Neulich bei der Arbeit im Stoffladen unterhielt ich mich mit einer Kollegin und einer Kundin über andere Stoffläden. Es ist zugegebenermaßen etwas merkwürdig, sich mitten in einem riesigen Stoffladen über andere Stoffquellen auszutauschen, aber andererseits kenne ich das Phänomen auch vom Essen im Restaurant, wo sich das Gespräch dann sehr oft um Essen an anderen Orten, Rezepte, Zutaten dreht - der Appetit für das Thema ist dann geweckt, und man kann unmöglich bei dem bleiben, was gerade auf den Teller liegt. In diesem Fall waren es die Gegenwart von wahrscheinlich mehreren tausend Metern Stoff und die nicht unerhebliche Einkäufe im Wagen der Stammkundin, die zur Diskussion über andere Stoffläden einluden.
Einer der Lieblings-Stoffläden der Kundin war Dalink-Stoffe in Spandau, den sie wegen der großen Auswahl an Wollstoffen und einfarbigen Bekleidungsstoffen empfahl. Spandau ist von Treptow aus gesehen am anderen Ende der Stadt, aber die Beschreibung klang so vielversprechend, dass ich mich vor einigen Wochen mit netter Begleitung auf den Weg machte. Die Reise war dann auch gar nicht so langwierig wie befürchtet: Wenn man am S-Bahnhof Spandau einmal die Haltestelle des Bus M 32 gefunden hat (Tipp: Sie ist vor dem flachen Gebäude mit Bäckerei und Florida-Eis, man muss die Straße nicht überqueren), dann bringt einen der Bus, der während der Ladenöffnungszeiten etwa alle 5 Minuten fährt, fast genau bis vor die Tür des Stoffladens.
Dalink-Stoffe liegt in einem Gewerbegebiet und ist etwas zurückgesetzt von der Straße in einem Halle untergebracht, die um einen kleinen Innenhof herumgebaut ist. Dadurch ist der Laden schön hell und hat man in fast Ecken direktes Tageslicht oder zumindest Tageslicht in der Nähe.
Die Auswahl vor allem an Bekleidungsstoffen ist wirklich beeindruckend. Besonders aufgefallen sind mir die nach Farben geordneten Regale mit Baumwoll- und Baumwollmischstoffen, die Stoffe verschiedener Qualitäten von Batist bis zu kräftigem Köper enthielten. Hier hat man wirklich gute Chancen, Kombinationsstoffe in genau dem richtigen Farbton zu finden. Sehr praktisch auch die Regale mit Patchworkstoffen, die nach Motiven angeordnet sind - wenn man also Stoff mit Noten oder Dinosauriern oder Pinguinen suchen würde, würde man dort schnell fündig.
Ansonsten sind die Stoffe teils nach Stoffart (Cord, Buntgewebe, Jeans, Sweat, Strickstoff, Viskosedrucke), teils nach Verwendungszweck (Hosenstoffe, Outdoorstoffe, Badeanzugstoffe), teils nach Material (Leinen, Wolle) geordnet, aber im ganzen so, dass man sich gut zurechtfindet, wenn man schon weiß, was man möchte. Im hinteren Teil des Ladens gibt es auch Dekostoffe, Polsterstoffe, eine große Auswahl an Kunstleder und einige ganz irre Sachen wie hologrammähnlich schillernde Foliendrucke.
Beim Nähzubehör ist mir vor allem die große Auswahl an Gurtbändern, Endlosreißverschlüssen und anderen Taschenzutaten aufgefallen. Außerdem gibt es die üblichen Prym-Produkte, recht günstiges Näh- und Overlockgarn und ein sehr großes Knopfregal, von dem Zusza ein Foto gemacht hat.
Im Vergleich zu Hüco, der ja immer als Berlins größter Stoffladen genannt wird, sind außerden die angenehm normalen Öffnungszeiten von Vorteil, und was Jersey und andere gewirkte Stoffe betrifft, hat Dalink-Stoffe meines Erachtens die größere Auswahl. Seide und festliches Bling-Bling würde ich aber zuerst eher bei Hüco suchen, auch wenn die Pailettenstoffabteilung bei Dalink (als ob ich sowas jemals brauchen würde!) auch nicht schlecht war.
Gleich im Anschluss schaute ich mir dann auch noch die ganz neu eröffnete Filiale am Alex, im S-Bahn-Bogen neben dem Alexa an. An dieser Stelle war vorher auch schon ein Stoffladen, das Knopfloch, mit dem ich aber ehrlich gesagt nie warm geworden bin, ich fand den Laden immer etwas düster.
Jetzt erstrahlt das Gewölbe in Weiß, und der Anstrich war vor ein paar Wochen noch so frisch, dass der Laden etwas nach Farbe roch. Die Stoffe - ein kleiner Querschnitt durch das Angebot in Spandau - waren ebenso frisch eingeräumt, der Laden war so aufgeräumt und ordentlich, dass er fast steril wirkte. Neben Stoffen und den üblichen Kurzwaren werden dort Näh- und Stickmaschinen angeboten, von Brother und Bernina. Im Spandauer Laden gibt es die Maschinen auch (und außerdem laut Webseite auch Elna), sie sind mir allerdings nicht weiter aufgefallen, ich war wohl von den ganzen Stoffen um mich herum überwältigt. Sicherlich wird der Laden nach einiger Zeit etwas belebter und "eingewohnter" wirken, ich bin jedenfalls ganz froh, dass es dort weiterhin Stoffe und Kurzwaren gibt, und nach Spandau würde ich mich tatsächlich gezielt aufmachen, wenn ich einen ganz bestimmten Stoff suche.
Dalink-Stoffe Spandau
Brunsbütteler Damm 177, 13581 Berlin
Montag-Freitag 9-18.00 Uhr
Samstag 10-14.00 Uhr
S-Bahn Spandau, von dort in 6 Minuten mit Bus M32 bis Egelpfuhlstraße
Dalink-Stoffe Mitte
S-Bahn-Bogen 105, 10178 Berlin
neben dem Alexa
Montag-Freitag 10-20.00 Uhr
Samstag 10-16.00 Uhr
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Mittwoch, 3. Oktober 2018
Mittwoch, 4. April 2018
Japanische Stoffe und Maßschneiderei im Wedding: Atelier Nuno (mit einer kleinen Verlosung)
Was ich am meisten an der Nähbloggerei mag ist ja, dass ich dadurch Menschen kennenlerne, die interessante Dinge auf die Beine stellen. Marie Schmunkamp, gelernte Maßschneiderin und studierte Modedesignerin, ist so ein Mensch. Sie schrieb mich vor einigen Wochen an, und so trafen wir uns eines Nachmittags bei ihr in ihrem Maßschneideratelier und Stoffladen Atelier Nuno in der Utrechter Straße in Berlin-Wedding. Ich war schon lange nicht mehr in der Gegend und war ganz überrascht, wie sich die Nebenstraßen der Müllerstraße verändert haben, da gibt es jetzt einige nette kleine Läden, und nach dem Treffen mit Marie saß ich am Leopoldplatz noch in einem kleinen, französichen Café.
Marie hat ein großes Faible für Japan und Cosplay und nähte schon als Schülerin für sich. Die Ausbildung zur Maßschneiderin und die Meisterausbildung - letztere übrigens bei Inge Szoltysik-Sparrer, die man aus der Jury von "Geschickt eingefädelt" kennt - absolvierte sie direkt hintereinander weg und schloss dann in Berlin direkt noch einen Bachelor in Modedesign an der HTWK an. Marie weiß also ungefähr alles, was man über Schnitte, Stoffe, Modedesign und nähtechnische Verarbeitung wissen kann, und mir gefällt es so gut, dass Maßschneiderei bei ihr keine spießige, verstaubte Angelegenheit ist und sie ihren Beruf und die Japanliebe einfach verbindet: In ihrem kleinen, schicken Laden bietet sie ausgewählte japanische Stoffe, selbstgenähte Accessoires und Kleider an, und im Nebenraum des Ladens arbeiten Marie, ihre Auszubildende Charlotte und vor ein paar Wochen auch ein Praktikant an den Aufträgen, denn man könnte sich genauso auch ein klassisches Tweedkostüm, ein Hochzeitskleid oder einen Mantel im Atelier Nuno auf den Leib schneidern lassen.
Im Atelier-Nuno-Instagramaccount sieht man sehr gut, dass diese Vielfalt wunderbar zusammenpasst. Wenn japanische Schuluniformen und Matrosenblusen aus guten Stoffen gut genäht werden, lassen sie sich nämlich auch im Alltag tragen und wirken nicht wie eine Verkleidung.
Die Stoffe und einige ausgewählte Kleider gibt es übrigens auch im Onlineshop. Gerade die Stoffe sollte man sich aber bei Marie direkt anschauen - fühlen ist besser als nur sehen. Es gibt zum Beispiel eine wunderbar weiche Double Gauze (ein Doppelgewebe, also ein Stoff, der aus zwei Lagen feiner, gewebter Baumwolle besteht) mit Kranichmuster, Stoffe mit leinenähnlicher Struktur, leichte gekreppte Stoffe und drumherum allerlei nette Kleinigkeiten wie Broschen, Täschchen, Sets zum Basteln von Kanzashi, den japanischen Stoffblumen, und Süßigkeiten aus Japan.
Letztere bietet Marie in Zusammenarbeit mit dem Japanshop in der Kantstraße an - überhaupt ist es gar nicht so einfach, in Japan an die Ware zum Wiederverkauf zu kommen, wie sie mir verriet. Viele japanische Hersteller haben mit Englisch so ihre Schwierigkeiten, und wenn man nur kleinere Mengen abnehmen kann, ist das Geschäft für sie nicht interessant, oder zu kompliziert um sich zu lohnen, denn man muss sich außerdem um Zoll, Ausfuhrpapiere und den Versand kümmern.
