Sonntag, 7. Dezember 2014

Stoffwechsel II - Finale

Also wenn ich eine Bitte äußern dürfte: Falls wir noch einmal einen Stoffwechsel*) machen, dann lasst uns das Finale nicht auf die lichtlosesten Wochen im Jahr legen. Ich hatte schon vor einer Woche beiden geplanten Teile fertig genäht, aber der Dezemberdunkelheit Fotos abzuringen, erwies sich als schwierig. Heute Mittag passte endlich alles zusammen: ganz gutes Wetter und ein nicht erkälteter Fotograf (der beim Fotografieren in einen Hundhaufen stieg und der dann den Weg zum Rixdorfer Weihnachtsmarkt an allerlei Pfützen damit zubrachte, seinen Schuh zu säubern. Vielen Dank für diesen heldenhaften Einsatz!).

Ich hatte ja sogar zwei schöne Stoffe zugeschickt bekommen: einen leichten, dunkelblauen Wollstoff und einen wild gemusterten Viskosestoff. Für den dunkelblauen Wollstoff, der ganz meinem Beuteschema entspricht, hatte ich bei der Stoffvorstellung gleich einen Plan gefasst: ich wollte zuerst einen Bleistiftrock mit rückwärtigem Godet nähen, hatte aber übersehen, dass der geplante Burda-Schnitt für Stoff mit Elasthananteil gedacht ist, und der Stoffwechsel-Stoff überhaupt nicht elastisch ist. Etwas Schnittrecherche ergab, dass die Elastizität bei diesem Schnitt wohl tatsächlich benötigt wird, und da ich mich kenne und weiß, dass ich ein unbequemes Kleidungsstück einfach nicht anziehen würde, wollte ich kein Risiko eingehen und vertagte den Bleistiftrockschnitt auf später und auf einen anderen Stoff.

Was nun? Die Suche nach einer Alternative wurde zuerst davon bestimmt, dass ich unbedingt einen Schnitt finden wollte, der zu dem geplanten Schößchentop aus dem zweiten Stoffwechsel-Stoff passen würde - und da kam eigentlich nur ein schmaler Rock in Frage. Einen anderen schmalen Rock als den ursprünglich ausgesuchten wollte ich aber nicht nähen. Naja, nach etwas gedanklichem Hin- und Her kam ich zu dem Schluss, dass es die Sache nur unnötig kompliziert, wenn ich unbedingt so planen will, dass beide Stoffwechsel-Stücke zusammen angezogen werden können. Der Stoffwechsel-Sache wäre besser gedient, wenn ich einfach Schnitte umsetzen würde, die mir ganz grundsätzlich gefielen und die in meinen Kleiderschrank passen würden.     


Und da tauchte genau zur rechten Zeit der Me-made-Mittwoch-Gastbeitrag von Birgit auf, in dem sie entdeckte, dass die Nummer 105 aus Burdastyle 8/2014 ein sehr schöner Schnitt ist, wenn man in der Lage ist, von der kreischbunten Umsetzung im Burda-Heft zu abstrahieren. Im Prinzip handelt es sich um einen leicht ausgestellten Rock mit einem rechteckigen Ausschnitt im Vorder- und Rückenteil, in den zwei große Godets eingesetzt werden - ideal für so einen weich fallenden Wollstoff wie den Stoffwechselstoff.


Es war ein großes Vergnügen, diesen Stoff zu verarbeiten! Reine Wolle näht und bügelt sich einfach wunderbar, ich könnte auf der Stelle einen ganzen Ballen von dem Zeug wegnähen. Außerdem passte der Schnitt ohne wesentliche Änderungen. Das Futterproblem (der Schnitt sieht kein Futter vor) löste ich einfach, indem ich die Rockschnittteile an der vorderen und hinteren Mitte faltete und die Hälften aus Futter im Bruch zuschnitt. Der Futterrock ist also ein simpler ausgestellter Rock, der oben im Beleg mitgefasst wird. In den Seitennähten ließ ich 15 cm lange Schlitze offen. Die Godets haben eine schmalen, handgenähten Saum, der Saum vom eigentlichen Rock ist 4 cm breit und auch mit der Hand angenäht. Und so siehts aus:


Ich bin von dem Rock ganz begeistert, er trägt sich sehr bequem, passt zu den meisten Sachen in meinem Kleiderschrank und ich bin sicher, dass ich ihn sehr oft anziehen werde. Ein voller Erfolg, da bin ich sicher.

