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Mittwoch, 4. November 2020

Dp Studio - le 406: Asymmetrischer Rock mit Volant

Ahoi aus dem Wald hinter dem Haus heute zum MeMadeMittwoch, dem Treffpunkt für Selbstgenähtes. In den letzten Wochen war ich nähtechnisch etwas lustlos. Eigentlich liebe ich den Herbst, auch als Näh-Jahreszeit. In früheren Jahren war das jetzt die Zeit, um in Schnittmustern und herrlichen Materialien wie Cord, Tweed und leichter Wolle zu schwelgen und Nähpläne für Herbst und Winter zu machen. Tja. Wenn man fast immer zuhause ist, von zuhause arbeitet und bis auf ein paar Spaziergänge zuhause die Freizeit verbringt, ist der Bedarf an Kleidung einfach nicht so hoch. 

Mir ist noch nicht viel eingefallen, was ich jetzt gerne hätte - ich brauche einfach nichts. Daher habe ich im Spätsommer einige Schnitte genäht, die ich spannend fand (oder bei denen ich ausprobieren wollte, ob ich das tragen kann), einfach wegen des Nähvergnügens. Der Schnitt Nummer 406 von dp Studio lag seit ziemlich genau einem Jahr hier - ich hatte ihn im September 2019 beim Lillestoff-Festival ganz günstig gekauft. Der Rock besteht zum größten Teil aus einem einzigen riesigen Schnittteil für Rücken und Seiten und einem kleinen Vorderteil. Bei Version A, die ich genäht habe, wird dann noch ein Volant vorne in die Verbindungsnaht gesetzt. Eine spannende Konstruktion und ein wirklich tolles Design.

Hier sieht man die Konstruktion etwas besser: Das große Schnittteil wird an der rechten Hüfte in mehrere Falten gelegt, der Volant ist darüber eingenäht und bedeckt die Falten.

Das obere Ende des Volants wird eingeklappt und die doppelte Volantlage ist in der Naht zwischengefasst.

Der Rock ist sehr schön schwungvoll, und obwohl ich ihn schon im Sommer genäht habe (der Stoff ist ein günstiges Leinen von Karstadt) finde ich, dass er auf jeden Fall auch wintertauglich ist. Eine Nadelstreifenversion wäre toll. Oder eine Version aus Karostoff. (Aber da kommt dann wieder die Vernunft hoch, denn viele Gelegenheiten, sowas anzuziehen, habe ich derzeit ja nicht. Ich sitze zwar richtig angezogen am Schreibtisch und besitze keinen Jogginganzug, aber so einen dramatischen Rpock ziehe nicht mal ich an, wenn ich während des Tages maximal zum Mülleimer gehe.)  

Der Pullover ist auch selbstgemacht, nach eigenem Entwurf Ende 2018 aus Drops Lima gestrickt - besprochen wurde er hier.

Das Schnittmuster ist auf schönem, festen Papier gedruckt und alles nebeneinander, so dass man die Teile auch ausschneiden könnte. Ich habe kopiert und musste für das Hauptteil zwei Bögen Seidenpapier aneinander kleben. Die Anleitung besteht vor allem aus Zeichungen, inklusive Pfeilen, die zeigen, was wohin gehört, so, wie man es auch von japanischen Schnittmustern kennt. Ich tat mich erstmal schwer, die Zeichnungen nachzuvollziehen - vor allem dauerte es, bis mir auffiel, dass der obere Teil des Volants nach innen gefaltet werden muss.

Beim Ansetzen des Volants waren die erwarteten Passzeichen nicht immer vorhanden, und vorne, wo Vorderteil und Rücken/Seitenteil aufeinander treffen, ist ein Passzeichen meiner Meinung nach falsch beschriftet - man muss darauf achten, dass die rechte und die linke Seite des Rocks auf einer Höhe aufeinander treffen, dann kommt alles einigermaßen hin. An den Markierungen für die eingelegten Falten unter dem Volant habe ich auch meine Zweifel. Ich habe es nicht hinbekommen, die Falten anhand der Passzeichen so einzulegen, dass sie genau zu ihrem Gegenstück passen, irgendwie war da immer zu viel Stoff, so dass ich schließlich so gefaltet habe, wie es mir sinnvoll erschien. 

In einigen Blogposts habe ich gelesen, dass bei anderen zum Teil der Taillenbeleg nicht zum Rock passte, wobei der Fehler bei jüngeren Versionen des Schnitts korrigiert worden sein soll - das Problem hatte ich nicht. Es kann sein, dass die anderen Ungenauigkeiten bei mir beim mühsamen Abkopieren des Riesenschnittteils entstanden sind, aber davon abgesehen hätten ein paar mehr Passzeichen auf jeden Fall nicht geschadet. Wenn man erstmal weiß, wie sich die Teile zusammensetzen, dann ist der Rock nämlich schnell genäht, das ist ein Projekt für einen Nachmittag.

Den Saum der Volants habe ich einfach mit der Overlock abgekettelt, das Abgekettelte umgebügelt und von rechts festgesteppt, ganz unauffällig. Weil die gerundeten Säume im schrägen Fadenlauf liegen, ist die Kante so ausreichend dehnbar, dass man sie mit etwas Bügeln faltenfrei umschlagen kann. In der Anleitung wird vorgeschlagen, die Säume des Volants mit Schrägband einzufassen, das war mir für diesen dünnen Stoff zu mächtig. Bei festerem oder dickerem Stoff würde das Säumen kaum anders gehen - und man könnte die Einfassung in einer anderen Farbe machen als den Rock, das sähe bestimmt gut aus. 

An Nähideen mangelt es hier nicht, wie man sieht. Mal sehen, ob ich in den nächsten Wochen meine relative Näh-Unlust überwinde - und mal sehen, was die anderen heute beim MeMadeMittwoch tragen

Details zum Schnitt:

Schnitt: le 406, dp Studio (Größe 42 genäht - bei der Auswahl auf die Maßtabelle achten, französische Größen!)

