Mittwoch, 22. September 2010

Brandenburgisches Textilmuseum Forst


Erkältet-Sein hat doch wenigstens einen Vorteil: Sobald es einem wieder einigermaßen gut geht, kann allerlei zuhause Liegengebliebenes aufgearbeitet werden. Diese Bilder schmorten seit Juli auf der Festplatte, da war ich nämlich an einem strahlend blauen und sehr sehr heißen Tag (ihr erinnert euch, 35 Grad und so) im Brandenburgischen Textilmuseum.

Die kleine Stadt Forst in der Lausitz, direkt an der Neiße und damit direkt an der polnischen Grenze gelegen, war im 19. und frühen 20. Jahrhundert - und zum Teil auch noch in der DDR - eine der der großen deutschen Textilstädte. Auch wenn es in Forst schon seit dem Mittelalter eine Tradition der Textilverabeitung gibt, kam die Initialzündung für die industrielle Massenproduktion wohl durch einen einzelnen besonders findigen Unternehmer, der sich auf der Leipziger Messe von englischen Wolltuchen aus Manchester inspirieren und diese mustergewebten Stoffe in Forst nachahmen ließ. Wollmischgewebe, in die auch nicht so hochwertige Bestandteile, Reißwolle und und andere Fasern, eingearbeitet werden konnten, waren schließlich die Forster Spezialität. Und die Herstellung von sehr großen Mengen - sei es für die Anfang des 20. Jahrhunderts aufkommende Konfektionskleidung, sei es für die in zwei Weltkriegen benötigten Uniformen.


Das Textilmuseum ist in einer dieser typischen alten Fabrikhallen untergebracht, aus denen Forst heute noch zu einem nicht unerheblichen Teil besteht. In der Ausstellung kann man fast alle Stufen des Textilverarbeitungsprozesses sowohl in seiner nicht-industriellen, als auch in seiner industriellen Variante verfolgen. Das heißt es gibt sowohl Spinnräder, Spulen, Handwebstühle, als auch deren Pendants aus der Fabrik, zum Teil Maschinen aus dem 19. Jahrhundert, zum Teil solche, die noch bis 1990 gelaufen sind. Alle Maschinen werden für die Besucher in Bewegung gesetzt - man bekommt so eine individuelle Führung durch die Halle, bei der die Museumsmitarbeiterinnen und -mitarbeiter, gelernte Textilfachleute, die mit den Maschinen zum Teil noch selbst gearbeitet haben, kein vorgefertigtes Programm abspulen, sondern die Funktionsweise erklären, Anekdoten erzählen, Fragen beantworten. Je mehr Fragen - umso interessanter.


Die laufenden Maschinen sind im wahrsten Sinne des Wortes eindrucksvoll und veranschaulichen unmittelbar, wie es in der Lausitzer Textilindustrie zugegangen sein mag.

Erster Eindruck: Es war laut, sehr laut. Die Museumsmitarbeiterin nähert sich dem vollautomatischen Webstuhl nur mit Respekt, und wenn er in Gang gesetzt ist und eine Garnspule im irrwitzigen Tempo zwischen den Kettfäden hindurch hin- und herschießt und an der Seite jeweils mit einem Knall aufschlägt, wird jedes Gespräch unmöglich. Man denke sich nun nicht einen, sondern dreißig solcher Webstühle in einer Halle, und es wird klar, wieso Schwerhörigkeit zu den Berufskrankheiten im Textilgewerbe zählt.

Zweiter Eindruck: Es war gefährlich. Die Krempelmaschine, die Wolle und andere Fasern erst zu einem gleichmäßig dicken Vlies und dann zu flauschig-dicken Faserbündeln ausrichtet, die anschließend versponnen werden können, ist ein meterlanges Monstrum aus Dutzenden hintereinander und übereinander angeordneter, von Zahnrädern und Transmissionsriemen angetriebener Walzen mit rauher Oberfläche, ohne jeden Schutz gegen versehentlich hineingeratende Finger, Ärmel oder Haare. Wenn dieses Gebirge aus aufgeschichteten Metallzylindern erst einmal in Gang gekommen ist, kommt es nicht so schnell wieder zum Stehen.


