Donnerstag, 25. November 2010

Kleider tauschen Leute

"Die Welt ist voller Sachen", wusste schon Pippi Langstrumpf. Heutzutage müssen die Sachen nicht einmal mehr gefunden werden, anders noch als bei Sachensucherin Pippi. Sie müssen umverteilt werden: Was mir nicht (mehr) passt und gefällt, erfreut vielleicht jemand anderen. Dinge werde so länger genutzt, das schont die Ressourcen.

Der Kleidertauschladen "Kleider tauschen Leute" in der Lenbachstraße 9 am Ostkreuz setzt auf dieses Prinzip: Saubere, heile Sachen bringen und andere Sachen mitnehmen. Das funktioniert schon seit Anfang November ganz hervorragend, wie ich mich heute Mittag überzeugen konnte - der Laden hängt voll, Kleider für Männer, Frauen und Kinder, alles ist tragbar, und das das Angebot übersteigt die Nachfrage.
Abends gibt es kostenlose Nähworkshops für Anfänger und Fortgeschrittene, in denen Kleider umgestaltet werden, ab und zu Filmabende und z. B. am Freitag ab 14.00 Uhr noch einmal die Möglichkeit, Textilien mit Siebdruckmotiven zu bedrucken. Nur schade, dass es sich um eine zeitlich begrenzte Aktion handelt - Kleider tauschen Leute schließt am Samstag (27. 11.) mit einer Party, die nicht vertauschten Kleider werden teils bei einer Klamottentausch- und Nähparty am Sonntag im Laika Neukölln verarbeitet, die warmen Sachen gehen an eine gemeinnützige Organisation, die sie in Berlin weiterverteilt.


Als ich so langsam vom Laden zurückgondelte (ich hatte mir einen halben Tag schreibtischfrei gegönnt), überlegte ich, ob man die Stadt nicht eigentlich mit einem Netz von Umsonstläden, wie sie auch heißen, überziehen müsste. Schon im nicht sehr konsumfreudigen Nahtzugabe-Haushalt sammeln sich allerlei Dinge an, die weder geliebt noch gebraucht werden, aber zum Wegwerfen deutlich zu schade sind. Das Prinzip des Umsonstladens, dass jeder geben und nehmen darf und dass nicht bürokratisch aufgerechnet wird - man darf auch etwas mitnehmen, ohne etwas abgegeben zu haben - sorgt dafür, dass sich niemand als Hilfsempfänger fühlen muss.
Just an diesem Morgen hatte ich nämlich im Briefkasten einen Werbezettel von einer Kleiderkammer in meiner Gegend gefunden - "Bedürftige mit dem entsprechenden Bescheid erhalten bei uns kostenlos saubere, gebrauchte Kleidung und Wäsche [...] Betrifft: Bezieher von ALG, Grundsicherung und kleinen Renten sowie Obdachlose."
Hat die Wendung "Bedürftige mit dem entsprechendem Bescheid" und die anschließende Aufzählung noch einen anderen Sinn, als die Angesprochenen zu demütigen, frage ich mich? Befürchtet man wirklich, die Kleiderkammer würde von Gutverdienern überrannt, die "den Armen" alles wegnähmen, wenn man auf das Kontrollieren von Bedürftigkeitsnachweisen verzichtete? Sollen Rentner dort ihren Rentenbescheid vorlegen und bekommen dann möglicherweise gesagt, ihre Rente sei aber nicht klein genug?
Dann doch lieber einen Kleidertauschladen für alle - wie die Macherinnen von Kleider tauschen Leute auf ihrer Webseite schreiben, geht es um eine Konsumalternative, "ganz egal ob ihr aus Mangel oder Modelust 'neue' Textilien braucht."

Informationen zu Kleidertauschläden, -partys und -aktionen nicht nur in Berlin findet man im Blog www.klamottentausch.net.

10 Kommentare:

  1. Hast du da denn was gefunden? Ich habe mal bei einem privat organisierten Klamottentausch mitgemacht und mehrere Sachen mitgenommen, die ich bis heute nicht getragen habe - viel mir beim Durchwühlen des Fundus auf. Dieses "Umsonst" wirkt doch sehr reizvoll. Manchmal stelle ich Sachen von uns an die Straße mit einem Schild "Zu Verschenken". In der Regel ist bald alles weg. Ich nehme aber mal an, dass die meisten Sachen dann am neuen Ort auch nur irgendwo lagern.
    Vor einiger Zeit habe ich in einer sehr kleinen Kleinstadt in einem Gebrauchtwarenladen einer Arbeitsloseninitiative Sachen gekauft. Ich sah wohl deutlich wie eine Besserverdienende aus denn ich bekam bald das Gefühl, dass man mich unwirsch anschaute, so nach dem Motto: Was will die denn hier, die bereichert sich auf unsere Kosten. Ich war da erst etwas perplex, weil hier in Berlin ja alles viel durchlässiger ist, aber das ist eben doch noch die Ausnahme. Jedenfalls gefällt mir das Motto "aus Mangel oder Modelust", ohne erhobenen Zeigefinger, so soll es sein.