Material:  1,80 m Leinen, 1,40 breit (der Stoff reichte nicht ganz, daher musste ich den vorderen Volant mit einer zusätzlichen Naht teilen), nahtverdeckter Reißverschluss, Bügeeinlage für den Taillenbeleg

Tipps: nicht auf die Passzeichen verlassen und frühzeitig überlegen, welche Art Saum zum Stoff passt  

Samstag, 15. Juni 2019

Punchen, Sashiko, Hebemaschen und andere Neuigkeiten von der hh Cologne


Ende März war ich auf der handarbeit + hobby in Köln, der deutschen Fachmesse für die Handarbeitsbranche, auf der Stoff-, Garn- und Zubehörhersteller ihre Angebote zeigen. Beim mehr oder weniger systemtischen Wandern durch die vier Hallen (diesmal in netter Begleitung der Drehumdiebolzeningenieurin) habe ich einiges gesammelt, was mir interessant und neu erschien. Sozusagen "die Trends", so weit ich sie erkennen konnte. Denn mir scheint - das war auch ein Thema einiger Gespräche, die ich auf und am Rande der Messe hatte - so ein richtiger neuer Trend ist derzeit nicht sichtbar.

Ob ich Lampenschirme aus Wolle außerhalb einer Handarbeitsmesse cool finde, weiß ich noch nicht.

Die Instagram-Ästhetik ist mittlerweile allgegenwärtig und mehr oder weniger durchgespielt: Weiß und Pastellfarben (im Moment Lachsrosa/Koralle und pudriges Zitronengelb), Kupfer und Gold, dazu Streifen und Rauten, Rattan und Marmor, Dschungelpflanzen und Kakteen und überall Alpakas, die jetzt aber als Lamas bezeichnet werden - war das nicht im letzten Jahr schon genauso? Und findet man diese Versatzstücke nicht auch schon bei den Mittelgangangeboten der Supermärkte? Nicht so einfach, das zu beurteilen, vermutlich hat es nicht viel zu bedeuten, dass unsereiner in der DIY-Blase diese Dinge schon x-mal gesehen hat - "draußen" ist es denkbar, dass makrameegeknüpfte Blumenampeln wirklich noch total neu und aufregend sind.

Puschelkissen bei Rico design


Stricken


Für Handstrickerinnen ist die Messe wirklich ein Eldorado: Neben den großen Garn- und Strickzubehörherstellern gibt es eine Menge kleinerer Garnproduzenten und Handfärberinnen und man kann viele Garne, von denen man sonst nur im Internet liest, tatsächlich in die Hand nehmen.

Hier weiß ich leider nicht mehr, von welchem Stand das Foto stammt...

Die sehr, sehr dicken Garne für Nadelstärke 10 aufwärts, die mir letztes Jahr auf der Messe gerade bei den großen Firmen auffielen, waren jetzt nicht mehr so verbreitet, vor allem wurden sie nicht mehr so oft zu Kleidungsstücken verarbeitet, eher noch zu Kissen und Teppichen aller Art. Es scheint sich herumgesprochen zu haben, dass sich sehr grober Grobstrick nicht besonders gut trägt und für Innenräume meistens zu warm, für draußen aber zu winddurchlässig ist und zu voluminös, um eine Jacke darüber anzuziehen.

Feines Garn bei Rico design

 Mohairgarne und Flauschiges findet man weiterhin sehr viel, sowohl sehr feines in Lacequalität, als auch Garne in mittlerer Stärke, die man mit Nadelstärken von 5 oder 6 verstrickt. Häufig ist ein ganz feiner Lurexfaden dabei, so dass die Garne unter dem Flausch ein ganz leichtes Glitzern zeigen.Im Knäuel sind diese Garne schwer fotografierbar, aber Jetztkochtsie hat gerade so ein Garn verarbeitet und ist schwer begeistert (ich auch!).

Nie wieder kalte Beine! (Stand unbekannt)
 Die dänische Firma Gepardgarn hatte wunderschöne Mohair- und Merinogarne, letztere auch handgefärbt in den seit einigen Jahren beliebten gesprenkelten, sehr kurzen Farbverläufen. Bei den Strickmodellen am Stand wurde Mohair und gesprenkelt gefärbtes glattes Garn gemeinsam in Hebemaschenmustern verstrickt, so dass raffinierte sanfte Farbschattierungen entstanden. Auch haptisch eine Wucht, fühlt sich sehr luxuriös an.

Gepard Garn aus Dänemark

Hebemaschenmuster bei Gepard Garn

Die Hebemaschenmuster - die im Internet schon überall sind - sah man an vielen Ständen, aber bei keinem so virtuos eingesetzt wie bei Gepard Garn. Die Strickanleitungen gibt es auf der Webseite und unter dem Namen Sus Gepard bei ravelry, das Garn in etwa einer Handvoll deutscher Wolläden (Bezugsquellen auf der Webseite). Ich bin vor allem von den vielen schönen Blau- und Blaugrautönen hingerissen.

Dann musste ich noch Jetztkochtsieauchnoch am Stand von Addi Hallo sagen (wenn man schon mal eine kennt, die an einem Stand steht!). Addi ist ein traditionsreicher deutscher Strick- und Häkelnadelhersteller mit wirklich hochwertigen Nadeln, die trotzdem sehr vernünftige Preise haben. Da ich größtenteils immer noch mit einem Fundus alter Rundstricknadeln von meiner Mutter aus den 70ern und 80ern stricke (mit allen Nachteilen wie widerspenstigen Seilen und höckrigen Übergängen vom Seil zur Nadel), sind die Nadeln tendenziell interessant für mich, denn ab und zu muss ich mal die eine oder andere Nadelstärke nachkaufen und außerdem ist es ist spannend zu sehen, wie man am Nadeldesign schrauben kann, um die Stricknadel noch zu verbessern. Neu in diesem Jahr sind Rundstricknadeln mit strukturierten Spitzen, von denen gerade Lacemuster mit vielen Umschlägen nicht so schnell herunterrutschen sollen.

