Dienstag, 22. Juli 2014

Dirndl-Sewalong I: Inspiration


Wenn mir jemand vor einem halben, dreiviertel Jahr gesagt hätte, dass ich einmal bei einem Dirndl-Sew-along mitmachen würde, ich hätte gelacht. Dirndl, das ist Bayern, das ist München, und auf jeden Fall nichts, mit dem sich ein geborenes Nordlicht identifiziert, dachte ich. Aber da ich ja schon eine Weile von dem geplanten Sew-along wusste, konnte ich das Thema schon etwas länger im Kopf hin- und herwälzen, über die Tracht meiner Heimatregion nachdenken und meine Vorurteile überprüfen. Ich finde es übrigens sehr interessant, dass es nicht nur mir so geht - in den bisher gesammelten Beiträgen schreiben fast alle Teilnehmerinnen gleichzeitig auch über ihr Verhältnis zur Tracht oder zum Dirndl. Ein Dirndl ist mehr als ein x-beliebiges Kleidungsstück, es fordert offenbar zu einer Haltung heraus, und wer nicht ganz selbstverständlich in einem Dirndl-Gebiet damit aufgewachsen ist, muss sich in irgend einer Weise daran abarbeiten.  

Wie Julia im Eröffnungsbeitrag schon schrieb, veränderten sich Dirndl und Trachten immer wieder und passten sich an die Zeiten an. Wikipedia formuliert es drastischer: "Das heute bekannte Dirndl wurde zwar durch regionale Trachten geprägt, hat aber keinen bestimmten regionalen Bezug." So, wie der Adel des 18. Jahrhunderts im Schäferkostüm Landleben spielte, schaffte sich das Bürgertum im 19. Jahrhundert ein ländliches Kleid für die Sommerfrische im Voralpenland an. Über  Authentizität muss man beim Dirndl daher nicht sprechen - und das kommt mir sehr entgegen, denn ich nehme diesen Entstehungszusammenhang als Freifahrtschein, um mir aus den Elementen des Dirndls etwas zusammenzustellen, das zu mir und zu meinen Lebensumständen passt.

Ich bin also in mich gegangen, habe Schnittmusterhefte und Pinterest durchgeblättert und meine Stoffvorräte umgeschichtet. Wie müsste mein preußisches Großstadtdirndl aussehen? Was ziehe ich an, was reizt mich von der nähtechnischen Seite her? Was gefällt mir an den herkömmlichen Dirndln gar nicht? Bei Pinterest fand ich nur sehr, sehr wenig, was meinen Vorstellungen auch nur nahekommt: Für mich müsste es noch schlichter sein. Dunkel und schlicht, ohne oder fast ohne Verzierungen. Dirndlblusen, also diese typischen, romantisch mit Puffärmeln und Spitze, sehe ich auch überhaupt nicht in meinem Leben, es sei denn, ich müsste aufgrund widriger Umstände im Berliner Hofbräuhaus als Kellnerin anheuern, was ich nicht hoffe. Bei Frau Vau war aber kürzlich zu sehen, dass ein Dirndlmieder mit Hemdbluse darunter auch ganz ausgezeichnet funktioniert.  


Die Schnittmusterbibliothek gab auch nicht allzu viel her: in Burdastyle 9/2011 gab es Dirndlschnittmuster, unter anderem das Mieder oben, das sich als Schnittgrundlage eignen könnte. In Heft 9/2009 wurde eine Strecke mit trachtig angehauchten Schnitten gezeigt, daraus hat mir auch einiges gefallen.

Der Nähplan sieht bisher also folgendermaßen aus:

- ich möchte einen Zweiteiler nähen, also ein Mieder und einen Rock, die gemeinsam, aber auch mit nicht-trachtigen Kleidungsstücken angezogen werden können
- den Rock möchte ich stifteln, also die typischen Stehfalten oder gezügelten Falten einarbeiten
- die himbeerfarbene Bluse sollte dazu passen, auf lange Sicht möchte ich mir aber sowieso auch noch eine weiße Bluse nähen, das passiert aber möglicherweise nicht mehr im Rahmen dieses Sew-alongs
- die Schürze gehört traditionellerweise zum Dirndl dazu, ist aber auch das Element, wodurch das Dirndl meiner Meinung nach zur Verkleidung wird. Darüber wird es noch einen ausführlichen Post geben, wenn wir soweit sind. Mir schwebt vor, die Schürze so zu adaptieren, dass sie funktional ist, also nicht nur eine dekorative Stoffbahn, sondern so ausgestattet, dass es einen Sinn ergibt, sie zu tragen.

