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Dienstag, 4. Mai 2021

Ein neues Buch: "Über das elegante Leben" von Honoré de Balzac

Das letzte Jahr war besonders für FreiberuflerInnen nicht einfach, um es milde auszudrücken - umso froher bin ich, dass ich euch heute von meinem neuen Buch berichten kann, das vor vier Wochen erschienen ist. Für mich bedeutet es nämlich, darauf zu vertrauen, dass es sich lohnt, Büchern über so ein frivoles Thema wie Mode auf die Welt zu helfen - und darauf, dass es trotz (oder vielleicht sogar wegen?) aller Sorgen eine Zahl von Menschen gibt, die sich wie ich für dieses Thema interessieren, sich beim Lesen gerne in andere Zeiten und Orte versetzen, Spaß daran haben, mehr über Kleidung und Textilien zu erfahren. 

Honoré de Balzac - Über das elegante Leben. Texte+Textilien Berlin 2021
 
Worum geht es in "Über das elegante Leben"? Balzac war 1830, bevor er mit seinen Romanen berühmt wurde, Redakteur der damals erfolgreichsten Pariser Mode- und Salonzeitschrift "La Mode". Die Zeitschrift enthielt unter anderem aktuellen Klatsch aus dem Pariser Gesellschaftsleben, was für Kleider in der Oper getragen wurden, wer welchen Ball gegeben hatte und wer dort zu Gast gewesen war, aber auch Artikel über neue Erfindungen, neue Bücher und Stücke, eben alles, worüber man sich in einem gebildeten Salon unterhalten kann. Den Artikel "Über das elegante Leben" schrieb er für diese Zeitschrift, er erschien im Herbst 1830 in mehreren Teilen in"La Mode". Balzac macht sich darin weitergehende Gedanken über Stil und Eleganz: Gibt es eine natürliche Gabe für Eleganz? Kann jeder Mensch lernen, elegant zu sein? Aber auch: Was sagt die Kleidung über einen Menschen und die Gesellschaft aus? 

Honoré de Balzac - Über das elegante Leben (Traité de la vie élégante)
 
Das ist einerseits sehr witzig und ironisch: er fasst seine Erkenntnisse in 53 Aphorismen zusammen und auch der englische Ur-Dandy Beau Brummell, mittlerweile ziemlich abgehalftert, verschuldet und in Frankreich im Exil, hat einen Auftritt, andererseits steckt eine ganze Modetheorie in dem kleinen Text. "Der Mensch, der in der Mode nur die Mode sieht, ist ein Dummkopf", ist Balzacs Fazit. Die Zusammenhänge von Kleidung und sozialem Status, Kleidung als individueller Ausdruck der Persönlichkeit einerseits, andererseits als sichtbarer Ausdruck der Zugehörigkeit zu einer sozialen Gruppe, das ist ja ungefähr die Problemlage, die jedes modetheoretische Buch bis heute aufdröseln möchte. 

Balzac: Über das elegante Leben, Berlin 2021
 
Balzac schaut dazu auf die Entwicklung der Mode in Frankreich zurück und zeigt, wie sich erst die Französische Revolution und dann die Rückkehr zur Monarchie auf die Kleidung auswirkten. Gewissermaßen arbeitet er damit auch an seinen eigenen Problemen: 1830 gelang ihm als Autor nämlich endlich der Durchbruch, er wurde in die Pariser Salons eingeladen und man geht davon aus, dass er sich auch deshalb viel mit dem "richtigen" Auftreten beschäftigte. Er war eben nicht reich geboren oder von Adel, er besaß keine lässige, selbstverständliche Eleganz, er musste erst herausfinden, wie man sich auf dem gesellschaftlichen Parkett richtig bewegt. 

Balzac - Traité de la vie élégante, dt. Über das elegante Leben
 
Jedenfalls ein spannender Text, wie ich finde, eine interessante Perspektive auf Mode und Modegeschichte, vor allem in Frankreich. Und ein Lesevergnügen! Balzac ist so ironisch, und so viele Aussagen treffen auch heute noch den Punkt, zum Beispiel wenn er in Aphorismus Nr. 7 sagt: "Für das elegante Leben kommt als vollständiges Menschenexemplar nur der Zentaur in Betracht, nämlich: der Mann, der im Wagen sitzt." Heute würde man sagen: der Mann, der in einem dicken Auto sitzt, in einem SUV, einem Sportwagen, einem Tesla. Mir ist erst durch Balzac klar geworden, was für ein Statussymbol Pferde und Kutschen im 18. und 19. Jahrhundert waren und dass es da auch gewaltige Unterschiede bei den Modellen gab, so wie bei uns jetzt zwischen Kleinwagen und Luxuslimousine (und der berühmte Doktor Portal fährt im "Eleganten Leben" immer noch in einer uralten, klapprigen Kutsche aus der Vorrevolutionszeit herum - mithin ist er wohl eine Art Alt-68er mit angerostetem Volvo...). 

Honoré de Balzac: Über das elegante Leben. Essay über Mode und Stil.
 
Im zweiten Teil des Buchs ("Balzacs ABC der Eleganz") werden solche Details erklärt. Die Illustrationen sind Ausschnitte aus den Bildbeilagen von Modezeitschriften von ca. 1830, aus "La Mode", der Zeitschrift, für die Balzac arbeitete, aus dem "Petit Courrrier des Dames" und dem "Journal des Dames et des Modes". Die französische Buchausgabe des Textes hatte ganz ähnliche Illustrationen. Diese Kuperstiche dienten damals tatsächlich der Information über die neue Mode und sind zum Teil sehr detailliert, man kann manchmal sogar den Nahtverlauf erkennen - und hätte um 1830 damit zu einem Schneider gehen können, um sich die neueste Mode aus Paris nach der Abbildung anfertigen zu lassen. Es hat großen Spaß gemacht, nach Bildern zu forschen - dazu zeige ich demnächst noch mal mehr.

Die Übersetzung von Balzacs Aufsatz ist für dieses Buch komplett überarbeitet worden: Auf Deutsch war "Traité de la vie élégante" 1911 schon mal erschienen, allerdings in einer ziemlich merkwürdigen, teils unvollständigen und teils eher nacherzählten Übersetzung, wie es zu der Zeit nicht unüblich war. Die alte Übersetzung wurde vervollständigt, die Fehler berichtigt und die Sprache, wie es immer so schön heißt, "behutsam modernisiert" - wenn man versuchen würde, Balzac 1830 in Alltagsdeutsch 2021 umzuformen, würde man dem Text nicht gerecht werden und er würde vor allem Balzacs typische "Stimme" verlieren. Eine Bekannte meinte zu dem Buch, es sei ein kleines "Konfektstückchen", und genauso wie eine Schachtel Pralinen kann man es auch gut essen bzw. lesen: in kleinen Häppchen zwischendurch, immer wenn man gerade etwas Weltflucht braucht. Übrigens ist es durchaus auch als Geschenk für frankophile und modeinteressierte Männer geeignet, denn Balzac schreibt im generischen Maskulinum... 

Das Buch gibt es jetzt im Buchhandel (und natürlich auch direkt über mich) und genauer kann man hier noch einmal hineinschauen: Über das elegante Leben - Honoré de Balzac. Das schöne Cover ist wieder von Claudia Benter gestaltet worden. Als nächstes gibt es hier wieder Genähtes (trotz allem ist in den letzten Wochen einiges entstanden), und einen Exkurs über die Mode von 1830 - mit zeitgenössischen Bildern, und die Fotos von der Stickereiausstellung in Leipzig letztes Jahr könnte ich auch endlich einmal zeigen. 

Also bis bald!