Das sensationelle Strickkleid kann man nur erahnen - und die Strickjacke ist natürlich auch selbstgemacht

Danach besuchte ich natürlich auch noch Feierabendfrickeleien, die andere Hälfte des Frickelcast-Duos am Stand von Pony Needles - wobei ich ehrlich gesagt von den bunten Strick- und Häkelnadeln gar nichts wahrgenommen habe (und dass es auch Nähzubehör gibt, sehe ich erst jetzt auf der Webseite), denn Steffi trug ein sensationelles schwarzes Strickkleid, das - wenn ich das richtig sehe - entstanden ist, bevor sie bloggte, und daher nicht in ihrem Blog zu finden ist. Das Armband mit aufgenähten Druckknöpfen hat eine Pony-Mitarbeiterin aus Indien für die Standbesatzung gemacht.

Stoffe


Für Stoffe ist die h+h im allgemeinen keine so gute Adresse - es gibt vor allem die hyperbunte Holland-Stoffwarktware oft von zweifelhafter Qualität, das war dieses Jahr nicht anders als in den Jahren zuvor.

About Blue - hochwertige Jersey- und Sweatstoffe aus Belgien

Nochmal Stoffe von About Blue

Die Drehumdiebolzeningenieurin und ich suchten also gleich direkt den Stand von Lotte Martens, der Frau mit den tollen, metallisch-handbedruckten Stoffen. Sie teilte sich den Stand diesmal mit der ebenfalls belgischen Firma About Blue. Die lohnt es sich auch im Auge zu behalten - sehr schöne hochwertige Sweat- und Jerseystoffe mit grafischen Mustern und passenden Uniqualitäten gab es da.

Stoffe von Lotte Martens

Und bei Lotte Martens gibt es die Stücke mit metallischen Bordürendruck jetzt auch in doppelter Länge, also 1,20 Meter über die ganze Stoffbreite (vorher gab es nur 60-cm-Stücke), das vervielfacht die Möglichkeiten, was man daraus nähen kann. Unseren Wunsch nach Stoffen in kalten Farben gaben wir für alle Fälle auch zu Protokoll - die Farbtöne, die es gibt, von mattem Pfefferminzgrün über Lachsrosa und Senfgelb sind toll, keine Frage, und passen auch gut zusammen, sind aber für die Drehumdiebolzeningenieurin und mich nichts. Das kalte Farbspektrum ist einfach nicht die Farbwelt der Designerin, aber vielleicht findet sie ja einen Zugang zu Blau- und Blaugrautönen und blaustichigem Rot (wobei ich seit September ja einen dunkelblauen Coupon mit Kupferdruck habe und ihn nur streichle).

Ganz kurz schauten wir auch bei Atelier Brunette, dort durfte man aber nur eingeschränkt forografieren - udn die Musterstoffe sind, da viel senfGelb udn Altrosa, oft auch gar nicht so mein Fall Aber traumhaften Viskosecrêpe in blaustichigem Dunkelgrün und in Bordeauxrot hatte ich da in der Hand - den einfarbigen Crêpe gibt es in 12 Farben, und das ist wirklich bester Stoff.

Neue alte Techniken: Needlepunchen und Sashiko


Der Riesenstand von Rico Design ist immer ein guter Anhaltspunkt für die Großtrends und für andere Techniken als Nähen und Stricken, die in nächster Zeit in Bastelläden wie Idee auftauchen werden und sich dann von da aus den Weg in die Niederungen des Einzelhandels bahnen und womöglich in zwei Jahren als Bastelpackung bei Tchibo zu haben sind. (Kleinere Anbieter gibt es in diesem Bereich auf der Messe nur wenige oder genauer gesagt: Die kleinen Anbieter haben sich fast alle auf Stickpackungen spezialisiert, deren Designs ich unfassbar scheußlich finde. Wer diese ganzen Packungen für Stickbilder mit Pony unter Palmen vor Sonneuntergang eigentlich kauft, muss ich noch herausfinden.)

Einer dieser neuen alten Techniken ist Needlepunchen, needle punch embroidery, eine Technik, für die es meines Wissens keinen deutschen Namen gibt, die aber in englischsprachigen DIY-Blog-Kreisen seit Jahren  immer mal wieder auftaucht. Diese Stickerei kann mit Stickgarn genauso wie mit Wolle ausgeführt werden. Eng verwandt mit der Technik ist das Rug Hooking, eine traditionelle Form der Teppichherstellung aus Stoffstreifen, die mit einer Art Häkelnadel durch Jutegewebe gezogen werden. Beim Needlepunchen arbeitet man aber von der Rückseite der Arbeit aus mit einer speziellen Nadel, durch die das Garn gefädelt wird. Die flauschigen Schlaufen entstehen auf der anderen Seite, auf der man nicht einsticht.

Punchnadeln von Rico design

Mit der Technik lassen sich schön strukturierte Oberflächen gestalten, mit Garnschlaufen in verschiedenen Höhen. Mir gefällt das vor allem mit dickeren Garnen aus Wolle, weil dabei teppichartige Flächen entstehen und man so seinen eigenen Stoff gestalten kann, aus dem man zum Beispiel Taschen nähen könnte.

Punchneedle-Stickerei bei Rico design

Für das Needlepunchen mit feinerem Garn, zum Beispiel Stickgarn, fällt mir hingegen so recht noch keine Verwendungsmöglichkeit ein. Da der Untergrundstoff sowohl durchlässig, also locker gewebt, als auch stabil sein muss, bietet es sich nicht an, gepunchte Verzierungen direkt auf Bekleidung zu sticken.

Rico Design bietet Punchnadeln in zwei verschiedenen Stärken an, Untergrundsroff, Bastelpackungen und ein ziemlich gut gemachtes dickes Anleitungsheft mit Modellen, fast ein Buch zum Thema. Die Variante mit dickem Strickgarn würde ich tatsächlich gerne einmal ausprobieren, und für die Stick-Variante schaut man wohl am besten mal im englischsprachigen Internet nach Anfregungen, da die Technik dort ja nichts Neues ist. Gute Tutorials zum Neeldepunchen gibt es übrigens bei der Schiffchenschieberin.