Und als ob Marie mit den Aufträgen in der Maßschneiderei, dem Laden, ab und zu einem Festivalbesuch (zum Beispiel am 15. April beim Kirschblütenfest in den Gärten der Welt in Marzahn) noch nicht beschäftigt genug wäre, so filmt sie auch sehr sympathische Nähtutorials - besonders interessant fand ich ihre Anleitung, wie man Schneiderknopflöcher näht und bügelt.
Wenn ihr mal in Berlin seid, stattet ihr einen Besuch ab - geöffnet ist jeweils Dienstag, Mittwoch und Donnerstag ab 15.00 Uhr, Freitag und Samstag ab 12 Uhr.
Atelier Nuno
Utrechter Str. 32
13347 Berlin
Öffnungszeiten:
Di-Do 15-18.00 Uhr, Fr/Sa 12-19.00 Uhr
Haltestellen in der Nähe: Leopoldplatz (U6, U9)
www.atelier-nuno.de/
Die Gewinnerinnen wurden gezogen: Der Gutschein geht an Sabine - Langsame Schildkröte und ich habe noch einen Trostpreis verlost, eine selbstgemachte Kanzashi-Blüte zum Anstecken, die geht an Angela Hipp - Patchworkangela. Vielen Dank allen fürs Mitmachen!
Freitag, 3. Februar 2017
Stoffe, Nähmaschinen und Nähkurse in Berlin-Schöneberg: Smilla Berlin
Der Kiez um die Akazienstraße in Schöneberg, oder, mehr als ein Kiez, die Gegend zwischen Winterfeldtplatz und Kaiser-Wilhelm-Platz, ist eine wunderbare Gegend zum Bummeln, finde ich. Es gibt Schuhgeschäfte, Geschäfte mit skandinavischer Mode, einen sehr guten Laden für Küchenzubehör, mittendrin liegt Bastel-Rüther, man kann ein Vermögen für schöne Postkarten und anderen Schnickeldi ausgeben, und auch wenn meine bervorzugte Espressobar vor etwa zwei Jahren schloss und ich noch keinen guten Ersatz gefunden habe, sind Akazienstraße und Goltzstraße ab und zu das Ziel für einen kleinen Ausflug am Samstag.
Dass es in der Eisenacher Straße mit Smilla Berlin einen Stoffladen gibt, hatte ich lange Zeit nicht auf der inneren Landkarte, bis eine Kollegin aus dem Stoffladen dorthin wechselte. Kurz vor Weihnachten schaffte ich es endlich, sie zu besuchen.
Smilla ist ein Laden, der von der Straße aus kleiner aussieht, als er tatsächlich ist. An den ersten Raum mit bunt bedruckten Baumwollstoffen in Patchworkqualität, den man vom Schaufenster aus sieht, schließt sich nämlich ein zweiter, viel größerer an, in dem es Jeansstoffe, Cord, Jerseys, Sweat, Bänder, Kurzwaren von Prym und nicht zuletzt Nähmaschinen gibt.
Die Nähkurse - die unter anderem meine Ex-Kollegin betreut - finden in einem weiteren, sehr geräumigen Nebenraum statt. Zu den Zeiten außerhalb der Kurse kann man dort im Nähcafé stundenweise an den Nähmaschinen und Overlocks nähen. Eine der Pfaff-Computernähmaschinen kann man sogar tageweise mieten um sie zuhause zu nutzen - eine sehr gute Idee, finde ich. Beim Reisen zu Nähtreffen habe ich mir schon öfter gewünscht, ich müsste meine Maschine nicht durch das halbe Land schleppen, sondern könnte mir am Zielort einfach eine leihen, so wie man sich im Urlaub ein Fahrrad leiht.
Bei den Stoffen versammeln sich einige bekannte Hersteller und Designerinnen: Hamburger Liebe, Gütermann ring a roses, Swafing, Free Spirit, Hilco, Cotton&Steel, Tula Pink, Jolijou, Birch fabrics, Art Gallery. Man findet also vorwiegend festere Baumwollstoffe und Jerseys bei Smilla. Muster und Farben werden nach Erfahrung und Intuition ausgewählt: was könnte den Kundinnen gefallen? Hypes um bestimmte Designs, wie sie ab und zu durch die Blogs schwappen, setzen sich außerhalb des Netzes nur selten fort, so ist die Erfahrung der Smilla-Besatzung. Stoff wird intuitiv gekauft, nach Bauchgefühl, und das schlägt vor einem Stoffregal oftmals anders an, als im Internet.

Dekorative Kurzwaren, Knöpfe und anderes Nähzubehör sind auf die Stoffe - und auf die Themen der Nähkurse - abgestimmt, so dass alles vorhanden ist, um ein Nähprojekt erfolgreich abzuschließen, und wer sich schließlich mit dem Nähen trotz aller Beratung doch nicht anfreunden kann, kann bei Smilla Vorhänge, Kissenbezüge und Kindersachen nähen lassen.
smilla
Eisenacher Straße 64
10823 Berlin
Öffnungszeiten:
Mo-Fr 10.00 - 19.00, Sa 11.00 - 16.00
http://www.smilla-berlin.de/
Der Laden liegt jeweils einen längeren Spaziergang vom U-Bahnhof Eisenacher Straße (U7) oder S-Bahnhof Julius-Leber-Brücke (S1) entfernt. Direkt kommt man mit den Bussen 104, 187, M48 und M85 hin (Haltestelle Albertstraße).
Donnerstag, 18. August 2016
Stoff mit Digitaldruck: Ein Blick hinter die Kulissen
Wie funktioniert eigentlich Digitaldruck auf Stoff? Das hatte ich mich schon gefragt, seitdem Digitaldrucke ab und zu im Kaufhaus und auf dem Markt auftauchten. Die Stoffe stechen immer total zwischen den anderen Musterstoffen heraus, weil sie sehr detailreich mit leuchtenden Farben und in sehr vielen Farbtönen bedruckt sind (und oft auch, weil die DesignerInnen Amok laufen ob der Möglichkeiten und Sonnenuntergänge, Palmen und Hochhäuser zu einem Muster vereinigen, wie vor kurzem bei Karstadt gesehen - aber das nur am Rande). Außerdem gibt es ja seit einiger Zeit Digitaldruckfirmen, die das Drucken von Meterware, auch in kleinen Mengen, für jede ermöglichen. Aber ist das wirklich so einfach?
Da traf es sich gut, dass ich vor zwei Wochen mit anderen Bloggerinnen von Allie, der Marketingverantwortlichen von Spoonflower in Deutschland, zu einem Blick hinter die Kulissen der Firma eingeladen war.
Spoonflower, die meisten werden das wissen, war der erste Anbieter für on-demand gedruckte Meterware. Man kann sich dort nicht nur die eigenen Entwürfe drucken lassen, sondern auch die Designs von anderen bestellen - mittlerweile gibt es eine riesige Auswahl an Mustern, die auf verschiedene Stoffarten und auch als Tapete oder Geschenkpapier gedruckt werden können. Anfang des Jahres eröffnete Spoonflower eine Dependance in Berlin, um den europäischen Markt besser beliefern zu können, ohne Zollschranken und mit schnellerem Versand. Im Oktober soll der Shop dann auch auf Deutsch und mit metrischen Stoffmaßen verfügbar sein.
Spannend war vor allem, die unterschiedlichen Stoffqualitäten befühlen zu können. Neben einem einfachen, etwas dünnerem Baumwollstoff und Kona Cotton (ein Quiltstoff von
Das Bedrucken funktioniert bei Baumwolle und Polyester etwas unterschiedlich: Die Baumwollstoffe werden direkt mit wasserlöslicher Tinte bedruckt. Sie laufen durch eine riesige Maschine, die im Prinzip wie ein Tintenstrahldrucker funktioniert und anschließend in einer zweiten Maschine über heiße Walzen, wodurch die Farbe fixiert wird. Polyesterstoffe werden hingegen im Transferdruck bedruckt: Das Muster gelangt erst auf eine Folie und wird von dort mit Hitze auf den Stoff übertragen. Der Griff der bedruckten Stoffe unterscheidet sich dadurch etwas. Bei den Baumwollstoffen liegt die Farbe eher wie eine Schicht auf der Oberfläche, während das Polyester die Farbe direkt aufnimmt. Die dünnen, gewebten Baumwollstoffe werden durch die Farbe schon etwas versteift, bei den Baumwolljerseys fiel das viel weniger auf, Polyester verändert sich fast gar nicht.
Wir konnten das Stoffgestalten dann mit allerlei Bastelmaterial auch gleich ausprobieren, und dafür, dass ich zuerst gar keine Idee hatte und mehr aus Verzweiflung zu Buntpapier und Schere griff, weil ich dachte, damit weniger herumzustümpern als mit Zeichenstiften, finde ich das Ergebnis ganz nett.
Oben sieht man den Unterschied von meiner Papiervorlage zum gedruckten Stoff (dünne gewebte Baumwolle). Um die Farbigkeit der Vorlage noch besser zu treffen, hätte man nach dem Abfotografieren des Papiers die Helligkeit noch etwas erhöhen können - also im Grunde genau wie immer, wenn man digitale Bilder ausdruckt. Auf der Spoonflower-Seite kann man aus dem hochgeladenen Design verschiedene Rapporte erzeugen und die Größe des Motivs ändern, alles andere muss man vorher mit einem Grafikprogramm oder Fotoshop erledigen.
Da kommt der Stoff! Die Druckmaschinen nehmen mehrere große Räume ein - um sie installieren zu können, musste ein Loch in die Außenwand gebrochen werden.
Hier ist der Stoff fertig bedruckt...
... und hier wird die Farbe fixiert.
Nun noch auseinanderschneiden und fertig! Die Quadrate sind jeweils ein Fat Quarter.
