Montag, 23. September 2013

Woche 38


Schon wieder eine Woche um, und nicht mal zum Bildersammeln mit der Immer-dabei-Knipse bin ich gekommen. Nur den gefalteten Papiervogel vom Weichselplatz finde ich auf der Speicherkarte.

Dafür saß ich gestern Abend bei der Wahlberichterstattung zum ersten Mal seit längerer Zeit vor dem Fernseher. Ich fand es ganz interessant, an mir selbst zu beobachten, wie sich die Wahrnehmung auf Politik und Politiker ändert, wenn man sich nur über Radio und Zeitungen (auf Papier und im Internet) informiert, sich also mit inhaltlichen Aussagen beschäftigt, ohne bewegte Bilder der Kandidaten. Wie bei einer Fernsehdebatte die eigene Aufmerksamkeit von den Inhalten wegwandert und sich der dem Auftreten der Personen zuwendet - ob man will oder nicht.

Frau Merkel hatte ich bestimmt einige Jahre nicht mehr im Fernsehen gesehen, und ich muss zugeben, so aufgeräumt, freundlich, schlagfertig, wie sie da in der Elefantenrunde saß, kann ich gut nachvollziehen, warum sie von so vielen immer wieder gewählt wird. Steinbrück, der immer so aussieht wie eine missmutige Bulldogge kurz vorm Zuschnappen, kann noch so kompetent sein - ein Kandidat zum Knuddeln wird er in diesem Leben nicht mehr werden. Merkel hingegen wirkt so souverän, so ernsthaft, vernünftig, vertrauenerweckend, dabei anders als früher nicht verbissen, sondern wie eine Frau, die nur unser Bestes will. Sie kümmert sich, hat alles im Blick, wägt ab und nimmt uns die schwere Last ab, uns selbst informieren zu müssen, selbst zu entscheiden, selbst zu denken, denn Merkel denkt und sorgt ja für uns. Der Wähler wird im Angesicht von Merkel wieder zum unmündigen Kind und lässt sie machen - die Zusammenhänge verstehen zu wollen, ist ja auch viel zu kompliziert!

Ja, manche Dinge muss man eben sehen, um sie zu verstehen, und wenn ich diese Fernsehrunde mit  Merkel, Steinbrück, Trittin ganz unvoreingenommen im Fernsehen betrachte, vielleicht so, wie sich das jemand anschaut, der sich für Politik ansonsten nicht besonders interessiert, dann erklärt sich für mich der Wahlausgang und ich finde Wählerverachtung unangebracht. Meine Entscheidung fiel anders aus - aber dass es einen verbreiteten Wunsch nach Sicherheit und einfachen Lösungen gibt, dass man eine wählt, die Vertrauen und Orientierung vermittelt, die nicht alles unnötig verkompliziert, das kann ich verstehen und deshalb nicht verurteilen. Fazit: hätte ich vor der Wahl auch mal ferngesehen, hätten mich die fast 42% für die CDU/CSU nicht so überrascht.

Einige Nähthemen beschäftigten mich in der letzten Woche aber doch:

In dem russischen P-an-da-Blog tauchten die Modelle aus der November-Burda auf. Es wird einige interessante Kleider geben, auch in großen Größen.

Yvonet sezierte eine Jacke, legte die Einlageschichten frei und dokumentierte alles ganz ausführlich in Bildern. Sehr interessant, wo und wie in einem Jackett "Made in China" Einlage verbaut ist - es entspricht ungefähr dem, was man auch in älteren Schneiderbüchern findet - und umso merkwürdiger, dass zum Beispiel Burda-Anleitungen meistens mit sehr viel weniger Einlage arbeiten. 

Zwei Designstudenten entwarfen für das Projekt Unifold Schuhe, die nach einer Schablone einfach aus einem Stück Kunststoffmaterial ausgeschnitten und zusammengefaltet werden können. Eigentlich geht es darum, Menschen mit Schuhen zu versorgen, die sich bisher keine leisten können - aber gerade die Sandale ist auch richtig schick und könnte auf dem Berliner Pflaster bestimmt zum Trendprodukt werden. Wäre eine gute Sache, wenn man mit einem Schuhkauf hier zum Beispiel einer anderen Person ein paar Schuhe sponsern könnte.

11 Kommentare:

  1. Wir haben uns gestern beim Auszählen der Stimmzettel darüber gewundert, dass es viele ungewöhnliche Kombinationen von Erst- und Zweitstimme gab. Darunter: Erststimme für die (trotz Grünen-Hochburg eher chancenlose) grüne Kandidatin, Zweitstimme für die CDU. Umgekehrt kennt man das eher: Erststimme für den Kandidaten der großen Partei, die einem lieber ist, Zweitstimme für die eigentliche Partei der Wahl, auch wenn sie klein ist.

    Heute hörte ich von jemand aus der Familie, die genauso gewählt hat: grün mit Erststimme, CDU mit Zweitstimme. Eigentlich eher im Spektrum von Grüne, SPD, früher FDP, zuhause, wollte sie aber unbedingt, dass Frau Merkel bleibt! Weil sie ja so besonnen, diplomatisch, kompetent und was nicht sei. Und, ja, sie hat ihren Eindruck wohl vorwiegend aus dem Fernsehen. Die örtliche Tageszeitung liest sie zwar auch, ist aber z.B. überhaupt nicht im Internet.