Neu interpretiertes Sashiko bei Rico design

Das zweite große Thema: Sashiko, die tradtionelle japanische Stickerei, modern abgewandelt, aber in den traditionellen Farben Dunkelblau und Weiß und mit naturfarbenem Garn auf Leinen. Rico Design hat sich Baumwoll-Meterware mit vorgedruckten Mustern ausgedacht, die man ganz oder teilweise nachsticken kann.

Zu der Meterware mit Sashikomustern gibt es verschiedene andere passende Stoffe

Nochmal Sashiko, nochmal Rico design

Da das Übertragen der Muster immer das Langwierigste (und unspaßigste) beim Sticken ist, finde ich das eine ganz gute Idee - die Meterware lässt einem alle Verarbeitungmöglichkeiten offen und es gibt dazu passende einfarbige und gemusterte Stoffe. Und es ist mal nicht Rosa oder Pastell, das begrüße ich sehr! Da es zur Zeit einige neue englischsprachige Bücher gibt, die sich mit Sashiko im weiteren Sinne beschäftigen, wird das vermutlich noch länger ein Thema sein.

Aus der Meterware kann man natürlich auch Kleidung nähen (Rico design)

Bücher


Damit kommen wir zu den Büchern, da ist das Angebot ziemlich übersichtlich und, zumindest bei den Großverlagen Christophorus, Frech, Edition Fischer, in meinen Augen ziemlich uninteressant geworden. Jerseynähbücher, wohin man schaut.

Die Bücher des Stiebner Verlags, der zum ersten Mal bei dieser Messe dabei war (wenn mich nicht alles täuscht) fallen dagegen wirklich positiv auf. Nähnerds kennen Stiebner schon länger, denn sie übertrugen die japanische Pattern-Magic-Reihe ins Deutsche. Jetzt haben sie zum Beispiel ein Buch übers Needlepunchen im Programm, das beim Blättern einen sehr guten Eindruck machte. Der Schwerpunkt liegt darin nämlich auf einem sehr ausführlichen Technikteil, der einen befähigen sollte, eigene Ideen umzusetzen, und nicht so sehr auf dem genauen Nacharbeiten einfacher Modelle, wie das die meisten DIY-Ratgeber handhaben.

Neue Schnittmustertechnik: Pattarina


Auf der Messe gab's auch endlich eine Gelegenheit, die Pattarina- Schnittmusterapp auszuprobieren, nachdem ich immer nur davon gehört und die Entwicklung über Onlinekanäle ein bisschen mitverfolgt hatte. Beim Nähbloggertreffen in Hamburg im letzten November hatte Nora auch einiges erzählt und ich muss zugeben, dass ich skeptisch war, ob nicht das Aufmalen des Schnittmusters auf den Stoff noch nerviger ist als das Herauskopieren oder Zusammenkleben eines Schnittmusters.

Wenn man genau hinschaut sieht man die Schnittlinien in der Pattarina-App

Mit der App werden einem die Linien und Markierungen des Schnittes nämlich auf dem Handybildschirm angezeigt, wenn man die Kamera auf den Stoff und den "Anker" richtet, ein schwarz-weißes Papierquadrat als Referenzpunkt. Die Linien muss man dann mit rechts nachziehen (oder besser: nachtupfen), während man mit links das Handy hält. Für einige Minuten stellt man sich an wie der erste Mensch, weil man den Abstand zwischen Stift und Stoff nicht abschätzen kann, aber nach ein paar Minuten läuft das schon deutlich flüssiger.

Ich kann mir gut vorstellen, dass sich Pattarina gerade bei kleineren Schnitten mit nicht so vielen Teilen - einfache T-Shirts, Röcke, Kindersachen, Taschen - etablieren wird, denn da man für ein Schnittmuster weder Druckerpapier noch Seidenpapier oder Folie braucht, eignet sich die App hervorragend zum spontanen Nähen und Ausprobieren. Das Aufzeichnen komplexerer Schnitte, wenn man eine zwei oder drei Meter lange Stoffbahn auf dem Fußboden unterbringen muss, ist vermutlich eher anstrengend, da würde ich dann doch eher auf einen Papierschnitt zurückgreifen. Die kostenlose App mit einigen Testschnittmustern soll demnächst verfügbar sein, als Schnittmusterpartner konnte unter anderem Burda gewonnen werden. Ich bin gespannt, wie sich das entwickelt!


Was ich verpasst habe


- den laut Erzählungen im Vergleich zum Vorjahr auf doppelte Größe angewachsenen Stand von Merchant & Mills - sie waren nur im Nachtrag zum Ausstellerverzeichnis aufgelistet, einem losen Extrablatt zum Katalog, daher habe ich sie übersehen, und zufällig sind die Drehumdiebolzeningenieurin und ich auch nicht darüber gestolpert.
- sämtliche organisierte Treffen, die Modenschau, Workshops und andere Veranstaltungen. Die Initiative Handarbeit macht dieses Jahr eine Aktion zum Nähen, Häkeln und Stricken von Einkaufsbeuteln, um Plastikmüll zu reduzieren, und stellt dafür Anleitungen zur Verfügung, das Modell im Nähwettbewerb ist dieses Jahr eine Gürteltasche.

Wie immer fuhr ich mit dem Gefühl weg, bei weitem nicht alles gesehen und nicht alle getroffen zu haben - und mit dem Vorsatz, meinen Besuch im nächsten Jahr besser zu planen. Wir werden sehen!

Mittwoch, 5. Dezember 2018

Plötzlich Lust auf Pullover


Im Laufe der letzten Jahre habe ich eine Menge Strickjacken gestrickt (wohl dokumentiert in diesem Blog), und keinen einzigen Pullover. In den letzten Monaten passierte etwas Unglaubliches: Ich bekam Lust, Pullover zu tragen. Fragt mich nicht, warum, und was da genau passiert ist - mir ist es auch ein Rätsel. Die Veränderung ging schleichend vor sich. Die strickjackentypische Knopfleiste erschien mir eines Tages als zu viel Gewurschtel, insbesondere wenn ein anderes Kleidungsstück mit Knopfleiste unter der Strickjacke getragen wird. Pullover erschienen mir auf einmal als idealer Partner zu Röcken, nachdem ich jahrelang keinen einzigen Gedanken daran verschwendet hatte.