Was ich mit diesem Stoff anfange, weiß ich noch nicht, aber die Möglichkeiten, die sich mit Digitaldruck auftun, sind ja endlos: Stoffe mit Bordüren in genau der richtigen Breite und an der richtigen Stelle, auf den Schnitt abgestimmte, platzierte Muster - Kittykoma hatte vor einiger Zeit den Service eines anderen Anbieters ausprobiert und sich einen Rock aus Seide mit japanischem Muster gemacht. Da man kleine Stoffproben ziemlich günstig ordern kann, kann man vorher prüfen, wie die Farben und die Details herauskommen. Auf der gewebten Baumwolle ist der Druck wirklich gestochen scharf geworden, auch die Fineliner-Linien auf den Blättern sind genau so wie gezeichnet. Filigrane Muster sind also möglich, solange man einen feinfädigen Stoff wählt.
Ich bin gespannt, ob sich der digitale Stoffdruck unter Selbermacherinnen verbreiten wird - in der Konfektion ist die Digitaldruckwelle ja schon wieder etwas am Abflauen, nachdem so gut wie jedes Bekleidungslabel damit experimentiert hatte, und im DIY-Bereich ist es zumindest bei uns ja eher noch etwas Besonderes, den eigenen Stoff zu ordern.
Samstag, 30. Juli 2016
Siebenblau: Bio-Stoffe in Berlin
Wer Selbernähen nicht nur als kreatives Hobby betrachtet, sondern als Weg zu einem bewussteren Kleidungskonsum, kommt um Bio-zertifizierte Stoffe nicht herum. Während bei fertiger Kleidung wie bei den meisten anderen Konsumgütern wenigstens die Angabe des Herstellungslandes auf dem Etikett vorgeschrieben ist, erfährt man über die Herkunft der Meterware in herkömmlichen Stoffgeschäften in der Regel gar nichts. Ist es nicht unglaublich, dass man über ein Radieschen aus dem Supermarkt mehr weiß, als über einen Ballen Stoff? Zwar sind die Herstellungswege von Textilien bisweilen kompliziert und weltweit eng verflochten, und es kommt vor, dass die Fasern in dem einen Land angebaut oder hergestellt werden, in dem zweiten zu Garn versponnen, in dem dritten verwebt und in dem vierten nachbehandelt, gefärbt und bedruckt, aber bei Eiern oder Schnitzeln gibt es ja auch Regelungen - lückenhafte Regelungen, aber immerhin Regelungen - wie der Konsument über Aufzuchtorte und -bedingungen zu informieren ist.
Stoffläden, die Bio-Stoffe anbieten, und vor allem nicht nur bunt bedruckte Jerseys, sondern zeitlose Stoffe und Standardqualitäten, sind gar nicht so häufig. In Berlin hat sich Siebenblau in der Pappelallee auf solche Stoffe spezialisiert. Die Stoffe sind sämtlich nach GOTS, dem Global Organic Textile Standard zertifiziert, das ist ein Standard, der nicht nur nur das Einhalten von Umweltschutzrichtlinien bei der Herstellung erfordert, sondern auch faire Arbeitsbedingungen für die beteiligten TextilarbeiterInnen.
Siebenblau ist ein auf den ersten Blick eher kleiner Laden, der aber bis zur Decke mit Stoffen vollgestopft ist. Die Vielfalt erkennt man erst auf den zweiten Blick, vor allem weil die Stoffe zu einem großen Teil ungemustert sind. Bei Siebenblau gibt es aber so eine breite Auswahl an Materialien und Webarten, dazu noch vorbildlich beschriftet hinsichtlich der Materialzusammensetzung, wie ich es in noch keinem Stoffladen in Berlin gefunden habe. Wo gibt es sonst schon Strickstoffe aus Hanf und Leinen oder Stoffqualitäten wie Oxford oder Kreuzköper? Um von dem Angebot im Laden nicht überwältigt zu werden, empfiehlt sich vorab ein Blick in den Onlineshop, dann lässt sich im Geschäft gezielter schauen.
Neben Stoffen, Garn und einigen Bändern der Bandweberei Kafka gibt es auch Bio-Stoffmalfarbe im Gläschen, Sets zum Färben mit Naturfarben und einige Papierschnittmuster von Minikrea, named patterns aus Finnland und Vogue.
Ich habe mir nach einigem Überlegen ein Stück leichten, dunkelblauen Denim gegönnt. Die Preise für die meisten Bio-Stoffe liegen in Regionen, dass mir ein Teil für die Tonne schon ziemlich wehtun würde. Zwar habe ich wirkliche Totalkatastrophen beim Nähen schon lange nicht mehr gehabt, aber dieser teure Stoff setzt mich doch ein wenig unter Druck, ich werde ihn nicht ohne Probeteil aus günstigerem Stoff anschneiden. Konsequent nachhaltig ist das natürlich nicht, ich habe da noch einen weiten Weg vor mir zwischen Kleiudngswünschen und -anforderungen einerseits, Stoffpreisen und überhaupt der Möglichkeit, Bio-Stoff zu finden andererseits. Und der Spaß am Nähen soll ja nicht auf der Strecke bleiben, schließlich ist Nähen mein Hobby. Aber jeder Schritt zählt.
Siebenblau
Pappelallee 86, 10437 Berlin
U-Bahnhof Eberswalder Str. (U2)
Mo-Fr 11-19.00 Uhr, Sa 11-16.00 Uhr
(Achtung: vom 1. 8. bis 10. 8. Betriebsferien, der Laden ist in dieser Zeit geschlossen)
www.siebenblau.de
Sonntag, 13. März 2016
Prada- Sewalong I: Prada trifft Klein-Vietnam
Ich gebe zu, beim ersten Nachdenken über den Prada-Sewalong im Me made Mittwoch-Blog blinkte über meinem Kopf ein großes Fragezeichen auf: Ich wusste gar nicht, wovon ich träumen sollte. Wie immer, wenn ich keine Ahnung habe, lieh ich mir ein paar Bücher aus. Je mehr ich mich online durch die Kollektionen klickte, je mehr ich in Büchern blätterte und hier und da las, umso spannender fand ich Prada. Miuccia Prada ist ursprünglich keine Designerin, sondern Sozialwissenschaftlerin, absolvierte außerdem eine Schauspielausbildung und übernahm 1978, mit 28 Jahren, das Mailänder Lederwarenunternehmen, das ihr Großvater gegründet hatte. In den 1980ern wurde Prada zu einer Weltmarke, unter anderem durch diesen schnöden Nylonrucksack, der 1984 offenbar einen Nerv traf.
Der Rucksack ist natürlich in dem Jubiläumsband "Prada" (Michael Rock, München 2010) abgebildet, ebenso wie Looks aus den Damenkollektionen von 1988 bis 2009:
Die nebeneinander gestellten Entwürfe fand ich sehr erhellend, wurde mir dadurch doch Pradas große Linie klar, die ich vorher nicht richtig erfassen konnte. Selbst die ältesten Entwürfe, aus der ersten Damenkollektion 1988, wirken nicht antiquiert. Die Proportionen bleiben ziemlich konventionell, fast immer mit einer erkennbaren Taille an der natürlichen Stelle, die Silhouette folgt den Körperformen. Das Spannende und Innovative sind die Kombinationen von Mustern, Farben und Materialien. Prada gehörte oft zu den ersten, die neue Materialien in Kollektionen einsetzte, mit dem Laser geschnittenes Leder, Kunststoffe, Neopren.
Ganz großartig ist auch der Band "Pradasphere - das Prada-Universum" (Miucchia Prada, Michael Rock, Milano 2014), das Begleitbuch zu einer Ausstellung, die bei Harrods in London gezeigt wurde. Hier kann man sich sich gut in die Details der Kleider vertiefen: Perlenstickereien in Comicfarben, riesige Plastikpailletten, Farbverläufe, Applikationen und Patchwork.
Bei der Frühjahr-/Sommerkollektion 2015 verwendete Prada eingesetzte Schrägstreifen aus Chinabrokat in Kombination mit schwarzen, transparenten Stoffen oder schwarzem Leder. Die Stoffteile wurden offenkantig mit großen, gut sichtbaren Steppnähten aufeinander gesetzt. Diesen recht unspektakuläre Rock aus der Kollektion, ein Bahnenrock aus transparentem Leinen (?) mit weißen Ziernähten, fasste ich zum Nachnähen ins Auge, aber dann passierte noch etwas anderes: Am Sonntag besuchten wir das vietnamesische Dong Xuan-Center in Berlin-Lichtenberg, und dort fand ich einen anderen Stoff.
Das Center liegt in einer wüsten Industriegegend Lichtenbergs. Hinter einem bröckelnden Eingangsgebäude stehen fünf große, moderne Hallen, in denen in großen Räumen rechts und links eines Mittelgangs asiatische Lebenmittel, Billigkleidung, Elektronik, Haushaltswaren und vor allem allerlei Nippes angeboten werden. Es gibt Friseure und Nagelstudios, Restaurants und Spezialläden für Plastiktüten und Pappkaffeebecher, Kunstblumen oder Lichterketten, blinkendes buntes Plastikspielzeug genauso wie pseudonepalesische gefilzte Bodenkissen und Taschen, wie man sie von Weihnachtsmärkten kennt. Die Hallen bilden ein eigenes kleines Universum voller fremder Gerüche und Eindrücke, ein Kurztrip in eine andere Welt, nur einige Straßenbahnhaltestellen von der Frankfurter Allee entfernt.
In einem Laden voller T-Shirts und Halstücher entdeckte ich einen wüsten Tisch mit durcheinander liegenden Stoffballen, auf den ersten Blick nur kreischbunten Pailettentüll und andere Scheußlichkeiten, in der Schicht darunter aber ernstzunehmende Stoffe, einfarbigen Baumwolljersey, Jeans, bedruckte Baumwolle. Und ganz unten diese beiden prada-esken Schätze:
Beides kräftige Kreppstoffe, die sicherlich zu einem großen Teil, aber nicht komplett aus Kunstfasern bestehen, mit wunderbarem Fall. Mich erfasste ein kribbeliges Goldgräberinnen-Gefühl. Mit Stoff kauft frau ja auch Träume und Wünsche, ihnen haftet die Vorstellung wundervoller neuer Projekte an. In einem Haufen Ramsch solche Stoffschätze zu finden, sorgt für ein ganz besonderes Glücksgefühl. Ich trug jeweils 1,50 m nach Hause (und kehrte am Montag nochmal zurück, um die restlichen 5, 50 m des schwarzgrundigen Stoffes aufzukaufen und an verschiedene Mitbegeisterte zu verteilen). Und jetzt brauche ich einen Plan, der diesem Stoff würdig ist.
