Donnerstag, 7. Mai 2009

Protest!

Im Grunde bin ich ja keine große Demo-Gängerin. Einmal wegen der unvermeidlichen und unerfreulichen Begleitumstände des Demonstrierens – stundenlanges Herumlaufen, gerne in den Abgasen wartender Autoschlangen, Herumstehen, Anhören stockend abgelesener Redebeiträge, Gedrängel, häufig auch noch politisch zweifelhafte Gesellschaft und Trillerpfeifen. Zweitens demonstrierte ich mal eine Zeit lang recht intensiv mit – damals ging es um die Hochschulreformen in Sachsen – und das war sowas von erfolglos, dass ich in den Semestern danach schnell meinen Abschluss machte, um von den Reformen wenigstens nicht mehr selbst betroffen zu sein.



Mein Glauben an die politische Wirksamkeit von Demonstrationen und die mögliche Verbesserung der Welt durch meinen Einsatz hatte also etwas gelitten, so dass mein Liebster vor zweieinhalb Wochen größere Überzeugungskraft benötigte, um mich zum Mitmachen bei einer Demo gegen den Weiterbau der A100 von Neukölln nach Treptow zu bewegen. Dieses geplante Autobahnteilstück von drei Kilometern wird vermutlich mehr als 420 Millionen Euro kosten, was aber gar nichts macht, so die Argumentation des Berliner Senats, weil der Bund fast alles bezahlt. In Alt-Treptow sollen drei Gründerzeitwohnhäuser, etliche Gärten und ein Teil einer denkmalgeschützten riesigen Platanenallee für die Autobahn weggerissen werden – mal abgesehen davon, dass der Verkehr dann mitten in die Umweltzone an die Grenze zu Friedrichshain-Kreuzberg geleitet wird, wo es sich jeden Tag sowieso schon staut. Zur Zeit werden die Einwendungen gegen die Planungen geprüft, über den aktuellen Stand kann man sich auf der Webseite der Bürgerinitiative gegen den Stadtring Süd informieren.



Auf der Abschlussveranstaltung traf ich zufällig A., die ich aus der Nähgruppe kenne, die ihre Freizeit im Moment aber eher dem Kampf gegen die Autobahn denn dem Nähen widmet. Von ihr bekam ich ein Protesttaschentuch geschenkt – die Bürgerinitiative hatte ihr Anti-Autobahn-Motiv nicht nur auf T-Shirts und Aufkleber, sondern auch auf ein paar Stofftaschentücher vom Flohmarkt drucken lassen, die jetzt zum Beispiel in Läden und Cafés hier in der Nachbarschaft hängen.

Ein guter Geist bewahrte mich gerade noch vor meiner spontanen aber paradoxen Idee, das Taschentuch in das Auto des Liebsten zu hängen. Mit einem Auto gegen eine Autobahn protestieren? Lieber nicht, auch wenn mir A.versicherte, es gehe keinesfalls gegen Autos an sich. So nähte ich am vorletzten Wochenende lieber eine stabile Einkaufstasche aus schwarzer Jeans, für das umweltfreundliche Einkaufen zu Fuß. Stoffe und die rote Spitze hatte ich noch da, wobei ich so planlos loslegte, dass der schwarze Stoff für die Henkel (zwei kurze und ein langer zum variablen Tragen) nicht mehr ganz ausreichte. Es fand sich dann aber noch ein halbes abgeschnittenes Hosenbein, so dass die Henkel jetzt extra stabil und mit Paspeleffekt blau gefüttert sind. Sehr praktisch, wie ich am Montag feststellen durfte, als ich meine Sachen für die Nähgruppe verstaute. Davon brauche ich unbedingt noch mehr.

7 Kommentare:

  1. Das nenne ich doch mal einen farbenfrohen, kreativen und friedlichen Protest! Eine tolle Idee, liebe Lucy! Hoffentlich findet sie viele Nachahmer...
    Liebe Grüße
    Katharina

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  2. Viel Erfolg wünsche ich.
    Bei mir kräuseln sich die Nackenhaare, wenn ich an die Häuser und die Bäume denke...

    Viele Grüße
    Britta

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  3. das nenn ich aktiven widerstand!!
    sehr schön...!!!
    und praktisch politisch, das gefällt mir sehr....!!
    stella

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  4. Deine Skepsis, was die Wirksamkeit solcher Aktionen betrifft, teile ich. Spontan fällt mir da nur Wackersdorf ein, da hat der Protest tatsächlich was gebracht.
    Aber das WIR-Gefühl bei Widerstand gegen unsinnige Projekte ist trotzdem großartig und gibt zumindest das Gefühl, das Möglichste getan zu haben.
    Ich staune immer wieder über die Lauschigkeit Berlins: Bedruckte Stofftaschentücher in Cafes und auf genähten Jeanstaschen. Du bringst mein Hauptstadtbild ins Wanken, Lucy!

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  5. Ja, Griselda, Berlin (oder zumindest meine Gegend) ist tatsächlich weitaus lauschiger als alle anderen Städte, in denen ich schon gelebt habe. Mir scheint man fühlt sich hier besonders "seinem" Kiez verbunden, ähnlich wie auf dem Dorf. Wahrscheinlich braucht man das auch ganz dringend, um nicht unterzugehen.

    viele Grüße, Lucy

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  6. Herrlich, ein Protesttaschentuch. Darauf muß man erstmal kommen und wie man an Deiner schöne Tasche sieht, bietet es vielfältige Möglichkeiten der Nutzung. Wünsche sehr, dass diese Aktionen mehr Wirkung ziegt .
    Sehe der Erfolg solcher Aktionen auch zwiespältig.Man fühlt Demokratie und beim Mißerfolg, ist die Enttäuschung groß. Schlimm finde ich , wenn Tausende durch Unterschriftem oder ä. sich zu einem Standpunkt bekannt haben und Juristen durch das Auffinden von Formfehlern
    wochenlange Aktionen zu nichte machen. So kann ich verstehen, dass Protest dann fast zu ein Volltime-Job wird, weil man es ganz richtig, in juristischem Sinne machen muß, um Erfolg zu haben.
    Ich finde Berlin bietet alles vom lauschigen Plätzchen bis....mich zieht es immer wieder nach Mitte und Prenzelberg, weil ich dort ein paar jahre gewohnt habe.

    Viele Grüße Karen

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  7. Hier sieht es ja so aus, dass der Bund das Geld schon seit Jahren fest zugesagt hat, und obwohl die Grünen, der Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg und auch Teile der Linkspartei mittlerweile dagegen sind, fürchte ich, dass gebaut werden wird, egal ob sinnvoll oder nicht, einfach "weil man das Geld ja nun mal hat". Letztlich wird wohl auch diese Sache dann vor Gericht entschieden, siehe Waldschlösschenbrücke.

    viele grüße, Lucy

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