In den letzten Wochen setzte ich die Idee in die Tat um, nachdem ich einige Pulloveranleitungen von Ravelry und aus den paar Strickheften, die ich besitze, gelesen und verworfen hatte. Ich probierte einige Zopfmuster aus, strickte ein Maschenprobe aus Drops Lima in rubinrot, von dem ich mal auf Verdacht 500 Gramm gekauft hatte, und begann den Pullover von unten.


Wie immer bei meiner Strickschlampen-Methode habe ich keine genauen Aufzeichnungen über das Strickstück, ich habe nach dem Bündchen seitlich etwas zugenommen und von unten bis auf Achselhöhe gestrickt - Dank Nadelstärke 5 ging das ziemlich schnell. Die Ärmel haben nach dem Bündchen erst ein paar verteilte Zunahmen, die nach etwa einer Handbreit wieder abgenommen werden.


Als die Ärmel lang genug waren, nahm ich bis auf jeweils sechs Maschen unter den Armen alles auf eine lange Rundnadel und nahm in jeder zweiten Runde rechts und links einer gedachten Raglanlinie jeweils eine Masche ab, bis mir der Ausschnitt passend erschien. Im Rückenteil habe ich dann mit verkürzten Reihen noch zweimal hin- und hergestrickt, damit der Ausschnitt hinten höher wird als vorne und schließlich ein Bündchen angestrickt.


Der Pullover passt - trotz meines wirklich fahrlässigen und geradezu skandalösen Mangels an Planung - wirklich unverschämt gut, und wie ich es mir dachte ist er ein guter Partner zu Röcken geworden.

Hier trage ich ihn mit einem ebenfalls im Herbst entstandenen Jeansrock nach dem Schnitt 21035, den ich zuerst hier bei Karin dreikah gesehen hatte und schon lange nähen wollte. Ich habe den Schnitt etwa 5 cm verlängert.

Tja, und was soll ich sagen - ich finde das Konzept Pullover so schön warm und kuschelig, dass ich schon über einen weiteren Pullover nachdenke (allerdings auch über eine neue schwarze Strickjacke - über den Sommer ist meine alte den Motten zum Opfer gefallen).

Ich gebe weiter an den MeMadeMittwoch, die allmonatliche Versammlung von Selbernäherinnen und Selbstgenähtem.

Mittwoch, 17. Oktober 2018

Viel mehr als Häkeltanten: Handarbeiten durch die Jahrhunderte in Susannes neuem Buch "Gedichte, Geschichten mit Nadel und Faden"

Susannes neues Buch ist da! Beim mittlerweile ritualisierten Warten auf den Lastwagen mit der Buchpalette konnte ich dieses Mal nicht dabei sein, weil der Liefertermin und mein Urlaub kollidierten, aber mittlerweile habe ich das neue Buch Gedichte, Geschichten mit Nadel und Faden in der Hand und kann es euch zeigen.


Susanne sammelt schon seit Jahren Erzählungen und Gedichte, in denen gehandarbeitet wird und hat die 57 schönsten und interessantesten für dieses Buch ausgewählt. Ich kenne mich in der deutschen Literatur ja einigermaßen gut aus, aber auch für mich waren die meisten Fundstücke ganz unbekannt, oder ich hatte sie nicht im Gedächtnis, weil das Handarbeiten in vielen Büchern nur ganz beiläufig beschrieben wird - wie es eben auch oft beiläufig nebenher stattfindet - oder weil mein eigener Fokus beim Lesen früher ganz woanders lag.

Erinnert sich zum Beispiel jemand daran, dass Effi Briest in der Anfangsszene von Fontanes Roman, (den warscheinlich die meisten von uns in der Schule lesen und (über-)analysieren mussten), mit ihrer Mutter an einer Stickerei für eine Altardecke arbeiten muss und dazu überhaupt keine Lust hat? Ich habe den Roman im Deutschunterricht sogar zweimal in verschiedenen Klassenstufen durchgenommen (fragt nicht), aber diese Handarbeitsszene hatte ich verdrängt.


Die Sammlung besteht aber nicht nur aus so schwerer Kost wie Fontane - sehr amüsant ist zum Beispiel, wenn Thomas Bernhard über selbstgestrickte Pullover rantet und man ahnt: Das ist nicht nur Fiktion, dahinter steht wirklich eine Erfahrung. Nicht verpassen darf man das "Huldgedicht an Singer", von dem es auf youtube auch eine Vertonung gibt. Man kann erkennen, welche Autoren sich wirklich mit Handarbeiten beschäftigt haben und die dahinterstehende Technik verstehen und daher zu schätzen wissen (Günther Grass, Rainer Maria Rilke) und welche nicht (Henrik Ibsen). Man wundert sich, dass der durchschnittliche Ehemann des 19. Jahrhunderts von strickenden Frauen offenbar höchst genervt war. 

Erschreckend wird es dann, wenn Handarbeiten in Heimarbeit unter prekären Bedingungen den Familienunterhalt sichern müssen. Die Schilderung des Arbeitsalltags in der Thüringischen Puppenindustrie um 1900 von Agnes Sapper steht dem, was wir heute aus Bangladesch kennen, in nichts nach, Kinderarbeit inklusive. Und Nesthäkchen im Ersten Weltkrieg strickt Strümpfe für den Endsieg.


Am Interesssantesten finde ich aber die vielen Texte von Autorinnen, die Susanne gefunden hat und die hier zum Teil zum ersten Mal seit langem wieder in einer zugänglichen, lesbaren Form verfügbar sind. Manche Namen kennt man vielleicht von Briefmarken oder Straßenschildern, hat aber noch nie wirklich etwas von der Autorin gelesen - Fanny Lewald zum Beispiel, die als Jugendliche durch ein gesticktes Geburtstagsgeschenk in große Bedrängnis gerät. Oder Sophie von La Roche, die so detailversessen und mit großer Begeisterung über Stoffe, Kleider und Stickereien schreibt.

