Was bietet die Oktoberausgabe der Burdastyle? Mir fiel es nicht so schwer wie beim September-Heft, ein paar nähwürdige Schnitte auszumachen. Zuerst müssen wir aber noch einmal auf die Sache mit den Zipfeln zu sprechen kommen.
In der September-Ausgabe hatte ich mich über etwas unmotiviert wirkende Zipfel an einem Seidenrock
lustig gemacht. In den Kommentaren wurde die These aufgeworfen, es handele sich um Prada-Zipfel. Hala stellte dazu
eine Bildserie auf ihrem Blog zusammen,
punta e a capo steuerte
diesen Link bei, und Yvonet
plant sogar ein Kostüm mit Prada-Zipfel.
Die Frage ist nun: ist der Burda-Zipfel tatsächlich ein Prada-Zipfel? In
Heft 10/2013 ist nämlich wieder ein Rock mit Zipfel dabei,
Modell 121. Im Unterschied zum September-Modell immerhin ein echtes Godet, der wie ich finde entscheidende Unterschied zu Prada besteht aber darin, dass der Saum bei Prada eine Stufe bildet, während es sich bei Burda um einen, nunja, zipfeligen Zipfel handelt. Mit Stufe-im-Saum-Zipfeln macht frau derzeit offenbar nichts falsch, jedenfalls wurden "uneven geometric hems"
bei der New York Fashion Week als Trend für das Frühjahr 2014 ausgerufen. Ob das auch für Zipfel-Zipfel gilt? Ich glaube nicht - während die stufigen Säume klar, scharf, geometrisch, geordnet wirken, hat der Saumzipfel in meinen Augen doch etwas von einem nicht ordentlich begradigten Saum.
Aber lassen wir die Zipfel und kommen wir zu Bananen, zum
Bananenrock 133. Hier als Hippierock umgesetzt, aber das muss ja nicht - aus einem leichten, einfarbigen Wollkrepp genäht, wäre der Schnitt ein eleganter, herrlich schwingender Winterrock für eine russische Prinzessin. Und dazu noch praktisch! Nichts ist bei Eis und Schnee wärmer als ein langer Wollrock. Außerdem bin ich froh, dass ich endlich Recht habe: schon seit gut zwei Jahren prognostiziere ich erfolglos die allgemeine Wiederkehr langer bis sehr langer Röcke. Aber der Maxirock blieb auf einige wagemutige Rockträgerinnen mit noch wagemutigere Brillen in Berlin Mitte beschränkt, bis er sich endlich im vergangenen Sommer auch auf die anderen Stadtteile ausbreitete. Dass es nun auch im Winter Maxiröcke gibt ist also nur folgerichtig, und da meine Ahnung nun so schön bestätigt wurde, prophezeie ich gleich noch was Neues: in einem Jahr tragen wir dann alle Midiröcke in eleganter Wadenlänge.
Schön fand ich auch die
Jacke 129, die hinten ein kleines, gefaltetes Schößchen hat. Solche Zirkusdirektorenjäckchen, die zugleich ein bißchen an historische Uniformen erinnern, gibt es recht oft bei Burda, sie schaffen es nur leider nie in die vorderen Ränge meiner Nähliste, sondern dümpeln immer am unteren Ende herum, obwohl ich sogar schon alte, mattoxidierte Goldtresse besitze. Verlängert als
Mantel 130 aus so einer Art Möbelbezugsstoff auch nicht schlecht, auch wenn ich den nicht tragen darf, da "ideal für Frauen mit kleinem Busen und breiten Hüften", und ich bin umgekehrt. Außerdem gibt es einen Wintermantel mit Kapuze (
Nr. 125), ein aufwendiges Cape mit Reißverschluss (
Nr. 104), das sogar auf dem Fahrrad funktionieren würde, und ein Jerseyoberteil bzw. Kleid mit interessantem Ausschnitt und Schößchen (
124a/b) - alles Schnitte, die ich zwar nicht unmittelbar nachnähen will, aber wer weiß, in den nächsten zwei bis drei Jahren könnte sich ein Bedarf ergeben.
Neben dieser ansehnlichen Ausbeute guter Schnitte macht der
Poncho 116 durch Signalfarbe und -musterung auf sich aufmerksam: "Schaut mich an! Ich bin eine mobile Warnbake!" scheint er zu schreien. Dass dieser Stoffkegel nicht als Kleidungsstück konzipiert worden ist, darauf deutet auch hin, dass der Poncho in etwa den Po bedeckt und mithin die Hände selbst dann kaum herausschauen würden, wenn es die grotesken Lederfransen nicht gäbe.
Selbst die Textredaktion scheint sich schwergetan zu haben: "Mother Nature. Poncho 116. Egal ob Sie im Baumhaus leben oder ihr Dasein in der Stadt fortsetzen wollen: in dem aus zwei Strickstoffen zusammengesetzten Poncho mit selbst gemachten Lederfransen sind Sie auf jeden Fall eine Naturschönheit." Ich gebe zu, die Argumentation erschließt sich mir nicht ganz, auch wenn ich natürlich herzlich gerne eine Naturschönheit wäre! Aber keine Naturschönheit ohne Arme, möchte ich zur Sicherheit hinzufügen.
Ja, und was sagt ihr zu Tarnfleckenstoff? Die Fotostrecke "New Military" spielt mit Stilelementen der Uniform: Koppelgürtel, Uniformmützen, Lederhandschuhe, grobe Stiefel, oliv und Flecktarn.
Ich kenne die Argumentation, dass diese Stilzitate außerhalb des militärischen Kontextes ja gar nichts Martialisches mehr bedeuten würden, und ich lasse sie mir für Parka-Abwandlungen oder Trenchcoats, die ja nichts anderes als Militärmäntel sind, gefallen - beide Schnittformen gehören schon so lange zum Mode-Inventar, dass der Ursprungskontext schon weitgehend von neuen Bedeutungen überdeckt wurde. Bei Tarnfleckenstoff hört für mich der Spaß auf: mit Krieg spielt man nicht. Dieses Muster ist für mich unauflöslich mit Tod und Verderben verknüpft, und diese Verbindung lässt sich nicht auflösen, egal wie häufig Models im Flecktarn irgendwo über die Laufstege getrieben werden. Und wenn mich nicht alles täuscht - die Burdastadt München mag da anders ticken als Berlin - sind die Versuche des modisch-industriellen Komplexes bisher gescheitert, das Muster zu veredeln und in ein nur noch modisches Statement zu überführen. Ich sehe Flecktarn selten in den Geschäften, und selten auf der Straße, und wenn wird es nicht von modischen Mädchen, sondern meistens von Männern unbestimmten Alters und mit ungünstiger Sozialprognose getragen, denen man durchaus einen Amoklauf zutrauen würde.
In der Militärmode-Strecke verbirgt sich immerhin noch ein sehr brauchbarer Schnitt für eine Nylonjacke mit Steppfutter (Nr. 105). Und das Silberhemd (
Nr. 113)? Auch das ist ein Trend: New York
spricht zwar von Gold, aber egal: Hauptsache Edelmetall. Da ich mich beim ramschigen An-und-Verkauf gegenüber vom Büro schon zu einer Jacke aus schwarz-gold gewebtem Stoff hingezogen fühlte (was für mich völlig absurd ist), könnte da sogar was dran sein.
Der aufmerksamen Leserin entgeht außerdem nicht, dass dieses Heft keinen Designerschnitt und auch kein Vintage-Schnittmuster enthielt. Ich hoffe sehr, dass dies
nicht der Anfang eines Trends ist!