Sonntag, 1. November 2009

Winterfest

Korrekter Sitz eines Zugluftstoppers

Wohnen im Altbau mit Original-Stuckdecke, Dielenboden und Jugendstil-Messingtürklinken ist ja was feines. Wenn allerdings wie bei uns die Doppelfenster auch von circa 1908 sind, dann wird es drinnen doch merklich frischer, sobald der Herbstwind draußen die Blätter von den Bäumen bläst. Aber auch der Neubaubewohner kennt vielleicht den unangenehmen Luftzug von der Haus- oder Wohnungstür. Mit dem Kälteeinbruch haben bei uns auch die Zugluftstopperrollen (was für ein Wort) wieder ihre Plätze in den Fenstern und vor der Balkontür eingenommen.

Dass der nicht-nähende Zeitgenosse hingegen nur die Wahl hat, gegen die Zugluft eine scheußliche Plüschrolle mit Dackel- oder Tigerkopf aus dem asiatischen Sweatshop zu kaufen, oder auf das etwas überteuerte Produkt eines bekannten Gute-Dinge-Versandes zurückzugreifen, wurde mir so recht erst klar, als ich in einem Blog über ein diesbezügliches Lamento stolperte. Dabei lässt sich ein einfaches, optisch unauffälliges Modell auch von Eigentlich-nicht-Nähern leicht und billig herstellen.

Tür- oder Fensterrollen gegen Zugluft erhöhen den Kuschelfaktor der Wohnung beträchtlich, senken den Energieverbrauch und kommen damit der Umwelt zugute, also uns allen. Der Individualitätsfaktor kommt als Bonus noch oben drauf: die selbstgemachten Türrollen kann man sich auch passend zur Wohnungseinrichtung oder im beliebten Fliegenpilzdesign nähen.

Die Rollen gegen Zugluft bekommen bei mir eine Füllung aus Sand - eine Idee aus Spanien. Sand dichtet Ritzen weit besser ab als Füllwatte, und glaubt mir, Spanier wissen, wie man den Winter in schlecht isolierten Wohnungen ohne Heizung übersteht! Der Umfang einer Rolle liegt bei etwa 13 Zentimetern, das passt für Kastenfenster wie ich sie kenne, aber auch für die meisten Türen. Ich nähe für die Rollen außerdem noch einen separaten Bezug, den man abziehen und waschen kann, nötig ist der für die Funktionalität der Rolle aber nicht.

Also man braucht für die Zugluftrollen:
  • dicht gewebten Stoff für den Innenbezug: Nessel, Futtertaft oder einen schon vorhandenen Stoff z.B. Bettwäsche, Hauptsache nicht löchrig. Wenn kein Außenbezug geplant ist, sollte er einem auch gefallen, ansonsten ist das egal
  • Vogelsand (Tierhandlung, Baumarkt) oder sauberen Sand aus anderer Quelle (Strand). Zwei Kilo Sand reichen etwa für eine Rolle mit einem Meter Länge.
  • Nähmaschine, Garn, Schere, ein paar Stecknadeln und ein Maßband oder etwas anderes zum Messen
  • einen großen Trichter oder einen Joghurtbecher, bei dem man den Boden herausschneidet zum Einfüllen das Sandes

1. Messen
(alle Fotos lassen sich durch Anklicken vergrößern)


Für ein Doppelfenster die Breite des Fensters im Zwischenraum zwischen innerem und äußerem Fenster messen, Maß aufschreiben. Zu diesem Maß kommen 8 Zentimeter für den Rollenabschluss und die Nahtzugaben, das ergibt die Länge des benötigten Stoffstreifens. Für eine Tür hängt die Länge davon ab, in welche Richtung die Tür aufgeht, ob sie bündig mit dem Rahmen abschließt und wie viel Platz seitlich vorhanden ist. Plant die Rolle so, dass sie alle Ritzen schön abdeckt. Auch zu diesem Maß kommen 8 Zentimeter dazu. Die Breite des Stoffstreifens beträgt in jedem Fall 15 Zentimeter, da ist 1 Zentimeter Nahtzugabe an jeder Seite schon eingerechnet.

2. Innenbezug nähen
Stoffstreifen der Länge nach in der Mitte falten, mit ein paar Stecknadeln entlang des Bruchs fixieren - so kommen sie einem nicht beim Nähen in die Quere.
An der Maschine eine kleine Stichlänge (etwa 1mm) einstellen, sonst rieselt nachher der Sand aus der Naht.
An einer Schmalseite am Bruch mit dem Nähen beginnen, Naht durch kurzes Rückwärtsnähen befestigen, dann in etwa einem Zentimeter Abstand von der Kante nähen - erst die Schmalseite, um die Ecke, dann die lange Seite. Die zweite Schmalseite bleibt offen.
(Um die Ecke nähen: am Eckpunkt anhalten, die Nadel mit dem Handrad nach unten drehen, falls sie nicht sowieso unten im Stoff steckt. Nähfuß hochstellen, Stoff um 90 Grad drehen, Fuß absenken und weiternähen.)

3. Schlauch umstülpen und Sand einfüllen
Ein Trichter oder ein Becher ohne Boden ist hilfreich. Schlauch nur zu ungefähr vier Fünfteln füllen, dann kann sich der Schlauch flexibel an den Fensterrahmen anpassen.

4. Schlauch zunähen

Kanten am Schlauchende etwa zwei Zentimeter nach innen stülpen und durch alle Stofflagen feststecken.