Das neue Buch ist etwas größer und als "Verflixt und zugenäht" und "Am Rockzipfel", die beide weiterhin erhältlich sind

Im 19. Jahrhundert gab es überhaupt eine Menge Bestsellerautorinnen, die vom Schreiben ihre Familien ernähren konnten, das weiß heute nur kaum einer mehr. Sophie Wörrishöffer beispielsweise schrieb Abenteuerromane - meistens unter einem männlichen Namen - und verkaufte fast so viele Bücher wie Karl May, vermutlich um die 50 Millionen Stück. Viele Frauenrechtlerinnen waren gleichzeitig Schriftstellerinnen wie Hedwig Dohm und Louise Otto-Peters, die beide in der Sammlung vertreten sind.

Es gibt also viel zu entdecken auf den annähernd 200 Seiten, unter anderem auch zwölf dezent absurde Collagen von Susanne, für die sie alte Buchillustrationen neu zusammengesetzt hat. Und übrigens: SINGERS NÄHMASCHINE IST DIE BESTE, das wusste man schon 1928 in Belgien.   

Susanne Schnatmeyer (Hgg.): 
Gedichte, Geschichten mit Nadel und Faden   
192 S., 12 Illustrationen, Hardcover mit Lesebändchen
18,00 Euro

Erhältlich im Buchhandel, bei amazon und Konsorten, bei Susanne direkt und versandkostenfrei in unserem neuen Shop. In Susannes Blog Textile Geschichten gibt es ebenfalls einen Einblick in das neue Buch.

Eine Gelegenheit, die Bücher und uns direkt zu erleben (beinahe hätte ich geschrieben: anzufassen, aber einigen wir uns auf: Bücher gerne anfassen, Autorinnen nicht), gibt es in Berlin am 24. und 25. November jeweils von 10-18.00 Uhr, wir haben einen Stand auf der Buchmesse BuchBerlin für unabhängige Verlage und Selfpublisher im Mercure-Hotel MOA Berlin in Moabit (U-Bahnhof Birkenstraße). Vielleicht sehen wir uns ja?

Sonntag, 8. Juli 2018

Plötzlich Strickjackenwetter ("Flaum" von Justyna Lorkowska)

 

Die Fußballweltmeisterschaft in Kombination mit sehr, sehr wechselhaften Temperaturen - von 18 auf 28 Grad und zurück in wenigen Tagen - haben mich dazu gebracht, ein schon länger lagerndes Strickjackenprojekt endlich fertigzustellen. Die Strickjacke "Flaum" nach der Anleitung von Justyna Lorkowska war seit letztem Herbst praktisch fertig. Es fehlten nur noch die Ärmelabschlüsse, das Vernähen der Fäden und das Annähen der Taschenbeutel. Wie meistens in solchen Fällen waren die restlichen Arbeiten wirklich schnell erledigt, ein WM-Spiel (ohne Verlängerung) reichte aus, und ich fragte mich nachher, warum ich diese Kleinigkeiten so lange aufgeschoben hatte.


Die Jacke ist ziemlich raffiniert konstruiert: Man strickt zuerst den Schalkragen von der hinteren Mitte aus in beide Richtungen eins rechts-eins links. An der Unterkante des Kragens werden dann Maschen aufgenommen, aus denen die Passe im Rücken ebenfalls im Rippenmuster gestrickt wird. Durch den Wechsel auf Patentmuster wird das Teil immer weiter und ähnelt schließlich von der Konstruktion her einem Raglan von oben, fällt aber glockiger. Die Vorderteile haben eingestrickte Taschen, sind etwas kürzer als das Rückenteil und fallen leicht zur vorderen Mitte.

Insgesamt ein komplexes dreidimensionales Strickwerk, bei dem ich mal wieder staune, wie man sowas entwerfen kann. Ich denke auch beim Stricken in Schnittteilen, wie beim Nähen, und so werden auch die Strickteile, die ich mir selbst ausdenken kann. Für nahtlose Stücke, die die dreidimensionalen Möglichkeiten des Strickens voll ausnutzen, brauche ich eine gute Anleitung wie diese.



Verstrickt habe ich Drops Alpaca zusammen mit einem sehr feinen, dunkelroten Mohairgarn aus einem Fabrikverkauf in Bielefeld. Die beiden Garne passen farblich perfekt zusammen, ergeben gemeinsam ein tiefes, leicht meliertes Bordeauxrot und das Gestrick ist ganz wunderbar leicht und flauschig geworden.

Die Dreiviertel-Ärmellänge entspricht der Anleitung, mal sehen, wie ich das beim längeren Tragen finde. Oft nerven mich solche kürzeren Ärmel etwas - und sie sehen manchmal merkwürdig aus, wenn man ein Kleidungsstück mit normallangen Ärmeln darunter trägt - aber sie passen zu den Proportionen der Jacke. Richtig getestet wird das erst im Herbst, denn nun sind wir gerade schon wieder bei 28 Grad. Dem Fußball sei Dank ist aber auch ein Sommerkleid endlich fertiggeworden - das kommt dann demnächst.


Anleitung: Flaum von Justyna Lorkowska
Material: ca. 300g Drops Alpaca Farbe 5565 (weinrot) zusammen verstrickt mit sehr feinem dunkelrotem Mohairgarn aus einem Fabrikverkauf
Nadeln 4,5 und 5
Gestrickte Größe: L, Maschenprobe etwas kleiner als angegeben

Dienstag, 22. Mai 2018

Strickgeschichte(n): "Zwei rechts, zwei links" von Ebba D. Drolshagen [Rezension]


Schon seit Wochen liegt das Buch Zwei rechts, zwei links. Geschichten vom Stricken von Ebba D. Drolshagen auf meinem Rezensionsstapel ganz oben, und ich werde es in den nächsten Wochen noch einmal lesen, so viele Geschichten enthält es, die ich gerne weiterverfolgen würde. Und so habe ich eigentlich nur einen Kritikpunkt: Es ist zu kurz! Aus jedem einzelnen Kapitel dieser inhaltsreichen und unterhaltsamen Geschichte des Strickens hätte man ein Buch machen können, oder anders gesagt: Müsste und würde man ein Buch machen, wenn Textilien hierzulande so viel Aufmerksamkeit bekämen wie meinetwegen Lokomotiven oder die Seeschlachten des Ersten Weltkriegs.