Die Mitnäherinnen des Prada-Sewalongs versammeln sich hier. Beim nächsten Termin am 20. 3. geht es bereits um die Vorstellung der Projekte.
Freitag, 4. Dezember 2015
Perlen der Provinz: Die Woll-Lust in Langenzenn
Die lebenswichtige Versorgung mit Handarbeitsmaterialien ist auf dem Land ja oft ein kleines Problem. Zu Familienbesuchen bin ich regelmäßig in der Nähe von Nürnberg, und nie versäume ich, mir vorher ein kleines Strickpaket zusammenzustellen, mit genügend Wolle und Anleitungen für die Dauer des Besuchs. Irgendwann sitze ich doch mit der Schwiegeroma vor dem laufenden Fernseher beim Bergdoktor, oder es kommen schlimme Gesprächsthemen auf, die ich mit Strickhilfe wunderbar ignorieren kann.
Im Anschluss an das Kölner Bloggerinnentreffen fuhr ich wieder nach Franken - aber diesmal nur mit Wollresten und zwei ausgedruckten Anleitungen. Ich setzte alles auf eine Karte: In Langenzenn, in der Nähe von Fürth, hatte ich beim letzten Besuch bei einer Umleitung der Hauptstraße im Vorbeifahren einen Wolladen erspäht. Die Wollreste waren nach der Zugfahrt Köln-Nürnberg schon verstrickt (ein Testlauf der Escargot-Mütze), ich brauchte dringend Nachschub!
Glücklicherweise erwies sich die Woll-Lust als ein Laden ganz nach meinem Geschmack: Es gibt vorwiegend reine Naturfasergarne von Lana Grossa, Austermann und On-line, ein bißchen Sockenwolle, auch ein bißchen Acryl, aber keine komischen Polyester-Fransengarne. Das ist für mich immer das Kriterium, die Ernsthaftigkeit eines Wollgeschäfts einzuschätzen: Wie ist das Verhältnis von Plastik-Effektgedöns zu richtiger Wolle? Noch dazu ist der Besitzer freundlich, gesprächig und kennt sich mit seiner Wolle aus - was will man mehr?
Ich fand wunderbar weiches Garn, Merino und Mohair-Seide, passend zu der zweiten ausgedruckten Anleitung, Fringed von Westknits, der begleitende Mann ließ sich zum Kauf einer Häkelnadel und eines Knäuels dicken Farbverlaufsgarns hinreißen (geplant ist eine Mütze - falls das etwas wird, biete ich ihm hier einen Gastpost an).
Als fast-nur-Dropsgarn-Verstrickerin muss ich bei normalen Wollladenpreisen immer etwas schlucken, aber jetzt, nachdem ich schon einige Meter verstrickt habe muss ich zugeben: Das ist schon anderer Stoff. Bei den Garnen von Drops ist mir vieles zu kratzig, um es mir um den Hals zu schlingen, und die teils gedämpften Farben treffen auch nicht immer meinen Geschmack. Es ist schön, mal etwas anderes auf den Nadeln zu haben, und noch schöner, dass ich jetzt weiß, dass es in der Nähe des Familienbesuchs-Bermudadreiecks immer Wollnachschub gibt!
Woll-Lust Langenzenn
Klosterstraße 1
90579 Langenzenn
Oktober bis Februar täglich durchgehend geöffnet, von März bis September kürzere Öffnungszeiten, siehe Webseite!
http://www.woll-lust-langenzenn.de/
Im Anschluss an das Kölner Bloggerinnentreffen fuhr ich wieder nach Franken - aber diesmal nur mit Wollresten und zwei ausgedruckten Anleitungen. Ich setzte alles auf eine Karte: In Langenzenn, in der Nähe von Fürth, hatte ich beim letzten Besuch bei einer Umleitung der Hauptstraße im Vorbeifahren einen Wolladen erspäht. Die Wollreste waren nach der Zugfahrt Köln-Nürnberg schon verstrickt (ein Testlauf der Escargot-Mütze), ich brauchte dringend Nachschub!
Glücklicherweise erwies sich die Woll-Lust als ein Laden ganz nach meinem Geschmack: Es gibt vorwiegend reine Naturfasergarne von Lana Grossa, Austermann und On-line, ein bißchen Sockenwolle, auch ein bißchen Acryl, aber keine komischen Polyester-Fransengarne. Das ist für mich immer das Kriterium, die Ernsthaftigkeit eines Wollgeschäfts einzuschätzen: Wie ist das Verhältnis von Plastik-Effektgedöns zu richtiger Wolle? Noch dazu ist der Besitzer freundlich, gesprächig und kennt sich mit seiner Wolle aus - was will man mehr?
Ich fand wunderbar weiches Garn, Merino und Mohair-Seide, passend zu der zweiten ausgedruckten Anleitung, Fringed von Westknits, der begleitende Mann ließ sich zum Kauf einer Häkelnadel und eines Knäuels dicken Farbverlaufsgarns hinreißen (geplant ist eine Mütze - falls das etwas wird, biete ich ihm hier einen Gastpost an).
Als fast-nur-Dropsgarn-Verstrickerin muss ich bei normalen Wollladenpreisen immer etwas schlucken, aber jetzt, nachdem ich schon einige Meter verstrickt habe muss ich zugeben: Das ist schon anderer Stoff. Bei den Garnen von Drops ist mir vieles zu kratzig, um es mir um den Hals zu schlingen, und die teils gedämpften Farben treffen auch nicht immer meinen Geschmack. Es ist schön, mal etwas anderes auf den Nadeln zu haben, und noch schöner, dass ich jetzt weiß, dass es in der Nähe des Familienbesuchs-Bermudadreiecks immer Wollnachschub gibt!
Woll-Lust Langenzenn
Klosterstraße 1
90579 Langenzenn
Oktober bis Februar täglich durchgehend geöffnet, von März bis September kürzere Öffnungszeiten, siehe Webseite!
http://www.woll-lust-langenzenn.de/
Sonntag, 21. September 2014
Nahtzugabe unterwegs in Lyon: Die Stoffgeschäfte
Während des Urlaubs in Lyon schaute ich natürlich auch nach Stoffgeschäften. In Frankreich gibt es ja mindestens genauso viele Nähbegeisterte wie hier, und Lyon ist die Heimat von Nähbloggerinnen, daher war die Recherche der Adressen ziemlich einfach. Ich fand sehr schnell diese Liste und diesen Blogpost und besuchte in den acht Tagen die Läden, die bei unseren Unternehmungen am Wegesrand lagen, also Geschäfte in den Altstadtbezirken. Einige Male hatte ich Pech und stand vor verschlossener Tür: kleine Läden legen oft zwischen ca. 12 und ca. 14/15.00 Uhr eine Mittagspause ein, Montags ist häufig ganz oder teilweise geschlossen, und bei einigen kam ich nur abends mal zufällig vorbei.
Lyon ist im Prinzip nicht schlecht mit Stoffgeschäften ausgestattet (und von Stoffen abgesehen gibt es nach meinem Eindruck sowieso ungeheuer viele Geschäfte in Lyon, zum Beispiel sind fast alle Luxusmarken vertreten, was ich so nicht erwartet hätte - Hannover hat das nicht.) Aber - das klingt sicher nach Hauptstadtsnobismus und nach "zuhause ist es sowieso am schönsten" - ich habe mal wieder festgestellt, dass die Stoffauswahl in Berlin wirklich so gut ist, dass Kaufen woanders schwer fällt.
Toto, 80 Place Louis Pradel (an der Ecke des Platzes zur Rhône hin) ist eine Ladenkette, die es in ganz Frankreich gibt, und bei der eine gewisse Ramschigkeit in Angebot und Aufmachung zum Programm gehört. Es wird absolut nichts dekoriert: Die Schaufenster sind mit Plakaten und Angeboten zugeklebt, man geht durch ein Drehkreuz hinein und nimmt einen Einkaufskorb, innen hängen verwirrend viele handbeschriftete Schilder, die Stoffrollen liegen auf großen Tischen und sind grob nach Materialien sortiert, und in jede Ecke ist noch ein Drahtkorb mit irgendwelchen anderen Angeboten gequetscht.
Neben Bettwäsche, Handtüchern, Koffern und Gardinen gibt es Meterware und Kurzwaren zu günstigen Preisen und noch günstigere Stoffcoupons. Anfang September waren anscheinend gerade die ersten Winterstoffe einsortiert worden, lauter dunkle Wolle-Viskosemischungen mit Streifen, dunklen Karos, leichter Pfeffer-und-Salz-Tweed, Fischgrat, dünner Strickstoff, alles für 6 bis 8 Euro pro Meter. Keine schlechte Qualität, solche Stoffe gibt es im Winter auch immer auf unserem Berliner Markt. Von den Sommerstoffen waren nur noch Restrollen da, ziemlich grob gewebte Baumwollstoffe mit Blümchendruck, die mir nicht gefielen (der Maybachmarkt bietet Besseres), ein bißchen Leinenartiges, etwas Vichykaro, gepunktete und karierte Baumwollstoffe und außerdem Standards wie Jeans in verschiedenen Blautönen und Stärken, Frottier, Faschingssatin, Tüll und natürlich Pannesamt.
Von den Stoffcoupons hatte ich mir mehr versprochen, weil ich mal gelesen hatte, dass dort unter anderem Konfektionsreste zu haben wären. Bei meinem Besuch lagen dort aber genau die gleichen Stoffe, die es auch von der Rolle gab, nur noch günstiger: 3 Meter immer für 10 Euro. Ich konnte mich aber für nichts begeistern: die Sommerstoffe gefielen mir nicht, aber bei 26° Grad ernsthaft Winterstoffe begutachten konnte ich auch nicht, zumal es ja sehr ähnliche Stoffe auch in Berlin gibt.