Konkreter hinsichtlich Stoff und Schnitt wird das dann beim nächsten Termin am 30. 7., einstweilen finden sich alle Beiträge zum Dirndl-Sew-along hier.

18 Kommentare:

  1. Bei der Trachtenberatungsstelle (super Wort!) in Schwaben wird unter anderem eine Publikation für das "Werktagsgewand" angeboten, das möglicherweise Inspiration und praktische Hilfe für dein Projekt geben könnte. Bei diesem Link wird auch eine schlichte Bluse vorgestellt, die imho durchaus stadttauglich ist:
    https://www.bezirk-schwaben.de/trachten/fileadmin/user_upload/trachten/dokumente/Jahresprogramme/Trachtenberatung_Jahresprogramm_2014.pdf
    Schade wirklich, dass das alles so weit weg ist; der ein oder andere Kurs könnte mich durchaus interessieren... völlig unabhängig vom Dirndlnähen.
    Das wird wieder ein interessantes sewalong!
    LG, Bele

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    1. Oh ja, Danke - das sieht ja interessant aus. Vor allem die Knopfkurse! Das würde mich ja auch interessieren.

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  2. Die "Ochsen"-Dirndlgewänder wurden hier ja schon im letzten Post zu Dirndl und Trachten erwähnt, dabei findet sich auf der Homepage der Firma eine schlichte Bluse, aber auch einfache T-Shirts, die unter dem Mieder getragen werden. Es muss also ganz und gar nicht die Rüschen-Puffärmel-Version sein.

    Und zum Thema Trachten und Regionalität: Ich hab' auf der Trachtenvereins-Seite meiner ehemaligen Heimat nach deren Vereinstracht geschaut - und mich hätte schier der Schlag getroffen: Miesbacher Tracht im mittelfränkisch-oberbayerischen Grenzgebiet! Da liegen 200 km dazwischen. Ich hatte noch nie viel mit Trachtenvereinen am Hut, aber nach dieser Entdeckung und den Erkenntnissen, die mir der Sew-Along schon bis hierher gebracht hat, bin ich mehr und mehr in meiner Meinung überzeugt, dass man sich von diesen Trachtenerhaltungsvereinen bzgl. Dirndl was geht und nicht geht nicht zu gängeln lassen braucht!

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    1. Haja - mir scheint auch, dass es bei den Trachtenvereinen große Unterschiede gibt und da manchmal auch ein bißchen was zusammenphantasiert wird. Das große Problem ist sicher, dass viele Trachtenvereine erst in den 50er Jahren oder sogar noch später entstanden, als die Trachten nirgends mehr regulär getragen wurden und die Überlieferung (wenn es denn eine gab) längst unterbrochen war. Aber die Miesbacher Tracht an der Grenze zu Mittelfranken? Nun ja.

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  3. Ich bin schon auf die Schürzenidee gespannt!
    Diese burdas vielen mir auch in die Hände und ich überlege jetzt, ob ich mir, für die nach dem Sommer kommende Jahreszeit nicht so eine Kniebundhose samt Mieder nähe...

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    1. Das ist witzig - über Kniebundhosen habe ich auch gerade nachgedacht, in der aktuellen Burda (August) ist auch eine drin, die mir gefällt, und so eine Art Bermuda. Für den Herbst hätte ich auch Lust auf sowas.

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  4. Ich verfolge einen ähnlichen Plan wie Du: es wird wohl erstmal ein Mieder/Leibchen mit Rock werden. Ich habe mir das Schnittmuster 7032 von Burda downgeloadet, das beinhaltet eine sehr schöne schlichte Bluse mit langen Ärmeln. Du müsstest das "nur" verkleinern, denn es ist ein Plusmodell.
    Was die Rockform betrifft bin ich noch komplett unentschlossen.

    LG Luzie

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    1. Danke für den Tipp - so ähnliche Blusenschnitte wie 7032 hätte ich auch in passend sogar schon da. Ich glaube es wird aber wirklich eine Hemdbluse mit Kragen, auch wenn sich TraditionalistInnen mit Grausen abwenden.