Mittwoch, 2. Dezember 2020

Nochmal "Zur Hölle mit der Mode" und Elizabeth Hawes - Modedesignerin, Journalistin, Gewerkschafterin und Autorin

Mehr Zeit als ich wollte, ist seit meinem ersten Artikel über die großartige Desigerin Elizabeth Hawes und ihr Buch über die Modeindustrie  der 1920er und 1930er Jahre vergangen. Wer das noch einmal nachlesen will: Hier findet sich die Zusammenfassung, worum es in "Zur Hölle mit der Mode" geht, Elizabeth Hawes erstem Buch über ihre Zeit als Designerin in Paris und New York. Heute will ich, wie versprochen, etwas mehr über die Autorin erzählen. Elizabeth Hawes war nämlich eine sehr interessante Frau, die nach ihrer Zeit in der Modebranche ein ziemlich bewegtes Leben hatte, das sie bis in die Karibik führte. 

Auf die englische Fassung von "Zur Hölle mit der Mode" wurde ich vor vier bis fünf Jahren in irgendeinem us-amerikanischen Nähblog aufmerksam. Das Buch wurde dort besprochen, machte mich neugierig, ich besorgte mir ein Exemplar und las es gebannt in einem Rutsch durch. (Und fragte mich schon damals, warum es das eigentlich nicht auf Deutsch gibt und warum ich noch nirgends einen vergleichbaren Blick hinter die Kulissen des Modegeschäfts gelesen hatte.) 

Aber neben dem Insiderwissen, das dort ausgebreitet wird, neben dem Blick auf die Gesellschaft der 1920er und 1930er Jahre, faszinierte mich auch die Autorin. Elizabeth Hawes ist witzig, ironisch und intelligent und mit analytischem Verstand und einem nicht geringen Selbstbewusstsein ausgestattet. Mir gefiel sehr, wie unverblümt sie benennt, was ihrer Ansicht nach in der Modebranche schief läuft - Produktpiraterie, miese Stoffqualität, das Lancieren von Pseudo-Trends, das Entwerfen an den Wünschen der Kundinnen vorbei - und wie sie natürlich der Meinung ist, eine bessere Lösung zu haben - sie erschien mir etwas anstrengend, aber sympathisch.

"Zur Hölle mit der Mode" muss 1938 ziemlich eingeschlagen haben, obwohl oder weil Hawes sich in der Modebranche damit keine Freunde machte und darin für ihre Zeit radikale Positionen vertrat, zum Beispiel plädierte sie für bunte, phantasievolle Männerkleidung (und warum nicht mal Röcke?) und berichtete von ihrer Reise in die Sowjetunion. In New York wurde sie eine kleine Berühmtheit, eine unkonventionelle Erscheinung, wenn sie mit flachen Schuhen, ohne Hut und Lippenstift, mit offenen, langen Haaren und in einem weiten Rock über die Fifth Avenue spazierte - ein fast skandalöser Anblick zwischen den sorgfältig zurechtgemachten Frauen und den Männern in formellen Anzügen. Hier gibt es einige Fotos von Elizabeth Hawes aus dieser Zeit (darunter auch einige private Partyschnappschüsse). Auch geschäftlich war sie in den späten 1930er Jahren sehr erfolgreich, ihr Modesalon brummte und sie hatte eine Menge Designaufträge nebenher. 

In den 1940er Jahren änderte sich die Situation: Elizabeth Hawes war früh klar, dass das Eingreifen der USA in den Krieg in Europa nur eine Frage der Zeit war und dass dies ihrem Geschäft die Grundlage entziehen würde -  und davon abgesehen hatte sie wohl auch die Lust verloren, sich mit den Bedürfnissen der vermögenden Kundinnen, die sich ihre Entwürfe leisten konnten, herumzuschlagen. Sie wollte das Leben der amerikanischen Durchschnittsfrau durch ihre Kleidung verbessern, wie man aus "Zur Hölle mit der Mode" erfährt, und nicht nur für die entwerfen, die sich sowieso alles kaufen konnten.

In den 1940er Jahren unternimmt Elizabeth Hawes mehrere Versuche, diese praktische Verbesserung des Lebens von Frauen anzugehen. Sie betreut für eine neu gegründete links-liberale Boulevardzeitung die Rubrik "News for Living", eine Kolumne mit Tipps zum sparsamen Auffrischen der Garderobe, über aktuelle Sonderangebote, Mode, Kosmetik, Unterhaltung und Unternehmungen mit kleinem Budget, als praktische Hilfe für Frauen, die aufs Geld achten mussten. 

Im Frühjahr 1943 heuert Elizabeth Hawes bei einer Flugzeugfabrik an und fräst im Akkord Metallteile für die Produktion von Kampfbombern. In der Nachtschicht, sechs Tage die Woche von Mitternacht bis zum Morgen, wenn sie nach Hause fährt, ihr Kind weckt und es schulfertig macht. Über dieses unglaublich harte Leben, das sie selbst nur wenige Wochen durchhält, zu dem aber die meisten ihrer ehemaligen Kolleginnen keine Alternative haben, schreibt sie ebenfalls ein Buch: "Why women cry" (1943). Auch dieses Buch habe ich mit großer Faszination verschlungen, denn es gewährt einen Blick in diese Kriegsindustrie und in das Leben nicht privilegierter Frauen in den USA, wie ich es sonst noch nirgends gelesen hatte. Elizabeth Hawes entwickelt darin auch ihre höchst modernen Ideen, wie sich Hausarbeit und Kinderbetreuung in Kollektiven so organisieren ließen, dass die Frauen die Dreifachbelastung durch Arbeit, Haushalt, Kindererziehung auf mehrere Schultern verteilen können. 

1944/45 lebt sie kurze Zeit in Detroit und versucht, Frauen in der Gewerkschaft der "United Auto Workers" zu organisieren. Dies wird zwar einerseits von den Gewerkschaftsfunktionären gefördert - denn die billige Arbeitskraft von Frauen wird als Gefahr für die Jobs der Männer gesehen - andererseits gilt Elizabeth Hawes mit ihren Ideen von Gleichberechtigung als "zu links" und und eckt in der Gewerkschaftshierarchie immer wieder an.

 Mit dem Kriegsende wird Elizabeth Hawes, wie die meisten Frauen, die während des Krieges in der Industrie gearbeitet hatten, ins Hausfrauendasein geschickt. Die Jobs bekommen die zurückgekehrten Männer, die Frauen sollen sich mit der traditionellen Rollenverteilung abfinden. Der Weg zurück in ihren alten Beruf, die Mode, ist Elizabeth Hawes verschlossen: Mittlerweile wird sie als radikale Linke angesehen und sogar vom FBI beobachtet. Vermutlich deswegen gelingt es ihr nicht, eine Anstellung in der Modeindustrie oder im Modejournalismus zu finden. 


In der einzigen Biographie, die über Elizabeth Hawes erschienen ist ("Radical by design. The life and styles of Elizabeth Hawes"; New York 1988), versucht die Autorin Bettina Berch, diese Zeit auch mit Hilfe von Geheimdienstakten zu rekonstruieren. Es bleibt vieles im Dunkeln, aber sicher ist, dass Elizabeth Hawes Anfang der 1950er Jahre  nach Saint Croix, eine Insel der Kleinen Antillen und amerikanisches Außengebiet zieht. Die Insel ist in dieser Zeit ein Zufluchtsort für viele Amerikaner, die dort mit relativ wenig Geld komfortabel und sehr entspannt leben können. Auch darüber veröffentlichte Elizabeth Hawes später ein Buch - und sprach darin auch den Rassismus an, der die Beziehungen von weißen Festlandsamerikanern und den "Crucians" bestimmte.

In den 1960er Jahren scheint Elizabeth Hawes dann ein nomadisches Leben geführt zu haben. Mal in San Francisco, mal in New York, nahm sie noch ab und zu Designaufträge an, um sich über Wasser zu halten. 1967 gab es im Fashion Institute of Technlogy in New York eine Retrospektive ihrer Werke.  Elizabeth Hawes Kleider aus den 1930er und 1940er Jahren mit ihrer zeitlosen Modernität wurden zusammen mit denen des jungen Designers Rudi Gernreich in einer sehr erfolgreichen Show gezeigt. Elizabeth Hawes starb 1971, mit 68 Jahren, in New York an Leberzirrhose, und auch wenn ihr Ende nicht dem angemessen erscheint, was sie sich einmal vom Leben erhofft haben mag, möchte ich sie als Elizabeth Hawes, die geniale Designerin in Erinnerung behalten, deren Kleider heute im Metropolitan Museum of Art in New York ausgestellt werden -  klickt euch durch die Sammlung.  Bewundert die raffinierten, von Madeleine Vionnet, ihrem großen Vorbild, inspirierten Schnittführungen, die ungewöhnlichen Farbkombinationen, die tragbaren, unaufgeregten, aber nicht langweiligen Designs.