Toto führt außerdem Waxprints, die typischen "Afrikastoffe", die immer in Coupons zu 6 yard (ca. 5,40 m) verkauft werden. In Lyon waren diese Stoffe in einer Ecke hinter einem separaten
Tresen untergebracht, und hätte ich mich nicht gerade an einer Sammelbestellung beteiligt, hier hätte ich schwach werden können. Die Coupons kosteten dort zwischen 15 und 25 Euro, das ist sogar noch etwas günstiger, als wir durchschnittlich für die Waxprints aus London bezahlt hatten.
An einem weiteren Laden in der Nähe, Tissus des Terreaux, 2 Rue Algérie kurz vor der Brücke fuhr ich nur einmal im Bus vorbei - schade, denn der Webseite entnehme ich jetzt, dass es dort unter anderem Seide und Vintage-Stoffe gegeben hätte. Auch an der rue Paul Chenevard, in der es einen Stoffladen und einen Kurzwarenladen geben soll, kam ich leider nicht vorbei.
Das Gegenprogramm zu Toto und nur ein paar hundert Meter von der Oper entfernt ist La Droguerie, 4 rue Gentil. Ebenfalls eine in allen großen Städten Frankreichs vertretene Kette, aber französisch geschmackvoll, edel, teuer. Schon der Laden selbst mit seinen frei gelegten Balkendecken und den geweißten Ziegelwänden ist eine Augenweide. Perlen, Schmuckzubehör und Knöpfe stehen sehr dekorativ in durchsichtigen Bonbongläsern in offenen Regalen, Fat quarter liegen in Weidekörbchen, dekorativ abgeschrabbelte alte Kommoden wurden zu Verkaufstischen umfunktioniert.
Der Schwerpunkt liegt bei La Droguerie auf dekorativen Kurzwaren und Perlen, weniger bei den Stoffen. Sehr interessant fand ich die Wollauswahl im hinteren Teil des Geschäfts: es gab Garnmischungen mit Leinen, Seide und Mohair in sehr schönen satten Farben. Wenn ich das Prinzip richtig verstanden habe, waren die Stränge, die im Laden hingen, lediglich Griffproben - wenn man Wolle kaufen möchte, muss man eine Verkäuferin fragen und bekommt die gewünschte Menge von einer großen Kone abgespult. Da man sich Bänder und Stoffe natürlich nicht selbst abschneidet und auch die Perlengläser nicht geöffnet werden sollen, muss man an manchen Tagen sicher etwas Geduld mitbringen. Materialpakete mit Anleitung gibt es hingegen gleich zum Mitnehmen, schön verpackt in silbernen Blechdosen mit transparentem Deckel, also zum Beispiel Wolle, Knöpfe, Stricknadeln und Anleitung für ein gestricktes Babyjäckchen, oder Perlen, Kordel, Verschluss für ein Collier. Über die Preise decke ich lieber den Mantel des Schweigens - aber sehenswert ist La Droguerie allemal, bei uns gibt es nichts Vergleichbares.
Lydo Tissus, 42 rue du Président Edouard Herriot liegt nur ein paar Schritte um die Ecke von La Droguerie. Ein hochpreisiger Stoffladen alten Schlags mit einer älteren Besitzerin, die mich als "Mademoiselle" anprach und mir die Materialzusammensetzung der Stoffe erläuterte, auf die ich meinen Blick richtete, während sie gleichzeitig mit einer anderen Kundin plauderte und einer dritten Stoff abschnitt. Das winzige Erdgeschoß mit den vom Boden bis zur Decke gestapelten Stoffballen war mit uns vieren dann auch schon klaustrophobisch voll. Links vom Eingang führt eine steile Treppe ins Obergeschoß und zu weiteren Stoffen.
Ich war nach einem Tag voller Besichtigungen und einem ausgedehnten Stadtbummel schon am Rand meiner Aufnahmefähigkeit, und visuelle Aufnahmefähigkeit und Geduld braucht man in diesem kleinen Laden, denn von den Stoffballen und -rollen bekommt man im Grunde immer nur ein Eckchen zu sehen und zu fühlen. Bei dem Preisschildern, die ich so ausmachen konnte - z. B. Kammgarnstoffe für 69,-€/Meter, typische Baumwoll-Hosenstoffe für 20,-€/Meter - wollte ich nicht anfangen, einzelne Ballen herauszuziehen - Madame hätte das bestimmt missbilligt und zu Recht, womöglich wäre eine Stofflawine niedergegangen. In der richtigen Einkaufsstimmung könnte Lydo Tissus aber der Laden sein, in dem man den einen, ganz besonderen, Herzklopfen verursachenden Stoff findet, den man sich nur gönnt, weil Urlaub ist und den man dann jahrelang nicht anschneidet.
Ganz bodenständig ist hingegen der Laden Au Liseron, 82 rue du Président Edouard Herriot nahe place des Jacobins. Im Erdgeschoss gibt es Kurzwaren, Stickgarne, Wolle und viele Knöpfe. Eine verspiegelte Treppe ganz hinten führt in den ersten Stock zu den Stoffen. Auch hier waren Anfang September die erste Winterstoffe angekommen und die Sommerstoffe um 50% reduziert, auch hier viele Blümchenmuster auf recht grober Baumwolle.
Für mich fallen solche Stoffe eher in die Rubrik Deko, ich wüsste zumindest nicht, was man daraus nähen sollte, außer vielleicht ein Kinderkleid oder eine Schürze, und ich habe auch nicht so recht verstanden, was der nähende Teil der Franzosen daran findet - auf der Straße und bei Kaufkleidung sieht man solche Stoffe jedenfalls nicht. Möglicherweise waren die guten Sommerstoffe aber einfach schon ausverkauft, und ich hatte hier nur noch mit den Ladenhütern zu tun. Mich sprach jedenfalls kein Stoff besonders an, obwohl hier bei Meterpreisen zwsichen 10 und 20 Euro (und bei den Resten vom Sommer die Hälfte) ein kleiner Einkauf durchaus drin gewesen wäre.
Was ich gerade über die offenkundige Beliebtheit kleingemusterter Blümchenstoffe schrieb, lässt sich noch steigern: Um Liberty lawn, die Blümchenstoffe des Kaufhaus Liberty aus London, gibt es in Frankreich geradezu einen Hype. Nur dewegen ist der Laden 1000 Mercis, 13 rue Francois Dauphin, eine Querstraße von der place Bellecour entfernt, überhaupt eine Erwähnung wert.
Es handelt sich nämlich um einen winzigen Schnickschnack-Laden, in dem sich nach meinem Eindruck kaum Ware befand: Die tollen Kindernähmaschinen aus den 70ern in den oberen Regalfächern waren nur unverkäufliche Deko, in den unteren Fächern lagen recht locker verteilt kleine Reißverschlusstäschchen, Häkeldeckchen, Postkarten, Einkaufsnetze und Kissenbezüge, neben den erwähnten Liberty-Stoffen, von denen der Laden vermutlich lebt. Ich kann mir nämlich nicht vorstellen, dass sich eine Ladenfläche in der Gegend durch den Verkauf von selbstgehäkelten Untersetzern für 3 Euro auf die Dauer erhalten lässt.
(Das Foto ist aus einem seltsamen spitzen Winkel aufgenommen, da man die Straße wegen einer Riesenbaustelle nicht betreten konnte.)
Die Straßen rund um das Stoffmuseum im südlicheren Teil der Halbinsel sind eine nette Gegend mit vielen kleinen Cafés und Läden, allerdings hatte ich hier mit den Öffnungszeiten überhaupt kein Glück: es war Mittwoch Nachmittag und alle Ladenbesitzerinnen hatten sich gegen mich verschworen. L'atelier des Abécedaires, ein Laden für Patchworkstoffe und Stickzubehör, ist gerade ein paar Häuser weiter gezogen, hat sich vergrößert und findet sich jetzt 40 rue des remparts d'Ainay. Geöffnet ist nur am Mittwoch Vormittag von 9.30 bis 12.30 Uhr und am Donnerstag von 9.30 bis 12.30 und 14.00 bis 18.30 Uhr, ich nehme an, das ist nur vorübergehend wegen des Umzugs, am alten Standort waren die Öffnungszeiten wohl etwas ausgedehnter.
Auf der Suche nach dem Patchworkladen fand ich an der Kreuzung mit der rue du Charité dieses Geschäft, Le Lyon qui tricote, ein sehr nett ausehendes Strickcafé mit großer Wollauswahl, so weit sich das durch die Schaufensterscheiben erkennen ließ. Denn dieser Laden hat Mittwoch komplett geschlossen. Anscheinend kennt man sich dort auch mit Strickmaschinen aus, man kann Pullover in Auftrag geben, und in der oberen Etage standen sogar einige Nähmaschinen.
Lyons viertes Arrondissement ist für seinen großen Lebensmittelmarkt auf dem boulevard de la Croix Rousse bekannt, der außer am Montag jeden Vormittag stattfindet. Am Dienstag Vormittag kommt eine zweite Standreihe mit Bekleidung, Haushaltswaren, Kunstblumen, Schuhen und auch Stoffen dazu, und der Markt zieht sich dann den ganzen Boulevard entlang.
Wer den Berliner Markt kennt, für den ist das ein vertrauter Anblick, auch wenn die Zahl der Stoff- und Kurzwarenstände hier klein ist: ich zählte fünf oder sechs Stoffstände und zwei Kurzwarenstände, einer davon sehr groß, mit vielen alten Knöpfen auf Karten, Gürtelschnallen, Borten und Spitzen. Und die Preise sind tatsächlich genau so wie in Berlin: Undefinierbares für einen Euro pro Meter (siehe Foto), wirklich schönes Leinen gab es für 3 Euro pro Meter. Am boulevard de la Croix Rousse hinter dem Rathaus befindet sich außerdem ein großer Kurzwarenladen.
In dem Lyoner Nähblog werden noch einige andere Märkte mit Stoffständen an anderen Wochentagen aufgeführt, am besten erreichbar für Touristen dürfte der Markt Montag Vormittag am quai Saint Antoine in Lyon 2 sein.