Dabei war und ist Stricken so viel mehr als eine Beschäftigungstherapie für Frauen mit zu viel Freizeit - dieses „Salonstricken“ entstand erst im 19. Jahrhundert, und auch ihm ist ein Kapitel des Buchs gewidmet. Die längste Zeit in seiner Geschichte diente Stricken der Versorgung mit Kleidung oder als Lohnstricken dem Lebensunterhalt. Sehr interessant, was Ebba Drolshagen über die Lohn-Handstrickereien in Irland, Norwegen und auf den Shetland-Inseln erzählt. So wurden Shetlandpullover mit den typischen kleinen Einstrickmustern in moosigen Inselfarben auf einmal modern, als der britische Thronfolger Edward (später Edward VIII.) 1921 einen Shetlandpullover geschenkt bekam, ihn auf dem Golfplatz trug und sich sogar in dem Pullover malen ließ.


Ebba Drolshagen rollt die Geschichte des Strickens aber auch aus der Sicht der Strickerin auf: So zeichnet sie zum Beispiel die Geschichte von Mustern wie die des Norwegersterns, der Achtblattrose nach, schreibt über wegweisende Stricktechnikerinnen und -designerinnen wie Elizabeth Zimmerman und landet immer wieder bei der Gegenwart, den erfolgreichen Designerinnen bei ravelry, den Handfärberinnen und -spinnerinnen, den Strickwellen und -moden, den Stricktreffen und -gemeinschaften online wie offline.

Es ist klar, dass auf 250 Seiten viele dieser Geschichten nur angerissen werden können. Ich ertappte mich dabei, wie ich mir beim Lesen Notizen machte, um einige der Geschichten weiterrecherchieren zu können. Bei anderen tat ich es nicht und bedaure das jetzt, denn ich finde sie nicht wieder – wie war das zum Beispiel genau mit der Künstlerin, die eine ganze alte Strickwarenfabrik samt Lagerbestand kaufte? Das Buch hat leider kein Register, so dass es sich zum gezielten Nachlesen weniger eignet (und, dafür kann die Autorin natürlich nichts, es ist schlampig lektoriert – nach dem ersten Drittel häufen sich die Druckfehler, von Suhrkamp hätte ich ja mehr Sorgfalt erwartet). Besser also, man lässt sich von Ebba Drolshagens Plauderton und ihren unterhaltsamen Anekdoten durch die Geschichte des Strickens führen, wie es eben kommt. Das Buch ist ein Vergnügen zu lesen, sehr persönlich und teils ironisch im Ton – eine tolle Ferienlektüre, wenn man am Strand nicht nur stricken, sondern auch lesen will und noch dazu schön gestaltet mit vor (allem alten) Fotos und Illustrationen auf mattem Papier gedruckt.

Morgen am späten Nachmittag kann man im Museum europäischer Kulturen in Dahlem die Autorin erleben - im Rahmen der Ausstellung 100 Prozent Wolle liest sie um 18.00 Uhr aus ihrem Buch.

Ebba D. Drolshagen
Zwei rechts, zwei links. Geschichten vom Stricken.
suhrkamp taschenbuch 4814, Steifbroschur, 251 Seiten
ISBN: 978-3-518-46814-2
18,00 Euro 

[Das Buch wurde mir auf Vermittlung der Autorin vom Verlag als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.]

Donnerstag, 19. Oktober 2017

Die irische-Fischer-Strickjacke: Seanair von Judith Brodnicki


Als ich in den Achtzigern stricken lernte, sprach man bei Strickpullovern mit kombinierten Zopf- und anderen plastischen Mustern von sogenannten "irischen" Pullovern. Sie waren gerade geschnitten, meistens übergroß mit überschnittenen Schultern und aus naturweißer, ziemlich dicker Wolle gestrickt. Mit der damals üblichen Karottenjeans und einer großzügig geschnittenen Jeansjacke kombiniert, entstand die Silhouette einer Tonne. Einer geschlechtslosen Tonne, denn diesen Look trugen Männer wie Frauen und sahen darin nahezu gleich aus. In den frühen Neunzigern wurde die Karottenjeans bei Gymnasiastinnen dann vielfach durch Leggings ersetzt - der Pullover sollte dann knapp über den Po reichen. Weniger wagemutige Mädchen (ich) trugen stattdessen Shorts oder abgeschnittene Jeans und eine blickdichte Strumpfhose. Dazu hohe Schnürstiefeletten aus braunem Wildleder, ähnlich wie Desert Boots. Noch häufiger als den irischen Pullover trug ich eine lange, geknöpfte Strickjacke mit V-Ausschnitt, aus hellgrau melierter Wolle, ebenfalls mit den typischen Rauten und Zöpfen. (Und ich hatte dunkelgrüne, geschnürte Wildlederpumps mit etwas Plateau - was würde ich dafür geben, wenn ich diese Schuhe noch einmal bekommen könnte!) Einen dunkelgrünen Pullover mit lauter Rauten gab es auch, und wenn ich mich richtig erinnere, hatte ich auch noch einen ähnlichen weinroten.


Ihr seht, mich verbindet eine längere Geschichte mit diesen Strickmustern und den Pullovern, die man früher undifferenziert als "irisch" bezeichnete. Seither habe ich zwar sehr viel über das Stricken dazugelernt, aber nie wieder einen ganzen Pullover oder eine ganze Jacke mit Zopfmustern angefertigt. Die untaillierten, kastigen Pulloverschnitte gerieten aus der Mode, und die Zopfmuster irgendwie auch, zumindest, wenn sie auf traditionell anmutende Weise mit Wabenmustern, Rauten und Perlmuster kombiniert waren.


Als es im Sommer an die Suche nach einem passenden Strickmuster für ein Geburtstagsgeschenk für Herrn Nahtzugabe ging, bekam ich aber unbändige Lust, nach Jahren mal wieder Zöpfe zu stricken - und zwar nicht einen Zopf hier und da, und den Rest glatt, sondern sozusagen Zöpfe satt und Muster überall.


