Freitag, 28. August 2020

Raffinierte Schlichtheit: Das Puff Shirt von The Assembly Line

"Moderne und minimalistische Indie-Schnittmuster", so wirbt die schwedische Firma The Assembly Line für sich, und das trifft die Sache auf den Punkt. Genauer gesagt fand ich die Schnitte und ihre Präsentation auf der Webseite so minimalistisch, dass ich nicht sicher war, ob das etwas für mich sein könnte. Ihr kennt das vielleicht: Man starrt hundertmal die Modellfotos und die technischen Zeichnungen an und überlegt sich, ob der ganze Reiz vielleicht nur in der coolen skandinavisch-japanisch angehauchten Inszenierung mit den fast aussschließlich einfarbigen, unbunten Stoffen und den ruhigen Fotohintergründen liegt. Ist an den Schnitten wirklich etwas Besonderes dran, oder ist das nur noch ein ausgestellter Bahnenrock oder ein Sweatshirtschnitt, genauso wie tausend andere? Manchmal schafft es die Produktfotografie ja, einem etwas schmackhaft zu machen, was an sich vollkommen banal ist.


Die Gelegenheit, der Sache auf den Grund zu gehen ergab sich, als Andrea vom Stoffladen Berliner Schnitte (Brandenburgische Straße/Nähe Fehrbelliner Platz - und natürlich mit Onlineshop) einige Assembly-Line-Schnittmuster in ihren Shop aufnahm und mich fragte, ob ich einen ausprobieren wolle - vielen Dank nochmal für den Schnitt und den sehr tollen Stoff. Ich entschied mich für das "Puff Shirt", ein Oberteil mit weiten, gerafften Ärmeln und einem interessant von schräg unten kommenden Brustabnäher.


Der Stoff ist ein sehr schöner feiner Twill aus Tencel, also ein Stoff in Köperbindung (die Webart, in der auch Jeansstoffe gewebt werden) aus einer hochwertigen Viskose. Tencel ist ein Markenname für eine Viskosefaser des österreichischen Herstellers Lenzing, für die nicht nur Holz, sondern zum Teil auch Reste von Baumwollstoffen aus der Industrie (z. B. Zuschnittreste) und sogar Baumwolle aus Altkleidern wiederverwendet werden, wenn man der Darstellung auf der Herstellerseite glauben darf. Der Stoff ist ein bisschen dicker und nicht so flatterig wie die meisten Viskosestoffe, er fällt aber durch die Webart sehr schön und wäre zum Beispiel auch für weite Hosen, Röcke und Kleider geeignet (und es gibt ihn außer in dem tollen Grün auch in einem Puderton). Der Stoff lässt sich sehr gut nähen und bügeln, aber man sollte ihn unbedingt vorwaschen, denn er ist beim ersten Waschen doch merklich eingelaufen.


Von dem Schnitt bin ich auch sehr begeistert. Ja, er ist schlicht - aber auf eine schwer zu beschreibende Weise merkt man mit etwas Näherfahrung, ob ein Schnittmuster "gut gemacht" ist, und das Puff Shirt ist sehr gut gemacht. Manche Schnittmuster wirken so grob, als wären sie mit einer Säge aus ungehobelten Brettern ausgeschitten worden. Zwar fügt sich alles zusammen, aber ohne Eleganz und man bekommt beim Nähen den Eindruck, als würde das ganze überhaupt nur funktionieren, weil sich Stoff zurechtziehen lässt. Bei anderen Schnitten passen die Kanten perfekt aufeinander, Passzeichen haben ein Sinn und das Teil näht sich wie Butter. Ich kann nicht genau sagen, woran das im einzelnen liegt, aber aus meinem Wissen über Schnittkonstruktion vermute ich, dass es bestimmte Feinheiten sind, die erfahrene Schnittkonstrukteurinnen beachten und die ein nur in einem Konstruktionsprogramm aufgestellter Schnitt nicht hat: Eine etwas eingestellte Naht hier, eine leicht gebogene Linie dort.


Das Puff Shirt gehört auf jeden Fall zu der Kategorie "eleganter Schnitt". Die Armkugel ist ziemlich hoch, der Stoff ließ sich aber sehr gut einhalten und die Ärmel passten gleich im ersten Anlauf ohne Falten in die Armlöcher. Der gepuffte Ärmel entsteht durch ein Bündchen mit einem breiten Gummiband, das nach innen geklappt und mit einer Naht am Ärmel fixiert wird. Das war die einzige Stelle, die mir an dem Schnitt nicht gefiel: Die Maschinennaht ist von außen sichtbar und wirkte in meinen Augen zu grobschlächtig. Ich habe das Bündchen stattdessen mit einem handgenähten Garnsteg im Inneren des Ärmels fixiert.


Am U-Boot-Ausschnitt reicht das Rückenteil an der Schulter über das Vorderteil, beide Seiten haben einen verstärkten Beleg, der von außen abgesteppt wird. Passend dazu habe ich den Saum auch abgesteppt. Die Anleitung ist beim Puff Shirt ist sehr ausführlich und hat sehr gute Zeichnungen, die an japanische Nähanleitungen erinnern, so dass ich die Schnitte von The assembly line auch für Anfänger empfehlen würde.


Von dem Ergebnis bin ich sehr angetan, mit der Farbe und den Ärmeln hat das Puff Shirt einen 70er-Jahre-Vibe, der mir sehr gefällt. Aus ganz dünner Viskose, Batist, Baumwollvoile oder feinem Leinen könnte man den Schnitt auch gut nähen, der Stoff sollte nur nicht zu labberig sein, damit die Ärmel gut ziur Geltung kommen.

Schnitt- und Stoffdetails

Schnitt: Puff Shirt von The Assembly Line (über Berliner Schnitte)
Stoff: grüner Tencel von Berliner Schnitte
Bügeleinlage (Vlies) für die Belege und breites Gummiband für die innenliegenden Ärmelbündchen

8 Kommentare:

  1. Danke fürs Vorstellen des Schnittes.
    Wie groß fällt der Ausschnitt aus, rutscht der gerne über die Schulter?
    BG
    Susan

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    1. Bei mir (schmale Schultern) tendenziell ein bisschen. Ich finde aber die Schultern generell nicht so breit wie bei den Burdaschnitten. Ich musste am Armausschnitt nichts wegnehmen, damit die Ärmel richtig sitzen.

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  2. Du hast es exakt auf den Punkt gebracht; ich habe diese Schnitte schon des öfteren betrachtet, konnte mich aber nicht durchringen, sie auszuprobieren.
    Zumal ein gehyptes Top dieser Linie einem Burdatop sehrsehr ähnelt.
    Dennoch, dein Shirt sieht toll aus und auch die Farbe ist klasse.
    LG von Susanne

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    1. Ja, wie bei den meisten Schnittmustern gilt: man kann auch ohne leben - aber sie sind wirklich gut gemacht.

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  3. Der Satz "das Teil näht sich wie Butter" erzeugt interessante, eher un-minimalistische Bilder in meinem Kopf!

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    1. Tatsächlich wäre "wie gut geölt" auch passender, denn die Maschine schmiert man ja mit Öl, nicht mit Butter.

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  4. Danke, den hatte ich noch gar nicht auf dem Schirm. Gefällt mir sehr gut und einen gut gemachten Schnitt schätze ich auch sehr. Passzeichen z.B. sind doch wirklich eine feine Sache!
    Kommt wohl auf meine Liste ;-)
    LG; Jule

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