Und ich möchte an Elizabeth Hawes, die vor Witz sprühende, immer den Finger in die Wunde legende Autorin erinnern, wie man sie in "Zur Hölle mit der Mode" kennenlernt, und deshalb veranstalte ich am Mittwoch, 16.12.2020 - ihrem 117. Geburtstag - um 20.30 Uhr eine Online-Lesung auf https://www.twitch.tv/textilfernsehen. Ich freue mich auf euch!

Alle Informationen und einen Blick ins Buch findet man hier bei Texte und Textilien.

Donnerstag, 21. November 2019

Berlin Hausvogteiplatz - Über 100 Jahre am Laufsteg der Mode


Verfolgt man heute die hilflosen Versuche des Berliner Stadtmarketings, Berlin als "Modestadt" zu etablieren und der Berlin Fashion Week zu einer Bedeutung zu verhelfen, die der Pariser oder Londoner Modewoche gleichkommt, kann man sich kaum vorstellen, dass Berlin in Sachen Mode vor etwa hundert Jahren tatsächlich in einem Atemzug mit Paris genannt wurde. In Berlin entstand in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts die modische Konfektion, die Kleidung von der Stange, wie wir sie heute kennen. Vor einem Jahr hatte ich anlässlich einer Ausstellung über die zerstörten Konfektionsbetriebe rund um den Hausvogteiplatz schon einmal über die Berliner Modeindustrie geschrieben.

Schon vor einem Jahr war Suschna - Textile Geschichten - mit der Recherche für das jetzt erschienene Buch beschäftigt: "Berlin Hausvogteiplatz. Über 100 Jahre am Laufsteg der Mode" von Brunhilde Dähn, die Neuausgabe eines Buches von 1968, das seit Jahren vergriffen war. Die Journalistin Brunhilde Dähn erzählt darin die Geschichte der Berliner Konfektion von den Anfängen mit Damenmänteln Mitte des 19. Jahrhunderts bis zur Wirtschaftskrise der späten 1920er Jahre.


Ihr Buch ist heute immer noch unterhaltsam und interessant. Dähn zitiert aus vielen verschiedenen Quellen, auch aus Romanen, die heute zum Teil nur noch schwer oder gar nicht aufzufinden sind. Mit vielen Anekdoten wird so die versunkene Welt der Konfektionsbetriebe und der Menschen, die in ihnen arbeiteten, lebendig.

Anders als man sich das heute vielleicht vorstellt, waren die meisten Firmen, die rund um den Hausvogteiplatz tätig waren, keine Kleiderfabriken - in den Zentralen wurde lediglich entworfen, zugeschnitten und die fertige Ware en gros verkauft. Die Produktion erfolgte in kleinen Werkstätten oder in Heimarbeit in den östlichen Stadtbezirken, in Friedrichshain und Prenzlauer Berg.  Die zugeschnittenen Stücke verfrachtete man samt abgezähltem Zubehör und Kurzwaren zu den Nähwerkstätten und erhielt die fertig genähten Teile zurück. In den Firmenräumen an der Hausvogtei wurden sie den Einkäufern aus aller Welt vorgeführt.


Der Welt der "Probierdamen", wie die Mannequins damals genannt wurden, widmet Brunhilde Dähn ein ganzes Kapitel, Suschna hat hier gerade erst im Blog etwas mehr über die "Gelbsterne", die Faruen mit den Idealmaßen geschrieben. Der neu entstandene Beruf des Mannequins galt zwar als etwas anrüchig, war aber auch verlockend: Bei vielen Modehäusern durften die Mannequins Kleider und Mäntel ausleihen und in ihrer Freizeit tragen, wenn sie gesellschaftliche Ereignisse wie Pferderennen, Theaterpremieren und Bälle besuchten, zu denen sie oft eingeladen wurden.
Aber auch als Telefonistin und Kontoristin, Sekretärin und Buchhalterin waren Frauen in der Berliner Konfektion beschäftigt - und diese jungen, gut ausgebildeten, finanziell unabhängigen Frauen bildeten auch die Kundinnen der Konfektion, vor allem für sie wurde hier Mode gemacht.

Man erfährt bei Brunhilde Dähn viel über die tonangebenden Modehäuser der Zeit und ihre Gründerinnen und Gründer, über die Organisation der Arbeit in den Konfektionsbetrieben, über frühe Influencerinnen und Werbung, über die Kaufhäuser und nicht zuletzt über das Berliner Nachtleben. Da Brunhilde Dähn die erste war, die die Geschichte der Berliner Modeindustrie aufzeichnete, ist nicht alles, was sie erzählt, hundertprozentig korrekt - darum hat das Buch ein neues Nachwort bekommen, das die größten Fehler geraderückt.

Die Neuausgabe von "Berlin Hausvogteiplatz" mit neuem Layout gibt es in jeder Buchhandlung und natürlich direkt über Susanne: Hier sind alle Informationen zum Buch noch einmal zusammengefasst und hier und hier gibt es im Blog einen Einblick ins Buch.

Auf der Messe BuchBerlin


Am nächsten Wochenende, 23./24.11. kann man in diesem und in allen anderen unseren Büchern blättern und mit uns ins Gespräch kommen: Bei der Berliner Buchmesse BuchBerlin im Mercure Hotel MOA Berlin (U Birkenstraße) - wir haben einen Stand in Ausstellungsbereich 2, D4. Vielleicht bis dahin? Ich würde mich freuen!



Mittwoch, 18. September 2019

Termine, Termine: Buchvorstellung, Workshops, Buchmesse und ein Podcast

Woran merkt man, dass der Herbst wirklich da ist? Ein Indiz neben gelben Blättern und deutlich kürzeren Tagen sind auch die auf einmal überall aufploppenden Veranstaltungen in geschlossenen Räumen. Konnte ich vor drei Wochen nicht einmal den Gedanken ertragen, einen ganzen Nachmittag oder Abend drinnen zu sitzen, erscheint es mir auf einmal ungeheuer attraktiv, zu einer Lesung, einem Workshop oder einer Messe zu gehen und auch das heimische Sofa hat sehr an Anziehung gewonnen.

Hier sind Termine der nächsten Wochen:


Buchvorstellung und Diskussion Zur Hölle mit der Mode in Berlin


Am Samstag, 19. Oktober ab 14.30 Uhr lese ich aus Elizabeth Hawes' "Zur Hölle mit der Mode" bei erna & gustav - Organic Comfort Clothing in der Wildenbruchstraße 84, 12045 Berlin mit anschließender Diskussion über die Mode-Hölle heute.

Das Buch von Elizabeth Hawes über die Praktiken der Modebranche in den 1920er und 1930er Jahren ist nämlich hochaktuell: Schon damals wurde die Qualität dem Profit geopfert und der Kundin wurde eingeredet, sie müsse immer mehr modische, aber kurzlebige Kleidung kaufen. Elizabeth Hawes deckt diese Mechanismen auf und plädiert dafür herauszufinden, was man in Sachen Bekleidung wirklich will und braucht, wobei auch der Spaß nicht zu kurz kommen muss.

Um etwas vorplanen zu können, meldet euch gerne über erna & gustav an oder bei mir, Constanze, unter info AT schnatmeyerundderham.de. Der Eintritt ist frei.


Stoffkunde- und Upcycling-Workshops beim Lillestofffestival


Ein Wochenende (oder einen Tag) mit vielen Gleichgesinnten durchnähen und etwas Neues ausprobieren? Dafür ist das Lillestoff-Festival am 28. und 29. September in Hannover, das jetzt schon zum sechsten Mal stattfindet, genau das richtige.