    AntwortenLöschen
  2. Ja, ich habe einen Pullover aus einem sehr interessanten Material - Viskose mit Kupfer - mitgenommen. Ein dünnes, leichtes Gestrick, das sich durch den Metallanteil in interessante Falten knautschen lässt. Ich weiß aber auch noch nicht, ob ich das so trage, oder zu irgendwas anderem umarbeite.
    Ob "umsonst" wirklich ein tragfähiges Modell zur Umverteilung von Dingen ist, da bin ich mir auch nicht sicher. Im Kleinen vielleicht. Möglicherweise hätte man nach einiger Zeit nur noch unbrauchbaren Geschenkartikelschrott, der dann unendlich unter den Teilnehmern des Tauschs rotiert. In den "zu verschenken"-Kisten bei uns in der Straße liegt meistens genau sowas - es wäre natürlich besser, solche Dinge würden gar nicht erst produziert.
    Morgen ist übrigens, sehr passend, internationaler Buy Nothing Day.

    AntwortenLöschen
  3. Ich fände auch Weihnachtsdekotausch gut...hier gab es einen Weihnachtsdeko-Flohmarkt zu Gunsten eines Kranknehauses in Burundi..war ein wirklcih tolle Sache... gruß HEike

    AntwortenLöschen
  4. ich finde solche ideen super! unser bioladen hat einen korb mit büchern zum tausch. das angebot wechselt ständig und es liegt nicht nur mist drin, den keiner haben will. erst gestern habe ich wieder zwei bücher gefunden. und selbst stecke ich gerne bücher rein, die ich gut fand aber kein zweites mal lesen will.
    jetzt werd ich mal bei deinem link schaun, ob's in unseren südlichen gefilden auch kleidertauschaktionen gibt ...
    lg, mi

    AntwortenLöschen
  5. Danke für deinen lieben Kommentar. Ich finde die Tauschbörse ist eine super idee davon sollte es viel mehr geben.

    AntwortenLöschen
  6. Einen Weihnachtsdekotausch wünsche ich mir auch gerade händeringend herbei. Die Sachen der letzten jahre gefallen mir gerade nicht - aber wieder was anderes kaufen, so dass sich der Weihnachtsschmuck hier irgendwann stapelt, ist auch keine Lösung.
    Bei uns im Haus werden Bücher im Hausflur weitergegeben, es stehen öfter Bücher auf den Briefkästen. den "Selbstlernerkurs Spanisch" (mit Kassetten!) wollte allerdings sehr lange niemand haben. Krimis sind hingegen ganz schnell weg.

    AntwortenLöschen
  7. Nur ne kleine Anmerkung
    Ja-Alles was etwas hochwertiger ist wäre weg.(auch um auf dem Flohmarkt-etc zu verkaufen)
    In vielen Läden kann man auch kaufen-ohne Schein-und das ist dann ein regelmässigen Anlaufpunkt für Schnäpchenjäger.Und so können auch feste Stellen finanziert werden.Ich denke Ihr habt da eine falsche Sicht.Alte schäbige Sachen werden meist nicht angenommen-und schau doch mal in wie vielen Blogs Stoffe auch aus diesen Läden verarbeitet und verkauft werden.Der Parkplatz bei den beiden Läden in meine Nähe ist immer voll(Harzer etc haben wohl kaum ein Auto)
    Liebe Grüsse

    AntwortenLöschen
  8. Ja, die Sache ist schwierig, und sicher komplexer als man hier diskutieren kann. Würden bei flächendeckenden Umsonstlädend nicht eher die Flohmärkte eingehen? Für die Mehrheit der Leute sind Flohmärkte - also gebrauchte Sachen fremder Menschen - sowieso nicht sehr anziehend, da bekommt man vielleicht einen falschen Eindruck, wenn man sich viel in Kreativblogs mit den ganzen Flohmarktgängern bewegt.
    Aber wie gesagt, es waren Überlegungen - bei uns arbeiten in solchen Läden übrigens nur 1€-Jobber, und es verdienen vor allem obskure Beschäftigungsgesellschaften daran, aber das ist nochmal eine ganz andere Geschichte.

    AntwortenLöschen
  9. Schön, dass es fast schon Bundesweit diese Seite gibt, die genau das aufgreift:
    www.alles-und-umsonst.de
    Eine schon von mir vielfach getestete und absolut empfehlenswerte Seite!

    AntwortenLöschen
  10. und jetzt macht der Laden nochmal auf... Diesmal in der Markthalle ß, Eisenbahnstr. 42. Also wieder hin. Unter ktl.blogger.de findet ihr mehr.

    Gut Tausch
    Die Komplizen

    AntwortenLöschen

Vielen Dank für deinen Kommentar!