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  5. Ja, du hast recht, die Schürze macht viel von dem "verkleidet"-Look aus. Bei der Hausarbeit liebe ich Schürzen über alles, die richtig klassischen zum vorbinden, rausgehen würde ich damit nicht. Ich habe überlegt, die Schürze wegzulassen oder farblich dem Rock anzupassen, ähnlich wie Frau Vau das machte - die Schürze sieht aus wie ein zweiter Rock.
    Ich bin sehr gespannt auf diene Dirndl-Interpretation.

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    1. Hm, ich finde den Begriff "verkleidet" nicht gut. Im Alpen- und Voralpenraum, wo ein Dirndl (wohlgemerkt keine "Tracht") auch zum sonntäglichen Kirchgang, zu Familien-, Dorf- oder Vereinsfesten getragen wird, gehört eine Schürze schon dazu und ist eben keine "Verkleidung". Es ist ein festliches Gewand, das man zu besonderen Gelegenheiten trägt, ja. Aber sämtliche "guten" Kleider oder Röcke, die ebenfalls zu besonderen Gelegenheiten oder Festen getragen werden, werden doch auch nicht als Verkleidung bezeichnet.

      Treffender wäre meiner Meinung nach die Begrifflichkeit "typisch" oder "charakteristisch". Ein "typisches" Dirndl ist ein Kleid/Rock mit Schürze (egal ob nord- oder süddeutsch). Viele Vintage-Schnitte aus den 50ern weisen von der Silhouette her große Ähnlichkeiten mit Dirndl/ Tracht auf: schmal geschnittenes Oberteil und weiter Rock. Trotzdem würde hier niemand sofort "Dirndl" assoziieren, weil eben die Schürze als typisches, charakteristisches Merkmal fehlt.

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    2. Ja, du hast schon recht, dass die Schürze ein charakteristische Merkmal des Dirndls ist - aber sie stammt aus einer Zeit, als frau beim Arbeiten Schürzen getragen hat, und das Sonntagskleid bekam dann eben eine Schürze aus kostbaren Stoffen oder aus Spitze. Heute macht man sich bei der Arbeit nicht mehr schmutzig, oder wenn doch, trägt man robuste Berufskleidung, daher wirkt für mich (subjektiv) so eine Schürze wie eine Verkleidung. Sie spielt auf eine Lebensweise an, die es heute quasi nicht mehr gibt, jedenfalls nicht in der Stadt, und die mit meiner Lebensweise überhaupt nichts zu tun hat.

      Daher denke ich gerade darüber nach, wie eine Schürze heutzutage in der Stadt eigentlich aussehen müsste und welche Funktionen sie haben müsste, damit sie mehr ist, als ein seltsames Accessoire. Aber dazu werde ich nochmal ausführlich schreiben, wenn wir im Sewalong beim Rock angekommen sind. Ich bin mir auch noich gar nicht im klaren drüber, wo das alles hinführt. Ich weiß nur, dass ich eine Schürze möchte, weil sie zum Dirndl dazu gehört, aber ich will nicht nach Kellnerin aussehen....

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    3. Ach so, jetzt hab' ich Dich verstanden. Wirklich funktionalen Zweck hat die Schürze bei den wenigsten Dirndlgewändern im Gegensatz zu früher. Heutzutage ist sie eher als Zierde zu sehen. Andererseits erfüllt sie damit natürlich - wie Paspeln, Rüschen oder Borten - auch ihren Zweck.

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    4. Vergessen: Auf Deine Schürzen-Lösung bin ich gespannt. Hört sich schwierig und interessant an.

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    5. Der Verkleidungs-Effekt bei der Schürze beruht meiner Meinung nach darauf, das sie bei den festlicheren Dirndl keinen praktischen Nutzen erfüllt, aber auch keinen gestalterischen. Sie ist einfach nur "da", weil sie halt dazu gehört.

      Bei vielen echten Festtrachten sind die Schürzen aufwändig verziert und bestickt, die hat man natürlich auch geschont und nicht benutzt, um den Rock zu schützen oder die Hände dran abzuwischen, was ja eigentlich ihre Aufgabe ist.

