwaren gibt, und nach Spandau würde ich mich tatsächlich  gezielt aufmachen, wenn ich einen ganz bestimmten Stoff suche.

Dalink-Stoffe Spandau
Brunsbütteler Damm 177, 13581 Berlin

Montag-Freitag 9-18.00 Uhr
Samstag 10-14.00 Uhr

S-Bahn Spandau, von dort in 6 Minuten mit Bus M32 bis Egelpfuhlstraße

Dalink-Stoffe Mitte
S-Bahn-Bogen 105, 10178 Berlin
neben dem Alexa

Montag-Freitag 10-20.00 Uhr
Samstag 10-16.00 Uhr

(Dieser Post wurde nicht gesponsort, bezahlt oder in Auftrag gegeben.)