Sonntag, 2. Mai 2010

Kaffeeklatsch (V & VI)



Seit Suschnas Post über Häkelborte und Reichsadler lässt mich ja das Thema Kaffeeklatsch nicht los. Zwar ging es ursprünglich um die Tischdecken, aber ihr schwarz-weißes Familienfoto faszinierte mich nicht nur wegen der Dame hinten links in der Bluse mit der interessanten Streifenanordnung. Die abgebildete Kaffeeklatschkultur kenne ich aus meiner Kindheit - die Geburtstage meiner zahlreichen Großtanten und -onkel wurden gewöhnlich mit einem Tortengelage begangen. Vom Kuchen abgesehen waren das für mich als einziges Kind in der Runde immer schrecklich öde Nachmittage. Ich saß meist unter dem Tisch wie in einem Zelt und spielte, oder räumte im Nebenzimmer Omas Kommode aus. Als ich älter war, hätte ich währenddessen gerne gelesen, durfte aber nicht (weil sich das nicht gehörte).


So eine Kaffeerunde mit allen guten (Sahnetorte so viel man will) und quälenden Begleiterscheinungen (Langeweile, die Fragen "wie gehts denn in der Schule?", "was willst du denn später mal werden?") habe ich seit etwa 1987 nicht mehr erlebt, damit gehört der Geburtstagskaffeeklatsch für mich zu den heute verschollenen Bräuchen und Sitten unserer Vorfahren und hat es verdient, in Stickerei festgehalten zu werden.
Die Stickaufgaben Nummer 5 und Nummer 6 bei den Stickamazonen wurden zu gestickten Tischdecken, denn die waren auch in meiner Familie unverzichtbar.


Die rote Grundstruktur oben ist ein Kretastich oder Cretan stitch, aber mit großem Abstand gearbeitet, bei dem unteren Stück ein Wabenstich oder Chevron stitch. Völlig neu für mich war auch der laut Stichlexikon "schnell zu arbeitende", für mich aber alles andere als schnelle Sorbelloknotenstich.

8 Kommentare:

  1. Deine Stickereien sind super!
    Wenn ich bei den Stickamazonen reinschaue, reizen mich die Vorschläge immer gar nicht so - aber Deine Umsetzung begeistert mich immer.
    Was machst du mit den Quadraten - nähst du die irgendwann gesammelt zusammen oder bleiben das Einzelstückchen?

    Ich geh ja heut noch gern Kaffeeklatschen und irgendwie hält sich das in manchen Regionen sehr hartnäckig, wenn es auch nicht mehr so oft die dicken Buttercremetorten gibt sondern Muffins... Dankbarerweise hat diese Seite der Verwandtschaft reichlich Kinder und damit ist die Qual wohl (hoffentlich) für die Minderjährigen begrenzt. Aber es ist irgendwie doch anders als früher. Vielleicht sollte ich das nächste Mal eine Mokkatorte mitbringen?

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  2. In meinem Elternhaus fand Kaffee und Kuchen um 4 Uhr nicht nur zu Festtagen statt, sondern ganz normal mindestens am Sonntag. Gerne wurden dazu Omas oder Freunde eingeladen.
    An Geburtstagen gab es entweder vorher einen Sonntagsbraten oder hinterher ein üppiges Abendbrot, oft auch beides *platz*.
    Gerade vor wenigen Tagen war ich zum Geburtstagskuchen bei meiner Nachbarin zusammen mit über 10 anderen Gästen eingeladen. Ein Gesumme im Raum!
    Dass mit dem Lesen kenne ich gut. Allerdings tat ich es an meiner eigenen Geburtstagsfeier, weil die geschenkten Bücher so verlockend waren. Meiner vielleicht von viel Phantasie beflügelten Erinnerung nach wurde ich zur Strafe in den Windfang gesperrt - ob mit oder ohne Buch erinnere ich nicht.

    Deine Tischdecken sehen so klein aus.?
    Tischdecke hat für mich übrigens gleich den Beigeschmack von Kaffee und Kuchen. Machst du soetwas mit einer Freundin vielleicht gar nicht?

    Tolle Stickerei, Lucy!
    Tally

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  3. Nochmal ich. Mittlerweile wurde vor mir kommentiert und jetzt macht es *klack* Kein Wunder, dass deine Decken so winzig aussehen *lach*
    T.