An beiden Tagen biete ich einen Stoffkunde-Workshop und einen T-Shirt- und Jeansrettungsworkshop an - auf der Festivalseite finden sich aber auch noch jede Menge andere interessante Workshopangebote, von Blogfotografie über Stoffmalerei, Grundschnitterstellung oder Futterverarbeitung. Besonders toll: Man kann sich für einen geringen Betrag vorab eine Leihnähmaschine reservieren. Das Festivalprogramm findet sich hier und die Tickets für die Kurse hier.


Schnatmeyer & Derham auf der BuchBerlin 2019


Einen ganzen Tag in Büchern kleiner, unabhängiger Verlage blättern kann man auf der BuchBerlin 2019 am 23. und 24. November im Hotel MOA Berlin (U Birkenstraße). Susanne und ich haben wieder einen Stand und bringen natürlich alle unsere Bücher mit.

Die Messe wird von einem gemeinnützigen Verein organisiert, der sich der Leseförderung verschrieben hat, daher sind Kinderbücher ein besonderer Schwerpunkt. Es gibt aber auch viele Bücher und Verlage, die Genres bedienen, die es bei den Großverlagen sehr schwer haben wie Fantasy und Science-Fiction. Susanne und ich sind mit unseren Textilbüchern auch da ziemlich exotisch - wir machen eben etwas, das sonst kein anderer macht. Tickets für die Messe kann man vorab über die Webseite der BuchBerlin kaufen oder direkt auf der Messe.


"Zur Hölle mit der Mode" im Passt-Podcast von Crafteln


Und bei meinem letzten Vorschlag kommt auch das Sofa zu seinem Recht: Meike alias Frau Crafteln hat in ihrer aktuellen Podcast-Serie über Kleidung in Folge #32 das neue Buch Zur Hölle mit der Mode gelesen - Elizabeth Hawes' Beobachtungen über Stil und Mode von 1938 treffen nämlich auch heute auf den Punkt: Nur, wer sich Kleider maßanfertigen (lassen) kann, kann genau das tragen, was den persönlichen Vorlieben, der Lebenssituation und der Persönlichkeit entspricht. Wer auf Kaufkleidung angewiesen ist, muss nehmen, was gerade Mode ist - von den Problemen mit Passform und standardisierten Kleidergrößen mal ganz abgesehen. Den Passt-Podcast von Crafteln kann man direkt auf ihrer Seite hören oder auch über die gängigen Podcast-Seiten beziehen.

Übrigens hoffe ich, bald auch in Berlin einen Stoffkunde-Workshop anbieten zu können - ich halte euch auf dem Laufenden. 

Sonntag, 11. August 2019

Das neue Buch ist da: Elizabeth Hawes - Zur Hölle mit der Mode


Vor gut einer Woche war wieder Buch-Liefertag - meine Güte, war ich diesmal wieder aufgeregt! Geliefert wurde das Ergebnis von etwa einem Jahr Arbeit, die Übersetzung von Elizabeth Hawes' Bestseller von 1938, "Fashion is Spinach" - deutsch: "Zur Hölle mit der Mode". Bis zur Lieferung weiß man eben immer nur annähernd, wie es aussehen wird, und da Susanne und ich noch nicht so routiniert sind, überprüfen wir alles x-mal, ehe wir den Druckauftrag erteilen und befürchten dann doch immer noch, irgend etwas übersehen zu haben. Aber "Zur Hölle mit der Mode" ist rundherum so geworden, wie geplant - der Umschlagentwurf stammt übrigens von Claudia Benter, die auch den Umschlag für das Materiallexikon gemacht hat.


Nachdem das erste Exemplar schon seine Leserin erreicht hat, sollte "Zur Hölle mit der Mode" jetzt im Buchhandel angekommen sein, und die Onlinebuchhändler ziehen sicher am Montag nach (falls da zu Anfang behauptet wird "die Bestellung dauert 2-3 Wochen" - so lange dauert es mit Sicherheit nicht!), und so kann ich euch ein bisschen mehr über das Projekt erzählen, das mich mit Unterbrechungen seit Anfang 2018 beschäftigt hat.

Worum es geht


"Zur Hölle mit der Mode" ist ein Rückblick und zu einem Teil auch eine Abrechnung mit der Modeindustrie, 1938 geschrieben von der Modedesignerin Elizabeth Hawes, die zu dem Zeitpunkt 15 Jahre lang in verschiedenen Positionen im Modebusiness gearbeitet hatte: Als Modezeichnerin in Paris, als Modejournalistin für den "New Yorker", als "Stylistin" für amerikanische Kaufhäuser, als selbstständige Designerin in New York, die einerseits teure Maßanfertigen in Couturequalität entwarf, aber auch Kleider und Accessoires für Kaufhäuser und günstige Bekleidungshersteller.


Elizabeth Hawes erzählt davon ziemlich unverblümt und mit vielen unterhaltsamen Anekdoten. Mitte der 1920er Jahre ging sie nach ihrem Collegeabschluss zunächst nach Paris und landete über Beziehungen in einem Modesalon, der illegal Kopien von Designermodellen herstellte - Coco Chanel war damals schon ein Star, aber sehr teuer, und so gab es einen Markt für Raubkopien. Elizabeth Hawes saß bei Modeschauen, versuchte, die Schnittführung der präsentierten Modelle zu entschlüsseln, und fertigte anschließend Zeichnungen davon an, die als Grundlage für die Kopien dienten.


Als ihre ethischen Bedenken zu groß wurden, arbeitete sie unter anderem als Modekorrespondentin für verschiedene amerikanische Medien - auch kein leichtes Geschäft, denn sie musste sich im Wochentakt modische "Neuigkeiten" überlegen, die berichtenswert waren.

Zurück in New York eröffnete sie mit 25 ihren eigenen exklusiven Modesalon, mit dem sie kein Geld verdiente - wie das funktionierte (oder besser: zu Anfang nicht funktionierte, aber doch ganz gut lief) erzählt sie im zweiten Teil des Buches.

Designaufträge für die Bekleidungsindustrie waren als Zusatzeinkommen daher einerseits eine Notwendigkeit, andererseits sah sie darin die Möglichkeit, gutes Design der großen Masse der Konsumentinnen zugänglich zu machen. Konfektionskleidung war in den 1930er Jahren in den USA schon weit verbreitet, in allen mittleren bis großen Städten gab es Kaufhäuser, die Mode von der Stange anboten, und auf dem Land bestellte man über den Versandhandel.

Die Probleme waren damals aber auch schon die gleichen wie heute: Viele Konfektionshäuser verwendeten einfach jahrzehntelang immer denselben Kleidergrundschnitt für alle Modelle, der dann mit ein paar auffälligen Dekorationen und einer Rüsche hier oder einem Band da zu einem "neuen" Kleid wurde. Die Stoffqualität war zum Teil sehr schlecht, oder die Kleider passten niemandem, oder es wurden mit dem Verweis auf Paris sehr kurzlebige Moden lanciert, die dann ein paar Wochen später schon lächerlich wirkten.

Elizabeth Hawes erlebte das alles mit und erzählt davon sehr amüsant und anschaulich: Wie eines ihrer Lederjackenmodelle von einem Fabrikanten kopiert wurde und er versuchte, sich herauszureden. Wie sie einen Taschenhersteller überreden wollte, doch auch mal WEICHE Taschen anzubieten. Wie einer ihrer Handschuhe in eine Lucky-Strike-Werbung geriet und einen Hype entfachte. Wie man eine Kundin einkleidet, die gar nicht weiß, wer und was sie ist. Wie man als amerikanische Designerin Kleider in Paris zeigt. Wie man mit einem Schnittmacher umgeht, der sich selbst für einen Designer hält, aber in Wirklichkeit immer nur dasselbe Kleid fabriziert.

Unkonventionell, unbequem, unbeugsam: Elizabeth Hawes


Wer die Autorin Elizabeth Hawes war, was sie abgesehen von Mode noch gemacht hat und wie ich dazu gekommen bin, das Buch zu übersetzen, dazu dann mehr beim nächsten Mal.

