Große Hitze, wie wir sie jetzt ein paar Tage hatten, setzt manche Bekleidungsregel außer Kraft - geht euch das auch so? Was mir bei bedecktem Himmel und 20° viel zu bunt vorkommt, erscheint bei 30° plötzlich gerade angemessen. Schon letztes Jahr wollte ich mir für die ganz heißen Tage so ein luftiges Maxikleid nähen. Ich trage bei Hitze gerne lange, lockere Sachen, die nicht am Körper kleben und die sich entspannt tragen lassen, weil man nicht darauf achten muss, wie man sich hinsetzt, und in denen es sich auch auf einer Decke im Park herumlümmeln lässt.
Allerdings sehen die meisten Maxikleidschnitte Spaghettiträger vor - um die Stoffmenge des Rockteils auszugleichen? - und das trägt sich bei meiner Oberweite nicht so entspannt.
Anna von
by hand London erfüllte meine Vorstellungen, aber ehrlich: ich bin für solche teuren Schnittmuster einfach ein bißchen zu arm oder zu geizig, und dann schrieb und erzählte
Claudia ja auch noch, der Schnitt passe ihr überhaupt nicht (Stichwort: Klingonenschultern). Bei dem Bohei, das die
by hand-Gründerinnen letztes Jahr im Netz entfachten, konnte man sich ja sowieso fragen, ob diese Schnittmuster eigentlich ihren Preis wert seien, oder ob die Nähbloggerinnencommunity gerade einem klug inszenierten Hype aufsaß.
In Bielefeld unterhielten wir uns unter anderem auch darüber, und Claudia war so nett, mir den Anna-Schnitt auszuleihen. Nachdem ich am zweiten Bielefeld-Tag dann
Elkes phantastisches Anna-Kleid sah, das aber erst nach einem Probemodell und grundlegenden Änderungen so saß, wollte ich wirklich wissen, ob an dem Schnitt etwas dran ist. Sagen wir mal so: Verpackungsdesign können sie in London. Die Schnittteile wirken demgegenüber etwas banal: ein Oberteil mit vier zugesteppten Falten im Vorderteil und überschnittenen Schultern, daran ein Sechs-Bahnen-Rock.
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| Nach einem heißen Tag mit Falten vom Tragen |
Aber: ein effektvoller Schnitt muss nicht kompliziert sein. Ich nähte vorsichtshalber eine Probe des Oberteils und musste daraufhin nur ein paar Kleinigkeiten ändern, mehr dazu weiter unten. Mit Zuschneidetetris (
wer hat eigentlich dieses tolle Wort erfunden? Antwort:
Siebenhundersachen am 27. 5. 2014 um 10. 43 auf twitter) konnte ich das Kleid aus nur 2,20 m leichtem Baumwollsatin herausquetschen. Der Stoff ist an den Webkanten schwarz, daraufhin folgt eine Zone dichter Blumen in Pink, Flamingorosa und Lachsrosa mit hellgrauen Blättern, in der Mitte sind vor allem schwarze, graue und rosa Blätter auf weißem Grund.
Farbe und Muster ist ganz und gar nichts für bedeckte Tage, und auch an heißen Tagen gibt es sicher einige Möglichkeiten, seriöser auszusehen. Meine Assoziationen bewegen sich zwischen Poolparty in Miami (Cocktails!), Abba-Mottoparty und dem Neckermannkatalog von 1978. Den Anna-Schnitt finde ich prima und unkompliziert, und möglicherweise nähe ich mir noch ein kurzes Kleid mit V-Ausschnitt und/oder noch ein langes in einer seriösen Farbe.
Beim
Me made Mittwoch gibts heute jede Menge selbstgemachte Hochsommerkleidung und
Julia in einem wunderbaren, gar nicht spießigen Dirndl. In der MMM-Sommerpause wird Julia übrigens einen Dirndl-und-Tracht-Sewalong im MMM-Blog begleiten. Mich reizt die Dirndlnäherei aus handwerklichen Gründen, und ich habe schon ein paar Ideen, wie man das Dirndl berlintauglich machen könnte.
Für Interessierte jetzt noch ein paar technische Details zum
Anna dress von
by hand London:
Die Rockteile der langen Version kürzte ich um knapp 20 cm - die Schnittteile sind so lang, dass sie auch für große Frauen mit hohen Absätzen auf keinen Fall zu kurz sind. Ich hätte das Kleid gerne noch 3 cm länger gehabt, das ließ sich aus den nur 2,20 m Stoff mit Bordüre aber nicht zuschneiden. Zum Vergleich: ich bin 1,67 m groß, die Rockteile sind jetzt 100 cm lang und setzen 2-3 cm über der natürlichen Taille an und ich beabsichtige, das Kleid immer mit flachen Schuhen zu tragen.
An der vorderen und hinteren Mitte nahm ich jeweils einen kleinen Keil weg, am Vorderteil ca. 1 cm insgesamt, beim Rückenteil je 1 cm auf jeder Seite des Reißverschlusses. Am Reißverschluss hätte es sogar noch etwas mehr sein dürfen - der hintere Ausschnitt steht immer noch ein wenig ab.
In der Taille verschmälerte ich das Oberteil und das Rockteil an den Nähten und Abnähern bzw. Falten ein wenig, das hat weniger mit Eigenheiten des Schnittmusters zu tun, sondern ist meiner relativ großen Oberweite-Taille-Differenz geschuldet.
Das Oberteil ist komplett mit Futter, einem dünnen weißen Baumwollstoff verstürzt, im Blog von
by hand London gibt es
hier eine Anleitung dafür. Den Ausschnitt sicherte ich gleich nach dem Zuschneiden mit einer Stütznaht und steppte das Futter beim Verstürzen auf die Nahtzugaben
Das Rockteil ist bis etwa auf Kniehöhe mit einem dünnen weißen Futterstoff gefüttert, weil der Oberstoff in den weißen Partien transparent ist. Um möglichst wenig Rocklänge zu verlieren, säumte ich das Kleid mit einem Schrägstreifen aus schwarzem Futterstoff. (Außerdem bin ich für brutal durchgeratterte Steppsäume, wie man sie von Kaufkleidung kennt, für immer verloren. Den nach links umgeschlagenen Futterstreifen säumte ich mit der Hand an und das ist auf der Vorderseite wirklich fast unsichtbar.)