Nach der Führung kann man sich noch in der Stadt auf Spurensuche begeben. Viele der alten Fabriken und Fabrikantenvillen stehen noch, obwohl die Stadt im Krieg zu 80 Prozent zerstört wurde. Im Zentrum, falls man davon sprechen kann, herrscht dann auch ein seltsames zusammenhangloses Miteinander von einzelnen Gründerzeithäusern, Plattenbauten und Neubauten der Nachwendezeit, immer wieder unterbrochen von großen Brachflächen.
Einen lesenswerten Aufsatz von Annett Kaiser, Ines Nareike, Petra Ploschenz und Kaija Voss über die Forster Fabriken mit einem Blick auf die zukünftige Nutzung kann man sich von der Seite der Zeitschrift Kunsttexte.de herunterladen (ganz unten, "vollständiger Text").


Ein gutes, gradezu großstädtisches Stoffgeschäft habe ich auch noch entdeckt: Stoff-Art in der Cottbusser Straße 18, etwas zurückgesetzt, nahe der Kreuzung mit der Berliner Straße. Es gibt eine sehr große Auswahl modischer Bekleidungsstoffe, Tildastoffe und ein kleines, farbenfrohes Patchworksortiment. Einen besseren Eindruck als mein etwas uninspiriertes Foto vermittelt die Webseite.


Brandenburgisches Textilmuseum Forst
Sorauer Str. 37
03149 Forst (Lausitz)

Di-Do 10-17.00, Fr-So 10-14.00

www.textilmuseum-forst.de

Stoff-Art Angelika Grätz
Cottbusser Str. 18
03149 Forst (Lausitz)

Mo-Fr 10-18.00, Sa 10-12.00

www.stoff-art.eu

7 Kommentare:

  1. Toll - einfach toll, was Du mal eben mit Deinem Post raushaust. Der Lärm würde mir arg zu schaffen machen, weil ich ihn nur schwer ertragen kann, aber die ganzen Maschinen und Abläufe sind einfach faszinierend interessant. Gut, daß Du solche Dinge erzählst. Man sollte sich solche Punkte merken und selber mal anschauen fahren!!!! Ein bisschen INTERESSANTE Geschichte zur Wirtschaft damaliger bis heutiger Zeit schadet nie!
    Danke
    Liebe Grüße Tinki

    AntwortenLöschen
  2. Das Museum kann sich freuen, nun so eine schöne Beschreibung zu haben. Ich könnte auch gleich hinfahren und alles besichtigen. Am liebsten aber würde ich die Musterbücher durchblättern, nur darf man das vermutlich nicht? Schön ist auch die Geschichte mit der Inspiration von der Messe, eine ewig aktuelles Thema.

    AntwortenLöschen
  3. Ich habe sogar noch Forster Stoffe vernäht. Das Museum in Forst kenne ich leider nicht.Danke für Deinen Bericht.
    Habe mal einen Roman über die englische Textilindustrie gelesen im 19.jh. Die Arbeitsbedingungen waren verheerend, vom Arbeitschutz ganz zu schweigen. Da geht es heute regelrecht luxuriös zu.
    Aber einen schlecht bezahlte Branche ist es geblieben.
    Arbeitest Du an der Uni an solchen Problemsituationen kulturell?

    Nachdenkliche Grüße von karen

    AntwortenLöschen
  4. Ich habe Lust auf einen Ausflug bekommen! Danke für diese tolle Anregung!

    AntwortenLöschen
  5. Karen, das hat eigentlich gar nichts mit dem zu tun, was ich sonst mache, aber Industriegeschichte finde ich generell sehr interessant. Ich musste an Charles Dickens' Oliver Twist denken - und vieles hat sich vermutlich nicht sehr geändert, nur dass die Fabriken jetzt in Asien stehen - die Arbeitsbedingungen sind immer noch genau so erbärmlich.
    In dem Museum gibt es tatsächlich eine Menge zum Anfassen, z. B. auch jede Menge Probeläppchen mit verschiedenen Bindungen. Ich glaube da findet fast jeder Besucher etwas Interessantes, wer sich nicht für Textilien interessiert, ist ja vielleicht ein Technikfreak.

    AntwortenLöschen
  6. das Textilmuseum sieht nach einem interessanten Besuch aus. Vielen Dank, vielleicht verschlägt es mich jetzt auch irgendmann mal dorthin.
    interessant und schön zu lesen auch dein blog! Ich schaue jetzt sicher öfter mal vorbei :)

    AntwortenLöschen
  7. Hallo Constanze, danke für den tollen Text und die Fotos. Da ich auch immer wieder gerne in Musterbüchern schmöckere bin ich für solche Hinweise immer dankbar ;O) Viele Grüße und schönes Wochenende

    AntwortenLöschen

Vielen Dank für deinen Kommentar!