Die Adresse von Trésor de Soie, 2 place du gouvernement fand ich über die Stoffladenliste. Leider war auch dort geschlossen (und es war bestimmt noch vor 20.00 Uhr). Durchs Schaufenster wirkte das Geschäft wie ein typischer Touristenladen, aber laut Webseite soll die Meterware ja in einem zweiten Raum zu finden sein. Das wäre möglicherweise interessant gewesen! Tja, aber so geht es mir immer - ein Besuch in einer anderen Stadt ist nie lang genug. Dass ich aber trotz Gelegenheiten ohne ein einziges Stück Stoff zurückkehre, das hätte ich nicht gedacht - wie konnte das nur passieren?
Ergänzung 5. 11. 2014:
Schaut auch in die Kommentare, dort gibts Stoffkauftipps von den Leserinnen.
Lyon ist im Prinzip nicht schlecht mit Stoffgeschäften ausgestattet (und von Stoffen abgesehen gibt es nach meinem Eindruck sowieso ungeheuer viele Geschäfte in Lyon, zum Beispiel sind fast alle Luxusmarken vertreten, was ich so nicht erwartet hätte - Hannover hat das nicht.) Aber - das klingt sicher nach Hauptstadtsnobismus und nach "zuhause ist es sowieso am schönsten" - ich habe mal wieder festgestellt, dass die Stoffauswahl in Berlin wirklich so gut ist, dass Kaufen woanders schwer fällt.
Lyon 1, Les Terreaux
Toto, 80 Place Louis Pradel (an der Ecke des Platzes zur Rhône hin) ist eine Ladenkette, die es in ganz Frankreich gibt, und bei der eine gewisse Ramschigkeit in Angebot und Aufmachung zum Programm gehört. Es wird absolut nichts dekoriert: Die Schaufenster sind mit Plakaten und Angeboten zugeklebt, man geht durch ein Drehkreuz hinein und nimmt einen Einkaufskorb, innen hängen verwirrend viele handbeschriftete Schilder, die Stoffrollen liegen auf großen Tischen und sind grob nach Materialien sortiert, und in jede Ecke ist noch ein Drahtkorb mit irgendwelchen anderen Angeboten gequetscht.
Neben Bettwäsche, Handtüchern, Koffern und Gardinen gibt es Meterware und Kurzwaren zu günstigen Preisen und noch günstigere Stoffcoupons. Anfang September waren anscheinend gerade die ersten Winterstoffe einsortiert worden, lauter dunkle Wolle-Viskosemischungen mit Streifen, dunklen Karos, leichter Pfeffer-und-Salz-Tweed, Fischgrat, dünner Strickstoff, alles für 6 bis 8 Euro pro Meter. Keine schlechte Qualität, solche Stoffe gibt es im Winter auch immer auf unserem Berliner Markt. Von den Sommerstoffen waren nur noch Restrollen da, ziemlich grob gewebte Baumwollstoffe mit Blümchendruck, die mir nicht gefielen (der Maybachmarkt bietet Besseres), ein bißchen Leinenartiges, etwas Vichykaro, gepunktete und karierte Baumwollstoffe und außerdem Standards wie Jeans in verschiedenen Blautönen und Stärken, Frottier, Faschingssatin, Tüll und natürlich Pannesamt.
Von den Stoffcoupons hatte ich mir mehr versprochen, weil ich mal gelesen hatte, dass dort unter anderem Konfektionsreste zu haben wären. Bei meinem Besuch lagen dort aber genau die gleichen Stoffe, die es auch von der Rolle gab, nur noch günstiger: 3 Meter immer für 10 Euro. Ich konnte mich aber für nichts begeistern: die Sommerstoffe gefielen mir nicht, aber bei 26° Grad ernsthaft Winterstoffe begutachten konnte ich auch nicht, zumal es ja sehr ähnliche Stoffe auch in Berlin gibt.
Toto führt außerdem Waxprints, die typischen "Afrikastoffe", die immer in Coupons zu 6 yard (ca. 5,40 m) verkauft werden. In Lyon waren diese Stoffe in einer Ecke hinter einem separaten
Tresen untergebracht, und hätte ich mich nicht gerade an einer Sammelbestellung beteiligt, hier hätte ich schwach werden können. Die Coupons kosteten dort zwischen 15 und 25 Euro, das ist sogar noch etwas günstiger, als wir durchschnittlich für die Waxprints aus London bezahlt hatten.
An einem weiteren Laden in der Nähe, Tissus des Terreaux, 2 Rue Algérie kurz vor der Brücke fuhr ich nur einmal im Bus vorbei - schade, denn der Webseite entnehme ich jetzt, dass es dort unter anderem Seide und Vintage-Stoffe gegeben hätte. Auch an der rue Paul Chenevard, in der es einen Stoffladen und einen Kurzwarenladen geben soll, kam ich leider nicht vorbei.
Lyon 2, Les Cordeliers
Das Gegenprogramm zu Toto und nur ein paar hundert Meter von der Oper entfernt ist La Droguerie, 4 rue Gentil. Ebenfalls eine in allen großen Städten Frankreichs vertretene Kette, aber französisch geschmackvoll, edel, teuer. Schon der Laden selbst mit seinen frei gelegten Balkendecken und den geweißten Ziegelwänden ist eine Augenweide. Perlen, Schmuckzubehör und Knöpfe stehen sehr dekorativ in durchsichtigen Bonbongläsern in offenen Regalen, Fat quarter liegen in Weidekörbchen, dekorativ abgeschrabbelte alte Kommoden wurden zu Verkaufstischen umfunktioniert.
Der Schwerpunkt liegt bei La Droguerie auf dekorativen Kurzwaren und Perlen, weniger bei den Stoffen. Sehr interessant fand ich die Wollauswahl im hinteren Teil des Geschäfts: es gab Garnmischungen mit Leinen, Seide und Mohair in sehr schönen satten Farben. Wenn ich das Prinzip richtig verstanden habe, waren die Stränge, die im Laden hingen, lediglich Griffproben - wenn man Wolle kaufen möchte, muss man eine Verkäuferin fragen und bekommt die gewünschte Menge von einer großen Kone abgespult. Da man sich Bänder und Stoffe natürlich nicht selbst abschneidet und auch die Perlengläser nicht geöffnet werden sollen, muss man an manchen Tagen sicher etwas Geduld mitbringen. Materialpakete mit Anleitung gibt es hingegen gleich zum Mitnehmen, schön verpackt in silbernen Blechdosen mit transparentem Deckel, also zum Beispiel Wolle, Knöpfe, Stricknadeln und Anleitung für ein gestricktes Babyjäckchen, oder Perlen, Kordel, Verschluss für ein Collier. Über die Preise decke ich lieber den Mantel des Schweigens - aber sehenswert ist La Droguerie allemal, bei uns gibt es nichts Vergleichbares.
Lydo Tissus, 42 rue du Président Edouard Herriot liegt nur ein paar Schritte um die Ecke von La Droguerie. Ein hochpreisiger Stoffladen alten Schlags mit einer älteren Besitzerin, die mich als "Mademoiselle" anprach und mir die Materialzusammensetzung der Stoffe erläuterte, auf die ich meinen Blick richtete, während sie gleichzeitig mit einer anderen Kundin plauderte und einer dritten Stoff abschnitt. Das winzige Erdgeschoß mit den vom Boden bis zur Decke gestapelten Stoffballen war mit uns vieren dann auch schon klaustrophobisch voll. Links vom Eingang führt eine steile Treppe ins Obergeschoß und zu weiteren Stoffen.
Ich war nach einem Tag voller Besichtigungen und einem ausgedehnten Stadtbummel schon am Rand meiner Aufnahmefähigkeit, und visuelle Aufnahmefähigkeit und Geduld braucht man in diesem kleinen Laden, denn von den Stoffballen und -rollen bekommt man im Grunde immer nur ein Eckchen zu sehen und zu fühlen. Bei dem Preisschildern, die ich so ausmachen konnte - z. B. Kammgarnstoffe für 69,-€/Meter, typische Baumwoll-Hosenstoffe für 20,-€/Meter - wollte ich nicht anfangen, einzelne Ballen herauszuziehen - Madame hätte das bestimmt missbilligt und zu Recht, womöglich wäre eine Stofflawine niedergegangen. In der richtigen Einkaufsstimmung könnte Lydo Tissus aber der Laden sein, in dem man den einen, ganz besonderen, Herzklopfen verursachenden Stoff findet, den man sich nur gönnt, weil Urlaub ist und den man dann jahrelang nicht anschneidet.
Ganz bodenständig ist hingegen der Laden Au Liseron, 82 rue du Président Edouard Herriot nahe place des Jacobins. Im Erdgeschoss gibt es Kurzwaren, Stickgarne, Wolle und viele Knöpfe. Eine verspiegelte Treppe ganz hinten führt in den ersten Stock zu den Stoffen. Auch hier waren Anfang September die erste Winterstoffe angekommen und die Sommerstoffe um 50% reduziert, auch hier viele Blümchenmuster auf recht grober Baumwolle.
Für mich fallen solche Stoffe eher in die Rubrik Deko, ich wüsste zumindest nicht, was man daraus nähen sollte, außer vielleicht ein Kinderkleid oder eine Schürze, und ich habe auch nicht so recht verstanden, was der nähende Teil der Franzosen daran findet - auf der Straße und bei Kaufkleidung sieht man solche Stoffe jedenfalls nicht. Möglicherweise waren die guten Sommerstoffe aber einfach schon ausverkauft, und ich hatte hier nur noch mit den Ladenhütern zu tun. Mich sprach jedenfalls kein Stoff besonders an, obwohl hier bei Meterpreisen zwsichen 10 und 20 Euro (und bei den Resten vom Sommer die Hälfte) ein kleiner Einkauf durchaus drin gewesen wäre.