Das zweite Stoffwechsel-Teil aus dem gemusterten Viskosestoff ist nicht so eine sichere Bank, allerdings konnte ich es auch noch nicht so richtig eintragen, denn Strickjacken, meine bevorzugte Oberbekleidung, passen einfach nicht so gut dazu, und um so ein Schößchentop aus dünnem Stoff einzeln zu tragen, dazu ist es mir im Moment zu kalt. Daher gibt es derzeit auch kein Foto davon in freier Wildbahn - ich werde aber noch ein Küchenfoto nachliefern.  


Wie zuerst geplant, nähte ich ein Schößchentop (Nr. 113 aus Burda 8/2012) aus der gemusterten Viskose. Den Ausschnitt, der ganz eng am Hals anlag, vergrößerte und verbreiterte ich etwas. Ich weiß noch nicht, ob diese Schnittform wirklich in mein ständiges Kleiderschrankrepertoire eingehen wird - das muss wirklich der echte Tragetest ergeben - vor dem Spiegel finde ich es aber gut. Dieser fluffelige, schwingende, vorne kürzere, hinten längere Volant macht Spaß.

Hier erkennt man nicht viel, vor allem nicht, dass sich in der Mitte der Rückens ein nahtverdeckter Reißverschluss befindet. Der Musteranschluss ist mir dieses Mal ganz ungewöhnlich gut gelungen. Ob die Musterverteilung die günstigste ist, ist eine andere Frage - die großen Motive waren nicht einfach zu verteilen, und erst jetzt auf dem Foto oben sehe ich, dass ich wohl einen rosaroten Blumentuff mitten auf dem Po haben muss. Die Küchenfotos werden es zeigen.

Wer meine Stoffpatin ist, davon habe ich immer noch keine Ahnung. Bei Siebenhundertsachen haben sich ja schon die meisten Finalistinnen verlinkt, und viele Stoffpatinnen haben sich schon geoutet, so dass ich eine Strichliste anlegen könnte, um herauszufinden, wer noch übrig bleibt. Das mache ich aber besser, nachdem ich mich verlinkt habe, denn die Frist läuft gleich ab. Meiner Stoffpatin auf jeden Fall vielen Dank für die Stoffe! Mit dem Wollstoff hast du mir eine große Freude gemacht, und ich habe mir ein echtes Lieblingsteil nähen können. Der Viskosestoff war eine tolle Gelegenheit zum Experimentieren, und ich glaube, dass das Top im Frühjahr noch seinen großen Auftritt haben wird. Und nicht zuletzt Siebenhundertsachen und Lotti vielen Dank für die liebevolle Organisation des Tauschs!

*) Stoffwechsel - Für die, die erst später zugeschaltet haben: Bei der Aktion suchten die Teilnehmerinnen jeweils für eine zugeloste Partnerin Stoff aus und schickten ihn ihr zu und bekamen selbst von einer anderen Teilnehmerin Stoff geschickt. Die fertigen Werke aus den Stoffen werden jetzt vorgestellt - alle Teilnehmerinnen sind hier verlinkt, und das Geheimnis, wer wem Stoff geschickt hat, lüftet sich.

Mittwoch, 3. Dezember 2014

Schnittmusterparade November

Was gabs im vergangenen Monat Neues auf dem Schnittmustermarkt? Die Frequenz der Schnittmuster-Neuerscheinungen verlangsamte sich im Vergleich zum Oktober tatsächlich etwas - gut so, denn ich fragte mich schon, wer das denn alles kaufen soll (von nähen wollen wir erst gar nicht reden). Ein Blick auf die interessantesten Neuentdeckungen des Novembers:

Papierschnitte


Ein Kleid namens Kim von By Hand London kündigte sich schon letzten Monat an. Über die beständige Ärmellosigkeit der By-Hand-Schnitte hatte ich mich zuletzt ebenfalls schon beschwert, also lasse ich das jetzt und stelle nur fest, dass ich die schmale Tulpenrockvariante mit den abgerundeten Vorderkanten sehr mag. Eine vergleichbare Rockform finde ich sicher auch in meiner Burdasammlung - und dazu ziehe ich dann einfach ein Oberteil mit Ärmeln an!   