Ganz dicht an der Kante zunähen. Nahtanfang und -ende mit ein paar Rückwärtsstichen befestigen.







Jetzt ist der Schlauch zu.

Falls die Rolle nicht mit beiden Enden an die Fensterlaibung anstößt, lieber noch einmal auftrennen und länger machen.




Rollenbezug nähen (optional)


Man braucht:
  • Stoff nach Wunsch - aber bedenken, dass die Rollen im Fenster viel UV-Licht abbekommen und viele Stoffe dort nicht lange schön bleiben. Einen tollen Designer-Patchworkstoff würde ich lieber woanders einsetzen
  • dünnen Bindfaden, Baumwollgarn oder etwas ähnliches für den Verschluss (sieht man später nicht mehr)
  • Nähwerkzeug wie oben

1. Zuschneiden
Einen Stoffstreifen in 17 Zentimeter Breite und 7 Zentimeter länger als die gefüllte Rolle zuschneiden.

2. Tunnel für den Verschluss nähen
Schmalseite des Stoffstreifens in etwa drei Zentimeter Abstand zur Kante falten, in den Falz ein längeres Stück Schnur oder Baumwollgarn einlegen.







Tunnel festnähen - in etwa zwei Zentimeter Abstand vom Bruch. Die Schnur dabei nicht mit festnähen.





3. Bezug zusammennähen

Stoffstreifen der Länge nach falten, linke Seite außen. Stecken. In etwa einem Zentimeter Abstand von der Kante nähen. Dabei die Naht nicht ganz oben beginnen, sondern etwa 1,5 Zentimeter freilassen, damit der Tunnel offen bleibt, genauso am Ende der Naht: auch hier den Tunnel offen lassen.



Oben sieht das dann so aus.









Bezug über die Rolle ziehen, Schnur zusammenziehen, verknoten und die Schnurenden nach innen stopfen.






Ergänzung vom 14. 1. 2010:

Eine Leserin hat den Tipp aus den Kommentaren ausprobiert, Feinstrumpfhosen für den Schlauch zu verwenden und stellte fest, dass es so nicht funktioniert: "der Sand rieselt gnadenlos durch die Strumpfhosen und überall ist Sand - also wirklich nicht praxistauglich, schade."
Schade, dem schließe ich mich an. Also nicht losstürmen und Strumpfhosen kaufen, und darauf achten, dass der Stoff für die Rollen dicht gewebt ist. Danke, Laetitia, für den Hinweis!

10 Kommentare:

  1. oh..supi, danke für die tolle Anleitung! Wohne zwar in einem nicht sooo alten Haus, ist ca. 40 Jahre jünger, aber ziehen tuts trotzdem;-)!
    Liebe Grüße
    Susanne

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  2. ... und wer keinen inneren Schlauch für den Sand nähen möchte, kauft eine günstige Perlonstrumpfhose, zieht ein Bein in das andere und kann dann auch noch oben zuknoten:-)

    Wünsche eine schöne Woche, Anette

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  3. danke für deine ausführliche anleitung - in unserem momentanen haus ziehts auch wie "hechtsuppe" - zeit also für deine rollen!

    liebe grüsse silke

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  4. Ich hätte meine "Türwurst" - was für ein irrer Name - nun beinahe nur mit altem Flies gefüllt. Wäre wahrscheinlich wirklich nicht dicht und schwer genug. Früher habe ich immer nur einfach alte Decken davor gelegt, aber es geht ja auch schöner!

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  5. Das ist wirklich eine schöne Idee. Ich hab letztens erst so ein Dackel-Ungetüm in irgendeinem Shop gesehen und fand's furchtbar.
    Ich würd mir solche Zugluftstopper sicherlich auch nähen, wenn in unserem Altbau nicht alle Fenster und Türen durch hässliche neue ersetzt wurden. Sehr schade, muss man schon sagen...

    Ich wünsch dir noch eine schöne Woche.

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  6. Anette, der Strumpfhosentipp ist ja genial, für Leute ohne Nähmaschine zum Beispiel. Allerdings müsste man dann mit hautfarbenen oder schwazen Fensterwürsten leben. Wobei, schlimmer als Plüschdackel ist das auch nicht.

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  7. Oh ich kenne das... mittlerweile habe ich zwar immer noch Altbau, aber wenigstens die Fenster sind neu und das ist wahrer Luxus. Früher hatte ich auch immer Decken, Kuscheltiere in extralang oder irgendwelche Stoffdecken vorm Fenster zusammengerollt liegen. Und nun noch der erste Schnee....
    Liebe Grüsse
    --Christiane

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  8. Hi, den Tipp mit den Strumpfhosen fand ich ja anfangs so was von genial und bin auch gleich los gezogen, um Strumpfhosen und tonnenweise Vogelsand zu besorgen.... um so größer dann die Enttäuschung: der Sand rieselt gnadenlos durch die Strumpfhosen und überall ist Sand- also wirklich nicht praxistauglich, schade. LG Laetitia

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  9. Oh, das tut mir Leid! Möglicherweise muss dafür der Sand gröber als Vogelsand sein? Ich ergänze oben den Blogbeitrag mal dementsprechend, damit das nicht noch jemand anderem passiert. Danke für die Rückmeldung.
    viele Grüße! Lucy

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  10. Vielen Dank für diese und die vielen anderen tollen Ideen und Anleitungen. Danke fürs Teilen.

    LG Matti

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