Das Buch von Elizabeth Hawes - "Zur Hölle mit der Mode" ist jedenfalls ab sofort im Buchhandel oder direkt von uns portofrei über unseren neuen Shop erhältlich. Es hat 416 Seiten,  24 Illustrationen und ein Personen- und Sachregister mit Anmerkungen und kostet 22 Euro. Buchhänderinnen können das Buch über Libri beziehen, oder mit den üblichen Rabatten und portofreier Lieferung von uns.

Elizabeth Hawes
Zur Hölle mit der Mode
Texte+Textilien Berlin 2019     
ISBN 978-3-948255-00-8
416 Seiten, 22,00 Euro 

Alle Informationen und Bestellmöglichkeit auch auf der Webseite texte-und-textilien.de/.

Dienstag, 30. Oktober 2018

Das war der Berliner Schick: Mode vom Hausvogteiplatz

Wusstet ihr, dass Berlin in den ersten drei Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts ein Zentrum der Bekleidungsindustrie war? Dass Mode aus Berlin in alle Welt exportiert wurde? Ich muss zugeben, dass ich das erst weiß, seitdem ich einmal mehr oder weniger zufällig in der Gegend des Hausvogteiplatzes unterwegs war und das Denkmal in der Mitte des Platzes - drei geneigte Spiegel, die die umliegenden Häuser reflektieren - wahrnahm und auch, dass an den Stufen hinunter zur U-Bahn-Station lauter Firmennamen eingemeißelt sind.


Heute sind der Hausvogteiplatz und die umliegenden Straßen ein merkwürdiges, etwas steriles Niemandsland mit Bürogebäuden, der Botschaft der Mongolei, dem Justizministerium, einem Teil der Humboldt-Uni und Neubauten mit sehr, sehr teuren Eigentumswohnungen, eine tote Ecke zwischen den Touristenmassen auf dem Gendarmenmarkt und dem Verkehrsinferno auf der Leipziger Straße. Sieht man Bilder der Gegend vom Anfang des vorigen Jahrhunderts, mag man kaum glauben, dass es sich um dieselben Straßen handelt: An den Fassaden Firmenschilder dicht an dicht, in den Erdgeschossen Bekleidungsgeschäfte, auf den Straßen Lieferwagen, Straßenbahnen und je nach Jahrzehnt mehr Autos oder mehr Pferdefuhrwerke, und vor allem ein unglaubliches Gewimmel von Passanten, Lieferanten, Geschäftsleuten, Frauen und Kindern beim Einkaufsbummel. Große Kaufhäuser waren hier, aber seit Mitte des 19. Jahunderts vor allem die Konfektionäre, meistens jüdische Bekleidungsgroßhändler, die sich auf die Produktion von Kleidung "von der Stange" spezialisiert hatten. Diese Idee, fertige Kleidung in einer Reihe von standardisierten Größen günstiger als maßgeschneidert anzubieten, war eine revolutionäre Erfindung, sie machte diese Kleidung für eine größere Gruppe von Frauen überhaupt erst erschwinglich.


Die Ausstellung Brennender Stoff - Burning (t)issue, die von Studierenden der Europäischen Ethnologie der Humboldt-Uni erarbeitet wurde, zeigt derzeit in den Räumen des Justizministeriums, das zum Teil in so einer ehemaligen Textilfabrik untergebracht ist, die Geschichte dieser Konfektionäre rund um den Hausvogteiplatz. Im November wandert die Ausstellung in das Hauptgebäude der Humboldt-Uni und kann dort ohne Anmeldung besichtigt werden. Ich hatte sie mir vor zwei Wochen im Ministerium angeschaut und habe viel mitgenommen.


Mir war zum Beispiel nicht bewusst, dass ein großer Teil der Konfektion in Berlin gar nicht in Fabriken, sondern in Heimarbeit hergestellt wurde - und zwar von einem Heer von Näherinnen, die in 12-Stunden-Arbeitstagen zuhause im Akkord Blusen und Kleider nähten, bügelten, und sich natürlich auch noch um Kinder, Küche, Kirche kümmern mussten. Alte Fotografien aus dem Landesarchiv zeigen die beengten Verhältnisse, ärmliche, enge Wohnzimmer, mit Nähmaschinen und Bergen von lauter identischen fertigen und halbfertigen Kleidungsstücken, dazwischen kleine Kinder.


Die glamouröse Seite der Berliner Mode ist sogar noch besser durch Fotos dokumentiert: In den Kaufhäusern wurden schon damals ganze Erlebnislandschaften geschaffen. Das, was wir heute "Shopping" nennen, das Flanieren durch Geschäfte, das Ansehen und Anfassen der Waren, ohne den Zwang, etwas kaufen zu müssen, nahm damals in den Warenhäusern seinen Anfang. Die Influencerinnen der damaligen Zeit waren Bühnen- und Filmschauspielerinnen, Sportlerinnen und Tänzerinnen.


In den dreißiger Jahren war es dann vorbei mit der Berliner Textilindustrie: Ihre meistens jüdischen Eigentümer wurden enteignet, vertrieben und ermordet, nach dem Krieg lag das Hausvogteiviertel in Schutt und Asche. Die Ausstellung - und das sehr empfehlenswerte Begleitbuch - zeichnen hier die Einteignung einer von vielen jüdischen Firmen nach. Die Berliner Modefirmen, die es jetzt noch gibt, hatten im übrigen kein Interesse, das Ausstellungsprojekt zu unterstützen, wie eine der Ausstellungsmacherinnen erzählte, die uns begleitete. Deutlich wurde auch, dass die Geschichte der Berliner Konfektion bislang nur in den Grundzügen erforscht und allgemein recht wenig bekannt ist. Ich kann daher den Besuch der wirklich interessanten und gut gemachten Ausstellung - gestaltet wurde sie von Studierenden der Kunsthochschule Weißensee - empfehlen. Bis Ende November ist sie kostenlos und ohne Anmeldung im Hauptgebäude der Humboldt-Uni zu sehen, und auch das Begleitbuch zur Ausstellung ist sehr zu empfehlen, es ist angenehm zu lesen und enthält die meisten Fotos, die auch in der Ausstellung zu sehen sind.

https://www.brennender-stoff.info/
Ausstellung ab 3.11. in der HU, Unter den Linden 6
geöffnet Mi-Fr 16-20.00 Uhr, Sa 11-17.00 Uhr
Eintritt frei
außerdem kostenlose Führungen, dazu ist eine Anmeldung nötig  

Das Buch zur Ausstellung gibt es im Buchhandel, es liegt in der Ausstellung aus und kann außerdem bei den Führungen erworben werden.

Über die Ausstellung berichteten sehr ausführlich Maritta Tkalec von der Berliner Zeitung, Jérôme Lombard von der Jüdischen Allgemeinen und Katharina Kühn für DeutschlandfunkKultur.  

Mittwoch, 17. Oktober 2018

Viel mehr als Häkeltanten: Handarbeiten durch die Jahrhunderte in Susannes neuem Buch "Gedichte, Geschichten mit Nadel und Faden"

Susannes neues Buch ist da! Beim mittlerweile ritualisierten Warten auf den Lastwagen mit der Buchpalette konnte ich dieses Mal nicht dabei sein, weil der Liefertermin und mein Urlaub kollidierten, aber mittlerweile habe ich das neue Buch Gedichte, Geschichten mit Nadel und Faden in der Hand und kann es euch zeigen.


Susanne sammelt schon seit Jahren Erzählungen und Gedichte, in denen gehandarbeitet wird und hat die 57 schönsten und interessantesten für dieses Buch ausgewählt. Ich kenne mich in der deutschen Literatur ja einigermaßen gut aus, aber auch für mich waren die meisten Fundstücke ganz unbekannt, oder ich hatte sie nicht im Gedächtnis, weil das Handarbeiten in vielen Büchern nur ganz beiläufig beschrieben wird - wie es eben auch oft beiläufig nebenher stattfindet - oder weil mein eigener Fokus beim Lesen früher ganz woanders lag.