Lyon 2, Bellecour
Was ich gerade über die offenkundige Beliebtheit kleingemusterter Blümchenstoffe schrieb, lässt sich noch steigern: Um Liberty lawn, die Blümchenstoffe des Kaufhaus Liberty aus London, gibt es in Frankreich geradezu einen Hype. Nur dewegen ist der Laden 1000 Mercis, 13 rue Francois Dauphin, eine Querstraße von der place Bellecour entfernt, überhaupt eine Erwähnung wert.
Es handelt sich nämlich um einen winzigen Schnickschnack-Laden, in dem sich nach meinem Eindruck kaum Ware befand: Die tollen Kindernähmaschinen aus den 70ern in den oberen Regalfächern waren nur unverkäufliche Deko, in den unteren Fächern lagen recht locker verteilt kleine Reißverschlusstäschchen, Häkeldeckchen, Postkarten, Einkaufsnetze und Kissenbezüge, neben den erwähnten Liberty-Stoffen, von denen der Laden vermutlich lebt. Ich kann mir nämlich nicht vorstellen, dass sich eine Ladenfläche in der Gegend durch den Verkauf von selbstgehäkelten Untersetzern für 3 Euro auf die Dauer erhalten lässt.
(Das Foto ist aus einem seltsamen spitzen Winkel aufgenommen, da man die Straße wegen einer Riesenbaustelle nicht betreten konnte.)
Die Straßen rund um das Stoffmuseum im südlicheren Teil der Halbinsel sind eine nette Gegend mit vielen kleinen Cafés und Läden, allerdings hatte ich hier mit den Öffnungszeiten überhaupt kein Glück: es war Mittwoch Nachmittag und alle Ladenbesitzerinnen hatten sich gegen mich verschworen. L'atelier des Abécedaires, ein Laden für Patchworkstoffe und Stickzubehör, ist gerade ein paar Häuser weiter gezogen, hat sich vergrößert und findet sich jetzt 40 rue des remparts d'Ainay. Geöffnet ist nur am Mittwoch Vormittag von 9.30 bis 12.30 Uhr und am Donnerstag von 9.30 bis 12.30 und 14.00 bis 18.30 Uhr, ich nehme an, das ist nur vorübergehend wegen des Umzugs, am alten Standort waren die Öffnungszeiten wohl etwas ausgedehnter.
Auf der Suche nach dem Patchworkladen fand ich an der Kreuzung mit der rue du Charité dieses Geschäft, Le Lyon qui tricote, ein sehr nett ausehendes Strickcafé mit großer Wollauswahl, so weit sich das durch die Schaufensterscheiben erkennen ließ. Denn dieser Laden hat Mittwoch komplett geschlossen. Anscheinend kennt man sich dort auch mit Strickmaschinen aus, man kann Pullover in Auftrag geben, und in der oberen Etage standen sogar einige Nähmaschinen.
Lyon 4, Croix Rousse
Lyons viertes Arrondissement ist für seinen großen Lebensmittelmarkt auf dem boulevard de la Croix Rousse bekannt, der außer am Montag jeden Vormittag stattfindet. Am Dienstag Vormittag kommt eine zweite Standreihe mit Bekleidung, Haushaltswaren, Kunstblumen, Schuhen und auch Stoffen dazu, und der Markt zieht sich dann den ganzen Boulevard entlang.
Wer den Berliner Markt kennt, für den ist das ein vertrauter Anblick, auch wenn die Zahl der Stoff- und Kurzwarenstände hier klein ist: ich zählte fünf oder sechs Stoffstände und zwei Kurzwarenstände, einer davon sehr groß, mit vielen alten Knöpfen auf Karten, Gürtelschnallen, Borten und Spitzen. Und die Preise sind tatsächlich genau so wie in Berlin: Undefinierbares für einen Euro pro Meter (siehe Foto), wirklich schönes Leinen gab es für 3 Euro pro Meter. Am boulevard de la Croix Rousse hinter dem Rathaus befindet sich außerdem ein großer Kurzwarenladen.
In dem Lyoner Nähblog werden noch einige andere Märkte mit Stoffständen an anderen Wochentagen aufgeführt, am besten erreichbar für Touristen dürfte der Markt Montag Vormittag am quai Saint Antoine in Lyon 2 sein.
Lyon 5, Fourvière
Die Adresse von Trésor de Soie, 2 place du gouvernement fand ich über die Stoffladenliste. Leider war auch dort geschlossen (und es war bestimmt noch vor 20.00 Uhr). Durchs Schaufenster wirkte das Geschäft wie ein typischer Touristenladen, aber laut Webseite soll die Meterware ja in einem zweiten Raum zu finden sein. Das wäre möglicherweise interessant gewesen! Tja, aber so geht es mir immer - ein Besuch in einer anderen Stadt ist nie lang genug. Dass ich aber trotz Gelegenheiten ohne ein einziges Stück Stoff zurückkehre, das hätte ich nicht gedacht - wie konnte das nur passieren?
Ergänzung 5. 11. 2014:
Schaut auch in die Kommentare, dort gibts Stoffkauftipps von den Leserinnen.
Freitag, 5. September 2014
Nahtzugabe unterwegs: Berlin (Flohmarkt auf der Straße des 17. Juni)
Wenn man schon länger in einer Stadt lebt, hört man ja irgendwann auf, Touristensachen zu machen. Man besichtigt nichts mehr, man fährt nicht mehr ins Stadtzentrum, wo die Sehenswürdigkeiten sind, man macht keine Bootsfahrten und Stadtführungen schon gar nicht, es sei denn, Besucher von außerhalb wünschen dies. Auch an mir erkenne ich dieses Muster: Unter den Linden nur noch mit Besuch, KadeWe nur noch mit Besuch (da wollte leider schon lange keiner mehr hin), auf die Museumsinsel wird der Besuch alleine geschickt, und von einigen typischen Touristensachen rate ich sogar ab.
Der Flohmarkt auf der Straße des 17. Juni war so eine Touristensache, von der ich schon oft abgeraten hatte, aber, wie ich jetzt zugeben muss, zu Unrecht. Ich hatte nämlich angenommen, Flohmärkte in Berlin seien generell überteuerte Touristenfallen die nur von dem Glauben der Touristen lebten, Flohmarktbesuche gehörten zum typischen Berliner Lebensgefühl. (Die Ursache meiner pauschalen Flohmarkt-Ablehnung liegt wohl beim Markt an der Arena Treptow, in dessen Nähe ich wohne und der in jedem Berlin-Reiseführer online wie offline empfohlen wird: Muffige Hallen, durchzogen vom Geruch nach altem Fett, der von einer schmuddeligen Pommesbude ausgeht, hingeschüttete Haufen alten Hausrats, kein Stück, das nicht schmutzig oder angeschlagen wäre, schlecht gelaunte Händler, die dafür Mondpreise verlangen, und keiner kauft. Ein Flohmarkt mit schlechtem Karma, Hallen, die vor Unzufriedenheit summen. Auch ein Vorurteil? Vielleicht - ich war bestimmt zwei Jahre nicht mehr auf diesem Markt und werde meinen Eindruck demnächst überprüfen).
Auf den Trödelmarkt, der jeden Samstag und Sonntag auf der Straße des 17. Juni zwischen der Station Tiergarten und dem Charlottenburger Tor stattfindet, schleifte mich der Liebste nun vor einigen Wochen und zwang mich, meine Vorurteile zu revidieren. Uns erwartete ein gut besuchter, aber nicht überfüllter netter kleiner Markt mit einer Mischung aus professionellen Händlern und Gelegenheitsverkäufern. Es wurde viel geredet und gekauft, die Preise, die ich mitbekam, kamen mir nicht überzogen vor - Käufer glücklich, Händler glücklich, und damit ergibt sich gleich eine positiv gestimmte Atmosphäre, ich finde das merkt man.
Die mich mitriss, denn an einem Stand, wo mehrere Freundinnen Klamotten verhökerten, erstand ich voller Begeisterung eine sehr niedliche, sehr winzige Abendhandtasche aus den Achtzigern, in die nur ein Geldschein, der Hausschlüssel und ein Lippenstift passt. Ich muss ein Faible für solche unpraktischen Taschen haben, von dem ich bis jetzt noch nichts wusste - beim Heimkommen fand ich in meinem Accessoirekorb, in den ich selten hineinschaue, drei weitere secondhand erstandene Minitaschen vor, deren Existenz ich komplett vergessen hatte. Zugegeben, keine so schön wie die neue.
Auch für Textilliebhaberinnen bietet der Flohmarkt auf der Straße des 17. Junis so einiges. Es gibt mehrere Stände mit schönen alten Leinenservietten, Geschirrtüchern, gestickten Überhandtüchern und Decken, hier und da mal ein Nähkästchen oder eine Nähmaschine, und vor allem gibt es (im rechten Gang vom S-Bahnhof Tiergarten aus) einen großen Knopf- und Kurzwarenstand. Ich habe da auch schöne alte Gürtelschnallen gesehen, Karten mit Perlmuttknöpfen, ein paar Garne und Borten, und selbst in den 1-Bund-1-Euro-Kisten liegen sehr brauchbare Jacken- und Mäntelknöpfe, immer fünf bis zehn zusammen aufgefädelt. Hätte ich nicht schon die Tasche gekauft, hätte ich hier noch ein paar Perlmuttknöpfe mitgenommen.
Jenseits des Charlottenburger Tors Richtung Ernst-Reuter-Platz schließt sich ein Kunsthandwerkmarkt an, den fand ich bei unserem Besuch nicht so interessant. Es gab viel "Kunsthandwerk", das zwar sicher auch das Werk kunstfertiger Hände war, aber eben von Händen in China oder Indien, aber auch das mag sich ändern.
Nach dem Schaufenstergucken bei Manufactum in der Hardenbergstraße kehrten wir noch auf Kaffee und Kuchen im Café Hardenberg ein, was mir einen kleinen Nostalgieanfall bescherte, denn in diesem Studentencafé scheint die Zeit seit zwanzig Jahren stehengeblieben. Das gilt für die Einrichtung, fürs Essen gilt das glücklicherweise nicht. Und so erwies sich ein Nachmittag mit typischem Touristenprogramm als ein rundum gelungener Ausflug.