Bluegingerdoll entwirft Schnitte mit Retroflair, die gut in moderne Zeiten passen. Ein Jerseykleid fehlte aber noch im Angebot, deshalb gibt es jetzt das Violet dress (auch als pdf) mit zwei Ärmellängen und zwei Rockformen. Die Schulterpassen am Oberteil gefallen mir sehr: das ist doch etwas raffinierter konstruiert als der durchschnittliche Jerseykleidschnitt und bietet sich dafür an, mit verschiedenen Farben oder verschiedenen Materialien zu spielen.

Tilly Walnes von Tilly and the Buttons war 2013 Kandidatin in der ersten Staffel des Great British Sewing Bee, und obwohl sie recht früh ausschied, gelang es ihr doch, ihre Fernseh-Bekanntheit zu nutzen: sie veröffentlichte seither ein Nähbuch für Anfänger, ist mit Nähkursen gut im Geschäft und ab und zu entwirft sie ein Schnittmuster. Das neueste namens Françoise (auch als pdf) ist wieder ein kurzes, ausgestelltes Kleid, das vor allem an kleinen und zierlichen Figuren wie Tilly gut aussieht. In ihrem Blog veranstaltet sie gerade einen super-ausführlichen Sew-along für Françoise, und auch wenn der Schnitt an sich ziemlich banal ist: so eine engmaschige Schritt-für-Schritt-Nähbetreuung ist ja auch etwas wert. Wenn sich Anfängerinnen deshalb an ein Kleid trauen und so fürs Nähen gewonnen werden können, soll mir das nur recht sein. 

Was kleine Schnittmusterfirmen aus Frankreich betrifft, fehlt mir ein wenig der Überblick, oder besser gesagt: ich entdecke ständig neue und bin ganz überrascht, welche Schnitt-Vielfalt es in unserem Nachbarland gibt. Da ist zum Beispiel C'est Dimanche, eine Firma, die 2008 mit Schnitten für Kindersachen anfing und zuletzt zwei lockere Blusenschnitte herausbrachte, Denver und Osaka. Wie in Frankreich üblich gibt es ein Blog der Kundinnen, in dem genähte Modelle bewundert werden können.

Neu entdeckt - obwohl es die Marke schon lange gibt - habe ich in den letzten Wochen auch Aime comme Marie, die neben Schnittmustern auch allerlei dekoratives Schnickeldi für die Wohnung verkaufen, in Frankreich eine beliebte Kombination. Auch hier gibt es ein Kundinnen-Blog mit den umgesetzten Schnitten.


Pdf-Schnittmuster


Über République du Chiffon, ebenfalls aus Frankreich, hatte ich letzten Monat schon geschrieben - BunteKleider ist ja schon lange ein großer Fan und nähte und zeigte gleich flugs den neuesten Schnitt, die Bluse Marthe, ein weites Raglanoberteil mit angesetzter Rüsche und vorne kurzer, hinten langer Saumlinie. Ebenfalls neu, aber nur als Papierschnittmuster zu haben, ist das Kleid Annabelle, ein weites Tunikakleid mit Schulterpassen und Reißverschluss vorne. Die Kreationen der Kundinnen findet man in dem Blog R. D. C. Made by you.

Hinter True Bias steht ebenfalls eine Bloggerin, Kelli aus New York - vielleicht erinnert ihr euch, vor ein paar Monaten gab es die Hudson pant, eine Art schickere Jogginghose. Das neue Schnittmuster die Sutton Blouse ist eine lockere Bluse mit Schulterpassse und V-Ausschnitt, die zu Spielereien mit verschiedenen Stoffen einlädt. Auch zu diesem Schnitt gibt es einen Sewalong, wie er ausführlicher nicht sein sollte: Händchen halten sogar beim Bügeln.  

Und nicht zuletzt stellte sich eine neue Firma aus Neuseeland mit drei sommerlichen Schnitten vor: Pattern fantastique geht auf eine Zusammenarbeit zwischen einer Modesignerin und einem Webdesigner zurück. Die Schnitte - ein Jerseykleid, ein Webstoffkleid und eine Hose - sind auf den ersten Blick schlicht, aber mit interessanten Linien, und, was die Hose betrifft, durchaus anspruchsvoll zu nähen.