Erinnert sich zum Beispiel jemand daran, dass Effi Briest in der Anfangsszene von Fontanes Roman, (den warscheinlich die meisten von uns in der Schule lesen und (über-)analysieren mussten), mit ihrer Mutter an einer Stickerei für eine Altardecke arbeiten muss und dazu überhaupt keine Lust hat? Ich habe den Roman im Deutschunterricht sogar zweimal in verschiedenen Klassenstufen durchgenommen (fragt nicht), aber diese Handarbeitsszene hatte ich verdrängt.


Die Sammlung besteht aber nicht nur aus so schwerer Kost wie Fontane - sehr amüsant ist zum Beispiel, wenn Thomas Bernhard über selbstgestrickte Pullover rantet und man ahnt: Das ist nicht nur Fiktion, dahinter steht wirklich eine Erfahrung. Nicht verpassen darf man das "Huldgedicht an Singer", von dem es auf youtube auch eine Vertonung gibt. Man kann erkennen, welche Autoren sich wirklich mit Handarbeiten beschäftigt haben und die dahinterstehende Technik verstehen und daher zu schätzen wissen (Günther Grass, Rainer Maria Rilke) und welche nicht (Henrik Ibsen). Man wundert sich, dass der durchschnittliche Ehemann des 19. Jahrhunderts von strickenden Frauen offenbar höchst genervt war. 

Erschreckend wird es dann, wenn Handarbeiten in Heimarbeit unter prekären Bedingungen den Familienunterhalt sichern müssen. Die Schilderung des Arbeitsalltags in der Thüringischen Puppenindustrie um 1900 von Agnes Sapper steht dem, was wir heute aus Bangladesch kennen, in nichts nach, Kinderarbeit inklusive. Und Nesthäkchen im Ersten Weltkrieg strickt Strümpfe für den Endsieg.


Am Interesssantesten finde ich aber die vielen Texte von Autorinnen, die Susanne gefunden hat und die hier zum Teil zum ersten Mal seit langem wieder in einer zugänglichen, lesbaren Form verfügbar sind. Manche Namen kennt man vielleicht von Briefmarken oder Straßenschildern, hat aber noch nie wirklich etwas von der Autorin gelesen - Fanny Lewald zum Beispiel, die als Jugendliche durch ein gesticktes Geburtstagsgeschenk in große Bedrängnis gerät. Oder Sophie von La Roche, die so detailversessen und mit großer Begeisterung über Stoffe, Kleider und Stickereien schreibt.

Das neue Buch ist etwas größer und als "Verflixt und zugenäht" und "Am Rockzipfel", die beide weiterhin erhältlich sind

Im 19. Jahrhundert gab es überhaupt eine Menge Bestsellerautorinnen, die vom Schreiben ihre Familien ernähren konnten, das weiß heute nur kaum einer mehr. Sophie Wörrishöffer beispielsweise schrieb Abenteuerromane - meistens unter einem männlichen Namen - und verkaufte fast so viele Bücher wie Karl May, vermutlich um die 50 Millionen Stück. Viele Frauenrechtlerinnen waren gleichzeitig Schriftstellerinnen wie Hedwig Dohm und Louise Otto-Peters, die beide in der Sammlung vertreten sind.

Es gibt also viel zu entdecken auf den annähernd 200 Seiten, unter anderem auch zwölf dezent absurde Collagen von Susanne, für die sie alte Buchillustrationen neu zusammengesetzt hat. Und übrigens: SINGERS NÄHMASCHINE IST DIE BESTE, das wusste man schon 1928 in Belgien.   

Susanne Schnatmeyer (Hgg.): 
Gedichte, Geschichten mit Nadel und Faden   
192 S., 12 Illustrationen, Hardcover mit Lesebändchen
18,00 Euro

Erhältlich im Buchhandel, bei amazon und Konsorten, bei Susanne direkt und versandkostenfrei in unserem neuen Shop. In Susannes Blog Textile Geschichten gibt es ebenfalls einen Einblick in das neue Buch.

Eine Gelegenheit, die Bücher und uns direkt zu erleben (beinahe hätte ich geschrieben: anzufassen, aber einigen wir uns auf: Bücher gerne anfassen, Autorinnen nicht), gibt es in Berlin am 24. und 25. November jeweils von 10-18.00 Uhr, wir haben einen Stand auf der Buchmesse BuchBerlin für unabhängige Verlage und Selfpublisher im Mercure-Hotel MOA Berlin in Moabit (U-Bahnhof Birkenstraße). Vielleicht sehen wir uns ja?

Dienstag, 22. Mai 2018

Strickgeschichte(n): "Zwei rechts, zwei links" von Ebba D. Drolshagen [Rezension]


Schon seit Wochen liegt das Buch Zwei rechts, zwei links. Geschichten vom Stricken von Ebba D. Drolshagen auf meinem Rezensionsstapel ganz oben, und ich werde es in den nächsten Wochen noch einmal lesen, so viele Geschichten enthält es, die ich gerne weiterverfolgen würde. Und so habe ich eigentlich nur einen Kritikpunkt: Es ist zu kurz! Aus jedem einzelnen Kapitel dieser inhaltsreichen und unterhaltsamen Geschichte des Strickens hätte man ein Buch machen können, oder anders gesagt: Müsste und würde man ein Buch machen, wenn Textilien hierzulande so viel Aufmerksamkeit bekämen wie meinetwegen Lokomotiven oder die Seeschlachten des Ersten Weltkriegs.


Dabei war und ist Stricken so viel mehr als eine Beschäftigungstherapie für Frauen mit zu viel Freizeit - dieses „Salonstricken“ entstand erst im 19. Jahrhundert, und auch ihm ist ein Kapitel des Buchs gewidmet. Die längste Zeit in seiner Geschichte diente Stricken der Versorgung mit Kleidung oder als Lohnstricken dem Lebensunterhalt. Sehr interessant, was Ebba Drolshagen über die Lohn-Handstrickereien in Irland, Norwegen und auf den Shetland-Inseln erzählt. So wurden Shetlandpullover mit den typischen kleinen Einstrickmustern in moosigen Inselfarben auf einmal modern, als der britische Thronfolger Edward (später Edward VIII.) 1921 einen Shetlandpullover geschenkt bekam, ihn auf dem Golfplatz trug und sich sogar in dem Pullover malen ließ.


Ebba Drolshagen rollt die Geschichte des Strickens aber auch aus der Sicht der Strickerin auf: So zeichnet sie zum Beispiel die Geschichte von Mustern wie die des Norwegersterns, der Achtblattrose nach, schreibt über wegweisende Stricktechnikerinnen und -designerinnen wie Elizabeth Zimmerman und landet immer wieder bei der Gegenwart, den erfolgreichen Designerinnen bei ravelry, den Handfärberinnen und -spinnerinnen, den Strickwellen und -moden, den Stricktreffen und -gemeinschaften online wie offline.

Es ist klar, dass auf 250 Seiten viele dieser Geschichten nur angerissen werden können. Ich ertappte mich dabei, wie ich mir beim Lesen Notizen machte, um einige der Geschichten weiterrecherchieren zu können. Bei anderen tat ich es nicht und bedaure das jetzt, denn ich finde sie nicht wieder – wie war das zum Beispiel genau mit der Künstlerin, die eine ganze alte Strickwarenfabrik samt Lagerbestand kaufte? Das Buch hat leider kein Register, so dass es sich zum gezielten Nachlesen weniger eignet (und, dafür kann die Autorin natürlich nichts, es ist schlampig lektoriert – nach dem ersten Drittel häufen sich die Druckfehler, von Suhrkamp hätte ich ja mehr Sorgfalt erwartet). Besser also, man lässt sich von Ebba Drolshagens Plauderton und ihren unterhaltsamen Anekdoten durch die Geschichte des Strickens führen, wie es eben kommt. Das Buch ist ein Vergnügen zu lesen, sehr persönlich und teils ironisch im Ton – eine tolle Ferienlektüre, wenn man am Strand nicht nur stricken, sondern auch lesen will und noch dazu schön gestaltet mit vor (allem alten) Fotos und Illustrationen auf mattem Papier gedruckt.