      Ich bin schwer auf deine Umsetzung gespannt :)

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  6. Liebe Lucy,
    es ist ein großer Unterschied zwischen einer echten Tracht und einem modischen Dirndlkleid oder einem Dirndl ähnlichen Kleid. In den 70er nannte man die "'Dirndlett" :)
    Fast alles was man heute so zu sehen bekommt hat mit einem richtigen Trachtendirndl nichts zu tun. Muß aber auch nicht. Hat sich was eigenes entwickelt.
    Worauf ich persönlich achten würde ist folgendes: einen Naturfaserstoff = BW oder Leinen keinesfalls den Plastikstoff aus dem alle Billigdirndln sind. Eine schlichte Bluse ist OK, ich habe mehrere Dirndlbiusen und keine einzige hat Puffärmel. Was ich ganz schrecklich finde sind Carmenblusen zum Dirndl, womöglich noch aus merkwürdigen Transparentstoff. Häslich sind auch Schuhe mit hohen Absätzen dazu oder normale Handtaschen!!
    Ich habe mein Dirndl so gestalltet dass ich es ohne und mit Schürze tragen kann. Verschieden Schürzen oder keine können die Optik des Dirndls sehr verändern.
    Ich wollte Dir als Inspirationquelle auch die Dirndl von "Der Ochs" empfehelen, das wurde schon weiter oben getan. Ich liebe besonders die schlichten Farben dieser Dirndln und es gibt keine gerüschten Ärmel.
    Ich habe mein Dirndl nicht oft an aber wenn fühle ich mich wohl und "angezogen" aber nicht verkleidet. Obwohl ich gestehen muß ich hatte es noch nie in Wien an. Ich trage es nur wenn wir am Land sind.
    Bei echten Trachten kann man, wenn man sich auskennt sehr viel herauslesen. Ich weiß z.B. nur, dass eine einfärbig dunkelblaue Schürzen auf eine Weinbauregion hindeuten.
    Mein Dirndl habe ich hier vorgesttelt ( http://roseundlavendel.blogspot.co.at/2011/06/pfingsten.html)
    Ich freue mich über diesen sew along wenn ich auch nicht mitmache, ich habe ja ein Dirndl.
    Liebe Grüße
    Teresa

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    1. Ah ja, ich erinnere mich an dein Dirndl - das ist so "unrüschig", dass es auch mir gefällt. Aber ich assoziiere es wie du mit dem Landleben - in der Stadt kann ich mir das auch nicht so gut vorstellen. Bei Kaufdirndln und vor allem bei den Blusen gibt es wirklich schreckliche Geschmacksverirrungen aus Plastik, ich habe mich beim Bildersuchen auch ziemlich gegruselt. Die Kleider von Der Ochse wirken vor allem durch die Materialien so gut, scheint mir.

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    2. Ja, die Materialien von Der Ochse sind - zumindest der Beschreibung und dem Aussehen nach - sehr hochwertig. Ich glaube auch, dass viele Kleider v.a. durch die Stoffwahl unterschiedlich wirken können. ich hätte z.B. den Burda-Schnitt von Frau Vaus Dirndl niemals nach dem Burda-Cover gekauft, das wirkt für mich billig. Nachdem ich Frau Vaus Dirndl gesehen habe, würde mich das Schnittmuster reizen.

      Vichy-Karo-Kleider, die der Silhouette nach einem Dirndl ähneln, würde man wohl in Richtung Landhausstil stecken. Diese Assoziation kann man wohl mit einem gut gewählten Stoff umgehen.

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  7. Das von Dir angesprochene Mieder aus der Burda finde ich als Grundlage super.
    Gut, ich würde vermutlich das "Gezumpel" vorne auch weglassen, aber an sich finde ich das vom Schnitt her nicht schlecht.
    Die Trachtenberatungsstelle in Bamberg hat meines Wissens nach auch ein paar Schnitte, die zweiteilig sind - eventuell gibt's da auch was, was als Grundlage für Deine Tracht okay ist.
    Gespannt bin ich auf den Stoffverbrauch beim gestiftelten Rock ;)

    Anyway - Dein Dirndl wird sicher ein Knaller!
    (Meins geht übrigens auch mit T-Shirt zu tragen. Funktioniert wunderbar und sieht gar nicht "dirndelig" aus!)

    Liebe Grüße
    Katrin :)

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