Seamwork, ein digitales Näh-Magazin

 

Auch über die rastlosen Aktivitäten von Colette patterns hatte ich letzten Monat schon sinniert, jetzt gibt es schon wieder etwas Neues: Colette gibt mit Seamwork ein monatlich erscheinendes digitales Magazin heraus. Das Magazin kann online angeschaut und gelesen werden, die dazugehörigen Schnittmuster - zu der ersten Ausgabe gehören eine weite Strickjacke und zwei einfache Taschenschnitte - bekommt man nur über ein Abonnement.

In Seamwork will Colette patterns Näh- und Designthemen vertiefter behandeln, als das im Blog möglich ist und gleichzeitig Schnittmuster anbieten, die in zwei bis drei Stunden genäht werden können. Zum Einstand gibt es unter anderen das Porträt einer Brautkleiddesignerin und ihrer Arbeitsweise, das wirklich in die Tiefe geht, Tipps zur Verarbeitung von Leder und Strickstoffen, einen Artikel über die Wollstoffe der Pendleton Mills und Vorschläge zum Besticken von Kleidung mit Schneeflockenornamenten oder mit Strasssteinen. Ich bin recht angetan von dem Konzept: die Ausgabe ist ebenso unterhaltsam wie informativ und im typischen pastelligen Colette-Design auch schön anzusehen. Die Schnitte werde ich wahrscheinlich nie im Leben kaufen, aber ich bin gespannt, wie sich das entwickelt. Vertiefte Näh-Lektüre, die nicht nur an der Oberfläche kratzt, kann es meiner Meinung nach gar nicht genug geben.  

Donnerstag, 27. November 2014

Hosen-Herbst - die erste Probehose oder: Fast so schlecht wie gekauft.

Was wurde aus meinen Hosenplänen zum Hosen-Herbst? Zur Erinnerung: FrauCrafteln hatte den Hosen-Herbst ausgerufen, als kollaborative Wissenssammlung rund um die Themen Hosenformen, Hosenschnitte, Hosenpassform, Hosenverarbeitung. Jeden Monat werden Beiträge zu einem bestimmten Thema gesammelt.

Vor ein paar Wochen nahm ich auch endlich die erste Hose seit etwa sechs oder sieben Jahren in Angriff und hatte schnell etwas aus braunem Cord produziert, das einer durchschnittlich schlecht sitzenden Kaufhose ähnelt. Ich finde das schon deprimierend: bei Röcken und zunehmend auch bei Oberteilen habe ich es im Laufe der Jahre gelernt, mit überschaubaren Änderungen gut passende und bewegungsfreundliche Teile zu produzieren, die mit Gekauftem überhaupt nicht zu vergleichen sind. Selbst genähte Röcke, Kleider, Mäntel, Oberteile sind Kaufkleidung in der Preisklasse, die ich mir leisten könnte, in jeder Hinsicht überlegen. Bei Hosen werde ich wieder auf den Anfängerstatus zurückgeworfen. Das ist hart. 

Den Schnitt hatte ich etwa 2004 von einer verhältnismäßig gut sitzenden gekauften Hose aus Cord abgenommen. Denn wenn ich mal zurückdenke: eine Liebesaffäre war das mit den Hosen und mir noch nie. Meine Hosenerfahrungen sahen immer so aus, dass ich pro Einkaufsversuch etwa 20 verschiedene anprobierte, um dann die am wenigsten schlecht sitzende zu kaufen. (Ja, "die am wenigsten schlecht sitzende". Es verbietet sich, in diesem Zusammenhang von einer "gut sitzenden" oder gar von "der am besten sitzenden" Hose zu sprechen!) Wenn die Hose an den Oberschenkeln einigermaßen passte, konnte ich vorne am Bund immer noch jemanden mit reinnehmen, es war zum Verzweifeln.

Das Nachnähen von Kaufhosen erleichterte dann eine Weile mein Leben. Allerdings machte ich schon vor ein paar Jahren die Erfahrung, dass das Material einen sehr großen Anteil daran hat, wie die Hose ausfallen wird. Die letzte, etwa vor vier Jahren aussortierte Hose mit dem hier verwendeten Schnitt war zum Beispiel aus einem Baumwollcord mit Elasthananteil genäht, der sich nach einer halben Stunde auf dem Sofa perfekt an die Körperformen anpasste. Der jetzt verwendete braune Cord ist zwar schmiegsam, aber nicht im mindesten elastisch und durch den Polyesteranteil neigt er weniger zum Ausleiern.