Morgen am späten Nachmittag kann man im Museum europäischer Kulturen in Dahlem die Autorin erleben - im Rahmen der Ausstellung 100 Prozent Wolle liest sie um 18.00 Uhr aus ihrem Buch.

Ebba D. Drolshagen
Zwei rechts, zwei links. Geschichten vom Stricken.
suhrkamp taschenbuch 4814, Steifbroschur, 251 Seiten
ISBN: 978-3-518-46814-2
18,00 Euro 

[Das Buch wurde mir auf Vermittlung der Autorin vom Verlag als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.]

Donnerstag, 3. Mai 2018

Näh-Nachrichten (verkürzte Umzugsedition) - Neues vom Great British Sewing Bee, Louise Bourgeois, das Lillestoff-Festival, ein neues Nähmagazin und mein neues Buch

Der Schreibtisch steht wieder, und abgesehen davon, dass noch nicht alles an seinem Platz ist, bin ich wieder arbeitsfähig. Und es ist so viel passiert!



Die Nachricht, die spontan die meiste Vorfreude bei mir auslöste: The Great British Sewing Bee kommt zurück! Derzeit können sich Hobbynäherinnen und -näher für eine neue Staffel bewerben, gedreht wird im Juli, August und September, so dass man wohl im späten Herbst oder in der Vorweihnachtszeit mit der Ausstrahlung rechnen kann. Die Moderatorin Claudia Winkleman wird nicht mehr dabei sein - an ihrer Stelle übernimmt der Comedian Joe Lycett die Präsentation. Ich weiß, dass einige Zuschauerinnen aufatmen werden, denen Claudias gebrülltes "SEWERS, YOU HAVE SIXTY SECONDS LEFT!!!" sehr auf die Nerven ging - ich mochte Claudia, aber ich bin auch gespannt, wie sich die Sendung mit einer neuen Moderation verändern wird. Patrick Grant bleibt uns wohl als Juror erhalten, und vor allem freue ich mich auf Esme Young und ihren staubtrockenen Humor.

Die deutsche Sewing Bee Geschickt eingefädelt kommt nicht zurück ins Fernsehen, was hier nicht allzu viel Bedauern auslöst. Trotzdem will es Vox noch einmal mit einer Nähsendung für Guido Maria Kretschmer versuchen: "Guidos Masterclass" wurde im März und April in Berlin gedreht. Acht aufstrebende Jungdesignerinnen und -designer müssen in sechs Folgen Designaufgaben lösen, werden von Kretschmer unterstützt und anschließend bewertet. Da Kretschmer die Kandidatinnen und Kandiaten laut Pressemitteilung selbst auswählen konnte, dürfte der Flausch-Faktor hier höher liegen, als bei Geschickt eingefädelt. Vom Konzept her erinnert mich die Sendung ein wenig an Project Runway - wir werden im Herbst sehen, ob auch hier Zickereien zwischen den Kandidatinnen für das nötige Drama sorgen müssen.

Die textilen Skulpturen von Louise Bourgeois bekommt man hierzulande nur selten zu sehen. Der Kuratorin des Schinkel-Pavillons, eines privaten Kunstvereins, ist es gelungen, einige Werke aus den letzten zwei Lebensjahrzehnten Bourgeois' nach Berlin zu holen. Die Ausstellung The Empty House läuft bis zum 29. Juli, geöffnet ist Donnerstag bis Sonntag von 12-18.00 Uhr. Ich war noch nicht dort, aber ich denke, das darf man nicht verpassen! Lesenswert auch die Besprechung der Ausstellung in der Berliner Zeitung.


Das Lillestoff-Festival, ein riesiges, wirklich riesiges Wochenend-Näh-Event in Hannover-Langenhagen (über das ich hier und hier schon mal geschrieben hatte), findet dieses Jahr am 8. und 9. September statt, und ich bin wieder mit einigen Workshops dabei: Es gibt zwei Workshops zu  Oberhemden-Upcycling, jeweils einmal am Samstag und einmal am Sonntag, einen Kurs zur T-Shirt-Rettung mittels Applikationen am Samstag und ganz neu auch einen kleinen Workshop zur Stoffkunde am Sonntag, wo wir uns mit der Lupe über verschiedene Stoffarten hermachen werden - denn wer seinen Stoff kennt, kann auch vorhersagen, wie er sich verhält, wenn er ein Kleidungsstück wird.
Alle Informationen zum Festival gibt es bei Lillestoff, meine Workshops können hier gebucht werden und oben unter dem Reiter "Veranstaltungen" findet ihr weitere Informationen zu den einzelnen Workshops.


Die Firma Lillestoff ist übrigens auch unter die Zeitschriftenmacher gegangen: Das Lillestoff-Magazin No1 mit 58 Seiten enthält 12 Schnittmuster auf zwei großen Schnittbögen. Das Heft ist aus schönem, dickem Papier und sehr aufwendig gestaltet: Die Modelle werden an ganz unterschiedlichen Frauen mit tollen Fotos in Szene gesetzt, es gibt Detailfotos der Stoffe und der Schnitte und man erfährt etwas über die Designerinnen der Stoffmuster und die Ideen hinter den Entwürfen.


Die verspielten Zeichungen von Susanne Bochem - als Überschriften, Modellzeichnungen, kleine Akzente, Illustrationen für die Anleitungen - haben mir besonders gut gefallen. Die Nähanleitungen für die Modelle sind sehr ausführlich und einfach gehalten, ohne Nähchinesisch und komische Abkürzungen, so, wie man es auch jemandem erklären würde, wenn man beieinander sitzt und gemeinsam näht.

Entdeckt? Mein Buch "Stoff und Faden" ist auch mit dabei

Ein sehr gelungenes Konzept finde ich - ein Heft, das sich nicht vor der Konkurrenz aus den großen Zeitschriftenverlagen verstecken muss, und das alles wurde mit einem kleinen, hauseigenen Team auf die Beine gestellt. Beeindruckend! Im September wird das zweite Heft erscheinen, ich bin gespannt.


Ebenfalls neu erschienen ist mein neues Buch "Zauberhafte Quilt- und Patchworkideen", ein Buch mit 14 Quiltprojekten - dieses Mal wieder beim Leipziger Buchverlag für die Frau. Das Erscheinen fiel etwas ungünstig mit der heißen Phase des Umzugs zusammen, so dass ich nach dem Durchblättern meine Autor-Exemplare gleich in einer Umzugskiste verstaute, aus der sie erst jetzt wieder aufgetaucht sind.

Kurz vor dem Einsetzen der Umzugspanik habe ich es aber noch geschafft, bei Jane und Steffi, den Damen vom Frickelcast, zu Gast zu sein - die Podcastfolge mit mir findet ihr hier, da erzähle ich ein bißchen, wie es zu dem Buch kam, Jane und Steffi waren nämlich sehr gut vorbereitet und hatten sehr interessante Fragen. Beide haben auch das Buch besprochen, hier Jane alias jetztkochtsieauchnoch und hier Steffi alias Feierabendfrickeleien. Vielen Dank ihr beiden!

Zum Buch gibt es hier bald mehr, ich muss nur erst die Kisten auspacken,wo die Decken aus dem Buch verstaut sind. Bis bald!

Dienstag, 6. März 2018

Näh-Nachrichten: Perlenkunst, Jil Sander und eine Lesung

Puh, das echte Leben nimmt - in Gestalt einer neuen Wohnung, Renovierung und einem bevorstehenden Umzug - gerade etwas Überhand im Hause Nahtzugabe. Statt Stoffen streichele ich Wandfarbenmuster, anstelle von Schere und Nähmaschine habe ich mit Spachteln und Farbrollen zu tun. (Würde sich hier eigentlich jemand für Renovierungsposts interessieren?)

In der Zwischenzeit sind eine Menge Links zu nähnerdrelevanten Themen angefallen.