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  4. das find ich schön...lauter bestickte Kindheitserinnerungsdeckchen:-)!
    Hab ganz ähnliche Erinnerungen bei dem Wort Kaffeeklatsch;-)...und bei einem dieser Klatsche bekam ich als Krönung, eine auf der Heizung aufgewärmte Cola, eine ältere Tante wollte dem Kind was Gutes tun...ha..bis heute mag ich keine Cola! Hatte vielleicht doch wirklich was Gutes;-)!
    lieben Gruss
    Susanne

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  5. ich liebe kaffeklatsch !
    gottseidank wohn ich im spießig piefigen oberschwaben, wo es zwar keine näh/stoffinnovationen gibt, dafür ausgedehnte kaffe und kuchenschlachten...
    gibt es was schöneres als unter der woche mit kindern zu einer freundin zu gehen, die kinder hüpfen rum und für mich bleibt immer extrakuchen !?
    für mich sind das immer so kleine alltagsinseln die ich nicht missen möchte !
    aber mokkatorte gibt es leider da auch nicht...
    schade eigentlich.
    vermutlich bin ich auch so ein verzweifelter anhänger dieser kaffekultur, weil mein elternhaus sich solch amüsanten treffen kategorisch verweigerten....
    deshalb finde ich :
    HOCH ! mit der kaffeekultur ( und nix latte mit caramel...!)
    auf deine wunderbaren erinnerungstücken die du da genäht hast erstmal ein schnäppken !!

    liebe grüße
    stella

    die genau so eine stickerei noch bräuchte ...
    als tischdeckchen...wenn die damen zum kränzchen kommen.....

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  6. Ich habe mal von einer Japanerin gelesen, die inzwischen über das Thema "Die soziokulturelle Bedeutung des Kuchens in Deutschland" geforscht und promoviert hat. (Hier einen Link http://www.agfdt.de/loads/KO01/SAKURAGI.PDF)
    Ganz lustige Erkenntnisse, u.a., Zitat: "Gekauften Kuchen z.B. verschenkt man als Grundregel nie, weil es hierzulande 'normales' und 'richtiges' Verhalten ist, Kuchen selbst zu backen."
    Ich weiss noch, dass ich einmal ein ganz schlechtes Gewissen hatte, beim Schulbuffet einen gekauften Kuchen beizusteuern - irrational, weil es ein guter Kuchen war und die Kinder ihn ohnehin lieber mochten.
    Na, von mir aus könntest du eine gesamte Patchworkdecke nur aus gestickten Kuchenszenen fertigen, darunter wäre dann gut liegen und ausruhen nach der Tortenschlacht.

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  7. Eure persönlichen Kaffeklatschgeschichten finde ich ja interessant - wegen Lesens in den Windfang gesperrt, das hätte mir auch passieren können. Eine andere Großtante von mir hatte immer nur Mineralwasser mit viel Kohlensäure da oder Kondensmilch und dachte, dass Kinder wohl sowas trinken. An eine Erdbeer-Sahnetorte bei einem Besuch denke ich aber noch heute gerne zurück, ich wünschte ich könnte so backen...
    Ich backe nämlich eher selten und Torte gibt es praktisch nie. Überhaupt wird mit Bekannten meistens Kaffee außer Haus getrunken. Solche regelmäßigen Kaffeklatschtreffen, wie Stella sie beschreibt, würde ich mir aber auch gefallen lassen.
    viele Grüße, Lucy

    (Ach ja, die Quadrate sollen am Ende des Jahres zusammengefügt werden. Für so einen klassischen Crazy Quilt, wie ihn die meisten bei den Stickamazonen besticken, konnte ich mich auch nicht begeistern, auch wenn ich die Technik aufgrund ihrer Herkunft und Geschichte eigentlich ganz interessant finde. )

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  8. Oh, der Kaffeklatsch bei meinem Opa war auch immer klasse. Wir saßen immer am Kindertisch ( auch als wir älter waren) Der Kuchen hat nie gerreicht, dafür gab es dann für die "Kleinen" eine Dose mit Süßigkeiten, diese waren aber meist schon überaltert. Wir sollten eine Kaffeklatschrunde erfinden - muss ja nicht zum Geburtstag sein.

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