Nach dem Zusammennähen war die Hose also erstmal zu eng. Da das letzte überlebende Exemplar nach diesem Schnitt schon seit Jahren in textilen Recyclingkreisläufen verweilt, ließ sich nicht überprüfen, ob die Enge auch noch auf Figurveränderungen meinerseits zurückzuführen ist - ich vermute: ja. Aber, wie sagt man so schön: So lange noch Nahtzugabe da ist, ist auch noch Hoffnung da.


Ich ließ die Nahtzugaben aus, wobei die Zugabe der Vorderhose nicht ganz ausreichte, um eine senkrecht verlaufende Seitennaht zu erzielen, an einer Stelle wird sie immer noch nach vorne gezogen. Beim Ansetzen des Bundes (der zu schmal und schlecht verstärkt ist), erging ich mich in lustigem Hin- und Herändern: zu weit, immer noch zu weit, nur noch hinten zu weit, annehmbar. Nach kurzem Probetragen - der Zustand ist auf dem Foto abgebildet - ist die Hose obenrum wieder zu weit, das bleibt jetzt aber erstmal so, ich schaue mir die Passform nochmal genauer an, wenn die Hose frisch gewaschen ist. 

  
Die Passform der Rückseite entspricht ungefähr dem, was ich von einer gekauften Hose erwarten würde. Als ich die Fotos gemacht hatte, fand ich den Anblick zuerst so scheußlich, dass ich nicht sicher war, ob ich diesen Zustand wirklich hier dokumentieren wollte.

Dass ich inzwischen etwas Abstand gewonnen habe und die Falten nicht mehr so schlimm finde, liegt nicht nur an FrauCraftelns klugem Artikel und ihre Argumentation für mehr Gelassenheit und weniger Hosen-Perfektionismus, sondern auch daran, dass ich seit Wochen die Hosenpassform bei fremden Menschen auf der Straße (und bei Menschen in meiner Umgebung) begutachte. Als eine meiner Schreibtischnachbarinnen, eine sportliche Größe 36, Modedesignerin und Schnittdirectrice (also: superschlank und vom Fach) neulich den Geschirrspüler ausräumte, in einer relativ weit geschnittenen Kaufhose, die auf der Rückseite ein einziges, wüstes Faltengebirge zeigte, hatte ich ein Aha-Erlebnis. Wer bin ich, mich über meine moderaten Querfalten in der Selbstgenähten aufzuregen, wenn eine zum Perfektionismus neigende Expertin nichts dabei findet, in einem Faltengebirge unter Leute zu gehen?

Natürlich lässt sich die Passform meines Hosenschnittes noch verbessern, und darauf werde ich im Laufe der Zeit in den nächsten Versionen hinarbeiten. Ich werde zunächst die größten Änderungen auf den Schnitt übertragen, herausfinden, womit ich den Bund am besten verstärke, darauf achten, dass ich den Reißverschlussuntertritt nicht zu kurz zuschneide (ein Fehler bei dieser Hose), und mich in Trippelschnitten der Verbesserung annähern.

Perfekte Hosen werden nicht an einem Tag genäht - und wer sagt, dass es die perfekte Hose überhaupt gibt? Ich glaube nämlich, FrauCrafteln hat recht, wenn sie sich und uns fragt, ob die angebliche "perfekte Hose" nicht nur eine verklärte Erinnerung ist. Selbst bei diesem relativ stabilen Cord hier veränderte sich die Passform schon innerhalb einer halben Stunde. Was wäre also "perfekt": ein Hose, die gleich nach dem Anziehen faltenfrei passt? Eine Hose, die nach einer Stunde faltenfrei passt? Eine Hose, die im Stehen perfekt sitzt? Eine Hose, mit der ich bequem auf dem Sofa herumhängen kann? Das sind wiedersprüchliche Anforderungen, die eine einzige Hose gar nicht erfüllen könnte! Also: eine ganz gute Hose zu nähen reicht vorerst aus. Und wenn ich an die vergangenen Hosenkaufdramen zurückdenke, die in Umkleidekabinen vergeudete Zeit und den Frust, dann bin ich mit der Cordhose gut dran: so eine Hose hätte ich damals gekauft und wäre damit sehr glücklich gewesen.