    Viele Grüße
    Ursula

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    1. Interessant, was du da schreibst - es gibt ja auch den Erfahrungswert, dass die Außenminister aus diesen Gründen fast immer die beliebtesten Politiker sind. Bei Merkel hat man sicher auch das Gefühl, dass sie uns im Ausland bei diversen Gipfeln gut vertritt (was Guido Westerwelle macht, weiß eigentlich niemand). Die Griechen hassen sie - egal, die wollen ja nur unser Geld. Die Innenpolitik und der Stillstand in eigentlich jedem Bereich fällt einfach nicht so ins Gewicht. Da sind die Minister schuld. Ein bißchen was anderes könnte man sich schon vorstellen, Bio-Produkte findet man ja auch gut - aber Trittin als Außenminister? Um Himmels willen!

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  2. Interessant, eure Berichte. Sowohl der Blick einer TV-Abstinenzlerin als auch die Erfahrungen im Wahlraum. Deckt sich mit meinen Beobachtungen bzw. Vermutungen. Als Vielglotzerin (ohne eingelullt zu sein) finde ich ja auch Merkel menschlich überzeugend. Sie hat bei mir schon seit damals ein Stein im Brett, als sie den irren Schröder in der Runde nach der Wahl vor acht Jahren in Ruhe ließ. Da sich alles so annähert und überkreuzt kann ich verstehen, dass Leute komische Kombinationen ankreuzen.

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  3. Du schreibst genau, was ich gestern auch dachte, mich hat das Wahlergebnis nämlich nicht überrascht, höchstens die Prozentzahlen in ihrer Eindeutigkeit. Umso mehr war ich über die Twitter-Kommentare erstaunt, haben das wirklich so wenige kommen sehen? Nun denn.
    Der normale provinzdeutsche ist einfach und konservativ, wen sollte der jetzt wählen, wenn nicht die bestehende Regierung? Konservativ gedacht geht es uns ja ganz gut. Und konservativ gedacht, gehen wir mal von nem normalospiesser aus, scheidet Steinbrück wegen des stinkefingers aus, die grünen wegen des pädophilie-Vorwurfs und die linken wählt hier im Westen eh keiner. Dann kommt halt sowas dabei raus und da nützt auch das ganze aufregen nix. Demokratie halt, die anderen dürfen auch alle wählen.
    Schön, deine Wochenrückblicke übrigens, lese ich immer gerne.
    Um mal noch was nettes zu schreiben ;-)
    LG, Katharina

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    1. Ja, das erstaunte mich auch - twitter zeigt so eine großstadtzentrierte Schreibtischsicht, die aber nicht kapiert, dass sie auf ihre Art genauso beschränkt ist, wie die Sicht derer, denen sie Beschränktheit vorwirft. Und der Horizont eines Berliner Schreibtischs ist auch nicht so besonders weit, wirklich nicht.
      "Demokratie halt, die anderen dürfen auch alle wählen" - das sollte man sich in rotem Kreuzstich als Sinnspruch sticken und aufhängen. Jetzt liest man wieder Vorschläge, das Wahlalter solle gesenkt werden (ihr wisst schon, dass bei den Erstwählern auch die meisten CDU wählen?) oder Eltern sollten Stimmen für ihre Kinder abgeben dürfen (aber die, die "falsch" wählen, haben auch Kinder!). Das Ergebnis, das sich manche wünschen, wird man so auch nicht erzielen. Aber vielleicht durch bessere Vermittlung der eigenen Politik.

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  4. Schön was du schreibst.Ich bin auch nicht erstaunt.nicht im geringsten.80% meines Umfelds arbeiten Schicht weil die Rüstung hier einer der grössten Arbeitgeber ist.
    Und ich kann keinen davon verachten.weil soooo einfach isses es dann doch nicht in der Welt.

    Deine Analyse trifft hier ganz gut zu.und ich werde meinen Fernsehkonsum weiter überdenken.
    Wobei mir die.sedative Wirkung eindeutig abgehen wird...
    Das Burda Heft...das wart ich lieber mal in original ab....

    Und die Schuhe ..sind phänomenal.


    Liebe
    grüße
    Stella

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    1. Ja, das kommt noch dazu - ich habe allerhöchsten Respekt vor Leuten, die so hart körperlich arbeiten. Ich würde zusammenklappen, müsste ich irgendwas im Dreischichtsystem arbeiten. Ich will mir nicht vorstellen, wie mein Leben dann aussehen würde. Und auf die mit dem Finger zeigen? Stattdessen sollte man sich vielleicht mal überlegen, wie man die eigene Politik besser vermitteln kann. Das wäre doch mal einen Aufgabe an den Schreibtischen - wenn man berufsmäßig schreibt, gibt es ja eigentlich auch nichts Schöneres, als wenn man merkt, dass man mit dem Geschriebenen etwas bewegen und Leute überzeugen kann. Und ich bin sicher, dass sich eine linke Politik auch vermitteln lässt, wenn mans denn überhaupt mal versuchen würde. Der Feminismus hat doch das gleiche Problem: für ohnehin schon Überzeugte zu kommunizieren, anstatt mal den anderen zu vermitteln, warum das eigentlich gut ist.

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  5. Hallo,
    deine Gedanken sind sehr interessant. Ich finde, dass du das extrem gut beobachtet und beschrieben hast!
    Viele Grüße,
    Kathrin

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  6. Haha, du meinst bestimmt das Achselfrei-Ding aus der Burda.

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    1. Das ist in der Tat nicht nur interessant, sondern auch "interessant", besonders im November. (Aber die Wickeljacke z. B.!)

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    2. Jetzt habe mal geguckt und finde erstaunlicherweise einiges gut, auch beim Styling haben sie sich verbessert (lesen die hier mit?). Außerdem verstehe ich nun, dass da ganz viel der russische Geschmack anvisiert wird.

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Vielen Dank für deinen Kommentar!