Trödelmarkt an der Straße des 17. Juni
Samstag und Sonntag 10- 17.00 Uhr
Haltestelle Tiergarten (Stadtbahn)
Samstag, 30. August 2014
Nahtzugabe unterwegs: München (mit der Cargo duffle bag nach noodlehead)
Vor ein paar Wochen verschlug es mich für ein Wochenende mal wieder nach München. Neben einer Geburtstagsfeier ließ sich in die zwei Tage noch ein sehr nettes Blind Date mit Steffi und etwas Shopping mit Nähbezug hineinquetschen, dazu aber später mehr. Zuerst möchte ich aber die hart erkämpfte Cargo duffle bag nach dem kostenlosen Schnittmuster von noodlehead zeigen. Hart erkämpft deshalb, weil ich ja eigentlich keine Taschen nähe und sowohl das Anfangen, als auch das Fertigstellen dieser Tasche ohne externe Motivation nicht möglich gewesen wäre.
Die externe Motivation fürs Beginnen stellte sich durch die Quiltgruppe ein, denn wir hatten uns überlegt, gemeinsam Taschen zu nähen und uns für das noodlehead-Modell entschieden. Ich hatte mir eine zusätzliche Schwierigkeit auferlegt, weil ich die Hauptteile der Tasche aus einem Berg schriller Krawatten patchworkmäßig zusammensetzen wollte. Die Krawatten waren eine gut gemeinte Spende meiner Schwiegertante, die ich seit 2011 von einer Ecke in die andere schob: die Muster waren zwar interessant, aber zu dem furchtbaren Kunstfasermaterial wollte mir lange nichts einfallen. Karen brachte dann - ich glaube es war bei einem kurzen Treffen im Herbst 2011 - die Idee "Reisetasche" ins Spiel - et voilà, nur knapp drei Jahre später ist diese Idee schon umgesetzt!
Ich entschied mich, Krawatten mit blauer Grundfarbe und einen schwarz-weiß gewebten, im Gesamteindruck grauen Jeansstoff zu verarbeiten. Die Krawattenstoffe schnitt ich in Rechtecke und nähte und steppte sie in quilt-as-you-go-Technik direkt mit der Volumenvlieseinlage und dem Futterstoff zusammen, so wie in diesem Tutorial.
Beim Nähtreffen schaffte ich es immerhin, die wichtigsten Teile der Tasche zuzuschneiden, die ersten Streifen zu steppen und mich von den Inch-Maßen in der Anleitung nicht wahnsinnig machen zu lassen. Es gibt offenbar zwei Dinge, durch die mein Hirn sofort in den Schlafzustand versetzt wird: Inch-Maße und Kartenspielregeln. Ich lese "Final project measures 18" x 11" x 5"", sage jaja, lache verunsichert und denke mir nichts dabei. Erst durch das Umrechnen in Zentimeter (was so krumme Maße ergibt, dass es einem beim Zuschneiden auch nicht weiterhilft), wurde mir immerhin klar, dass hier eine richtige Reisetasche am Entstehen war - die fertige Tasche ist etwa 46 cm breit, 28 cm hoch und 13 cm tief.
Alle Teile der Tasche werden aus drei Schichten - Außenstoff, Volumenvlies, Futter - zugeschnitten und durchgesteppt und erst dann zusammengesetzt. Die Nahtzugaben innen werden zuletzt mit Schrägband eingefasst. Man spart sich so zwar das Aufbügeln von Einlage und das Nähen eines separaten Futters, die kilometerlange Stepperei fand ich dann doch etwas ermüdend, und bei den Schrägabandeinfassungen nähte ich die zweite Runde mit der Hand an und versuchte erst gar nicht, die knubbeligen Nahzugaben präzise unter das Füßchen zu schieben.
Die Henkel bestehen aus Baumwoll-Gurtband vom Nähkontor, aufgesteppt auf Bänder aus Jeansstoff. Zum Verschließen der Vordertaschen (die meiner Ansicht nach zu klein sind, um irgendetwas Sinnvolles dort unterbringen zu können - eine einzige große Vordertasche wäre besser), also zum Verschließen der Vordertaschen steppte ich Klettband auf.
Die bevorstehende Reise motivierte mich dann genügend, die Tasche einigermaßen zügig und unbekümmert fertigzunähen und mich mit kleinen Unregelmäßigkeiten nicht aufzuhalten. Ich kenne mich: wenn ich erst anfange, über jede einzelne Naht zu meditieren und zu überlegen, ob das jetzt alles ordentlich genug ist, dann wird so eine Tasche bei mir niemals fertig. Und bei dieser Tasche gäbe es eine Menge Nähte, über die man meditieren könnte. Die Tasche hat sich auf der Reise dann auch bewährt: wie praktisch, das eigene Gepäckstück gleich auf den ersten Blick überall wiederfinden zu können, und eine große Verbesserung gegenüber dem abgewetzten Tchibo-Rucksack, mit dem ich solche Kurzreisen bisher bestritten hatte.
Für die Cargo duffle bag gab es hier übrigens einen Sew-along, in dem alle Nähschritte mit Fotos gezeigt werden. Ich fand in der Anleitung die Abmessungen für Vorder- und Rückseite etwas verwirrend - der Oberstoff soll etwas größer als Futter und Vlies zugeschnitten werden, und mir ist nicht klar geworden, ob damit ein Schrumpfen des Stoffes durch das Quilten ausgeglichen werden soll und welches Maß Vorder- und Rückseite letztlich haben sollen. Glücklicherweise kommt es beim Zusammensetzen der Tasche nicht auf den Zentimeter an.
München für und mit Nähnerds
Am Sonntag traf ich dann Steffi - 81gradnord zum Kaffeetrinken, und sie hatte ein wunderbares Lokal vorgeschlagen, in dem es so viel anzuschauen gibt, dass wir bestimmt auch eine Stunde nur mit Gucken hätten verbingen können, wenn sich unangenehme Gesprächspausen ergeben hätten. Das war aber nicht der Fall, und ich hoffe wir treffen uns bald mal wieder. Ich kann deshalb auch gar nicht so genau sagen, was man alles im Café Marais kaufen kann. Das Café befindet sich in einem großen Eckladen, in dem das Inventar eines alten Textilkaufhauses erhalten geblieben ist. In den tausend Fächern, Schubladen und Vitrinen stehen jetzt schönes altes Geschirr, Deckchen, Spitzenkragen, Schmuck, Abendhandtaschen, es gibt Schals, Hüte, Kosmetik, Bonbons, Tee, Schokolade, kleine Möbel, und mir war so, als hätte ich auch Textilfarben gesehen - leider habe ich vergessen, mir diese Flaschen, die ich nur von weitem sah, genauer anzuschauen.
Außerdem kann man dort natürlich Kaffee trinken, Kuchen und kleine herzhafte Gerichte essen, und auch die Umgebung fand ich ganz interessant: Die Schwanthaler Höhe ist ganz deutlich im Umbruch, die schicken neuen Läden wechseln sich mit den Schaufenstern von Heizungsinstallateuren und Billig-Dönerläden ab, an der einen Ecke verfallen zwei ganze Häuser, an der anderen werden die Häuser schick gemacht. Ein kleine-Leute-Viertel auf dem Weg zum Szenekiez, eine Entwicklung, die ich in München nicht erwartet hätte - ich dachte tatsächlich, dort wäre schon alles durchrenoviert.
Der zweite Nähnerd-Programmpunkt an dem Wochenende bestand in einem Besuch im Orag-Haus in der Münchner Innenstadt, nahe dem jüdischen Museum und dem Stadtmuseum. Die Orag ist eine Genossenschaft des bayerischen Schneiderhandwerks, die seit dem 19. Jahrhundert Schneiderzubehör und Futterstoffe einkauft und die Rabatte bei der Abnahme großer Mengen an ihre Mitglieder weitergibt. Heute kann jeder in dem Laden am Oberanger einkaufen, und der Kontrast zu den schicken, glänzenden Geschäften in der Umgebung, den aufwendig dekorierten Schaufenstern, der raffinierten Beleuchtung, könnte nicht größer sein. Die Einrichtung der Orag ist funktional, und im Grunde immer noch so, wie nach dem letzten Ladenumbau in den 1960er Jahren: Regale mit Knopfschachteln, Reißverschluss- und Garnkisten ziehen sich bis zur neonbeleuchteten Decke, Quittungen werden per Hand ausgeschrieben und die Durchschläge mit einem Mini-Lastenaufzug in die darüber liegenden Büroräume verfrachtet.
Die Orag ist kein Ort für verfeinerte Warenpräsentation, dafür gibt es ohne Übertreibung alles, was im Schneiderhandwerk benötigt wird, unter anderem eine beeindruckende Auswahl an Knöpfen, an Trachtenknöpfen und Miederhaken für Dirndl, jede nur erdenkliche Einlage, jedes nur erdenkliche Nähgarn, außerdem Werkzeuge zum Markieren und zum Schneiden, Futterstoffe und Nähmaschinennadeln, Handnähnadeln für jedes Spezialgebiet und Stecknadeln gleich im 500g-Paket, falls gewünscht. Die Damen hinter den Verkaufstresen waren bei meinem Besuch sehr hilfsbereit und erklärten einer Nähanfängerin geduldig die Unterschiede zwischen verschiedenen Arten Schneiderkreide und diversen Markierstiften. Ich entdeckte dort den Kreideminenstift, von dem ich so begeistert bin und ließ mich zu einem Spontankauf hinreißen. Wäre das Orag-Haus in Berlin, ich wäre sicher eine häufige Kundin.
Viele weitere Einkaufstipps mit Textilschwerpunkt für München finden sich übrigens hier bei Claudia - Machen und Tun. Bei Quilt&Textilkunst konnte ich beim vorletzten München-Besuch zum Beispiel nur einmal ganz kurz reinschauen, da möchte ich mit mehr Zeit unbedingt noch einmal hin.
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