Mittwoch, 19. November 2014

Mit Dakota II beim Me-made-Mittwoch


Heute bin ich mal wieder Gastgeberin beim Me-made-Mittwoch. Ich trage ein gerade fertiggestelltes Dakota-Kleid (Dakota Shawl Collar Dress) nach einem Schnitt von named clothing aus Finnland. Über die Tücken des Schnitts hatte ich hier bei der ersten Version schon geschrieben. Kurz gefasst: bei nicht-elastischem Stoff kommt man nicht ohne Reißverschluss rein, und die Ärmel sind recht eng.

Letzteres ist für mich gerade richtig und aus meiner Sicht einer der Pluspunkte des Schnitts, je nach Arm kommt das aber manchmal eben nicht hin. Beim BürofürschöneDinge, der Sachenmacherin und  BunteKleider gabs in den letzten zwei Wochen auch Versionen des Schnittes - wie man sieht, funktioniert Dakota in ganz unterschiedlichen Stoffen.


Dass die Passform außerdem je nach Material sehr unterschiedlich ausfallen kann, habe ich bei diesem Kleid auch gemerkt. Dakota I nähte ich aus einem mitteldicken Wollköper, der für seine Dicke aufgrund der Webart recht schmiegsam ist. Außerdem - das lernte ich am Sonntag bei einem Besuch in einem Webatelier hier in Berlin - sind Gewebe aus Wolle immer ein ganz klein wenig elastisch, weil die Wollfaser elastisch ist, im Gegensatz zu Stoffen aus Baumwolle oder Leinen. Das Karo-Dakota sitzt auch um einiges enger als das Wollkleid, oder zumindest ist das Tragegefühl anders.

Grundsätzlich aber scheine ich mit Dakota den für mich in jeder Lebenslage passenden, wandlungsfähigen geht-immer-Kleidschnitt gefunden zu haben (oder ist das nur eine halbbewusste Taktik, mit der ich vor mir den für mich hohen Preis des Schnittmusters rechtfertige?): ich mag den geschwungenen Saum, die Taschen sind ungeheuer praktisch, ich ziehe mich in Herbst und Winter gerne in mehreren Schichten an -  und ich hätte gerne noch ein Exemplar aus einem schönen einfarbigen Wollkrepp und eines aus fließender Viskose, die sicher wieder ganz anders ausfallen und ganz anders wirken würden. Selbstgemachte Kleider gibt es jetzt wieder beim Me-made-Mittwoch. Ich bin gespannt, ob heute wieder Dakotas dabei sind, denn der Schnitt steht bei einigen Bloggerinnen auf der Nähwunschliste.

Samstag, 15. November 2014

Wochenrückblick: Frühling im Herbst, erste Stiche am Stoffwechsel-Rock und die Handarbeitslinks der Woche

In den ersten Novembertagen hatten wir die irrsten Sonnenuntergänge und immer noch schönstes Wetter. Das setzte mich ein wenig unter Druck, so viel Zeit wie möglich draußen zu verbringen, denn graue Tage, an denen man nicht vor die Tür gehen mag, wird es noch genug geben. Für die Nachwelt muss festgehalten werden, dass man in Berlin am ersten November draußen Kaffee trinken konnte!

Den BerlinerInnen möchte ich die Fotoausstellung von Ara Güler im Willy-Brandt-Haus empfehlen. Güler fotografierte seit den 1950er Jahren immer wieder seine Heimatstadt Istanbul. In den sechziger Jahren arbeitete er für internationale Magazine, unter anderem für den Stern und brachte interessante Bilder aus allen möglichen fremden Weltgegenden mit. Beeindruckend, wie nahe er den fotografierten Menschen offenbar gekommen ist, Kindern auf der Straße im Istanbul der 1950er Jahre genauso wie Menschen in Ägypten, Japan und der Mongolei, Prominenten wie Picasso oder Maria Callas genauso wie vollkommen Unbekannten.  
(Ausstellung bis 1. 2. 2015, beachtet die Öffungszeiten und nehmt einen Ausweis mit.)