Die Suche in Zeitschriften und im Netz nach einem Strickmuster, das meiner Vorstellung entsprach, geriet ziemlich kurz: Es gibt recht wenig Anleitungen für Herrenstrickjacken, und da ich mich schon für ein bestimmtes Garn (Drops Lima, Farbe 4305 dunkelblau) entschieden hatte, schrumpfte der Kreis der Kandidaten schnell zusammen. Übrig blieb die Jacke "Seanair" von Judith Brodnicki, 2012 bei knitty.com erschienen. Glücklicherweise schaute ich auch bei ravelry nach und entdeckte rechtzeitig die Korrekturen der Anleitung - es sind auch einige Fehler in der Reihe, in der das Muster angelegt wird. Davon abgesehen fand ich die Anleitung wirklich gut und ich danke einmal mehr der internationalen Strickcommunity, die solche ausgeklügelten Anleitungen kostenlos zur Verfügung stellt.


Die Jacke wird von unten nach oben ohne Nähte gestrickt. Die Zopfmuster hat man schnell im Kopf, nur das rechts-links-Rautenmuster an der Seite im unteren Teil fand ich ein bißchen anstrengend und war froh, als es zu breiten Rippen wechselte. Die Ärmel werden in die Armlöcher eingestrickt, ohne Armkugel, aber in der Achsel gibt es einen Zwickel, bei dem einige Maschen abgenommen werden, so dass der Schnitt doch etwas raffinierter ist als die T-förmigen Pullover der Achtziger. Die Ärmel waren viel zu lang, das ahnte ich schon, denn viele Strickerinnen berichteten bei ravelry davon. Ich kürzte sie daher gleich etwas, aber noch nicht genug, so dass ich die Ärmelabschlüsse nach dem Anprobieren um weitere 5 cm verkürzte.


Das Einnähen des Reißverschlusses war nicht so ein Drama, wie ich befürchtet hatte. Natürlich musste die fertig gestrickte Jacke ein bißchen ablagern, ehe sie für den Reißverschluss reif war. Da sich der Reißverschlusskauf bei Yavas, meinem Lieblingsladen für solche Kurzwaren, mit einer taiwanesischen Nudelsuppe im Lon Men's Noodle House auf der Kantstraße verbinden ließ, wurde sie pünktlich zu Beginn der Strickjackensaison fertig.


Den Reißverschluss nähte ich mit normalem Nähgarn mit der Hand ein (mit Rückstichen) und nähte anschließend ein schmales, schwarzes Schrägband von innen dagegen, das die Stiche der Rückstichnaht verdeckt. Oben verschwindet der Reißverschluss im doppelt gelegten Kragen, unten ist das Schrägband um das Reißverschlussende herumgefaltet.


Und ist "Seanair" nur eine "irische" Strickjacke? Nicht ganz. Ich habe mich nur ein wenig in die verwickelte Geschichte des Strickpullovers auf den Britischen Inseln vertieft. Die cremeweißen, grobgestrickten Pullover mit Zopfmustern in Längsrichtung, die bei uns in den späten 1980ern und frühen 1990ern so beliebt waren, sind Pullover von der Insel Aran, einer Insel vor der Westküste Irlands.

Die von einem Heimatforscher in die Welt gesetzte Legende, die Musterung der Aranpullover gehe auf keltische Zeiten zurück, wurde aber inzwischen widerlegt. Tatsächlich entwickelte sich dieser Pullovertyp wohl erst Ende des 19. Jahrhunderts, als es in Irland ein staatliches Programm gab, das zur Verbesserung der Lebensumstände in besonders armen Regionen beitragen sollte. Die Bewohner der Araninseln bekamn nicht nur Know-How in Sachen Fischerei vermittelt, auch das Stricken von Pullovern nach Vorbild der Ganseys oder Guernseys - plastisch gemusterte Fischerpullover von der Insel Kanalinsel Guernsey - wurde angeregt. Die Bewohner Arans verwendeten die lokale, gröbere Wolle zum Stricken, beließen sie in der Naturfarbe, und gaben den Mustern ihren eigenen Twist. Während klassische Ganseys aus dunkelblauer, feinerer Wolle vor allem im oberen Teil gemustert sind und Unterarme und unterer Teil des Rumpfes glatt bleiben, verlaufen die Muster bei Aranpullovern über die ganze Länge von Vorder- und Rückenteil, und ein Wabenmuster als Mittelstreifen scheint typisch zu sein. Der Pullovertypus des Gansey verbreitete sich mit der Zeit in allen Küstenorten Großbritanniens und Irlands, wobei jede Region charakteristische Muster und Musterzusammenstellungen entwickelte.

Wohl doch nur Ornamente und nichts Gestricktes

So viel in Kürze - ich würde mich gerne noch ausgiebiger mit dieser Stricktradition beschäftigen. Wie bei den deutschen Trachten, die größtenteils auch erst im Verlauf des 19. Jahrhunderts entstanden, sind die Fischerpullover wohl ebenso ein Produkt dieser Zeit, die von kulturell begründeter Identitätspolitik geradezu besessen war. Was auch immer David im "Book of Kells" aus dem 9. Jahrhundert trägt, es handelt sich wohl nicht um "die erste bildliche Darstellung von Gestricktem". Davon abgesehen habe ich immer noch Lust, Zopfmuster zu stricken, besitze von 500g Drops Lima in rubinrot im Wollvorrat und denke über einen Pullover für mich nach.   

 

tl, dr oder: die Fakten zur Strickjacke


Anleitung: Seanair von Judith Brodnicki via knitty.com
unbedingt die Korrekturen bei ravelry beachten! 

Garn und Nadeln: Drops Lima, 100 m Lauflänge auf 50 Gramm - knapp 800 Gramm verwendet, verstrickt mit Nadeln Nr. 4, für die Bündchen Stärke 3,5.

Gestrickte Größe: M, Ärmel ca. 8 cm kürzer als in der Anleitung angegeben, Abnahmen im Ärmel enger gesetzt