Ausstellungsplakat, Stadtmuseum Hornmoldhaus, Bietigheim-Bissingen


Zuallererst möchte ich euch auf eine Lesung von Susanne - Textile Geschichten aufmerksam machen. Übermorgen, am 8. März liest sie um 19.00 Uhr in Bietigheim-Bissingen im Stadtmuseum Hornmoldhaus im Begleitprogramm zur Ausstellung Macht Handarbeiten glücklich?.
Verflixt und Zugenäht – Warum ist der rote Faden rot? Dem (fast) vergessenen Wissen früherer Generationen über die Bedeutung von Sprichwörtern und Redewendungen aus dem Bereich der Textilherstellung spürt die Autorin und Bloggerin Susanne Schnatmeyer in ihrer Lesung nach.
Teilnehmerbeitrag 3 €.


Kommt zahlreich, das wird bestimmt sehr unterhaltsam!

Ausstellungsansicht „Jil Sander. Präsens“, 2017 im Museum Angewandte Kunst © Paul Warchol

In Frankfurt läuft noch bis zum 6. Mai eine hochgelobte Ausstellung der Arbeiten von Jil Sander - Jil Sander. Präsens/Jil Sander. Present Tense im Museum für Angewandte Kunst. Die Ausstellung zeigt nicht nur Sanders Modeentwürfe, sondern auch Arbeiten aus verwandten Gebieten, mit denen sie sich beschäftigte, wie der Innen- und Gartenarchitektur und der Fotografie. Küstensocke hat die Ausstellung schon besucht und schrieb hier über ihre Eindrücke - und ihre Fotos von interessanten Schnittdetails und Stoffstrukturen machen großen Appetit, sich auf den Weg nach Frankfurt zu machen. Bei Monika - Wollixundstoffix läuft im Moment ein Sewalong zum Thema Jil Sander, vielleicht möchte ja noch jemand mit einsteigen.

Textilkunst: Eine Blogleserin schickte mir den Link zu einem (englischen) Artikel über das Ubhule Art Collective, einem Zusammenschluss südafrikanischer Frauen, die phantastische, meist abstrakte Perlenbilder in einer tradtionellen Technik sticken. Vor zwei Wochen waren diese Werke in London bei einer Kunsthandwerksmesse zu sehen, dieses Jahr tourt eine Ausstellung durch die USA - uns  bleibt leider nur ein Blick auf die Webseite des Kollektivs, auf der einige Bilder zu sehen sind.

Schöne Schnitte: Auf der Seite der Initiative Handarbeit erscheinen meistens zweimal im Jahr Näh- und Strickkollektionen in Zusammenarbeit mit jungen DesignerInnen. Die Kollektionen vom Ende letzte Jahres fand ich besonders gelungen - in der genähten Kollektion gefällt mir das Kleid Pecher von Jessica Lindner besonders gut und die kurze Jacke aus robustem Köper und Samt von Katharina Gorin und Karla Rabe, die außerdem ein Latzkleid aus Jeans, Samt und Chiffon entworfen haben. Die Strickkollektion ist von Birte Manz und enthält ebenfalls einen Latzrock sowie interessante "Deckenpullover", die erst am Körper eine Pulloverform annehmen. Alle Schnitte und Anleitungen gibt es zum Download kostenlos auf der Seite.

Schöne Mode aus Berlin: Was auf der Berliner Fashionweek und den Messen drumherum an neuer Mode gezeigt wird, findet man im Blog enkeda.de und im dazugehörigen Instagramaccount @enkedafashion. Da Kerstin oft Designermode nachnäht, hat sie einen tollen Blick für nähtechnische Details, die man in der üblichen Berichterstattung nicht findet, ihre Fotos sind ein Genuss, weil sie das Wesentliche erfassen - als wäre man selbst dabeigewesen. Mein Lesetipp für die vielleicht noch kommenden ungemütlichen Früh-Frühlingsabende.

"I no longer view clothing as ornament or protection, but as communication. [...] dress speaks louder—and with more honesty—than words." Ein weiterer Lesetipp: Die Textilhistorikerin Kimberly Chrisman-Campbell schreibt über ihre Arbeit als Kuratorin von Modeausstellungen: Von der Suche nach Ausstellungsstücken über die wissenschaftliche Recherche des Kontextes, die Frage der Präsentation (Puppen mit oder ohne Kopf?) und nicht zuletzt über die Versuchung, die Ausstellungsstücke anzuprobieren.

Auch ein Verlust ist zu vermelden: "Brigitte Kreativ" hat es nicht geschafft, nach zwei Jahren wurde das Heft eingestellt. Sehr schade, mir hatte es sehr gut gefallen - aber genau das könnte der Kern des Problems gewesen sein, es erinnerte mich nämlich sehr an die mittlerweile legendären Kreativstrecken in Brigitte in den 1990er Jahren. Ich glaube, meine Nostalgiegefühle teilten viele der Heftkäuferinnen, in der Kommentardiskussion hier im Blog im Oktober 2015 über das erste Heft klang das schon an - und nur mit der Leserinnengruppe 40+ lassen sich wohl nicht genug Hefte verkaufen. Auch die Redaktionen der anderen Frauenmagazine bei Gruner+Jahr werden umgebaut, erfährt man bei Meedia, Brigitte möchte mit E-Learning-Programmen und großen Veranstaltungen zu Finanz- und Berufsthemen Geld verdienen ("Brigitte Academy"). Das DIY-Thema scheint aber noch nicht für alle Zeiten begraben zu sein: "Die Hamburger wollen in den nächsten Monaten das Konzept überdenken und möglicherweise dann einen Neustart wagen.", heißt es. 

Mittwoch, 13. Dezember 2017

1-Jahr-Buchgeburtstags-Verlosung: Die Gewinnerinnen!


Ihr Lieben, vielen Dank für die Glückwünsche und vor allem für die vielen guten Ideen zum einjährigen Stofflexikons-Geburtstag. Ich habe mir alles aufgeschrieben, der Suschna-und-Lucy-Kleinstverlag trifft sich am Freitag, und dann werden wir erste Pläne schmieden. Susanne schreibt auf "Textile Geschichten" übrigens gerade einen sehr unterhaltsamen Adventskalender rund um Textilien und Stoffe - schaut mal rein, es sind lauter kleine Häppchen, wie Plätzchen, die man zwischendurch konsumieren kann - der erste Teil ist hier und die Türchen der zweiten Woche finden sich hier.

Nun aber zu den Gewinnerinnen der drei Bücher, Herr Nahtzugabe hat sie gestern Abend ausgelost. Gewonnen haben:


Los Nummer 1: Puppilalla - die übrigens ein tolles Quiltblog schreibt.


Nummer zwei: Ana Malu - leider soweit ich sehe ohne Kontaktmöglichkeit im Google-Profil. Melde dich doch bitte mit deiner Adresse bei mir unter nahtzugabeÄTgmailPUNKTcom.


Und Buch Nummer drei geht an Nria vom Blog Mondkunst.

Ergänzung 21.12.2017:
De Gewinnerin des Buchs Nummer zwei hat sich leider nicht gemeldet, und ich habe keine Möglichkeit, mit ihr Kontakt aufzunehmen, daher gab es eine Nachziehung: 

 
Gewonnen hat @malous_potpourri bei Instagram!

Herzlichen Glückwunsch, ihr drei, viel Freude mit den Büchern! Sie machen sich dann Freitag bzw. wenn ich die Adressen habe, in ihren Beuteln auf den Weg zu euch.

Wer noch mit einer Bestellung von "Stoff und Faden" liebäugelt: Direktbestellungen bei mir über den Shop (versandkostenfrei) bitte möglichst bis zum 21. 12., dann kommt das Buch noch vor Weihnachten an. Das Buch gibt es natürlich auch im Buchladen, dort kann man es auch noch am 22. bestellen und am 23. abholen - aber auch die Buchhändlerinnen freuen sich, wenn nicht alles auf den letzten Drücker kommt. Alle Informationen zu "Stoff und Faden" und einen Blick ins Buch findet ihr hier. Die Bücher meiner Kleinstverlags-Partnerin Susanne zu Redensarten rund um Textilien und Stoff - "Verflixt und Zugenäht" und "Am Rockzipfel" findet ihr hier - auch sie bekommt man im Buchhandel oder kann sie bei Susanne direkt bestellen.