Ich kaufte den beklopptesten Stoff aller Zeiten, einen schön fallenden, schweren Viskosedruck. Auf einer Hälfte der Bahn wiederholt sich das große Einzelmotiv mit Weste, Schal, Krawatte, Manschettenknöpfen, Hut und Taschenuhr, die andere Hälfte der Stoffbahn ist mit einem passenden All-over-Muster bedruckt. Das ist ein Stoff für wahnsinnig originelle, "jugendliche" Herrenhemden - wisst ihr, was ich meine? Mir gefallen die Farben, und da sie sich grundsätzlich gut in meinen Kleiderschrank einfügen, glaube ich fest daran, dass sich eines Tages genau der passende Schnitt dafür finden und sich alles aufs Schönste zusammenfügen wird. 

Vorletztes Wochenende lud Nina wieder zum Nähkränzchen ein, eine prima Gelegenheit, mehr als eine Naht am Tag an den laufenden Projekten weiterzukommen. Ich begann den Rock aus dem Stoffwechselstoff. Zu viel will ich jetzt noch nicht verraten, nur eines: wie sich ja schon abzeichnete, entschied ich mich für einen anderen Schnitt als den zuerst geplanten Bleistiftrock, weil der Stoff keinen Elasthananteil hat und ich mich kenne: was nicht bequem ist, ziehe ich auch nicht an. Ich nähte also einen anderen Rock, einen asymmetrischen, und bin bisher sehr, sehr zufrieden. In der letzten Nähkränzchen-Stunde verstürzte ich aus lauter Begeisterung über mein Werk die obere Rockkante direkt mit dem Futter und fand dann erst zuhause beim Auspacken zwei komische Stoffstreifen in meiner Projekttüte: die Belege. Ach ja. Inzwischen ist das aber alles getrennt und vorschriftsmäßig verstürzt, es bleiben nur noch die Säume.


Handarbeitslinks der Woche

Zuletzt noch ein paar Leseempfehlungen im Netz: Österreich hat ein Frauenmuseum, in Hittisau unweit von Bregenz, Bodensee, deutscher und Schweizer Grenze. Bis Anfang Februar läuft dort noch eine Ausstellung von gestickten Spruchtüchern, Zeugen von Alltagskultur und Rollenverteilungen, die zu größten Teil schon Geschichte sind. Oder etwa doch nicht? Das kleine Haus schrieb vor zwei Wochen über ihre Eindrücke von der Ausstellung.

Die Textile Art, die große Messe für Textilkunst und Handarbeiten hier in Berlin, hat jetzt ein Onlinemagazin, oder besser gesagt: ein Blog. Auf textile-art-magazine.com wird in unregelmäßiger Folge über Ausstellungen, Künstlerinnen und Künstler, Fachliteratur und verwandte Themen berichtet.

Drapieren gehört zu den Dingen, die ich früher oder später auch einmal lernen möchte. Den Beitrag von Starcross Sewing über einen Wiener Workshop von Shingo Sato, einem Drapierexperten aus Japan, habe ich deshalb verschlungen. Und das beste: viele Tutorials von Shingo Sato sind bei youtube frei verfügbar.  

Neumon nahm das Vintage-Sonderheft von Burdastyle zum Anlass, die Mode der 1950er Jahre zu rekapitulieren. Die "echte" Mode, möchte ich fast sagen: das, was wirklich tagtäglich getragen wurde, nicht die schulterfreien Tanzkleidchen, die auch in den 50ern besonderen Anlässen vorbehalten waren.   

Nähnerd-News: Im Me-made-Mittwoch-Blog hat der Weihnachtskleid-Sewalong begonnen. Das erste Treffen zur Ideensammlung ist bereits morgen, man kann aber auch später noch jederzeit einsteigen (und bei meiner derzeitigen Unfähigkeit, zusätzliche Termine einzuhalten, wird es wohl auch für mich bestenfalls darauf hinauslaufen.)

Donnerstag, 6. November 2014

Blogtour zum Buch: C. June Barnes, Quilten in der dritten Dimension


Die meist sorgfältig gemachten Textilbücher des Schweizer Haupt-Verlags schätze ich schon lange, daher war ich sehr interessiert, als mich der Verlag anschrieb, um mir ein Rezensionsexemplar des gerade erschienen Buches „Quilten in der dritten Dimension“ von C. June Barnes anzubieten. 

C. June Barnes ist eine britische Textilkünstlerin, die nach Anfängen im klassischen Patchwork in den letzten Jahren vielfach für ihre experimentellen textilen Arbeiten ausgezeichnet wurde. Barnes erschafft dreidimensionale Skulpturen aus Stoff, die an überdimensionale Seeigel erinnern, an Samenkapseln oder Blütenkelche, an Einzeller oder an muschelverkrustete Felsen. Manchmal wachsen die organischen Formen aus einer rechteckigen Fläche heraus, das Objekt kann also wie ein herkömmlicher Quilt an die Wand gehängt werden, häufiger jedoch stehen oder schweben die Gebilde frei im Raum. Die gequilteten Flächen bearbeitet Barnes oft noch mit Farbe oder bestickt sie mit Perlen und Pailetten.


Das Buch liefert einen Einblick in die Herstellung dieser textilen Skulpturen: teils werden die Formen aus Veränderungen der Fläche oder der Oberfläche entwickelt, der Stoff wird gerafft, gefaltet, gewickelt, gestapelt oder verdreht; teils gehen die Gebilde von geometrischen Formen aus. Die vielen großformatigen Bilder eignen sich sehr gut zum Schmökern, C. June Barnes scheibt außerdem über ihre Inspirationsquellen und ihren Entwurfsprozess. In einem Galerieteil werden die Arbeiten einiger anderer Textilkünstlerinnen vorgestellt, die ebenfalls mit dreidimensionalen Formen experimentieren und andere Ansätze als Barnes verfolgen.   


Die grundlegenden Herstellungsweisen dieser Gebilde werden anhand von Zeichnungen beschrieben. Dabei gibt es meistens keine detaillierten Anleitungen, wie ein bestimmtes Objekt 1:1 nachzuarbeiten wäre, die Erklärungen verraten nur das allgemeine Vorgehen bei der Grundkonstruktion und beim Zusammensetzen - den Maßstab, das Material, die Oberflächengestaltung bleiben offen. Die Abschnitte über Materialien und Nähtechniken hätte ich mir denn auch ausführlicher gewünscht. Gerade über unübliche Materialien wie Peltex, Lamitex, Timtex sind deutschsprachige Informationen schwer zu beschaffen. Dass sich dreidimensionale Gebilde mit Hilfe von Kabelbindern oder Korsettstangen versteifen lassen, darauf wird sicher jede experimentierfreudige Quilterin selber kommen - aber wie verarbeitet man das am besten? Und was ist mit dem Woll-Viskose-Filz gemeint, der in der Waschmaschine schrumpft? Es mag sein, dass alle diese Materialien in Art-Quilt-Kreisen auch im deutschsprachigen Raum wohlbekannt sind. Um die Bezeichnung des Buchs als "Handbuch" zu rechtfertigen, hätte ich dennoch mehr Informationen erwartet, die auch Neulingen den Einstieg in dieses Gebiet ermöglichen.


Als Inspirationsquelle und als Anregung, beim Quilten über den Quiltrand hinauszublicken ist dieses Buch allerdings großartig. Das Kapitel über die so genannten D-Formen, kapselartige Gebilde, von denen ich noch nie gehört hatte, faszinierte mich besonders. So eine einfache D-Form probierte ich auch aus. Aus einer Form, die aus zwei verbundenen Kreisen besteht, zweimal zugeschnitten, lässt sich eine abgeflachte Kugel nähen - bei mir eher ein abgerundeter Quader, siehe erstes Foto.


Fazit: C. June Barnes' Buch bietet einen faszinierenden Einblick in das Atelier einer Quiltkünstlerin, die hier sicher nicht alle Tricks und Geheimnisse verrät. Ein Ideenfundus für experimentierfreudige Quilterinnen, die sich auf neue Wege führen lassen möchten und die nicht auf detaillierte Anleitungen angewiesen sind.

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Dieser Beitrag ist Teil einer vom Haupt-Verlag organisierten Blogtour. Die weiteren Beiträge der Tour erscheinen in den nächsten Tagen hier:

07.11.2014 Sunset Sewing
08.11.2014 Hans und Grete
09.11.2014 like to quiltblog
10.11.2014 Nadel Garn Tee
11.11.2014 Quiltecke 
12.11.2014 Quilt it Out

Im Blog des Haupt-Verlags läuft bis zum 15. 11. eine Verlosung des Buchs.